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Das neue Zölibat Startseite
                

1. Das Zölibat etabliert sich    
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Ein Auszug aus dem Buch. The new Celibacy (Das neue Zölibat) von Gabrielle Brown (New York: McGraw-Hill, 1989 - 1st ed. 1980)

Eine Auseinandersetzung über Liebe, Intimität und Gesundheit in einem neuen Zeitalter.

Das Zölibat bezog sich ursprünglich auf die Zeit, in der man nicht verheiratet war. Es war die Zeit, in der man als Single lebte und keine sexuellen Kontakte hatte. Ich benutze den Begriff „neues Zölibat“ in einem breiteren Sinne, um einen psychophysischen Zustand, ohne einen Bezug zum Familienstand oder zu anderen soziologischen Faktoren, zu bestimmen. Was versteht man unter diesem psychophysischem Zustand? Es ist zuallererst ein sexueller Zutand. Denn die Erfahrung lehrt uns, dass das Zölibat nicht Asexualität bedeutet. Es bedeutet nicht, keine sexuellen Gefühle mehr zu haben, obwohl das sexuelle Empfinden sich tiefgreifend verändert. Wir können vielleicht sagen, dass die Sexualität sich während des Zölibats in einem Ruhezustand befindet, in der sie sich in viele Richtungen, über die genitale Sexualität hinaus entwickelt. Unter einigen Umständen kann das Zölibat als Unterdrückung betrachtet werden, das zum Rückzug aus dem Leben und zu persönlichem Wachstum führt. Aber im allgemeinen, wenn es aus positiven Gründen gewählt wird, kann es genau die gegenteilige Wirkung besitzen, seien die Gründe sozial, spirituell oder gesundheitsbedingt.

Entsprechend dem sexuellen Jahrbuch von 1988, über das im kanadischen Maclean's Magazine berichtet wurde, gab es zwischen 1987 und 1988 eine 50 prozentige Zunahme der Menschen, die nur wenig Sexualität praktizieren und eine 25 prozentige Zunahme der Menschen, die vollkommen auf Sexualität verzichten. Gleichzeitig zeigten etwa 40 Prozent aller Menschen, trotz der allgemeinen Angst vor Aids, eine erhöhte sexuelle Aktivität. Dadurch lassen sich aber nicht die Veränderungen in den anderen Gruppen erklären. Entsprechend einer Langzeituntersuchung über das sexuelle Verhalten, die auf der Forschungsarbeit des Psychologen Srully Blotnick beruht, zeigte sich folgendes:
Die Zahl den Frauen, die sich für das Zölibat entschieden haben, hat sich in den letzten 10 Jahren vervierfacht. Von etwa 2 bis 3 Prozent stieg sie auf ungefähr 10 Prozent.

Weit weniger Frauen würden sich, Mitte der achtziger Jahre, für gelegentlichen Sex (Sex mit jemanden, den sie nicht lieben) entscheiden (28 Prozent), als dies noch in den sechsiger Jahren (43 Prozent) oder in den siebziger Jahren (37 Prozent) geschah.

1980 wurde davon ausgegangen, dass etwa 0,5 Prozent aller Männer das Zölibat praktizierten. Bis 1986 verachtfachte sich die Zahl auf etwa 4 Prozent. Heute beträgt sie etwa 8 Prozent unter heterosexuellen Männern und etwa 10 Prozent unter homosexuellen Männern.

Das Interesse an gelegentlichem Sex unter den Männern verringerte sich innerhalb von 10 Jahren auf etwa ein Drittel. Waren es in der 70er Jahren noch etwa 74 Prozent aller Männer, die gelegentlichen Sex hatten, so waren es Mitte der 80er Jahre nur noch 48 Prozent.
Sogar unter verheirateten Paaren, die keine Angst vor Krankheiten zu haben brauchen, gibt es eine bedeutende Abnahme der sexuellen Tätigkeit. Entsprechend einer kürzlich erschienen Übersicht (1986?), haben über 40 Prozent aller verheirateten Frauen nur einmal in der Woche oder noch seltener Sex. 1974 dagegen waren es nur 28 Prozent aller verheirateten Frauen.

In einer demographischen Studie, die 1.550 Antworten auswertete, wurde die Frage gestellt, was einem das größte Vergnügen, die größte Freude, bereitet. 68 Prozent aller Befragten wählten den Fernseher. 59 Prozent sahen die größte Freude darin, anderen zu helfen. 58 Prozent wählten den bezahlten Urlaub, 56 Prozent hatten an ihrem Hobby die größte Freude und 55 Prozent am Lesen. Die Sexualität lag bei 42 Prozent, fast punktgleich mit dem Essen, welches mit 41 Prozent folgte. Der Studie zufolge haben die Menschen mehr Vergnügen am Fernsehen, daran, anderen zu helfen, am Urlaub, am Lesen, an ihren Hobbies, als daran, sich sexuell zu vergnügen.

1987 berichtete das amerikanische „Center for Disease Control“ (Zentrum für Krankheits-Kontrolle), dass sich jedes Jahr etwa 12 Millionen Menschen mit sexuell übertragbaren Krankheiten anstecken. Seit 1980 gibt es einen Anstieg um 33 Prozent, um 4 Millionen Erkrankungen. Zusätzlich infizieren sich etwa 20 Millionen Menschen mit genitalem Herpes, und schätzungsweise 6 Millionen Menschen mit Chlamydia, eine ansteckende Bakterieninfektion. Chlamydien sind die häufigste Ursache für vermeidbare Erblindungen in Entwicklungsländern. In deutschen Großstädten sind bis zu zehn Prozent der jungen Frauen mit Clamydia infiziert, ohne etwas davon zu wissen. Diese unerkannten Infektion führen leicht zu weiteren Ansteckungen. Aber unter den vielen sexuell übertragenen Krankheiten, ist keine erschreckender oder verheerender als Aids. 1988 gab es, entsprechend der CDC (Center for Disease Control), in den Vereinigten Staaten über 50.000 Erwachsene, die an Aids erkrankt waren. Etwa 1,5 Millionen Amerikaner tragen das Immunschwächevirus (HIV) in sich, das schliesslich zum Aids führen kann.

In einer Zölibats-Studie, die durch das Erotikmagazin „Penthouse“ geleitet wurde, wurde berichtet, daß das Zölibat ein neues Ansehen erfährt: Fast die Hälfte der Männer und etwa 40 Prozent der Frauen sagten, dass sie aus Angst vor sexuellen Erkrankungen zölibatär leben würden. Sie sahen im Zölibat, besonders für den emotionalen und spirituellen Bereich, Vorteile. 74 Prozent der Frauen und 68 Prozent der Männer glaubten, daß sich ihre Ansichten über das andere Geschlecht, durch die Erfahrung des Zölibats, erweitert haben. Mehr als die Hälfte glaubte, dass das Zölibat eine gesunde Sache sei. Das Zölibat greift in unser soziales Leben ein, es wird Teil unserer psychischen Verfassung. Seit 1980 erkennen wir einen Trend zu weniger Sexualität, aus „Mangel an Interesse“. Die verminderte sexuelle Lust wird als Problem der psychischen Gesundheit betrachtet. In einer Studie über verheiratete Paare berichtete das „New England Journal of Medicine“ dass etwa ein Drittel der Paare, zwei- oder dreimal im Monat, oder noch weniger, Sex haben. In einer anderen Studie berichtet das „American Journal of Psychiatry“, dass ein Drittel der verheirateten Männer und Frauen im Durchschnitt für zwei Monate abstinent leben, viele davon für drei Monate oder länger.

Es wird eine wachsende nationale Tendenz zu weniger Sexualität, sowohl unter den Singles als auch unter den Verheirateten, festgestellt. Mitglieder der „American Association of Sex Educators, Counselors and Therapists“ (Amerikanische Gesellschaft für Sexual-Erzieher, Berater und Therapeuten) berichteten, dass fast die Hälfte ihrer Patienten, die mangelnde sexuelle Lust, als Hauptgrund für die Beratung, angaben. Einige Sexualtherapeuten neigen dazu, dieses mangelnde sexuelle Interesse als krankhaft zu betrachten. Andere Fachleute bemerkten, daß weder Männer noch Frauen mehr Sex wünschen oder benötigten würden. Viele seien dem sozialen Druck, sexueller zu sein, erlegen, und hätten ihre realen Wünsche, nach weniger Sexualität, dadurch unterdrückt. Nun aber betrachten sie ihren neuen zölibatären Status als einen positiven Weg. Der Konzentration auf den Sex bedeutet, daß wir ununterbrochen mit allerlei Trugbilder von sexueller Erfüllung bombardiert werden. Dieses führt, wie die Sexualforscher John Gagnon and William Simon in ihrem Buch „Sexual Conduct“ (Sexuelles Verhalten) bescheiben, zu einer übersteigerten Auffassung des sexuellen Verhaltens. Die Menschen glauben am Ende, sie seien sexueller, als sie es wirklich sind. Und sie glauben, dass sie diesem falschen Bild der Sexualität folgen sollten, da es in der Öffentlichkeit als Standard betrachtet wird.

