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Die Onanie und ihre gesundheitlichen Folgen Startseite

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von Samuel Auguste Tissot

Inhaltsverzeichnis
Vorrede
Einleitung

Erster Teil - Die Zufälle (Die Erkrankungen)
1. Abschnitt: Aus den Schriften der Ärzte genommene Abbildungen - 5
2. Abschnitt: Beobachtungen, die mir mitgeteilt worden sind - 19
3. Abschnitt: Aus dem englischen „Onania“ entlehnte Abbildung - 22
4. Abschnitt: Eigene Bemerkungen des Verfassers - 26
5. Abschnitt: Folgen der Selbstbefleck. beim weiblichen Geschlecht - 45

Zweiter Teil - Die Ursachen
1. Abschnitt: Die Wichtigkeit der Samenfeuchtigkeit - 53
2. Abschnitt: Untersuchung über die Ausschüttung des Samens - 63
3. Abschnitt: Warum die Onanie gefährlicher ist als der Beischlaf - 78

Dritter Teil - Die Heilung
1. Abschnitt: Von den Heilungsmitteln die die Ärzte anwandten - 94
2. Abschnitt - Die Heilverfahren des Verfassers -108

Vierter Teil: Ähnliche Krankheiten
1. Abschnitt: Die nächtliche Befleckung (Pollution) - 171
2. Abschnitt: Einfacher Samenfluß (Gonorrhoea simplex) - 193

Kurzgefasste Wiederholung - 206

Schluß - 207

Zusammenfassung der Hilfsmittel bei der Rückenmarkszehrung


Samuel Auguste TissotDer Schweizer Arztes Samuel (auch Simon) Auguste André David Tissot (1728-1796) (Bild links) schrieb 1774 das Buch „Die Onanie, oder Abhandlung über die Krankheiten die von der Selbstbefleckung herrühren.“ Tissot wirkte hauptsächlich als Arzt in Lausanne. 1780 bis 1783 übernahm er die Leitung der Universitätsklinik Pavia. Seine 1760 erschienene Schrift „L’Onanisme“, in der er behauptete, dass die Masturbation Krankheiten erzeuge, erlebte zahlreiche Auflagen und Übersetzungen.

Nach der beträchtlich vermehrten sechsten Originalausgabe aus dem Französischen neu übersetzt (1774). Erstausgabe 1758. Geschichte einer metaphysischen und wissenschaftlichen Verirrung.

Vorbemerkung zur Gliederung des Buches: Das Buch hat zwei Zählungen, die jeweils mit 1 beginnen: Vorrede und Inhalt 1-16 und die Teile 1-208. Die Teile und Abschnitte sind von Tissot außerdem in 140 Paragraphen gegliedert.

Aus dem dritten Teil, „Die Heilung“, sprangen mir auf Seite 94 folgende Zeilen ins Auge, die einiges über den Inhalt des Buches verraten:

Es gibt einige Krankheiten, bei denen man von der heilsamen Wirkung der Arzneimittel beinahe gewiß ist. In diese Klasse aber gehören die nicht, welche Folgen der von Ausschweifungen in der Liebeslust und noch mehr von den Selbstbefleckungen (Onanie) entstandenen Entkräftigungen sind. Und alles, was man von ihnen, wenn sie auf einen gewissen Grad gestiegen sind, vorausagen kann ist erschrecklich. Hippokrates hat dergleichen Kranken den Tod angekündigt. Herr Boerhaave (niederländischer Mediziner, 1668-1738) sagt: „Dieses ist eine erbärmliche Krankheit. Ich habe sie oft gesehen, aber nie habe ich sie heilen können.“

Vorrede     Top

Ich bemerkte die Mängel des lateinischen Originals dieses kleinen Werks schon bei dessen Ausarbeitung. In der solchen vorgesetzten Vorrede entschuldigte ich mich darüber, und zeigte die Gründe für meine Rechtfertigung an. Noch lebhafter ward ich über diese Mängel betroffen, nachdem es gedruckt war und ich habe sie unverträglich gefunden, als ich eine französische Übersetzung dagegen hielt, die man mich durchzusehen gebeten hatte.

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Außer vielen Bemerkungen, die ich hinzuzusetzen fand, musste ich auch den beträchtlichen Fehlern zur Ordnung abhelfen und den Abschnitten, welche nur die ersten Züge enthielten, die das, was ich hatte sagen wollen, faßlich zu machen fast nicht vermögend waren, eine billige Ausdehnung geben.

So viele Verbesserungen machten das Werk beinahe neu und viel länger. Die Schwierigkeit, diese Unternehmung in einer lebendigen Sprache auszuführen, und alle Unannehmlichkeiten, die dieses mit sich führt, entgingen meiner Einsicht nicht. Nur ein Beweggrund, ein so mächtiger wie der, den ich in der Nutzbarkeit fand, von der diese Unternehmung, wenn sie gut ausgeführt würde (das ist ohne Zweifel, besser als ich es getan habe) für das menschliche Geschlecht sein könnte, war es, der mich zu dieser Entschließung bringen konnte, und es ist in der Tat der einzige, der mich dazu gebracht hat. Es ist traurig, sich mit den Lastern seines Gleichen zu beschäftigen; deren Betrachtung kränkt und erniedrigt. Es ist aber auch süß zu helfen, dass man etwas dazu beitragen kann, deren öftere Begehung zu vermindern und die Leiden zu mildern, die dessen Folge sind.

Was aber diese Arbeit noch viel mühsamer gemacht hat, als wenn ich sie in der lateinischen Sprache geschrieben hätte, dass ist die Verlegenheit, Bilder auszudrücken, deren

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Benennung und Ausdrücke durch den Gebrauch für unanständig erklärt sind. Es würde mir eine unendliche Verleugnung gekostet haben, wenn ich mich dieser dem Wohstande schuldigen Achtung hätte entziehen müssen und diese Gesinnung, die ich mir zum Ruhme rechnen darf, hat mir die Arbeit weniger verdrießlich gemacht, als sie würde gewesen sein, wenn ich jene Gesinnung nicht gehabt hätte. Indessen habe ich sie doch noch mit Schwierigkeiten besetzt gefunden. So viel aber erkühne ich mich zu versichern, dass ich es an keiner Behutsamkeit habe mangeln lassen, diesem Werk alle Wohlanständigkeit in den Ausdrücken zu geben, deren ich fähig war.

Es gibt aber Klippen, die von der Materie untrennbar sind. Wie soll man die  vermeiden? Sollte ich über so wichtige Gegenstände schweigen? Nein, gewiß nicht! Die Bücher der heiligen Schrift, die Kirchenväter, die fast alle in lebendigen Sprachen geschrieben haben und die geistlichen Schriftsteller haben nicht geglaubt, dass sie die Verbrechen der Unzucht mit Stillschweigen übergehen müssten, weil man sie nicht ohne Worte bezeichnen konnte. Ich habe geglaubt, dass ich ihrem Vorbild folgen müsse; und ich werde es wagen, mit dem heiligen Augustin zu sagen: „Wenn das, was ich geschrieben habe, irgendeine unkeusche Person ärgert, so klage sie ihre eigene Schande und nicht die Worte an, deren ich mich habe bedienen müssen, um meine Gedanken über die Zeugung der Menschen zu erklären.“ Ich hoffe, ein

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keuscher und verständiger Leser werde mir die Ausdrücke, die ich zu gebrauchen genötigt gewesen bin, leicht zu gute halten. Ich will zu dem, was dieser heilige Mann sagt, noch dieses hinzusetzen, dass ich bei tugendhaften und aufgeklärten Leuten, welche Wissen, wie tief die ganze Welt im Argen liegt, und deren Schandleben kennen, Dank und Beifall zu verdienen hoffe und dass sie, wenn sie auch nicht meine Ausführungen, doch wenigstens mein Unternehmen, loben werden.

Den moralischen Teil habe ich ebenso wenig als in der ersten Ausgabe berührt. Dies geschah aus dem Grunde, der in Horaz (römischer Dichter, 65-8 v.Chr.) steht: Quod medicorum est promittunt medici. (Ärzliche Leistung ist der Ärzte, Handwerk der Handwerker Beruf.)

Ich habe mir nämlich nur vorgesetzt, von den Krankheiten, die von der Selbstbefleckung (Onanie) herrühren, und nicht von dem Verbrechen der Selbstbefleckung zu schreiben. Ist nicht auch ohnedies das Strafbare derselben genug bewiesen, da ich beweise, dass sie eine Tat ist, durch die man ein Selbstmörder wird? Wenn man die Menschen kennet, so begreife man ohne Mühe, dass es leichter ist, sich durch die Furcht vor einem unausbleiblichem Übel von dem Laster abzubringen, als durch Schlüsse, die sich durch (gute) Vorsätze gründen, deren ganze Wahrheit ihnen nicht sorgfältig genug eingeprägt wird. Ich habe auf mich

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das angewendet, was ein Mann, dessen sich unser Jahrhundert noch bei der spätesten Nachkommenschaft rühmen wird, von einem geistlichen Ordensbruder sagen läßt: „Man verlangt von uns, dass wir einen Menschen, der nicht an Gott glaubt, die Nützlichkeit des Gebetes, und einen anderen, der in seinem ganzen Leben die Unsterblichkeit der Seele geleugnet hat, die Notwendigkeit des Fastens beweisen zu wollen. Das Unternehmen ist weit aussehend; und die Spötter sind nicht für uns.“ Marforio [1] zweifelte an Allem, Sganarell (der Diener Don Juan's) gab ihm Stockschläge, und jener glaubte.

[1] Der Marforio ist eine der sechs sogenannten „sprechenden“ Statuen Roms.

Die unvernünftigen Tadler in der menschlichen Gesellschaft und in dem Reiche der Wissenschaft, die selbst nichts tun, und alles tadeln, was andere tun, werden sich unterfangen zu sagen, dass dieses Werk viel eher das Laster ausbreiten, als es zu hemmem, und dass es denen, die nichts von der Selbstbefleckung wissen, diese erst werde kennen lehren. Ihnen werde ich nicht antworten. Man erniedrigt sich, wenn man ihnen antwortet. Es gibt aber schwache tugendhafte Seelen, auf die dergleichen Geschwätz Eindruck machen könnte. Diesen bin ich folgende allgemeine Betrachtung schuldig. Mein Buch ist in dieser Hinsicht in eben dem Falle, wie alle moralischen Bücher. Man muss sie ins-

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gesamt untersagen, wenn es sich so verhält, dass ein Laster fortgeplanzt wird, dessen Gefährlichkeiten gezeigt werden. Sogar die heilige Schrift, die Werke der Kirchenväter und die Schriften derer, die geistliche Gewissensfälle vortragen und entschieden haben, müssen alle noch eher als mein Buch verboten werden. Welche junge Person wird sich auch überdies einfallen lassen, ein Werk über eine in die Arzneikunst einschlagende Materie zu lesen, deren Namen sie nicht weiß? Nur ist zu wünschen, dass Personen, die zu der Erziehung der Jugend gesetzt sind, sich mit diesem Buche genau bekannt machen. Es wird ihnen behilflich sein, diese abscheuliche Gewohnheit frühzeitig zu entdecken und sie in den Stand setzen, die Sicherstellungen dagegen zu nehmen, die sie notwendig erachten werden, um deren Folgen zuvorzukommen.

Leser, die kein Latein verstehen, werden sich vielleicht beschweren, dass in diesem Buche so viele lateinische Verse stehen. Diesen werde ich antworten, daß sie alle mit der Materie verknüpft sind; wie denn unter solchen kein einziger ist, der mir nicht durch die Kette der Begriffe von selbst beigefallen wäre. Indessen habe ich sie überall so angebracht, dass man sie, ohne den Faden des Vortrages zu unterbrechen, überhüpfen kann [2]. Diejenigen, die sie verstehen, werden mir Dank dafür wissen. Ein Reisender, der mitten durch

[2] Es wäre aber schön gewesen, lieber Samuel, wenn du die deutsche Übersetzung mit hinzugefügt hättest. Also werde ich versuchen, dies nachträglich zu machen, solange es mir als Lateinunkundigen gelingt. Aber es gibt heute ja das Internet.

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eine dürre Heide geht, wird erfreut, wenn er ein schönes Grün erblickt. Habe ich endlich ja unrecht daran getan: so ist das Unrecht nicht groß; und in einem Werke, das so unangenehm ist, kann man diese Erholung dem Verfasser wohl erlauben.

Mit dem in England herausgekommenen Buche „Onania“ hat dieses Werk nichts gemein, als nur den Gegenstand und außer zwei Seiten, die ich daraus genommen habe, hat mir diese Rhapsodie nicht die geringste Hilfe geleistet. Die, welche beide Werke lesen, werden, wie ich hoffe, den großen Unterschied, der zwischen jenem und diesem ist, bald bemerken. Die aber nur dieses lesen, könnten sich durch die gleich lautenden Titel betrügen und verleiten lassen, einige Ähnlichkeit zwischen beiden Büchern zu vermuten. Zum Glücke aber ist keine vorhanden

Die Zusätze vermehren diese Ausgabe fast um den dritten Teil und ich wünsche, dass sie von denen, die im Stande sind davon zu urteilen, geneigt mögen aufgenommen werden. Man wird mir vielleicht zwei Vorwürfe machen: den einen darüber, dass ich eine große Anzahl von Wahrnehmungen und Zeugnissen anderer hinzugesetzt habe, die fast weiter nichts als Wiederholungen von denen sind, die sich schon in der ersten Ausgabe fanden; den anderen deswegen, dass ich in einigen Stellen zu weit über meinen Titel

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hinausgegangen bin und die Gefährlichkeit der Liebeslüste unter einem allgemeinen Gesichtpunkte betrachtet habe. Auf den ersten Vorwurf antworte ich, daß in einer Materie wie diese, wo man weniger hoffen darf durch Gründe zu überzeugen, als durch Vorbilder zu schrecken, diese nicht zu sehr gehäuft werden können. Auf den zweiten erwidere ich: 1. Wenn zwei Materien in einer engen Verbindung stehen, so wird, je mehr man die eine an die Seite schaffen will, die andere um so weniger gut abgehandelt werden. 2. Mir ist es lieb gewesen, dass ich dieses Werk gemeinnütziger habe machen können.

Als ich über die Einpfropfung der Pocken schrieb, so hatte ich die Absicht, die schicklichste Art, den Verherungen (die Schäden) einer mörderischen Krankheit zu steuern, in Gang zu bringen und ich hatte das Vergnügen, dass ich wenigstens etwas Gutes damit ausgerichtet habe. Bei der Verfertigung dieses Werkes habe ich gehofft, die Zunahme eines Verderbens zu hemmen, dass vielleicht noch weit größere Verherungen anrichtet als die Pocken und das um so mehr zu fürchten ist, weil es, indem es in den Schatten des Geheimnisses fortarbeitet, nur allmählich die Gesundheit untergräbt, ohne dass auch nur einmal die, welche sich dadurch zugrunde richten, dessen Bösartigkeit vermuten. Es war daran gelegen dieses Verderben vor Augen zu stellen, und ich habe wirklich mehrere Ursachen zu glauben, dass ich

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das Glück gehabt habe nützlich zu sein, dass der Jugend die Augen aufgehen und dass sie nach und nach lernen werde, zugleich mit dem Übel dessen Gefährlichkeit einzusehen. Dieses würde eines der sichersten Mittel sein, die Abnahme der menschlichen Natur, über die man sich beklagt, abzuwenden, und ihr vielleicht in einigen Zeugungen diejenige Stärke wieder zu geben, welche unsere Vorväter hatten und welche wir nur historisch oder aus den Denkmalen kennen, die uns davon noch übriggeblieben sind. Um aber diesen Endzweck zu erreichen, ist zu wünschen, dass die Herren Ärzte gütigst belieben mögen, auf diese bis jetzt gar zu sehr vernächlässigte Ursache einige Aufmerksamkeit zu wenden. Ich habe seit den beiden letzten Ausgaben dieses Werkes deren einige gesehen (einige Ärzte), welche glaubten, dass ich die Gefahren davon vergrößert habe und die mir beteuerten, dass sie niemals Krankheiten gesehen, die durch diese Ursache wären veranlaßt worden. Ich hingegen kann ihnen meinerseits die Versicherung geben, daß das Übel größer ist als ich es geschildert habe, daß es ungemein häufig vorkommt, wovon ich jeden Tag neue Beweise habe und dass sie sehr oft Kranke von dieser Art unter Händen gehabt haben, aber ohne es zu argwohnen, weil diese Ursache, die fast von den meisten (medizinischen) Schriftstellern ausgelassen werden, ihnen nicht in die Gedanken gekommen ist. Jetzt sind sie Strafwürdige, welche die Ähnlichkeit ihrer Leiden, mit denen, die ich in diesem

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Werke beschreibe, dazu zwinge, dass sie bei sich selbst deren Ursache eingestehen müssen, die ersten, die solche anzeigen und bald werden alle Ärzte beurteilen können, ob ich recht gehabt habe. Ich bin sogar genötigt, hier öffentlich zu erklären, wie ich es schon in mehreren Briefen getan habe, dass ich bitte, fernerhin keine Ratsbefragungen (keine persönlichen Anfragen) über die Krankheiten von dieser Art an mich ergehen zu lassen. Sie sind so häufig, dass sie, wenn ich auf alle antworten wollte, meine ganze Zeit in Anspruch nehmen würden. Und da ich unter ihnen keine Auswahl vornehmen möchte, welches verschiedene Personen beleidigen würde, so habe ich mich entschlossen, auf keine von allen zu antworten.

Dieses Werk ist eine allgemeine Beantwortung, in welcher ein jeder, der nur ein wenig Verstand besitzt, die wesentlichen Stücke, der für seinen Zustand erforderlichen Anweisungen wird finden können. Und überdies kann er seinen gewöhnlichen Arzt um Rat fragen, dem er aber die Ursache seiner Krankheit  nicht verschweigen sollte. Ich sehe wohl ein, dass man ein solches Geständnis lieber einem Manne mitteilt, dem man ganz unbekannt ist. Dieser Grundsatz der Scham ist ohne Zweifel die Ursache, warum so viele junge Leute lieber an einen Arzt schreiben, den sie niemals sehen werden. Aber eben deswegen habe ich mich noch mehr berechtigt gehalten, die Entschließung zu fassen, die ich nur jetzt öffentlich bekannt gemacht habe, nicht weiter

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über diesen Gegenstand zu antworten*. Es ist nicht natürlich und würde sogar ungerecht sein, dass ich nun dieser Art von Kranken den Verdruß eines Geständnisses zu ersparen, dass sei ungerne ablegen, ihnen eine Zeit aufopfern sollte, die ich rechtmäßiger denen aus anderen jederzeit erkenn baren und oft vererbungswürdigen Ursachen herrührenden Krankheiten schuldig zu sein glaube. Die kurze Wiederholung, die ich am Ende dieser Ausgabe angehängt habe ist

* Was Herr Tisot hier allen Kranken dieser Art öffentlich abschlägt, dazu erbiete ich, der Herausgeber, mich ebenso öffentlich, indem ich mich anheischig mache (in dem ich mich bereit erkläre), allen denen, die von diesen und anderen mit solchen mehr oder weniger verwandten Krankheiten der Liebeslüste leiden, diese aber den an ihrem Orte befindlichen Ärzten ungern offenbaren, sondern lieber von einem auswärtigem Arzte, der sie von Person nicht kennet, Rat und Hilfe haben mögen, mit beiden nicht zu entstehen, ja sogar zu noch größerer Geheimhaltung jener Krankheiten, denen die es begehren, die für ihren Zustand erforderliche und durch mehrjährige Erfahrung bewährt gefundene Arzneimittel schon völlig fertig und entweder von mir selbst, oder unter meiner Aufsicht, auf das sorgfältigste und beste zubereitet ist, mit zu übersenden. [3]

[3] Ich muss gestehen, ich habe einige Schwierigkeiten, diesen Absatz zu verstehen, obwohl ich ihn mehrfach durchgelesen habe. Offenbar bietet der Herausgeber den Interessenten an, die erforderliche Medizin (Arznei) zuzuschicken. Falls ich diesen Absatz falsch verstanden habe, dann korrigiert mich bitte. Ich persönlich bin allerdings der Meinung, dass es keinerlei Medizin gibt, die den Samenverlust ersetzen kann. Hat jemand selber erkannt, dass die auschweifende Sexualität seiner Gesundheit schadet, dann gibt es nur eine Medizin und die heißt den Sexualverkehr einzuschränken oder besser noch, enthaltsam zu leben.

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besonders dazu gewidmet, diese willkürlich zu einer Sache der Notwendigkeit gewordene Versagung besonderer Ratgebungen über diese Krankheiten, leichter zu ersetzen.

Der Allmächtige wollte auf meine Absichten denjenigen segen legen, ohne welche unsere schwachen Arbeiten nichts ausrichten können. Paul pflanzet, Apollo begießet, Gott gibt das Gedeihen.

Lausanne, den ersten des Weinmonats (Oktober) 1774



Einleitung     Top

Unsere Körper verlieren beständig. Könnten wir diese Verluste nicht ersetzen, so würden wir bald in eine tödliche Schwachheit verfallen. Dieser Ersatz geschieht durch die Nahrungsmittel (Speisen und Getränke). Diese aber müssen in unseren Körpern verschiedene Zubereitungen erhalten, die unter dem Namen der Ernährung begriffen werden. Sobald diese (die Ernährung) gar nicht oder schlecht geschieht, so werden all diese Nahrungsmittel unnütz und verhindern

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nicht, dass man nicht in alle die Krankheiten verfalle, welche die Entkräftung nach sich zieht. Unter allen Ursachen aber, welche die Ernährung verhindern können, ist vielleicht keine gemeiner als die gar zu übermäßige Ausleerungen.

Der Bau unserer Maschine (unseres Körpers) und überhaupt aller tierischen Maschinen, bringt es so mit sich, dass, wenn die Nahrungsmittel denjenigen Grad der Zubereitung erhalten sollen, der zum Ersatze des Abgangs an den Körper notwendig erfordert? wird, eine gewisse Menge schon ausgearbeiteter, und, wenn man mir diesen Ausdruck erlauben will, naturalisierter Säfte übrig und vorrätig bleiben muß. Fehlt diese Bedingung, so bleibt die Verdauung und Rechnung der Nahrungsmittel unvollkommen, und zwar um desto unvollkommener, je aufgearbeiteter die ermangelnde Feuchtigkeit und je eher? sie in ihrer Art ist.

Eine gesunde und starke Amme, die man töten würde, wenn man ihr innerhalb vierundzwanzig Stunden etliche Pfunde Blut abzapfen würde, kann ihrem Kinde eben dieselbe Menge (das sind einige Pfunde) Milch vier- bis fünfhundert Tage nacheinander reichen ohne dass sie dies merklich beschweret, weil unter allen Säften die Milch am wenigsten aufgearbeitet und beinahe noch fremder Saft ist, da hingegen das Blut ein wesentlicher Saft ist. Ein anderer dergleichen wesentlicher Saft ist die Samenfeuchtigkeit, die einen so starken Einfluss auf die Kräfte des Körpers und auf die Vollkommenheit der jene Kräfte ersetzenden Verdauungen hat, dass die Ärzte aller Zeiten einmütig dafür gehalten haben, der Verlust einer Unze Samens schwäche den Körper mehr, als der Verlust von viezig Unzen Blut. Wieviel an dieser Feuchtigkeit gelegen sein müsse, davon kann man sich einen Begriff machen, wenn man nur auf die Wirkungen Achtung gibt, die sie hervorbringen, sobald sie sich

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abzuscheiden anfängt. Die Stimme, die Gesichtsbildung und selbst die Gesichtszüge verändern sich. Der Bart sticht hervor. Oft bekommt der ganze Körper ein anderes Aussehen, weil die Muskeln eine Dicke und Festigkeit erlangen, durch die sich der Körper eines Erwachsenen und der Körper eines noch unmannbaren jungen Menschen, merklich voneinander unterscheiden. Alle diese Entwicklungen verhindert man durch die Hinwegnahme desjenigen Werkzeuges, das zur Absonderung derjenigen Feuchtigkeit dienet, welche dieselben hervorbringet. Wahrhafte Wahrnehmungen beweisen, dass auf die Ausschneidung der Hoden das Ausfallen des Bartes und die Wiederkehr einer kindlichen Stimme erfolgt ist.

Kann man nach diesen noch an die Stärke seiner Wirkung auf den ganzen Körper zweifeln und sollte man nicht schon hieraus annehmen können, wieviele Übel die Verschwendung eines so kostbaren Saftes nach sich ziehen müsse? Seine Bestimmung setzt das einzige rechtmäßige Mittel fest, sich seiner zu entledigen. Krankheiten verursachen zuweilen sein Ausfließen. Er kann uns auch, gegen unseren Willen, in wollüstigen Träumen entgehen. Moses hat uns in seinem ersten Buch die Geschichte von Onans Verbrechen hinterlassen. Ohne Zweifel, damit wir seine Bestrafung erfahren sollten. Und man liest im Galen dass Diogenes sich durch Vergehung desselben Lasters besudelt habe.

Wenn die gefährlichen Folgen des allzuhäufigen Verlustes dieser Feuchtigkeit nur von der Menge abhingen oder wenn sie bei gleicher Masse einerlei wäre, so müßte, wenn wir die Sache physisch betrachten, wenig daran gelegen sein, ob diese Ausleerung auf die eine oder andere von den hier angezeigten Arten geschehe. Allein, hier könnte die Art und Weise wie

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der Same verschüttet wird, ebenso sehr in Betrachtung, als die Menge des Vorrats, der dabei verloren geht. (Man erlaube mir diesen Ausdruck; mein Vorwurf berechtigt mich zu Freiheiten dieser Art.) Eine allzu beträchtliche Menge Samens, die in den Wegen der Natur verloren geht, stürzt in sehr verdrießliche Krankheiten, die aber noch weit ärger sind, wenn eben dieselbe Menge durch widernatürliche Mittel verausgabt wurde. Die Zufälle, welche diejenigen erfahren, die sich in einem natürlichen Beischlaf erschöpfen, sind schrecklich. Aber die Zufälle, die auf die Selbstbefleckung folgen, sind weit schrecklicher Diese letzten sind der eigentliche Gegenstand meines Werkes, aber die genaue Verbindung, in der sie mit den ersten stehen, verhindert mich, sie besonders zu schildern. Ich fasse daher in dem ersten Teil dieser Schrift die Zufälle von beiderlei Art in eine gemeinschaftliche Abbildung zusammen. Hierauf wird die Erklärung der Ursachen dieser Zufälle im zweiten Teil folgen, in welchem ich die besonderen Ursachen, welche die Folgen der Selbstbefleckung noch gefährlicher machen, weiter auseinander setzen werde. Der dritte Teil wird die Heilungsmittel anzeigen. Anmerkungen über einige ähnliche Krankheiten werden den vierten Teil des Werks beschließen. Überall werde ich die Wahrnehmungen der besten Schriftsteller zu meinen eigenen hinzufügen.

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Erster Teil - Die Zufälle (Die Erkrankungen)     Top

1. Abschnitt: Aus den Schriften der Ärzte genommene Abbildungen

§ 1

Hippokrates, der älteste und genaueste Bemerker, hat bereits die aus dem Missbrauch der Liebeslust entstehenden Krankheiten unter den Mannen der Zehrung des Rückenmarks beschrieben. Diese Krankheit sagt er, entspringt aus dem Marke des Rückgrats. Sie befällt junge Eheleute und wollüstige Personen. Sie haben kein Fieder und ungeachtet sie gut essen, so werden sie doch mager und zehren ab. es kommt ihnen vor, als ob ihnen Ameisen vor dem

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Kopfe über den ganzen Rückgrad herunterkröchen. So oft sie zu Stuhle gehen oder das Wasser lassen wollen, so entgeht ihnen in ziemlicher Menge eine sehr flüssige Samenfeuchtigkeit. Sie taugen nicht zum Zeugungswerke und in ihren Träumen haben sie oft mit der genauen Umarmung eines Frauenzimmers zu tun. Die Spaziergänge, insbesondere auf ungemächlichen Wegen setzen sie außer Atem, machen sie kraftlos und verursachen ihnen Schwere in dem Kopfe und Ohrensausen. Zuletzt endigt ein hitziges Fieber ihre Tage. Ich werde von dieser Art Fieber an einem andern Orte reden.

Eben derselben Ursache haben einige Ärzte eine andere Krankheit zugeschrieben, die Hippokrates an einer anderen Stelle beschreibt und mit der ersterwähnten Krankheit einige Ähnlichkeit hat. So heißt bei ihnen die zweite Rückenmarkszehrung des Hippokrates. Aber die Behaltung der Kräfte, deren Hippokrates bei dieser Krankheit besonders ausdrücklich gedenkt, scheint mir ein überzeugender Beweis zu sein, dass diese und die vorige Krankheit nicht aus einerlei Ursache herrühren können, sie scheint vielmehr eine Art von Gliederflusse (Gicht?)  zu sein.

Diese Lüste sagt Celsus (Aulus Cornelius Celsus, Medizinschriftsteller, 25 v.Chr. bis 50 n.Chr.) in seinem vortrefflichen Buche von der Erhaltung der Gesundheit, schaden jederzeit schwächlichen Personen und ihre öftere Wiederholung macht die Starken schwach.

Man kann nichts schrecklicheres Lesen als die Abbildung, welche uns Aretäus (griechischer Arzt, 80-130 n.Chr.) von den Übeln, die aus einer allzuhäufigen Ausleerung des Samens entstehen, hinterlassen hat. Die jungen Leute, sagt er, bekommen das Ansehen und das baufällige Wesen alter Leute

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Sie werden blass, weibisch, schläfrig, träge, feige, dumm und bisweilen gar albern (blödsinnig). Sie gehen krumm und gebückt einher. Ihre Beine wollen sie nicht mehr tragen. Es ist ihnen alles zuwider. Sie sind zu allem ungeschickt und ihrer werden viele gelähmt. An einem anderen Orte setzt er die Liebeslüste unter der Zahl der sechs Ursachen der Lähmung.

Galenus (griech. Arzt u. Anatom, 129-216 n.Chr.) hat eben dieselbe Ursache zu Krankheiten des Gehirns und der Nerven, wie auch zu einer gänzlichen Entkräftung Gelegenheit geben gesehen und an einem anderen Orte erzählte er, dass ein Mann, der von einer heftigen Krankheit noch nicht vollkommen genesen war, noch in derselben Nacht, da er seiner Fau die eheliche Pflicht geleistet hat, gestorben ist.

Der ältere Plinius (römischer Gelehrter, 23-79 n.Chr.) berichtet uns, dass Cornelius Gallus (röm. Politiker u. Dichter, 70-26 v.Chr.), ehemaliger Stadtrichter zu Rom und Thirus Aetherius, ein römischer Ritter, während der Vollziehung des Beischlafs gestorben sind.

„Der Magen gerät in Unordnung,“ sagt Aethius, „der ganze Körper wird schwach, man bekommt eine blasse Farbe, man wird mager, man vertrocknet, die Augen fallen ein.“

§ 2

Diese Zeugnisse der ehrwürdigen Alten werden durch einen Haufen Neuerer bestätigt. Sanctorius (Santorio Santorio, latinisiert Sanctorius, italienischer Mediziner, 1561-1636), der mit der größten Sorgfalt alle Ursachen, die auf

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unsere Körper wirken untersucht hat, bemerkte, dass diese den Magen schwächt, die Verdauung verdirbt, die unmerkliche Ausdünstung hindert, aus deren Hemmung allemal verdrießliche Folgen entstehen, Hitze in der Leber und  den Nieren verursacht, zur Entstehung des Steins Anlass gibt, die natürliche Wärme vermindert und gemeiniglich, entweder den Verlust oder doch die Blödigkeit? des Gesichts nach sich zieht.

Lomm, in seinen schönen Erläuterungen über die von mir angeführte Stellen des Celsus, unterstützt das Zeugnis dieses Schriftstellers durch seine eigene Bemerkungen: „Die häufige Ausleerung des Samens machen den Körper schlaff, trocknen (ihn) aus, schwächen, entkräften und bringen eine Menge Krankheiten hervor, als Schlagflüsse (Schlaganfall), Schlafsuchten, die fallende Sucht (Epilepsie), Betäubungen, Verlust des Gesichts, Zittern, Lähmungen, Krämpfe und die schmerzhaften Arten der Gicht.“

Man liest nicht ohne Entsetzen die Beschreibung, die uns Tolpins, dieser berühmte Bürgermeister und Arzt zu Amsterdamm, hinterlassen hat: „Nicht allein das Mark des Rückgrads wird dadurch ausgezehrt, sondern es werden auch der ganze Körper und der Geist ebenfalls schwach und entkräftet und ein solcher Mensch nimmt ein jämmerliches Ende.“ Samuel Verspretius wurde mit einem Fluß befallen, da sich anfänglich hinten an dem Kopfe und Nacken eine überaus scharfe Feuchtigkeit ansetzte, die sich hernach über das Rückgrad nach den Lenden, weichen Seiten des Unterleibes, Hüften und Gelenken des Schenkels herunterzog und diesen Elenden so grausame Schmerzen erleiden ließ, daß er fast keinem Menschen mehr ähnlich sah und in ein schleichendes Fieber verfiel, das ihn aufzehrte, aber

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nicht so geschwind, als er wünschte. Sein Zustand war so elend, dass er mehr als einmal den Tod herbeirief, ehe dieser sich einstellte, um ihn seiner Marter zu entreißen.

„Nichts, sagt Zypius, ein ehedem berühmter Arzt zu Löwen, schwächt so sehr und verkürzt so sehr das Leben, als die Häufige Samenergießung.“

Blankard hat von dieser Ursache einfache Samenergüsse, Schwindsuchten und Wassersuchten entstehen gesehen. Muys hat einen Menschen gekannt, der noch in seinen besten Jahren von freien Stücken an dem Fuße den Brand bekommen, den er lediglich seinen Ausschweifungen in der Liebeslust zugeschrieben hat.

In den Schriften der kaiserlichen Akademie der Naturforscher wird ein Mensch erwähnt, der auf solche Art sein Gesicht verloren hat. Die Bemerkung verdient ganz hierher gesetzt zu werden. „Die wenigsten wissen“, sagt der Verfasser, „was für eine Sympathie die Hoden mit dem ganzen Körper, insbesondere aber mit den Augen haben.“ Salmuth hat einen milzsüchtigen (hypochondrischen) Gelehrten gekannt, der ganz verrückt im Kopfe wurde und einen anderen Mann, dessen Gehirn so erstaunlich ausgetrocknet war, dass man es in der Hirnschale klappern hörte. Beides rührte von Ausschweifungen in der Liebe her. Ich selber habe einen Mann von neunundfünfzig Jahren gekannt, der drei Wochen nachher, als er eine junge Frau geheiratet hatte, auf einmal blind wurde und nach Verlauf von vier Monaten starb.

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„Die allzugroße Zerstreuung der Lebensgeister,“ sagt Schellhammer, „schwächt den Magen, nimmt die Esslust und da solchergestalt keine Nahrung stattfindet, so vermindert sich die Bewegung des Herzens. Alle Teile ermatten und man bekommt sogar die fallende Sucht.“ Wir wissen zwar nicht, ob die Lebensgeister und die Samenfeuchtigkeit einerlei Sache sind, aber Beobachtungen haben uns, wie man weiter unten sehen wird, belehrt, dass diese beiden Flüssigkeiten sehr viel Ähnlichkeit miteinander haben und dass der Verlust der einen oder der anderen einerlei Krankheiten erzeugt.

Herr Hofmann hat auf die Verschwendung des Samens die verdrießlichsten Zufälle erfolgen gesehen: „Nach vielen nächtlichen unwillkürlichen Befleckungen (Pollutionen), gehen nicht nur die Kräfte verloren, der Leib wird mager und das Gesicht wird blass, sondern es nimmt auch überdies das Gedächtnis ab. Ein beständiges Frösteln befällt alle Glieder und die Schärfe der Augen verliert sich. Die Stimme wird heischer (sie verliert ihren männlich-tiefen Klang). Der ganze Körper geht nach und nach zu Grunde. Der durch schwere Träume beunruhigte Schlaf erquickt und ersetzt die Kräfte nicht und man hat Schmerzen, die denen ähnlich sind, welche man empfindet, wenn man überall zerschlagen ist.“

In einem medizinischen Gutachten für einen jungen Menschen, der sich durch die Selbstbefleckung unter anderen schlimmen Zufällen, eine gänzliche Schwachheit der Augen zugezogen hat, sagt eben dieser Hofmann: „Ich habe viele Exempel gesehen, dass Leute,

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auch sogar in dem besten Alter, das ist, da der Körper völlig bei Kräften ist, durch das Handspiel (Onanie) nicht nur eine mit den heftigsten Schmerzen verbundene Röte der Augen, sondern auch eine so große Schwäche des Gesichts (des Augenlichts) zugezogen hatte, dass sie nicht einen Buchstaben lesen oder schreiben konnten.“ „Ich erinnere mich auch“, fügte er hinzu, „sogar zwei schwarze Staare (Erblindung) gesehen zu haben, die aus der männlichen Ursache entstanden sind.“ Man wird die Geschichte der Krankheit selbst, die das erwähnte Gutachten veranlasst hat mit Vergnügen lesen.

Ein junger Mensch, der sich in seinem fünfzehnten Jahre der Selbstbefleckung ergeben und selbige bis zu seinem dreiundzwanzigsten Jahr sehr häufig getrieben hat, verfiel während dieser Zeit in eine so große Schwachheit des Kopfes und der Augen, dass diese Letzten in der Zeit, so oft er Samen auslies, mit heftigen Krämpfen befallen wurden. So oft er etwas lesen wollte, wurden ihm die Sinne vernebelt, als ob er betrunken wäre. Der Augapfel erweiterte sich außerordentlich. Er hatte ungemeine Schmerzen im Auge. Die Augenlider waren ihm ganz schwer und leimten (klebten) sich alle Nacht zusammen. Seine Augen standen jederzeit voll Wasser und in den beiden Winkeln derselben, wo er sehr über Schmerzen klagte, sammelte sich eine Menge weißlicher Materie. Obwohl ihm das Essen schmeckte, so war er doch mager wie ein Gerippe und sobald er gegessen hatte, war er wie betrunken.

Eben dieser Verfasser hat uns noch eine andere Beobachtung aufbewahrt, wovon er ein Augenzeuge gewesen ist, und die, meines Erachtens, hier gleichfalls eine Stelle verdient. Ein junger Mensch von 18 Jahren, der öfter mit einer Magd zugehalten hatte, fiel plötzlich in eine Ohnmacht, wobei ihm alle Glieder zitterten. Das Gesicht war rot, der Puls war sehr schwach. In der Zeit von einer Stunde brachte man

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ihn wieder zu sich selbst. Aber die Mattigkeit des ganzen Körpers wich niemals. Der Zufall stellte sich sehr oft wieder ein und zwar mit sehr großer Herzensangst. Nach Verlauf von acht Tagen war ihm der rechte Arm gelähmt und geschwollen und er bekam einen Schmerz am Ellenbogen der mit jedem Anfall heftiger wurde. Nachdem das Übel eine lange Zeit hindurch immer ärger geworden, ungeachtet, dass man viele Gegenmittel gebrauchte, so wurde er endlich von Hoffmann wieder hergestellt.

Herr Borhave schildert diese Krankheiten mit derjenigen Stärke und Genauigkeit, die man in allen seinen Beschreibungen antrifft: „der allzugroße Samenverlust erzeugt Müdigkeit, Schwachheit, Trägheit der Glieder, Zuckungen, Magerkeit, die vertrocknung der Säfte, Schmerzen in den Häutchen des Gehirns, macht sie Sinnen; und insbesondere das Gesicht; stumpf, gibt Anlass zur Auszehrung des Rückenmarks, zur Unempfindlichkeit und zu verschiedenen Krankheiten, die mit den vorherigen in verbindung stehen.“

Die Wahrnehmungen, welcher dieser große Mann seinen Zuhörern mittteilte, als er ihnen diese Aphorismen erklärte, welche sich auf die verschiedenen Mittel der Ausleerungen beziehen, verdienen hier ebenfalls angeführt zu werden: „Ich habe einen Patienten gekannt, dessen Krankheit damit anfing, dass er eine Müdigkeit und Schwachheit im ganzen Körper, insbesondere um die Lenden herum, spürte. Darauf bekam er auch ein Zucken der Sehnen und periodische Krämpfe. Er wurde immer magerer und hing nur noch an Haut und Knochen. Er fühlte

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auch einen Schmerz der Hirnhäutchen. Die Patienten pflegen diesen Schmerz eine trockne Hitze zu nennen, welche inwendig in den edelsten Teilen unaufhörlich brennt.“

Ich habe auch einen Jüngling gekannt, der die Zehrung des Rückenmarkes hatte. Er war von einer sehr angenehmen Bildung. Man hatte ihn öfters gewarnt, seinen Lüsten nicht zu sehr nachzuhängen, er hat es aber doch. Kurz vor seinem Tode wurde er so ungestalt, dass die fleischliche Erhöhung, die über den spitzigen Fortsätzen der Lenden (apothyles spinosa lumborum) zu sehen ist, sich gänzlich gesackt hatte. Das Gehirn selbst scheint bei dergleichen Fällen verzehrt zu sein. Solche Patienten werden wirklich ganz dumm. Sie werden so steif, dass ich niemals eine so große Unbeholfenheit des Körpers von irgendeiner anderen Ursache habe entstehen sehen. Selbst die Augen sind so stumpf, dass ihnen das Sehen beschwerlich fällt.

Herr von Senac hat, in der ersten Ausgabe seiner Versuche, die gefährlichen Folgen der Selbstbefleckung vorgestellt und den Schlachtopfern dieser schändlichen Handlung alle gebrechlichkeiten des ohnmächtigsten Alters schon in der Blüte der Jahre angekündigt. Man kann in den nachfolgenden Ausgaben seines Werkes die Ursachen lesen, warum diese und noch mehrere Stellen unterdrückt worden sind.

Wenn Professor Ludwig die schlimmen Zufälle beschreibt, die auf allzuhäufige ausleerungen zu erfolgen pflegen, so vergißt er auch nicht die Samenentledigung: „Junge Leute beiden Geschlechts, die sich der Geilheit ergeben, richten ihre Gesundheit zu Grunde, indem sie die Kräfte verschwenden, die bestimmt waren, ihrem Körper die größte Stärke zu geben. Am Ende verfallen sie in eine Auszehrung.“

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Der Herr von Gorter führt sehr umständlich die traurigsten Zufälle an, die von dieser Ursache herrühren. Es ist mir aber zu weitläufig, ihn hier auszuschreiben. Ich verweise meine Leser, wenn sie die Sprache verstehen, deren er sich bedient hat, auf sein Werk selbst. (De infenfibili perspirat Cap. ult.)

Der Dr. M. Robinson hat in seinem Werke von der Auszehrung ein ziemlich langes und sehr gut geschriebenes Kapitel von der Rückenmarksauszehrung, das ich hier nicht einrücken kann. Die Verhaltung des Stuhlganges, die Traurigkeit, die Furcht, niemals wieder zu genesen, welche selbst dann bleibt, wenn die Genesung gewiss ist, der immer auf einer Stelle bleibende und sitzende Schmerz in der Höhlung der Nierengegend, die große Schwäche, die abwechselnd vorhandenen und wieder vergehenden Schmerzen in den Gelenken, die Schwächung der Seelenkräfte und der Sinne, die unnatürliche nächtliche Befleckung und der einfache Samenfluß, sind die Kennzeichen, die seiner Angabe nach diese Art der Auszehrung von den anderen unterscheiden.

Nachdem der Herr von Swieren die vorhin angeführte Beschreibung der Rückenmarkszehrung (Coasumptio dorsalis) aus dem Hippokratis angeführt hat, setzt er hinzu: „Alle diese Fälle und noch andere mehr, habe ich an den Unglücklichen, die sich mit den schändlichen Selbstbefleckungen abgegeben hatten, selber gesehen. Vergebens habe ich drei Jahre lang alle Hilfsmittel der Arzneikunst an einem jungen Menschen versucht, der sich durch dieses schändliche Spiel reißende Schmerzen, die alle seine Glieder durchwühlten, zugezogen hatte, die mit der sehr

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beschwerlichen Empfindung bald einer Hitze, bald eines Schauderns über den ganzen Körper, besonders um die Lenden herum, begleitet waren. Wenn sich die Schmerzen etwas vermindert hatten, fühlte er in den Schenkeln und Beinen, obwohl sie sich warm anfühlten, einen so heftigen Frost, dass er sich, sogar in den heißesten Sommertagen, beständig beim Feuer wärmen musste. Während dieser ganzen Zeit wunderte ich mich, insbesondere über eine kreisförmige Bewegung seiner Hoden im Hodensack; und in den Lenden empfand der Patient eine gleichmäßige Bewegung, die ihm sehr beschwerlich fiel.“ Man kann aus dieser Erzählung nicht erraten, ob der Unglückliche nach drei Jahren gestorben ist oder ob er sich noch längere Zeit mit einem siechen Körper geschleppt habe. Im letzteren Falle würde er noch schlimmer dran sein. Eine dritte Art seines Ausgangs der Krankheit ist unmöglich.

Bloekhof bestätigt in seinem recht guten Werke von den Gemütskrankheiten, die von dem Körper herrühren, die bisher ausgeführten Bemerkungen durch seine eigenen: „Eine allzugroße Samenverschwendung schwächt die Schnellkraft aller festen Teile. Daher entstehen Schwachheit, Müdigkeit, Trägheit, Untätigkeit, Schwindsuchten (Tuberkulose), Auszehrungen des Rückenmarks, Schläfrigkeit, Starrsucht (Katalepsie), Benebelung der Sinne, Dummheit, Wahnwitz, Ohnmachten und Zuckungen.“

Hoffmann hat schon bemerkt, dass junge Leute, die dem Laster der Selbstbefleckung ergeben sind, nach und nach alle ihre Seelenkräfte,

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insbesondere das Gedächtnis verlieren und ganz und gar untüchtig zum Studieren werden.

Lewis beschreibt alle Übel der Selbstbefleckung. Ich werde aber nicht weiter aus seinem Werke hierher setzen, als was er von dem Gemütszustande solcher Leute sagt: „Alle schlimmen Fälle, die von Auschweifungen mit Frauenspersonen herkommen, erfolgen noch viel geschwinder und schon in der blühenden Jugend auf das abscheuliche Handspiel der Hervorreizung des Samens, welches man nie mit so hässlichen Farben, als es verdient, schildern kann. Eine Gewohnheit, der sich junge Leute ergeben, ehe sie noch den ganzen Gräuel dieses Lasters, mit all den Übeln, die seine natürlichen Folgen sind, einsehen. Die Seele empfindet alle Leiden des Körpers, insbesondere aber die, die aus dieser Quelle fließen.

Die schwärzeste Melancholie; eine Gleichgültigkeit für alle Ergötzungen, oder vielmehr eine Abscheu dagegen. Die Unmöglichkeit, an dem teilzunehmen, wovon die Rede in den Gesellschaften ist, in der man sich mit etwas abwesendem Geiste, befindet. Das Gefühl ihres eigenen Elends und der verzweiflungsvolle Gedanke, sich dasselbe (die Erkrankung) durch eigene Kunst zubereitet zu haben. Die Notwendigkeit auf das Glück des Ehestandes zu verzichten, sind die folternden Vorstellungen, welche diese Unglücklichen zwingen, sich von der Welt zu trennen; noch glücklich genug, wenn sie von dem Triebe, ihre Tage gewaltsam zu verkürzen, verschont bleiben.“

Weiter unten wird man durch neue Beobachtungen die Wahrheit dieses schrecklichen Gemäldes

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bestärkt finden. Das jeneige, welches Störk in seinem schönen Werke über die Geschichte und Behandlung der Krankheiten gemacht hat, ist nicht minder schrecklich. Ich muss aber diejenigen, die es sehen wollen, auf sein werk selbst verweisen, welches ohnedem allen Ärzten unentbehrlich ist.

§ 3

Ehe ich zu den Beobachtungen übergehe, die mir nitgeteilt worden sind, fortschreite, will ich den gegenwärtigen Abschnitt mit der schönen Stelle schließen, die sich in dem vortreffllichen Werke befindet, womit Gaubius (Hieronymus David Gaubius, 1705– 1780, deutscher Mediziner, Physiker und Chemiker) die Medizin bereichert hat. Er schilderte nicht nur die Übel, sondern zeigte auch die Ursachen mit demjenigen Nachdruck, mit der Wahrheit, Einsicht und Genauigkeit, die nur einem großen Meister eigen sind:

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„Die unnütze Verschwendung des Samens schadet vornehmlich deswegen, weil nicht nur einer der nützlichsten Säfte verloren geht, sondern auch die zuckende Bewegung mit der er abgeht, zu oft wiederholt wird. Auf die größte Wollust folgt nämlich eine allgemeine Mattigkeit, welche, ohne zu entkräften, nicht oft ertragen werden kann.