Die Rolle der Sexualität wurde durch die Überbetonung in der Psychotherapie weiter verzerrt. Viele Therapeuten neigen dazu, ihre Patienten zu ermuntern, beim Thema Sexualität zu verweilen, möglicherweise auf Kosten anderer, dringenderer, Probleme. Ein Resultat dieser einengenden Sichtweise besteht darin, dass die Mehrheit der Leute, die professionelle Hilfe suchen, zu der Erkenntnis gelangt, dass ihre Unzufriedenheit, durch eine sexuelle Blockade verursacht sein könnte. Da der Sex häufig benutzt wird, um sich von Frustrationen zu befreien, die in anderen Bereichen aufgetreten sind, ist es nicht überraschend, dass viele Männer und Frauen zu der Ansicht gelangen, alle Arten von Frustrationen, als sexuell zu betrachten. Uns wird gelehrt, dass Sex nicht nur für die psychische Gesundheit gut ist. In gleicher Weise werden wir angeleitet, zu glauben, dass Sex für uns ebenso gut ist, wie eine gesunde Ernährung, Leibesübungen, Meditation, und andere Dinge, die die Lebensqualität und die Langlebigkeit verbessern. Es wird der trügerische Eindruck erweckt, dass man sexuell aktiv sein muss, um gesund zu bleiben. Die „use-it-ot-lose-it“ (benutz-es-oder-verlier-es) Schule der Sexualwissenschaftler, instrumentalisiert die Angst vor dem Älterwerden, um den Eindruck zu erwecken, dass die sexuelle Leistungsfähigkeit, das einzig wahre Kriterium für Jugend und Lebensqualität darstellt. In Wirklichkeit, glauben viele Kulturen, besonders östliche Kulturen, dass der Sex einen schwächenden Effekt auf die körperlichen und geistigen Fähigkeiten auf Menschen jeden Alters haben kann.

Es hat sich herausgestellt, dass Menschen weder soviel Sex brauchen, noch wünschen, wie manche Sexualwissenschaftler dies glauben. Entsprechend den Forschungsergebnissen von Gagnon and Simon, ist nachweisbar, dass die sexuelle Aktivität in Wirklichkeit kein sehr leistungsfähiger Antrieb ist. Hier scheint das Wort „Antrieb“ sogar eine Fehlbezeichnung zu sein. Sie behaupten, die Sexualität ist in Wirklichkeit ein besonderer Aspekt der menschlichen Entwicklung, in der der Triumph der soziokulturellen Entwicklung über die biologische Entwicklung, am besten gelungen sei. So wie unsere Ideen und Einstellungen sich gegenüber der Sexualität entwickeln, so entwicklelt sich auch unsere Physiologie. Sex, so ist erwiesen, ist weniger interessant für Menschen, die vielfältige Interessen entwickelt haben. Der amerikanische Psychologe und Verhaltenforscher Dr. Abraham Maslow, der als der wichtigste Gründervater der Humanistischen Psychologie gilt, fand, daß Sex kein beherrschender Gedanke innerhalb der Gruppe der Selbstverwirklichten sei. (Anmerkung: In der Bedürfnispyramide nach Maslow stellt die Gruppe der Selbstverwirklichten, die höchste menschliche Entwicklungsstufe dar.) Er berichtete, dass ein selbstverwirklichter Mensch, ohne schädliche Effekte, abstinent sein könne, weil er oder sie, diese Erfahrung als sehr angenehm und nicht als Verlust empfinden würden.

Alle sexuellen Tätigkeiten folgen einem Sinnesrausch, einer erotischen Phantasie. Um sexuell zu sein, bedarf es beim Menschen weit mehr, als des körperlichen Aktes. Es erfordert ein geistiges Beurteilen und eine emotionale Orchestrierung, die eine Situation sexuell erscheinen lässt. Brust- und Genitaluntersuchungen, sowie Mund-zu-Mund-Beatmungen, finden im allgemeinen ohne sexuelle Erregung statt, aber in einer erotischen Gemütsverfassung, werden sie im hohen Grade sexuell. Der Verstand regt, aus dem Ablauf des Geschehens heraus, die Phantasie an. Die Tatsache, dass Sexualität in erster Linie eine geistige Erfahrung ist, durch die der Körper manipuliert wird, bedeutet, dass es sinnlos ist, zu argumentieren, dass das sexuelle Sein, lediglich ein physiologischer Reflex ist. Der Wunsch, miteinander intim zu sein, ist zuerst ein sexueller Gedanke, bevor er zur Tätigkeit wird. So entscheiden sich im allgemeinen die Menschen, wenn sie sich sexuell einander nähern. In dieser Hinsicht ist Sexualität, nicht nur eine Geistestätigkeit, sondern auch eine freiwillige Tätigkeit.

Manchmal vergessen wir, daß das Sexuellsein, eine Wahl ist. Wenn wir uns sexy fühlen, denken wir, wir müssten etwas dagegen unternehmen, andernfalls würden wir dieses unkontrollierte Drängen unterdrücken, was zu Angst und Enttäuschung führen würde. In Wirklichkeit besteht aber keine Notwendigkeit, sexuell zu sein, soweit die menschliche Physiologie davon betroffen ist. Das Drängen wird höchstwahrscheinlich schon bald wieder abklingen. Anders als Hunger und Durst, und die Sehnsucht nach Geborgenheit, die wirklich notwendig sind, ist die sexuelle Befriedigung, weit weniger erforderlich, als eingebildet. Der Grund, warum die meisten von uns sich dafür entscheiden, so oft wie möglich sexuell zu sein, liegt darin, dass man uns lehrte, dass die Sexualität die Strasse zur persönlichen Erfüllung ist. Es ist eines der zerstörerischten Mythen über die Sexualität, dass es eine dauerhafte Erfüllung durch permanente sexuelle Befriedigung gibt.

Egal, wie schön der Orgasmus war, den man hatte, egal, wie schön der Orgasmus für den Partner war, die sexuelle Befriedigung bringt keine dauerhafte Erfüllung. Egal, ob jemand eine tiefe und dauerhafte Liebe in der Sexualität erfährt oder nicht, am Ende fühlt man sich nach dem Akt doch unerfüllt oder gar traurig. Es gibt eine eindeutige psychologische Beschreibung dieses Gefühls, die als „postcoitale (nach dem Koitus) Traurigkeit“ oder als „Traurigkeit nach dem Sex“ beschrieben wird. Viele Menschen glauben, dass die Sexualität der einzige Weg ist, Erfüllung zu finden. So verbringen sie Jahre, um nach dem dauerhaften Glück in der Sexualität zu suchen. Von diesem fixierten Verhaltensmuster, bleibt am Ende nur das Gefühl der Sinnlosigkeit, das nirgendwo hinführt. Früher oder später, egal wie sehr du deinen Partner liebst, wirst du davon gelangweilt sein, und du erkennst, dass die Sexualität dir nicht die Erfüllung schenkt, die du dir erhofft hast. Dieses wird nicht nach einer Woche des Geschlechtsverkehrs geschehen. Aber es kann leicht nach fünf oder zehn Jahren einer Partnerschaft auftreten. An diesem Punkt, könnte ein Paar beginnen, die Aufrichtigkeit der Beziehung zu hinterfragen. Sie könnten sich fragen, ob sie sich noch wirklich lieben.

Dies ist ein normales Geschehen in einer Ehe, aber leider ein großes und tragisches Mißverständnis. Wenn die Eheleute nämlich die sexuelle Aktivität, als den Schlüssel für eine erfolgreiche Beziehung betrachten, so haben sie nun selber erfahren, dass dies nicht der Fall ist. In Wirklichkeit können sie über die Notwendigkeit der sexuellen Befriedigung, über das sexuelle Niveau, hinauswachsen. Dies ist vielleicht der richtige Moment, die Ehe auf eine völlig neue Basis zu stellen. Künstler, Geschäftsleute, Wissenschaftler, Autoren, Menschen, die kreativ sind, die meditieren, die religiös sind, Kinder, und viele andere Menschen, haben von ihren spirituellen Erfahrungen berichtet, die unter ganz normalen Umständen stattfinden. Diese Momente der Erhabenheit, können in der Tat auch während der Sexualität auftreten. Aber wir erweisen uns und unserer/unserem Geliebten einen Bärendienst, wenn wir fortfahren, die spirituellen Erfahrungen unendlich im sexuellen Bereich zu suchen. Anstatt unser Denken auf die Schätze der Erde zu richten, deren Gipfelpunkt die Sexualität ist, sollten wir unserer Hauptaugenmerk auf unsere spirituelle Entwicklung richten, die einzige Erfahrung, die uns wirkliche Zufriedenheit bescheren kann. Wenn wir so verfahren, dann erreichen wir die Erfüllung, nach der wir uns so lange gesehnt haben.

Irgendwann wird uns vielleicht bewusst, dass wir durch den Sex eigentlich etwas ganz anderes als Sex suchen. Nun könnten wir uns entscheiden, unsere Aufmerksamkeit vollkommen von der Sexualität zu lösen, um zu erforschen, was sonst noch vorhanden ist. Diese Verschiebung der Aufmerksamkeit, geschieht normalerweise dann, wenn eine zunehmende Befriedigung durch andere Erfahrungen eintritt. Dies kann durch die Entwicklung der Liebesfähigkeit, durch die Entwicklung der Kreativität oder durch den Erfolg in irgendeiner anderen Tätigkeit geschehen. Während man innerlich wächst, macht man zwangsläufig die Erfahrung der tiefgründigen Freude, die vielen Aspekten des Lebens innewohnt. Wenn man der Sexualität nicht mehr so viel Bedeutung beimisst, verliert man sie langsam aus dem Blickfeld. Der Hauptgrund, warum Menschen eines Tages das Zölibat in ihr Leben integrieren, liegt darin, weil sie etwas anderes, als die Sexualität, von ihrer eigenen Natur, erfahren und ausdrücken möchten. Es kann als Wunsch nach etwas Dauerhaftem, etwas Ewigem, betrachtet werden. Wenn das Individuum beginnt, sich diese erfülltere Art des Selbstausdrucks zu wünschen, muss alles Bisherige, im Lichte dieses neuen Wunsches, neu bewertet werden.

Das Zölibat ist ein Zustand des Lebens, der nur den Menschen bekannt ist. Die Tatsache, dass man sich für das Zölibat entscheiden kann, wenn man dies möchte, ist ein Hinweis, über die Zunahme der Freiheit, die nur der Mensch besitzt. Das natürliche Leben hat sich aus den festgelegten sexuellen Erfahrungen, der niederen Tierarten heraus, zu einem Zustand der möglichen Sexualität, entwickelt, wobei der Mensch frei ist, zu entscheiden, ob er sexuell sein möchte oder nicht. Dieses Buch ist hauptsächlich an die adressiert, die das Zölibat als eine positive Lebenserfahrung gewählt haben, obwohl sie nicht notwendigerweise ein lebenslanges Zölibat anstreben. Zwei Hauptkategorien des Zölibats sollten unterschieden werden. Die eine entspricht dem Zölibat, welches frei gewählt wurde, die andere entspricht dem Zölibat, das durch Unterdrückung und aus Angst vor der Sexualität, geschieht.

Das meiste des traditionellen Wissens über das Zölibat, stammt aus der spirituellen Gruppe von Männern und Frauen, die ihr Leben vollkommen dem zölibatären Leben verschrieben haben, um höhere spirituelle Ziele zu verwirklichen. Häufig waren es sehr religiöse Menschen. In verschiedenen Religionen und auf einigen spirituellen Wegen, wählte ein Mensch ein lebenslanges Zölibat, um seine Aufmerksamkeit, seine Erfahrung, sein Wissen und seine Hingabe, vollkommen auf Gott zu richten. Die Reinheit und Würde solch einer tiefen persönlichen Verpflichtung gegenüber Gott, diente in den verschiedenen Traditionen des religiösen Zölibats, oft dazu, die Gesellschaft zu einem höheren Bewusstsein, zu inspirieren. Selbst Sigmund Freud, der es scheinbar nicht unterlassen konnte, selbst einen sexuell unterdrückten Felsen zu untersuchen, gab zu, dass viele Menschen, die ein lebenslanges Zölibat praktizierten, über die normalen sexuellen Wünsche und Bedürfnisse hinausgewachsen sind. Er schrieb: „Was diese Menschen, in sich selbst, auf diese Weise hervorbringen, ist ein Zustand des gleichmäßigen, unerschütterlichen und liebevollen Gefühls, das nur wenig Ähnlichkeit mit der stürmischen Leidenschaft der sexuellen Liebe hat.“ Jedoch erzielten nicht alle Menschen, die im Namen der Religion zölibatär lebten, solche positiven spirituellen Resultate. (Anmerkung: Solche Resultate sind allerdings auch ohne religiöse Orientierung möglich.)

Menschen, die ein lebenslanges Zölibat praktizieren, sind normalerweise Individualisten, die physisch, geistig und sozial, unabhängig sind, und die keiner anderen Menschen bedürfen, um glücklich zu sein, obwohl sie anderen gerne behilflich sind. Es gibt aber auch eine andere Dimension des zölibatären Lebens, das als weltliches Zölibat betrachtet werden kann. Es beinhaltet einige Aspekte des religiösen Zölibats und einige Aspekte des täglichen Soziallebens. Der wichtigste Grund, das Zölibat seiner Wahl zu praktizieren, liegt darin, dass wir erkennen, was wir sein möchten. Ebenso, wie man sich entscheiden kann, sexuell zu sein, kann man sich entscheiden, enthaltsam zu sein, für eine Woche oder zwei, für einen Monat, für ein Jahr oder für viele Jahre. Wie weisst du, wann es eine gute Zeit für dich sein könnte, ein Zölibat zu beachten? Ein Möglichkeit besteht dann, wenn der Wunsch nach Sexualität nachlässt. Wenn deine Aufmerksamkeit nicht auf die Sexualität gerichtet ist, ist es einfach, das Zölibat zu praktizieren. Wenn du aber andererseits immer an die Sexualität denkst und dein Leben voller sexueller Phantasien ist, dann ist es vielleicht nicht die richtige Zeit für ein Zölibat.

Anmerkung richtige Zeit:

In diesem Punkt denke ich genau entgegengesetzt. Gerade dann, sollte man das Zölibat praktizieren, wenn man nichts als Sex im Kopf hat. Wie die Folgen eines solchen Denkens und Handeln aussehen, kann sich jeder selber ausmalen. Es ist ein Weg, der zwangsläufig ins Leid führt. Aber trotz des erlittenen Leides ist die sexuelle Verhaftung in der Regel stärker, und die betreffende Person, wird weder die Kraft, noch die Einsicht haben, sich von ihrer sexuellen Verhaftung zu lösen. Der Schritt zum Zölibat, beruht einzig und allein auf einem entwickelten Bewusstsein. Dieses Bewusstsein ist in der Regel eng mit dem Leid verbunden, welches durch eine praktizierte Sexualität entsteht. Um so stärker man sich zur Sexualität hingezogen fühlt, um so stärker ist normalerweise auch die sexuelle Aktivität und das dadurch entstandene Leid. Viele Menschen verdrängen dieses Leid allerdings über viele Jahre oder Jahrzehnte, die meisten gar ein Leben lang, weil sie niemals ein Bewusstsein entwickeln, dass sie in höhere spirituelle Ebenen führt. Wenn das sexuelle Begehren dagegen abnimmt, braucht man sich eigentlich nicht speziell um das Zölibat bemühen. Es stellt sich, nach einer gewissen Zeit, von selber ein.

Ende Anmerkung

Es ist angenehmer nicht-sexuell, als sexuell zu sein. Dies ist eine natürliche Art des Zölibats. Die sexuellen Phantasien verschwinden langsam, wenn man sich für das Zölibat entscheidet. Die Aufmerksamkeit wendet sich dann anderen Quellen der Lebensfreude zu. Praktiziert jemand rein physisches Zölibat, denkt aber immer noch an Sexualität und ist voller sexueller Phantasien, dann kann das Zölibat nicht als natürlich empfunden werden. Zölibatäre Leute berichten, dass es zunehmend leichter fällt, zölibatär zu leben, um so länger man zolibatär lebt. Andererseits gibt es keinen Beweis dafür, dass die Fähigkeit, Sex zu haben, darunter leiden würde. Ganz das Gegenteil ist der Fall. Kürzere Perioden der Enthaltsamkeit, könnten die beste Heilung bei sexuellen Problemen, wie etwa bei Impotenz, sein. Was dabei allerdings verloren gehen könnte, ist der Wunsch nach Sexualität (der bei der Impotenz in der Regel vorhanden ist, aber mangels Errektionsschwierigkeiten nicht praktiziert werden kann). Entschließt sich jemand enthaltsam zu leben, dann verliert er nicht sofort alle sexuellen Wünsche, aber er verliert nach und nach den Wunsch, alle sexuellen Wünsche ausleben zu wollen. In unserer Kultur, wird die Möglichkeit, den Wunsch nach Sexualität, zu verlieren, mit einem stillen Tod gleichgesetzt. Aber die Natur ist viel gutmütiger geartet. Enthaltsam lebende Leute sagen, dass dann, wenn die sexuellen Wünsche entfallen sind, sie dem Wunsch nach anderen, viel wichtigeren Erfahrungen, Platz machen.

Für einige Menschen bedeutet, das Zölibat zu praktizieren, Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen. Die Realisierung des Zölibats kann dadurch zustande gekommen sein, dass sie die Sexualität nicht als so erfreulich empfanden, wie sie es sich wünschten, aber dennoch irgendwelche sexuellen Aktivitäten praktizierten. Wenn die Sexualität als unbefriedigend erfahren wird, man sie aber trotzdem weiterhin praktiziert, dann wird sie als etwas Unnatürliches empfunden. Das bedeutet, dass die Sexualität zu dieser Zeit als unpassendes Mittel des individuellen Ausdrucks angesehen wird. Die tieferen Ebenen der Gefühle, die tieferen Ebenen der Zärtlichkeit und Intimität, können leicht durch die Sexualität verloren gehen, weil die sexuelle Aktivität so beherrschend ist und dazu tendiert, dass die Liebe sich am Ende in der Sexualität verliert. Du magst dich danach sehnen, diese tieferen Ebenen, zu deinem Partner Ausdruck zu verleihen, aber am Ende kommt dann doch nur das Sexuelle zum Ausdruck. Es kann sich sowohl das Individuum als auch ein Paar jederzeit für das Zölibat entscheiden. Es muss nicht unbedingt sofort für eine längere Periode der Enthaltsamkeit sein. Vielleicht sind anfangs nur eine oder zwei Wochen angebracht. Das Zölibat ist ein Weg, um mit den bisher geltenden Regeln zu brechen, alte Verhaltensmuster aufzulösen. Es ermöglicht einem, sich von der Sexualität zu befreien, um die Freuden des Lebens auch ohne Sexualität neu zu bewerten und zu erfahren.