Je mehr aber die Seihegefäße des Körpers erschöpft werden, desto mehr Feuchtigkeit ziehen sie anderswo an sich und indem also die Säfte nach den Zeugungswerkzeugen (den Sexualhormonen produzierenden Organen) hingeleitet werden, um so mehr leidet der übrige Körper an dem Mangel. Daher entstehen aus den zu häufigen Leibesvergnügungen (Orgasmen) Ermüdung, Schwäche, Unbeholfenheit, lendenlahmer Gang, Kopfschmerzen, Zuckungen aller Werkzeuge der Sinne, vornehlich blöde Augen, Blindheit, Albernheit, fieberhafte Bewegungen, Ausdorrungen, Magerkeit, Lungensucht, Rückenmarkzehrung und weibische Weichheit.

Diese Übel nehmen zu und werden unheilbar wegen der immerwährenden geilen Begierden, welche endlich in der Seele, ebenso wie im Leibe, beständig rege werden, und machen, dass sowohl im Schlafe unzüchtige Träume entstehen, als auch die zur Empfindung des Leibeskitzels so sehr geneigten Teile bei einer jeden Gelegenheit in Bewegung geraten und sobald sich auch nur eine ganz geringe Menge des wieder ersetzten Samens gesammelt hat, dieser nicht allein zur Last fällt, sondern auch einen Reiz erregt, so dass er bei der leichten Anregung, auch wohl ohne diese aus den erschlappten Behältnissen entschlupft. Hieraus ergibt sich also von selbst, warum diese Ausschweifung die blühenden Jünglinge so sehr zu Grunde richtet.“

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2. Abschnitt - Beobachtungen, die mir mitgeteilt worden sind     Top

Ich werde diese Bemerkungen in der Ordnung anführen, wie ich sie erhalten habe. Ich habe, meldet mir mein vortrefflicher Freund, Herr Zimmermann, einen Menschen von dreiundzwanzig Jahren gesehen, der die fallende Sucht (Epilepsie) bekam, nachdem er sich den Körper durch häufige Selbstbefleckungen geschwächt hatte. So oft er nachts Pollutionen bekam, befiel ihm ordentlich das böse Wesen. Eben dieses begegnete ihm nach jeder Selbstbefleckung, deren er sich, ungeachtet seiner traurigen Zufälle und allen Ermahnens, nicht enthielt. Wenn der Anfall vorüber war, empfand er heftige Schmerzen im Rücken und in der Gegend des Schwanzbeins (Steißbeins). Als er nach einiger Zeit seine üble Gewohnheit ablegte, befreite ich ihn durch dienliche Mittel von den Pollutionen und ich hoffte sogar, ihn von der fallenden Sucht zu befreien, wovon die Anfälle bereits ausgeblieben waren. Er gelangte wieder zu Kräften, Appetit und Schlaf stellten sich wieder ein. Er bekam wieder eine sehr hübsche Farbe, denn vorher hatte er einem Leichnam ähnlich gesehen.

Allein, da er wieder anfing sein voriges Spiel zu treiben, worauf jedes Mal wieder ein epileptischer Anfall erfolgte, so überfiel ihn öfters der Parorysmus (eine periodisch wiederkehrende Verschlimmerung einer Krankheit, in diesem Fall der Epilepsie) sogar auf der Straße. Und eines Morgens fand man ihn in seinem Zimmer tot auf, wo er aus seinem Bette gefallen war und in seinem Blut schwamm. Man erlaube mir hier eine Frage,

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die mir einfiel, als ich diese Bemerkung las. Laden diejenigen, die sich mit einer Pistolenkugel erschießen oder sich vorsätzlich ersäufen oder erhängen, eine schwerere Verantwortung ihres Todes auf sich und sind sie in höherem Grade Selbstmörder, als dieser Mensch? Ohne sich hierauf einzulassen, fügte mein Freund hinzu, dass er noch einen anderen Jüngling kenne, der sich im gleichen Falle befinde. Ich habe nachher vernommen, dass dieser Mensch ein ähnliches Ende gehabt hat.

Herr Zimmermann meldet ferner: „Ich habe einen Mann gekannt, der das schönste Genie und die weitläufigste Wissenschaft besessen hat, der aber durch häufige Pollutionen alle Lebhaftigkeit seines Geistes verloren hat und dessen Körper sich gerade in dem nämlichen Zustande befand, wie der Patient, der sich bei Boerhaave Rat holte, von dem ich an einer anderen Stelle noch etwas sagen werde.“

§ 5

Die zwei nachfolgenden Fälle habe ich dem jüngeren Rast, einem berühmten Arzt in Lyon, zu danken, mit welchem ich, zu meinem großen Vergnügen, einige Monate in Montpellier zugebracht habe. Ein junger Mensch in Montpellier, der Medizin studierte hatte starb, weil er diese Art von Ausschweifungen übertrieben hatte. Die Vorstellung seines Verbrechens hatte einen so starken Eindruck auf seine Seele gemacht, dass er in einer Art Verzweiflung dahinstarb, indem er glaubte, den Schlund der Hölle neben sich eröffnet zu sehen, bereit, ihn zu verschlingen.

Ein Kind aus derselben Stadt, das nicht älter als sechs bis sieben Jahre war, trieb das Spiel der Selbstbefleckung, worin eine Magd dessen Lehrmeisterin gewesen war, so oft, dass es in kurzer Zeit von einem auszehrenden

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Fieber dahingerafft wurde. Der Trieb dieses Kindes, die böse Tat zu begehen, war so gewaltig, dass es sich noch in den letzten Stunden seines Lebens nicht davon abhalten ließ. Sagte man ihm, dass es dadurch seinen Tod beshleunigte, so tröstete es sich damit, daß es auf solche Art desto eher zu seinem vor einigen Monaten verstorbenen Vater kommen würde.

§ 6

Mieg, ein berühmter Arzt in Basel, den die gelehrte Welt aus seinen vortrefflichen Dissertationen (Doktorarbeiten) kennt und dem sein Vaterland die Einpfropfung zu verdanken hat, die er mit so viel Glück und Geschicklichkeit ausgeübt hat, hat mir einen Brief des Herrn Professors Stäbelin (ein Name, der den Musen lieb ist) mitgeteilt, worin ich verschiedene wichtige und nützliche Bemerkungen angetroffen habe. Hier will ich jetzt nur zwei davon anführen, denn die übrigen werden in der Folge meiner Schrift eine füglichere (bessere, geeignetere) Stelle finden: „Der Sohn des Herrn M... ist in einem Alter von 14 und 15 Jahren an Zuckungen und einer Art von fallender Sucht gestorben. Sein Tod rührte lediglich von der Selbstbefleckung her. Alle Kunst der erfahrensten Ärzte dieser Stadt wurde an ihm vergeblich angewandt.“

„Ich kenne auch ein junges Frauenzimmer von 12 bis 13 Jahren, die sich durch diese verabscheuungswürdige Gewohnheit eine Auszehrung zugezogen hat. Dabei hat sie einen dicken angespannten Bauch, den weißen Fluß [4] und kann ihr Wasser nicht halten. Obwohl sich ihr Zustand durch die gebrauchten Mittel etwas gebessert zu haben schien, so ist sie doch noch immer siech (sterbenskrank) und ich befürchte traurige Folgen.“

[4] Der weiße Fluß ist der Ausfluß einer weißlichen, trüben, schleimigen, manchmal auch gelblichen, eiterartigen Flüssigkeit aus den weiblichen Geschlechtsorganen.

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3. Abschnitt - Aus dem englischen „Onania“ entlehnte Abbildung     Top

§ 7

Seit der ersten Ausgabe meiner gegenwärtigen Schrift, habe ich aus einer sehr glaubwürdigen Quelle erfahren, dass man den Erzählungen, die sich in der englischen Sammlung befinden, nicht in allen Stücken trauen dürfe und daß dieser Umstand, wie auch einige Verleumdungen nebst etlichen Unflätereien und die Unterschiebung eines kaiserlichen Privilegs zum Verbot der deutschen Übersetzung im römischen Reich Anlass gegeben hätten. Aus diesen Gründen würde ich mich entschlossen haben, alles was ich aus diesem Werke gezogen, zu unterdrücken. Aber verschiedene Betrachtungen haben mich bewogen, es unter Vorausschickung dieser Nachricht, beizubehalten. Denn ob sich gleich im englischen Werke vielleicht einige erdichtete Fälle befinden mögen, wie mir denn einige wirklich erdichtet vorkommen, so ist doch erwiesen, dass die größte Anzahl derselben nur allzu wahr ist.

Mein vornehmster Beweggrund aber ist dieser, daß Herr Stäbelin mir in einem Brief versichert, ein Schreiben von Herrn Hofmann aus Maastricht erhalten zu haben, worin ihn dieser berichtete, er habe einen Onansbruder gekannt, der bereits die Rückenmarkszehrung (consumtio dorsalis) gehabt habe. Seine Kur habe nicht bei ihm angeschlagen.

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Es sei aber hernach dieser Mensch durch die Mittel, die in dem Buche „Onania“ stehen (dessen Verfasser der deutsch-niederländische Theologe und Philosoph Balthasar Bekker (1634-1698) sein soll.) wiederhergestellt worden ist, und zwar auf eine so vollkommene Art, daß er wieder dick und fett geworden und seither vier Kinder gezeugt hat.

§ 8

Das englische Werk Onania ist ein wahrer Mischmasch, nichts aneinander hängendes, alles ist darin untereinander geworfen, wie Kraut und Rüben. Verständigen Lesern ist nichts darin erträglich, außer den Anmerkungen. Alle Betrachtungen, die der Verfasser darin aufstellt, sind theologische und moralische Alltagsgedanken. Ich werde aus diesem ziemlich weitläufigen Werk nichts nehmen, als eine Beschreibung der gewöhnlichen Zufälle, worüber die Patienten klagen. Wenn ich die lebhaften und kräftigen Ausdrücke des Schmerzes und der Reue, die in einigen wenigen Briefen zu finden sind, nicht in einem Auszug bringen kann, so muß solches den Eindruck des Abscheus, den die Lesung derselber einflößt, nicht schwächen, weil dieser Eindruck sich auf wirkliche Begebenheiten gründet. Und die Leser werden mir verbunden sein, daß ich ihnen die Mühe erspare, eine weit größere Anzahl anderer Briefe, die weder Wendung noch Stil haben, zu lesen. Ich will die Zufälle, über welche die Kranken in England klagen unter sechs Artikel bringen und mit den traurigsten, nämlich denen, welche die Seele betreffen, den Anfang machen.

1. Alle Verstandeskräfte werden schwächer. Das Gedächtnis verliert sich. Die Begriffe werden dunkel. Es wandelt die Patienten zuweilen gar eine Art von Wahnsinn an. Sie fühlen beständig eine gewisse Art von innerer Unruhe, eine Herzensangst, und so empfindliche Vorwürfe ihres Gewissens, dass sie oft

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in Tränen ausbrechen. Sie sind sehr dem Schwindel unterworfen. Alle ihre Sinne, besonders das Gesicht (Auge) und das Gehör werden stumpf.. Ihr Schlaf, sofern sie schlafen können, wird durch schwere Träume beunruhigt.

2. Die Kräfte des Körpers fallen ganz weg. Personen, die sich früh zu dergleichen Gräueln gewöhnen, erreichen nie das völlige Wachstum, von dem sie von der Natur aus bestimmt waren. Einige können gar nicht schlafen, andere schlummern fast beständig. Fast alle bekommen die Milzsucht (Schwermut, Melancholie) oder die Mutterbeschwerung und werden von allen den Zufällen heimgesucht, welche diese verdrießlichen Krankheiten begleiten: Traurigkeit, Seufzen, Weinen, Herzklopfen, Beklemmungen und Ohnmachten. Einige werfen mit dem Speichel kalkartige Materie aus. Bei anderen ist ein beschwerlicher Husten, ein schleichendes Fieber und die Auszehrung (Schwindsucht) die Züchtigung für ihre eigenen Verbrechen.

3. Ein anderer Gegenstand der Klagen dieser Kranken sind die empfindlichsten Schmerzen. Einer klagt über den Kopf, der andere über die Brust, über den Magen, über die Gedärme, über äußerliche gliederfüßige (rheumatische) Schmerzen. Einige bekommen ein schmerzhaftes Erstarren aller Teile des Leibes, sobald man diese auch nur aus das allerleichteste drückt.

4. Es erscheinen nicht nur im Gesichte die sogenannten Venusblümchen (als welche eine der gewöhnlichsten Zufälle sind), sondern es stellen sich auch auf Kinn und Wangen, in der Nase, auf der Brust und an den Schenkeln eiternde kleine Geschwüre ein, nebst einem heftigen Jucken dieser Teile. Man hat auch bei einem solchen Patienten fleischige Auswüchse an der Stirn gesehen.

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5. Die Zeugungsorgane bekommen auch ihren reichlichen Anteil an dem kläglichen Zustand, dessen Ursache sie sind. Bei einigen ist das Geschlechtsglied unfähig, sich aufzurichten. Bei anderen ergießt sich die Samenfeuchtigkeit schon bei einem geringen Kitzel und im ersten Anfange des Steifwerdens, oder auch, sooft sie mit einigem Drange ihre Notdurft verrichten. Sehr viele sind mit einem beständigen Samenfluß behaftet, der ihre Kräfte gänzlich schwächt und dessen Materie öfters einem stinkenden Eiter oder einem Rotze (Speichel) gleicht. Andere sind mit einem schmerzhaften Priapismus (Dauererektion) geklagt.

Einige leiden die grausamste Pein beim Wasserlassen. Sie leiden an Harnwinden, brennenden Urin und schwaches Abtröpfeln des Harns. Einige haben sehr schmerzhafte Geschwulste an den Hoden, an der Rute (am Penis), an der Blase und an der Samenschnur. Am Ende sind fast alle, die diesem Laster lange Zeit ergeben waren, unfähig Kinder zu zeugen, entweder weil sie den Beischlaf nicht begehen können oder weil ihre Samenfeuchtigkeit verdorben ist.

6. Die Verrichtungen der Eingeweide  sind bisweilen gänzlich in Unordnung und einige Patienten klagen über hartnäckige Verstopfungen, andere über Blutflüsse, andere über eine aus dem Hintern fließende stinkende Materie (schleimige Hämorrhoiden). Diese letztere Bemerkung erinnert mich an den jungen Menschen, den Doktor Hofmann erwähnt, der nach jeder Selbstbefleckung einen Durchfall bekam, welcher eine neue Ursache zum Verlust seiner Kräfte wurde.

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4. Abschnitt - Eigene Bemerkungen des Verfassers     Top

§ 9

Das Gemälde, das meine erste Wahrnehmung mir anbietet, ist schrecklich. Ich erschrak selbst, als ich das unglückliche Urbild desselben zum ersten Mal sah. Damals fühlte ich mehr als zuvor die Notwendigkeit, jungen Leuten den abscheulichen Abgrund zu zeigen, worin sie sich mutwilligerweise stürzten.


L. D..., ein Uhrmacher, hatte sich bis in sein siebzehntes Jahr eines ehrbaren Wandels beflissen und war bis dahin immer gesund. Um selbiger Zeit ergab er sich dem Laster der Selbstbefleckung, welches er täglich und oft dreimal an einem Tag trieb. Unmittelbar vor und während der Ausspritzung des Samens war er allemal wie halb außer sich und in den ausdehnenden Muskeln des Kopfes (musculi extensores) ging eine krampfartige Bewegung vor, so daß sie den Kopf stark rückwärts zogen, während der Hals sich außerordentlich aufblähte. Noch vor Ablauf eines Jahres fing er an, jedesmal nachdem er die Handlung begangen, eine große Schwachheit zu verspüren. Diese Warnung war aber nicht hinlänglich, ihn vom Rande seines Verderbens zurück zu führen. Seine Seele klebte schon zu stark an diesen Unflätereien, als dass sie zu anderen Gedanken fähig gewesen wäre. Die Erneuerungen seines Lasters wurden von Tag zu Tag häufiger, bis er sich in einem Zustand befand, der ihn den Tod befürchten ließ. Jetzt nahm er sich vor klüger zu werden. Aber das Übel war schon so weit eingerissen, dass es nicht mehr zu heilen stand.

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Die Zeugungsteile waren so reizbar und so schwach geworden, dass diesem Unglücklichen der Same ausfloss, ohne dass er sie mit der Hand hervor zu locken brauchte. Die allergeringste Reizung brachte augenblicklich eine unvollkommene Steifigkeit des Gliedes zuwege, worauf unmittelbar eine Ergießung des Samens erfolgte, die täglich seine Schwachheit vermehrte. Der Krampf, der ihn vorher nur in der Zeit, da er die Handlung vollzog, befallen, und gleich danach wieder aufgehört hatte, war ihm nunmehr zur Gewohnheit geworden und überfiel ihn öfters ohne eine scheinbare Ursache, und auf eine so gewaltsame Art, daß er während der ganzen Zeit des Anfalls, welcher bisweilen fünfzehn Stunden, niemals aber weniger als acht Stunden anhielt, in der ganzen Gegend des Nackens so grausame Schmerzen empfand, daß er nicht schrie, sondern brüllte.

In derselben Zeit war es ihm unmöglich, daß geringste von Speise und Trank hiununter zu schlucken. Seine Stimme war heischer geworden, doch habe ich nicht bemerkt, dass sie im Anfall noch heischer gewesen wäre. Er kam völlig von Kräften und da er seine Profession (seinen Beruf) aufgeben musste, zu nichts fähig und mit Elend überhäuft war. So lag er einige Monate fast ohne alle Hilfe da und er war um so mehr zu beklagen, weil ein Überbleibsel von Gedächtnis, welches aber bald völlig verschwand, ihm zu weiter nichts diente, als daß es ihm ohne Unterlaß die Ursachen seines Unglücks vorhielt, welches durch schreckliche Gewissenbisse vermehrt wurde.

Ich erfuhr seinen Zustand und begab mich zu ihm. Und da fand ich nicht sowohl ein lebendes Wesen, als einen häßlichen Leichnam. Ausgemergelt, blass, unreinlich, lag er auf dem Stroh, duftete einen abscheulichen Geruch aus und konnte fast kein Glied bewegen. Aus der Nase lief ihm öfters ein blasses und wässriges Blut und aus dem Mund trat ihm beständig

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ein Geifer.(Speichel). Er hatte den Durchlauf (Durchfall) und ließ, ohne daß er es bemerkte, allen seinen Unflath ins Bette gehen. Der Same floß ohne Unterlaß aus. Seine trüben, triefenden, erstorbenen Augen hatten nicht mehr das Vermögen sich zu bewegen. Der Puls ging äußerst schwach und schnell und der Atem war sehr schwer. Der ganze Körper war erstaunlich mager, ausgenommen die Füße, welche anfingen aufzudunsen.

Der Zustand seiner Seele war nicht minder kläglich. Ohne Begriffe, ohne Gedächtnis, nicht fähig, zwei Redensarten miteinander zu verbinden, ohne Bekümmernis um sein Schicksal. Ohne eine andere Empfindung außer des Schmerzes, der sich nebst allen übrigen Anfällen, jedesmal um den dritten Tag wieder einstellte. Seine Gestalt war scheußlich, keinem Menschen mehr ähnlich. Man hätte zweifeln können, zu welcher Gattung von Geschöpfen er ehemals gehört habe. Mit Hilfe stärkender Mittel glückte es mir geschwind genug die gewaltsamen krampfhaften Anfälle zu heben, die ihn, bloß durch den Schmerz auf eine so grausame Art wieder zum Gefühl brachten. Zufrieden, dass ich ihm wenigstens in diesem Stücke geholfen hatte, gab ich ihm keine Arzneien mehr, da sie seinen Zustand doch nicht verbessern konnten. Er starb nach einigen Wochen, im Juni 1757. Sein Körper war allenthalben aufgedunsen.

§ 10

Es werden zwar nicht alle, die sich dieses schändliche und sträfliche Handwerk angewöhnt haben, ebenso grausam, wie dieser Mensch bestraft, doch ist kein einziger darunter, der nicht auf die eine oder andere Art dafür büßen müßte. Die öftere Wiederholung dieses Spiels, die Verschiedenheit der Leibesbeschaffenheit und verschiedene äußerliche Umstände verursachen einen beträchtlichen

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Unterschied. Die schlimmen Zufälle, die mir in meiner Praxis am häufigsten vorkommen, sind folgende: 1. Eine gänzliche Unordnung im Magen. Diese offenbaren sich bei einigen entweder durch den Verlust des Appetits oder durch ein unordentliches Gelüst. Bei anderen äußert sie sich durch heftige Schmerzen, insbesondere zur Zeit der Verdauung oder durch ein ungewöhnliches Erbrechen, dem durch keine Mittel abzuhelfen ist, solange man seine böse Gewohnheit beibehält. 2. Eine schwächung der Werkzeuge des Atemholens, woraus öfters trockener Husten, fast alle Mal eine heischere und schwache Stimme, aus der bei jeder nur etwas heftigerer Bewegung ein Kreischen entsteht. 3. Eine gänzliche Erschlaffung des Nervensytems.

4. Eine erstaunliche Schwächung der Zeugungswerkzeuge. Fast alle beklagen sich, entweder darüber, daß sie nur unvollkommene Aufrichtungen haben, weil ihnen der Same in dem Augenblick entgeht, da die Aufrichtung beginnt, oder darüber, daß der Same hinwegspritzt, sobald die Aufrichtung völlig geschehen ist, aber auch wohl darüber, daß sie nicht die mindeste Begierde mehr haben und in die gänzliche Unvermögenheit verfallen. Die unfreiwilligen nächtlichen Befleckungen (Pollutionen) sind eine von ihren schrecklichsten Geiseln und richten oft sogar diejenigen zu Grunde, bei denen die Zeugungswerkzeuge schon schlechterdings tot sind, wenn sie wachen. Sie werden dadurch vollends in das Verderben gestürzt. Und wenn sie solche (Pollutionen) gehabt haben, so sind sie den darauf folgenden Tag in einem Zustand der Niedergeschlagenheit, Mutlosigkeit, Kraftlosigkeit, Verdrießlichkeit, Traurigkeit, Ermüdung und schmerzhafter Empfindungen, vornehmlich im Rücken, im Magen, im Kopfe

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und den Augen, der sie wirklich beklagenswert macht und sie dergestalt verändert, daß sie unkenntlich sind.

§ 11

Man bedarf keiner vielen Kenntnis der Geschäfte des tierischen Lebens um zu begreifen, daß diese vier Ursachen alle Arten der schleichenden Krankheiten erzeugen können und die Erfahrung beweist, dass sie diese täglich hervorbringen. Die ersten Zufälle, die bei der Selbstbefleckung entspringen, sind, außer denen, die ich bereits angezeigt habe, eine beträchtliche Abnahme der Kräfte des Körpers, eine Blässe der Wangen, die beim einen größer, beim anderen geringer ist. Bisweilen findet man einen Ansatz von Gelbsucht, der aber immer anhält. Noch öfter findet man kleine Knospen (Finnen) im ganzen Gesicht, die nur darum zu vergehen scheinen, um wiederum anderen Platz zu machen und die sich besonders auf der Stirn, an den Schläfen und um die Nase herum beständig verjüngen.

Man findet eine beträchtliche Magerkeit, eine erstaunliche Empfindlichkeit, sooft sich das Wetter verändert, insbesondere wenn die Kälte eintritt. Es stellt sich eine Mattigkeit der Augen und eine Schwäche des Gesichts ein, eine merkliche Abnahme aller Seelenkräfte und des Gedächtnisses. „Ich fühle es wohl,“ schrieb mir ein Patient, „daß dieses böse Spiel mein ganzes Seelenvermögen (seine psychische Gesundheit) und insbesondere mein Gedächtnis geschwächt haben.“ Man erlaube mir, daß ich hier die abgebrochenen Stellen einiger Briefe einrücke, die zusammen ein ziemlich vollständiges Gemälde der aus der Selbstbefleckung entspringenden physischen Unordnung vorstelle.

„Ich hatte das Unglück, welches so viele andere junge leute haben (Er schrieb mir dieses in einem bereits gesetzten Alter.), daß ich mich in eine Gewohnheit einließ,

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die ebenso schädlich für den Leib als auch für die Seele ist. Ich habe zwar, seitdem ich im reiferen Alter zu mehrerem Nachdenken gelangt bin, diese elende Neigung abgelegt, aber ach, das Übel ist schon geschehen. Zu einer außerordentlichen Reizbarkeit und Empfindlichkeit des ganzen Nervensytems und den damit verknüpften Zufällen (Erkrankungen) gesellt sich noch eine Schwachheit, ein Übelbefinden, ein Ekel vor allem, eine Herzensangt (die Angst vor einem Herzinfarkt), die mir wechselweise zusetzen. Ein fast beständig anhaltender Samenverlust erschöpft mir nach und nach alle Kräfte. Mein Gesicht bekommt beinahe die Gestalt eines toten Leichnams, so blass und bleichfarbig ist es. Mein Körper ist so schwach, daß mir jede Bewegung sauer ankommt. Kaum wollen mich meine Füße noch tragen und ich getraue mir fast nicht mehr aus dem Zimmer zu gehen.

Die Verdauung geht so schlecht vor sich, daß drei oder vier Stunden nach einer Mahlzeit, das Essen fast in eben der Gestalt wieder von mir geht, wie ich es zu mir genommen hatte. Meine Brust ist voller Schleim, dessen Anhäufung mich ängstigt und zum Aushusten habe ich keine Kraft. Dieses ist eine kurze Schilderung meines erbärmlichen Zustandes, der durch die traurige Gewissheit, die ich erlangt habe, daß jeder neue Tag mehr Marter als der vorhergehende mit sich führen werde, noch viel schrecklicher wird. Kurz, ich glaube nicht, daß jemals ein menschliches Geschöpf übler drangewesen ist, als ich es bin. Ohne eine besondere Unterstützung von der höheren Vorsicht (von Gott), würde ich mein schweres Leiden nicht ertragen können.“

Nicht ohne schaudern las ich in dem Brief eines anderen Kranken diese schrecklichen Worte, die mich an ähnliche in der Onanie (dem Buch von Balthasar Bekker) erinnerten: „Ja, hielte mich nicht noch die Religion ab, ich würde mich bereits meines Lebens entledigt haben, das desto

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grausamer ist, weil ich selbst an meinem Elend Schuld bin. Es ist in der Tat kein schlimmerer Zustand in der Welt, als die Beänstigung des Herzens. Der Schmerz ist nichts in Vergleichung mit ihr. Wenn sich dann noch eine Menge anderer Übel dazu gesellet, so darf man sich nicht wundern, daß der Kranke sich den Tod als sein bestes Gut wünscht, und das Leben für ein wirkliches Übel hält, sofern man einen so traurigen Zustand ein Leben nennen darf.“

Vivere cum nequeam sit mihi posse mori!
Dulce mori miseris: sed mors optata recedit.

Folgende Beschreibung ist kürzer und nicht so schrecklich. „Ich habe schon in meiner zarten Jugend, ich glaube zwischen acht und zehn Jahren das Unglück gehabt, diese schädliche Gewohnheit zu ergreifen, die meine ganze Leibesbeschaffenheit frühzeitig verdorben hat. Durch diese Gewohnheit befinde ich mich seit etlichen Jahren in der äußersten Entkräftung. Meine Nerven sind außerordentlich schwach, meine Hände haben keine Kraft, zittern und schwitzen beständig. Ich habe gewaltige Schmerzen im Magen, Schmerzen in den Armen und in den Beinen, zuweilen im Rücken und in der Brust. Ich muß oft husten, meine Augen sind immer trübe und gebrochen. Mein Appetit kommt der Freßsucht ziemlich nahe und doch werde ich immer magerer und sehe alle Tage schlechter aus.“ Man wird im dritten Teil dieser Schrift die Kur finden, die im Falle dieses Patienten glücklich angeschlagen hat. Die Kur aber, die bei dem ersten Patienten angewendet wurde, kann ich ihrer Weitläufigkeit halber, hier nicht beschreiben.

„Die Natur“, schrieb mir ein Dritter, „öffnete mir die Augen über die Ursache der Mattigkeit und über den gefährliche Abgrund, an dessen Rand ich stand, teils durch die Bläschen, die ich auf dem Glied bekam, welches als Werkzeug

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meines Lasters diente, teils auch durch eine gelinde Ohnmacht, die mich bei der Begehung desselben überfiel und mir in Ansehung ihrer Ursachen keinen Zweifel mehr übrig ließ.“

Ich könnte hier noch eine Menge von Krankheitsgeschichten hinzu zufügen, worüber ich seit der zweiten Ausgabe dieses Werkes zu Rate gezogen worden bin. Aber ich würde dabei viel Unnötiges wiederholen müssen. Ich will nur einige Fälle erzählen, die mir seit kurzem vorgekommen sind.

Ein Mann in seinen besten Jahren schrieb mir erst vor ein paar Tagen: „Ich habe mir schon als Knabe eine abscheuliche Handlung angewöhnt, die meine Gesundheit im Grunde verdorben hat. Ich weiß oft nicht, wo mir der Kopf steht. Ich bin oft schwindlig und befürchte einen Schlag.

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Man ließ mich deswegen zur Ader, aber man merkte gar bald, daß man dieses hätte unterlassen sollen. Ich habe eine beklemmte Brust und hole schwer Atem. Oft habe ich Magenweh und es schmerzt mich bald hier, bald da, im Leibe. Den ganzen Tag bin ich schläfrig und unmutig. Des nachts habe ich einen unruhigen Schlaf, der mich nie erquickt. Ich habe oft Jucken, ich bin blass, die Augen sind trübe und tun mir weh. Ich rieche aus dem Munde. usw.“

„Kaum bin ich,“ schreibt mir ein anderer, „zweihundert Schritte gegangen, so muß ich mich niedersetzen und ausruhen. Ich bin außerordentlich schwach. Ich habe beständig Schmerzen im ganzen Leib, besonders in den Schultern, wie auch große Brustbeschwerden. Das Essen schmeckt mir zwar, aber das ist mein Glück, denn sobald ich es zu mir genommen habe, dann stellen sich Schmerzen im Magen ein und ich muss alles wieder von mir geben. Lese ich eine oder ein paar Seiten, so stehen mir die Augen voll Wasser und tun mir weh. Oft stoße ich gegen meinen Willen Seufzer aus.“

Man wird in der Folge dieses Werkes die glückliche Kur umständlich beschrieben finden, die ich mit diesem Patienten vorgenommen habe, der unter allen anderen, die mir in dieser Art vorgekommen sind, der allerschwächste aber auch der folgsamste gewesen ist.

Ein anderer, der schon in seinem zwölften Jahre dieses Handwerk getrieben hatte, schien mehr an den Kräften des Verstandes, als an den Kräften der Gesundheit zu leiden. „Ich kann,“ meldete er mir,

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„recht merklich fühlen, wie mein Feuer abnimmt. Meine vorige lebhafte Empfindung ist ganz stumpf geworden. Kaum glimmen in mir noch etliche Funken der Einbildungskraft. Ich spüre mein Dasein bei weitem nicht mehr so vollkommen als vorher. Alles, was jetzt geschieht, kommt mir wie ein Traum vor. Ich begreife alles langsamer. Ich habe nicht mehr die vorige Gegenwart des Geistes. Mit einem Wort, ich merke, daß es mit mir zur Neige geht. Obwohl ich einen guten Schlaf und guten Appetit habe, auch noch ziemlich wohl aussehe...“

§ 12

Ein Zufall, dem dergleichen Leute nicht selten unterworfen sind, ist eine schmerzhafte Beschwerde unter den kurzen Rippen (Hypochondrialgia). Wenn milzsüchtige (schwermütige) Personen sich der Selbstbefleckung ergeben, so wird ihr Zustand weit schlimmer und ihr Übel ganz unheilbar. Ich habe öfters bemerkt, dass eine grausame Unruhe, ein heftiger Kampf in der Seele und eine tödliche Angst, die Wirkung dieser zwei vereinigten Ursachen gewesen ist. Wiederholte Beobachtungen haben mich überzeugt, dass die Anfälle von Wahnwitz oder Tollheit, denen gewisse hypochondrische (schwermütige, depressive, melancholische) Personen bisweilen unterworfen sind, durch die Selbstbefleckung allemal beschleunigt und vervielfältigt werden. Das durch diese zweifache Ursache geschwächte Gehirn, verliert allmählich sein ganzes Vermögen und die Patienten verfallen endlich in einen Zustand der Albernheit, die bloß durch eine Anwandlung der Hirnwut zuweilen unterbrochen wird.

In den Schriften der Kaiserlichen Akademie der Naturforscher wird eines melancholischen Menschen gedacht, der, nach Horatzens Rat, seinen Gram durch Wein zu verscheuchen sucht. Der aber, nachdem er sich, in den ersten Tagen seiner zweiten Ehe, einer anderen Art von Lust allzusehr überlassen hatte, in eine so schreckliche Tollheit verfiel, dass man ihn mit Ketten fesseln musste.

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Jakin hat uns, in seinen Erläuterungen über Rhazes [5] die Geschichte von einem Schwermütigen bewahrt, dem eine ähnliche Ausschweifung die Auszehrung zugefügt hatte, wozu sich eine Raserei gesellte, die in weniger Tagen sein Leben abkürzte.

[5] Rhazes = Mohammed Abu Bakr Ibn Zakkarija, genannt al-Razi, ist ein persischer Universalgelehrter, 865-925

§ 13

Es ist bekannt, dass Anfälle von der fallenden Sucht, wenn sie mit einer Entgehung des Samens verbunden sind, eine weit größere Erschöpfung  und Betäubung der Sinne (Dummheit) zurücklassen, als andere Parorysmen (wiederkehrende Erkrankungen). Der Beischlaf erregt die Anfälle dieses Übels bei denen, die ihm unterworfen sind. Dieser Ursache schreibt Herr von Swieten die große Ermattung zu, worin sich die Kranken nach öfteren Anfällen befinden. Didier kannte einen Kaufman in Montpellier, der unmittelbar nach jedem Beischlaf einen Anfall von der fallenden Sucht bekam.

Galenus erzählt eine ähnliche Bemerkung und Heinrich von Heers bezeugt eben dasselbe. Ich habe Gelegenheit gehabt, mich selber davon zu überzeugen. Van Swieten hat eine epileptische Person gekannt, die in ihrer Hochzeitsnacht den Anfall bekam. Hofmann kannte eine sehr wollüstige Frau, die nach jedem Beischlaf einen Pororysmus von der fallenden Krankheit (einen epileptischen Anfall) bekam. Hierher gehört, was Boerhaave in seinem Traktat von den Nervenkrankheiten sagt, daß in der Hitze

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der Liebeslust alle Nerven angegriffen werden, so daß bisweilen unmittelbar der Tod darauf erfolgt. Er führte das Beispiel von einer Frau an, die nach jedem Beischlaf in eine ziemlich lange Ohnmacht fiel. Er gedenkt auch eines Mannes, der nach dem ersten Beischlaf gestorben ist, da ein gewaltiger Krampf plötzlich seinen ganzen Körper lähmte. Und ich finde in dem Werk von Sauvages die besondere Bemerkung, die einzig in ihrer Art ist, daß ein Mann zwölf Jahre hindurch, so oft er sich fleischlich vermischte, mit einem Krampf befallen wurde, der den ganzen Körper steif werden ließ. In dieser Zeit hatte er den Gebrauch der Sinne verloren.

Ich kenne verschiedene ähnliche Vorfälle. Herr von Saller hat eine große Anzahl derselben in seinen Anmerkungen über Boerhaaves Institutiones angezeigt und verschiedene andere findet man in den Schriften anderer Beobachter.

Wir haben oben gesehen, daß das Laster der Selbstbefleckung die fallende Sucht zuwege brachte. Dies geschieht vielleicht öfter als man glaubt. Ist es denn verwunderlich, dass durch häufige Wiederholungen dieses Lasters die Anfälle von bösem Wesen (epileptischen Anfälle) sich erneuern, wie ich solches mehr als einmal an Leuten, die eine natürliche Anlage dazu hatten, gesehen habe? Ist es verwunderlich, daß die Selbstbefleckung diese Krankheit unheilbar macht?

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§ 14

Die völlige Steifigkeit des ganzen Körpers, von der Boerhaave redet, ist eine der seltensten Zufälle. Ich hatte sie, als die erste Ausgabe meines Werkes gedruckt wurde, nicht öfter als einmal gesehen, aber im vollständigen Grade. Anfänglich war die Steifigkeit nur im Hals und im Rückgrad, nach und nach aber waren alle Glieder davon betroffen. Als ich diesen unglücklichen Patienten, der noch ein junger Mensch war, einige Zeit vor seinem Tode besuchte, fand ich ihn wie angenagelt in seinem Bette auf dem Rücken liegen. Er konnte sich keine andere Lage geben und weder Hand noch Fuß oder sonst ein Glied bewegen. Er konnte keine anderen Nahrungsmittel genießen, als die, die man ihm in den Mund steckte. Nachdem er noch einige Wochen in dem Zustand lebte, starb er, wie es schien, eines leichten Todes. Oder vielmehr, er verlöschte, wie ein Licht.

Nachher habe ich noch ein anderes schreckliches Exempel einen solchen allgemeinen und tödlichen Steifigkeit gesehen, welches hier angeführet zu werden verdient. Ich wurde am 10. Februar 1760 aufs Land geholt, einen Patienten von 40 Jahren zu besuchen, der sehr stark und robust gewesen war, aber im Wein und im Liebesspiel große Ausschweifungen gemacht, auch öfters durch Reizungen mit der Hand seine Natur zu stark angestrengt hatte. Sein bedenklicher Zustand hatte, bereits vor etlichen Monaten, mit einer Schwachheit in den Beinen angefangen, so daß er im Gehen, wie ein Besoffener wankte. Bisweilen fiel er auf ebenem Wege. Er konnte nicht ohne die größte Beschwerlichkeit eine Treppe hinunter steigen und getraute sich fast nicht mehr aus seinem Zimmer zu gehen. Seine Hände zitterten stark. Es kam ihm sauer an, wenn er nur einige Worte schreiben sollte und er schrieb sie sehr schlecht. Mit dem Diktieren ging es ihm besser vonstatten,

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obwohl man merken konnte, daß ihm die Zunge, die ohnehin niemals sehr geläufig (gesprächig) gewesen ist, etwas schwerer geworden war. Sein Gedächtnis war ihm noch ziemlich treu geblieben und der einzige Umstand, woraus man einige Verletzungen seiner Seelenkräfte schließen konnte, war, daß er nicht mehr mit der vorigen Geschicklichkeit auf dem Dambrett (das Brettspiel „Dame“) spielte und daß er ziemlich verstört im Gesicht aussah. Übrigens hatte er guten Appetit und einen ruhigen Schlaf. Nur fiel es ihm ein wenig schwer, sich im Bett umzudrehen.

Ich kam sogleich auf den Gedanken, daß die Ausschweifungen in Wein und Liebe die erste Ursache seines Übels wären. Seinen häufigen Übungen im Handspiel (Onanie) aber schrieb ich es zu, daß vornehmlich seine Muskeln litten. Die Witterung (das Wetter) war nicht günstig, eine ordentliche Kur vorzunehmen, indessen mußte man doch den Fortgang des Übels zu steuern suchen. Ich riet daher das Reiben mit Flanell (aufgerauhter Wollstoff) über den ganzen Körper und einige stärkende Mittel. Letztere verordnete ich nach und nach in stärkerer Dosis und verordnete, als die Witterung wärmer wurde gleich ein kaltes Bad. Nach einigen Wochen schien das Händezittern schon nicht mehr so heftig zu sein.

Im Monat April wurde seinetwegen ein medizinisches Gutachten abgefaßt, worin man der Meinung war, der Zustand des Patienten rühre daher, daß er sich vor zwei Jahren, etliche Monate lang in einem neu getünchten (gestrichenen) Zimmer aufgehalten habe. Man ließ ihn in lauwarmem Wasser baden, mit fetten Sachen einschmieren und sogenannte schweißtreibende und niederschlagende Pulver einnehmen. Es erfolgte aber keine merkliche Änderung darauf.. Im Juni wurde durch ein zweites Gutachten beschlossen, daß er das Bad zu Leuk, im Walliserlande gebrauchen (besuchen) sollte. Als er von diesem Bade zurückkam, zitterte er noch stärker und war steifer als vorher. Von selbiger Zeit an, nämlich vom September 1760, bis zum Januar 1764, habe ich ihn nicht öfters als drei bis viermal gesehen. Im Jahre 1762

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las ich in einem öffentlichen Blatte, daß in Frankfurt die im Buche „Onania“ gerühmten Mittel zu bekommen wären. Er verschrieb sich selbige, aber sie halfen ihm nichts. Mit eben so schlechten Erfolgen bediente er sich im vorigen Jahre der Arzneien, die ihm ein auswärtiger Medicus verschrieben hatte. Das Übel hat sich, von seinem ersten Anfange an, täglich allmählich verschlimmert. Verschiedene Monate vor seinem Tode konnte er nicht mehr auf seinen Beinen stehen. Er war nicht mehr in der Lage ohne fremde Hilfe seine Arme oder Hände zu bewegen. Das Sprechen ging bei ihm sehr schwer vonstatten und er verlor seine Stimme dergestalt, daß man viel Mühe hatte ihn zu verstehen.

Die erschlafften Muskeln des Kopfes ließen den Kopf immer wieder auf die Brust sinken. Er klagte beständig über seinen Rücken. Schlaf und Appetit verloren sich mehr und mehr. In den letzten Monaten seines Lebens wurde ihm das Schlucken sehr schwer. Seit Weihnachten verspürte er eine Beklemmung in der Brust und ein unordentliches Fieber kam dazu. Seine Augen sahen auf eine besondere Art erstorben aus. Als ich ihn im Januar wieder besuchte, brachte er den ganzen Tag und einen guten Teil der Nacht auf dem Lehnstuhl zu, rückwärts gelehnt, die Beine auf einem Stuhl ausgestreckt. Der Kopf sank alle Augenblicke auf die Brust herab. Es mußte immerfort jemand bei ihm stehen, um seine Lage zu verändern, ihm den Kopf in die Höhe zu halten, ihm Schnupftabak in die Nase zu geben, ihn zu schneuzen und aufmerksam zu vernehmen, was er sagte.

In seinen letzten Tagen konnte er nur noch einzelne Buchstaben und Silben aussprechen, die man aufschreiben und zusammen setzen musste, um zu erfahren, was er sagen wollte. Da er sah, daß ich ihm keine Hoffnung zum Aufstemmen gab, sondern nur einige Linderungsmittel für seine Beklemmung und sein Fieber verordnete, und da er gleich zu gern länger gelebt hätte, so eröffnete er einem seiner Freunde, dem er auftrug

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es mir zu erzählen, die Ursache, der er seine elende Verfassung zuschrieb. Er hätte schon vor verschiedenen Jahren diese schändliche Gewohnheit angefangen und so lange als er gekonnt getrieben. In dem Maße als er darin fortgefahren, sei es immer schlimmer mit ihm geworden. Einige Tage darauf bestätigte er mir ebenfalls dieses Bekenntnis und sagte mir, daß er schon vor etlichen Jahren zu den Arzneien, die im Buche „Onania“ vorgeschlagen sind, seine Zuflucht genommen habe.

§ 15

Die Ausschweifung in der Liebeslust versetzt nicht nur in einen Zustand der Auszehrung, sondern verursacht auch hitzige Krankheiten, verrücket den ordentlichen Gang anderer Krankheiten und macht sie leicht bösartig, welches letztere, meines Erachtens, in nichts anderem besteht, als das der Natur die Kräfte mangeln.

§ 16

Hippokrates hat uns in seiner Geschichte epedemischer Krankheiten die Beobachtung hinterlassen, daß ein junger Mensch, der sich im Trunk und in der Liebe nicht mäßigte, von einem Fieber befallen wurde, das mit den traurigsten und unordentlichsten Zufällen begleitet gewesen sei und ihm das Leben gekostet habe.

Alles, was Hoffmann über diese Materie sagt, verdient hier angeführt zu werden. Nachdem er gezeigt hatte, wie gefährlich es für verwundete Personen ist, sich der Liebesergötzungen zu bedienen, untersucht er die Gefahr des Beischlafs für Leute, die das Fieber haben und bringt ernstlich eine Bemerkung aus dem Fabricius Hildanus [6], welcher erzählt, daß ein Mann,

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nachdem er am zehnten Tage nach einem Seitenstechen, welches sich am siebten Tage nach einem starken Schweiße gelegt hatte, mit einer Weibsperson zu tun gehabt, ein heftiges Fieber und ein starkes Zittern bekommen habe und am dreizehten Tage gestorben sei.

[6] Wilhelm Fabry (auch Wilhelm Fabry von Hilden, Guilelmus Fabricius Hildanus, Fabry von Hilden, Fabricius von Hilden) (1560-1634) gilt als der größte deutsche Wundarzt seiner Zeit und als der Begründer der wissenschaftlichen Chirurgie.

Hierauf teilt er die Geschichte von einem fünfzigjährigen podagrischen Manne (einem Manne, der an der Fußgicht leidet) mit, der dem Trunke und den Frauenzimmern bis zur Ausschweifung ergeben gewesen und in den ersten Tagen seiner Genesung von einem falschen Seitenstechen unmittelbar nach dem Beischlaf mit einem gewaltigen Zittern am ganzen Leibe befallen wurde, wozu sich noch eine außerordentliche Röte des Gesichts einstellte, nebst einem Fieber und allen Zufällen der Krankheit, von welcher er eben genesen war, die aber nunmehr ungleich heftiger waren und ihn in eine weit größere Gefahr setzten, als das erste Mal.

Er erwähnt auch eines Mannes, der, so oft er in der Liebe eine Ausschweifung beging, verschiedene Tage hindurch ein Wechselfieber bekam. Er schließt mit einer Bemerkung des Bartholin, der einen jungen Ehemann kannte, welcher am anderen Tag nach seiner Hochzeit, nach übertriebener ehelicher Lust von einem hitzigen Fieber befallen wurde, mit großer Entkräftung, Ohnmachten, Übelkeiten, Erbrechen, unmäßigem Durst, Phantasieren, Schlaflosigkeit und Beängstigung. Er genaß aber durch Hilfe der Ruhe und einiger stärkender Arzneimittel.

Nic. Thesneau kannte ein junges Paar, das in der ersten Hochzeitswoche ein heftiges anhaltendes Fieber bekam, wobei ihre Gesichter sehr rot und aufgetrieben waren. Der eine Gatte hatte gewaltige Schmerzen am Schwanzbein (Steißbein). Sie starben beide nach wenigen Tagen.

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Vandermonde beschreibt ein Fieber, welches eben dieselbe Ursache zum Grunde hatte, ebenfalls sehr lange anhielt, mit den schrecklichsten Zufällen (Erkrankungen) begleitet war, aber einen glücklicheren Ausgang hatte, als bei den Kranken des Hippokrates. Ich will seine Beschreibung, weil sie ein wenig lang ist, nicht anführen. Ich rate aber den Ärzten, sie in dem Werke selbst, es ist bekannt genug, nachzuschlagen. Weiter unten werde ich von der Kur reden. Herr de Sauvages erwähnt diese Krankheit unter dem Namen: Das hitzige Fieber der Erschöpften. Der Puls solcher Patienten schlägt bald stark und voll, bald schwach und klein. Der Urin ist rot, die Haut heiß und trocken und der Durst beträchtlich. Sie haben Übelkeiten und können nicht schlafen.

Ich habe in den Jahren 1761 und 1762 ein paar junge, sehr gesunde, muntre und starke Eheleute gesehen, bei dem der eine Gatte am ersten, der andere am zweiten Tage nach der Hochzeit ein sehr starkes Fieber ohne einigen Schauder bekamen. Ihr Puls schlug schnell und hart. Sie phantasierten. Er zeigten sich allerlei gelinde krampfartige Bewegungen. Sie schwebten in einer unausstehlichen Unruhe. Ihre Haut war sehr trocken. Der eine Gatte hatte sehr großen Durst und konnte nur sehr kümmerlich das Wasser lassen. Ich meinte anfänglich, dass etwa eine begangene Ausschweifung im Trunke zu diesen Zufällen beigetragen hätte. Aber dieses fand wenigstens bei dem anderen nicht statt. Sie wurden in zwei Tagen wieder hergestellt, ein Umstand, den, wenn man ihn mit der Zeit des Eintritts der Krankheit und mit ihren Kennzeichen vergleicht, keinen Zweifel über die Ursachen derselben zurück läßt.

§ 17

Traurige Beobachtungen haben mich belehrt, daß hitzige Krankheiten bei den Selbstbefleckern allemal sehr

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gefährlich sind, denn sie haben bei denselben nicht ihren ordentlichen Gang. Es schlagen sich wunderliche Zufälle dazu und die Parorysmen (wiederkehrende Erkrankungen) halten nicht ihre sonst gewöhnlichen Perioden. Die Natur versagt den Beistand. Die (ärztliche) Kunst soll hier alles tun. Da diese aber niemals eine vollständige Scheidung (Heilung) bewirkt, so bleibt der Patient, wenn die Hauptkrankheit nach vieler Mühseligkeit überstanden ist, noch immer in einem schwächlichen Zustand und gelangt nicht zur vollen Wiedergenesung, sofern er nicht fortfährt, sich in allen Stücken auf alle nur erdenkliche Weise in Acht zu nehmen.

Unterläßt er diese Sorgfalt, so verfällt er in eine langwierige Krankheit, vor welcher bereits Fonseca gewarnt hatte: „Viele junge Leute,“ sagt er, „selbst die stärksten nicht ausgenommen, können von einer einzigen Nacht, da sie sich im Genusse der Liebe zu stark angegriffen, entweder ein hitziges Fieber bekommen, daß sie ins Grab wirft oder in verdrießliche Krankheiten geraten, womit sie sich immerfort plagen müssen, denn wenn der Körper durch übertriebene Ausschweifungen in der Liebe geschwächt ist und es kommt eine hitzige Krankheit dazu, so ist keine Hilfe mehr übrig.“

Ein Knabe, noch keine sechzehn Jahre alt, war dem Spiele der Selbstbefleckung so rasend ergeben, daß zuletzt bei ihm anstatt des Samens lauter Blut abging, auf dessen Ergießung sich die peinlichsten Schmerzen nebst einer Entzündung aller Zeugungsorgane einstellten. Man fragte mich, als ich eben auf dem Lande war, seinetwegen um Rat. Ich verordnete sehr erweichende Umschläge, welche die erwartete Wirkung hatten. Ich hörte aber nachher, daß er kurz darauf an den Pocken starb. Ich zweifle nicht daran, daß die Gewalt, die er seiner Natur vorher bei der Treibung seines schändlichen Spiels angetan hatte, sehr viel dazu beigetragen hat, die letztere Krankheit tödlich zu machen. Welche Warnung für junge Leute.

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§ 18

Alle diejenigen, die öfter Gelegenheit haben Kuren der Lustseuche anzustellen, wrden bezeugen, daß bei Personen, die ihre Kräfte durch starke Ausschweifungen erschöpft haben, diese Krankheit nicht selten tödlich ist. Ich habe die schrecklichsten Beispiele in dieser Art gesehen.



5. Abschnitt - Folgen der Selbstbefleckung bei dem weiblichen Geschlechte     Top

§ 19

Die vorherigen Bemerkungen schienen alle, bis auf die von Herr Stähelin, hauptsächlich nur die Männer anzugehen. Ich würde diese Materie unvollständig abhandeln, wenn ich nicht auch das weibliche Geschlecht belehrte, daß es von Betretung eben derselben schlimmen Bahn gleiche Gefahren zu erwarten habe, da alle vorher beschrieben Übel schon mehr als einmal bei Frauenzimmern eingetroffen sind und daß man noch alle Tage die bejammennswürdigsten Schlachtopfer dieser schändlichen Selbstbefriedigung aufweisen könne.

Im Buche „Onania“ stehen eine Menge solcher Geständnisse, die man nicht ohne Schaudern und Mitleid lesen kann. Es scheint sogar, daß diese Übel bei Frauen wirksamer sind (schlimmere Erkrankungen hervorbringen) als bei Männern. Außer allen bereits angeführten Zufällen (Erkrankungen) sind sie noch vielen anderen Übeln ausgesetzt, wozu ich folgende zähle:

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die grausamsten Mutterbeschwerungen oder Mutterdünste, unheilbare Gelbsucht, grausamer Krampf im Magen und Rücken, empfindliche Schmerzen in der Nase, weißer Fluss, dessen Schärfe eine beständige Quelle beißender Schmerzen ist. Vorfall der Gebärmutter, Geschwüre derselben, nebst allen daraus entspringenden betrübten Folgen, Verlängerung des Kitzlers (clitoris) und Flechten daran, die Mutterwut (furor uterinus), die, indem sie gleichzeitig die Scham und die Vernunft raubt, solche Personen zu den geilsten und unvernünftigsten Tieren herabstuft, bis ein verzweiflungsvoller Tod sie den Schmerzen und der Schande entreißt.

§ 20

Das Gesicht, dieser getreu Spiegel des Zustandes der Seele und des Körpers läßt uns die Unordnung, die inwendig vorgeht, zuerst wahrnehmen. Das derbe gesunde Fleisch und die frische Farbe, die zusammen jenes jugendliche Ansehen verschaffen, daß oft ganz allein die Stelle der Schönheit vertritt und ohne welches die Schönheit sich noch kaum eine kalte Bewunderung erwirbt, verlieren sich als erstes. Gleich darauf erfolgen Magerkeit, bleifärbige Wangen, Sprödigkeit der Haut, die Augen verlieern ihren Glanz, trüben sich und kündigen durch ihre Mattigkeit den Verfall der ganzen Maschine an. Die Lippen verlieren ihre angenehme Röte, die Zähne ihre Weiße und nicht selten gewinnt die ganze Leibesgestalt ein unförmliches Wesen.

Die sogenannte Englische Krankheit (Rachitis, beruht auf Calciummangel), die der geringe Mann doppelte Glieder nennt, befällt nicht, wie der große Boerhaave geschrieben hat, nur Kinder unter den Jahren (kleine Kinder). Der Fall ist gar nicht ungewöhnlich, daß bei jungen Männern und Frauen, insbesondere aber bei letzteren, nachdem sie bis in ihr achtes, zehntes,

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zwölftes, vierzehntes, ja sogar bis in ihr sechzehntes Jahr wohlgestaltet waren, nach und nach durch Krümmung des Rückgrades eine nachteilige, oft sehr beträchtliche Veränderung ihrer Gestalt vorgeht. Es ist hier nicht der Ort, diese Krankheit und ihre Ursachen, umständlich zu beschreiben. Hippokrates hat schon zwei Urachen derselben angezeigt. Ich werde vielleicht in einem anderen Werke Gelegenheit finden, dasjenige mitzuteilen, was mich verschiedene Bemerkungen wegen dieser Krankheit belehret haben. Ich begnüge mich jetzt damit, überhaupt anzuzeigen, daß unter den Dingen, die sie veranlassen, die mutwillige Selbstbefleckung beinahe den ersten Rang einnimmt.

Hoffmann hat bereits gesagt, daß junge Leute, wenn sie, bevor sie ihr volles Wachstum erreicht haben, der Liebeslust stark ergeben sind, mager werden, und anstatt fortzuwachsen, einkriechen. Man kann auch leicht erachten, daß eine Ursache, die den Wachstum selbst gänzlich hemmen kann, um so viel eher vermögend sein müsse, den ordentlichen Fortgang desselben zu stören und diejenigen Ungleichheiten in seinem Fortrücken hervorzubringen, die zur Entstehung der englischen Krankheit das ihre beitragen.

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§ 21

Ein Zufall, welcher beiden Geschlechtern gemeinsam ist, und dessen ich darum im gegenwärtigen Abschnitt erwähne, weil er bei Frauen am häufigsten vorkommt, ist dieser, daß die schändliche Sucht der Selbstbefleckung eine große Gleichgültigkeit für die rechtmäßigen ehelichen Umarmungen (für den ehelichen Beischlaf) nach sich zieht, sogar selbst dann, wenn Trieb und Kräfte noch nicht erstorben sind. Eine Gleichgültigkeit, die nicht nur so viele verleitet, im ehelosen Stande zu bleiben, sondern die sie auch bis ins Brautbett begleitet.

Eine Frau in der Sammlung Doktor Bekkers gesteht, es habe sich diese Gewohnheit dergestalt ihrer Sinne bemeistert, daß sie die rechtmäßigen Mittel, den Kitzel des Fleisches zu stillen, verabscheue. Ich selbst kenne einen Mann, der diese Gräuel von seinem ehemaligen Hofmeister (Hauslehrer) gelernt hatte und der hernach im Anfang seiner Ehe eben denselben Ekel gegen die eheliche Lust empfand. Seine Bekümmerniss deswegen und die Erschöpfung seiner Kräfte, die er seinem bösen Handgriffe zu verdanken hatte, versetzte ihn in eine tiefe Schwermut, die sich jedoch durch den Gebrauch nervenstärkender Mittel wieder verlor.

§ 22

Ehe ich weitergehe, wird man mir erlauben, daß ich alle Väter und Mütter ersuche ihre Betrachtung darüber anzustellen, daß der Lehrmeister dieses letzteren Patienten sein Verführer gewesen, denn ich bin versichert, daß viele junge Leute dieses Laster aus keiner anderen Quelle geschöpft haben. Kann man sich in der Wahl derer, denen man die wichtige Sorge anvertraut, den Verstand und das Herz der Jugend zu bilden, so sehr betrügen? Was hat man nicht von anderen Lehrmeistern zu befürchten, um deren Sitten man sich nicht so genau zu kümmern pflegt, weil sie nur die körperlichen Talente der Jugend entwickeln helfen sollen?

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Und was hat man erst von Bedienten zu erwarten, die man dinget ohne nur im Geringsten nach ihren Sitten zu fragen. Wir haben gesehen, daß das Kind, von welchem ich oben nach Anleitung des Herrn Rast geredet habe, von einer Dienstmagd zu dem bösen Spiel unterwiesen wurde. Die englische Sammlung ist voll solcher Beispiele. Ich könnte eine nur allzu große Anzahl junger Pflanzen nennen, die der Gärtner, durch dessen Sorgfalt sie eine gute Richtung bekommen sollten, verdorben hat. Es gibt in dieser Art von Verarbeitung Gärtner und Gärtnerinnen. Wie ist aber, wird man mir einwenden, diesem Übel abzuhelfen? Die Antwort gehört nicht in mein Fach. Ich will sie also kurz einrichten.

1. Man muß auf die Wahl eines Lehrmeisters die größte Aufmerksamkeit wenden und auf ihn und seinen Untergebenen diejenige Wachsamkeit haben, durch welcher ein sorgfältiger und verständiger Hausvater das, was in den dunkelsten Winkeln seines Hauses vorgeht, entdecken kann: dasjenige scharfe Auge, welches das Geweih eines Hirsches gewahr wird, worüber alle anderen hinweggesehen haben. Kurz, eine Achtsamkeit, die ein jeder haben kann, wenn er sie nur haben will.

Docoit enim fabula, dominum videre plurimum in rebus suis

2. Man darf junge Leute nie mit verdächtigen Lehrmeistern alleine lassen und ihnen eine Gelegenheit zum genauen Umgange mit den Bedienten benehmen.

§ 23

Vor nicht allzu langer Zeit verfiel eine unverheiratete junge Frau von achtzehn Jahren, die sonst sehr gesund gewesen war, in eine erstaunenswürdige Schwäche. Ihre Kräfte nahmen täglich ab. Den ganzen Tag

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über war sie matt und müde. Des Nachts kam kein Schlaf in ihre Augen. Aller Appetit war weg und der ganze Körper aufgedunsen. Sie zog einen geschickten Wundarzt zu Rate, der, nachdem er sich versichert hatte, daß keine Unordnung in Ansehung der monatlichen Reinigung (Periode) vorgegangen war, auf den Gedanken kam, daß irgend sonst ein artiger Zeitvertreib an ihrem Zustande Schuld sein möchte. Die Wirkung, die seine erste Frage bei der Patientin auslöste, bestärkte ihn in seinem Argwohn, denn bald darauf verwandelte sich ihr Geständnis in eine Gewissheit. Er gab ihr die Gefahr ihres bisherigen Spiels zu verstehen. Sie ließ davon ab und gebrauchte einige Arzneimittel, worauf sie nach einigen Tagen eine merkliche Besserung verspürte.

§ 24

Außer der Masturbation oder Selbstbefleckung mit der Hand, gibt es noch eine andere schändliche Art der Befleckung, welche mit dem Kitzler geschieht und deren Ursprung, soweit er bekannt ist, aus den Zeiten des zweiten Sappho [7] hergeleitet wird.

[7] Sappho (612-570 v.Chr.) war eine antike griechische Dichterin, die in Mytilene und auf der Insel Lesbos lebte. Viele ihrer Lieder hatten homoerotische (gleichgeschlechtliche) Anklänge und bezogen sich auf die Liebe zwischen Frauen. Dies lässt sich noch heute an den Bezeichnungen „lesbisch“ und etwas seltener „sapphisch“ erkennen, die für weibliche Homosexualität gebraucht werden.

Lesbides, infamen quae me fecistis amatae

Diesem Laster wurde zu jener Zeit, da alle guten Sitten in Rom verbannt waren, unter den Frauen gefrönt und wurde sehr oft zum Gegenstand erotischer Gedichte und Spottschriften desselben Jahrhunderts.

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Die Natur, bei ihren mannigfaltigen Spielen, gibt einigen Frauen eine halbe Ähnlichkeit mit Männern und da man diese Sache nicht hinlänglich untersucht hat, so entstand daraus ein Hirngespinst von den Zwittern, welches man viele Jahrhunderte hindurch geglaubt hat. Das ganze Wunderwerk rührt von der übernatürlichen Größe eines, gewöhnlichermaßen sehr kleinen Teilchens her, von welchem Herr Tronchin eine gelehrte Abhandlung geschrieben hat. Das Laster von dem hier die Rede ist, beruht auf dem Missbrauch dieses Teilchens. Es fanden sich unvollkommene Frauen, die vielleicht stolz darauf waren, in gewissen Stücken den Männern zu gleichen, und aus dieser Ursache sich männliche Verrichtungen anmaßten. In Griechenland hießen sie Tribades (Reiberinnen, Kratzerinnen). Es gibt noch immer Ungeheuer dieser Art und junge Frauen lassen sich desto williger von ihnen verführen, weil diese schändliche Handlung von eben der Sicherheit begünstigt wird, um deren Willen, wie Juvenal erwähnt, viele Römerinnen seiner Zeit einen so vorzüglichen Reiz in der Liebe der Verschnittenen (Kastrierten) fanden.

quod abortivo non est opus (Es gibt Frauen, die haben durch die Bank (dauernd) ihren Spaß mit schwächlichen Eunuchen oder mit den Küssen von Weichlingen, weils da kein Abtreibungsmittel braucht.)

Sie haben dabei nicht diejenigen Folgen (einer Schwangerschaft) zu befürchten, welche, da sie sich nicht verbergen lassen, die begangenen Schwachheiten ans Tageslicht bringen. Solchergestalt werden die unschuldigen Mitverbrecherinnen in ein Laster verstrickt, dessen Gefahr sie sich selbst argwohnen, obwohl solche nicht geringer ist, als bei den anderen Arten der Selbstbefleckung, denn die Folgen davon sind ebenso schrecklich. Alle diese Wege führen zur Erschöpfung der Kräfte, zu Mattigkeit, zu Schmerzen und zum Tod. Ich habe die letztere Gattung um so weniger mit Stillschweigen übergehen können, da sie in unseren Tagen sehr gewöhnlich ist, denn es würde nicht viel Mühe kosten, mehr als eine Laufstelle, mehr als eine Medullina [8] ausfindig zu machen, die, ebenso wie jene Römerinnen die Gaben der Natur (den Orgasmus) wohl so hoch schätzten, daß sie glaubten, es sei ihnen erlaubt, die Unterschiede der Geschlechter zu ignorieren.

[8] Livia Medullina war die Verlobte des römischen Kaiser Claudius. Sie starb am Tag der Hochzeit.

Man hat vor einigen Jahren eine junge Dame gesehen, die in eine junge Frau, die sie nach ihrem Wunsche befand, so rasend verliebt war,

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daß sie die heftigste Eifersucht gegen einen berühmten Gelehrten hegte, der sich ebenfalls um die Liebe dieser Frau beworben hatte.

§ 25

Es ist Zeit, daß ich mit meinen traurigen Beschreibungen aufhöre. Ich werde müde, die Schande der Menschheit und ihr Elend zu schildern. Ich mag nicht noch mehrere Begebenheiten dieser Art hier anhäufen. Diejenigen, die mir noch rückständig sind (über die ich noch nicht berichtet habe), werde ich anderswo am  gehörigen Orte berühren. Ich schreite zur Untersuchung der Ursachen, nachdem ich folgende allgemeine Anmerkung werde gemacht haben.

Junge Leute, die mit einer schwächlichen Leibesbeschaffenheit auf die Welt gekommen sind, haben von einem gleichen Grade der Selbstbefleckung weit mehrere Übel zu befürchten, als diejenigen, die von Geburt an einen starken Körper besitzen. Keiner entgeht der Strafe, aber nicht alle erfahren sie in gleicher Schärfe. Insbesondere diejenigen, die mit einer Erbkrankheit durch Vater oder Mutter belastet sind, oder diejenigen, die mit einem Ansatz von Podagra (Gicht am Großzehengrundgelenk), zum Stein, zur Zehrung oder zu Kröpfen haben, oder die bisweilen einen bedenklichen Husten, Engbrüstigkeit, Blutspeien, Schmerzen an einem besonderen Teil des Kopfes, oder die fallen Sucht bekommen, oder die zur englischen Krankheit (Rachitis) geneigt sind, alle diese Unglücklichen dürfen fest versichert sein, daß jede Begehung solcher Ausschweifungen, sicherlich die Erscheinung der Übel, die sie befürchten, beschleunigt, die Anfälle derselben unendlich verschlimmern und sie in der Blüte ihrer Jahre allen Schwachheiten des gebrechlichen Alters unterwerfen.

Tartareas vivum constat inire vias.

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Zweiter Teil - Die Ursachen     Top

1. Abschnitt: Die Wichtigkeit der Samenfeuchtigkeit

§ 26

Warum bringt ein allzustarker Samenverlust alle zuvor beschriebenen Übel zuwege? Dieses ist es, was ich jetzt untersuchen werde. Man kann diese Ursachen auf zwei einschränken: Die Beraubung dieses Saftes und die Umstände, welche die Auslassung desselben begleiten. Eine anatomische Beschreibung der Werkzeuge (der Sexualorgane), die ihn absondern, mehr oder weniger wahrscheinliche Mutmaßungen über die Art und Weise, wie diese Absonderung geschieht; und Beobachtungen über seine merkliche Eigenschaft, würden Dinge sein, die hier nicht am rechten Orte stehen. Hier kommt es nur darauf an, die Nützlichkeit des Saftes durch die Zeugnisse der ehrwürdigen Ärzte, einige davon habe ich bereits angeführt, zu beweisen und seine Wirkungen auf den Körper zu bestimmen. Im folgenden Abschnitt sollen die Wirkungen untersucht werden, die von den Umständen abhängen, womit die Auslassung des Samens begleitet wird.

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§ 27

Hippokrates hat geglaubt, dieser Saft werde aus dem ganzen Körper, insbesondere aber aus dem Kopfe, abgesondert. „Der Same des Menschen,“ sagt er, „kommt aus allen Feuchtigkeiten seines Körpers und ist der wichtigste Saft desselben. Zum Verweise dient die Schwachheit, welche diejenigen empfinden, die durch fleischliche Vermischeng einen Teil desselben verlieren, so gering er auch immer sein mag. Es erstrecken sich aus allen Teilen des Körpers Blutadern und Nerven, nach den Zeugungsteilen hin. Wenn diese angefüllt und erhitzt sind, so empfinden sie einen Kitzel, der, in dem er sich durch den ganzen Körper verbreitet, denselben mit Hitze und Lust erfüllet. Die Säfte geraten in eine Art der Gährung, welche das kostbarste am meisten balsamische davon absondert, und dieser solchergestalt von dem übrigen abgesonderte Teil geht durch das Mark des Rückgrads nach den Zeugungsteilen hin.“

Galenus macht sich eben diese Begriffe davon: „Dieser Saft,“ sagt er, „ist nichts anderes als der allersubtilste Teil aller anderen Säfte. Er hat seine Blutadern und Nerven, die ihn aus dem ganzen Körper in die Hoden führen.“ „In dem man Samen verliert,“ sagt er anderwo, „verliert man zugleich Lebensgeister. Also darf man sich nicht wundern, daß ein allzuhäufiger Beischlaf entkräftet, weil er den Körper seiner allerfeinsten Materie beraubt.“ Eben dieser Verfasser hat uns in seiner Geschichte der Phlosophie, die verschiedenen Meinungen der alten Weltweisen über diese Sache aufbewahrt. Man erlaube mir, einige derselben hier aufzuführen.

Aristoteles, dessen physikalische Werke hoch geschätzt bleiben werden,

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solange man den Wert guter Bemerkungen und die verdienstvolle und mühselige Unternehmung, die erste Bahn dazu zu öffnen, erkennen wird, nennt den Samen die Aussonderung des letzten Nahrungssaftes (mit deutlichen Worten, den feinsten und vollkommensten Teil unserer genossenen Nahrung), welche die Kraft hat, Körper wieder hervorzubringen, die demjenigen Körper, der ihn (den Samen) hervorgebracht hat, ähnlich sind. Pythagoras sagt: „Der Same ist der feinste Teil des allereinsten Blutes.“ Alkmäon, sein Schüler, ein großer Naturkundiger und Arzt, einer von den ersten, die den großen Nutzen, Tiere aufzuschneiden und zu zergliedern, eingesehen haben und der unter allen heidnischen Weltweisen die richtigen Begriffe von der Natur der Seele zu haben schien, Alkmäon, sage ich, hielt den Samen [9] für einen Teil des Gehirns.

[9] Ich möchte an dieser Stelle noch eine Anmerkung machen. Wenn wir vom Samen sprechen, dann sind damit die Spermien gemeint, die im Hoden und Nebenhoden produziert werden. Das Sperma (Ejakulat) dagegen setzt sich aus verschiedenen Drüsensekreten zusammen, die dem Spermien beigefügt werden. Das Sperma ist eine Mischung aus verschiedenen Hormonen (Testosteron, Dopamin, Noradrenalin, Tyrosin, sowie die Bindungshormone Oxytocin und Vasopressin, verschiedene Östrogene, Pheromone, Antidepressiva und ß-Endorphin...), Mineralien (Natrium, Kalium, Zink, Magnesium, Kalzium, Phosphor, Eisen, Kupfer, Schwefel, Chlor, Stickstoff...), Spurenelementen, Aminosäuren, Proteinen, Vitaminen, Lecithinen, Cholesterin, usw, die in unterschiedlichen Sexualorganen (Sexualdrüsen: Hoden, Nebenhoden, Samenleiterampulle, Samenbläschendrüse, Prostata, Cowpersche Drüse, Littre-Drüsen) zu ihrem jeweiligen Zweck produziert werden.

Erst vor wenigen Jahren hat ein berühmter Arzt das System Alkmäons übernommen und erweitert. Er zeigte die Wege an, durch welche das Gehirn nach den Hoden geht, die er nicht für Drüsen, sondern für Nervenknoten hält und demnach alle Erscheinungen der venerischen Erschöpfung durch eine Vergeudung des Gehirns erklärt.

Plato betrachtete diesen Saft als einen Auslauf des Marks im Rückgrad. Demokritus war der Meinung des Hippokrates und Galenus. Epikur, dieser verehrenswerte Mann, der besser als irgendjemand eingesehen hat, daß der Mensch nur durch die Ergötzungen glücklich ist, der aber zugleich diese Ergötzungen durch Regeln eingeschränkt hat, deren sich ein Held im Christentum nicht zu schämen braucht. Epikur, dessen Lehre durch die Stoiker so grausam verunstaltet und verschrien wurde, daß die, welche sie aus keinem anderen Kanal, als aus den Schriften der Stoiker kannten, sich verleiten ließen, diesen für einen liederlichen Kerl zu halten, der doch, wie der vortreffliche Erzbischof Fenelon sagt, ein Muster

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der Enthaltsamkeit war und jederzeit den ordenlichsten Lebenswandel führte.

Ich füge hinzu, ein Mann, dessen Grundsätze den schärfsten Tadel der Lehren seiner vorgeblichen Anhänger in den neueren Zeiten in sich halten, die, da sie nur seinen Namen kennen, denselben auf eine höchst unanständige Art missbrauchen, um ihren ehrlosen Grundsätzen, die er verabscheuen würde, ein Ansehen zu verschaffen. Ein Mann dessen Gedächtnis wahrheitsliebende Weltweise nicht so schimpflich sollten entehren lassen; woferne anders ehrlose Leute imstande sind, jemandes guten Namen zu schmälern. Dieser Epikur, sage ich, hielt den Samen für ein Teilchen der Seele und des Körpers und gründete auf diesen begriffen seine Ermahnungen, diesen Saft sorgfältig zu rate zu halten.

Obgeich die Meinungen (der Ärzte und Philosophen) in einigen Stücken voneinander abgehen, so beweisen sie doch alle, daß man diesen Samen für etwas sehr kostbares gehalten habe.

§ 28

Man hat die Frage aufgeworfen, hat der Same viel Ähnlichkeit mit einem anderen Saft und ist er mit derjenigen Flüssigkeit einerlei (eins), die unter dem Namen der Lebensgeister durch die Nerven läuft, zu allen, nur einigermaßen wichtigen Verrichtungen der tierischen Maschine das Ihrige beiträgt und deren Verderbnis so häufige und so bedenkliche Zufälle von mancherlei Art nach sich zieht? Um auf diese Frage gründlich zu antworten, müßte man die Natur beider Säfte auf`s genaueste kennen. Aber wir sind von dieser Stufe der Einsicht noch unendlich weit entfernt und können nur einige sinnreiche und wahrscheinliche Mutmaßungen vortragen.

Es läßt sich leicht begreifen, sagte Hoffmann, wie ein so genaues Verhältnis zwischen dem Gehirne und dem Hoden stattfinde, weil diese zwei Werkzeuge die allerfeinste

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und allererlesenste weiße gallertartige Feuchtigkeit (Lymphe), welche bestimmt ist, allen Teilen Kraft und Bewegung zu geben und selbst zu den Äußerungen des Seelenvermögens behilflich zu sein, aus dem Blute abscheiden. Es ist auch unmöglich, daß eine allzuhäufige Verschwendung dieser Säfte die Kräfte der Seele und des Körpers nicht äußerst schwächen sollte. „Der Samen,“ sagt er an an einem anderen Orte, „verteilt sich, wie die durch das Gehirn abgesonderten Lebensgeister in allen Nerven des Körpers. Er scheint einerlei Natur mit jenem zu haben. Daher kommt es, daß, je mehr Samen verloren geht, desto weniger Lebensgeister werden abgesondert. “ [10]

[10] Wenn Tissot hier von Lebensgeister spricht, so würde ich diese Geister nicht als überirdische Wesen verstehen, sondern ich würde sie als Körperflüssigkeit verstehen, die Vitamie, Mineralien, Hormone, Proteine, usw. enthält, also als eine energiehaltige Materie, die in der Lage ist, für das Wohlbefinden des Menschen zu sorgen.

Herr von Gorter ist eben der Meinung: „Der Same ist der vollkommenste, wichtigste und am besten ausgearbeitete Teil der tierischen Säfte. Er ist das Resultat aller Verdauungen. Sein genauer Zusammenhang mit den Lebensgeistern beweist, daß er, so wie sie, seinen Ursprung aus den allervollkommensten Säften zieht.“ Kurz, er erhellet aus diesen Zeugnissen und aus einer Menge anderer, die ich nicht nötig habe anzuführen, daß der Same ein Saft ist, woran unendlich viel gelegen ist. Man könnte ihn das wesentliche Öl der tierischen Säfte nennen oder vielleicht noch richtiger, den feinsten Geist, dessen Verschwendung eine Schwächung der anderen Säfte und gleichsam ein Verduften derselben nach sich zieht.

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§ 29

Es mag, wird man mir eingestehen, an diesem Safte freilich viel gelegen sein, weil er aus den anderen Säften abgesondert und in seine eigenen Behältnisse gesammelt wird. Aber wozu mag er eigentlich dem Körper dienen? Man gibt zu, daß eine allzu starke Ausleerung solcher Säfte, die ihren wirklichen Umlauf in den Gefäßen halten und mithin die Nahrung des Körpers befördern helfen, dergleichen das Blut, das Blutwasser (Serum), das Fließwasser (Lymhe) und anderer dergleichen sind, schwächen müssen. Aber weit schwerer ist zu begreifen, wie ein Saft, der nicht zirkuliert, der ganz für sich alleine ist, diese Wirkung hervorbringen kann? Hierauf antworte ich: Erstens, dass wirkliche Beispiele von dieser Wirkung, Beispiele, die allzu häufig vorkommen, als daß sie nicht jedem bekannt wären, diesem Einwurf hätten zuvor kommen lassen.

Man lasse mich nur ein einziges Beispiel anführen. Wer ists, der nicht bereits gesehen hätte, daß eine auch nur mittelmäßige und nicht lange anhaltende Ausleerung der Milch, eine säugende Person, wenn ihre Gesundheit nicht die stärkste ist, dermaßen schwächt, daß sie es in ihrem ganzen übrigen Leben nicht verwinden kann. Selbst die stärkste Amme kann, nach Verlauf einer gewissen Zeit, die Ausleerung (ohne eine gesundheitliche Beeinträchtigung) nicht länger aushalten. Die Ursache davon ist leicht einzusehen, denn in dem die Behältnisse, welche bestimmt sind, einen Saft aufzunehmen, gar zu oft ausgeleert werden, so müssen, aus einer notwendigen Folge, die in den Gesetzen der Mechanik gegründet sind, die Feuchtigkeiten desto häufiger ihren Zufluß dahin nehmen. Dadurch wird diese Absonderung übermäßig. Alle anderen Absonderungen leiden dadurch, insbesondere das Nahrungsgeschäft, das ebenfalls unter die Zahl derselben zu rechnen ist. Der Körper erkrankt und ermattet.

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Zweitens, es läßt sich aber in Ansehung des Samens eine Antwort geben, die bei der Milch nicht stattfindet. Die Milch ist ein Saft, welcher bloß nährend ist und dessen allzu starke Absonderung nicht weiter schadet, als insofern sie die Quantität der Feuchtigkeit zu sehr verringert. Der Same hingegen ist eine wirksame Feuchtigkeit, deren Gegenwart einen notwendigen Einfluß auf die Triebfedern der Bewegung hat. Dieser Einfluß hört auf, wenn man den Samen ausleert. Deshalb ist der Same ein Saft, dessen Ergießung aus zweifacher Ursache schadet. Ich will mich deutlicher erklären. Es gibt Feuchtigkeiten wie z.B. der Schweiß oder Ausdünstungen, die den Körper im selben Augenblick verlassen, indem sie von den anderen Feuchtigkeiten abgesondert und aus den Gefäßen des Umlaufs hinausgetrieben werden.

Es gibt noch andere Feuchtigkeiten, wie z.B. der Urin, die nach einer solchen Absonderung und Austreibung, noch eine gewisse Zeit, in den zu ihrer Aufnahme bestimmten Gefäßen verharren (zum Beispiel in der Blase) und nicht eher daraus weggehen, bis sie sich in so großer Menge darin angesammelt haben, daß dadurch in ihren Behältnissen ein Reiz entsteht, der sie mechanisch nötigt, sich zu ergießen.

Es gibt noch eine dritte Art Feuchtigkeiten, welche geleich denen von der zweiten Art abgesondert und in Behältnissen aufbewahrt wird, aber nicht in der Absicht, daß sie, wenigstens nicht ganz, ausgeleert werden sollen, sondern vielmehr, damit sie in diesen Behältnissen eine Vollkommenheit erlangen, die sie, wenn sie wiederum in der Masse der anderen Säfte zurücktreten, neue Aufgaben übernehmen können. Hierher gehört unter anderem der Zeugungssaft. Im Hoden abgesondert, geht er von da durch einen ziemlich langen Kanal in die Samenbläschen und wird (beim Orgasmus) durch die (Kontraktion der) Sauggefäße (den Samenleiter) beständig zurückgepumpt und immer und immer näher in die allgemeine Masse der Feuchtigkeiten zurückgeführt. Diese Wahrheit läßt sich durch vielerlei Erweise aufzeigen. Wir wollen uns hier nicht mit einem einzigen begnügen.

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Männliche Geschlechtsorgabe
Abbildung 1: Männliche Anatomie

Männliche Genitalien
Abbildung 2: Männliche Genitalien

Erläuterung zu Abbildung 2 – Männliche Geschlechtsdrüsen:

1. Hoden (Testis)
1a. Ductuli efferentes (Verbindung zwischen dem Hoden und dem Nebenhoden), nicht gekennzeichnet
2. Nebenhoden
2a. Nebenhodenschwanz (Cauda epididymidis), nicht gekennzeichnet
3. Samenleiter (Ductus deferens )
4. Samenleiterampulle (Ampulla ductus deferentis)
5. Samenbläschen (Glandula vesiculosa)
6. Ductus ejaculatorius (Endabschnitt des Samenleiters in der Prostata)
7. Prostata
8. Ausführungsgänge der Prostata in die Harnröhre
9. Cowper-Drüsen (Glandulae bulbourethrales)
10. Littre Drüsen (Glandulae urethrales)
11. Harnröhre (Urethra)
12. Harnblase

Bei einem gesunden Mann geht in den Hoden beständig eine Absonderung dieses Saftes vor sich. Er begibt sich in seine Behältnisse, die ziemlich klein sind, und vielleicht nicht einmal so viel, wie an einem Tag abgesondert wird, in sich fassen können. Gleichwohl gibt es Leute, die die Gabe der Erhaltung in so hohem Grade besitzen, dass sie die ganzen Jahre lang keinen Samen vergießen. Was würde also aus diesem Safte werden, wenn er nicht beständig in die Gefäße des Umlaufs zurück träte? Und zwar ist der besondere Bau der sämtlichen Werkzeuge, die zur Absonderung, zum Durchgange und zur Bewahrung dieses Saftes dienen, dem Zurückflusse desselben überaus beförderlich.

Die Blutadern sind daselbst weit größer als diePulsadern, und man findet jene, nach Proportion der letzteren, am ganzen Körper nirgends so groß, wie hier. Es ist auch wahrscheinlich, daß dieses Zurückpumpen nicht lediglich allein in den Samenbläschen geschieht, sondern bereits im Hoden, in den oberen (2) Hodendrüsen (Epididimes = Nebenhoden), die eine Art von ersten Behältnissen sind, die an den Hoden angehängt sind (bzw. auf den Hoden aufgesetzt sind), was auch in dem zuführenden Gange vor sich geht, welcher derjenige ist, wodurch der Same aus dem Testikel (Hoden) nach dem Samenbläschen geht.

Schon Galenus hat gewußt, daß die Säfte sich von dem zurückbehaltenen Samen bereicherten, obwohl ihm gleich der Mechanismus davon unbekannt war. „Alles ist voll Saft,“ sagt er bei denen, die nichts mit Frauenpersonen zu tun haben. Aber diejenigen, die sich oft mit ihnen vermischen, sind bei weitem nicht so saftreich.

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Er gibt sich auch viel Mühe, ausfindig zu machen, wie es angeht, daß eine kleine Portion Samen den Körper so stark macht. Schließlich kommt er zu der Überzeugung, daß dieser Saft eine angenehme Kraft habe und er könne sogleich sehr geschwinde allen Teilen des Leibes etwas von seiner Kraft mitteilen (abgeben). Er beweist hierauf durch viele Beispiele, daß eine geringe Ursache oft große Wirkungen hervorbringen kann und schließt mit den Worten: „Ist es denn eine so unbegreifliche Sache, daß die Hoden einen Saft verschaffen (erzeugen), welcher geschickt ist den ganzen Körper mit neuer Kraft zu beleben?“

Es bringet ja das Gehirn die Empfindungen und Bewegungen hervor und das Herz gibt den Pulsadern die Kraft zu schlagen. Ich werden diesen Abschnitt mit dem beenden, was einer der größten Männer unseres Jahrhunderts vom Samen sagt: „Der Same wird im Samenbläschen so lange aufgehalten, bis der Mensch Gebrauch davon macht oder bis die nächtlichen Abgänge ihn desselben berauben. [11] Während dieser ganzen Zeit reizt der darin enthaltene Vorrat das Tier zum Werke der Begattung. Aber der größte flüchtigste, balsamischte und kräftigste Teil dieses Samens wird in das Blut zurückgepumpt und bringt, indem es ins Blut eintritt, erstaunliche Veränderungen darin hervor: zeuget den Bart, die Haare, die Hörner, verändert die Stimme und die Sitten, denn nicht das Alter bringt diese Veränderungen bei den Tieren hervor, sondern allein der Same ist's, der wirkt. Man wird diese Veränderungen niemals an Verschnittenen (Kastrierten) gewahr.“

[11] Da beim Menschen in den Samenbläschen (Vesicula seminalis) entgegen früheren Annahmen, keine Speicherung der Spermien stattfindet, ist die Bezeichnung „Bläschendrüse“ vorzuziehen. Ebenfalls als „Samenblasen“ werden im Tierreich Behältnisse zur Aufbewahrung der Spermien benannt.

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§ 30

Wie geht es aber zu, daß der Same diese Wirkung tut? Dies ist eine von den Aufgaben, deren Auflösung vielleicht noch nicht reif ist. Inzwischen läßt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit wenigstens soviel sagen, daß dieser Saft ein Stimulus, ein Stachel ist, der die von ihm berührten Teile reizt. Sein starker Geruch und der offenbare Reiz, den er an den Zeugungsgliedern ausübt, lassen uns hierüber nicht im Zweifel und man begreift nicht, daß diese scharfen Teilchen, da sie beständig zurückgepumpt und wieder mit den anderen Säften vermischt werden, die Gefäße, welche eben deswegen sich um so stärker zusammenziehen, ohne Unterlaß, wiewohl nur gelinde prickeln müssen. Ihre Wirksamkeit auf die flüßigen Teile ist noch stärker. Der Umlauf des Blutes erfolgt mit mehr Lebhaftigkeit. Das Nahrungsgeschäft geht in genaue Ordnung von statten. Alle anderen Verrichtungen erfolgen auf eine vollommene Art. Wo aber diese Hilfe mangelt, da entwickeln sich verschiedene tierische Verrichtungen niemals. In letzterem Falle befinden sich die Verschnittenen, bei denen sie alle unvollständig geschehen.

§ 31

Hier wirft sich von selbst die natürliche Frage auf: Warum sind die Verschnittenen nicht ebenso allen schlimmen Zufällen derjenigen ausgesetzt, die sich durch venerische Ausschweifungen (Aderlass?) erschöpfen? Diese Frage läßt sich nicht eher beantworten, als am Ende des folgenden Abschnitts.

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2. Abschnitt - Untersuchung über die Ausschüttung des Samens - Top

§ 32

Es gibt verschiedene Ausleerungen (des Körpers, wie Schweiß und Ausdünstungen), die geschehen, ohne daß man es gewahr wird. Alle übrigen Arten derselben erfolgen, im Stande einer vollkommenen Gesundheit, mit einer Leichtigkeit, welche macht, daß sie keinen Einfluß auf die ganze übrige Maschine haben. Die geringste Bewegung in dem Werkzeug, welches die Materie enthält, ist hinlänglich, sie auszutreiben. Mit der Ausleerung des Samens aber verhält es sich ganz anders. Um ihn aus der Stelle zu bringen und ihm einen Ausgang zu verschaffen, dazu wird nichts geringeres gefordert, als Erschütterungen durch den ganzen Körper, eine Zuckung aller Teile, eine Vermehrung der Geschwindigkeit in der Bewegung aller Säfte. Sollte ich zuviel wagen, wenn ich sage, man könnte den notwendigen Beitritt der ganzen Maschine in dem Augenblick, wo die Ausleerung des Samens geschieht, als einen merklichen Beweis seines Einflusses auf den ganzen Körper ansehen?

Der Beischlaf, sagt Demokritus, ist eine Art der schweren Not (Epilepsia). „Er ist,“ sagt Herr von Haller, „eine überaus gewaltsame Handlung, die den Zuckungen sehr nahe kommt und eben deswegen erstaunlich schwächt und dem ganzen Nervensystem schädlich ist.“ Man hat aus den Bemerkungen, die ich weiter oben, sowohl aus meiner eigenen Praxis, als auch von anderen Ärzten, angeführt habe, gesehen, daß die Auslassung des Samens mit wirklichen Zuckungen und einer

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Art von bösem Wesen (Epelepsie) begleitet war. Diese Beobachtung gibt die klarsten Beweise von dem Einfluß, den diese gewaltsame Bewegung  auf die Gesundheit des Unglücklichen hatten, von dem daselbst die Rede war. Schon die Geschwindigkeit, mit welcher die Entkräftung sogleich auf die vollzogene Handlung erfolgt, ist von vielen, und zwar nicht ohne Grund, als ein Beweis angesehen worden, daß diese Entkräftung nicht einzig und allein von der Beraubung des Samens herrühren könne.

Was aber recht überführend beweist, wie sehr der Krampf daher schwächen müsse, solches ist die große Mattigkeit, welche man an allen Patienten, die Anfälle von krampfartigen Krankheiten bekommen, wahrnimmt. Sind die Anfälle gar epileptisch, so äußert sich die Entkräftung im höchsten Grade.

Man kann einem bloßen Krampf diejenige Wirkung zuschreiben, die der Beischlaf bei dem Amtmann einer gewissen Stadt in der Schweiz hatte, dessen Geschichte uns Felix Platter aufbewahrt hat. Dieser Amtmann, der sich, als er schon alt war, wieder verheiratet hatte, wurde, als er seine neue Gattin zum erstenmal ehelich umarmen wollte, von einer so heftigen Erstickung befallen, daß er das angefangene Werk nicht vollenden konnte. So oft er sich nochmals zu abermaligen Versuchen anschickte, überkam ihn allemal eben derselbe Zufall wieder. Er suchte Hilfe bei allen Quacksalbern. Einer derselben gab ihm, nachdem er ihm verschiedenen Mittel verordnet hatte, die Versicherung, er sei nunmehr außer aller Gefahr. Im festen Vertrauen auf das Wort seines Äskulaps (Arztes), wagte er einen neuen Versuch. Obgleich sich nun sein voriger Zufall wieder einstellte, so ließ er sich doch nicht anfechten. Er wollte durchaus seinen Posten behaupten (seinen Mann stehen). Aber mitten in der Handlung, gab er in den Armen seiner Frau den Geist auf.

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Das gewaltige Herzklopfen, daß sich zuweilen beim Beischlaf einzustellen pflegt, gehört gleichfalls unter die krampfhaften Zufälle. Hippokrates erwähnt einen Jüngling, dem seine Ausschweifungen im Trunk und in der Liebe, unter anderem ein beständiges Herzklopfen zugezogen hatte. Und Doläus hat einen gekannt, dem, während der Vermischung, das Herz dermaßen pochte, daß er hätte ersticken müssen, wenn er die Handlung vollzogen hätte. Im Hoffmann findet man noch andere ähnliche Begebenheiten.

Die Beobachtung von dem angeführten Kinde (§ 5), dient ebenfalls zum Beweis der großen Macht der krampfartigen Ursache, wie solches der scharfsinnige Herr Rast ebenfalls erkannt hat, denn das Kind konnte, in einem so zarten Alter, nichts anderes als eine Feuchtigkeit des Vorstehers (der Prostata), keineswegs aber einen wahren Samen ausleeren.

§ 33

Der größte Teil guter Schriftsteller, die über diese Materie geschrieben haben, bestätigen meine Anmerkungen. Galenus scheint sie bereits gemacht zu haben. „Schon die Wollust an sich selbst,“ sagt er, „schwächt die Lebenskräfte.“ Herr Flemming hat in seinem schönen Gedicht von den Krankheiten der Nerven, diese Ursachen nicht übergangen.

Quin etiam nervos frangit quaecunque voluptas.

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Sanctorius behauptet ausdrücklich, daß die (krampfartigen) Bewegungen (beim Transport des Samens?) mehr schwächen, als die Auslassung des Samens. Man muß sich wundern, daß Herr von Gorter, sein Ausleger, uns das Gegenteil hat bereden wollen. Er glaubt einen Beweis für seine Meinung, daß die Bewegung bei der Venuslust, nicht mehr als jede andere Bewegung schwächen können, darin gefunden zu haben, weil sie nicht krampfartig wären. Aber dieser Grund wird niemand überzeugen. Ein Beispiel, sofern er eins aufbringen kann, macht noch kein Gesetz. Lister, Noguez, Quincy, die vor ihm Erläuterungen über das Werk des Sanctorius herausgegeben haben, sind anderer Meinung, und leiten einen Teil der Gefahr von der Entkräftung her, welche die Zuckungen zurücklassen. „Der Beischlaf“, sagt Noguez, „ist eine Zuckung. Er macht die Nerven zu krampfartigen (zuckenden) Bewegungen geneigt, und die mindeste Veranlassung bringt solche zum Ausdruck.“

J. A. Borelli, einer der besten Schriftsteller der Physiologie oder der Lehre von dem gesunden Zustand des Menschen, hatte ebenfalls ganz andere Begriffe von diesen Bewegungen als Herr von Gorter, indem er deutlichsagt: „Diese Handlung ist mit gewissen Zuckungen verknüpft, die dem Gehirn und dem ganzen Nervensystem überaus nachteilig sind.“

Herr von Senac schreibt mit klaren Worten, die auf den Beischlaf erfolgenden Schwachheiten den Nerven zu. Die wahrscheinlichste Ursache der Ohnmacht, welche diejenigen überfällt, denen ein inwendiges Geschwür im Leibe aufbricht, ist, sagt er, die Wirksamkeit der Nerven, die alsdann alle in Bewegung geraten. Dies wird durch die Ohnmacht bestätigt, die auf die Ergießung des Samens erfolgt, denn die Schuld eines solchen plötzlichen Wegfalls aller Kräfte, kann nur an den Nerven liegen.

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Herr Lewis ist gleichfalls der Meinung des Sanctorius, daß die im Beischlaf vorgehende Bewegung mehr entkräfte, als die Ergießung des Samens selbst.

§ 34

So oft sich Zuckungen ereignen, befindet sich das Nervensystem in einem Zustand der Spannung, oder, um genauer zu werden, in einem Grade außerordentlicher Wirksamkeit, worauf notwendig eine überaus starke Erschlaffung erfolgt. Alles, was über seinen Ton hinaus gespannt wurde, fällt anschließend wieder unter denselber Ton herab. Gleichzeitig gehen die davon abhängenden Verrichtungen schlecht vonstatten. Da die Nerven einen Einfluß auf alle anderen Verrichtungen haben, kann keine dieser letzteren sich so äußern, wie sich's gehört, sobald sie geschwächt sind.

§ 35

Eine Ursache, die ebenfalls zur Schwächung des Nervenbaus nicht wenig beiträgt, ist die Vermehrung der Menge des Blutes im Gehirn während des Beischlafes. Diese Blutansammlung ist sattsam erwiesen, und öfters so weit gegangen, daß die Schlagflüsse (Schlaganfälle) verursacht hat. Man findet hiervon bei den Sammlern medizinischer Bemerkungen verschiedene Beispiele. Hoffmann erzält von einem Soldaten, der, da er einst im Beischlafe auf eine wütende Art zu Werke ging, während desselben am Schlage starb. Man fand sein Gehirn voller Blut. Eben aus dieser Blutvermehrung läßt sich auch erklären, warum dergleichen Ausschweifungen die Raserei (Manie) zuwege bringen kann.

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Diese Menge Blut schwächt die Nerven, da sie selbige über Gebühr ausdehnt. Sie tun den Eindrücken minder Widerstand und eben darin besteht ihre Schwachheit.