2. Das alte Zölibat      Top

Im Leben der religiösen Menschen, wird das Zölibat als eine spirituelle Disziplin betrachtet, als eine Übung, die dem spirituellen Sucher, spirituelles Wachstum ermöglicht. Das Zölibat bietet für den religiösen Menschen einen Weg, der seine Aufmerksamkeit vollkommen auf die Suche und Erfahrung Gottes lenkt. Von allen vergangenen und gegenwärtigen Weltreligionen, ist das Zölibat am meisten in den östlichen Weltreligionen, besonders im Hinduismus, verbreitet. Da man aber nicht unbedingt ein Priester sein muss, um ein religiöses Leben innerhalb des Hinduismus zu führen, muss man ebenfalls kein Priester sein, um das Zölibat zu praktizieren. Die Männer und Frauen, die Anhänger des Zölibats, egal ob Priester oder nicht, sind die Sadhus, die Mönche, der verschiedenen hinduistischen Orden.

In der 5.000 Jahre alten hinduistischen Tradition, besteht das ideale spirituelle Leben aus 4 Lebensstadien (Das Konzept der 4 Lebensstadien), die vier Entwicklungsstufen, die das menschliche Wachstums repräsentieren. Es beginnt mit dem Brahmacharya, dem Zölibat, dem Lebensstadium des Schülers. Im Alter von etwa 10 Jahren beginnt der Bramachari mit der spirituellen Ausbildung, wobei sein zölibatärer Status ihm als Basis für sein wachsendes Bewusstsein dient. Er studiert, normalerweise bei einem Meister (Guru), wobei er in den nächsten 12 Jahren das Zölibat weiterhin aufrecht erhält. Diesem Lebensabschnitt folgt normalerweise der zweite Lebensabschnitt, der Lebensabschnitt des verheirateten Mannes, des Familienvaters. Aber nicht alle Männer heiraten im zweiten Lebensabschnitt. Einige entscheiden sich, Mönche zu werden und halten das Zölibat ein Leben lang aufrecht. Aber die meisten Männer heiraten und gründen eine Familie. Beide Wege, sowohl der Weg des Mönches, als auch der Weg des Ehemannes, werden im Hinduismus respektiert.

Von denen, die geheiratet haben (die Familienväter beachten normalerweise ebenfalls das Brahmacharya, Sexualität nur zur Zeugung des Nachwuchses), fahren einige Familienväter nach der Ehe mit der spirituellen Hingabe fort und beschließen, ihre religiöse Hingabe im dritten Lebensstadium, dem Lebensstadium des Vanaprastha (siehe Anmerkung), um sich auf ein Leben als religiöser Einsiedler vorzubereiten. Einige verheiratete Paare gehen zusammen in den Wald oder in die Berge (Himalaya). Im dritten Lebensstadium ist das Zölibat selbstverständlich. (Anmerkung: Aber es dürfte den meisten Eheleuten ohnehin nicht weiter schwer fallen, weil die meisten hinduistischen Eheleute in der Regel ohnehin in der Ehe das Brahmacharya, das Zölibat, beachtet haben.) Es ist eine Zeit, von der sich der/die Vanaprashta von seinem/ihrem weltlichen Besitz und von den familiären Verpflichtungen trennt, um in den vierten Lebensabschnitt, dem Abschnitt des Sannyasa, (Einsiedler/Mönch) überzuwechseln.

Anmerkung Vanaprashta

Das dritte Lebensstadium, Vanaprastha, folgt etwa ab 50, 60 Jahren bis etwa 75. Lebensjahr. Es ist ein langsames Eintreten in den Ruhestand. Dieser Übergang findet allmählich statt, nicht abrupt wie im Westen, wo man bis 60 oder 65 seinen Acht-Stunden-Tag hat und danach von einem Tag auf den anderen nichts mehr, was für viele Menschen eine schwierige Umstellung ist. Klassischerweise zieht man sich im Vanaprastha langsam aus dem Beruf zurück, übergibt das Geschäft oder den Hof an die Kinder oder die Nachfolger. Und man löst sich langsam körperlich und emotionell aus der Partnerschaft, um sich später ganz zu trennen und so im hohen Alter in den vierten Lebensabschnitt, dem Sannyas, der vollkommenen Entsagung, einzutreten.

Ende Anmerkung

Ein Sannyasin lebt normalerweise vollkommen allein oder in einer Mönchsgemeinschaft. Er hat alle familiären Verbindungen, sowie alle Verbindungen zu anderen Menschen (Freunde, Bekannte, Verwandte) abgelegt und sich von weltlichem Besitz gelöst. Der Sannyasin genießt die Ruhe der Meditation und strebt nach der Reinheit seines spirituellen Bewusstseins. In der östlichen Tradition, ist das Zölibat eine Disziplin, um Erleuchtung zu erlangen, wobei die physische, die geistige und die emotionale Energie, des Körpers, des Geistes und der Sinne, auf die höheren spirituellen Ebenen (auf Gott) ausgerichtet sind.

Anmerkung Sannyasa

In jeder Religion gibt es Einsiedler, die in Zurückgezogenheit und Meditation leben. Es gibt Bhikkus (Mönche) im Buddhismus, Fakire im Islam, Fakire im Sufismus und Patres und Pfarrer im Christentum. Die Großartigkeit einer Religion geht vollkommen verloren, wenn man die Eremiten (Einsiedler) oder Sannyasins wegnimmt, oder diejenigen, die ein Leben der Entsagung und Kontemplation über das Göttliche leben. Diese Menschen erhalten die Religion und bewahren die Weltreligionen. Diese Menschen bringen den Hausvätern Trost, wenn sie in Schwierigkeiten und Verzweiflung sind. Sie geben den Verzweifelten Hoffnung, den Niedergeschlagenen Freude, den Schwachen Kraft und den Furchtsamen Mut, indem sie das Wissen der Vedanta (heiligen Schriften) lehren.

Sannyasins leben von ein paar Stücken Brot und dafür gehen sie von Tür zu Tür und verbreiten überall im Land die erhabene Vedantalehre und die erhabene Philosophie der Verwirklichung Brahmans (Gottes). Die Welt schuldet ihnen großen Dank. Wer kann ihnen diese Schulden vergüten ? Ihre Schriften führen uns noch immer. Lies einige Shlokas (altindische Verse) der Avadhuta Gita (heilige Schrift, hinduistische Bibel). Du wirst dich sofort in die wunderbaren Höhen göttlichen Glanzes und göttlicher Herrlichkeit erhoben fühlen. Du wirst ein anderer Mensch sein. Niedergeschlagenheit, Schwäche, Ängste und Kummer verschwinden sofort.

Ein wirklicher Sannyasin ist der einzig mächtige Herrscher dieser Erde. Er nimmt nie etwas. Er gibt immer. Nur Sannyasins vollbrachten in der Vergangenheit wunderbare Taten. Nur Sannyasins können in der Gegenwart und auch in der Zukunft Wunder wirken. Ramakrishna Paramahamsa, Rama Tirtha, Dayananda und Vivekananda verbreiteten die erhabene Lehre der Schriften und hielten die Hindureligion am Leben. Nur die Kühnheit der Sannyasins, die alle Bindungen und Beziehungen gelöst haben, furchtlos sind und frei von Täuschung, Leidenschaft und Selbstsucht, können der Welt wirklich dienen. Nur ein Sannyasin kann wirklich Loka Sangraha (selbstlosen Dienst) tun, denn er hat göttliches Wissen und widmet seine ganze Zeit! Ein einziger wirklicher Sannyasin kann das Schicksal der ganzen Welt verändern! Ein einziger mächtiger Shankara (Philosoph) errichtete die Lehre der Adwaita Philosophie. Er lebt in unseren Herzen weiter. Sein Name kann nie verlöschen, solange die Welt besteht.

So wie es in Wissenschaft, Psychologie, Biologie und Philosophie Forscher und Wissenschaftler gibt, so sollte es auch Forscher und Wissenschaftler bei den Yogis und Sannyasins geben, die ihre Zeit dem Studium und der Meditation widmen, der Forschung über den Atman (Seele). Diese wissenschaftlich tätigen Yogis geben der Welt ihre Erfahrungen und Erkenntnisse auf dem Gebiet der Religion. Sie bilden Schüler aus und schicken sie in die Welt, um zu predigen. Es ist die Pflicht von Hausvätern, Zamindars (reicher Großgrundbesitzer) und der Verwaltung, für die Bedürfnisse dieser Sannyasins zu sorgen. Dafür sorgen diese Sannyasins für ihre Seelen. So wird sich das Rad der Welt ungehindert drehen. Es wird Frieden im Land herrschen.

Ende Anmerkung

Im allgemeinen wird der Sex in der östlichen Philosophie, als eine Vergeudung sexueller Energien, das Brahmacharya (Zölibat) dagegen als eine Bewahrung sexueller Energien betrachtet. Übermässiges sexuelles Interesse, gilt zwar nicht als eine Sünde, wird aber als eine menschliche Schwäche betrachtet, die notwendigerweise zur Vergeudung der geistigen und physischen Energien führt, während das Zölibat, die Erhaltung der Energie und damit geistige und physische Stärke repräsentiert. Um sich dem Zölibat zuzuwenden, muss man sich von der Sexualität abwenden.