§ 36

Wenn man bedenkt, was diese zwei Ursachen, nämlich die Ausleerung des Samens und die krampfartigen Bewegungen, für Wirkungen hervorbringen, so ist es nicht schwer, die Unordnung, die daraus in der ganzen Einrichtung des Körpers entspringen müssen, zu erklären. Man kann selbige unter drei Klassen bringen: schlechtere Verdauung, Schwachheit des Gehirns und der Nerven und gehemmte Ausdünstung. Man wird finden, daß es keine langwierige Krankheit gibt, die man nicht aus dieser dreifachen Ursache herleiten kann.

Die Erschlaffung, in die man nach dergleichen Ausschweifung gerät, verursacht eine Unordnung in den Verrichtungen aller Werkzeuge, sagt der Verfasser eines der vortrefflichsten Werke über die Unordnung. Die Verdauung, die Kochung (das Fieber), die Ausdünstung und alle anderen Ausleerungen, geschehen nicht mehr so, wie es sein sollte. Daher entsteht eine merkliche Abnahme der Kräfte, des Gedächtnisses und selbst des Verstandes, eine Verdunklung des Gesichts, allerlei Nervenbeschwerden, alle Arten Gicht oder Rheumatismus, eine erstaunliche Schwachheit im Rücken, die Auszehrung, das Unvermögen der Zeugungsteile, blutiger Abgang des Urins, verdorbener Appetit, Kopfschmerzen und eine große Menge anderer Krankheiten, die man hier nicht alle namhaft zu machen braucht. Mit einem Wort, nichts verkürzt so sehr das Leben, wie der Missbrauch der Liebeslust.

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Der Magen ist unter allen Teilen des Körpers derjenige, wo alle schwächenden Ursachen zuerst ihre Wirkung äußern, weil er derjenige Teil ist, welcher zu den ihn obliegenden Verrichtungen die größte Vollkommenheit in seiner Wirksamkeit erfordert. Die meisten anderen Teile sind ebenso leidend als wirksam. Der Magen aber ist beinahe lauter Wirksamkeit. Daher gehen seine Verrichtungen nicht mehr recht von statten, sobald sich seine Kräfte vermindern. Dies bestätigt die tägliche Erfahrung. Und wenn man die folgende Wahrheit damit verknüpft und daneben die Mannigfaltigkeit der ersten, oft nachteiligen Eindrücke bedenkt, welche das, was man in den Magen hinunter geschluckt hat, daselbst zuwege bringt, so läßt sich ein zureichender Grund angeben, warum die Magenkrankheiten häufig so sonderbar und so hartnäckig sind.

Der Magen ist unter allen Teilen des Körpers derjenige, der die größte Anzahl Nerven aufnimmt, und worin sich, eben deswegen, eine weit größere Menge der Lebensgeister verteilt. Was demnach die Wirksamkeit der Nerven schwächt und was die Quantität oder die Güte der Lebensgeister verringert, daß muß notwendigerweise den Magen, weit mehr, als irgendein anderes Teil schwächen. Dies geschieht beim Missbrauch der Liebeslust. Die Wichtigkeit der Verrichtung, wozu der Magen bestimmt ist, macht, daß wenn die geringste Unordnung in demselben vorgeht, alle anderen Teile darunter leiden müssen.

Hujus enim validum firmat tenor omnia membra
At contra eiusdem franguntur cuneta dolore

Sobald nämlich die Verdauung unvollkommen geschehen, dann nehmen die Säfte ein rohes Wesen an, welches sie zu allen ihren Bestimmungen untauglich macht, was insbesondere

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die Ernährung verhindert, von welcher der Ersatz der verlorenen Kräfte abhängt. Wer sich von dem großen Einfluss des Magens auf das Wohl- oder Übelbefinden des ganzen Körpers überzeugen will, der betrachte nur den Zustand einer Person, die die genossenen Nahrungsmittel nur sehr kümmerlich verdauen kann. In wenigen Minuten sind die Kräfte weg. Mit ihnen Mut und Lust zu allen Dingen. Die Sinne werden stumpf. Die Seele selbst übt ihr Vermögen nur unvollkommen aus. Das Gedächtsnis, und insbesonderes die Einbildungskraft, scheinen entwichen zu sein. Mit einem Worte, nichts kann einen vernünftigen Mann so leicht einem Dummkopf ähnlich machen, als eine beschwerliche Verdauung.

Eine schöne Bemerkung des Herrn Payva, einem portugiesischen Arzt in Rom, gibt demjenigen ein großes Licht, was ich von der erstaunlichen Schwäche gesagt habe, worin der Magen durch vererische Ausschweifungen gerät. „Wenn bei jungen Leuten,“ sagt er, „die Begierden zum Genuß der Liebe bis auf den höchsten Grad gestiegen sind, so äußere sich bei ihnen eine gewisse angenehme Empfindung in der Gegend des Magenmundes (unterer Schließmuskel der Speiseröhre). Wenn sie aber diesen Begierden mit allzu großem Ungestüm und über ihr Vermögen genügend geleistet haben, so bekommen sie, in eben derselben Gegend eine überaus unangenehme verdrießliche Empfindung, die sie nicht recht beschreiben können. Und sie müssen durch Magerkeit, Auszehrung und andere Übel, die sie befallen, hart genug für ihre Ausschweifungen büßen.“

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Aretäus hatte bereits diese Wahrheit erkannt und Boerhaave bediente sich fast eben solcher Ausdrücke wie Herr Payva und fügt hinzu, daß sich diese schmerzhafte Empfindung in dem Maße, wie man wieder zu Kräften kommt, verliert. Er bekräftigte eben dasselbe noch an einem anderen Orte und fügt diese sehr nützliche praktische Regel hinzu: „Wer nach übermäßigem Genuß der Liebe, Anfälle von bösem Wesen (Epilepsie) bekommt, muß sondersamt stärkende Mittel für die Nerven des Magens gebrauchen.“

§ 38

2. Die Schwäche des Nervensystems, die eine Neigung zu allen gichtischen und krampfhaften Zufällen mit sich bringt, wird, wie ich schon gesagt habe, teils durch die krampfartigen Bewegungen, die bei der Auslassung des Samens entstehen, hervorgebracht. Teils rührt sie aber auch von einer fehlerhaften Verdauung her, denn sobald es mit der Verdauung nicht richtig zugeht, so empfinden solches sogleich die Nerven, und zwar um so mehr, weil die darin enthaltene Flüssigkeit gleichsam die Quintessenz (das Ergennis) eines Nahrungssaftes ist, der die allervollkommenste Kochung (Verdauung) erhalten haben muß. Ohnedies aber leidet jede Flüssigkeit auf's empfindlichste durch den Einfluß roher Säfte.

Was schließlich die Schwachheit der Nerven noch mehr vermehrt, ist die Ausleerung einer Feuchtigkeit, die viel Ähnlichkeit mit den Lebensgeistern hat, und wegen dieser Ähnlichkeit, eine solche Ausleerung nicht geschehen kann, ohne daß dadurch zugleich die Kraft des Nervensytems verringert wird, denn weder die Zweifel einiger großen Männer, die sich in der

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Physik nichts zu behaupten getrauen, als lauter solcher Dinge, deren Wahrheit in die Sinnen fällt, noch die Einwürfe einiger minder scharfsinnigen, oder auch systemsüchtige Physiologielehrer, können mich abhalten, alle Kraft der Nerven von den Lebensgeistern (vom reinsten und edelstem Teil des Samens) herzuleiten.

Wenn wir aber nicht zugeben wollten, daß der Samenverlust mit der damit verloren gehenden vielen Lebensgeister schädlich sei, so würde er doch wenigstens in sofern schaden, weil er die Gefäße jenes gelinden Prickelns beraubt, welches der zurückgepumpte Same erregt, und welches so viel zur Kochung der Speisen im Magen beiträgt. Es schadet demnach die Ausleerung nicht nur, weil sie einen Teil der Lebensgeister oder wenigstens eines sehr kostbaren Saftes, mit sich fortnimmt, sondern auch, weil sie die Kochung des Magens schwächt, ohne welche die Zubereitung der Lebensgeister nur unvollkommen und unzulänglich geschieht.

Die Krankheiten des Magens und der Nerven unterhalten eine fehlerhafte Gemeinschaft miteinander. Die ersteren bringen die letzteren zuwege, und wenn diese (die Krankheiten des Magens) einmal vorhanden sind, so tragen sie ungemein viel dazu bei, jene (die Krankheiten der Nerven) zu verschlimmern. Bewiese solches nicht die tägliche Erfahrung, so würde schon allein eine anatomische Beschauung des Magens uns zur Genüge davon überzeugen. Die Menge der Nerven, die sich im Magen verteilen, beweisen, wie notwendig sie zu seinen Verrichtungen (zu seiner Verdauung) sind und wie unordentlich es zugehen muß, wenn sie nicht in gutem Stande sind.

§ 39

3. Endlich gehe auch die Ausdünstung schlechter von statten. Sanctorius hat sogar die Quantität bestimmt, in welcher sie abnimmt. Da sie aber unter allen Ausleerungen die beträchtlichste (die größte) ist, so kann sie nicht unterdrückt werden, ohne daß daraus eine Menge verdrießlicher Zustände entstünden.

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§ 40

Man begreift leicht, daß sich fast keine Krankheit bedenken läßt, die nicht durch eine gehemmte Ausdünstung (Atemholen?) veranlaßt werden könnte. Ich will mich nicht in die Erklärung aller sonderbaren Zufälle einlassen. Dies würde für meinen eingeschränkten Zweck zu weitläufig, und für die Ärzte, außer welchen es doch niemanden interessieren könnte, überflüssig sein. Wer Belieben trägt, der lese nach, was Herr Gorter davon geschrieben hat.

Clifton Wintringham, hat umständlich darauf hingewiesen, wie gefährlich die Ausleerung des Samens für diejenigen ist, die mit der Gicht geplagt sind. Seine Erklärung verdiene, gelesen zu werden.

Der verstorbene Gunst, den die Arzneiwissenschaft zu frühzeitig verloren hat, gibt von den nachteiligen Folgen, die aus übertriebener Liebeslust in Absicht auf das Atemholen entstehen, eine sehr sinnreiche mechanische Erklärung, die man an der Stelle findet, wo er von einem jungen Menschen redet, der sich durch dergleichen Ausschweifungen einen beständig anhaltenden Husten zugezogen hatte. Diesen Zufall habe ich selbst bei einem jungen Menschen erlebt, der als ein Schlachtopfer der Selbstbefleckung gestorben ist. Er war zum Studieren nach Montpellier gekommen, wo er sich so stark an dieses Laster gewöhnte, daß er in kurzer Zeit schwindsüchtig (Tuberkulose) wurde. Ich erinnere mich, daß sein Husten so stark und so anhaltend war, daß er dadurch allen seinen Nachbarn beschwerlich wurde. Man ließ ihn öfters zur Ader (Blutabnahme), ohne Zweifel in

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der Absicht sein Leiden zu verkürzen. Durch eine medizinische Beratung  wurde verordnet, daß er nach Hause reisen und dort (er war, wenn ich nicht irre, in Dauphine geboren) Kraftbrühen von Schildkröten essen sollte. Man versprach ihm hiervon eine vollständige Genesung. Es währte keine zwei Stunden, da war er tot.

§ 41

Was sich am schwersten, oder viel mehr, was sich gar nicht begreifen läßt, ist die erstaunliche Schwächung des Seelenvermögens. Die Auflösung dieses Problems hängt genau mit der für uns unauflöslichen Frage zusammen, wie Seele und Körper ineinander wirken und wir müssen uns diesfalls mit der Beobachtung der Erscheinungen zufrieden geben. Wir verstehen weder die Natur des Geistes, noch des Körpers, aber wir wissen, daß diese beiden Teile des Menschen so eng miteinander verbunden sind, daß alle Veränderungen, die sich an der Seele einstellen, auch vom Körper empfunden werden: ein etwas schnellerer oder langsamer Umlauf der Säfte; ein etwas dickeres oder dünneres Blut; einige Loth (1 Loth = 16 2/3 Gramm) Speisen oder Getränke mehr oder weniger; ja sogar eine Quantität Speise statt eben derselben Quantität von einer anderen Speise; eine Tasse Kaffee statt eines Gläschen Weins; ein etwas kürzerer oder längerer, ruhigerer oder unruhigerer Schlaf; ein Stuhlgang, der ein wenig stärker oder geringer abgeht: eine etwas stärkere oder geringere Ausdünstung, können unsere Art und Weise, die Gegenstände zu sehen und zu beurteilen, ganz und gar verändern.

Die in unserer Maschine vorgehenden Veränderungen, lassen uns, von einer Stunde zur anderen auf ganz verschiedene Art empfinden und gedenken und schaffen in uns, nach ihrem Belieben, neue Grundsätze von Lastern und von Tugenden.

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Die Erfahrung lehrt uns auch, daß von allen Krankheiten keine die Seele so geschwind in Mitleidenschaft

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versetzen, wie die Nervenkrankheiten. Hiervon geben fallsüchtige Personen (Epileptiker), die fast insgeheim, nach wenigen Jahren, in eine Schwäche des Verstandes fallen, einen traurigen Beweis ab, der uns zugleich lehrt, daß es gar nicht zu verwundern ist, daß Handlungen, die, wie wir oben gezeigt haben, allemal in einem gelinden Grade etwas vom bösen Wesen (Epilepsie) an sich haben, diese Schwäche des Gehirns, und folglich der Seelenkräfte, hervor bringen.

§ 42

Auf die Schwächung des Gehirns und der Nerven folgt auch ein Schwächung der Sinne und dies ist natürlich. Sanctorius, Hoffmann, und einige andere haben erklären wollen, wie es zugeht, daß besonders das Gesicht so sehr darunter zu leiden hat. Aber im Grunde scheinen sie mir, wie wahr sie auch sind, nicht hinlänglich zu sein. Die vornehmsten derselben, und welche das Gesicht besonders betreffen, sind von der Menge der Teile hergeholt, aus denen das Auge besteht, und um welcher Willen, da sie insgesamt verschiedene Mängel bekommen können, das Gesicht mit mehreren nachteiligen Zufällen unterworfen ist, als alle übrigen Sinne.

Ferner dienen hier die Nerven zu mehr, als einerlei Gebrauch und sind in sehr großer Anzahl vorhanden. Schließlich bringt auch der starke Zufluß von Feuchtigkeiten, der zur Zeit der Begattung nach den Augen hinzieht, und dem das Funkeln, welches man sodann in den Augen der Tiere gewahr wird, augenscheinlich beweist, in den Gefäßen anfänglich eine Schwachheit und hernach eine Stockung zuwege bringt, worauf notwendig ein Verlust des Gesichts erfolgen muß.

§ 43

Nunmehr wird es leicht sein, auf die oben gestellte Frage zu antworten, warum die Verschnittenen, die keinen Samen haben, den bisher beschriebenen Übeln nicht eben sowohl ausgesetzt sind?

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Man kann hierfür zwei Ursachen angeben. Die erste besteht darin: Da die Verschnittenen die Vorteile nicht genießen, welche dieser Saft, nachdem er zubereitet und zurückgepumpt worden ist, dem Körper veschafft; so verlieren sie auch nicht jenen kostbaren Teil des Blutes, welcher bestimmt ist, Samen daraus zu produzieren. Sie erfahren nicht diejenigen Veränderungen, die sich an dem zubereiteten Samen ereignen müssen und die ich weiter oben angezeigt habe. Aber dagegen müssen sie auch von den Übeln verschont bleiben, die aus der Beraubung dieses zubereiteten Saftes entstehen. Dürfte ich Ausdrücke aus der Metaphysik entlehnen, so würde ich den Samen einteilen in „semen in potentia“ und „semen in actu“. Das bedeutet, Samen, welcher erst gemacht werden soll, dies ist derjenige kostbare Teil der Säfte, der in den Hoden abgesondert wird und in schon fertig gemachten Samen. Wenn ersterer sich nicht absondert, so entgeht zwar der Maschine diejenige Beihilfe, die sie von dem zubereiteten Samen erhält, und sie erfährt die davon herrührenden Veränderungen nicht, aber sie wird auch nicht ärmer. Sie erwirbt nichts, aber sie verliert auch nichts und man bleibt im Zustande der Kindheit.

Wenn hingegen der Same abgesondert und ausgeschüttet wird, so geht eine willkürlich Beraubung vor und die Maschiene verliert von ihrem Reichtum. Die zweite Ursache ist, weil die Verschnittenen nicht denjenigen Krampf bekommen, dem ich einen großen Teil der schlimmen Folgen venerischer Ausschweifungen zugeschrieben habe.

§ 44

Die Zufälle (Erkrankungen), die die Frauen betreffen, lassen sich aus eben den Gründen erklären, wie die Zufälle beim männlichen Geschlecht. Da die Feuchtigkeit, welche jene (die Frauen) verlieren, weniger kostbar und nicht so gut ausgearbeitet ist, wie der männliche Samen, so schwächt der Verlust derselben sie vielleicht nicht eben so geschwind. Übertreiben sie

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aber das Spiel, so setzen ihnen die betrübten Folgen davon weit heftiger zu als den Männern, und zwar aus der Ursache, weil ihr Nervensystem schwächer und von Natur aus mehr zum Krampfe geneigt ist. Plötzliche Ausschweifungen ziehen ihnen ähnliche Zufälle zu, wie jener Jüngling, von dem ich auf Seite 46 geredet habe. Ich bin Zeuge eines solchen Spektakels in dieser Art gewesen.

Im Jahre 1746 forderte ein Mägdchen (eine Magd) von 23 Jahren sechs spanische Drogoner (Reiter) auf, von denen sie sich in einem Hause, vor den Toren zu Montpellier eine ganze Nacht hindurch bestürmen ließ. Den anderen Morgen trug man sie halbtot in die Stadt. Des Abends starb sie, in ihrem Blute schwimmend, das aus der Mutter strömte. Es wäre der Mühe wert gewesen, daß man sich Gewissheit verschafft hätte, ob dieser Blutfluss die Folge irgendeiner Verwundung gewesen ist oder ob er nur durch den vermehrten Trieb der Mutter entstanden ist, die eine Erweiterung der Gefäße verursacht hat.



3. Abschnitt - Warum die Onanie gefährlicher ist als der Beischlaf      Top

§ 45

Ich habe oben behauptet, daß man seiner Gesundheit durch die Selbstbefleckung mehr Schaden zufügt, als wenn man mit Frauen schläft. Diejenigen, die in allen Sachen eine besondere Vorsehung dazwischen kommen lassen, werden einen eigenen (speziellen) Willen Gottes, dieses Laster zu strafen,

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als die Ursache angeben. Da ich aber überzeugt bin, daß die Körper mit ihrer Schöpfung an gewisse Gesetze gebunden sind, nach welchem sich alle Bewegungen derselben notwendig richten müssen, und daß Gott die Einrichtung nur bei einer kleinen Anzahl ihm allein vorbehaltener Fälle ändert, so wollte ich nicht gern eher zu Wunderwerken meine Zuflucht nehmen, als bis man findet, daß etwas mit allen physikalischen Gründen im offenbaren Widerspruche steht. Dieser Fall ist hier nicht. Es läßt sich alles aus den Gesetzen der Mechanik des Körpers, und seiner Harmonie mit der Seele, sehr wohl erklären.

Schon Hippokrates hat die Gewohnheit, alles aus übernatürlichen Ursachen herzuleiten, bestritten, wenn er bei Gelegenheit einer Krankheit, welche die Sceithen (ostiranisches Nomadenvolk) einem besonderen Strafgericht Gottes zuschrieben, die schöne Anmerkung macht: „Es ist wahr, daß diese Krankheit von Gott kommt, aber sie kommt von ihm so, wie alle anderen Krankheiten. Die eine kommt nicht mehr von ihm her, als die anderen, weil sie alle eine Folge der Gesetze der Natur sind, die alles regiert.“

§ 46

Die erste Ursache der besonderen Fähigkeit der Onanie gibt uns Sanctorius in seinen Bemerkungen an die Hand, indem er sagt: „Ein gemäßigter Beischlaf ist nützlich, wenn die Natur dazu den Trieb gegeben hat. Ist man aber nur durch die Einbildungskraft dazu gereizt worden, so schwächt er alle Kräfte der Seele und insbesondere das Gedächtnis.“ Die Ursache läßt sich leicht erklären. Einem gesunden Mann flößt die Natur nur alsdann Begierden ein, wenn die sich in den Samenbläschen sich angehäufte Quantität des Saftes einen gewissen Grad der Dicke erlangt hat, so daß er nicht mehr füglich in die Sauggefäße zurückgezogen

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werden kann. Dies zeigt an, daß seine Ausleerung den Körper nicht mehr schwächen wird. [11]

[11] Wie ich bereits oben erwähnte, wird der Same (die Spermien) beim Mann (beim Menschen) nicht in den Samenbläschen aufbewahrt, sondern im Hoden oder im Nebenhoden. Überhaupt scheint der Autor bei der physiologischen Erklärung etwas im Nebel zu stochern. Dies zeigt sich besonders in den letzten zwei Kapiteln, wo mir die Klarheit der Darstellung fehlt, die er bei der Beschreibung der Krankheitsfälle hatte. Die altdeutsche Schrift trägt auch nicht unbedingt zur Klarheit des Beschriebenen bei.

Die Geschlechtsteile sind so gebaut, daß sie neben den Begierden, nicht nur durch die Gegenwart einer in allzugroßem Überfluß vorhandene Samenfeuchtigkeit rege werden, sondern daß auch die Einbildungskraft einen großen Einfluß auf sie hat, denn diese kann, indem sie sich Bilder von der Lust macht, die Geschlechtsglieder in denjenigen Zustand versetzen, der die Begierden hervorbringt. Die Begierde aber führt zur Handlung selbst, die desto schädlicher ist, je weniger sie notwendig war. Es hat mit unseren Geschlechtsorganen eben die Bewandniß, wie mit allen übrigen Bedürfnissen unseres Körpers, die ihre Dienste niemals recht verrichten, außer wenn die Natur sie dazu auffordert.

Hunger und Durst zeigen das Bedürfnis an, Speise und Trank zu sich zu nehmen. Genießt man mehr davon, als die Empfindungen uns verspüren lassen, so schadet der Überfluß dem Körper und schwächt ihn. Die Bedürfnisse des Stuhlgangs und des Wasserlassens werden von der Natur ebenfalls durch gewisse Bedingungen angezeigt. Eine böse Angewohnheit kann die gesunde Funktion dieser Bedürfnisse dermaßen in Unordnung bringen, daß die Notwendigkeit dieser Ausleerungen nicht mehr von der Quantität (Menge) der auszuleerenden Materialien abhängt. Man unterwirft sich Bedürfnissen ohne Not. Dies ist der Fall bei der Selbstbefleckung. Nicht die Natur, sondern die Einbildungskraft und die Gewohnheit bringen hier die Bedürfnisse hervor. Sie entziehen der Natur, was ihr nötig ist und was sie sorgfältig zu Rate hielt.

Endlich erfolgt auch, nach Verlauf einer gewissen Zeit, ein beständiger Zulauf der Säfte nach diesen Teilen, zufolge der Gesetze der tierischen Einrichtung, daß die Feuchtigkeiten sich dahinziehen, wo ein Reiz vorhanden ist und es geschieht, was schon Hippokrates angemerkt hatte:

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„Wenn ein Mensch den Beischlaf begeht, so erweitern sich die Samenadern (Samenleiter) und locken den Samen an sich.“

Hier kann ich nicht umhin, zu erinnern, daß die Selbstbefleckung, besonders für Kinder, die die Jahre der Mannbarkeit noch nicht erreicht haben, höchstgefährlich ist. Und obwohl dieses Laster unter Kindern zum Glück nicht sehr verbreitet ist, findet man immer wieder unter den Erwachsenen Ungeheuer des einen oder des anderen Geschlechts, welche Kinder zu ihrer Lust mißbrauchen. Leider ist es außerdem allzu gewöhnlich, daß sich solche Kinder selbst mißbrauchen. Eine Menge Umstände hindern dieselben (die Erwachsenen) von diesem liederlichen Umgang oder schränken sie wenigstens ein. Aber einer einsamen Ausschweifung steht nichts im Wege und sie hat keine Schranken.

§ 47

Eine zweite Ursache, warum die Selbstbefleckung mehr als der Beischlaf schadet, ist die Herrschaft, welche sie über die Sinne gewinnt und die in dem Buch „Onania“ gut geschildert ist:  „Sobald sich,“ heißt es da,  „dieser schändliche Trieb das Herz untertan gemacht hat, so verfolgt er das Verbrechen allenthalben, bemächtigt sich seiner und bemächtigt ihn zu jeder Zeit und an jedem Orte, mitten unter den ernsthaftesten Geschäften. Ja, mitten im Gebete setzen ihm die Begierden und die geilen Gedanken zu, deren er nie los werden kann.“

Nichts schwächt so sehr, als wenn der Geist sich immerzu auf

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die Wollust konzentriert. Den Selbstbefleckern, die in ihre garstigen Betrachtungen ganz vertieft sind, geht es in diesem Stücke wie den Gelehrten, die ihr ganzes Nachdenken auf eine einzige Sache richten. Dergleichen Anstrengung schadet fast allemal. Derjenige Teil des Gehirns, der dabei am beschäftigsten ist, wendet nach Art eines Muskels, der lange Zeit gespannt ist, die äußerste Bestrebung an. Hieraus entsteht entweder eine solche Beweglichkeit, daß nichts instande ist, den Trieb desselben Teils zu hemmen und auf andere Gedanken zu lenken, ein Fall, der bei Onansbrüdern nicht selten ist. Oder es entsteht eine Untüchtigkeit, in Trieb zu geraten (Errektionsstörungen, Impotenz). Erschöpft durch die beständigen Anstrengungen ihrer Natur, erleiden solche Pateinten allerlei Krankheiten des Gehirns, verfallen in Schwermut, in eine Unempfindlichkeit und Steifigkeit aller Glieder (Katalepsis) und Fallsucht. Sie werden schwach am Verstande, blöde von Sinnen, schlaff an den Nerven, usw..

Diese zweite Ursache gereicht vielen jungen Leuten zu unendlichem Nachteil, indem sie von ihren Fähigkeiten, sofern diese nicht schon bereits erloschen sind, nicht den gehörigen Gebrauch machen können. Egal welchen Beruf sie gewählt haben, sie werden nie etwas Vortreffliches leisten, weil ihre schlimme Gewohnheit sie nicht zu dem erforderlichen Grade an Aufmerksamkeit befähigt, ohne den man es in seiner Sache nicht weit bringen kann. Selbst unter der großen Anzahl derer, die sich gar keiner Berufsarbeit widmen mögen, findet man Leute, die nicht einmal geschickt sind, angenehme Müßiggänger abzugeben, den ihr zerstreutes Wesen, ihre zerstörten Mienen, ihr dummer Anstand, ihre stumpfen Begriffe, machen sie zu unerträglichen Lümmeln. Ich könnte Beispiele genug von Personsn anführen, die durch ihre Unfähigkeit zu einer bestimmten Lebensart und

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zu allen ernsthaften Geschäften, durch die Abnahme ihrer Seelenkräfte, außer Stand geraten sind, sich jemals die Achtung der Gesellschaft zu verdienen. Dies ist ein trauriger Zustand, der den Menschen unter das Vieh herabsetzt und ihn bei seinesgleichen mit Recht eher Verachtung als Mitleid einbringt.

§ 48

Aus den zwei angeführten Ursachen entsteht notwendigerweise eine dritte, die öftere Wiederholung der Tat. Denn sobald mir die Gewohnheit ein wenig wichtig geworden ist, so haben Leib und Seele einen Reiz und Sporn zur Begehung dieses Lasters. Die mit unreinen Gedanken besessene Seele erregt geile Bewegungen und wenn sie einige Augenblicke durch andere Begriffe zerstreut wird, so wird sie durch die scharfen Feuchtigkeiten, die die Zeugungsteile reizen, veranlaßt, sich wieder in den vorigen Schlamm zu vertiefen. Wie dienlich würden diese wahrhaften Bemerkungen sein, junge Leute vom ihrem Verderben zurückzuhalten, wenn sie im Vorraus sehen könnten, daß hier ein Fehltritt nach dem anderen nach sich zieht, so daß die Versuchung fast ganz Meister über sie wird; daß in dem Maße, als die Bewegungsgründe zur Verführung häufiger werden, die Vernunft, die sie im Zaum halten sollte, schwächer wird.

Und das sie endlich nach Verlauf einer kurzen Zeit in ein Meer von Elend sinken müssen, vielleicht sogar ohne alle Rettung. Gibt ihnen anfänglich das Gefühl abnehmender Kräfte eine starke Warnung und schreckt sie die Gefahr für einige Augenblicke, so stürzt doch der rasende Trieb sie auf's neue hinein. Man kann mit Recht von ihnen sagen:

Virtutem videant intabescantque delicta.

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Als ich noch Philosophie in Genf studierte, war einer meiner Universitätsfreunde in einen so schrecklichen Zustand geraten, daß er nicht Meister war, sich dieser Greuel zu enthalten, sogar wenn er die Vorlesung hörte. Seine Strafe blieb nicht lange aus. Nach zwei Jahren starb er elendig an der Auszehrung. Man findet eine ähnliche Geschichte im Buche „Onania“. Der sinnreiche Verfasser, der einen Auszug aus der lateinischen Ausgabe meines Werkes machte und ihn im lateinische Journal veröffentlichte, das vor sieben Jahren in Bern herauskam, erzählte bei Gelegenheit, bei der Bemerkung obiger Begebenheit, daß sämtliche Zuhörer eines gewissen Professors, welcher öfter bei seinen schläfrigen Vorlesungen über die scholastische Metaphysik selber einschlief, sich, um nicht gleichfalls einzuschlafen, mit diesem Greuel die Zeit zu vertreiben pflegte.

Doch dieses Histörchen dient nicht so wohl zum Beweise meines Satzes, als vielmehr der abscheulichen Ausgelassenheit, worin junge Leute verfallen können.

Eben derselbe Verfasser hat vor einigen Jahren, in einem Werke, welches zu den besten Schriften dieses Jahrhunderts

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gehört, folgendes erzählt: „Man entdeckte vor einigen Jahren in einer Schweizer Stadt, daß eine ganze Gesellschaft vornehmer Buben von vierzehn und fünfzehn Jahren sich zu einer gemeinsamen Ausübung dieses Lasters verbunden hat. Ich weiß ganz zufällig, daß jetzt in dieser Stadt eine ganze Schule damit angesteckt ist und daß die Vorsteher der Schule die Urheber dieser sonst glücklich verbannten Contagion (Seuche) weder anzeigen noch strafen dürfen, weil sie vornehme Buben sind.“

Die Gesundheit eines jungen Prinzen verschlimmerte sich täglich und man konnte lange nicht hinter diese Ursache kommen. Sein Wundarzt mutmaßte sie, lauerte auf seine Handlungen und erwischte ihn auf frischer Tat. Der Prinz gestand, daß er dieses Spiel von einem seiner Kammerdiener gelernt und es fleißig betrieben hatte. In der Tat hatte er sich schon so stark daran gewöhnt, daß die nachdrücklichsten und schärfsten Erinnerungen nicht vermögend waren, diese Gewohnheit bei ihm auszurotten. Es wurde immer schlimmer mit ihm, seine Kräfte verminderten sich von Tag zu Tag und hätte man ihn nicht ganze acht Monate lang, Tag und Nacht auf's sorgfältigste bewacht, so wäre er nicht mehr zu retten gewesen.

Ein Patient beschrieb mir in einem seiner Briefe sehr lebhaft, was für einen harten Kampf es ihm kostete, über diese Gewohnheit zu siegen. „Es wird mir überaus schwer,“ dies sind seine eigenen Worte, „mir ein Laster abzugewöhnen, zu welchem ich fast alle Augenblicke aufgefordert werde. Mit Erröten gestehe ich ihnen, daß jeder Anblick eines weiblichen Gegenstandes, sei es was es wolle, Begierden in mir erregt.

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Ich bedarf nicht einmal dieses sinnlichen Beistandes (einer Frau), weil meine garstige Seele ohnehin schon geneigt ist, mir ohne Unterlaß unzüchtige Bilder vorzumahlen. Zwar mischt sich, sooft sich meine Leidenschaft entzündet, jedesmal die Erinnerung ihrer Warnungen dazwischen. Ich kämpfe, aber dieser Kampf erschöpft mich. Könnten sie nur ein Mittel ausfinden, meine Gedanken von dieser Sache abzuwenden, so glaube ich, daß meine Genesung bald erfolgen würde.“
Man hat bereits aus den Stellen, die ich aus dem Buch „Onania“ zitierte, gesehen, daß die öftere Wiederholung dieses Lasters die Mutterwut bei den Frauen hervorgebracht hat. Wenn man gewohnt ist sich nur mit einer Vorstellung zu beschäftigen, so wird man unfähig andere Vorstellungen zu haben. Jene eine maßt sich die Herrschaft an und regiert unumschränkt.. Teile, die immerfort gereizt werden bekommen eine kränkliche Anlage, welche ohne Zutun irgendeiner äußeren Sache schon für sich beständig wie ein Stachel wirkt.

Es gibt Krankheiten in den Urinwegen, wo ein beständiger Reiz zum Wasserlassen da ist. Die öfters wiederholte Reizung der Zeugungsteile bringt eine ähnliche Krankheit in den denselben hervor. Man darf sich aber nicht wundern, wenn der Zusammenfluß vereinigter moralischer und physischer Ursachen in einen so schrecklichen Zustand versetzt, wie es die Liebeswut tut. Alle Personen, die noch eine Spur von Vernunft und Scham besitzen, sollten sich diese Vorstellung zur heilsamen Warnung dienen lassen.

§ 49

Eine vierte Ursache, warum die Selbstbefleckung die Kräfte sehr mitnimmt, besteht darin, weil, wenn man sich den Samenverlust nicht rechnen will, schon die häufigen,

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obgleich unvollkommenen Errektionen, worüber dergleichen Weichlinge klagen, ihre Natur merklich schwächen müssen. Denn jeder Teil, der in einem Zustand der Spannung ist, zieht einen Abgang der Kräfte nach sich. Sie haben aber keine Kräfte zu verlieren. Ferner ziehen sich die Lebensgeister in größerer Menge nach einem solchen Teile hin und zerstreuen sich. Dies muß notwendig schwächen. Sie werden anderen Verrichtungen entzogen, die daher nur unvollkommen geschehen können. Wenn beiderlei Ursachen zusammen kommen, so entstehen die gefährlichsten Folgen.

Ins besondere wird man wahrnehmen, daß Personen, die sich dieses Laster angewöhnt haben, von jeglicher Art der Lähmung unterworfen sind, woraus durch Mangel der Errektion ein Unvermögen zum Beischlaf und der einfache Samenfluß (gonorrhoes simplex) entstehen, weil die erschlafften Teile den echten Samen, so wie er kommt, ausfließen, und die von dem Vorsteher (Prostata) abgesonderte Feuchtigkeit wegsickern lassen. Und weil endlich das ganze inwendige Häutchen der Harnröhre eine flußhafte Neigung annimmt, welcher ein dem weißen Fluß der Frauen nicht unähnlicher Abgang erfolgt. Eine Neigung, welche, daß ich's im Vorbeigehen sage, nicht so selten ist, wie man denkt und die sich nicht bloß an demjenigen Häutchen äußert, womit die Nasenlöcher, die Brust und die Lunge bekleidet ist, sondern auch öfters die hohlen Eingeweide angreift.

Dies ist eine Neigung, die man leicht verkennt, weil man sie nicht vermutet und die sehr schwer zu kurieren ist. Es würde leicht sein, bei sonst sorgfältigen Beobachtern, Beispiele von dieser Krankheit anzutreffen, die sie als eine ganz andere Krankheit angesehen haben.

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§ 50

Ein geschickter Wundarzt erzählte mir von einem Mann, daß er, aus einen sonderbaren Geschmack, sich mit lauter Nymphen von der niedrigsten Klasse abgegeben, selbige, so wie er sie des Nachts in den Winkeln der Gassen angetroffen, allemal stehend abgefertigt habe und in einem gänzlichen Verfall der Kräfte geraten sei, wozu sich die grausamsten Schmerzen in den Lenden, eine Dörrsucht oder Vertrocknung der Schenkel und Beine und eine Lähmung derselben eingestellt habe, welche Zufälle eine Folge derjenigen Stellung zu sein schienen, die er bei Vollziehung seiner geilen Lüste zu beobachten gewohnt gewesen war. Er starb nach sechs Monaten, nachdem er in einem ebenso schrecklichen wie auch mitleidenswürdigen Zustand bettlägrig war.

Gibt uns nicht diese Bemerkung eine fünfte Ursache der Gefahren an die Hand, welche besonders bei der Selbstbefleckung anzutreffen sind? Wenn man seine Kräfte durch zwei Mittel zugleich verliert, so ist die Entkräftung desto beträchtlicher. Eine Person, welche steht oder sitzt, muß, wenn sie sich in dieser Stellung, besonders in der ersteren, erhalten will, eine große Menge Muskeln anstrengen. Diese Handlung aber zerstreut die Lebensgeister. Schwache Personen, die sich keinen Augenblick im Stehen erhalten können, ohne eine Schwachheit zu empfinden, oder Kranke, die nicht ohne große Beschwerlichkeit sitzen können, zeugen von dieser Wahrheit augenscheinlich.

Hingegen, um ausgestreckt zu liegen, braucht man nicht so viele Kräfte anzuwenden. Hieraus sieht man, daß es bei einerlei Handlungen nicht einerlei ist, ob man sie im Stehen oder sitzen oder ob man sie liegend und ausgestreckt verrichtet. In den beiden ersteren Fällen wird sie weit mehr entkräften, als im letzteren Falle. Sanctorius hatte dies bereits erkannt: „Der Beischlaf im Stehen,“ schreibt er, „ist schädlich, denn er greift die Muskeln so hart an und mindert ihre so nützliche Ausdünstung.“

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§ 51

Noch andere wohlbestätigte Bemerkungen reichen eine sechste Ursache dar, die vielleicht manchem sehr unerheblich vorkommen wird, die aber erleuchtete Naturverständige nicht ganz verwerfen werden. Alle lebenden Körper dünsten aus. Es dringd jeden Augenblick, vielleicht durch die Hälfte der Schweißlöcher unserer Haut, eine erstaunlich dünne Feuchtigkeit, die weit beträchtlicher ist, als alle unseren anderen Ausleerungen. Zu gleicher Zeit nehmen eine andere Art Schweißlöcher einen Teil der uns umgebenden Flüssigkeit auf und bringen selbigen unseren Gefäßen zu. Dies sind, daß ich mich des glücklichen Ausdrucks des Herrn Senac bediene, die unsichtbaren Ströme, die aus unserem Körper herausgehen und in ihn eintreten.

Es ist erwiesen, daß in einigen Fällen diese Einhauchung sehr beträchtlich ist. Starke Personen hauchen mehr aus, schwache aber, die fast keinen eigenen Dunstkreis haben, hauchen mehr ein. Jener ausgehauchte Teil oder jene Ausdünstung bei Personen, die sich wohl befinden, enthält etwas Nährendes und Stärkendes, welches, wenn es von einer anderen Person eingehaucht wird, ihr neue Kraft gibt. [12] Aus diesen Bemerkungen läßt sich erklären, wie die junge Magd, die sich der alte David zulegte, ihm frische Stärke gab; wie eben dieser Versuch, anderen Greisen, denen er angeraten wurde, gelungen ist; und warum dieses die junge Person schwächt, die etwas verliert, ohne dafür etwas zu empfangen, bzw. die schwache, verdorbene und faulende Ausdünstungen empfängt,

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die ihr schaden müssen.

[12] Ich halte es für eine sehr gewagte These, dass durch das Einatmen bzw. das Ausatmen nennenswerte Kräfte gewonnen oder verloren gehen können.

Man dünstet zur Zeit des Beischlafs mehr aus, als zu jeder anderen Zeit, wegen des verstärkten Triebes des Geblüts. Diese Ausdünstung ist vielleicht auch alsdann wirksamer und geistiger, als zu jeder anderen Zeit. Man erleidet dadurch einen wirklichen Verlust, der, es mag die Samenergießung geschehen auf welche Art auch immer, allemal stattfindet, weil er von der erschütternsten Bewegung herrührt, welche diese Handlung begleitet. Im Beischlaf ist dieser Verlust wechselseitig, und alsdann zieht der eine die Ausdünstungen des anderen an sich. Dieser Wechsel wird durch zuverlässige Bemerkungen außer Zweifel gesetzt. Ich habe erste vor kurzen einen Mann gesehen, der keinen Tripper, und nicht einmal den geringsten Ausschlag auf der Haut hatte und gleichwohl einer Frau die Lustseuche mitteilte (übertrug), wofür er, in demselben Augenblick die Krätze als Gegengeschenk von ihr erhielt. Der eine Teil bekommt hier wieder, was der andere verliert. Der Selbstbeflecker aber verliert nur und bekommt dagegen nichts.

§ 52

Wenn man auf die Wirkung beider Leidenschaft acht gibt, so entdeckt man einen siebenfachen Unterschied zwischen denen, die im Genuß der Frauenliebe und denen, die in der Selbstbefleckung  ihr Vergnügen suchen. Die Freude, welche die Seele rührt, und welche von der bloßen körperlichen Wollust, die der Mensch mit dem Vieh gemeinsat hat, himmelhoch unterschieden ist, diese reine Freude, sage ich, hilft zur Ausarbeitung eines guten Nahrungssaftes, belebt den Umlauf des Blutes, fördert alle Verrichtungen der tierischen Ökonomie, stellt die verlorenen Kräfte wieder her und stärkt sie. Gesellt sich diese Freude zur Liebeslust, so wird der durch letztere verursachte Abgang bald wieder ersetzt.

Die Erfahrung bestätigt solches und

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Santorius hat es bereits bemerkt, da er sagte: „Wenn man gleich in den Umarmungen einer Frau, die man von Herzen liebt, und nach der man Verlangen hat, einige Ausschweifungen begeht, so empfindet man nicht die Müdigkeit, die aus einem übertriebenen Genuß erfolgen sollte, weil die Freude, die die Seele empfindet, die Kraft des Herzens vermehrt, die ganze Natur stärkt und das Verlorene ersetzen hilft.“

Aus diesem Grunde behauptet auch Venette, in dessen Buche man ein gutes Kapitel von der Gefährlichkeit der Ausschweifungen in den Liebesergötzlichkeiten findet, daß man von der Beiwohnung einer schönen Frau weniger erschöpft werde, als wenn man es mit einer häßlichen zu tun hat: „Die Schönheit hat zauberische Reize, die unser Herz erweitern und die Geister desselben vermehren. Man muß mit dem Heiligen Chrysostomus [13] glauben, daß, wer gegen die Gesetze der Natur die Lust hervorreizt, eine weit größere Sünde begeht, als der, den die Natur selbst dazu einlädt.“ Kann man aber wohl zweifeln, daß die Natur mehr Freude mit derjenigen Ergötzung verbunden hat, die man sich durch Mittel verschafft, welche man auf ihren Wegen antrifft, als mit den entgegengesetzten Lüsten?

[13] Chrysostomus (344-407 n.Chr.) war der Erzbischof von Konstantinopel. Er wurde als Asket verehrt. Er führte im Haus seiner Mutter ein Klosterleben. Nach dem Tod der Mutter (372) schloss er sich den Mönchen in den syrischen Bergen an und verbrachte vier Jahre mit ihnen und zwei weitere Jahre in völliger Einsamkeit. Dabei zog er sich in eine Höhle zurück, las ständig die Bibel und gönnte sich nur ein Minimum an Schlaf. Schließlich zwang ihn sein schlechter Gesundheitszustand zur Rückkehr nach Antiochia. Ganz so heilig war er aber wohl doch nicht, denn seine massiven negativen Äußerungen über die Juden waren sehr umstritten.

Da ich gerade von der Bibel spreche, möchte ich auf einen Vers der Bibel hinweisen, der die Keuschheit anpreist. Es gibt in der Bibel etliche andere Verse, die dasselbe tun, aber ich möchte es bei diesem einen Bibelvers belassen. Im Brief des Apostels Paulus an die Galather heißt es:

Gal. 5,16-26: 16Ich sage aber: Wandelt im Geist, so werdet ihr die Lüste des Fleisches nicht vollbringen. 17Denn das Fleisch gelüstet wider den Geist, und der Geist wider das Fleisch; dieselben sind widereinander, daß ihr nicht tut, was ihr wollt. 18Regiert euch aber der Geist, so seid ihr nicht unter dem Gesetz. 19Offenbar sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Unzucht, 20Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Haß, Mord, 21Saufen, Fressen und dergleichen, von welchen ich euch zuvor gesagt und sage noch zuvor, daß, die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben.

22Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit. 23Wider solche ist das Gesetz nicht. 24Welche aber Christo angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden. 25So wir im Geist leben, so lasset uns auch im Geist wandeln. 26Lasset uns nicht eitler Ehre geizig sein, einander zu entrüsten und zu hassen.

Was sagt die Bibel zur Onanie?

1 Timotheus.4,12: Niemand verachte deine Jugend; sondern sei ein Vorbild den Gläubigen im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Geist, im Glauben, in der Keuschheit.

2. Timotheus 2,22: Fliehe die Lüste der Jugend; jage aber nach der Gerechtigkeit, dem Glauben, der Liebe, dem Frieden mit allen, die den Herrn anrufen von reinem Herzen.

Röm. 1, 24: Darum hat sie auch Gott dahingegeben in ihrer Herzen Gelüste, in Unreinigkeit, zu schänden ihre eigenen Leiber an sich selbst.

Kolosser.3,5: So tötet nun eure Glieder, die auf Erden sind, Hurerei, Unreinigkeit, schändliche Brunst, böse Lust und den Geiz, welcher ist Abgötterei.

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Die achte und letzte Ursache, welche die Gefahren der Selbstbefleckung vergrößert, ist die entsetzliche Angst und Reue, wenn ihnen das Gefühl der traurigen Folgen, die Schuppen von den Augen gerissen hatten, die ihnen bisher die Abscheulichkeit ihres Vergehens und seine Gefahren verbarg.

Miseri, quorum gaudia crimen habent! (O Elende, die ihr nur aus Verbrechen Lust gewinnt!)

Elende Freuden, worauf Gewissensbisse folgen! Wenn je einige in diesem Falle sind, so sind es die Selbstbeflecker. Sobald der Vorhang gefallen ist, stellt sich ihnen das

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Bild ihrer Aufführung unter den häßlichsten Gestalten dar. Sie finden sich eines Verbrechens schuldig, welche die göttliche Gerechtigkeit sogleich auf der Stelle mit dem Tode bestraft, eines Verbrechens, das selbst die Heiden für eines der größten hielten. Die Scham, die darauf folgt, vermehrt ihr Elend ungemein. Es hat schon die Frechheit in einigen Orten so stark überhand genommen, daß man die Vergehung mit Frauen nicht mehr zur Schande rechnet, sondern sie als etwas betrachtet, das mit zum Weltbrauch gehört. Selbst diejenigen, die sich am meisten damit vergnügen, machen kein Geheimnis daraus. Sie können sich nicht einmal vorstellen, daß sie jemand deswegen gering schätzt.

Aber den Selbstbeflecker möchte ich sehen, der das Herz faßte, sich öffentlich zu bekennen. Sollte nicht schon diese Notwendigkeit, sich in den Schatten des Geheimnisses zu verhüllen, in seinen eigenen Augen ein Beweis für die Abscheulichkeit seines Verbrechens sein? Wieviel sind nicht solcher Weichlinge aus der Welt gefahren (gestorben), weil sie sich nicht getraut haben, die Ursache ihres schlimmen Zustandes zu offenbaren! Man liest in verschiedenen Briefen der „Onania“: „Lieber wollte ich sterben, als nach einem solchen Geständnisse ihnen unter die Augen zu treten.“

Man muß weit geneigter sein, und man ist es auch, jemand zu entschuldigen, der, nachdem er sich durch diese Neigung hat verführen lassen, welche die Natur, um unser Geschlecht zu erhalten, in alle Herzen gegraben, nur insofern Unrecht hat, daß er nicht in den Schranken geblieben ist, die er den Gesetzen oder

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seiner Gesundheit schuldig war. Es ist ein Mensch, der sich durch die Leidenschaften hat hinreißen lassen, der sich selbst vergessen hat. Man wird ihn, sage ich, weit lieber entschuldigen, als den, der durch seine böse Handlung alle Gesetze mutwillig bricht, die Empfindungen der Natur missachtet und alle ihre Absichten vereitelt.

„Es dünkt mich,“ schrieb mir einer dieser Missetäter in dem Brief, den ich schon oben angeführt habe, „daß jedermann die schändliche Ursache meines Übels auf meiner Stirn lesen könne. Und dieser Gedanke macht mir jede Gesellschaft unerträglich.“ Solche Leute verfallen in Traurigkeit und Verzweiflung. Hiervon haben wir schon im vierten Abschnitt dieses Buches Beispiele gesehen. Sie empfinden das Elend, das aus einer Schwermut erfolgt und haben dabei, was für einen Verbrecher das Schrecklichste ist, keinen Vorwand, sich zu rechtfertigen, keinen einzigen Trost. Und welches sind die Wirkungen der Schwermut? Das Erschlaffen der Fäserchen (Fasern), ein träger Umlauf des Blutes und der Säfte, eine unvollkommene Verdauung, ein Mangel des Gedeihens, Verstopfungen, wozu das Einschrumpfen der Gefäße Anlass gibt, welche eine Wirkung der Traurigkeit zu sein scheint; ein Austreten der Säfte, das eine Folge jenes Schrumpfens ist.

„Die Saugröhren der Leber,“ sagt Herr Senac, „verschließen sich und die Galle ergießt sich in den ganzen Körper.“ Krämpfe, Zuckungen, Lähmungen, Schmerzen, unendliche Vermehrung der Angst, nebst allen Zufällen (Erkrankungen), die aus diesen erzeugt werden können.

§ 54

Dieses sei genug von der besonderen Gefahr der Selbstbefleckung gesagt. Ich denke ausreichend bewiesen zu haben, daß diese Gefährlichkeit nicht in meiner Einbildung besteht, sondern wirklich vorhanden ist. Ich wende mich nun den Heilungsmitteln zu.

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Dritter Teil: Die Heilung     Top

1. Abschnitt: Von den Heilungsmitteln die die Ärzte anwandten

§ 55

Es gibt einige Krankheiten, bei denen man von der heilsamen Wirkung der Arzneimittel beinahe gewiß ist. Aber Krankheiten, die vom übertriebenen Liebesgenuß herrühren, gehören nicht in diese Klasse. Am allerwenigsten diejenigen, die eine Folge der durch die Selbstbefleckung erschöpften Kräfte sind. Alles, was man von ihnen, wenn sie schon zu einem gewissen Grade gestiegen sind, voraus sagen kann, ist schrecklich. Hippokrates hat dergleichen Patienten geradezu den Tod angekündigt. Boerhaave sagt: „Dieses ist eine erbärmliche Krankheit. Ich habe sie oft gesehen, aber nie habe ich heilen können.“ Herr von Swieten hat an dem Patienten, dessen Geschichte er erzählte, drei Jahre lang vergeblich kuriert.

Ich selbst habe verschiedene auf eine erbärmliche Art sterben sehen. Einigen derselben konnte ich nicht einmal die geringste Linderung verschaffen

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können. Indessen müssen diese Beispiele nicht allen Mut nehmen, denn man hat auch welche, bei denen die Heilung glücklicher abgelaufen ist. Solche Beispiele findet man im Buch „Onania“ und in den Sammlungen medizinischer Bemerkungen. Ich kann auch aus meiner eigenen Praxis verschiedene gute Erfolge anführen.

§ 56

Hippokrates zeigt an der Stelle, wo er die Krankheit beschreibt, auch die Heilung an: „Wenn der Patient sich in einem solchen Zustand befindet, so macht ihm Bähungen (kalte oder warme, feuchte oder trockene Umschläge) über den ganzen Leib [14]. Hierauf gebt ihm ein Brechmittel. Dann ein Mittel zur Reinigung des Gehirns. Danach eine Purganz. [15]. Der Frühling ist die beste Zeit zu dieser Kur. Wenn Magen und Gedärme gereinigt sind, gebt ihm Molken oder Eselsmilch. Danach soll er 40 Tage lang Kuhmilch trinken. Solange er Milch trinkt, soll er kein Fleisch essen. Abends gibt man ihm einen Brei von Weizenmehl. Wenn die Milchkur zu Ende ist, so darf er sich nach und nach wieder an die Fleischspeisen gewöhnen. Dadurch wird er wieder Saft und Kraft bekommen. Er muß sich aber ein ganzes Jahr lang aller Ausschweifungen, besonders in der Liebe enthalten und nur mäßige Leibesbewegungen vornehmen, wobei ihm das Spazierengehen am dienlichsten ist, wenn er sich dabei vor Erhitzung und Erkältung in Acht nimmt.“

[14] Ich möchte in diesem Zusammenhang auf die Kneipp-Kur hinweisen, der auch mit kalten und warmen Umschlägen arbeitet.

[15] Die Purgation ist eine Ausleitung über den Darm. Eine Purganz ist eine Arznei, die die Ausleitung über den Darm bewirkt.

§ 57

Man sieht hieraus, daß Hippokrates die Kur mit einem Brechmittel und mit einer Purganz beginnt. Sein Ansehen könnte eine Regel daraus machen, die in den meisten Fällen schädlich sein würde. Man

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kann sich aber leicht aus dieser Verlegenheit helfen, wenn man bemerkt: 1. daß er die Purganz nur in der Absicht verordnet, damit der Fluß abgewendet wird, der, nach seiner Meinung, vom Haupte nach dem Rückgrad hinzieht. 2. daß er an einem anderen Ort diejenigen, die nach venerischen Auschweifungen krank geworden sind, unter die Zahl solcher Personen rechnet, denen man gar keine Purgiermittel verordnen müsse, „weil ihnen selbige nicht nur keinen Nutzen bringen, sondern vielmehr schaden können.“

Letzterer Satz muß als eine Hauptregel und ersterer als eine Ausnahme von derselben angesehen werden, und zwar als eine solche Ausnahme, die von keiner großen Erheblichkeit ist, weil sie sich auf eine Theorie gründet, die man heute für falsch hält und die damit heute keine Gültigkeit mehr besitzt.

Man findet in der Hoffmannschen Abhandlung, die ich schon öfters angeführt habe, zwei Bemerkungen, die uns in Ansehung des Gebrauchs von Brechmitteln sehr behutsam machen müssen. Ich will beide hier aufführen. „Ein Mann von 50 Jahren, der lange Zeit den Frauen zu sehr ergeben war, bekam eine Mattigkeit in allen Gliedern, wurde mager und schwindsüchtig. Sein Gesicht (seine Sehfähigkeit) wurde unmerklich immer schlechter. Schließlich sah er die Gegenstände nur wie durch eine Wolke. In derselben Zeit nahm er ein Brechmittel ein, um dadurch einem Fieber zuvorzukommen, vor dem er sich fürchtete, weil er seit geraumer Zeit viel geräuchertes Schweinefleisch gegessen hatte. Aber das Brechmittel trieb ihm den Kopf gewaltig auf und er wurde stockblind. Eine öffentliche Hure, die, sooft sie es mit einen Mann zu tun hatte, allemal eine Dunkelheit des Gesichts verspürte (deren Sehfähigkeit nachließ), verlor dasselbe gänzlich nach eingenommenem Brechmittel.“

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§ 58

Es scheint, daß Herr Boerhaave nicht die Kur selbst, als vielmehr die Schweirigkeiten derselben, habe anzeigen wollen. „Es gibt,“ sagt er, „wenig Hoffnung zur Genesung. Die Milch geht gar zu leicht wieder weg. Das Reiten hilft solchen Patienten nicht. Sie klagen, daß es sie ermatte. Und in der Tat verursacht solch eine Leibesbewegung, daß ihnen im Traum der Samen desto öfters entgeht. Dies beraubt ihnen zugleich ihre Kräfte. Gegen Morgen schwitzen sie gewaltig und sie sind beim Aufstehen müder als am Abend, als sie zu Bette gingen. Sie können keine gewürzten Sachen vertragen und diese haben auch schädliche Wirkungen bei ihnen. Das einzige, was in diesem Zustand noch helfen kann, besteht in guten Nahrungsmitteln, mäßiger Leibesbewegung, Fußbädern und in vorsichtigem Reiben (Massieren).“

Unter den medizinischen Gutachten dieses großen Mannes, die Herr von Haller in der von ihm besorgten Ausgabe veröffentlicht hat, findet man eines, das für einen Mann ausgestellt war, der sich durch die Liebeslust untüchtig gemacht hatte. „Ein dreißigjähriger Mann hat sich die Zeugungsteile so sehr geschwächt, daß ihm der Same bei der geringsten Errektion, denn vollständig wird sie bei ihm nie, allemal entgeht, und zwar auf eine solche Art, daß selbiger nicht ausgespritzt wird, sondern nur abtröpfelt. Dieses macht den Mann unvermögend. Gedächtnis, Magen, Lenden und Beine haben die Kraft verloren.“

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Hierauf antwortete Boerhaave: „Dergleichen Krankheiten sind jederzeit überaus schwer zu heilen. Sie äußern sich fast niemals eher, als wenn der Körper bereits so geschwächt ist, daß keine Mittel mehr anschlagen. Indessen kann man einen Versuch machen, was folgende Mittel ausrichten können:

1. Eine trockene und leichte Kost, z.B. Vögel, Rindfleisch, Hammelfleisch, Kalbfleisch, Ziegenfleisch, lieber gebraten als gesotten. Wenig, aber recht gutes Bier. Wenig Wein, der aber Geist und Kraft hat.

2. Viel Bewegung bei nüchternem Magen, die man nach und nach verstärkt, bis man anfängt, ein wenig müde zu werden.

3. Jeden Morgen und jeden Abend ein fleißiges Reiben mit Flanell, der mit Weihrauch durchgeräuchert wurde, am Bauch, am Kreuze (am Rücken), an der Scham, an den Weichen (seitliche Lendengegend) und am Hodensack.

4. Man muß des Tages alle zwei Stunden ein Quintlein [16] von folgender Latwerge [17] nehmen:

Rec. Terre japon, vnc. fs
Opopanac. 3v.
Cort. peruv. 3vj.
Conserv. Rosar. rubr.
Oliban. zij.
Succ. Acac.
Syrup. Kerm. q. f.
f. l. a. cons

und jedesmal eine halbe Unze [18] von nachstehendem medizinischen (Kräuter-)Wein trinken:

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Rec. Rad. caryophyll. mont.
Poen. mar. aa.
Tamarisc. aa.
Lign. Agalloch. veri.
Vin. gall. alb.
f. l. a. vin. medic.“

[16] 1 Pfund = 500 Gramm = 128 Quint; 1 Quint = 3,91 Gramm

[17] Latwerge ist ein stark eingekochter Mus, meist aus Zwetschgen oder Pflaumen, bisweilen aber auch aus völlig anderen Früchten wie Schlehe, Wacholder oder Hagebutte.

[18] 1 Apothekerunze = 31,1 Gramm (die Apothekerunze wird bei Medikamenten und Chemikalien benutzt)

Ich hoffe, fügt Herr Boerhaave hinzu, daß ein zweimonatlicher Gebrauch dieser Mittel den Kranken zur Genesung verhelfen werden. Aber dieser wollte sich ihrer nicht bedienen und starb nach einigen Wochen an einer bösartigen Ruhr. Würden sie ihm geholfen haben, wenn er sie gebraucht hätte? Dieses läßt sich heute nicht mehr sagen. Herr Zimmermann hat mir geschrieben, er habe dieses Rezept einem Kranken zwei Monate lang verschrieben, ohne die mindeste Besserung zu verspüren.

§ 59

Hoffmann zeigt an, wovor man sich in Acht zu nehmen habe und was für Mittel man gebrauchen müsse. „Man muß alle Mittel meiden, die schwache Personen nicht vetragen können und einen schon ausgemergelten Körper noch weiter schwächen. Dazu gehören alle anhaltenden, zu sehr kühlenden, bleiischen (bleihaltigen?), salpeterhaften, sauren und insbesondere die schlafbefördernden Mittel. Sie schaden an allen Fällen dieser Art. Und leider! bedient man sich ihrer doch sehr oft.“

Der Zweck bei der Kur soll sein, die Kräfte wieder herzustellen und die erschlafften Fäserchen (fibrae = glatte Muskelfasern in der Wand des Magens) wieder strammer zu machen. Hitzige, flüchtige, gewürzhafte, stark und angenehm riechende Mittel schicken sich hier nicht. Man sollte nur milde

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Nahrungsmittel essen, die das Blut versüßen und aus denen sich jene nährende, gallertartige Substanz, die durch die unmäßigen Ausleerungen verloren gegangen sind, auf's neue erzeugen können. Dergleichen sind Kraftsuppen aus Ochsen-, Kalbs- und Capaunenfleisch [19] mit ein wenig Wein, Zitronensaft, Salz, Muskatnuß, Gewürznäkelken (Gewürznelken?) Daneben kann man sich auch mit gutem Nutzen derjenigen Arzneimittel bedienen, die die Ausdünstung befördern und die schlaffen Fasern stärken.

[19] Ein Kapaun oder auch Kapphahn oder Masthahn ist ein im Alter von etwa zwölf Wochen kastrierter und gemästeter Hahn. Kapaune werden im Handel nur in der Zeit von Anfang bis Ende Dezember angeboten und daher ist ein Kapaun ein klassischer Weihnachtsbraten.

In einem anderen Gutachten, welches Hoffmann für einen Selbstbeflecker ausstellte, verordnet er alle Tage ein Maß (1 Liter) Eselsmilch mit einem Drittel Selzerwasser [20] verdünnt, zu trinken.

[20] Selzerwasser, Selter(s)wasser, ist ein Mineralwasser, welches im Nassau=Weilburgischen entspringt. Der Selterserbrunnen hat seinen Namen von dem an 800 Einwohnern zählenden Dorfe Niederselters, welches ehemals dem Churfürstenthume Trier angehörte.

§ 60

Es würde überflüssig sein, die Vorschriften und Bemerkungen anderer Schriftsteller hier abzuschreiben. Ich will nur noch einen sehr brauchbaren Fall erwähnen, so wie man ihn in einer Dissertation des Herrn Weßpremi findet, welche vierzehn Beobachtungen enthält, worunter keine ist, die nicht interessant wäre.

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W. Conybeae, dreißig Jahre alt, hatte schon seit sechs Jahren, ohne einen sichtbaren Fehler am Auge zu haben, ein so blödes Gesicht (ein so schlechtes Sehvermögen), daß er alle Gegenstände wie durch eine Wolke sah. Er war nacheinander in drei berühmten Hospitälern von London, nämlich dem St. Thomas, St. Bartholomäus und dem St. Georg Hospital gewesen. Endlich begab er sich vor zwei Jahren in unser Hospital [21]. Überall hatte man, nach anderen gebrauchten Mitteln, den Versuch gemacht, ob diese Art Schwarzer Staar durch die mercurialische Speichelkur (Quecksilberkur?) zu vertreiben war. Die Ärzte verloren dabei alle Geduld. Und der Patient ließ den Mut völlig sinken.

[21] Samuel Auguste Tissot wirkte hauptsächlich als Arzt in Lausanne. 1780 bis 1783 übernahm er die Leitung der Universitätsklinik Pavia.

Als ich ihn besonders vornahm und mich sorgfältig nach seinem Zustand erkundigte, so sagte er mir, daß er von Zeit zu Zeit eine empfindliche Beschwerlichkeit am ganzen Rückgrad herunter verspürte, insbesondere wenn er sich bückte, um etwas von der Erde aufzunehmen. Seine Beine wären so schwach, daß er kaum eine Minute stehen konnte, ohne sich anzulehnen, denn sonst bekäme er ein Zittern in den Beinen, mit Schwindel und einem Nebel in den Augen begleitet. Sein Gedächtnis wäre dermaßen geschwächt, daß er bisweilen ganz dumm zu sein schien. Übrigens sehe er selbst, daß er ganz vom Fleisch abgefallen war (daß er ganz abgemagert war). Alles dieses ließ mich vermuten, daß der Schwarze Staar nur ein Zufall einer weit schlimmeren Krankheit sein könnte und der Patient mit der Rückenmarkszehrung (consumtio dorsalis) belastet wäre.

Ich drang sehr in ihn, mir zu gestehen, ob er sich nie mit der Onanie befleckt hätte, welche die balsamischen Teile des Nervensafts gänzlich zerstört. Er wollte lange nicht mit der Sprache heraus. Endlich gestand er mirs mit Erröten. Ich ließ ihn des Abends zwei Mercurialpillen einnehmen, jede von 6 Gran [22] versüßten Quecksilbers und

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den anderen Morgen zwei Loth [23] Purgiersalz. Er mußte mir innerhalb von 14 Tagen viermal dasselbe tun. Nach Verlauf dieser Zeit mußte er, nach der Verordnung des Hippokrates in einem ähnlichen Falle, 40 Tage lang von lauter Milchspeisen leben, und sich dabei, zwei bis dreimal die Woche, des Abends vor dem Schlafengehen, reiben lassen.

[22] In den Nürnberger Apothekergewichten ist das Gran der 5760. Teil des Apothekerpfundes, also etwa 62,2 Milligramm.

[23] Das alte Lot(h) (vor Mai 1856) variierte von 14,606  bis 17,5 Gramm je nach Standort. Das neue Lot (ab 27. Mai 1856) betrug 16,666 Gramm.

Nach beendigter Kur kam er, in einem weit besseren Zustand vom Lande zurück, als er dort hingegangen war. Ich riet ihm, sich drei Wochen lang, jeden Tag des Morgens um acht Uhr nüchtern (vor dem Frühstück) in kaltem Wasser zu baden. Außerdem ließ ich ihn zwei Monate lang täglich das Electuarium minerale [24] und vom volalitischen (flüchtigen) Julep? [25] Gebrauch machen. Daneben empfahl ich ihm das Reiben und den öfteren Gebrauch eines Fußbades. Durch diese Mittel wurde seine Gesundheit wieder so gut hergestellt, daß er nunmehr seine Profession (seinen Beruf), die das Bäckerhandwerk war, wieder betreiben konnte. Ich riet ihm aber, sich einen anderen Beruf zu suchen, weil ich befürchtete, es könnte sich der beim Kneten erhebende Mehlstaub, den man möglicherweise einatmet, in der noch schwachen Brust und im Magen einen Kleister ansetzen, dessen Wirkung gefährlich sein könnte.

[24] Latwerge (lateinisch: Electuarium): eine früher mehr als jetzt gebräuchliche Arzneiform, in welcher bittere oder sonst übelschmeckende, gepulverte Arzneikörper mit Honig oder gezuckertem Fruchtmus gemischt sind, um sie für den Geschmack annehmlicher zu machen. Am gebräuchlichsten sind noch die abführende Senna latwerge, die bittere Magenlatwerge, welche durch einen Zusatz von Opium zum Theriak (Gegengift) wird, und eine oder die andre Zahnlatwerge.

[25] Juleps sind alkoholhaltige Mixgetränke, die mit Minze aromatisiert und meist mit Früchten garniert werden.

§ 61

Herr Stähelin half der Kranken, von der ich im zweiten Abschnitt des ersten Teils auf Seite 26 geredet habe, vermittels stärkender Bäder der Tinktura Martis Ludovici (eine Eisentinktur) und eröffnender Brühen.

§ 62

Die vornehmsten Arzneimittel, die in der englischen „Onania“ angepriesen werden, bestehen in Geheimnissen,

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die sich der Verfasser allein vorbehalten hat. Man erkennt allerdings, und diese Anmerkung ist wichtig, daß er keine abführenden Mittel gebraucht, sondern daß der Grund seiner sogenannten Krafttinktur und seines die Fruchtbarkeit befördernden Pulvers in lauter stärkenden Sachen bestanden. Die Wirkung derselben geschieht fast unmerklich, aber sie bereichern, wie sich der Verfasser ausdrückt, sie stärken, sie nähren die Zeugungsteile beider Geschlechter, beleben sie mit neuer Kraft, sind bei der Erzeugung des Samens behilflich und helfen einer unvermögenden Natur mächtig wieder auf. Mit einem Wort, sie leisten, so wie alle Geheimnisse, alles was man sich nur wünscht. Daneben hat er noch ein drittes Mittel unter dem Namen eines Stärketranks, welches gleichfalls erstaunliche Wirkung tut.

Und in der Tat, wenn man allen Zeugnissen, die zum Vorteil dieser Arzneien sprechen, trauen darf, so müssen herrliche Tugenden darin stecken. Außer diesen drei Geheimnissen teilt der Verfasser auch einige Rezepte mit. Das eine von einem Trank, der aus Bernstein, Gewürzen, und dergleichen zusammen gesetzt ist. Das andere von einer Salbe, die aus wesentlichen Ölen, Balsamen und scharfen Tinkturen besteht. Es dünkt mich aber, daß beide Zusammensetzungen zu stark reizen und treiben müssen. Da er keine Erfahrung beigebracht hat, welche die gute Wirkung derselben beweisen, so will ich mich mich mit ihrer Beschreibung nicht aufhalten. Er zeigt noch zwei andere Mittel, die ich für besser halte.

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Abgekochter Trank.

Rec. Flores siccat lamli* manip. vj.
Rad. cyperi.
Galang. aa. unc. j.
Bistort. unc. j.
Osmund. regal. unc. ij.
Flor. Rosar zubr. manip. iv.
Ichthycoll. unc. iij.
Sciss. contusa. misc. cum aquae quart.
VIII. ad quarte partis evaporat coquantur.

Alle Tage ein Quartier** davon trinken.

*Hier hätte die Gattung bezeichnet werden sollen, ob das lamium album oder das lamium maculatum gemeint ist.

**Das Maß flüssiger Dinge, welche die Engländer ein Quartier nennen, ist mit der Pariser Pinte einerlei (identisch) und faßt zwei Pfund, jedes von 16 Unzen, insgesammt also 32 Unzen.

Iijektio (Einspritzwasser)

Rec. Sacch. Saturni.
Vitriol alb.
Alum. crud. aa.
Aqu. Chalyp. fabror. pint iisi.***
per dies decem igne arenae digerantur.
Add. spir. vin. campor cochl. iij

***Die Pinte ist ein Maß flüssiger Dinge, welches in England ein Pfund von 16 Unzen oder 32 Lot(h) enthält.

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§ 63

Man wird in dem vor etlichen Jahren herausgekommenen „Precis de Medicine pratique“ des Herrn Lieutaud, Leibarzt der königlichen Kinder von Frankreich, der, nachdem er schon vorher in seiner Stärke in der Zergliederungskunst und Physiologie berühmt war, sich durch dieses Werk auch um die praktische Heilungskunst höchst verdient gemacht hat, vortreffliche Sachen finden, die sich auf die Krankheit, wovon hier die Rede ist, anwenden lassen. Die Kapitel, die sich auf die Rückenmarkszehrung beziehen, sind betitelt: Calor morbosus, eine verdächtige Hitze, wobei einem nicht wohl zumute ist. Diese Krankheit kommt sehr häufig vor. Es hat aber, außer Herr Lieutaud, der ihre Zufälle, wahre Beschaffenheit und Kur zuerst entwickelt hat, noch kein anderer Arzt davon geschrieben und oft wird sie auf eine verkehrte Art behandelt. Vires exhauftae, die Erschöpfung der Kräfte und Anämia, oder Blutmangel, ein Kapitel, das sehr wichtig ist und dem Verfasser allein gehört.

§ 64

Herr Lewis, dessen Werk ich in meiner ersten Ausgabe noch nicht besitzen konnte, hat unter allen Schriftstellern am weitläufigsten von der Kur (Heilung) dieser Krankheit geschrieben. Ich habe das Vergnügen gehabt, zu sehen, daß wir dieselbe Vorstellung von dieser Krankheit hatten und daß wir dieselben Mittel gebrauchten, besonders die Chinarinde und kalte Bäder. Welche Übereinstimmung die Methode, die wir beide befolgt haben, nicht wenig zu begünstigen scheint. Ich will nur die beiden Aphorismen (Sinnsprüche) anführen, die das Hauptsächlichste von seiner Methode in sich halten.

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Ich werde mich einiger Stellen aus der von ihm hinzugefügten Erläuterung bedienen, um dadurch im folgenden Abschnitt die Richtigkeit meiner eigenen Methode zu bestätigen.

Bei der Kur dieser Krankheit, sagt dieser geschickte Arzt, kommt es auf zwei Punkte an, nämlich was man vermeiden und was man tun muß. Alle Mittel werden unwirksam bleiben, wenn man nicht in Ansehung der sogenannten nicht natürlichen Sachen (res non naturales) die äußerste Sorgfalt beachtet und dabei die allergenaueste Lebensführung einhält. Eine gesunde Luft ist hierbei von der größten Wichtigkeit. Speise und Trank müssen stärkend sein, ohne zu erhitzen. Man muß zur rechten Zeit zu Bette gehen und sollte nicht zu lange schlafen. Am Tage sollte man für eine mäßige Bewegung sorgen, insbesondere durch Reiten. Wenn die natürlichen Ausleerungen nicht richtig vor sich gehen, muß man sie wieder in Ordnung bringen. Der Kranke muß sich durch Gesellschaften und unschuldige Ergötzlichkeiten zu zerstreuen suchen. Alle Arzneien müssen zu den Klassen der balsamischen (lindernden) und stärkenden Mittel gehören.

Anstatt des (schwarzen) Tees, der, wie er sagt, den Nerven allemal sehr schädlich ist, empfiehlt er ein Getränk von Melissen oder Kräuterminze (mentha) zu trinken und in jede Tasse einen Löffel voll von balsamischer Mixtur zu schütten, die aus miteinander gequirlten Eierdottern (Eigelb) und Milchrahm [26] besteht, wozu man zwei bis drei Tröpfen Zimtöl (Kaneelöl) tut. Dieses gibt ein wohlschmeckendes und dem Magen sehr dienliches Getränk, wie ich selbst zu bemerken, Gelegenheit gehabt habe (es zu probieren). Es ist ein wahrhaft balsamisches und stärkendes Mittel.

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[26] Als Rahm oder Sahne wird der fetthaltige Teil der Milch bezeichnet, der sich beim Stehenlassen von Rohmilch natürlich absetzt. Sahne enthält gegenüber Milch weniger Milcheiweiß, dafür mehr Fett und fettlösliche Vitamine. Man unterscheidet zwischen ungesäuerter (unverarbeiteter, süßer Sahne, Kaffeesahne, Schlagsahne) und gesäuerter Sahne (mit Milchsäurebakterien versetzt, Saure Sahne, Creme legere, Schmand, Crema fraiche).

Da Herr Lewis aber zur Klasse der stärkenden Mittel, die er anrät, auch die bleiischen (bleihaltigen) rechnet, so fühle ich mich verpflichtet, ungeachtet des Ansehens dieses berühmten Arztes und einiger anderer angesehener Männer, die hierin gleicher Meinung mit ihm sind, meine Leser vor dem Gebrauch  bleiischer Arzneimittel zu warnen, weil diese, wie fast alle Ärzte behaupten, ein wahres Gift sind. Ich habe die traurigen Wirkungen davon gesehen und die Dummdreistigkeit der Marktschreier gibt nur gar zu oft Gelegenheit zu solchen Erfahrungen. Will man aber den innerlichen Gebrauch bleiischer Mittel, nach Art einiger anderer Gifte beibehalten, so vertraue man wenigstens die Handhabung und Ausheilung derselben, keinem anderen, als solchen Personen an, die imstande sind, einzusehen, wie gefährlich oder wie nützlich ihre Wirkung sein kann. Und man enthalte sich, selbige in öffentlichen Schriften unbedachtsam zu rühmen.

§ 65

Ich schließe diesen Abschmitt mit der Methode, deren sich Herr Störk bei der gleichen Krankheit bedient. Sie ist sehr einfach und sehr wirksam. Überhaupt wird man, nach Vergleichung aller bisher erwähnten Methoden, finden, daß sie alle auf denselben Grundsätzen beruhen, auf denselben Zweck abzielen, und auch weitgehend dieselben Mittel gebrauchen, die die Heilung fördert. „Den Anfang der Kur,“ sagt Herr Störk,  „macht man damit, daß man dem Patienten lauter kräftige Fleischsuppen gibt. Reis, Hafergrütze, Gerstengraupen mit Fleischbrühe oder mit Milch gekocht, sind ihm sehr dienlich. Er sollte aber nur wenig auf einmal davon essen,

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dafür sollte er häufiger essen. Sollte der Magen so sehr geschwächt sein, daß er nicht einmal diese Art der Speisen ohne große Beschwerden vertragen kann, wie es bisweilen der Fall ist, wenn die Krankheit schon weit fortgeschritten ist, so muß man ihm eine Amme halten. Dieses Mittel hat schon öfters die bedenklichen Umstände behoben.

Die erschlafften Fiebern (Muskelfasern des Magens) werden durch den Gebrauch eines mit China (gemeint ist wahrscheinlich Chinarinde) und Zimt (Kaneel) versetzten Stahlweins (eisenhaltigen Weins) gestärkt. Sobald der Patient genug Kräfte zum Spazierengehen hat, so tut er überaus wohl, wenn er sich häufiger auf's Land oder einen Berg begibt, wo er eine reine und gesunde Luft genießen kann.“



2. Abschnitt - Die Heilverfahren des Verfassers     Top

§ 66

Es gibt einige Krankheiten, bei denen es schwer ist, die Ursache zu entdecken. Hieraus eine sichere Heilmethode zu finden, auf welchen Gegenstand die Kur gerichtet sein müsse, und die rechte Methode, sie zu behandeln, aufzuspüren, ist nicht leicht. Sobald aber diese Schwierigkeiten überwunden sind, so lassen sich solche Krankheiten ziemlich leicht heilen. Mit der Rückenmarkszehrung (Consumtio dorsalis) verhält es sich aber nicht so. Man weiß, was es für eine Krankheit ist, man kennt ihre Ursache. Sie ist, wie Herr Lewis sagt, eine besondere Art der Zehrung, deren nächste Ursache in einer allgemeinen Schwäche der Nerven liegt. Das Wissen, wie die Kur zu behandeln ist, ist vorhanden.

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Daher sind die Meinungen über das Wesentliche, was die Kur betrifft, nicht sehr weit voneinander entfernt. Trotzdem misslingt oft die beste Methode. Dies muß uns um so sorgfältiger machen, alle Umstände, so genau wie möglich zu bestimmen.

Eine allgemeine Erschlaffung der Fiebern, eine Schwächung des ganzen Nervensytems, eine in den Säften vorgegangene nachteilige Veränderung, dies sind die Ursachen des Übels. Es gibt außerdem eine Schwächung aller Teile, welche man folglich wieder zu stärken bedacht sein muß. Hier hat man die einzige Anzeige, was bei der Kur die Hauptabsicht sein müsse. Man könnte zwar verschiedene Unterabteilungen machen, die man nach der Verschiedenheit der geschwächten Teile unterscheidet, da sie sich aber alle durch dieselben Mittel heilen lassen, so braucht man nicht jedes Teil gesondert zu behandeln, zumal solches schon in den vorherigen Abschnitten hinlänglich geschehen ist.

§ 67

Diejenigen, die nichts von der Medizin verstehen, aber desto mehr davon schwatzen, werden glauben, daß nichts leichter sei, als dieser Anzeige Genüge zu tun und daß man mit guten Nahrungsmitteln und herzstärkenden Sachen, wovon es ja in unseren Apotheken im Überfluß gibt, die verlorenen Kräfte unfehlbar wieder herstellen könne. Allein, daß nichts schwerer als dieses sei, haben die größten Ärzte durch traurige Erfahrungen gelernt.

„Es ist sehr leicht“, sagt Herr von Gorter, „die Kräfte zu verringern. Aber sie wieder zu ersetzen, dazu hat man beinahe kein Hilfsmittel.“ Dieses wird man sogleich begreifen, wenn man bedenkt, daß Nahrungsmittel und Arzneien nichts anderes als Werkzeuge sind, deren sich die Natur bedient,

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um den erlittenen Verlust zu ersetzen und den sich im Körper äußernden Unordnungen abzuhelfen. Was ist die Natur anderes, als die harmonisch verteilten Kräfte des Körpers zusammen genommen oder die in jeden Teil desselben sich ergießende Lebenkraft? Folglich, wenn die Kräfte erschöpft sind, so ist die Natur ins Stocken geraten. Der Werkmeister verrichtet seinen ordentlichen Dienst nicht mehr. Man gebe ihm so viel Materialien, wie man wolle, er ist nicht mehr imstande, sie zu bearbeiten. Man kann ihn sogleich mit seinem Gebäude unter Stein, Holz und Kalk begraben, ohne einen einzigen Zoll an der Mauer auszubessern. Genau dieselbe Bewandnis hat es mit Krankheiten, die von der Zerstörung der Kräfte herrühren. Speise und Trank gedeihen nicht, die Arzneien wirken nicht.

Ich habe Erfahrungen von Mägen gehabt, die dermaßen geschwächt waren, daß die Speisen so unbearbeitet darin blieben, wie in einer hölzernen Schüssel. Bisweilen fügen sie sich darin nach den Gesetzen ihrer spezifischen Schwere und wenn eine neue Portion durch ihr Gewicht den Magen reizt, so gehen sie nach einer geringen Anstrengung (ohne eine gute Verdauung) nach und nach wieder ab, und zwar jede Speise besondern. Zu anderen Zeiten aber verderben sie, nach einem allzulangen Aufenthalt im Magen, und gehen, in Gestalt vermoderter Stücke, durch Erbrechen wieder ab. Was hilft einem bei solchen Umständen Essen und Trinken?

§ 68

Die Erschöpfung der Kräfte ist nicht bei allen im gleichen Maß vorhanden. Es gibt Leute, die nur geschwächt, nicht aber ganz zerstört sind. Hier können nährende Sachen und selbst Arzneien etwas gutes Ausrichten.

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Durch erstere hilft sich der noch vorhandene Naturrest gewissermaßen wieder auf. Letztere aber müssen von derjenigen Gattung sein, welche die beinahe verlöschten Funken der Liebeskraft wieder anfachen können. Durch diesen fremden Beistand hilft man dem Werkmeister, daß er an seinem Werke fortarbeiten kann und doch so wenig Kräfte dabei verliert, wie möglich. Dies sind gleichsam die Sporen, die man einem mattem Pferde gibt, wenn man will, daß es in einem schlimmen Weg seine Kräfte anstrengen soll.

Aber wieviel Geschicklichkeit und Klugheit gehört dazu, um mit einem Blick die Tiefe des Morastes und die Kraft des Tieres zu übersehen und beides miteinander zu vergleichen! Übersteigt das Werk seine Kräfte, so wird es zwar der Sporenstich anspornen, zusätzliche Kräfte freizumachen, kommt es aber dennoch nicht auf einen guten Weg, so entgeht ihm zuletzt alle Kraft.

§ 69

Die durch die Selbstbefleckung erzeugte Schwachheit verursacht, daß die Wahl der stärkenden Mittel eine Schwierigkeit, die bei anderen Fällen nicht vorkommt, nämlich daß man sich auf's sorgfältigste vor allen den Mitteln hüten muß, die, indem sie reizen, den Stachel des Fleisches auf's neue rege machen können. In der Mechanik belebter Körper, die von der Einrichtung lebloser Maschinen so sehr verschieden ist und nicht an die Regeln der Letzteren gebunden ist, gilt das Gesetz, daß, wenn sich die Bewegungen vermehren, die Vermehrung stärker in den Teilen vor sich geht, die dazu am besten geschickt sind (die darauf am stärksten ansprechen). Dies sind bei den Selbstbefleckern die Zeugungsteile. Dort wird sich also die Wirkung reizender Mittel am stärksten offenbaren.

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Die gefährlichen Folgen dieser Wirkung können uns in Ansehung der anwendenden Mittel nicht behutsam genug machen.

Was sollen es denn für Mittel sein? Dies werde ich untersuchen, wenn ich zuvor die zu beobachtende Lebensordnung (Lebensführung) werde beschrieben haben. Ich werde hierbei der gewöhnlichen Einteilung der sechs sogenannten nicht natürlichen Sachen folgen als: 1. Luft, 2. Essen und Trinken, 3. Schlaf, 4. Leibesbewegungen, 5. natürliche Ausführungen (Stuhlgang) und 6. Leidenschaften.



2.1 Von der Luft     Top

§ 70

Die Luft hat einen ebenso starken, vielleicht einen noch weit stärkeren Einfluß auf uns, als das Wasser auf die Fische hat. Wer weiß, wie weit sich der letztere erstreckt, und wenn bekannt ist, daß es Leute mit so feinen Zungen gibt, daß sie aus dem Geschmack eines Fisches nicht nur den Fluß, sondern auch den Ort des Flusses, wo er gefangen wurde, anzeigen können, und zu unterscheiden wissen, der wird leicht bemerken, daß es keineswegs einerlei sei, ob ein Patient diese oder eine andere Luft einatmet. Wer ein einziges Mal in seinem Leben in ein Zimmer eingetreten ist, daß man lange nicht gelüftet hat; wer bei heißem Wetter längs einem morastigen Ufer gefahren ist, oder an niedrigen Orten gewohnt hat, die von Anhöhen umgeben sind; wer aus einer wolkenreichen Stadt auf's Land gezogen ist; und wer jemals den Unterschied der Luft beim Aufgang der Sonne und des Mittags,

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vor und nach dem Regen, bemerkt hat, der wird den großen Einfluß der Luft auf die Gesundheit ohne Mühe begreifen.

Temperie coeli corpusque animusque juvatur. (Körper und Seele ändern sich beim Wechsel der Luft.)

§ 71

Schwächlichen Personen ist eine reine Luft nötiger, als anderen. Sie ist dasjenige Hilfsmittel, und vielleicht ist sie das einzige, welches ohne Mithilfe der Natur und ohne ihren Kräften (ihrer Gesundheit) dabei zuzusetzen, wirkt. Es ist daher überaus viel daran gelegen, dieses Mittel nicht außer Acht zu lassen. Diejenige Luft, die sich am besten für die Heilung einer allgemeinen Erschlaffung der Fiebern (Magenmuskeln) eignet, ist eine trockene und gemäßigte Luft. Dagegen ist eine feuchte und allzu heiße Luft eher schädlich. Ich kenne einen Patienten, der bei heißem Wetter ganz erschöpft wird und dessen veränderliche Gesundheit im Sommer bloß von wärmeren oder kühleren Tagen abhängt. Vor einer kalten Luft braucht man sich weit weniger fürchten. Die Ursache hiervon ist klar: Die Hitze macht die ohnehin schon schlaffen Fiebern noch schlaffer und löst die bereits zu sehr geschmolzenen Säfte auf. Die Kälte dagegen steuert beide Übel.

Wenn die Karaiben (Karibikbewohner, Mittelamerika) nach einem entsetzlich krampfartigen Bauchgrimmen, denen sie zuweilen unterworfen sind, mit einer Lähmung befallen werden und es ihre Umstände nicht erlauben, die warmen Bäder im Norden von Jamaike zu besuchen, so schickt man sie an einen Ort, wo es kälter ist, als in ihrem Land. Allein durch diese Veränderung der Luft werden sie wieder gesund. Außerdem kommt es auch sehr darauf an, daß die Luft nicht verschmutzt ist, daß sie nicht lange in bewohnten Orten verschlossen gewesen sind und dadurch die lebendigmachende Eigenschaft verloren haben, in welcher ihre ganze Kraft besteht, die man als die Lebensgeister bezeichnen kann, die den Pflanzen ebenso unendbehrlich sind, wie den Tieren. Eine solche Luft aber

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atmet man auf einem offenen Feld das stark mit Gras, Bäumen und Sträuchern bewachsen ist.

„Man lasse den Kranken“, schreibt Aretäus, „seine Wohnung nahe bei Wiesen, Brunnen und Bächen aufschlagen, denn die Ausduftungen derselben und die Munterkeit, die sie einflößen, stärken die Seele und beleben den Körper mit neuer Kraft. Es ist uns, als ob wir neu geboren wären.“ Bei der Stadtluft, mit welcher wir beständig eine Menge verdorbener Dünste ein- und ausatmen, findet sich die zweifache Unbequemlichkeit, daß sie weit weniger von jenen Lebensgeistern mit sich führen, dagegen desto stärker mit schädlichen Teilen beladen sind. Die Landluft besitzt zwei entgegengesetzte Eigenschaften. Sie hat noch ihre ursprüngliche Reinigkeit und ist nur mit den flüchtigsten, angenehmsten, herzstärkensten Teilen, die die Pflanzen ausdünsten und mit dem gesunden Duft der Erde geschwängert.

Es würde aber nichts helfen, wenn man sich eine Wohnung in einer gesunden Luft wählt und gleichwohl diese Luft nicht tief einatmet. Die Luft in den Zimmern ist, sofern sie nicht beständig erneuert wird, fast überall  einerlei (nicht besonders gesund). Man wechselt also nicht wirklich die Luft, wenn man statt eines verschlossenen Zimmers in der Stadt ein verschlossenes Zimmer auf dem Land bezieht. Nirgends genießt man vollkommener die heilsamen Eigenschaften einer gesunden Luft, als auf freien Felde. Wenn der Patient so schwach und so krank ist, daß er sich nicht dorthin begeben kann, so muß man verschiedene Male des Tages frische Luft in sein Zimmer lassen. Dabei darf man sich nicht damit begnügen, daß man eine Tür oder ein Fenster öffnet, denn dies ist zur Erneuerung der Luft nicht hinreichend, sondern man muß, indem man an zwei oder drei einander entgegenstehenden Orten zu gleicher Zeit die Fenster und Türen öffnen, um einen ganzen Zug frischer Luft ins Zimmer einzulassen. Jede Krankheit erfordert diese

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Vorsicht. Man sollte den Patienten beruhigen, daß die Zugluft seiner Krankheit nicht schadet, wenn er sich davor schützt.

§ 72

Es ist auch sehr zuträglich, die frische Morgenluft zu genießen. Wer sich dieses Vorteils beraubt und lieber zwischen seinen vier Wänden in einer beklommenen Atmosphäre bleibt, der entzieht sich mutwilligerweise eines der angenehmsten und erquickensten Hilfsmittel. Die Kühlung der Nacht verschafft der Luft ihre ganz belebende Kraft wieder und der mit allem Balsam der Blumen bereicherte Tau, worauf er sich niedergelassen, teilt, indem er nach und nach verduftet, dieser Morgenluft wirkliche Arzneikräfte mit. Man schwimmt sozusagen in einer Quintessenz von Pflanzen, die man mit jedem Atemzug zu sich nimmt. Diese herrliche Wirkung leistet kein anderes Mittel auf der Welt.

Das Wohlbefinden, die Frische, die Stärke und den Appetit, den man den übrigen Tag hindurch verspürt, sind Beweise, die jeder aus eigenen Versuchen schöpfen kann und die kräftiger sind, als alles, was ich noch weiter sagen könnte. Ich habe noch vor kurzem die ausnehmend guten Wirkungen der Morgenluft bei verschiedenen kränklichen, insbesondere aber hypochondrischen (depressiven) Personen wahrgenommen, welche recht augenscheinlich erfahren haben, daß sie sich, von der beim Aufgang der Sonne eingezogenen Luft allemal den ganzen Tag über, weit munterer als sonst befanden, so daß diejenigen, die mit ihnen umgegangen, diese Heiterkeit als ein sicheres Kennzeichen angesehen haben, daß der Patient diesmal früher als gewöhnlich müsse aufgestanden sein.

Man sieht hieraus, wie heilsam die Morgenluft für die mit der Rückenmarkszehrung behafteten Personen sein müsse, bei denen die Hypochondrie außerdem nichts seltenes ist. Schon die Wiederkehr einiger Munterkeit ist eine unstreitige Anzeige, daß sie auf dem Wege der Besserung sind.

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2.2 Die Speisen und Getränke     Top

§ 73

Man muß sich bei der Auswahl der Lebensmittel nach folgenden beiden Regeln richten:

1. Man nehme nur solche Speisen zu sich, die bei einer geringen Quantität (Menge) dennoch sehr nahrhaft und dabei leicht zu verdauen sind. Dieses ist ein Aphorismus (Sinnspruch) bei Sanctorius [27]: „Coitus immoderatus postulat cibos paucus & boni nutrimenti“

[27] Santorio Santorio, latinisiert Sanctorius; 1561-1636, war italienischer Mediziner. Er wog sich mehrmals täglich und rechnete zusammen, was er im Laufe des Tages zu sich nahm, welches Gewicht also Getränke und Nahrung hatten, und wieviel er in Urin und Kot wieder von sich gab. Dabei machte er eine erstaunliche Entdeckung: Wenn er am Tag 8 Pfund zu sich nahm, so gab er doch nur 5 Pfund wieder ab. Nach 10 Tagen hätte er daher um 30 Pfund schwerer sein müssen. Da er jedoch nicht zunahm, zog er den Schluss, dass 3 Pfund täglich durch eine unmerkliche Ausdünstung dem Körper verloren gehen müssten.

2. Man vermeide alle scharf gewürzten Speisen. Eine der Hauptabsichten der Kur soll sein, dem geschwächten Magen wieder Stärke zu verschaffen. Nichts aber zerstört mehr die Kraft der tierischen Fiebern (der Muskelfasern des Magens), als eine gezwungene Ausdehnung. Würde man also den Magen durch zu viel Essen zu sehr erweitern, so würde man ihn von Tag zu Tag schwächer machen. Überdies bekommen schwächliche Personen, wenn sie den Magen zu voll gestopft haben, ein Übelbefinden, eine Angst, Ohnmachten und Melancholie (Depressionen, Lustlosigkeit), wodurch ihr Zustand noch schlimmer wird. Man kann aber diesen Zufällen (Erkrankungen) zuvor kommen, wenn man solche Speisen wählt, wie ich sie angezeigt habe und nur wenig zur Zeit, aber oft davon genießt. Auf diese Weise können sie das Nahrhafte, daß sie bei sich führen, leicht aufnehmen. Dagegen ist der Magen solcher Patienten nicht imstande, schwere Kost zu verdauen. Sein äußerst schwaches Vermögen würde dadurch völlig vernichtet werden.

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§ 74

Diesen Grundsätzen zufolge kann man nunmehr ein Verzeichnis von den Speisen machen, die bei dergleichen Krankheiten nützlich oder schädlich sind. Zur letzten Klasse gehören alle von Natur aus harte und unverdauliche Speisen, z.B. Schweinefleisch, das Fleisch von alten Tieren, gepöckeltes [28] und geräuchertes Fleisch, welches durch die Zubereitung nicht nur hart, sondern zugleich auch scharf gemacht wurde. Auch sollte man fettes Fleisch und fette Speisen, die die Fasern des Magens schlaff machen meiden, da sie die ohnehin schwache Wirksamkeit der zur Verdauung behilflichen Säfte verringern, unverdaut im Magen liegen lassen, zu Verstopfung Anlass geben, und durch ihren langen Aufenthalt im Magen eine Schärfe zeigen, die durch ihren beständigen Reiz Unruhe, Schmerz, Schlaflosigkeit, Beängstigung und Fieber hervorbringen.

[28] Pökeln ist ein seit der Antike bekanntes Verfahren zur Konservierung von Fleisch- und Wurstwaren mit Hilfe von Nitritpökelsalz (einer Mischung aus Kochsalz und Natriumnitrat, Natriumnitrit oder Kaliumnitrat). Das konservierte Fleisch wird allgemein Pökelfleisch oder Surfleisch genannt.

Kurz, Personen, bei denen die Verdauung schwer von statten geht, müssen sich vor nichts sorgfältiger in Acht nehmen, als vor fetten Speisen. Alle ungesäuerten Mehlspeisen, insbesondere wenn Fett darin enthalten ist, gehören ebenfalls zu den Dingen, die ein schlechter Magen nicht vertragen kann. Auch sind die grünen Zugemüse (Küchenkräuter) schädlich, welche durch die Blähungen, die sie verursachen, den Magen ausdehnen und zugleich den freien Umlauf des Blutes und der Säfte verhindern. Hierzu rechne ich alle Arten von Kohl, alle Hülsenfrüchte und diejenigen Küchenkräuter, die einen scharfen Geschmack und Geruch haben, weil sie selbst dann, wenn sie keine Blähungen verursachen, schädlich sind.

Das Obst, das bei hitzigen und Entzündungskrankheiten, bei Verstopfungen, insbesondere der Leber, wie auch bei vielen anderen Krankheiten, so hilfreich ist,

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hilft aber nicht bei der Krankheit, von der hier die Rede ist, denn es schwächt, macht schlaff und erschöpft die Kräfte des Magens. Es vermehrt die Auflösung des ohnehin schon allzu wäßrigen Blutes, da es schlecht verdaut wird. Darum gährt es im Magen und in den Gedärmen. Bei dieser Gährung entwickelt sich eine erstaunliche Menge Luft, welche ungeheure Ausdehnungen hervorbringt, die den Umlauf der Säfte notwendigerweise in Unordnung bringen müssen. Ich habe diese Wirkung in einem beträchtlichen Grade bei einer Frau gesehen, die am vierundzwanzigsten Tage nach einer sehr glücklichen Entbindung zu viel rohe Früchte gegessen hatte. Ihr Bauch war so sehr gespannt, daß er bleifarbig geworden war. Sie lag in einem beständigen Schlummer und man merkte fast keinen Puls an ihr.