3. Zölibat und das Wachstum des Bewusstsein     Top

Entschließt man sich zum Zölibat, so kann dies wie andere natürliche Ereignisse, gewissermaßen wie von selber eintreten, in Übereinstimmung mit bestimmten sozialen, emotionalen und spirituellen Erfordernissen, Bedürfnissen und Wünschen und mit einer entsprechenden Verminderung der sexuellen Lust. Diese Beschreibung der zölibatären Erfahrung, ist die Kernaussage fast aller Diskussionen, die man mit Menschen hat, die selber das Zölibat praktizieren. (Anmerkung: An dieser Aussage habe ich so meine Zweifel. Ich kann mir vorstellen, dass dies auf Frauen, die sich zum Zölibat entschlossen haben, sehr wohl zutreffen kann. Bei Männern hingegen, kann ich es mir sehr schlecht vorstellen, dass der Wunsch nach Sexualität, wie aus heiterem Himmel verschwindet. Sicherlich gibt es einige wenige Männer, bei denen dies geschieht, die haben dann, so würde ich vermuten, aber bereits zuvor, schon mehr oder weniger enthaltsam gelebt.) Wenn die Möglichkeit des Zölibats, für einige Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt natürlich ist, dann muss es irgendeinen Aspekt in der menschlichen Entwicklung geben, der diese Erfahrung ermöglicht.

Das Zölibat außerhalb der Religion, ist eine neue Entwicklung unserer Gesellschaft. Es erscheint in einem Zeitalter, das zunehmend den Schwerpunkt auf Selbstverwirklichung, die Entwicklung der spirituellen Grenzen, die Ganzheit des Lebens und das innere Erstarken der Gesellschaft, anstrebt. Der Schwerpunkt ist immer stärker auf eine neue Weise der Beziehung zu anderen Menschen gerichtet. Neue Wege der zwischenmenschlichen Beziehung, die Menschen über die gewöhnlichen Erfahrungen der täglichen Routine hinausträgt, sollen erkundet werden. Während persönliche Ziele sich in Übereinstimmung mit der inneren Entwicklung verändern, verändert sich ebenfalls die Einstellung zur Sexualität. Dr. June Singer schrieb dazu: „Evolutionäres Bewusstsein kündigt das neue Zeitalter an. Wir werden uns bewusst, wie sehr wir unsere Sexualität steuern können und was das für Folgen für unser Leben hat.“ Sie fährt weiter fort: „Die neue Ära, in die wir eintreten, erfordert eine Verschiebung der persönlichen Sichtweise, hin zu einer transpersonalen Sichtweise (siehe Anmerkung: Transpersonale Psychologie), eine Verschiebung von der egozentrischen Position (sich selbst in den Mittelpunkt stellen, damit einhergehend, eine übertriebene Selbstbezogenheit), hin zu einer universalen Orientierung.“

Anmerkung: Transpersonale Psychologie

Die Transpersonale Psychologie und die darauf aufbauende Transpersonale Psychotherapie erweitern die klassische Psychologie und Psychotherapie um philosophische, religiöse und spirituelle Aspekte. Die Transpersonale Psychologie untersucht Bewusstseinszustände „jenseits“ (trans) der personalen Erfahrung: Bewusstsein, Mysterium, Übersinnliches, Bewusstseinserweiterung, Irrationales, Transzendenz, Spiritualität, Religion, etc.. In der Transpersonalen Psychotherapie werden neben Elementen verschiedener humanistischer Therapieverfahren vor allem meditative und hypnotische Techniken sowie Methoden der Körpertherapie (Lauftherapie, Rolfing, Rebalancing, Polarity oder Rebirthing. Diese Techniken werden zum Teil ergänzt durch Anleihen aus der Gestalttherapie (Anpassungsprozess des Organismus/der Psyche an die Umwelt) nach Fritz Perls, dem Voice Dialogue (Dialog mit der „inneren Stimme“), der Arbeit mit dem „inneren Kind“, sowie Meditation.), der initiatischen Therapie von Graf Dürckheim (es geht darum, Verspannungen und Blockaden abzubauen), psycholytische Psychotherapie (die psycholytische Psychotherapie nutzt psychoaktive Substanzen, wie LSD, Ecstasy, Psilocybin, Meskalin, Ketamin und andere psychoaktive Drogen als Werkzeug), schamanische Techniken und andere spirituelle Techniken eingesetzt. Dadurch sollen bewusstseinserweiternde Erfahrungen möglich werden, die sich dann auf das Leben des Menschen nachhaltig auswirken. In der klassischen Psychologie wird die Transpersonale Psychologie oft aufgrund dieser Kombination spiritueller und psychologischer Konzepte kritisch gesehen.

In einer Untersuchung über die sexuelle Enthaltsamkeit Anfang der 50er Jahre, stellte der amerikanische Sexualforscher Alfred Kinsey fest, dass Abstinenz für ein paar Tage oder eine Woche, bei Männern unter 30 nichts außergewöhnliches ist. Aber nur 11 Prozent gaben an, sich länger als zwei Wochen zu enthalten, und nur 3 Prozent waren 10 Wochen oder länger abstinent. Kinsey beobachtete ferner, dass die meisten Männer, die er befragte, sich geniert hätten, einen Mangel an sexueller Betätigung zuzugeben, weil der gesellschaftliche Druck, sexuell aktiv zu sein, zu groß war. Er war sich daher nicht sicher, ob seine Zahlen stimmten. In ihrem Buch „The virile man“ (Der männliche Mann) beurteilten der Urologe Dr. Sheldom Fellman und Paul Neimark den Verzicht auf die Ehe für einige Männer als äußerst erfreuliche Alternative. Dr. Fellman fand heraus, dass etwa jeder 30. oder 40. Mann (2 bis 3 Prozent) mit Sexualität nichts zu tun hat. Dabei handelt es sich häufig um Männer, die ihre ganze Energie, der Arbeit widmen.

Isaac Newton, Immanuel Kant, William Pitt (1766, Premierminister in Grossbritanien), Martin Luther, Beethoven, Sigmund Freud, Anthelme Brillat-Savarin (1755, französischer Philosoph, Schriftsteller und Richter), George Bernhard Shaw, Henry David Thoreau (amerikanischer Philosoph und Schriftsteller), und Alfred Hitchcock, sind einige der bekannten Männer, die ihr ganzes Leben, oder einen Teil davon ehelos blieben. Ohne Frage hat es viele erfolgreiche weltliche Zölibatäre gegeben, die nicht zwangsläufig ihr gesellschaftliches Leben oder gar die Ehe aufgaben, um sich der Sexualität zu enthalten. Höchstwahrscheinlich ist das Zölibat für den Mann annehmbarer geworden, indem immer mehr Männer seine Nützlichkeit für ihr Leben entdecken. Diese Nützlichkeit reicht von einer Kur bei Impotenz bis zum Wunsch, seine gesamte sexuelle Energie auf ein geistiges Leben zu konzentrieren.

Die Enthaltsamkeit als Mittel gegen Impotenz, ist seit Jahrhunderten bekannt. In seinen Schriften zur männlichen Sexualität pries der jüdische Arzt und Philosoph des Mittelalters Maimonides die Ehelosigkeit als notwendiges Mittel gegen die Impotenz, für die er eine Reihe von Ursachen nannte, unter anderem sexuelle Erschöpfung. Heute empfehlen viele Ärzte und Therapeuten die Enthaltsamkeit für Männer, um den mit der Sexualität verbundenen Streß und den Druck zu mildern, auf bestimmte Arten zu funktionieren. Die Enthaltsamkeit soll den impotenten Mann „zentrieren“, indem sie ihm ermöglicht, in sich zu bleiben, zu ruhen, die Kräfte neu zu ordnen und die blockierte Energie in andere Kanäle zu lenken. Betrachten wir es, wie es ist. Bestimmt ist es um einiges interessanter, sexuell enthaltsam zu leben, als impotent.

Möglicherweise existiert eine Neigung, eine Verbindung zwischen der „neuen Impotenz" und dem „neuen Zölibat“ herzustellen, aber sie sind völlig verschieden. Das Zölibat ist das genaue Gegenteil von der Impotenz. Ein impotenter Mann möchte sexuelle aktiv werden, kann es aber nicht. Der zölibatäre Mann, kann sexuell aktiv werden, möchte es aber nicht. Man kann das Zölibat in der Tat als Quelle höchster Potenz betrachten. Die 1897 in Budapest geborene Yogalehrerin Elisabeth Haich (Sexualität und Yoga) schildert die erleuchteten Zölibatäre, deren Energie auf andere als auf sexuelle Ziele gelenkt worden sind. Auf dieser höheren Energiestufe, sagt sie, lebt der Körper viel intensiver und hat weit mehr Kraft, als der eines Mannes, der sich noch in den Klauen der Sexualität befindet und lebensspendende Energie vergeudet. Im übrigen betont sie mit Nachdruck, dass diese erleuchteten Männer nicht impotent wurden, auch wenn das von Unwissenden immer wieder behauptet wurde.