Das Obst läßt im Magen und in den Gedärmen einen säuerlichen Bestand zurück, der zu allerlei traurigen Zufällen Gelegenheit geben kann. Daher sollte man sich des Obstes gänzlich enthalten. Rohe Gartengewächse, Essig und der Saft von unreinen Trauben, erzeugen gleiches Unheil und sollten ebenso gemieden werden.

§ 75

Obwohl die Anzahl der verbotenen Speisen groß ist, so ist doch die Anzahl der erlaubten noch größer. Zu den erlaubten Speisen zählt alles Fleisch von jungen Tieren, die in einer gesunden Gegend aufgezogen wurden und gutes Futter genossen haben. Hauptsächlich das Fleisch von Kälbern, jungen Rindern, jungen Hammeln, Hühnern, Tauben, wälschen Hühnern (Puter, Truthühner) und Rebhühnern. Lerchen, Krammetsvögel (Wacholderdrossel), Wachteln und anderes Federwildbret sind zwar nicht verboten, doch ist ihr täglicher Genuß nicht zu empfehlen. Dieses gilt auch von den Fischen.

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Man sollte das Fleisch nicht nur sorgfältig auswählen, sondern auch sehr achtsam zubereiten. Die beste Zubereitung ist, daß man es bei einem gelinden Feuer brate, damit es seinen Saft behält und nicht zu sehr austrocknet oder daß man es in seiner eigenen Brühe langsam kochen lasse. Bei Fleisch, das mit viel Wasser abgesotten wird, geht aller Saft in die Suppe, selbst aber kann es nicht viel Nahrung geben. Oft bleibt nichts weiter davon übrig, als saftlose und wasserreiche fleischige Fasern, die ebenso unschmackhaft als auch unverdaulich sind. Daher sieht man öfters, daß schwächliche Personen, und zwar auch solche, die sonst nicht lecker sind, kein gekochtes Fleisch essen können, weil sie Magenbeschwerden davon bekommen. Je zarter das Feisch ist, desto weniger sollte man es kochen. Man sollte diese Art der Zubereitung nur dazu anwenden, um aus dem zarten Fleisch für den Kranken eine nahrhafte Brühe zu bereiten.

Es mag das Fleisch zubereitet sein, wie es wolle, so gibt es doch Leute, die kein Fleisch verdauen können. Diese sollten sich an die Brühe halten, die man nach einer mittelmäßigen Kochung davon auspreßt. Damit die Brühe nicht sogleich in Fäulnis übergeht, muß man ein wenig Brot, Zitronensaft oder Wein untermischen. Dies ergibt eine recht gute Nahrung. Einige gekochte und zerstoßene Krebse könnten eine solche Suppe noch wohlschmeckender und vielleicht noch kräftiger machen, wenn nicht zu befürchten wäre, daß sie einige Hitze verursachen und die Fäulung beschleunigen könnten. Also ist es ratsamer die Krebse wegzulassen.

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§ 76

Beim Brot und Gartengemüse findet sich zwar der Vorteil nicht, daß sie viel Nahrhaftes in einer kleinen Masse enthalten, sie sind aber doch unentbehrlich, insbesondere das Brot, teils um dem Ekel zuvor zu kommen, den der Genuß von Speisen aus dem Tierreich unfehlbar erwecken würde, teils um die Fäulniß zu verhüten, die ohne die Vermischung mit Speisen aus dem Pflanzenreiche, darauf erfolgen müßte. Gebraucht man diese Vorsicht nicht, so wird sich gar bald im Magen und den Gedärmen von selbst ein scharfes Laugensalz erzeugen (aleali spontaneum in primis viis), das allerlei schlimme, ja die gefährlichsten Zufälle veranlassen kann. Dergleichen habe ich bei schwachen Personen, denen man eine solche Lebensführung vorgeschrieben hatte, selbst beobachtet.

Einer der gewöhnlichsten Zufälle solcher Patienten ist der Durst. Sie müssen trinken und vom trinken werden sie immer schwächer. Überdies vermischt sich das Getränk sehr schwer mit den Säften, weil diese Mischung von der Wirksamkeit der Gefäße abhängt, die sich hier als träge erweisen, und wenn zum Unglück, die Wirksamkeit der Nieren erschlafft, wie dies bei Leuten der Fall ist, die sich nur sehr wenig bewegen, öfter geschieht, so gehen die Flüssigkeiten in das zellenförmige Gewebe, wo sich dann anfänglich Geschwulste und zuletzt allerlei Arten von Wassersucht zeigen.

Man kommt diesem Übel zuvor, wenn man Speisen aus dem Pflanzen- und Tierreich miteinander verbindet. Aus jenem dienet zartes Wurzelwerk, Cichorien (Chicoree), Endivien, Artischocken und Spargel. Es gibt noch andere Küchenkräuter, die zwar zart sind, aber gleichwohl Beschwerlichkeit verursachen, weil sie zu stark kühlen und die Kräfte des Magens gleichwohl stumpf machen.

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§ 77

Mehlige Getreidekörner, die man mit Fleischbrühe zubereitet, und bis zu einer gewissen Dicke wie einen Brei oder Schleim eingekocht hat, geben gleichfalls ein Nahrungsmittel ab, das nicht zu verachten ist, indem diese Zubereitung das Nahrhafteste aus dem Pflanzen- und Tierreich beinhaltet. Diese Mischung beugt der Gefahr vor, die aus dem alleinigen Genuß von Kräutern oder Fleisch entstehen kann. Die Fleischbrühe verhindert das Mehl zu versauren und das Mehl hindert die Fleischbrühe vor der Fäulniß. Wenn man die Beobachtungen der Ärzte mit einiger Aufmerksamkeit liest, so wird man finden, daß die Krankheit weit bösartiger im Norden Europas als in Mitteleuropa ist. Sollte dies nicht daher kommen, daß man dort (in Nordeuropa) mehr Fleisch isst, als von Speisen aus dem Pflanzenreich lebt?

§ 78

Was ich oben (§ 74) vom Obst gesagt habe, ist nicht so gemeint, daß man nicht, wenn der Magen noch ziemlich gut verdauen kann, dann und wann einige Früchte genießen dürfte, nur müssen sie von der besten Gattung und reif genug sein. Die wässrigen sind dabei am wenigsten geeignet.

§ 79

Eier sind ein überaus dienliches Nahrungsmittel aus dem Tierreich. Sie stärken ungemein und sind leicht zu verdauen, wenn sie nur wenig oder gar nicht gekocht sind, denn sobald das Weiße hart geworden ist, so läßt es sich nicht mehr auflösen. Es wird schwer, unverdaulich, gedeiht nicht, kurz, es ist eine Speise für Mägen, die zu leicht verdauen,

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nicht aber für solche, die schlecht verdauen. Eier sind am gesündeten, wenn man sie ungekocht, so wie sie von der Henne kommen, hinunter schluckt. Wer sie aber nicht roh essen mag, der lasse sie nur drei- oder höchstens viermal in kochendes Wasser tauchen, oder in einer heißen Fleischbrühe, die aber nicht kochen muß, verrühren.

§ 80

Milch ist nicht minder ein gutes Nahrungsmittel. Sie vereinigt in sich alle Eigenschaften, die man sich wünscht und hat keine von den nachteiligen Folgen, die man fürchtet. Sie ist die einfachste Kost, die die meiste Ähnlichkeit mit unserem Nahrungssaft hat und die verlorenen Kräfte am schnellsten ersetzt. Da sie ganz und gar von Natur zubereitet wird, so läuft man keine Gefahr, sie durch eine künstliche Zubereitung zu verderben. Sie nährt so gut wie eine Fleischsuppe und geht nicht in die Fäulung über. Sie wendet den Durst ab, sie dient zur Speise und zum Getränk. Sie erhält alle Absonderungen im Gange und sie macht einen ruhigen Schlaf. Mit einem Worte, sie ist geeignet, alle Endzwecke dieser Kur zu fördern. Herr Lewis hat ihren Genuß mit den allerbesten Wirkungen begleitet gesehen.

Zakutus, der Portugiese hatte ihrem Gebrauch die Wiederherstellung eines jungen Menschen zu verdanken, den seine Ausschweifungen mit Frauen in ein langsam auszehrendes Fieber gestürzt hatten, daß mit einer brennenden Hitze und mit einem Brennen im Harn begleitet war, ihn gäzlich entkräftet und ihn wie ein Totengerippe ausgezeht hatte.

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Warum bedient man sich dann nicht immer der Milch und warum zieht man sie nicht allen anderen Mitteln vor? Ich antworte: Dieses geschieht aus einer Ursache, die der Milch besonders eigen ist, ihre Natur zuweilen gleichsam verkehret und sie solche Wirkungen hervorbrigen läßt, die man nimmermehr von ihr hätte vermuten sollen. Diese Ursache finden wir in der Art der Trennung der Bestandteile, aus der sich die Milch zusammensetzt. Wenn sie nicht schnell verdaut wird; wenn sie sich zu lange im Magen aufhält, oder wenn sie, ohne lange darin zu verweilen, solche Materiealien dort antrifft, die geignet sind, jene Trennung zu beschleunigen, so gehen bei ihr diejenigen Veränderungen vor, die so oft vor unseren Augen geschehen. Die Sahne, das Käsigste, und das wässrigste (die Molke) scheiden sich voneinander.

Die Molke verursacht bisweilen einen plötzlichen Durchlauf (Durchfall). Zu einer anderen Zeit gehen sie, ohne die mindeste Nahrung zu geben, durch die Urinwege oder die Ausdünstung wieder ab. Die anderen Teile der Milch beschweren, wenn sie lange im Magen bleiben, denselbigen gar bald und geben zu Blähungen, Übelkeiten, Bauchgrimmen und anderen Krankheiten Anlaß. Stellt sich nicht sogleich ein beschwerliches Gefühl davon ein, so ist es ein Hinweis, daß diese Teile bereits in die Gedärme eingegangen sind. Hier können sie sich zwar eine Zeit lang aufhalten, ohne merklich zu schaden, aber nach und nach erreichen sie darin eine sonderbare Schärfe und nach Verlauf einer gewissen Zeit, bringen sie, je länger sie verweilen, desto gefärlichere Zufälle zuwege.

Hieraus erkennt man, daß man, bei Verordnung der Milch in bedenklichen Ümständen, überaus behutsam verfahren muß und daß man sich folgenden Satz zur Regel machen sollte: Die Milch ist unter allen Nahrungsmitteln dasjenige, das am leichtesten verdaut wird, aber in einem Magen, der sie nicht gut verdauen kann, verursacht sie den größten Nachteil. Wir haben bereits oben (§ 58)

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gesehen, daß Boerhaave ihren Genuß für bedenklich hielt. So groß aber seine Bedenken sein mögen, so ist doch der Nutzen, den die Milch in Wiederherstellung der Gesundheit haben kann, so beträchtlich, daß es wohl der Mühe wert ist, alle möglichen Mittel hervorzusuchen, wie man jene Schwierigkeiten überwinden könne. Und zum Glück fehlt es nicht an solchen Mitteln. Man kann sie in zwei Klassen einteilen: Sorgfalt in der Lebensführung und Arzneien. Der letzteren werde ich weiter unten behandeln.

In Ansehung der Lebensordnung ist zu beachten:

1. Daß man eine gute Milch wählt. Sie sei von welcher Art sie wolle. Die Kuh, die sie hergibt, sollte gesund und gut behütet sein.

2. Solange man die Milch gebraucht, sollte man alles tun, daß sie nicht sauer werden kann. Dies gilt ebenso für Obst, sowohl das rohe als auch das gekochte und überhaupt für alle Speisen, die eine Säure enthalten.

3. Man sollte mehrere Stunden vor und nach dem Trinken von Milch nichts anderes zu sich nehmen, denn sie verträgt eine Vermischeng mit anderen Speisen und Getränken nicht sehr gut.

4. Man sollte nur eine kleine Portion davon zu sich nehmen.

5. Man sollte den Magen, den Unterleib und die Beine sehr warm halten. Insbesondere sollte man beim Genuß der Speisen, auch wenn sie noch so gesund sind, die äußerste Mäßigung beachten. Man sollte in der Zeit, während der Milchkur keine andere Nahrung zu sich nehmen, denn die geringste

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Überladung oder Unverdaulichkeit, läßt im Magen einen Grundstoff zur Fäulniß zurück, wobei die Milch sofort verdirbt und die gesunden Speisen zu einem Gift werden können, daß bisweilen gewaltsame Wirkung hat, allemal aber sehr schädlich ist.

§ 81

Welche Milch aber verdient den Vorzug? Ich werde mich, um diese Frage zu beantworten, nicht in die Untersuchung der verschiedenen Sorten der Milch einlassen. Dies würde mein Werk zu weitläufig machen und nicht am richtigen Ort angebracht sein. Man kann sich diesbzüglich in verschiedenen Schriften Rat holen. Vielleicht aber findet man diese Sache nirgendwo besser abgehandelt, als in einer akademischen Streitschrift des seligen d'Apples, des Doktors der Arzneiwissenschaft, und Professors der griechischen Sprache und der Moral zu Lausanne. Heutigen Tages bedient man sich fast keiner anderen Milch, als der Milch von Frauen, sowie der Milch von Eselinnen, von Ziegen und von Kühen. Jede von diesen Milcharten hat ihre besonderen Eigenschaften und die Begleichung dieser Eigenschaften mit den Zeichen, die andeuten, was bei einer Krankheit zu tun oder zu lassen sei, ist es, was die Wahl dieser oder jener Art bestimmen muß.

Es gibt wenig Fälle, in denen die Kuhmilch nicht die Stelle jeder anderen Milch vertreten könnte. Man glaubt insgeheim, die Frauenmilch sei stärkender und die größten Meister der Arzneikunst behaupten es. Aber diese Meinung beruht auf einem seichten Grunde, nämlich daß die Frauen Fleisch essen. Man bedenkt nicht, daß man gleichwohl der Milch einer starken Bäuerin den Vorzug gibt, die gar kein oder nur sehr wenig Fleisch isst und nur von Brot und Gemüse lebt. Ich zweifle indessen nicht,

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daß der Gebrauch der Frauenmilch von gutem Erfolg sein wird. Die schönen Kuren, die die Frauenmilch bereits getan hat, stärken mich in diesem Glauben. Nur ist die besondere Unbequemlichkeit damit verknüpft, daß diese Milch an der Brust selbst, die sie hergiebt getrunken werden muß, eine Vorsicht, die schon Galenus eingesehen hat, da er derjenigen spottet, die sich nicht darum kümmern wollen und sie als Esel zur Milch der Eselin verweist.

Sollte zuweilen aber nicht das Milchbehältnis (die Brust) die (erotischen) Begierden, die man verhindern will, aufs neue erregen? Sollte man dabei nicht der Gefahr ausgesetzt sein, die Begebenheiten des Prinzen, dessen Geschichte uns Capivaccio aufbewahrt hat, erneut zu sehen? Man hatte diesem Prinzen zwei Ammen gegeben. Ihre Milch tat bei ihm so gute Wirkung, daß er sie in den Stand setzte, ihm nach einigen Monaten frischere Milch zu reichen, wenn er deren bedürftig sein würde.

Man sagt, Eselsmilch komme der Frauenmilch am nächsten. Man erlaube mir aber zu sagen, daß es mehr eine Meinung, als ein Erfahrungssatz sei. Die Eselsmilch ist die wässrigste unter allen. Folglich macht sie die Gefäße am meisten schlaff. Es ist ein schädlicher Irrtum, daß man glaubt, sie sei besser als andere Milch. Tägliche Bemerkungen beweisen das Gegenteil, und geben zu erkennen, daß die Eselsmilch nicht nur nicht die kräftigste, sondern vielleicht sogar die unkräftigste ist. Ich habe allemal nicht so gute Wirkungen davon gesehen und ich bin nicht der einzige. „Es dünkt mich“, schrieb Herr von Haller, „daß die Eselsmilch selten das tut, was man von ihr erwartet.“ Die Unnützlichkeit aber ist ein überaus großer Fehler an einem Mittel, welches man für die Heilung der schwersten Krankheit verwenden möchte. Hoffmann riet die Eselsmilch in den Fällen, wo Erschöpfung und Begierden zugleich vorhanden sind.

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§ 82

Ehe ich dieses Kapitel von den Speisen verlasse, muß ich noch den Rat anführen, den Horaz gibt, daß man keine Vermischungen machen soll:

Nam variae res

Ut noceant homini credas, memor illius escae
Quae simplex olim sederit: at simul assis
Miscueris elixa, simul conchylia turdis
Dulcia se in bilem vertent, stomachoque tumultum

Lenta feret pituita

Ich brauche diesen guten Rat nicht aus noch mehreren Gründen zu empfehlen, weil man leicht einsieht, wie unmöglich es ist, daß sehr verschiedene Speisen zu gleicher Zeit vollkommen verdaut werden können. Dieses Gemisch ist eine von den Ursachen, welche die gesundesten Naturen verderben und die schwächlichen ganz über den Haufen werfen. Man kann sich nicht sorgfältig genug davor in Acht nehmen.

§ 83

Eine andere gleich wichtige Gesundheitsregel, worauf aber ebenso wenig geachtet wird ist, daß man die Speisen sorgfältig kaut. Diese Beihilfe können selbst die stärksten Mägen nicht lange ohne merklichen Verfall ihrer Kräfte entbehren und für schwache Magen ist sie noch unentbehrlicher, weil sonst die Verdauung höchst unvollkommen von statten geht. Man muß schon viele Beobachtungen angestellt haben, wenn man den großen Einfluß, den ein sorgfältiges Kauen auf die Gesundheit hat, begreifen will. Ich habe die hartnäckigsten

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Magenbeschwerden und Übelkeiten durch dieses einzige Mittel sich verlieren sehen. Ich habe aber auch gesehen, daß Leute, die sonst alles hatten mitmachen und vertragen können, ins kränkeln verfallen sind, sobald sie wegen schadhafter Zähne das Kauen nicht mehr vollkommen verrichten konnten. Sie wurden nicht eher wieder gesund, als bis, nachdem sie ihre Zähne völlig verloren, das Zahnfleisch eine solche Härte erlangt hatte, daß sie die Speisen damit zermalmen konnten.

§ 84

So viele Umstände, so viele Vorsichtsregeln, so viele Beraubungen, sind zwar nicht angenehm, sondern es trifft bei ihnen ein, was Herr Procope in einem seiner Verse sagt: Vivre lelon nos loix, c'est vivre miserable. (Nach unseren Gesetzen leben, heißt ein elendes Leben leben.)

Aber kann man die Gesundheit zu teuer erkaufen? Hält uns nicht schon das Vergnügen, ihrer zu genießen, und das Angenehme, welches sie über alle Augenblicke des Lebens verbreitet, reichlich für alles  das schadlos, was wir uns ihretwillen verleugnen müssen? „Ohne die Gesundheit“, sagt Hippokrates, „kann man sich keines Guten erfreuen. Ehre, Reichtum und alle anderen Vorzüge helfen nichts.“ Überdies kostet der Verzicht gar nicht viel. Ich könnte mich diesbezüglich auf das Zeugnis sehr vieler Personen berufen, denen es, wenn sie nur ein paar Tage überstanden hatten, es nicht im geringsten schwer fiel, auf die Mannigfaltigkeit und den Wohlgeschmack auserlesener Gerichte zu verzichten, und sich an eine einfache Kost zu gewöhnen, die uns von der Natur angeboten wird und einem unverwöhnten Gaumen allemal gefällt. Ein gesunder Gaumen, der alle die Empfindlichkeiten hat, die er haben soll, kann nur an einfachen Speisen Geschmack haben. Zusammengesetzte und künstlich

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zubereitete sind ihm unausstehlich. Er findet an denen, die am wenigsten lecker sind, etwas Köstliches, das von stumpf gemachten Geschmacksnerven nicht empfunden werden kann. Darum können Patienten, die aus Liebe zur Gesundheit und weil es ihnen die Vernunft rät, sich wieder an einfache Speisen gewöhnen wollen, versichert sein, daß wenn ihnen selbige im Anfang widerlich schmecken, sie doch hinterher, gegen ihre Erwartung einen umso lieblicheren Geschmack daran finden werden, je mehr sie sich ihrer Genesung nähern.

Ein feines Ohr bemerkt sogleich den geringsten Unterschied zwischen zwei Tönen, was ein minder empfindliches Ohr gar nicht bemerkt. Ebenso verhält es sich mit den Geschmacksnerven. Wenn sie sehr zart sind, so nehmen sie die geringste Veränderung des Geschmacks wahr. Die Wassertrinker finden zuweilen ein Wasser, daß ihnen so herrlich schmeckt, wie der auserlesenste Falernerwein (erlesener römischer Wein aus Kampanien, Süditalien) und wiederum anderes Wasser, wofür sie lieber den schlechtesten Wein trinken würden. Wenn man nicht die Hoffnung hätte, eine eingeschränkte Lebensführung mit Lust beobachten zu können, wobei man diejenigen Einschränkungen, die ich angeraten habe, sehr leicht befolgen kann, so würde doch schon das Vergnügen, zu merken, daß ein solchen kleiner Verzicht eine sehr schmeichelhafte Belohnung für diejenigen mit sich bringt, die einzusehen wissen, wie viel es wert ist, wenn man mit sich selbst zufrieden ist.

§ 85

Das Getränk ist ein ebenso wichtiger Teil der Lebensführung wie die Speisen. Man sollte solche Getränke meiden, die die Schlaffheit und Erschlaffung der Gefäße vermehren, die

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noch übrigen wenigen Verdauungssäfte zu vermindern, die die Säfte schärfer machen und das Nervensystem noch mehr reizen. Alle warmen Wasser haben den ersteren von diesen Fehlern (sie vergrößern die Schlaffheit und Erschlaffung der Gefäße). Der (schwarze) Tee aber hat sie alle. Der Kaffee hat die beiden letzteren (er vermindert die Verdauungssäfte und reizt das Nervensytem) und man sollte sich mit der größten Strenge desselbigen enthalten. Herr Thiery, der ungenannte Verfasser eines Buches, das über alle Lobsprüche erhaben ist, und dessen Fortsetzung alle, die sich mit der medizinischen Wissenschaft befassen, mit der größten Ungeduld erwarten, hat von den gefährlichen Folgen des vielen Tee- und Kaffeetrinkens geschrieben, so daß selbst diejenigen, die es zu ihrem Lieblingsgetränk gemacht haben, davon abgeschreckt sind.

§ 86

Was die geistigen Getränke (Tee und Kaffee) betrifft, so sollte man zwar bedenken, daß sie durchaus dienlich sein können, weil sie gerade das Gegenteil von dem bewirken, was das warme Wasser bewirkt, ja, sogar den Gebrauch desjenigen weniger schädlich machen, wenn man es mit einer kleinen Quantität davon vermengt. Aber sie bringen andere sehr nachteilige Folgen mit sich, die sie abschreckend machen, so daß es empfohlen ist, sie seltener zu trinken. Ihre Wirkung ist gar zu heftig und hört zu geschwind wieder auf. Sie geben mehr Reiz als Kraft. Und wenn sie bisweilen stärken, so fühlt man sich nach einer Weile schwächer als vorher. Sie verhärten auch die kleinen Drüsen des Magens und berauben sie ihrer Empfindlichkeit,

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die nötig ist, um Appetit zu haben. Ferner entziehen sie den Verdauungssäften den Grad der Flüssigkeit, den sie haben müssen, um jene Befindlichkeit zu fördern, welche bei denen, die sich an starke Getränke gewöhnt haben, nicht anzutreffen ist.

„Leute“, sagt Herr Thiery, „die täglich nach dem Essen Likör trinken, in der Meinung, den Fehlern der Verdauung dadurch abzuhelfen, haben das allergeschickteste Mittel gewählt, zu dem gerade entgegengesetzten Zwecke zu gelangen und die Verdauungskräfte zu vernichten.“

§ 87

Das beste Getränk ist ein reines Quellwasser mit gleichen Teilen Wein gemischt. Dieser sollte aber weder schnell berauschend, noch sauer sein, denn ersteres reizt auf eine empfindlichen Art das Nervensytem, und bringt dort, wo keine gänzliche Auflösung der Säfte stattfindet, doch eine flüchtige Verdünnung derselben zuwege, wodurch die Gefäße über Gebühr erweitert werden., danach aber umso mehr erschlaffen. Das zweite aber schwächt die Verdauungskräfte, reizt und treibt den Urin gar zu häufig, wodurch der Patient erschöpft wird. Die besten Weine sind die, die viel Öl und Erde und desto weniger Alkohol und Salz enthalten. Die Franzosen nennen solche Weine markicht (moelleux). Dazu gehören einige rote Burgunderweine, die Weine, die an der Rhone, wie auch in der Gegend von Neuschatel wachsen.

Die alten weißen Claretweine (vins de Grave), ein auserlesener Pontac, der aber sehr selten zu bekommen ist, spanische, portugisiesche Weine, Kanariensekt (Wein der Kanarischen Inseln, Madeira), und, wo man ihn bekommen kann, Tokajerwein (Ungarn), dem vielleicht kein Wein auf der Welt, weder an heilsamer Kraft, noch im angenehmen Geschmack, gleichkommt. Zum täglichen Gebrauch ist der Neuchateler (Westschweiz) der vorzüglichste.

An Orten, an denen kein gutes Wasser zu haben ist, kann man dasselbe dadurch verbessern, daß man es entweder filtert,

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ein glühendes Eisen darin ablöscht, oder indem man einige liebliche Gwürze, wie Zimt, Anis und Zitreonenschalen hinzufügt.

§ 88

Das gemeine Bier ist schädlich. Die Braumschweiger Mumme (ein schwach bis stark alkoholhaltiges Bier aus Braunschweig), die ein ebenso nahrhafter wie stärkender Getreideauszug ist, kann von großem Nutzen sein. Sie erquickt, weil sie geistreich ist, ebenso gut wie der Wein, aber sie nährt mehr. Dadurch kann sie zugleich die Stelle des Getränks und der Speisen vertreten.

§ 89

Unter die nützlichen Getränke muß man auch die Schokolade setzen, die eigentlich in die Klasse der Speisen gehört. Der Kakao enthält eine sehr nahrhafte Substanz und die Beimischung des Zuckers und der Gewürze macht, daß das Öl, welches es enthält, keine schädliche Wirkung entfaltet. „Schokolade mit Milch“, sagt Herr Lewis, „ist, wenn man nicht zuviel auf einmal davon trinkt, daß er den Magen überladen kann, ein vortreffliches Frühstück für Personen, die die Auszehrung haben. Ich kenne ein Kind von drei Jahren, welches diese Krankheit im höchsten Grade hatte. Der Arzt hatte es bereits aufgegeben. Aber die Mutter des Kindes, die ihm nichts als Schokolade in kleinen Portionen, aber öfters zu genießen gab, stellte es vollkommen wieder her. Man kann gewissen schwächlichen Personen dieses Nahrungsmittel nicht genug empfohlen.“ Es gibt aber auch viele, denen sie höchst schädlich sein kann.

§ 90

Als allgemeine Verhaltensregel sollte man beachten, daß man von keinem Getränk zu viel

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auf einmal trinke, denn allzu vieles trinken schwächt die Verdauung, indem es den Magen schlaff macht, die Verdauungssäfte gleichsam ersäuft und die Speisen niederwärts treibt, ehe sie verdaut sind. Es nimmt allen Teilen ihre Kraft, löst die Säfte auf, treibt den Urin zu stark oder verursacht Schweiß. Ich habe bemerkt, daß Krankheiten, die von einer Erschlaffung der Fiebern (der Muskelfasern des Magens) herrühren, bloß dadurch behoben wurden, daß die Patienten weniger, als sie es bis dahin gewohnt waren, getrunken haben.



2.3 Der Schlaf     Top

§ 91

Alles was man über der SWchlaf sagen kann, läuft auf drei Punkte hinaus, nämlich dessen Dauer, die Zeit, wann man zu Bett gehen soll und die Mittel, die man nehmen soll, um sich einen ruhigen Schlaf zu verschaffen.


Für jeden Erwachsenen sind sieben, höchstens acht Stunden Schlaf genug. Es ist gefährlich länger zu schlafen oder länger im Bett zu liegen. Das letztere ist ebenso schädlich, als da erstere. Man könnte höchstens denen, die den Tag über in starker Bewegung sein müssen, ein Stündchen mehr erlauben. Es überlassen sich aber gerde diejenigen dieser Gewohnheit, die ein ruhiges Leben führen. Man sollte die festgesetzte Zeit niemals überschreiten, es sei denn, daß man wegen zu großer Schwachheit nicht mehr die nötige Kraft hat, lange Zeit aus dem Bett zu sein. Aber selbst in diesem Fall, sollte man möglichst das Bett meiden. „Je weniger

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man schläft“, sagt Herr Lewis,  „desto sanfter und erquickender ist der Schlaf.“

§ 92


Es ist bekannt, daß die Nachtluft nicht so gesund ist, wie am Tage und daß schwächliche Patienten den Einfluß der Luft des Abends mehr empfinden, als am Morgen. Da wir, wenn wir schlafen, in einem sehr kleinen Teil der Atmosphäre eingeschlossen sind, den wir noch dazu durch unsere Ausdünstungen verderben, muß man dem Schlaf diejenige Zeit widmen, wo die Luft am wenigsten gesund ist. Folglich sollte man frühzeitig ins Bett gehen und früh wieder aufstehen.. Diese Regel ist so bekannt, daß ich kaum etwas gemeineres sagen kann, als wenn ich meine Leser daran erinnere. Aber diese Regel wird so wenig beachtet, und man scheint ihre Wichtigkeit, die viel größer ist, als man glaubt, so wenig einzusehen, daß es mir erlaubt sein muß, sie als unbekannt anzusehen, und sie als jedermann, insbesondere aber für kränkliche Personen, höchstwichtige Regel einzuschärfen.

„Wenn man um zehn Uhr zu Bett geht, später sollte es nie geschehen“, dies sind die Worte des Herrn Lewis,  „so muß man im Sommer des Morgens zwischen vier und fünf Uhr, im Winter zwischen sechs und sieben Uhr wieder aufstehen.“Es ist umumgänglich nötig“, sezte er hinzu,  „den Patienten, die die Rückenmarksauszehrung haben, zu verbieten, daß sie Morgens länger im Bett verweilen.“ Herr Lewis verlangte sogar, daß man sich daran gewöhnen solle, sobald man vom ersten Schlaf erwacht ist, aufzustehen. Er versichert, daß diese Gewohnheit, so beschwerlich sich auch am Anfang erscheint, sehr schnell sehr leicht und angenehm wird. Verschieden

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Beispiele beweisen, daß dieser Rat heilsam ist.

Es gibt viele kränkliche Personen, die, wenn sie von einem ersten Schlaf, der sanft und tief gewesen ist, erwachen, sich sehr wohl befinden, dagegen durch den nachfolgenden Schlaf, ein großes Unbehagen empfinden. Meist wissen sie schon vorher, daß sie einen guten Tag haben werden, wenn sie, zu welcher Stunde es auch sei, gleich nach dem ersten Schlaf aufstehen und daß ihnen den Tag hindurch, übel zu mute sein wird, wenn sie sich dem zweiten Schlaf überlassen.

§ 93

Der Schlaf ist nur dann ruhig, wenn er durch keine Ursache gestört wird. Solche Ursachen muß man also aus dem Wege räumen und dabei folgende drei Punkte beachten:

1. Man sollte nicht in einem warmen Zimmer schlafen und nicht zu viel und nicht zu wenig bedeckt sein.

2. Man sollte, wenn man sich schlafen legt, keine kalten Füße haben, was aber bei schwächlichen Personen häufig geschieht und ihnen aus verschiedenen Ursachen schadet. Man sollte also den Rat beobachten, den schon Hippokrates gegeben hat: „Man sollte an einem kühlen Ort schlafen und sich sorgfältig bedeckt halten.“

3. Vor allen Dingen sollte man nicht mit vollem Magen ins Bett gehen. Nichts stört den Schlaf so sehr und bereitet ihm schmerzhafte Empfindungen oder Übelkeiten, macht ihn schwer und unruhig, wie eine mühsame Verdauung zur Nachtzeit. Eine schwere in den Gliedern, Mattigkeit, Ekel, Verdrießlichkeit (schlechte Laune), Unfähigkeit zu Denken und Geschäfte zu treiben, sind am anderen Tag die unvermeidlichen Folgen davon.

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Vides ut pallidus omnis

Coena desurgat dubia? quin corpus onustum
Hesterais viriis animum quoque degravat uns
Atque affigit humo divinz particulam aurae

Horat

Hingegen gibt es kein wirksameres Mittel, sich einen sanften, ruhigen, anhaltenden und erquickenden Schlaf zu verschaffen, als durch eine leichte Abendmahlzeit. Man wird sich dadurch am nächsten Tag frisch munter und gutgelaunt fühlen.

Alter, ubi dicto cirius curata sopori
Membra dedit, vegetus praescripta ad munia surgit.

Ibid

„Die Schlafzeit sagt Herr Lewis“, ist die Zeit, „wo die Nahrung aber nicht die Verdauung geschehen soll.“ Er verlangte deshalb von seinen Patienten, daß sie bei der Ansetzung des Abendessens, die strengste Mäßigung beachten. Er verbot ihnen, und nie ist ein Verbot rechtmäßiger gewesen, Abends Fleisch zu essen. Er erlaubte ihnen nur ein wenig Milch und einige Schnitten Brot, die sie zwei Stunden vor dem Schlafengehen essen soltlen, damit die erste Verdauung schon vorbei ist, ehe sie sich dem Schlaf überlassen. Die Atlanten [29], die gar keine tierischen Speisen genossen, und überhaupt nichts aßen, was jemals Leben besaß, waren wegen ihres ruhigen Schlafes berühmt und wußten nicht was träumen heißt.

[29] Mit den Atlanten sind womöglich die sagenhaften Bewohner von Atlantis gemeint.



2.4 Die Leibesbewegungen     Top

§ 94

Die Leibesbewegung ist unumgänglich notwendig. Sie verursacht zwar bei schwachen Personen großes Unbehagen, und

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wenn sie einen Hang zur Traurigkeit und Schwermut haben, so lassen sie sich nicht leicht dazu überreden, daß sie sich bewegen. Gleichwohl ist nichts vermögender, alle Erkrankungen, die von der Entkräftung herrühren, zu vermehren, wie die Untätigkeit. Die Fasern des Magens, der Eingeweide und aller Gefäße sind schlaff. Die Säfte schleichen nur langsam, weil die festen Teile nicht die Kraft haben, ihnen die nötige Stärke zum Umlauf zu geben. Daher entstehen Stockungen, übermäßige Auffüllungen, Verstopfungen, Austreten der Säfte. Die Kochung (die Verdauung), die Nahrung, die Absonderung gehen nicht recht von statten. Das Blut bleibt wässrig, die Kräfte verringern sich und der ganze Zustand des Patienten wird schlimmer.

Die Leibesbewegung kommt allen diesen Übeln zuvor, indem sie die Kraft des Umlauf vermehrt. Alle Verrichtungen gehen vor sich, als ob man wirkliche Kräfte hätte, und es währt nicht lange, so werden durch die Ordnung, in welcher jene Verrichtungen erfolgen, wirklich neue Kräfte verschafft. Der Ersatz und die Wiederherstellung der verlorenen Kräfte ist demnach eine Wirkung der Leibesbewegung. Es hat aber dieselbe, außerdem, daß sie den Trieb des Umlaufs vermehret, noch diesen besonderen Nutzen, daß sie, solange wir uns bewegen, immer eine neue Luft genießen. Personen, die sich nicht rühren, verderben gar bald die Luft, die sie umgibt, uns alsdann schadet sie ihnen. Wer aber immer in Bewegung ist, der verändert beständig die Luft. Die Leibesbewegung hilft besser, als alle Arzneien. Alle Arzneien der Welt sind nicht im Stande, den Mangel der Leibesbewegung zu ersetzen.

§ 95

Die Müdigkeit, die man in den ersten Tagen empfindet, ist eine Klippe, gegen die der schwache Mut vieler Patienten schwer zu kämpfen hat. Wären sie nur mutig genug, diese erste Schwierigkeit zu überwinden, so würden sie in der Folge erkennen, daß hier, wie bei allen

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anderen Sachen, nur der Anfang schwer gewesen sei. Ich habe selber mit Verwunderung gesehen, wie sehr diejenigen, die sich am Anfang nicht abschrecken ließen, in kurzer Zeit mit Hilfe der Leibesbewegungen, an Kräften zugenommen haben. Ich habe gesehen, daß Personen, die müde geworden sind, wenn sie nur ein einziges Mal im Garten auf und abspazierten, es in einigen Wochen so weit gebracht haben, daß ein Weg von zwei Meilen sie nicht mehr müde machte. Hinterher fühlten sie sich recht wohl dabei.

§ 96

Das Spazierengehen ist nicht die einzige dienliche Leibesbewegung. Sehr schwachen Personen, wie auch bei solchen, die in den Eingeweiden des Unterleibes oder in der Brust nicht gesund sind, ist das Reiten weit dienlicher. Wer aber so schwach ist, daß er das Reiten nicht ertragen kann, der fahre und lasse sich im Wagen brav durchstoßen. Erlaubt es die Jahreszeit nicht, daß man hinausgeht, so muß man sich zu Hause entweder mit einer etwas mühsamen Handarbeit beschäftigen, oder durch Ball- und Kegelspiele, sowie durch Volantenschlagen (Reifenschlagen?) den ganzen Körper in Bewegung setzen.

§ 97

Folgt man diesem Rat, so werden sich Appetit, Schlaf und Heiterkeit bald wieder einstellen. Allerdings sollte man sich in Acht nehmen, daß man den Körper niemals gleich nach der Mahlzeit stark bewegt, wie auch, daß man nichts essen sollte, solange der Körper von der Bewegung erhitzt ist. Man sollte sich vor der Mahlzeit bewegen und dann einige Augenblicke ausruhen, ehe man zu Tisch geht.

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2.5 Von den Ausleerungen     Top

§ 98

Die Ausleerungen geraten mit den übrigen Verrichtungen zugleich in Unordnung und dadurch wird der Gang der ganzen Maschine noch mehr durcheinander gebracht. Um dieses zu rechter Zeit zu verhüten, muß man, in Ansehung der natürlichen Ausleerungen, worunter ich vornehmlich den Stuhlgang, das Wasserlassen, die Ausdünstung und den Auswurf des Speichels verstehe, die beste Ordnung zu halten versuchen. Diesen Zweck wird man erreichen, wenn man die Regeln beachtet, die ich über die anderen Punkte der Lebensführung gegeben habe. Ein höherer oder geringerer Grad an Regelmäßigkeit, ist hier gleichsam das Barometer, welches anzeigt, ob die Verdauung besser oder schlechter von statten geht.

§ 99

Vor allen Dingen muß man die Ausdünstung, die sehr wichtig ist, auf's sorgfältigste beobachten. Bei schwachen Personen kommt sie sehr leicht in Unordnung. Man kann sie aber fördern, wenn man die Haut fleißig mit einer Bürste oder mit Flanell reibt. Wo sie gar zu schwach ist, da gibt es kein sicheres Mittel, ihre Gesundheit zu fördern, als daß man über der bloßen Haut des ganzen Körpers lauter Wollzeug trägt. Doch sollte man sich auch nicht zu sehr verhüllen, weil sich sonst der Schweiß vermehrt, der wiederum die Ausdünstung behindert, denn die angestrengten Sauggefäße werden schwächer davon und können in der Folge ihren Dienst nicht mehr so gut verrichten. Man sollte sich aber auch nicht allzu dünn bekleiden, weil dadurch die Ausdünstung der Haut gänzlich gehemmt wird.

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Unter allen Teilen des Leibes will keiner wärmer gehalten werden, als die Füße. Dies sollten schwächliche Personen stets bedenken. Man würde diese so leichte Vorsicht weniger außer Acht lassen, wenn man wüßte, wieviel sie zur Erhaltung der Gesundheit des ganzen Körpers beitragen. Die häufigere Erkältung der Füße gibt eine Neigung zu langwierigen und sehr verdrießlichen Krankheiten. Bei vielen Leuten äußern sich diese schlimmen Wirkungen sehr schnell. Insbesondere können diejenigen, die zu Brustkrankheiten, zu Koliken (Magenkrämpfe) und zu Verstopfungen neigen, sich nicht sorgfältig genug vor der Erkältung der Füße in Acht nehmen. Die Opferpriester [30], die auf dem Pflaster des Tempels immer Barfuß gehen mußten, hatten sehr oft Anfälle von heftigen Koliken.

[30] Ein Opferpriester war in den heidnischen Religionen, ein Priester, welcher dazu bestimmt war, das Opfern der Opferthiere zu verrichten.

§ 100

Schwächliche Personen werfen zuweilen sehr viel Speichel aus. Das Erschlaffen der Speicheldrüse gibt bei ihnen den Anlass zu dieser häufigen Absonderung. Wenn die Kranken beständig auswerfen, so entsteht ein doppeltes Übel daraus. Erstens, daß sie sich durch diese Ausleerung erschöpfen. Zweitens muß die Verdauung durch den abgehenden Speichel einen höchst notwendigen Saft entbehren, ohne den sie nur unvollkommen, schlecht und mühsam von statten geht. Ich habe die gefährlichen Folgen einer schlechten Verdauung bereits zur Genüge vorgestellt und möchte mich nicht länger mehr damit aufzuhalten. Die Gefährlichkeit des allzu vielen Speichelauswerfens, gehört mit zu den Ursachen einer schlechten Verdauung. Herr Lewis verbietet daher seinen Patienten das Tabakrauchen gänzlich, weil es, unter anderen Übeln, die Drüsen, in denen die Absonderung des Speichels geschieht, zu sehr reizt und dadurch einen allzu blutigen Auswurf verursacht.

§ 101

Sollte man nicht auch das schon oben erwähnte Einhauchen und Auffangen der heilsamen Dünste (§ 51)

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von einer anderen gesunden Person mit zu den Heilmitteln rechnen dürfen? Capivaccio hatte für gut befunden, seinen Patienten zwischen seinen beiden Ammen schlafen zu lassen und es ist nicht unwahrscheinlich, daß diese Vorschrift vielleicht eben so viel zur Wiederherstellung seiner Kräfte beigetragen haben, wie die Milch, die sie ihm gaben.

Elidäus, ein Zeitgenosse des Capivaccio und Lehrmeister des Forestus, aus dessen Werk ich diese Bemerkung zitiere, riet einem jungen Menschen, der die Zehrung hatte, Eselsmilch zu trinken und bei seiner Amme zu schlafen, die ein sehr frisches und gesundes Weibsbild war. Dieses Mittel schlug sehr gut an und man führte die Kur so lange fort, bis der Patient gestand, er könne nunmehr dem Triebe, die wieder erlangten Kräfte zu missbrauchen, nicht länger widerstehen. Man könnte mit so einem nützlichen Mittel alle Gefahr abwenden, wenn man die Geschlechter nicht miteinander vermengte.



2.6 Die Leidenschaften     Top

§ 102

Ich habe oben (§ 41) der Vereinigung von Seele und Körper und des großen Einflußes, den das Wohlsein der ersteren auf das Wohlbefinden des letzteren hat, bereits erwähnt. Ich habe auch die schlimmen Folgen der Melancholie gezeigt. Folglich ist es beinahe überflüssig, wenn ich noch hinzufüge, daß man nicht vorsichtig genug sein kann, alle unangenehmen Empfindungen der Seele zu vermeiden, und das man, wie bei allen Krankheiten, insbesondere bei solchen, die, wie die Rückenmarkszehrung, schon an und für sich selbst zur Traurigkeit geneigt machen,

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durchaus darauf bedacht sein müssen, der Seele keine andere, als angenehme Empfindungen zu verschaffen. Aber sehr oft hängen solche Kranken ihrer Traurigkeit mit einer Art von Lust nach. Dieser Umstand ist einer von den Ursachen, die die Heilung schwerer machen und oft ganz vereiteln.

Man kann die Kranken nicht dahin bewegen, daß sie sich Mühe geben, sich ihrer finsteren Gedanken zu entledigen. Es ist auch, um die Wahrheit zu sagen, keine leichte Sache, und man muß sich nicht einbilden, daß zum Lustigwerden weiter nichts gehört, als daß man den Befehl dazu erhalte. Das Lachen läßt sich ebenso wenig gebieten als verbieten und man ist ebenso wenig Meister, die Traurigkeit von sich zu weisen, als einen Fieberanfall oder wütende Zahnschmerzen. Alles was man von den Patienten verlangen kann, ist, daß sie sich bequemen, die Mittel gegen die Traurigkeit ebenso willig zu gebrauchen, wie die Mittel gegen andere Zufälle. Hier aber besteht das Mittel nicht sowohl in der Gesellschaft (denn an dieser können sie, aus bereits angeführten besonderen Ursachen, kein Vergnügen finden), als vielmehr in der Mannigfaltigkeit der Gemütsverfassungen.

Die beständige Abwechslung der Gegenstände verursacht eine Abwechslung der Vorstellungen, welche den Patienten zerstreut und Zerstreuung muß er haben. Nichts kann denen, die geneigt sind, immer nur an eine Sache zu denken, nachteiliger sein, als eine geschäftslose und untätige Lebensart. Für solche Kranken ist nichts schädlicher, als wenn sie müßig sich selbst überlassen bleiben. Die Landergötzlichkeiten (die Schönheiten der Natur) und die Feldarbeit verschaffen ihnen mehr Zerstreuung, als sonst irgendetwas. Herr Lewis will, daß sie möglichst den Umgang mit dem anderen Geschlecht vermeiden.

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Mam non ulla magis vires industria firmat,
Quam venerem et caeci stimulos avertere amoris.

Vergil

Ferner soll man, sagt Herr Lewis, den Patienten nie alleine in seine Betrachtungen vertiefen lassen. Man soll ihnen das Lesen und die Kopfarbeit verwehren, denn dieses, sagt er, sind lauter Ursachen, welche die Lebensgeister noch mehr erschöpfen und die Kur langweilig machen. Ich bin allerdings in diesem Punkt mit Herrn Lewis nicht einer Meinung, daß man ihnen alles Lesen untersagen solle. Man sollte ihnen nur dasjenige Lesen verbieten, wozu viel nachdenken erfordert wird, hauptsächlich aber solche Schriften, die gewissen Vorstellungen in ihnen erneuern und ihre Einbildungskraft mit Bildern von gewissen Gegenständen erfüllen können, die, wenn es möglich wäre, ewig daraus verbannt bleiben sollten. Es gibt Bücher genug, die die Aufmerksamkeit nicht so stark anstrengen, und die, ohne gefährliche Bilder zu erregen, das Gemüt auf eine angenehme Art zerstreuen und den schrecklichen Folgen eines unlustvollen Müßigganges vorbeugen können.



2.7 Von den Arzneimitteln     Top

§ 103

Hier werde ich die Ordnung beachten, der ich im vorhergehenden Abschnitt gefolgt bin. Ich werde vorher anzeigen, was man vermeiden soll, ehe ich von den Mitteln rede, die man gebrauchen soll.

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Schon oben (§ 59 und 69) habe ich die erste Gattung der Mitteln erwähnt, die man verbannen sollte. Dazu gehören reizende, hitzige und volalitische (flüchtige) Arzneien. Es gibt aber eine zweite Gattung, die zwar jenen ganz entgegengesetzt, aber dennoch so schädlich ist, wie jene, nämlich die abführenden Mittel. Ich habe schon vorhin (§ 99, 100 und § 8) gesagt, daß das Schwitzen, der Speichelfluß und das überflüssige Harnen (Urinieren) den Kranken erschöpfen. Ich will von diesen Ausleerungen nicht weiter reden, denn man begreift sehr leicht, daß alle Arzneimittel, die sie erregen können, hier nicht eingesetzt werden dürfen.

Es kommt also nur noch darauf an, daß wir untersuchen, ob und warum auch das Aderlassen und die Ausleerungen des Magens und der Gedärme schädlich sind. Da der Hauptzweck der Kur auf die Erneuerung der verloren gegangenen Kräfte gerichtet sein muß, braucht man, um zu beurteilen, ob sie dienlich oder schädlich sind, sonst nichts als zu wissen, ob die Ausleerungen geeignet sind, die Heilung zu fördern. Ich will mich hierüber kurz fassen.

§ 104

Es gibt zwei Fälle, in denen das Aderlassen die verlorenen Kräfte wieder herstellt, in allen anderen Fällen nimmt es sie. Der eine Fall ist, wenn man zu viel Blut hat. Dieser Fall findet bei Personen, die die Zehrung haben, aber nicht statt. Der zweite Fall ist, wenn das Blut so dick geworden ist, daß es leicht entzünden kann. Dies bringt einen schnellen Verlust der Kräfte mit sich. Dies ist eine Krankheit starker und vollblütiger Personen, und solcher, die stramme Fasern und einen starken Umtrieb des Blutes haben. Da nun unsere Kranken in dem gerade entgegengestzten Fall sind, kann das Aderlassen ihnen nichts anderes als schädlich sein. „Jeder tropfen Blut“, sagt Herr Gilchrist,

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„muß denen, die die Zehrung haben, kostbar sein. Die verähnlichende Kraft (force adsimilante), die frisches Blut erzeugt, ist verloren, und sie haben nicht mehr, als sie unumgänglich haben müssen, wenn anders der Umlauf desselben nur schwach unterhalten werden soll.“

Herr Lobb, der die Wirkungen der Auszehrung sehr richtig angegeben hat, drückt sich auf eine bestimmte Art so aus: „Wenn man Körpern, die kaum die höchstnötige Menge des Blutes haben, einen Teil derselben durch Aderlassen oder durch andere Ausführungen, raubt, so schwächt man ihre Kräfte, stört die Absonderungen und verursacht allerlei Krankheiten.“ Die Art, wie Herr Senac vom Aderlassen redet, schließt solches, in diesem Falle noch entscheidender aus: „Wenn in dem Blut die dichte oder rote Materie mangelt, so hilft das Aderlassen nicht, oder ist vielmehr schädlich. Man muß es daher ausgemergelten Leuten, die wenig Blut haben, oder deren Blut nicht genügend Bestandteile hat, und, wenn es aus den Adern quillt, kaum das Wasser oder eine Leinwand rötlich färbt, durchaus nicht erlauben.“

In diesem Zustand aber befindet sich normalerweise das Blut der Selbstbeflecker und aller schwachen und kränklichen Personen. Nun mögen die, die solchen Kranken durch Aderlassen zu helfen versuchen, ihre Heilart gegen diesen Lehrsatz ausüben, der, so wie das ganze Werk, aus dem ich ihn anführe, sich auf die aufgeklärteste Theorie und auf die zahlreichsten und richtigsten praktischen Bemerkungen gründet, so werden sie den Erfolg, den sie zu erwarten haben, voraussehen und beurteilen können.

§ 105

Die abführenden Arzneimittel, die die ersten Wege reinigen, sind stärkend, wenn sich im Magen und

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in den Gedärmen entweder soviel Unrat angehäuft hat, daß sie, durch ihre Menge, alle Eingeweide in ihren Verrichtungen hindert, oder, wenn sich in jenen ersten Wegen faulende Materialien befinden, deren Wirkung normalerweise eine Schwächung des Körpers verursacht. In diesen Fällen kann man sich ausführender Arzneimittel bedienen, wenn sonst keine erhebliche Ursache dagegen spricht, wenn die ersten Wege durch keine anderen Mittel gereinigt werden können, oder wenn es die höchste Not erfordert, zur Abwendung der Gefahr, ihnen in Geschwindigkeit eine Entledigung zu verschaffen.

Diese drei Bedingungen finden sich aber sehr selten bei Personen, die mit der Zehrung behaftet sind, bei denen vielmehr die Schwachheit und das Unvermögen des Magens und der Gedärme allemal eine Gegenanzeige ist, die den Darmreinigungen und Brechmitteln offenbar entgegen stehen. Größtenteils hat man zu deren allmählicher Reinigung noch einen anderen Weg vor sich. Dieser besteht in Mitteln, die die Gefäße stärken, ohne sie zusammen zu ziehen (tonica non astringentia). Hierzu zählen eine große Anzahl bitterer Sachen, welche, indem sie die matten Gefäße wieder in Bewegung setzen, die doppelte gute Wirkung hervorbringen, daß die Verdauung verdaulicher Sachen gut von statten geht und daß man zugleich den schädlichen Überfluß los wird. Es ist auch seltener Gefahr damit verbunden, wenn die Entledigung nicht so geschwind geschieht.

Diese Gefahr besteht zuweilen bei hitzigen Krankheiten, wo die Schärfe der Materien, die die Hitze noch vermehren, und die erstaunliche Gegenwirkung der Fasern, gewaltsame Zufälle veranlassen können, die bei langwierigen Schleichkrankheiten sich nicht ereignen, in denen die sogenannten Ausführungen, wegen der angeführten Ursache, bei weitem von keiner so dringenden Notwendigkeit sind, sondern, wie ich schon gesagt habe, sehr oft dem Endzweck der Kur schnurstracks zuwider laufen. Die Erschlaffung der Fiebern (aronia), und der daher entstehende Mangel ihrer Wirkung, sind Schuld an den überflüßigen

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Anhäufungen, wenn dergleichen geschehen. Führt man nun diese durch ein Reinigungsmittel aus, so ist zwar die Wirkung aus dem Wege geräumt, aber die Ursache, die sie hervorgebracht hat, wird beträchtlich vergrößert, und dann hat man gegen zweierlei Übel zu kämpfen, nämlich gegen das, was schon vorher da war, und gegen das, welches durch das gebrauchte Hilfsmittel hinzugekommen ist. Kann man gegen beide nicht geschwind genug Rat (Abhilfe) schaffen, so häuft sich der Unrat in viel kürzerer Zeit wieder an, als vorher und läßt man sich abermals zu Ausführungen verleiten, so vermehrt man das Übel zum zweiten Mal und versetzt überdies die Gedärme in einen Zustand der Trägheit, der sie verhindert ihre Verrichtungen zu tun.

Schließlich kommt es so weit, daß man ohne Hilfe der (Arznei-)Kunst gar keinen Stuhlgang mehr hat. Kurz, wenn bei schwächlichen Personen der Magen und die Gedärme voller Unreinigkeiten sind, so verschaffen zwar die Abführungen dem Unrat einen Ausgang, verursachen aber zugleich in der Folge eine desto beschwerliche Anhäufung derselben. Sie schaffen für einige Augenblicke eine Erleichterung, verschlimmern aber die Krankheit selbst. Indessen ist nichts gewöhnlicher als diese Heilart. (Indessen wird diese Heilart sehr oft angewandt.) Sie macht sich durch den Anschein ihrer geschwinden Wirkung, bei den Kranken sehr beliebt, denn sie verspüren, sofern der Zerfall ihrer Kräfte nicht allzu beträchtlich ist, wirklich einige Tage hindurch eine Linderung.

Das Übel aber kommt wieder. Man will dieses Übel aber nicht auf die Wirkung der Abführung zurückführen, sondern meint, die Abführungen seien nur nicht hinlänglich (ausreichend) gewesen und der Magen und die Gedärme müßten noch besser gereinigt werden. Die Kranken sind ohnehin sehr für das, was ihnen eine geschwinde Linderung verschafft eigenommen und wenige Ärzte sind herzhaft genug, sich ihnen zu widersetzen. Gleichwohl ist in der Arzneikunst ebenso viel wie in der Moral daran gelegen, daß man das Gegenwärtige dem Zukünftigen aufopfern will. (... daß man nicht über die langfristigen Folgen nachdenkt). Die schlechte

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Beachtung dieser Regel bevölkert die Welt mit Unglücklichen und Siechen. Es wäre zu wünschen, daß sich möglichst viele Ärzte und Kranke die schöne Stelle in der Pathologie des Herrn Glaubius einprägen, wo das ganze Unheil, welches der Missbrauch der Reinigungsmittel nach sich zieht, aufgezeichnet ist.

Gibt es denn, wird man sich fragen, gar keine Fälle, in denen die Brechmittel und Darmreinigungen für Kranke dieser Art zulässig sind? Es gibt allerdings einige dergleichen Fälle, sie sind aber sehr selten. Ich kann mich hier in die Unterscheidung solcher Fälle nicht einlassen. Sie würden hier nicht an dem rechten Orte angebracht sein. Und ich begnüge mich, angemerkt zu haben, daß die ausführenden Mittel in dieser Krankheit selten angewendet werden. Herr Lewis glaubt zwar, daß ein gelindes Brechmittel die ersten Wege zu den anderen Arzneien nützlich vorbereiten könne, weiter aber will er sie nicht gebraucht wissen. Verschiedene Fälle haben mich gelehrt, daß man es entbehren kann, und sehr oft sich besser enthalten sollte.

Ich habe oben (§ 57) zwei Wahrnehmungen von Herrn Hoffmann angeführt, die die ganze Gefahr dieses Mittels beweisen. Auch ohne Erfahrung läßt sich aus der gesunden Vernunft schließen, daß ein Mittel, welches Zuckungen zuwege bringt, in Krankheiten, die von öfters wiederholten Zuckungen herrühren, sehr schlecht angebracht sein müssen. Indessen ist doch nicht zu leugnen, daß es Umstände gibt, die solches notwendig machen können. Ich habe es seit kurzer Zeit einige Male gebraucht und es hat eine gute Wirkung getan.

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Will man dem Übel auf den Grund gehen, so muß man seine Ursachen aus dem Wege räumen. Wenn man alle paar Tage ein wenig davon wegschafft, so kann man sicher sein, daß die Wirkung nicht nur aufhört, sondern sich auch niemals wieder einstellt. Geht man aber nur auf die Wirkung los, so ist das, was man an dem einen Tag gearbeitet und dem Ansehen (Anschein) nach gewonnen hat, nicht allein an dem anderen Tag unnütz, sondern auch fast immer schädlich.

§ 106

Nachdem ich gezeigt habe, was man vermeiden soll, will ich jetzt auch zeigen, was man zu tun hat. Ich habe schon oben (§ 66 und § 69) bestimmt, wie die Arzneimittel beschaffen sein sollen: Sie müssen stärken ohne zu reizen. Es gibt einige Mittel, die diese beiden Bedingungen erfüllen können, aber ihre Anzahl ist nicht groß. Die zwei kräftigsten sind ohne Widerrede die Chinarinde und die kalten Bäder.

§ 107

Die Chinarinde wird seit beinahe hundert Jahren, außer ihrer fiebervertreibenden Kraft, als eines der  mächtigsten stärkenden und zugleich als ein beruhigendes Heilmittel betrachtet. Die berühmten neuen Ärzte halten sie für ein untrügliches Mittel (specificum) in den Krankheiten der Nerven. Sie steht auch mit in der oben (§ 58) angeführten Latwerge des Herrn Boerhaave. Herr Vandermonde hat sich ihrer mit dem besten Erfolg in der Behandlung eines jungen Menschen bedient, den die Liebesausschweifungen mit Frauen in einen jämmerlichen Zustand versetzt hatten.

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Herr Lewis zieht die Chinarinde allen anderen Heilmitteln vor und Herr Stähelin sagt in dem Brief, auf den ich mich schon verschiedene Male berufen habe, er halte sie für das kräftigste von allen.

§ 108

Richtige und mit Verstand erwogene Erfahrungen haben in einer Zeit von zwanig Jahrhunderten bewiesen, daß die kalten Bäder dieselben Eigenschaften besitzen. Insbesondere hat Doktor Baynard deren Gebrauch in Krankheiten, die von der Selbstbefleckung und übertriebener Liebeslust herrühren, besonders bewährt gefunden, vorzüglich in einem Falle, da neben der Untüchtigkeit zur Begattung mit dem anderen Geschlecht und einem einfachen Samenfluß, eine so große, freilich durch die Aderlässe und darmreinigende Abführungen vermehrte Schwäche vorhanden war, daß man den Kranken für einen schon am Rande des Grabes stehenden Unheilbaren hielt.

Lewis hat keine Bedenken, die Wirksamkeit auf eine noch bestimmtere Art zu behaupten: „Unter allen äußerlichen wie such innerlichen Heilmitteln“, sagt er, „ist keins, daß den kalten Bädern gleich kommt. Sie erfrischen, sie stärken die Nerven und fördern die Ausdünstung kräftiger als irgendein innerliches Arzneimittel. Wenn man sich ihrer recht bedient, so leisten sie bei der Rückenmarkszehrung weit bessere Dienste, als alle anderen Mittel zusammen genommen.“ Zu bemerken ist hierbei auch noch dieses, daß die kalten Bäder, eben so wie ich es vorhin von der Luft gesagt habe (§ 71), darin einen besonderen Vorzug vor anderen Heilmitteln haben, da ihre Wirkung weniger von der Gegenwirkung, und darum mehr von den Naturkräften

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abhängt, als die Wirkung aller anderen Arzneien, denn diese würden fast nur auf lebende Teile, die kalten Bäder geben dagegen sogar den erstorbenen und toten Fasern ihre Schnellkraft zurück.

§ 109

Daß aber der vereinigte Gebrauch der Chinarinde und der kalten Bäder besonders nützlich sein muß, läßt sich daran erkennen, weil sie die gleichen Kräfte besitzen und dieselbe Wirkung haben, so daß sie in Verbindung miteinander Krankheiten heilen, die alle anderen Arzneimittel nur verschlimmert  würden. Da sie stärken, beruhigen und das Fieber vertreiben, bringen sie die verlorenen Kräfte zurück, vermindern die fieberhafte Hitze der Nerven und stillen die unordentlichen Bewegungen, zu denen die krampfhafte Neigung der Nerven Anlaß gegeben hat. Sie bringen den schwachen Magen wieder in Ordnung und vertreiben sehr geschwind die dadurch entstandenen Schmerzen.

Sie stellen die Esslust wieder her, erleichtern die Verdauung und das Ernährungsgeschäft, und bringen alle Absonderungen wieder in Gang, insbesondere die Ausdünstung. Deswegen tun sie bei allen Fluß- und Hautkrankheiten so vortreffliche Wirkungen. Mit einem Worte, sie leisten bei allen Krankheiten, die von der Entkräftung herrühren, die besten Dienste, wenn nur der Kranke weder mit allzu hartnäckigen Verstopfungen, noch mit Entzündungen oder innerlichen Geschwüren behaftet ist, weil es in diesen Fällen die Notwendigkeit erfordert, sich der kalten Bäder zu enthalten. Dabei darf man sich oft der Chinarinde bedienen.

Ich habe vor etlichen Jahren einem Fremden als Arzt gedient, der drei- oder vierundzwanzig Jahre als war und von seiner zartesten Kindheit an mit grausamen und fast beständig anhaltenden Kopfschmerzen geplagt

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war, die jederzeit mit einem gänzlichen Verlust der Eßlust begleitet war. Durch Aderlässe, Abführungen, durch den Stuhlgang ausleerende Wässer, warme Bäder, Kraftbrühen und eine Menge anderer Mittel hatte sich sein Zustand beträchtlich verschlimmert. Ich verordnete ihm kalte Bäder und Chinarinde. Die Zufälle (Kopfschmerzen) wurden innerhalb weniger Tage schwächer und fanden sich auch lange nicht mehr so oft ein. Nach Verlauf eines Monats glaubte der Patient, er sei fast völlig genesen und setzte daher den Gebrauch der Mittel aus. Dieses und die schlechte Jahreszeit, brachten eine Erneuerung der Anfälle zuwege. Sie waren aber bei weitem nicht so heftig wie vorher. Im darauf folgenden Frühling fing er die Kur wieder an und die Krankheit nahm so weit wieder ab, daß er glaubte auf weitere kalte Bäder und Chinarinde verzichten zu können. Ich bin mir sicher, daß diese Heilmittel, wenn er sie noch ein- oder zweimal gebrauchen wird, ihn heilen werden.

Ein Mann von achtundzwanzig Jahren litt schon seit vielen Jahren an einer Gicht, die sich zum Kopf hinzog und sein Gesicht abscheulich zurichtete. Er hatte verschiedene Ärzte um Rat gefragt und sich mit Arzneimitteln allerlei Art und seit kurzer Zeit mit einem Kräuterwein zu helfen versucht, der aus einem Aufguss der stärksten Gewürze mit spanischem Wein bestand. Alle, insbesondere das letztere, hatten das Übel ärger gemacht. Man hatte ihm Blasenpflaster auf die Beine gelegt, die ihm gewaltsame Zufälle (Gichtanfälle) erregten. Zur selben Zeit wurde ich zu ihm gerufen. Ich verordnete ihm einen starken abgekochten Trank aus Chinarinde und Kamillenblumen, den er sechs Wochen lang trank und der ihm soviel Gesundheit wiedergab, wie er sie in den Jahren davor nicht gehabt hat. Es würde überflüssig sein, wenn ich eine größere Anzahl Beispiele, besonders solche, die mit unserer Materie keine Verwandschaft haben, hier anführen wollte, um die schon längst

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zur Genüge erwiesene stärkende Kraft dieser Mittel noch mehr zu beweisen, für deren nützlichen Gebrauch in der Krankheit, von der ich hier handele, alles redet, und die glücklichsten Erfolge bestätigt haben.

Wenn ich die Chinarinde in flüssiger Gestalt verordne, so lasse ich eine Unze davon mit zwölf Unzen Wasser, oder nach Beschaffenheit der Umstände mit so viel rotem Wein zwei Stunden lang in einem geschlossenen Faß abkochen und dreimal am Tag drei Unzen davon trinken. Das kalte Bad lasse ich gegen Abend gebrauchen, wenn das Mittagessen schon vollkommen verdaut ist. Das kalte Bad trägt sehr viel zu einem gesunden und ruhigem Schlaf bei. Ich habe einen jungen Selbstbeflecker in der Kur gehabt, der die Nächte in der unruhigsten Schlaflosigkeit zubrachte und des morgens in einem abmattenden und zerschmelzenden Schweiß (sudor colliquativus) wie gebadet lag. In der Nacht, die auf das sechste Bad folgte, schlief er fünf Stunden, stand des Morgens ohne Schweiß auf und fühlte sich merklich besser.

§ 110

Ein drittes Mittel ist das Eisen. Seine stärkende Kraft in allen Zufällen (Erkrankungen), die von einer Schwachheit herrühren, ist allzu bekannt, als daß ich sie hier erst zu beweisen hätte. Man gibt es entweder in natura als ein Pulver oder als einen Aufguss. Die beste Zubereitung aber, die man davon hat, sind die von der Natur zubereiteten eisenhaltigen Wasser, insbesondere das Spaawasser [31], eines der besten stärkenden Mittel, das man kennt und das ein Stärkungsmittel ist, das nicht nur nicht reizt, sondern auch alle überflüssige Schärfe mildert, die die Säfte etwa haben mögen.

[31] Spaawasser ist ein Stahlwasser (eisenhaltiges Wasser), ein Gesundbrunnen, welcher in der Provinz Lüttich im jetzigen Königreiche Belgien liegt.

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Die Planzenkleber (Gummi), die Myrrhe, die bitteren Dinge und die gelindesten Gewürze sind ebenfalls zu gebrauchen.

Die Umstände müssen entscheiden, welche von diesen Mitteln auszuwählen sind. Überhaupt verdient die Chinarinde und die kalten Bäder den Vorzug. Es können sich aber Fälle finden, die andere Mittel erfordern. Diese kann man aus der ganzen Klasse der nervenstärkenden Mittel wählen, wenn man die oben (§ 103 und 106) angezeigten Vorsichtsregeln beachtet, denn diese Krankheit ist eine Nervenkrankheit und als eine solche muß sie behandelt werden. Oft hat man dies getan und der Erfolg ist glücklich gewesen, ohne daß man die Ursache davon erkannt hat. Es ist aber auch nicht zu leugnen, daß die Unwissenheit dieser Ursache und die daher entstandene Vernachlässigung der nötigen Vorsicht, ebenso oft Kuren, die, dem Ansehen nach, auf das beste geeignet schienen, und darum den Zweck eigentlich nicht verfehlen zu können schienen, fruchtlos blieben, ohne daß die Ärzte die Ursache des schlechten Erfolges haben ergründen können.

Ich verordnete einem jungen Menschen, dessen Zustand oben (§ 11, Seite 34) in einem Auszug aus seinem Brief beschrieben ist, Pillen, deren Hauptingredienz (Hauptbestandteil) aus Myrrhen bestand und einen abgekochten Trank aus Chinarinde. Diese Mittel hatten den glücklichsten Erfolg. „Ich merke“, schrieb er mir

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am sechzehnten Tage, seit dem Anfang dieser Mittel, „daß es täglich besser mit mir wird. Meine Kopfschmerzen kommen nicht mehr so oft und sie sind auch nicht so heftig. Sie finden sich nur alsdann noch ein, wenn ich den Kopf zu stark angreife (wenn ich zu viel intellektuell arbeite). Der Magen bessert sich ebenfalls und nur noch selten habe ich einige Schmerzen in den Gliedern.“ Nach dem Verlauf dieses Monats war er völlig genesen, nur daß er nicht so viele Kräfte erlangt hatte, die er auch villeicht nie wieder bekommen wird, als er sie vor seienen Ausschweifungen gehabt hat. Denn der Stoß, den der Körper zur Zeit seines Wachstums bekommt, hat Folgen, die sich durch nichts wieder gut machen lassen.

Möge doch diese Wahrheit, die seit einiger Zeit stark gepredigt wird, allen jungen Leuten ins Herz gelegt werden. „Die Jugendjahre“, sagt der Ritter von Linnee, „sind der wichtigste Zeitpunkt, wenn man sich eine dauerhafte Gesundheit verschaffen will. Man hat sich vor nichts so sehr in Acht zu nehmen, als vor der frühzeitigen und übertriebenen Liebesergötzung.. Es entstehen daraus Schwachheit des Gesichts (der Sehkraft), Schwindel, Verminderung der Esslust und sogar die Schwächung des Geistes und der Vernunft. Ein in der Jugend entkräfteter Körper wird niemals wieder zurechtkommen, sondern vor der Zeit alt und baufällig werden und auch nur ein kurzes Leben haben.“ [32]

[32] In diesem Punkt möchte ich Herrn Linnee aus eigener Erfahrung widersprechen. Wenn jemand sich in der Jugend der Onanie oder dem intimen Beisammensein mit Frauen zu stark hingibt, sich aber eines Tages besinnt und enthaltsam lebt, so hat der Körper durchaus die Kraft, die bereits eingetretenen psychosomatischen Erkrankungen rückgängig zu machen, und zwar alle. Kalte Bäder oder Duschen und die anderen von Herrn Tissot erwähnten Heilmittel können dabei natürlich gute Dienste leisten.

Die Geschwindigkeit der Genesung hängt allerdings vom Alter ist. Ist man jünger als 30 Jahre, so hat der Körper meist die Kraft, die gesundheitlichen Beeinträchtigungen noch einigermaßen schnell zu überwinden. Um so älter man allerdings wird, um so länger dauert die Genesung. Ist die Erkrankung allerdings bereits in einem fortgeschrittenen Stadium, so ist eine vollständige Heilung womöglich nicht mehr möglich.

Sieben Stück davon, eine Stunde vor dem Frühstück und vor dem Mittag und Abendessen, mit drei Unzen von fogendem Getränk einnehmen:

Rec. Cort. peruv.
Cort. rad. cappar.
Cinnam. acut.
Limat. martis in nodul. lax
com Aqu. font. bl. iifs. 1. a. t. Decoct.?

Man lasse es mit 2 1/2 Pf. Brunnenwasser gehörig abkochen. (Für die Menge der einzelnen Bestandsteile sind irgendwelche Buchstaben angegeben, die ich nicht kenne. Darum habe ich sie hier, wie auch bei den obigen Rezepten, nicht mit angegeben.)

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Sechzehnhundert Jahre vor diesem großen Naturforscher hat Plutarch in seinem schönen Werke von der Erziehung der Kinder die Bildung ihrer körperlichen Stärke für ein höchstwichtiges Stück angesehen. „Man muß“, sagte er, „nichts von alledem versäumen, was zur Zierde und zur Stärke des Körpers etwas beitragen kann (die Ausschweifungen aber, von denen ich rede, sind in beider Absicht nachteilig), denn“, setzt er hinzu, „der Grund zu einem glücklichen Alter, ist eine gute Leibesbeschaffenheit in der Jugend. Die Mäßigkeit und Enthaltsamkeit in diesen Jahren führen sicher zu einem glücklichen Alter.“

Bei der zuvor erwähnten Kur scheint die Chinarinde das meiste geleistet zu haben. Ich will nun ein anderes Beispiel geben, in der die kalten Bäder das vornehmste Heilungsmittel gewesen sind. Ein junger Mensch, von cholerischem Temperament, der schon vor seinem zehnten Lebensjahr mit der Selbstbefleckung begann, befand sich von dieser Zeit an immer schwach und kränklich. Blut und Säfte waren ganz verdorben. Er hatte etliche Male Gallenkrankheiten, die nur mit viel Mühsam geheilt worden waren. Er war sehr mager, blass, entkräftet und traurig. Ich verordnete ihm kalte Bäder und ein Pulver, das aus geläutertem Weinstein (cremor tartari), Eisenfeite (?) und ein wenig Zimt bestand, wovon der dreimal des Tages einnehmen mußte. In weniger als sechs Wochen gelangte er zu einer Stärke, die er niemals vorher gehabt hatte.

§ 111

Das Spaawasser und die Chinarinde haben auch noch darin etwas Vorzügliches, daß sie sich gut mit der Milch vertragen und ihr einen leichten Durchgang verschaffen, welches jedoch außer dem Spaawasser auch

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einige andere mineralische Wässer tun. Man hat oben (§ 59) gesehen, daß Herr Hoffmann die Eselsmilch mit einem Drittel Selzerwasser verordnet hat. De la Mettrie hat uns eine Bemerkung des großen Boerhaave aufbewahrt, die ich wörtlich übersetzen will: „Der liebenswürdige Herzog hatte sich aus der ehelichen Schuldigkeit herausgesetzt. Ich habe ihn durch Gebrauch des Spaawassers mit Milch wieder hineingebracht.“

Die Schwäche des Magens, die macht, das die Verdauung zu langsam geschieht, die im Magen vorhandene Säure, die schlechte Wirksamkeit der Galle und der angehäufte und stockende Unrat in den Eingeweiden des Unterleibs, sind die vornehmsten (häufigsten) Ursachen, die die Verdauung der Milch verhindert und deren Gebrauch (Einnahme) nicht erlauben. Die mineralischen Wässer aber, die alle diese Ursachen aus dem Wege räumen, müssen notwendig die Verdauung der Milch befördern; und da die Chinarinde auf jene Ursachen eine gleiche Wirkung beweist, so muß sie sich sehr wohl mit der Milch vetragen. Man kann diese Mittel entweder vorher, um die ersten Wege zum Gebrauch der Milch vorzubereiten, welches fast allezeit notwendig ist, oder auch zugleich mit der Milch, gebrauchen.

Im Jahre 1753 stellte ich einen fremden Herrn vollkommen wieder her, der sich bei einer Buhlschwester (Geliebten)  dergestalt entkräftet hatte, daß er ganz unvermögend geworden war, seine Mannheit zu beweisen (Impotenz, Errektionsschwäche). Sein Magen war äußerst geschwächt und der Mangel an Ernährung und Schlaf hatten ihn sehr mager gemacht. Jeden Morgen um sechs Uhr ließ ich ihn sechs Unzen von einem abgekochten Trank aus Chinarinde nehmen, wozu ein Löffel Kanariensekt (Wein von den Kanarischen Inseln) gegossen wurde.

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Eine Stunde später trank er zehn Unzen frisch gemolkene Ziegenmilch, die man mit etwas Zucker und einer Unze Pomeranzenblütenwasser (Bitter-Orangenblütenwasser, Nebenprodukt bei der Bereitung des Pomeranzenblütenöls) vermengte. Zu Mittag aß er etwas von einem kalt gewordenen gebratenen jungen Huhn und Brot, wozu er ein Glas von dem besten Burgunderwein mit ebensoviel Wasser trank. Abends um sechs Uhr nahm er eine zweite Gabe Chinarinde, um halb sieben nahm er ein kaltes Bad, in dem er zehn Minuten blieb. Danach ging er zu Bett. Um acht Uhr trank er wieder so viel Milch, wie am Morgen und von neun bis zehn Uhr stand er wieder auf. Nachdem er acht Tage lang diese Mittel gebraucht hatte, rief er mir, als ich in sein Zimmer trat, voller Freuden entgegen: „Er habe“, um mich eines Ausdrucks von Herrn Busson zu bedienen, „das äußerliche Zeichen der Mannheit wiedererlangt.“ Nach Verlauf von vier Wochen hatte er fast alle seine vorigen Kräfte wieder.

Einige, die Säure brechenden (absorbierende) Pulver, einige Löffel Krausemünzwasser (Krauseminzwasser?), oft das bloße Hinzutun eines Stückchen Zuckers sowie einige aus dem Chinaextrakt hergestellte Pillen, können gleichfalls die Ausartung der Milch im Magen verwehren. Man könnte sich auch zu diesem Zweck des noch nicht lange an einigen Orten in England als Arzneimittel eingeführten roten Gummis aus Gambia (Westafrika) (Gummi rubrum Gambiense) bedienen, von dem man in der vortrefflichen Sammlung, die die in London errichtete neue Gesellschaft der Ärzte eine kleine Abhandlung veröffentlichte. Dieses Gummi hat eine stärkende und mildernde Eigenschaft und erfüllt die beiden großen Absichten, die man bei den Krankheiten dieser Art hat.

§ 112

Kann man schließlich, aller angewendeten Sorgfalt ungeachtet, dennoch die Milch nicht vertragen, so

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kann man mit der Buttermilch einen Versuch machen. Ich habe sie mit gutem Erfolg einem jungen Menschen angeraten, bei dem ich den Gebrauch der ordentlichen Milch für bedenklich hielt, weil er über Beschwerden zwischen den kurzen Rippen (hypochondrialgia) klagte. Gallenreiche Personen trinken die Buttermilch mit Lust und befinden sich immer wohl danach.. Sie verdienen den Vorzug vor der Milch allemal, wenn viel Hitze etwas fieberhaftes oder ein Ansatz zum Rotlauf (gerötete Haut) vorhanden ist. Insbesondere schafft sie einen großen Nutzen, wenn von den Ausschweifungen in der Liebe ein hitziges Fieber entsteht, dergleichen dasjenige war, an der Raphael [33] gestorben ist.

[33] Raphael, auch Raffael genannt, (1483-1520), italienischer Maler und Bauleiter des Petersdoms,
starb am 6. April 1520 bereits mit 37 Jahren. Dem Gerüchte nach soll sein unsittlicher Lebenswandel die Ursache seines frühen Todes gewesen sein. Womöglich starb er an einem Aderlass zur Kurierung einer Geschlechtskrankheit, die er sich bei seinen zahlreichen Affären mit Frauen zugezogen haben soll. Es gibt allerdings auch andere Theorien über seinen Tod. Einige seiner Zeitgenossen sprechen allerdings mit hoher Achtung von seinem sittlichen Charakter.

In einem solchen Fieber würden, obwohl eine Schwäche vorhanden ist, die stärkenden Mittel schaden. Auch das Aderlassen würde gefährlich sein. Der bekannte Jonston, der als Baron von Ziebendorf vor mehr als neunzig Jahren gestorben ist, hat es in diesem Falle ausdrücklich verboten. Gar zu sehr kühlende Arzneimittel schlagen hier ebenfalls nicht an, wie Vandermonde solches bewiesen hat und ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Die Buttermilch aber bekommt sehr wohl, wenn sie nur nicht allzu fest ist. Sie lindert, verdünnt, erweicht, löscht den Durst, erfrischt und zu gleicher Zeit nährt und stärkt sie, worauf es in diesem Fall, wo die Kräfte mit einer fast unbegreiflichen Geschwindigkeit verloren gehen, sehr viel ankommt. Gilchrist, der bei der Schwindsucht in die Milch kein großes Vertrauen setzt, legt dennoch der Buttermilch, in eben diesen Umständen, ein angenehmes Lob bei.

§ 113

Seit der letzten Ausgabe dieses Werkes bin ich von verschiedenen entkräfteten Personen zu Rate gezogen worden.

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Einige von ihnen sind wieder zur völligen Gesundheit gelangt, ziemlich viele haben eine beträchtliche Erleichterung erhalten, andere haben nichts gewonnen. Denn wenn das Übel schon bis zu einem gewissen Grad gestiegen ist, so muß man zufrieden sein, wenn die Arzneien verhindern, daß es nicht noch ärger werde. Einen Teil des Erfolges habe ich gar nicht erfahren.

Fast bei allen diesen Kuren ist die Milch das vornehmsze Nahrungsmittel gewesen. Die Heilungsmittel bestanden in der Chinarinde, dem Eisen, den eisenhaltigen Wässern und dem kalten Bade*. Einige Kranke habe ich gänzlich auf die Milch gesetzt. Andere haben sie täglich nur ein oder zweimal getrunken.

* Ich muß hier bemerken, daß es einige Umstände gibt, die den Gebrauch der kalten Bäder, der Chinarinde und des Eisens entgegenstehen. Ich werde sie in der kurzen Wiederholung näher beschreiben.

Der Kranke, dessen Krankheit ich im vierten Abschnitt (§ 11) beschrieben habe, und in diesem Abschnitt dessen Behandlung mitzuteilen versprochen habe, genoß drei Monate hindurch nichts als Milch, wohl ausgebackenes Brot, täglich ein oder zwei frisch gelegte Eier, und sein Getränk war Wasser, welches er jedesmal frisch aus dem Brunnen holte. Er bediente sich der Milch viermal des Tages, zweimal so, wie sie von der Kuh kam, ohne Brot, und zweimal warm gemacht, mit Brot. Daneben gebrauchte er eine Latwerge, die aus Chinarinde, eingemachten Pomeranzenschalen (Apfelsinenschalen) und Krausemünzsirup (Krauseminzesirup) bestand. Der Magen war mit einem gewürzhaften Pflaster bedeckt. Man rieb ihn jeden Morgen den Leib mit Flanell. Er machte sich mit Gehen und Reiten so viel Bewegung, wie er nur konnte. Insbesondere sollte er sich viel an der frischen Luft aufhalten. Wegen seiner großen Schwachheit und Brustbeschwerden, durfte ich es damals nicht wagen, ihm kalte Bäder

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anzuraten. Die obigen Mittel hatten den gewünschten Erfolg. Er kam wieder zu Kräften und der Magen verdaute besser. Nach Verlauf eines Monats konnte er eine ganze Weile zu Fuß gehen. Das Erbrechen hörte auf, die Schmerzen in der Brust verminderten sich beträchtlich und seit mehreren Jahren befindet er sich wieder in einem sehr erträglichen Zustand. Nach und nach genoß er wieder andere Speisen, weil ihm die Milch zuwider ward.

§ 114

Die Zeugungsglieder erhalten allemal ihre Kräfte am langsamsten wieder und oft kommen diese auch gar nicht zurück, obwohl der übrige Körper seine Kraft völlig wieder erlangt zu haben scheint. In diesem Fall kann man voraussagen, daß der Teil, der gesündigt hat, als erstes absterben wird.

Ich habe jederzeit gefunden, daß diejenigen, die sich in kurzer Zeit durch große Ausschweifungen in einem bereits gesetzten Alter, erschöpft haben, leichter zu heilen gewesen sind, als diejenigen, die sich seit langer Zeit durch seltenere, aber schon in der ersten Jugend angefangene Selbstbefleckungen, erschöpft haben, weil diese ihr Wachstum gehindert, alle ihre Kräfte zu erlangen, nie zugelassen haben. Die ersteren kann man als solche betrachten, die eine sehr heftige Krankheit gehabt haben, die alle ihre Kräfte aufzehrte. Da aber bei ihnen die Werkzeuge ihre ganze Vollkommenheit erreicht haben, so kann, obwohl sie viel gelitten haben, das Aufhören der Ursache (der sexuellen Ausschweifungen), die Zeit, die Lebensführung und die Heilmittel sie wieder herstellen. Die letzteren dagegen haben ihre Leibesbeschaffenheit nie völlig ausbilden können. Wie sollen sie denn vollkommen genesen und wieder zu Kräften kommen können? Die (Arznei-)Kunst müßte im reifen Alter das bewirken, was die Natur, von ihnen verhindert, in ihrer Kindheit und in der Zeit der ersten Mannbarkeit nicht hat ausrichten können.

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Eine solche Hoffnung ist eine leere Einbildung und täglich beweisen mir die Erfahrung, daß junge Leute, die sich dieser Besudelung schon in der Kindheit  und zu dem Zeitpunkt ergeben, wo sich die Mannbarkeit entwickelt, und da die Natur in ihrer Scheidung (von der Kindheit) begriffen ist, zu der sie alle ihre Kräfte nötig hat, daß sage ich, solche jungen Leute nimmermehr hoffen dürfen, jemals recht lebhaft und stark zu werden. [34] Sie dürfen glücklich sein, wenn sie nur eine mittelmäßige Gesundheit genießen dürfen und von großen Krankheiten und Schmerzen befreit bleiben.

[34] Seit den letzen Abschnitten habe ich ein wenig Grummelm im Magen, weil ich mit Tissot's Aussagen keineswegs übereinstimme. Es stimmt zwar, wenn Tissot sagt, daß derjenige, der bereits vor den Pubertät mit der Onanie begann und sie danach weiter fortsetzte, wobei die Onanie teilweise oder ganz durch sexuellen Kontakt mit anderen Menschen ersetzt wurde, der Mensch in seiner Entwicklung behindert wird. Dies gilt natürlich auch für die Sexualorgane. Sollte sich derjeneige, der bereits seit seiner Kindheit sexuell aktiv ist, in welcher Form auch immer, aber irgendwann entschließen, enthaltsam zu leben, so hat der Körper bis zu einem gewissen Alter durchaus die Möglichkeit diese Reifeprozesse nachzuholen. Dieses Alter ist individuell verschieden und liegt bei dem einen vielleicht bei 25 Jahre, bei dem anderen dagegen vielleicht bei 30 oder gar bei 35 Jahre.

Diejenigen, bei denen sich die Reue erst spät einstellt, die bereits in einem fortgeschriteneren Alter sind und sich an ein auschweifendes Sexualleben gewöhnt haben, dürfen sich ebenfalls keine großen Hoffnungen machen. Wer schon über 40 Jahre alt ist, wird sich nicht leicht wieder verjüngern.

§ 115

Wenn ich (nach § 109) die Chinarinde mit Wein verordne, so lasse ich nicht bloß mit Milch leben. Ich lasse aber die Arznei des Morgens einnehmen und die Milch am Abend trinken. Doch habe ich bei etlichen Kranken diese Ordnung ändern müssen, weil sie sich, sooft sie den Wein morgens nahmen, sich häufiger übergeben mußten.

Wenn ich mineralische Wässer verordne, so lasse ich anfänglich einige Flaschen davon ohne darunter gemischte Milch und die folgenden mit Milch trinken.

§ 116

Ist das Übel veraltet, so verdirbt es normalerweise alle Säfte (cacochymia = Schlechtigkeit der Säfte), mit deren Verbesserung man den Anfang machen muß,

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ehe man an der Wiederherstellung der Kräfte arbeiten kann. In diesem Fall sind ausleerende Mittel unumgänglich nötig und tun sehr gute Wirkung. Gebraucht man aber bei diesen Umständen zugleich stärkende und nährende Mittel, Milch und dergleichen, so wird der Patient ein schleichendes Fieber bekommen und seine Kräfte verlieren, je länger und je mehr er sich jener Mittel bedient.

Hat der Kranke sich durch schnelle Ausschweifungen auf einmal so sehr entkräftet, daß sein Leben in Gefahr ist, so muß man zu wirksamen herzstärkenden Mitteln Zuflucht nehmen, spanischen Wein, mit ein wenig Brot und kräftige Suppen mit frischen Eiern geben, den Kranken zu Bett legen und den Magen mit flanellenen Tüchern bedeckt halten, die man zuvor in warmen Wein mit etwas Theriak [35] eingetaucht hat.

[35] Theriak war eine ursprünglich als Antidot (Antiserum, Gegengift) entwickelte Arznei, die im Mittelalter als Universalheilmittel gegen alle möglichen Krankheiten und Gebrechen verwendet wurde und heute noch, jedoch mit abgewandelter Rezeptur und Indikation (Heilmittel), hergestellt wird.

In Fällen in denen die (venerischen, sexuellen) Ausschweifungen ein hitziges Fieber verursacht haben, muß man nicht zum Aderlassen, es sei denn, daß der volle und harte Puls eine sichere Anzeige der Notwendigkeit des Aderlassens gibt. Auch ist es besser, zwei mäßige Aderlässe nacheinander zu veranlassen, als einen gar zu starken auf einmal vorzunehmen. Das sogenannte weiße Decoct* (siehe unten), Gerstenwasser [36] mit ein wenig Milch, einige Gaben (Dosen) Salpeter [37], Clystire von einem Decoct von Fliederblumen (in der Ausgabe von 1774 schreibt er auf Seite 163 [38]: Klostire in einer Abkochung von Willkraut, Himmelbrand (Königskerzenkraut)), einige laulichte (warme) Fußbäder und zur Nahrung mehlige Kalbsfleischsuppen, sind hier wahrhaft dienliche Mittel, die in den Fällen, in denen ich sie gebrauchte, ihre gute Wirkung sehr schnell bewiesen haben.

[36] Gerstenwasser ist ein Geheimrezept der Briten. Es hat sehr hohe Werte an Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen wie z.B. Kalium. Es ist positiv für den Kohlehydrat- und Energiestoffwechsel, für Nerven und Haut. Koche 50 g Gerstenkörner mit 2 Liter Wasser auf, bedecke den Topf und lass das Ganze ca. 1 Stunde leicht köcheln. Dann nimmt man die Körner aus dem Wasser und verrührt 1 Esslöffel Honig und den Saft 1 Zitrone mit dem verbleibenden Wasser. Genieße diesen Trunk im Winter heiß und im Sommer gekühlt.

[37] Salpeter (von lat. sal petrae, Felsensalz) ist der Trivialname einiger häufig vorkommender Nitrate, von denen es mehrere gibt, wie z.B. Ammonsalpeter (Ammoniumnitrat), Kalisalpeter (Kaliumnitrat) oder Kalksalpeter (Calciumnitrat).

[38] Ich lesedie Ausgabe von 1974 und die Ausgabe von 1776 parallel. Da die zweite Ausgabe besser zu lesen war, habe ich mich meistens an der zweiten Ausgabe orientiert. Gelegentlich war aber die erste Ausgabe von 1974 besser zu lesen. In diesem Fall habe ich mich an der ersten Ausgabe orientiert.

*Decoctum album Th. Sydenh.
Rec. C. C. calcin.
Micae pan. albiss. aa.
Conqu. in aquae font Wiij. ad Wij ?
postea q. s. facchari alb. odolcuretur. ?

§ 117

Die bei dieser Krankheit vorkommenden Zufälle bedürfen selten einer besonderen Behandlung und sie werden

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durch die Hauptkur zugleich mit behoben. Doch kann man zuweilen zu den innerlichen Stärkemittel auch äußere hinzufügen, wenn man die vorzügliche Stärkung eines gewissen Teils beabsichtigt. Ich habe öfters mit gutem Erfolg flüssige (feuchte) Umschläge (epithermata) und gewürzhafte Pflaster auf den Magen legen lassen. Es ist auch sehr hilfreich, wenn man die Hoden mit einem feinen Flanelltuch, das vorher in ein flüssiges Stärkemittel getaucht wurde, umwickelt und es mittels eines (Gummi-)Bandes befestigt.

Hier verdient eine Stelle aus dem Buch Herrn von Gorter's angeführt zu werden: „Ich habe zuweilen den Schwarzen Staar, der durch Liebesausschweifungen entstanden ist, mit innerlich stärkenden Mitteln und mit gehirnstärkenden Nasenpulvern geheilt, die durch den gelinden Reiz, den sie verursachen, einen größeren Zufluß der Nervengeister auf den Gesichtsnerv (auf die Augen) lenkten.“

§ 118

Es würde überflüssig sein, wenn ich die Kur noch ausführlicher beschreiben wollte, denn auch wenn ich es täte, so würden sich die Patienten, die ohne Beistand eines Arztes sind, niemals völlig damit helfen können. Den Ärzten aber würde ich sagen, was sie selber schon wissen. Die Lebensordnung (Lebensführung) habe ich weitläufiger abgehandelt, weil sie, wenn das Übel noch nicht zu weit fortgeschritten ist, und die Ursache desselben unterbleibt (die Onanie), ganz von allein die Genesung bewirken kann, weil es nicht möglich ist, daß jemand, der diese Lebensführung genau beachtet, die mindeste Gefahr dabei läuft. Das einzige, was ich zur Vollständigkeit dieses Kapitels noch hinzuzufügen hätte, würde die Verdauungskur betreffen.

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Ich habe bemerkt, daß die Übergehung dieses Artikels ein wesentlicher Mangel bei der ersten Ausgabe dieses Werkes gewesen ist. Ein durch seine Schriften berühmter Gelehrter, der noch mehr durch seine großen Talente, Kenntnisse und persönlichen Eigenschaften, als durch seinen Namen und durch die wichtigen Bedienungen (Ämter), die er in einer der vornehmsten Städte der Schweiz bekleidet, verehrungswürdig ist, Herr Iselin [39], Stadtsekretär zu Basel (er wird mir gütigst erlauben, wenn ich ihn nenne), hat mir diese Lücke zu verstehen gegeben.

[39] Isaak Iselin (1728-1782) war ein vielfältig engagierter publizistisch tätiger Geschichtsphilosoph in Basel. Ab 1742 studierte Iselin in Basel Philosophie. Danach begann er, wiederum in Basel, ein Jura-Studium. 1747 wechselte er an die juristische Fakultät der Universität Göttingen. 1751 wurde Iselin in seiner Heimatstadt Basel zum Doktor promoviert.1756 dann wurde Iselin zum Ratsschreiber der Stadt Basel berufen, welches Amt er mit kurzer Unterbrechung von 1758 bis 1760 bis zu seinem Tode innehatte. Ich führe die dahin zielende Stelle seines Briefes mit desto größerem Vergnügen an, weil sie genau bezeichnet, was man tun müsse: „Ich wünschte“, schrieb er mir, „von ihrer Hand ein Werk zu sehen, wo sie die sichersten und am wenigsten gefährlichen Mittel erklärten, wodurch Eltern bei der Erziehung der Kinder, und junge Leute, wenn sie ihrer eigenen Lebensführung überlassen sind, jenen gewaltsamen Begierden vorbeugen können, die zu Ausschweifungen verleiten, woraus so abscheuliche Krankheiten entstehen, und zu Unordnungen, die das Glück der Gesellschaft und ihr eigens zerstören. Ich bezweifle nicht, daß es eine gewisse Lebensführung gibt, welche die Enthaltsamkeit besonders begünstigt, und ich glaube, daß ein Werk, welches uns diese Lebensführung lehrt, und zugleich die Krankheiten, die von der Unreinigkeit (von den sexuellen Auschweifungen) entstehen, beschreiben würde, mehr Nutzen finden könnte, als die besten moralischen Abhandlungen über diese Materie.“

Herr Iselin hat ohne Zweifel recht. Der Zusatz, den er wünscht, würde überaus richtig, aber er würde auch überaus schwer sein, wenn man ihn von den anderen medizinischen, wie auch von der moralischen Erziehung abgesondert vortragen müßte. Wollte man diesen Artikel auf eine gute Art abhandeln, so müßte man eine große Menge an

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Grundsätze festsetzen, welches dieses kleine Werk zu weitläufig machen würde und die ohnedies nicht hineingehören. Einige allgemeine Regeln, die man nicht zugleich erläutern würde, würden nicht nur wenig Nutzen haben, sondern könnten sogar gefährlich werden. Also ist es besser, diese Abhandlung einem größerem Werk einzuverleiben, in dem man die Mittel erwähnt, die zu einer guten Leibesbeschaffenheit führen und die jungen Leuten eine dauerhafte Gesundheit verschaffen.