4. Einige Überlegungen über die heutige Jugend     Top

Schauen wir uns einmal die Kinder und Jugendlichen aus der heutigen Zeit an. Sie wachsen mit dem Bewusstsein auf, dass Liebe und Sexualität identisch sind. Bereits im Alter von 12 Jahren, sind die meisten dieser Kinder vollkommen mit der Sexualität infiziert. Zum Erwachsensein gehört die Sexualität dazu. Und da man besonders gerne im Kindesalter Erwachsen sein möchte, möchte man selbstverständlich auch alle Attribute und Freiheiten der Erwachsenen besitzen. Dazu gehört das Rauchen, der Alkohol und natürlich die Sexualität. Was tun also die Kinder, Jugendlichen, wenn sie zeigen wollen, dass sie eigentlich schon erwachsen sind? Sie brechen die Tabus, die Regeln, die ihre Eltern ihnen setzen. Es beginnt mit den Zigaretten und endet mit der Sexualität. Einerseits werden diese Jugendlichen von der körperlichen Veranlagung immer früher erwachsen, wenn auch die geistige Reife keineswegs im gleichen Maße mitwächst. Aber um sich herum sehen sie in ihrem Freundeskreis, wie ihre gleichaltrigen Freunde und Bekannten die ersten Freundschaften zum anderen Geschlecht knüpfen. Die beginnt heute oft bereits im zwölften Lebensjahr. Diese Jugendlichen haben also gerade einmal ihre Kindheit abgeschlossen, befinden sich am Beginn ihres jugendlichen Wachstumsprozesses, der, um sich in Ruhe entwickeln zu können, eigentlich der Schonung bedarf. Dieser Wachstumsprozess wird nun durch permanente sexuelle Aktivität immer wieder durcheinandergerüttelt.

Wer heute mit 15 Jahren noch keinen sexuellen Kontakt zum anderen Geschlecht hatte, wird im allgemeinen als Aussenseiter angesehen und meist auch ebenso behandelt. Um nicht als Aussenseiter abgestempelt zu sein, versucht natürlich jeder Jugendliche sich in dieses allgemeine Werteschema, hinter dem, von Seiten der Mitschüler, Kameraden, ein gewaltiger (Gruppen-)Druck steht, der eigentlich nur das wiederspiegelt, was in der Gesellschaft an Werten geachtet wird. Das was früher, durch die Grenzen zum Erwachsensein, erst im Alter von 21 Jahren stattfand, findet heute bereits im Alter von 12 bis 15 Jahren statt. Ein Jugendlicher, der heute mit 15 Jahren noch keinen Sex hatte, steht also als Aussenseiter am Rand einer Gruppe. Möchte ein junger Mensch heutzutage aber ganz bewusst keine Sexualität, weil er/sie das für zu früh hält, dann muss er/sie über ein enormes Selbstbewusstsein verfügen, um nicht dem Spott der Mitschüler/Freunde zu verfallen.

Anmerkung: Volljährigkeit

Die Volljährigkeit wurde in Deutschland durch das Reichsgesetzt vom 17. Februar 1875 auf 21 Jahre festgelegt. Seit dem 1. Januar 1900 regelte dies das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), § 2, gleichen Inhalts. Weiterhin legte § 3 fest, dass durch das Personenstandsgericht Personen, die das achtzehnte Lebensjahr vollendet hatten, die Volljährigkeit zugesprochen werden konnte; Rechte und Pflichten ergaben sich dementsprechend schon früher. Vor 1875 trat sie in vielen Gegenden Deutschlands erst mit 25 Jahren ein. Am 1. Januar 1975 wurde das Alter der Volljährigkeit in der Bundesrepublik Deutschland von zuvor 21 Jahren auf 18 Jahre herabgesetzt.

Ende Anmerkung

Es ist fast dasselbe, wie mit der Gewaltspirale an den Schulen. Entweder man macht mit, oder wird möglicherweise selber zur Zielscheibe, zum Opfer von Gewalt. Es ist Aufgabe der Gesellschaft, der Politik, der Erziehungsministerien auf bundes- und landesebene, der Schulen, der Lehrer- und Elternverbände dafür zu sorgen, dass in den Schulen ein gewaltfreies Klima herrscht. Geschieht dies nicht, so ist über entsprechende Sanktionen nachzudenken. Ich glaube, wir bräuchten viel Zeit, um darüber nachzudenken, warum uns diese wichtigen Erziehungsideale in den vergangenen Jahrzehnten verloren gingen. Sollten wir diese Entwicklung einfach so hinnehmen, sollten wir sie als natürlich und gegeben akzeptieren, sollten wir uns mit diesen Zuständen abfinden? Sollten wir es akzeptieren, dass unsere Kinder zukünftig mit diesen Werten, mit diesen Vorstellungen, in einer für sie rauhen, herzlosen und gefühlskalten Welt aufwachsen, in der Gewalt, Leistungsdenken, Rücksichtslosigkeit und frühkindliche Sexualität an der Tagesordnung sind? Oder sollten wir einmal darüber nachdenken, warum das so ist und wie wir dies verändern können? Warum wachsen z.B. Kinder in den ländlichen Gebieten, so viel behüteter, liebevoller, geschützter und mit viel weniger Gewalt, Aggressionen und wenigstens mit einer etwas zurückhaltenderen Sexualität auf? Oder hat bereits auch in den ländlichen Regionen, die Sexualisierung der Kindheit Einzug gehalten? Ich weiß es nicht, da ich diesbezüglich keinen Einblick habe.

Ich habe mir überlegt, wie wohl diese Veränderungen entstanden sind. Wahrscheinlich gibt es sehr viele Faktoren, die zu diesem Wandel beigetragen haben. Was mir dabei allerdings aufgefallen ist, dass es diese Probleme vor 50, 60 Jahren noch nicht gegeben hat, jedenfalls nicht in diesem Ausmaß. Damals existierte gewissermaßen noch eine heile Welt. Dafür gab es andere Probleme. Der Zweite Weltkrieg war einige Jahre zuvor beendet worden und Deutschland war eine Trümmerwüste und stand vor dem Wiederaufbau. Man hatte also ganz andere Probleme. Man stelle sich diese Situation einmal vor. Die Menschen stehen gewissermaßen vor dem Nichts, es mangelt am allernötigsten, deshalb hat man nicht einmal Zeit, die Entnazifiezierung voranzutreiben. Viele Väter sind im Krieg gefallen, viele Mütter und Kinder haben in den Bombennächten ihr Leben lassen müssen. Aber der Wiederaufbau bedarf natürlich jeder helfenden Hand, um zu überleben. An Nachwuchs ist zunächst noch gar nicht zu denken, dazu fehlen einfach die allernotwendigsten Lebensgrundlagen. Viele haben ja nicht einmal eine eigene Wohnung, sondern wohnen in irgendwelchen Lagern, bei Verwandten, Freunden und Bekannten, bei fremden Menschen oder irgendwo in der Ferne, wo sie der Krieg gerade hingetrieben hat.

Zehn Jahre später, 1955, sieht die Situation schon wieder ganz anders aus. Die Not hat ein Ende. Man hat es durch die alten deutschen Tugenden, Fleiß, Sparsamkeit und Dank der amerikanischen Hilfe geschafft, sich ein neues Leben aufzubauen. Amerika schwelgte in den 50er-Jahren im Reichtum und war den deutschen ein Vorbild, dem sie nachahmten. So wie die Amerikaner lebten, so wollten die Deutschen auch leben. Was dabei ins Auge stach, war vor allen Dingen der Reichtum, der "American way of life". Das wurde zum Vorbild für die Deutschen. Alles glänzte so schillernd und golden, dass man die Schattenseiten dieses Lebens gar nicht sah. Auch wenn es den Ausdruck "Shareholder Value" (Aktienvermögen) noch gar nicht gab, so war es doch der amerikanische Dollar, der den Deutschen den Kopf verdrehte. Sie träumten den Traum von einem deutschen Dollarparadies, in dem jeder Mensch sich jeden Traum erfüllen konnte, der niemals endete und alle Menschen für alle Zeiten glücklich machte. Gab es nicht vor einigen Jahren denselben Traum, als die Aktienkurse geradezu explodierten und alle Menschen glaubten, sie könnten innerhalb kürzester Zeit alle zu Millionären werden? Was sie nicht ahnten war, dass dieser steile Aktienanstieg ein künstliches Produkt, eine Seifenblase war, die schon bald zerplatzen sollte. Und so kam es dann auch nach einem kurzem Traum von Leben als Millionär, dass die Aktienkurse innerhalb kürzester Zeit zu Tal stürzten und viele Menschen gewissermaßen fast über Nacht ihr ganzes Hab und Gut verloren, oder zumindest einen Teil davon, weil sie dem Aktienschwindel aufgesessen waren.

Und genau so, wie in den 50er-Jahren, die Menschen glaubten, die Zukunft könne nur rosarot oder gold aussehen, so sahen sie nicht die Nachteile, die sich auch schon bald in Amerika zeigten. Zunächst ging es aber noch weiter aufwärts. Vielleicht sollte man sich einmal die Frage stellen, warum es den Amerikanern über solch einen langen Zeitraum eigentlich so gut ging? Amerika war eine Weltmacht und hatte Einfluss auf die ganze Welt. Sie hatten auf der ganzen Welt Handelspartner, die durch entsprechende militärische Macht unterstützt wurde. Es soll an dieser Stelle gar nicht weiter untersucht werden, wie die Macht und der Reichtum der USA zustande kam. Es soll aber darauf hingewiesen werden, dass die USA an vielen Orten der Welt militärische Stützpunkte errichtete, sich an Kriegen beteiligte, sie selber führte und besonders oft gegen demokratisch gewählte Regierungen vorging, weil ihnen sonst offensichtlich die Gewinne verloren gingen. Es sei an einige Kriege erinnert: 1946 in Bolivien, 1950 in Korea, 1953 im Iran, 1959 in Kuba, 1960 im Kongo, 1963 in der Dominikanischen Republik. Näheres dazu unter: Liste der Auslandsinterventionen der Vereinigten Staaten

Diesem Vorbild der USA eiferte die Bundesrepublik nach. Und auch in den ersten Jahrzehnten ging es in der Bundesrepublik wirtschaftlich und in vielen anderen Bereichen aufwärts. Allmählich löste man sich von der Not, dem Hunger, der Armut und eine gewisse Lebensqualität breitete sich aus. Man hatte also offensichtlich auf's richtige Pferd gesetzt, als man dem American way of life folgte. Aber auch die Zeiten blieben in den USA nicht immer golden. Die von den USA ausgebeuteten Staaten, vor allem die mittel- und südamerikanischen Staaten entwickelten neues Selbstbewusstsein und wehrten sich gegen die amerikanische Politik. Es kam vielfach zu Guerilla-Kriegen. Auch im Innren der USA gab es Probleme. In den 50er und 60er Jahren gab es Rassenkrawalle, in der die Farbigen Amerikas ihre Gleichberechtigung forderten. Ausserdem gab es nach dem zweiten Weltkrieg einen kalten Krieg mit der Sowjetunion der zur militärischen Aufrüstung führte, wobei viel Geld in die Rüstung floss. Es soll hier gar nicht im einzelnen betrachtet werden, warum auch in den Vereinigten Staaten nur mit Wasser gekocht wird. Auf alle Fälle breiteten sich auch in den USA immer stärker an den Rändern der Großstädte Ghettos aus, die von Armut, Gewalt, sozialer Not, Verrohung, Kriminalität und Rauschgift bestimmt waren, die natürlich nicht an der Grenzen der Stadtteile halt machten, sondern allmählich in ganz Amerika zum Problem wurden.

Langsam und allmählich wandelte sich also das Bild der USA und es war zu erwarten, dass diese Veränderungen auch irgendwann in Deutschland, das dem amerikanischen Vorbild so eifrig folgte, Einzug halten würden. So kam es dann auch mit einigen Jahren Verzögerung, dass auch die negativen Erscheinungen, die sich zuerst in den USA ausbreiteten, sich bald in Deutschland zeigten. War es also wirklich so klug, dem amerikanischen Vorbild zu folgen? Aber wahrscheinlich gab es keine andere Möglichkeit, zumal die langfristige Entwicklung nicht vorherzusehen war. Heute aber haben wir mit den schwerwiegenden Folgen zu kämpfen. Die Orientierungslosigkeit vieler Jugendlicher, ihr Hang zur Gleichgültigkeit, zur Lustlosigkeit, ihre Neigung, alles nach dem Lustprinzip zu beurteilen, ihre Leistungsverweigerung an den Schulen, aber auch ihre Perspektivlosigkeit, die ihnen unsere Gesellschaft teilweise zu bieten hat, sind ein weites Feld, über das wir uns Gedanken machen sollten.

Kapitel 4 ist nicht aus dem Buch von Gabrielle Brown. Es ist eine Überlegung des Übersetzers.

Quelle: The new celebacy - (Deutsch: Liebe ohne Sex)

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Noch ein Hinweis auf zwei andere Bücher mit gleicher/ähnlicher Thematik:

5. Zehn Argumente für das Zölibat     Top

Das vielleicht ungewöhnlichste Buch über den Zölibat von Hans Conrad Zander

Das Zölibat ist skandalös, abenteuerlich, erotisch, frech, natürlich, feministisch und lustig. Es macht schlank, glücklich und männlich.

Das Zölibat ist skandalös, abenteuerlich, erotisch, frech, natürlich - und er macht glücklich. Schon Franz von Assisi und Robinson Crusoe waren Helden des Zölibats und folgten seinen Weisungen. Und wer heute das große Abenteuer sucht, die wilde, freie und heilige Männlichkeit, für den gibt es nur eine Lösung: den Zölibat - sagt Hans Conrad Zander, ehemaliger Dominikaner und ein exzellenter Großmeister des Humors. Witzig und geistreich ergreift er Partei für das Keuschheitsgelübde. Eine hintersinnige und kenntnisreiche Satire.

"Ein Lesevergnügen der besonderen Art: frech, gescheit, witzig" (Das Sonntagsblatt)

"Mit zahlreichen Anekdoten und harten Fakten aus der Kirchengeschichte kann Zander auf humorvolle und überzeugende Weise zeigen, dass sexuelle Selbstverwirklichung und Ehe total langweilig sind. Der wahre Kick kommt, wenn man's nicht (mehr) macht! Wer beim Argument Nr. 10 angekommen ist, hat sich nicht nur köstlich über eine unkonventionelle Argumentationsweise amüsiert, sondern auch Erstaunliches über Zölibat und Katholizismus gelernt. Und nebenbei liefert Zander auch noch eine Kulturgeschichte des Zölibats, gesalzen mit Kraftausdrücken und gepfeffert mit einem ungewöhnlichen Blick auf Jesus, der einfach die Frechheit besaß, keine Familie zu gründen: Zölibat -- die wahre männerbewegte Existenz.
...
Das Buch ist sowohl eine Fundgrube für Liebhaber schwarzen Humors als auch die Bitte eines tief im Herzen Getroffenen, Priester wieder als Menschen zu achten. Diese sind weder abartig noch krank, sondern einfach sexlos glücklich. Zander schlägt eine Bresche für die friedliche Koexistenz der sexuellen Orientierungen.

10 Argumente

Inhaltsverzeichnis



6. Als die Religion noch nicht langweilig war     Top

Ich habe gerade gesehen, dass es vom selben Autor (Hans Conrad Zander) noch ein anderes Buch gibt, dass auch sehr interessant sein könnte:

Die Geschichte der Wüstenväter

Die Geschichte der 'Wüstenväter' - die Geschichte der ersten Aussteiger, die unzufrieden waren mit der Erstarrung der frühen christlichen 'Amtskirche', auf eigene Faust den Sinn des Lebens in der Einsamkeit suchten und ungewollt zu den religiösen 'Stars' der späten Antike wurden. Eine Story von verblüffender Aktualität!

So spannend wie heute das Internet, ein Pop-Konzert oder der Fußball war für die Menschen der späten Antike die Religion. Und nichts hat sie so fasziniert wie die Abenteuer der 'Stars' ihrer Zeit, der 'Wüstenväter'. Zu tausenden waren sie hinausgezogen in die Wüsten Ägyptens und Syriens, um in einer Landschaft, die zuvor als tödlich galt, zu meditieren und 'bei sich selber zu sein' (secum esse). Die Sensation war so groß, dass rund um die Einsiedelei des Ägypters Antonius eine regelrechte 'Wüstenstadt' von Fans und Jüngern entstand. Und in Syrien umbrandete ein 'Ozean von Menschen' die zwanzig Meter hohe Säule, auf die sich der Wüstenvater und 'Säulenheilige' Simeon gerettet hatte ...

Der Leser erfährt alles Wissenswerte über diese Gründerväter des christlichen Mönchtums, aber z. B. auch über die höllischen erotischen Anfeindungen der einsamen Männer in der Wüste, die wir aus den berühmten Gemälden des Hieronymus Bosch und des Matthias Grünewald kennen.

Die Geschichte der Wüstenväter

Inhaltsverzeichnis



7. Der Säulenheilige Simeon     Top

Im Buch über die Wüstenväter von Hans Conrad Zander wird gesagt: In Syrien umbrandete ein 'Ozean von Menschen' die zwanzig Meter hohe Säule, auf die sich der Wüstenvater und 'Säulenheilige' Simeon gerettet hatte. Mich interessierte, was eigentlich ein Säulenheiliger ist. Als Säulenheiliger wurde zunächst in der Ostkirche ab dem 4./5. Jahrhundert ein Mönch bezeichnet, der zum Zeichen besonderer Askese sein Leben auf dem Kapitell einer Säule (Bild) zubrachte. (das Römische Reich, spaltete sich in der Spätantike in ein weströmisches und ein oströmisches Reich auf) Das Kapitell ist der obere Abschluss einer Säule. Die Säulenheiligen folgten drei asketischen Prinzipien: dem Verweilen an einem Ort, dem Unbehaustsein und dem Stehen. Die Säulen waren unterschiedlich hoch (drei Meter und weit mehr), auf dem Kapitell (an der Spitze) war eine Platte so angebracht, dass der Asket sich in Ruhe ausstrecken konnte. Vor dem Absturz schützte ein Geländer. Schutz vor Regen und Sonne wurden abgelehnt. Einige gingen beim "Stehen" so weit, dass sie sich lange Zeit nicht hinlegten. Nahrung und Eucharistie (Abendmahl, heute Hostie) erhielten die Säulenheiligen über Leitern. Ab dem 6. Jahrhundert wurden verschiedene Säulenheilige zum Priester geweiht oder stiegen erst nach der Priesterweihe auf ihre Säulen. Einige verließen die Säulen nie wieder, andere nur aus bedeutenden Anlässen, bei Verfolgungen oder weil sie zum Bischof gewählt worden waren.

Der erste Säulenheilige war Symeon (Simeon), der aus dem Grenzgebiet zwischen Syrien und Kilikien stammte. (Kilikien entspricht in etwa den heutigen türkischen Provinzen Adana und Mersin) Früh in ein Kloster eingetreten, wurde er 414 gezwungen, dieses wieder zu verlassen, da er sich zu exzessiven asketischen Übungen unterzog. So hatte er sich beispielsweise für zwei Jahre eingraben lassen. Er begann nun ein Eremitendasein, zeitweise eingemauert, bis er 422 in Qal'at Sim'an (frühchristliches Kloster) eine zunächst nur 3 m hohe Säule bezog, um nicht mehr ständig von ratsuchenden Besuchern gestört zu werden. Die Säule wurde bald auf etwa 20 m erhöht. Sie entwickelte sich mit ihrem Bewohner zu einem vielbesuchten Pilgerort; prominente Besucher wie Kaiser Theodosius II. kletterten gar zu Symeon auf das Kapitell, um sich von ihm Rat zu holen. Symeon wurde für die verfolgten Christen im Perserreich (heute Iran) ein Hort der Hoffnung und trat stets für die Armen und Unterdrückten ein. Der himmlische, d. h., zwischen Himmel und Erde lebende Zeuge/Märtyrer starb 459. Teile seines Leichnams wurden als Reliquien (Überbleibsel) verehrt und seine extreme Lebensweise fand bis etwa ins 10., vereinzelt sogar bis ins 19. Jahrhundert ihre Nachahmer. Das frühchristliche Kloster, die "heilige Festung" Qal'at Sim'an war eine gigantische Anlage, deren Überreste noch heute zu sehen sind.

Säulenheiliger

Hier noch der Bericht über Symeon Stylites (Simeon)

Symeon Stylites (Säule) der Ältere: Der syrische Asket Symeon Stylites der Ältere, der erste »Säulenheilige«, ist um 390 in Sis (Sisam) im Grenzgebiet zwischen Syrien und Kilikien in einer wohlhabenden Bauernfamilie geboren. Als kleines Kind getauft, hütete er, ohne irgendeine Schulbildung zu erhalten, die Schafe seiner Eltern. Um 403 trat er in das Kloster Eusebona bei Teleda ein, das er aber im Februar 412 wegen seiner exzessiven Askese wieder verlassen mußte. Er hatte sich zwei Jahre hindurch eingraben lassen und sich durch andauerndes Stehen dem Schlaf entzogen. Symeon wurde nun Eremit bei Telneshin Telanissos (Deir Sim an) 60 km östlich von Antiochia. Er hauste zwar in einer Zelle, ließ sich aber während der 40 Tage der Fastenzeit einmauern. Bald übersiedelte er in das nahe Gebirge, wo ihn ungezählte Ratsuchende besuchten. Um solchen Störungen zu entgehen und um dem Himmel näher zu sein, setzte er sich um 422 auf eine Säule, auf der er den Rest seines Lebens verbringen sollte. Die Säule war zunächst nur 3 Meter hoch, wurde aber dann mit Hilfe kaiserlicher Bauleute bis auf ca. 20 Meter erhöht. So konnte ihm niemand mehr wundertätige Fäden aus der Kutte ziehen. Die Plattform maß 2 x 2 Meter. Symeon lebte in beständigem Gebet, das von rhythmischem Niederfallen aus Knie und Stirn begleitet war. Theodoret von Kyros hat sage und schreibe 1244 solche Proskynesen (Gesten der Anbetung, Ehrerbietung und Unterwerfung.) gezählt, dann aber das Zählen aufgegeben.

Der Ruf der Heiligkeit breitete sich aus und große Volksmassen drängten um den »Friedensstifter der Wüste«, der jeden Tag zwei Ansprachen an die Volksmasse richtete. So entwickelte sich rings um die Heiligensäule ein permanenter Kirchentag, der Pilger aus der gesamten Ökumene anlockte. Der stets von Freude erfüllte Vater ging auch auf hochgerufene Fragen ein. Manch ein Besucher, wie Kaiser Theodosius II., kletterte sogar zu dem lebenden Heiligen hoch, um sich dort beraten zu lassen. Symeon hatte so erhebliches politisches Gewicht. Für die verfolgten Christen im Perserreich wirkte er wie ein Fanal der Rettung. Er trat stets für die Armen und Unterdrückten ein. So forderte er, es dürften generell nur sechs Prozent Zinsen genommen werden. Theodoret von Kyros, der ganz in der Nähe Bischof war, berichtet vom Fasten des lebenden Heiligen: »Von dieser Zeit an bis heute - 28 Jahre sind seitdem verstrichen - verbringt er das vierzigtägige Fasten ohne Nahrung zu sich zu nehmen. Zeit und Übung haben ihm bei seiner Anstrengung sehr geholfen. Die ersten Tage pflegte er nämlich zu stehen und laut Gottes Lob zu singen. Danach, wenn sein Leib durch Mangel an Nahrung nicht mehr die Kraft zum Stehen hatte, setzte er sich nieder und verbrachte so seinen heiligen Dienst. Die letzten Tage lehnte er sich auch an. Und wenn dann allmählich seine Kraft sich erschöpfte und erlosch, war er gezwungen, halbtot am Boden zu liegen.

Aber als er seinen Platz auf der Säule eingenommen hatte, wollte er von dort nicht mehr herabsteigen und dachte sich darum etwas aus, um auf andere Weise stehenzubleiben. Er brachte einen Balken an der Säule an und band sich selbst mit Tauen an den Balken fest. So hielt er die vierzig Tage durch. Später aber, als er mehr Gnadenkräfte von oben empfangen hatte, war er auf dieses Hilfsmittel nicht mehr angewiesen, und jetzt steht er vierzig Tage lang. Er braucht keine Nahrungsmittel, sondern schöpft seine Kraft aus seinem eigenen Willen und Gottes Gnade« (Phil. Hist. 24). - Noch zu seinen Lebzeiten stellten Handwerker im weit entfernten Rom Bilder des Symeon als Schutzzeichen in den Eingang ihrer Werkstätten. - Der »zwischen Himmel und Erde lebende Märtyrer«, der aérios martyr, starb am 2.9. 459 in kal 'at Siman. Sein Tod wurde zunächst dem Volk verheimlicht. Der Leichnam wurde dann mit allem Pomp nach Antiochia überführt, wo man 30 Tage lang die Totenfeier hielt. Ein Teil der kostbaren Gebeine kam 10 Jahre später nach Konstantinopel. Sein Fest wurde im Westen am 5. Januar begangen, im Osten am 1. September.

Das Beispiel des »Wunders des Erdkreises« fand bis zum 10. Jahrhundert Nachfolger. Anfängliche Kritik an der extremen Lebensweise war schnell verstummt. Symeon verkörperte mit seiner »Ortsaskese« das syrische Ideal des Einsiedlers in höchster Übersteigerung. - Die »heilige Festung« Kal at Siman (459 ff.) ist in der seit dem 7. Jahrhundert verödeten Gegend 60 km östlich von Antiochia gut erhalten. Freilich stand 1862, als Vicomte de Vogüé das Ganze wiederentdeckte, noch wesentlich mehr, wie die graphischen Darstellungen jener Zeit bezeugen. Zentrum des Ganzen ist die Säule des Heiligen: Die originale Basis und mehrere Trommeln des Säulenschafts sind erhalten. Darum errichtete man ein Oktogon, das sich in acht gigantischen Triumphbögen öffnet, die durch die gleiche Bauornamentik miteinander verbunden sind. Von diesem Zentrum aus ging nach jeder Himmelsrichtung eine dreischiffige Basilika. Die Ost-Basilika mit ihren drei Apsiden war die eigentliche Pilgerkirche. Die drei anderen Basiliken dienten zur Betreuung der Pilgerströme. Um 500 wurde dem Riesen-Heiligtum ein Kloster zugeordnet, das eine eigene Klosterkirche hatte, die zwischen dem Kloster und der Pilgerkirche lag. Am Fuß des Symeon-Festungshügels findet man Xenodochien, also einen Herbergskomplex mit Ställen. Ein mit einem Tor verbundenes Baptisterium in diesem Bereich steht noch bis obenhin. Daran hing noch eine kleine Basilika.

Wer hat die gigantische Anlage, an der tausend Arbeiter gleichzeitig haben wirken müssen, errichtet? Die Riesenanlage sprengt die Möglichkeiten eines Klosters oder eines Patriarchen. So kommt für diese exorbitante Baumaßnahme nur der vielfach angefeindete Kaiser Zeno der Isaurier in Frage, der so seine Legitimität demonstrieren konnte. Er suchte so offenbar den Ruhm des Heiligen für seine Kirchenpolitik zu nutzen. Zeno baute auch sonst in gewaltigen Ausmaßen. Im 7. Jahrhundert eroberten die Araber das Gebiet. Seit dem 11. Jahrhundert schweigen die Quellen ganz. Im 19. Jahrhundert nutzte ein Scheich das Ganze als Palast.