Dies ist eine Materie, die zwar schon von verschiedenen geschickten Männern abgehandelt, aber noch lange nicht erschöpft worden ist, und worüber sich, auch über die Krankheiten dieses Alters, sehr viele ungemein wichtige Dinge hinzufügen lassen. Ich kann also diesen Artikel, so gern ich auch wollte, hier nicht berühren. Alles was ich davon sagen kann, beschränkt sich darauf, daß man den Müßiggang, die Untätigkeit, den allzu langen Aufenthalt im Bette, ein allzu weiches Bett, allzu nahrhafte, stark gewürzte, salzige Speisen, viel Wein (Alkohol), verdächtige Freunde und ärgerliche Schriften rmeiden sollte, weil alle diese Dinge Veranlassung zur Ausschweifung geben.

Eine strenge Lebensführung ist hier von äußerster Wichtigkeit und doch kümmert man sich sehr wenig darum. Diejenigen, die junge Leute erziehen, sollten beständig die Anmerkung des Heiligen Hieronymus vor Augen haben, der sagte:
„Die Schmiedeessen [40] des Vulkans, die Feuerschlünde des Vesuv und der Berg Olymp brennen nicht von heftigeren Flammen, als junge Leute, die an allzu nahrhaften Speisen und starke Getränke gewühnt sind.“ Menjot, der fünfzig Jahre lang einer von den Leibärzten Ludwigs des XIV. gewesen ist, gedenkt einiger Damen, die, weil sie so viel Hippokras (ein in Basel beliebter Gewürzwein) getrunken haben, in eine venerische Entzückung (sexuelle Auschweifung) geraten sind.

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Der Gebrauch des Weins und des Fleisches ist um so viel schädlicher, weil diese Dinge nicht nur den Kitzel des Fleisches vermehren, sondern auch die Vernunft, die ihm widerstehen sollte, schwächen.
 
[40] Die Schmiedeesse ist eine
offene Feuerstelle mit Gebläse zum Erwärmen der Schmiedestücke.

„Wein und Fleisch machen die Seele stumpf“, sagt Plutarch in seiner Abhandlung vom Fleischessen, einer Schrift, die in jedermanns Händen sein sollte. Die ältesten Ärzte haben bereits den Einfluß der Lebensführung auf die Sitten gekannt. Sie hatten einen Begriff von einer moralischen Arzneiwissenschaft, und Galenus hat uns eine kleine Schrift hinterlassen, die vielleicht das Beste enthält, was bisher über diese Materie herausgekommen ist: „Wer da leugnet, daß der Unterschied der Speisen die Menschen entweder mäßig oder ausgelassen, keusch oder unenthaltsam, herzhaft oder feige, sanftmütig oder zanksüchtig, bescheiden oder unverträglich stolz machen können, wer, sage ich, diese Wahrheit leugnet, der komme zu mir und folge meinem Rat in Ansehung des Essens und Trinkens, so verspreche ich ihm, in Ansehung auf die sittliche Weltweisheit, den großen Vorteil davon. Er wird bald gewahr werden, wie die Kräfte seiner Seele zunehmen. Er wird mehr Genie, mehr Gedächtnis, mehr Klugheit und mehr Fleiß erlangen. Ich würde ihm auch sagen, was für Getränke, was für eine Temperatur der Luft und was für Länder er meiden oder wählen sollte.“

Quod animi mores corporis temperamenta sequantur.

C. 9. Charterius, T. V. p. 457.

Schon vorher hatten Hippokrates, Plato, Aristoteles, Plutarch sehr gute Sachen über diese wichtige Materie geschrieben. Unter den Werken, die uns von dem Pythagoristen Porphyrius (dem Anhänger Pythagoras), diesem eifrigen Gegner der Christen im dritten Jahrhundert übrig geblieben sind, findet sich eine Abhandlung über die Enthaltung vom Fleische (Fleischessen), worin er den Firmus Castricius (römischer Philosoph, 3. Jahrhundert), an den er diese Schrift

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gerichtet, tadelt, daß er die Lebensführung aus dem Pflanzenreich verlassen, wie er es ihm gleich selber gestanden hat, da selbige zur Erleichterung des philosophischen Studierens die dienlichste sei. Und er setzt hinzu:
„Seidem ihr Fleisch esst, lernt ihr aus eigener Erfahrung, daß euer damaliges Geständnis sehr begründet war.“ Man findet in diesem Werk sehr gute Sachen.

§ 119

Das kräftigste, das einzig untrügliche Verwahrungsmittel (das Mittel, das die Liebeslust verhindert), ist ohne Widerrede, dasjenige, welches der große Mann anzeigt, der die Menschen und die Wege der Menschen am besten gekannt hat. Der nicht nur gesehen hat, was sie sind, sondern auch was sie gewesen sind, was sie sein sollten und was sie noch werden könnten. Der sie recht wahrhaft geliebt hat, der sich um ihretwillen die größte Mühe gegeben. Der sich für sie aufgeopfert hat und der auf's grausamste von ihnen verfolgt worden ist.
„Wachet sorgfältig über euren Jüngling. Lasset ihn nie allein, weder am Tage noch des Nachts. Schlaft wenigstens in seinem Zimmer. Denn sobald er in eine gewisse Gewohnheit, welche die schädlichste unter allen ist, die ein junger Mensch annehmen kann, verstrickt sein wird, so muß er die traurigen Wirkungen davon bis ins Grab tragen. Körper und Herz werden beständig schwach bleiben.“ Ich ersuche meine Leser, die anderen vortrefflichen Stellen über diesen Gegenstand in dem Werk selbst nachzulesen.  [41]

[41] Man lese in Johann Jacob Rousseau [42]
Emile, ou de l'education (über das Buch) T. II. p. 232; T. III. p. 255. & c. - Das Buch von Rousseau in deutscher Sprache findet man hier: Emile oder über die Erziehung

[42] Hinter Johann Jacob Rousseau verbirgt sich Jean-Jacques Rousseau, der seine Bücher auch unter dem Namen Johann Jacob Rousseau veröffentlichte.
Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) war ein Genfer Schriftsteller, Philosoph, Pädagoge, Naturforscher und Komponist der Aufklärung (Immanuel Kant: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“). Der bedeutende Aufklärer gilt als einer der wichtigsten geistigen Wegbereiter der Französischen Revolution und hatte großen Einfluss auf die Pädagogik und die politischen Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts. Émile ou de l’éducation ist, so Rousseau selbst, sein wichtigstes Werk und hat ihn zwanzig Jahre Nachdenken und drei Jahre Arbeit gekostet.

§ 120

Ist das Übel bereits geschehen, so ist vielleicht das kräftigste Mittel zur Besserung, eine lebhafte Vorstellung der Gefahr, ein schreckliches Gemälde, bei dessen Erblickung man still steht, schaudert und dann zurücktritt. Laßt uns die vornehmsten Züge desselben zusammenfassen.

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Ein allgemeiner Zerfall der ganzen Maschine, die Schwächung aller sinnlichen Werkzeuge und aller Seelenkräfte; Verlust der Einbildungskraft und des Gedächtnisses. Aberwitz (Absurdität, Idiotie), Verachtung, Schimpf und Schande, die einen solchen Zustand begleiten, eine beschwerliche und schmerzhafte Störung und Hemmung aller körperlichen Verrichtungen, langwierige, verdrießliche, seltsame, ekelhafte Krankheiten, heftige Schmerzen, die sich beständig erneuern; alle Gebrechen des Alters in den Jahren, in denen man natürlicherweise am stärksten sein sollte.

Eine Ungeschicklichkeit bei allen Verrichtungen, zu denen der Mensch geboren wurde. Die erniedrigende Rolle, eine unnütze Last der Erde zu sein. Die Kränkungen, denen man täglich ausgesetzt ist. Ein Widerwille gegen alle erlaubten Götzlichkeiten, lange Weile und in deren Folge Unlust und Grämlichkeit (mürrisch, verbittert, wütend), Herabsetzung anderer und seiner selbst, die auf jene folgt. Überdruß des Lebens, die von Zeit zu Zeit aufsteigende Furcht, man werde ein Selbstmörder werden. Eine Ängstlichkeit, die ärger ist als alle Schmerzen. Gewissensbisse, die täglich zunehmen und eine neue Nahrung gewinnen, wenn die Seele durch die Krankheit des Körpers geschwächt ist. Dies ist ein kurzer Abriss des Schicksals, welches denen vorbehalten ist, die sich so aufführen, als fürchten sie sich nicht davor.

§ 121

Ehe ich den Teil von der Heilung verlasse, muß ich den Kranken noch eine Lehre geben, die auch alle diejenigen angeht, die langwierige Krankheiten haben, insbesondere wenn diese mit einer Schwäche begleitet sind. Sie müssen sich nämlich keine Hoffnung machen, daß Krankheiten, die aus mehrjährigen

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Vergehungen erwachsen sind, in einigen Tagen geheilt werden können. Sie müssen sich also auf eine langwierige verdrießliche Kur gefasst machen und sich an alle Regeln der vorgeschriebenen Lebensführung genauestens halten. Auch wenn ihnen diese Lebensführung bisweilen als kleinlich erscheint, so sollten sie sie dennoch nicht außer Acht lassen, denn der erfahrene Arzt weiß, wie wichtig die sorgfältige Beachtung dieser Lebensführung ist. Sie sollten immer daran denken, daß man auch bei der strengsten Kur nie so viel auszustehen hat, wie bei der geringsten Krankheit. Man erlaube mir auch noch dieses zu sagen: Wenn man zuweilen sieht, daß Krankheiten, die geheilt werden können, nicht geheilt werden, weil der Arzt sie auf eine verkehrte Art behandelt, so sieht man hingegen auch, daß eine Menge Krankheiten, ungeachtet der von Seiten des Arztes geleisteten Hilfe, durch die Unfolgsamkeit des Kranken nicht heilen.

Zum glücklichen Ausgang einer Kur verlangte Hippokrates, daß der Kranke, der Arzt und die Wärter (Krankenpfleger), einer so gut wie der andere, ihre Pflicht in allen Punkten erfüllen sollten. Würde nicht so oft auf der einen oder anderen Seite etwas versäumt, so würde man weit häufiger von glücklichen Kuren hören. „Der Kranke“, sagt Aretäus, „sollte den Mut nicht sinken lassen und mit dem Arzt in eine Zusammenverschwörung gegen die Krankheit treten.“ Wo diese Übereinstimmung vorhanden ist, da habe ich die hartnäckigsten Krankheiten weichen sehen. Neuerlich gemachte Bemerkungen haben mir bewiesen, daß die sonst unbändige Wut krebsartiger Krankheiten sich, durch die vielleicht mit einiger Klugheit angeordneten Heilmittel, haben bändigen lassen, die aber auch mit einer besonderen Gelehrigkeit und Regelmäßigkeit gebraucht worden sind. Dies hat den glücklichen Erfolg mit Ehre und Ruhm gekrönt.

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Vierter Teil: Ähnliche Krankheiten     Top

1. Abschnitt: Die nächtliche Befleckung - Pollutionen

§ 122

Ich habe die Gefährlichkeit einer übermäßigen Ausleerung des Samens durch Ausschweifungen in der Liebe und durch die Selbstbefleckung gezeigt und ich habe gleich im Eingang dieses Buches gesagt, daß der Same auch durch nächtliche unfreiwillige Befleckungen in wollüstign Träumen, wie auch durch das unter dem Namen des einfachen Samenflußes (gonorrhoea simplex) bekannte Auslaufen entgehe. Ich will diese beiden Krankheiten kurz untersuchen.

§ 123

Es ist den Gesetzen, die die Seele mit dem Leib vereint, gemäß, dass sogar dann, wenn die Sinne durch den Schlaf gefesselt sind, die Seele sich mit den Gedanken beschäftigt, die ihr, den Tag über, sind überbracht worden.

Rex quae in vita usurpant homines, togitant, curant, vident
Quaeque agunt vigilantes agitantque ea fi cui in somno accidunt
Minus mirum est. -  Acc

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Ein anderes Gesetz dieser Vereinigung ist, daß die Seele ohne jede Fesselung der anderen Sinne zu stören, oder, um deutlicher zu reden, ohne ihnen die Empfindlichkeit gegen äußerliche Eindrücke wieder zu verschaffen, im Schlaf diejenigen Gedanken entstehen lassen können, die zur Vollziehung des Willens, den ihr die Gedanken einflößen, mit denen sie sich beschäftigten. Ist nun die Seele mit lauter Gedanken erfüllt, die sich auf die Wollüste der Liebe beziehen, so schaftt sich sich die Bilder davon in geilen Träumen wieder. Diese Träume bringen in den Sexualorganen, die Bewegungen hervor, die sie auch während des Wachens hervorbringen, und die Handlung wird, indem sie in der Einbildung geschieht, physisch vollzogen. Man weiß, was dem Horaz begegnet ist, als er auf seiner Reise nach Brundus an einem Orte übernachtete:

hic ego mendacem stultissimus usque puellam
ad mediam noctem exspecto; somnus tamen aufert
intentum veneri; tum inmundo somnia visu
nocturnam vestem maculant ventremque supinum.

Ein schelmisch Mädchen vom Hause spielt mir noch schlimm  mit.
Ich Tor erwarte sie voll Ungeduld die halbe Nacht durch.
Endlich übermeistert der Schlaf mich dennoch,
und ein plumper Traum entweiht das Amorn zugedachte Opfer.

Wenn diese Werkzeuge zuerst gereizt worden sind, so machen sie bisweilen die Einbildung rege und erwecken Träume, die einen Ausgang nehmen, wie die ersterwähnten. Aus diesen Sätzen lassen sich die verschiedenen Arten der Pollution erklären.

§ 124

Die erste Art ist diejenige, die aus einem Überfluß des Samens entsteht. Sie findet sich bei Leuten, die in den besten Jahren, stark an Kräften, blutreich und dabei keusch sind. Da die Wärme des Bettes

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die Feuchtigkeiten verdünnt, die Samenfeuchtigkeit aber mehr als irgendeine andere, der Ausdehnung unterworfen ist, so reißen die gereizten Samenbläschen die Einbildungskraft dazu hin, sich den wollüstigen Vorstellungen ganz zu überlassen. Die Idee vom Beischlaf bringt die letzte Wirkung hervor, die in der Ausspritzung des Samens besteht, was in diesem Fall keine Krankheit ist, sondern vielmehr eine heilsame Krise, eine Bewegung, die uns eines Saftes entledigt, der uns durch seine allzu große Menge und durch seine Zurückhaltung schädlich werden könnte. Obgleich einige Ärzte, die nichts glauben wollen, was sie selber nicht gesehen haben, dies geleugnet haben, so ist es darum nicht weniger wahr, daß die Samenfeuchtigkeit durch ihren Überfluß Krankheiten hervorbringen kann, die vom Priapismus (schmerzhafte Dauererrektion des Penis) und der Mutterwut (Nymphomanie) unterschieden werden müssen.

Man gönne mir eine kurze Ausschweifung über diese Frage: sie schickt sich nicht übel, sondern gehört zu meiner Materie.

§ 125

Gelenus hat uns die Geschichte eines Mannes und einer Frau aufbewahrt, die durch einen Überfluß des Samens krank geworden sind. Sie wurden beide wieder gesund, als sie der Enthaltsamkeit entsagten, die sie sich auferlegt hatten. Galenus ist der Meinung, daß die Zurückhaltung dieser Feuchtigkeit fähig sei, sehr verdrießliche Erkrankungen zu erzeugen. Ich habe in Montpellier eine Begebenheit erlebt, die mit der Geschichte der Frau von der Galenus redet, eine vollkomene Ähnlichkeit hatte. Eine sehr gesunde

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und frische Witwe, beinahe vierzig Jahre alt, die vorher die körperlichen Vergnügungen der Liebe sehr oft und sehr lange genossen hat und nun seit etlichen Jahren deren beraubt war, bekam sie von Zeit zu Zeit so heftige Mutterzufälle [43], daß sie den Gebrauch der Sinne verlor. Keine Arznei auf der Welt war vermögend ihre Anfälle zu vertreiben. Sie hörten nicht eher auf als vermittels eines starken Reibens ihrer Geschlechtsorgane, das ein krampfartiges Zittern bei ihr hervorbrachte, worauf eine häufige Samenergießung folgte. In diesem Augenblick kam sie wieder zu Sinnen.

[43] Bei Mutterzufällen fallen die Frauen in eine hysterische (epileptische) Bewusstlosigkeit und zittern am ganzen Leib. Scheinbar treten diese Mutterzufälle dann auf, wenn die Frauen enthaltsam leben. Diese Mutterzufälle treten allerdings wohl auch bei enthaltsam lebenden Männern auf. Auf Seite 175 sind einige Fälle von Mutterzufällen beschrieben.

Man hat seit der ersten Ausgabe dieses Werkes drei ähnliche Bemerkungen veröffentlicht. Die eine von dem in Walerode im Kurfürstentum Braunschweig und Lüneburg praktizierenden Arzt Herrn Weber, der sie in eine nach und nach von ihm herausgegebenen Sammlung veröffentlicht hat. Die beiden anderen sind von dem in Bordaux praktizierenden Arzt Herr Betbeder und sind in einer von Herrn Richard herausgegebenen Sammlung medizinischer Wahrnehmungen veröffentlicht worden. Sie tragen das ihrige mit zu dem Beweis bei, daß die Ärzte diese Ursache der Krankheiten nicht gänzlich außer Acht lassen sollten, weil sie sich bisweilen darbieten.

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Zacutus erzählte eine ähnliche Bemerkung. „Ein Mädchen“, sagt er, „lag in einem sehr heftig zuckendem Anfall (Epilepsie?). Sie schien zu ersticken, war ohne Gefühl und ihrer selbst nicht bewußt. Alle Glieder zitterten an ihr. Sie verdrehte die Augen gräßlich. usw. Alle Arzneimittel richteten nichts aus. Ich ließ ihr ein scharfes Mutterzäpfchen [44] setzen, das eine reichliche Samenentledigung bewirkte, nach welcher sie augenblicklich wieder zum Gebrauch ihrer Sinne kam.“ Herr Hoffman hat uns ebenfalls die Geschichte einer Nonne aufbewahrt, die man aus ihren hysterischen Anwandlungen nicht anders als durch eine ähnliche Hervorreizung des Samens [45] wieder zu sich selbst bringen konnte.

[44] Ein Mutterzäpfchen ist ein mit Arzeneimitteln angefeuchtetes oder getränktes Zäpfchen, welcher in die Mutterscheide gesteckt wird, um die monatliche Reinigung (Regelblutung) zu fördern.

[45] Man spricht auch von der weiblichen Ejakulation.
Als weibliche Ejakulation bezeichnet man die meist mit einem intensiven sexuellen Lusterlebnis verbundene, stoßweise Freisetzung eines Sekrets der Paraurethraldrüsen, die von rund einem Drittel der Frauen unregelmäßig erlebt wird. Als Paraurethraldrüse (lateinisch: Glandula paraurethralis) oder Skene-Drüse (nach Alexander Skene 1838–1900) oder Prostata feminina (lateinisch: weibliche Prostata) werden in der Anatomie akzessorische Geschlechtsdrüsen der Frau bezeichnet.

Zacatus erwähnt in dem eben erst angeführtem Werk zwei Männer, denen die Unterdrückung [46] der Liebeslust schädlich gewesen ist. Der eine bekam ein Nabelgeschwulst, wogegen alle möglichen Mittel vergeblich versucht wurden, bis er endlich heiratete. Da verging das Geschwulst von selbst. Der andere hatte Ausschweifungen in der Liebe begangen, und weil er sich dadurch geschwächt sah, so nahm er davon Abstand. Sechs Monate befiel ihn öfters ein Schwindel und bald danach bekam er Anfälle der fallenden Sucht (Epilepsie), die man als Folge eines Magenfehlers betrachtete. Deshalb verordnete man ihm stärkende Mittel. Aber dadurch wurden die Anfälle immer schlimmer, bis er einst nach einem heftigen Anfall den Geist aufgab (starb). Als man seinen Leichnam öffnete, befand man alles in gutem Zustand, ausgenommen die Samenbläschen und den Samengang (canalis deferens), die mit einem grünen Samen angefüllt waren und an verschiedenen Stellen zu Geschwüren geworden waren. (Es sei noch einmal darauf hingewiesen, daß die Samenbläschen keine Spermien enthalten, wie Herr Tissot es offensichtlich annimmt.)

[46]
Ich würde nicht unbedingt von Unterdrückung sprechen, sondern von einem freiwilligen Verzicht auf Sexualität. Viele Menschen, nicht nur Priester, Mönche, Nonnen und Yogis, sondern auch viele ganz normale Menschen, verzichten freiwillig auf Sexualität, weil sie z.B. höhere spirituelle (Erleuchtung) oder gesundheitliche Ziele (größere Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, bessere Leistung des Gehirns, ein Gefühl der Seligkeit, usw.) verfolgen. Dabei sind die spirituellen und gesundheitlichen Ziele in meinen Augen identisch.

Der spirituelle Mensch hat allerdings in der Regel einen religiösen Hintergrund. Dem weltlich orientierten Menschen dagegen geht es eher um ein besseres Lebensgefühl, um eine bessere Gesundheit, vielleicht auch um Seligkeit (Erleuchtung). Der weltlich orientierte Mensch betrachtet diese Veränderungen aber als Folge physiologischer Veränderungen und nicht als göttliches Einwirken
, wobei körpereigene Drogen eine wichtige Rolle spielen. Man sollte bei diesen Menschen nicht von sexueller Unterdrückung sprechen, weil die Enthaltsamkeit freiwillig, aus Einsicht und Überzeugung geschieht. Dies war in den vergangenen Jahrhunderten oft anders, denn früher wurden Menschen oft gezwungen, Priester, Mönche und Nonnen zu werden und auf Sexualität zu verzichten. Weil dies nicht funktioniert, kam es immer wieder in den Klöstern und Priesterseminaren zu sexuellen Ausschweifungen.

In der Bibel heißt es unter
Matthäus 19,12 : Denn einige sind von Geburt an zur Ehe unfähig; andere sind von Menschen zur Ehe unfähig gemacht; und wieder andere haben sich selbst zur Ehe unfähig gemacht um des Himmelreichs willen. Wer es fassen kann, der fasse es!“ Dieser Bibelvers besagt, daß einige Menschen von Geburt an unfähig sind, Kinder zu zeugen. Dies trifft auf Menschen zu, die von Geburt an aus verschiedenen (gesundheitlichen) Gründen zeugungsunfähig sind. Andere werden zeugungsunfähig gemacht, unter anderen dadurch, daß man sie kastriert. Die dritte Gruppe aber hat sich selber wegen des Himmelsreiches zur Ehe unfähig gemacht. Das heißt, sie verzichten freiwillig auf Sexualität, um Erleuchtung (im Christentum bezeichnet man diesen Zustand als heilig) zu erlangen.

Im
1 Kor 6, 12-20 heißt es: „Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn, und der Herr für den Leib... Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ Dieser Bibelvers sagt ebenfalls, daß man enthaltsam leben und keine Unzucht treiben soll, weil man sich dadurch am Leib Christi versündigt (weil man jede Form der Unzucht mit Leid und Krankheit bezahlt.).

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Ein durch seine Wissenschaft und durch sein Alter ehrwürdiger Arzt, der lange Zeit in der österreichischen Armee in Italien gewesen ist, hat mir gesagt, er habe bemerkt, daß diejenigen deutschen Soldaten, die unverheiratet waren und sich eines ordentlichen Lebens beflissen (die enthaltsam lebten), oft Anfälle der fallenden Sucht, von der Starrsucht der Zeugungsrute (Priapismus = schmerzhafte Dauererektion des Penis) und von unwillkürlichen nächtlichen Befleckungen (Pollutionen) gehabt hätten. Alles dieses rührte von einer reichlichen Absonderung des Samens, und vielleicht auch davon her, weil in einem Lande wie Italien, das wärmer ist, und wo man nahrhaftere Speisen und Getränke genießt, der Same mehr Schärfe an sich hat.

Man hat von Doktor Jaques, den ich schon einmal in diesem Werk erwähnte, eine akademische Probeschrift, die von Herrn de la Mettrie übersetzt wurde, in der er von vielen Krankheiten berichtete, die durch die Beraubung der Liebeslüste entstehen. De la Mettrie zeigt noch eine andere akademische Streitschrift, gleichen Inhalts, von Doktor Reneaume über die klösterliche Menschheit (über die Mönche) an.

Herr Findel hat in Basel eine Abhandlung veröffentlicht, in der er alles, was von den Krankheiten, die von allzu großer Keuschheit herrühren, die in den Schriften der Ärzte verstreut anzutreffen sind, gesammelt hat. Hierher gehört auch eine Stelle aus dem von Herrn de Sauvages über die Gefährlichkeit der Keuschheit für Frauen, deren Leibesbeschaffenheit dazu nicht angelegt ist. Sie werden um desto eher die bedauernwürdigen Brandopfer eines Feuers, je sorgfältiger sie solches zu verbergen suchen und verfallen in Schwermütigkeit, Schlaflosigkeit,

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Widerwillen gegen alles, Magerkeit und unwillkürliche Befleckungen. Er setzt eine Bemerkung bei, die vielleicht ein Beispiel der allerhärtesten Probe abgibt, die jemals eine gegen die Leibesbeschaffenheit kämpfende Person auszuhalten hat. Eine junge Frau, die ungeachtet des Feuers, das in ihr brannte und sie verzehrte, ihre Seele mit einer unglaublichen Standhaftigkeit unbefleckt hielt, bekam oft unfreiwillige Befleckungen, selbst zu der Zeit, als sie zu den Füßen eines alten abgelebten und ekelhaften Beichtvaters über ihr Unglück seufzte. [47]

[47] Wenn Tissot sich in diesem Teil seines Buches so sehr gegen die Keuschheit ausspricht, so fragt man sich natürlich, aus welchen Motiven dies geschieht. Geschieht es wirklich aus rein ärztlichen bzw. medizinischen oder wissenschaftlichen Motiven? Oder geschieht es vielleicht auch, um die eigenen Ausschweifungen irgendwie moralisch (vor sich selber) zu rechtfertigen? Sind auch Motive der zweiten Art vorhanden, dann sucht man sich natürlich allerlei Beispiele, die diese These in allerlei ärztlichen Veröffentlichungen angeblich unterstützen. Mich überzeugen die von Tissot vorgetragenen Beispiele, die gegen die Keuschheit sprechen allerdings nicht.

Noch ein Wort zu dem zuletzt veröffentlichen Beispiel der jungen Frau, in der ein lüsterndes Feuer brannte und sie verzehrte, wie Herr Tissot schreibt. Dieses Feuer entsteht aber nicht von selbst, es ist also nicht naturgegeben, sondern es entsteht durch ein zuvor ausschweifendes Sexualleben, in welcher Form auch immer dieses stattgefunden hat. Wie wir ja mittlerweise wissen, beginnt dieses Feuer bei vielen jungen Menschen oft sogar bereits vor der Pubertät an zu brennen, weil sie Opfer ihrer sinnlichen (erotischen) Begierde wurden. Dadurch nämlich erst wird dieser Feuer der Leidenschaft entzündet.

Dieses alles verzehrende Feuer hält auch nicht ewig an, sondern verlöscht irgendwann wieder. Wäre dieses Feuer naturgegeben, so müßten alle Menschen permanent darunter leiden. Die Wahrheit ist aber, daß kein Erleuchteter, kein verwirklichter Yogi oder Heiliger unter diesem Feuer leidet, weil er diese mächtige sexuelle Energie sublimiert, das heißt, in andere Bahnen umgelenkt hat, die ihm nun einen himmlischen inneren Frieden und ein permanent berauschen Gefühl der Seligkeit schenken, das man als Erleuchtung beschreibt.

Ich denke bei dem Fall der zuvor beschrieben jungen Frau tritt genau der Konflikt auf, den ich oben beschrieb. Wahrscheinlich wollte sie gar nicht enthaltsam leben, aber ihr schlechtes Gewissen, das selbstverständlich durch die allgemein anerkannten Moralvorstellungen beeinflusst wurde, hinderte sie daran, ihre erotischen Träume auszuleben. In diesem Fall wäre es vielleicht wirklich besser gewesen, sie hätte sich einen Partner gesucht. Schon der Heilige Paulus sagte in der Bibel in seinem ersten Brief an die christliche Gemeinde in der griechischen Hafenstadt Korinth: 1.Korinther 7,7-9: Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären, wie ich bin (nämlich keusch), aber jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so. Den Ledigen und Witwen sage ich: Es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie ich. Wenn sie sich aber nicht enthalten können, sollen sie heiraten; denn es ist besser, zu heiraten als sich in Begierde zu verzehren.“ Wenn man also enthaltsam lebt, dann sollte man das aus Einsicht und Überzeugung tun, denn sonst kann es zu innerlichen Konflikten kommen, die sich irgendwann auch gesundheitlich äußern können.

Einen sehr ähnlichen Fall habe ich vor kurzem gehabt. Eine Person sechsundzwanzig Jahre alt, die mit viel verliebter Neigung geboren [48], bleichwohl aber stets fest entschlossen war, allen deren Aufforderungen zu widerstehen, sonst aber durch angeerbte Nervenkrankheiten geschwächt war, verfiel in unfreiwillige Befleckungen, welche sie zuweilen dreißig bis vierzig mal am Tag hatte. Sie bekam nämlich für eine sehr kurze Zeit einen Krampf, auf den eine sehr geringe Ausleerung folgte. Diese beiden Ursachen, denen noch eine angeborener Fehler ihrer Leibesbeschaffenheit und die brünstige Andacht beitraten, richteten zu nach und nach zugrunde.

[48] Auch in diesem Fall geht Herr Tissot davon aus, daß die
„verliebte Neigung“, also das Feuer der sinnlichen Leidenschaft, angeboren ist. Dies ist aber nicht der Fall, denn das Feuer dieser Leidenschaft wird erst durch sinnliche Ausschweifungen enttfacht. Ist es einmal entfacht, dann ist es nur sehr schwer wieder zu löschen. So ähnlich ist es übrigens auch beim Drogenkonsum, oder allgemeiner gesagt, bei allen Süchten. Sie laufen alle nach einem ähnlichen Schema ab. Natürlich ist niemandem das Verlangen nach Drogen angeboren, aber ist man einmal in diese Falle getappt, dann setzen physiologische Veränderungen im Körper ein, die nach immer größeren und häufigeren Dosen der Droge verlangen. Und weil es so schwer ist, sich von dieser Sucht zu befreien, dauert eine normale Drogenkarierre etwa 15 Jahre.

Bei allen Süchten laufen im Belohnungssysten des Gehirns, ähnliche Prozesse ab. Hierbei scheint das lymbische System eine entscheidende Rolle zu spielen.
Es zeigt sich dabei, dass eine Suchtform über die Ausschüttung bestimmter Neurotransmitter wie Dopamin zu einer besonderen Sensibilisierung und Übererregbarkeit in diesen Teilen des Gehirns führt. Dadurch entstehen mit der Zeit Veränderungen und Fehlfunktionen des Belohnungssystems, die mit einer Abhängigkeitsentwicklung einhergehen.

Eine neuverheiratete Frau sagte bald nach ihrer Hochzeit zu ihrer Freundin:
„Ein junges Weibsbild, das einen alten Mann heiratet, täte besser, wenn es sich mit einem Stein am Hals in den Strom stürzte.“

Ich will ohne noch mehrere Schriftsteller anzuführen, nur noch des Herrn Gaubius gedenken, der die gar zu strenge Enthaltsamkeit ebenfalls in die Klasse der Ursachen von Krankheiten betrachtet.
„Es geschieht zwar selten“, sagt er, „daß sie Krankheiten nach sich zieht,

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indessen hat man doch sowohl bei geilen und samenreichen Männern als auch bei Frauen Krankheiten davon entstehen sehen“, die er hierauf nahmhaft machte. Man muß demnach deren Wirklichkeit nicht leugnen, aber man kann behaupten, daß sie selten sind, besonders in unserem Jahrhundert, welches das Jahrhundert der Schwachheit zu sein scheint, und man betrügt sich, wenn man ohne einen Unterschied zu machen, alle Krankheiten, die mannbaren Frauen [49] zustoßen, ihrer Enthaltsamkeit zuschreibt und ihnen die Ehe als das einzige Heilmittel dagegen anrät, denn oft verträgt es sich nicht mit ihren Umständen, und kann ihnen sogar schädlich sein, weil es das Bösartige, dass der Krankheit die Nahrung gibt, nicht nur nicht aus dem Wege räumen kann, sondern zu dem vorigen Übel noch die Beschwerlichkeiten einer Schwangerschaft und des Wochenbettes hinzufügt, wobei schwächliche Frauen sehr viel auszustehen haben. Ich wende mich wieder der Pollution zu.

[49] Mannbare Frauen sind enthaltsam lebende Frauen, die nach einem Mann, bzw. sexuellen Kontakten mit einem Mann, begehren.

§ 126

Man hat gesehen, daß die zuerst erwähnte Art der Pollution kein eigentliches Übel ist, weil sie bloß von einem Überfluß des Samens herrührt, dessen man sich dabei entledigt. Aber sie kann allerlei Unheil verursachen, weil sie sich womöglich selbst dann wieder einstellt, wenn kein Überfluß des Samens vorhanden ist. Ich habe bereits angemerkt, daß eine Samenentleerung zu einer erneuten Samenentleerung geneigt macht, denn die Macht der Gewohnheit ist so groß, daß die häufigere Samenentleerung die Wiederholung wahrscheinlicher macht, so daß sie durch die geringste Veranlassung auf's neue geschehen kann. Diese Anmerkung hat den großen Nutzen

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die tierische Ökonomie begreiflich zu machen, die, obwohl Galenus wie auch Herr Mary so vortrefflich darüber beschrieben haben, noch nicht vollständig genug abgehandelt wurde. Es entsteht daraus das Übel, daß die Ausleerungen auch dann erfolgen, wenn sie nicht nötig sind und kein Bedürfnis der Natur dazu vorhanden ist. Dann sind sie eine sehr verdrießliche Sache und führen die Gefahr mit sich, die mit einer durch andere Mittel verschafften übertriebenen Entleedigung verbunden sind. Satyrus Gropaloper, Einwohner zu Thasus (antike Stadt im Norden Griechenlands), hatte von seinem fünfundzwangzigsten Lebensjahr an sehr oft nächtliche Pollutionen. Bisweilen floß ihm der Samen auch am Tage aus. Daran starb er im dreißigsten Lebenjahr.

Herr Zimmermann schreibt mir von einem Mann, der ein unvergleichliches Genie hatte, aber durch die Pollutionen alle Lebhaftigkeit seines Geistes verloren hatte und dem Körper nach,

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sich in einem Zustand befand, der sich mit der im ersten Abschnitt (§ 2) gelieferten Beschreibung von Boerhave in allen Stücken übereinstimmte. Man hat gleich zu Anfang dieses Buches gesehen, was für schlimme Zufälle Herr Hoffmann nach den nächtlichen Befleckungen bemerkt hatte. Die gewöhnlichsten sind, sofern das Übel noch nicht allzu sehr überhand genommen hat, eine beständige Mattigkeit, die aber des Morgens an größten war und empfindliche Schmerzen um die Lenden herum. Man fragte mich vor einigen Jahren wegen eines Winzers um Rat, der fünfzig Jahre alt, sonst aber stark und von Kräften war. Seit drei oder vier Monaten aber war er durch nächtliche Befleckungen so erstaunlich geschwächt, daß er nicht länger als einige Stunden des Tages, oft aber ganz und gar nicht arbeiten konnte, weil er wegen deftiger Lendenschmerzen, nicht in der Lage war, aus dem Bett aufzustehen, wobei er von Tag zu Tag magerer wurde. Ich gab ihm einigen Rat. Ich weiß aber nicht, ob er ihn befolgt hat und wie die Wirkung davon war.

Ich habe einen Mann gekannt, der nach einem vernachlässigtem langwierigen Schnupfen taub geworden war. So oft er des Nachts eine unfreiwillige Befleckung hatte, war er am nächsten Tage noch tauber und befand sich dabei sehr übel. Ich kenne noch einen anderen, durch mehrere Ursachen geschwächten Mann, der nach jeder nächtlichen Befleckung mit einer so großen Entkräftung und einer allgemeinen Stockung der Säfte erwachte, daß er eine ganze Stunde lang wie gelähmt war und sich in vierundzwanzig Stunden kaum einigermaßen erholt hatte.

§ 127

In diese Klasse können wir auch die nächtlichen Befleckungen derjenigen setzen, die, nachdem sie vorher zu

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häufigeren Samenentleerungen (durch Onanie oder Beischlaf) gewohnt waren, sie dann aber ganz unterließen. Dergleichen waren die nächtlichen Befleckungen einer Frau, von der Galenus redet. Sie war seit einiger Zeit Witwe und die Zurückhaltung der Samenfeuchtigkeit zog ihr Mutterkrankheiten (Hysterie) zu. Sie hatte, wenn sie schlief krampfartige zuckende Bewegungen in den Lenden, Armen und Beinen, bei denen allemal eine Menge dicken Samens von sich ging. In diesem Augenblick hatte sie die Empfindung eines wirklichen Beischlafes (Orgasmus).

Eine Tänzerin bekam durch einen Zufall eine leichte Wunde an der linken Brust. Der Wundarzt schrieb ihr eine ziemlich strenge Lebensordnung vor und verbot ihr die Ergötzungen, die sie sonst sehr oft zu genießen pflegte. In der dritten Nacht dieser Beraubung (Enthaltsamkeit), der sie sich unterwarf, wobei sie aber die Zurückhaltung beim Essen und Trinken nicht beachtete, bekam sie eine Pollution (Samenerguß), die später jede Nacht verschiedene Male erfolgte. Hiervon wurde sie zusehends mager und sie klagte über grausame Schmerzen in den Lenden. Die Wunde in der Brust heilte gut und wäre völlig zugeheilt, wenn sie sich beim Essen und Trinken vernünftig verhalten hätte. Der Wundarzt blieb fest bei seinem Satz und erneuerte beständig sein Verbot, öffnete ihr die Ader und gab ihr eine Purganz (Abführmittel) ein. Sie fühlte sich dadurch dermaßen entkräftet, daß sie aus Verdruß alle Mittel beiseite setzte und ihre vorige Lebensart wieder anfing. Darauf wurde sie ihre Schwachheit und ihre Schmerzen sehr geschwind los.

Man hüte sich aber aus dieser Bemerkung den Schluß zu ziehen, daß den Verwundeten der Beischlaf auf's Strengste untersagt sei. Es wird nicht leicht, einen Arzt zu finden, der nicht Gelegenheit gehabt hätte

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sich selbst zu überzeugen, wie sehr der Beischlaf des Verwundeten schädlich sei. Ich will unter so vielen Beispielen nur ein einziges aus dem Fabricius Hildanus anführen, bei dem die Selbstbefleckung tödlich endete. Cosinus Slotanus hat einem jungen Mann die Hand abgenommen, die durch einen Schuß verletzt worden war. Da er ihn schon vorher als einen feurigen Ehegatten kannte, verbot er ihm alle intimen Beisammensein mit seiner Frau, die er ebenfalls über die Gefahr unterrichtete. Alle bedenklichen Zufälle waren schon vorbei und die Heilung lief gut an, als der Kranke Begierden empfand, die seine Frau nicht befriedigen wollte. Er verschaffte sich also eine Entledigung des Samens, ohne daß seine Frau ihm beiwohnte (er onanierte), bekam aber sogleich darauf ein Fieber, seine Sinne waren verwirrt, er bekam Zuckungen und andere gewaltsame Zufälle, an denen er nach vier Tagen starb. [50]

[50] Bei mir schleicht sich irgendwie das Gefühl ein, Tissot bringt die nächtlichen Pollutionen vorwiegend mit irgendwelchen Krankheiten oder Verletzungen in Verbindung, um dann am Ende darauf hinzuweisen, daß man diese Pollutionen durch einen geregelten Geschlechtsverkehr verhindern sollte. Tatsache ist aber, daß Pollutionen normalerweise keine dramatischen Folgen zeigen, sondern lediglich eine Entleerung überschüßiger Sexualsekrete ist (etwa 50 bis 80 Prozent des Ejakulats besteht aus der Drüsenflüssigkeit der Samenbläschen, 10 bis 30 Prozent stammen von der Prostata und nur 5 Prozent des Samens sind Spermien, der Rest kommt von den Cowperschen- und Littre-Drüsen, sowie von den Samenleiterampullen)

Außerdem möchte ich darauf hinweisen, daß verschieden Yogis, die selbstverständlich enthaltsam leben, sagen, daß der verwirklichte Yogi keinerlei Pollutionen mehr hat und daß das Sperma vollständig über den Blutkreislauf den Nerven und dem Gehirn zur Verfügung gestellt werden. Ob diese Behauptung richtig ist, kann ich allerdings nicht beantworten. Ich wollte diesen Hinweis nur der Vollständigkeit halber erwähnen.

Ich habe einen jungen Mann gesehen, der durch einen unvorsichtigen Sprung aus einem halboffenen Wagen einen Fall auf die Seite tat. Ein Hinterrad fuhr ihm zwischen der Ferse und dem Knöchel
über den Fuß und verursachte weder einen Bruch, noch eine Verrenkung, sondern nur eine starke Quetschung. Nach Verlauf von fünf Tagen, als er sich schon wieder auf dem Wege der Besserung befand, benahm er sich gegenüber seiner Frau, als ob ihm nichts widerfahren wäre (er schlief mit ihr). Zwei Stunden später schwoll das ganze Bein, er bekam unsägliche Schmerzen und ein heftiges Fieber, das beinahe dreißig Stunden anhielt. Doch wir wollen wieder auf unsere Materie zurückkommen.

§ 128

Aus dem, was ich zu Anfang dieses Abschnittes (§ 123) von der verbindung zwischen den Träumen

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und den Gedanken, mit welchen die Seele sich den Tag über beschäftigt hat, gesagt habe, läßt sich erklären, warum die Selbstbeflecher den nächtlichen Befleckungen so sehr unterworfen sind. Ihre Seele, die sich den ganzen Tag mit geilen Gedanken befaßt, beschäftigt sich des Nachts mit denselben Gedanken und durch die wollüstigen Träume erfolgt eine Erschütterung (Samenentleerung), die allemal dann erfolgt, wenn die Sexualorgane einen gewissen Grad an Reizbarkeit erfahren haben.

§ 129

Es ist viel daran gelegen, beizeiten vorzubeugen, daß diese erotischen Gedanken nicht zur Gewohnheit werden und daß man die nächtlichen Befleckungen, was auch immer ihre Ursache sein mag, nicht zu sehr überhand nehmen lasse. Wenn sie lange Zeit angedauert haben, so sind sie sehr schwer wieder zu vertreiben.
„Keine Krankheit“, sagt Herr Hoffmann, „nimmt die Kranken mehr mit und macht den Ärzten mehr zu schaffen, als die nächtlichen Befleckungen, wenn sie lange angedauert haben und zur Gewohnheit geworden sind. Besonders wenn sie täglich wieder kommen. Man gebraucht in solchen Fällen die besten Mittel vergeblich dagegen und oft tun sie mehr Schaden als Nutzen.“

Alle Ärzte, die von dieser Krankheit geschrieben haben, bezeugen, daß deren Heilung sehr schwer ist. Alle Ärzte, die die Gelegenheit gehabt haben, diese Krankheit zu behandeln, haben die damit verknüpften Schwierigkeiten selbst gewahr geworden. Hierüber darf man sich gar nicht wundern. Denn wenn es nicht gelingt, den Gefäßen ihre Stärke zurückzugeben, und in der Zeit, die zwischen zwei Pollutionen vergeht, die Reizbarkeit zu vermindern,

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was beinahe unmöglich ist [51], oder sofern man, was ebenso schwer ist, nicht auf einmal verhindern kann, daß sich keine wollüstigen Träume mehr einstellen, so kann man versichert sein, daß die Pollutionen wiederkommen und fast alle Fortschritte, die die Medikamente bewirkt haben, wieder zunichte machen. Folglich kann man von einer Pollution zur anderen nur unendlich wenig an der Besserung gewinnen, und es verstreicht eine lange Zeit, ehe man von dem fortgebrauchten Mittel (von der eingenommen Arznei, bzw. von der angewendeten Kur) eine merkliche Wirkung verspüren kann.

[51] Wenn man sich längere Zeit, über Monate oder gar Jahre tagtäglich mit erotischen Gedanken beschäftigt hat, dann isr es sehr schwer die stets wiederkehrenden erotischen Fantasien zu vertreiben. Man muß es lernen, jeden erotischen Gedanken sofort wieder zu vertreiben. Man darf sich nicht darauf einlassen, sondern muß seine Gedanken sofort von diesen Fantasien abziehen. Oft gerät man in die Versuchung, diesen Gedanken nachzugehen und sagt sich im Stillen, ich werde diese eotischen Fantasien genießen, aber ich werde nicht onanieren. Das mag auch ein oder zweimal gut gehen. Aber spätestens beim dritten Mal ist man wieder der Verlierer. Und dann fühlt man sich mies und elend und ärgert sich, daß man sich überhaupt darauf eingelassen hat.

Dieses sind ganz normale Phasen, falls man sich entschließt enthaltsam zu leben oder falls man sich entschließt, zurückhaltender in seinen Ausschweifungen zu sein. Man darf allerdings nicht den Fehler machen, daß man durch diese Niederlagen resigniert, sondern sie sollten Ansporn sein, es beim nächsten Mal besser zu machen. Man muß sich also nach diesen Niderlagen immer wieder aufrappeln und erneut zum Kampf antreten. Und irgendwann hat man es gelernt, jeden erotischen Gedanken sofort zu vertreiben.

Dies ist ein Lernprozeß, der durchaus einige Monate oder auch Jahre andauern kann. Das hört sich jetzt etwas niederschmetternd an, die Alternative hierzu ist allerdings, daß man sein ganzes Leben lang leidet und niemals erfährt, was Seligkeit wirklich bedeutet. Was dem Körper an physilogischen Schäden durch permante sexuelle Auschweifungen über Jahre oder Jahrzehnte zugefügt wurde, läßt sich eben nicht von heute auf morgen heilen. Dazu braucht man Mut, Kraft und Geduld, um diesen langen Weg zu beschreiten. Aber ich möchte jeden sagen, es lohnt sich diesen Weg zu beschreiten, denn der Preis ist eine himmlische Seligkeit, die man gerne als Erleuchtung bezeichnet.

Der erste Sieg ist errungen, wenn keinerlei erotische Gedanken mehr auftreten. Wenn ich davon spreche, daß keinerlei erotische Gedanken mehr auftreten, so ist das allerdings nicht ganz richtig. Es gibt immer wieder Momente, in denen sie sich zu Wort melden. Sie sind zwar selten, aber sie können auch sehr heftig sein. Dann hilft eben nur die alte Taktik, daß man diese Fantasien sofort vertreibt. Es ist allerdings auch so, daß irgendwann alle erotischen Gedanken verschwinden, bis auf diese kleinen Ausnahmen, so daß man überhaupt nicht mehr an die Sexualität denkt. Ich habe diese Erfahrung, weil ich früher auch sehr von erotischen Fantasien geplagt wurde, als eine große Befreiung empfunden. Das sinnliche (erotische) Begehren wird uns also nicht in die Wiege gelegt, sondern es entsteht erst durch unsere Fixierung auf die Sexualität. Die erotische Begierde ist also nicht naturgegeben, sondern sie ist das Resultat unserer sexuellen Orientierung, unseres sexuellen Verhaltens.

Kein verwirklichter Yogi oder christlicher Heiliger hat auch nur das geringste Interesse an erotischen  Kontakten. Sie haben etwas viel, viel schöneres gefunden, nämlich eine Seligkeit, die mit Worten nicht zu beschreiben ist. Dies ist der eigentlich Grund unseres Daseins. Wir sind geboren, um ein Leben in Seligkeit zu leben. Aber mit jedem Orgasmus zerstören wir genau diese Seligkeit Stück für Stück. Und weil der Orgasmus uns, wenn auch nur für Sekunden, ein Gefühl dieser Seligkeit vermittelt, rennen wir pausenlos dem Sex hinterher. Würden wir diese sexuelle Energie bewahren und sie in
„spirituelle“ bzw. biologische oder physiologische Bahnen lenken, so würden wir etwas finden, das tausendmal schöner ist als Sexualität, nämlich einen permanent himmlischen Frieden und eine Seligkeit, nach der wir uns immer gesehnt haben. Genau dies sind die Lehren, die Buddha, Jesus und alle Heiligen und Yogis uns gelehrt haben. Wir aber verschließen vor ihren worten die Ohren. Wir wollen sie nicht hören, weil wir Sklaven unserer sinnlichen Begierden sind.

Entschließt man sich enthaltsam zu leben, dann sollte man auch sehr auch eine gesunde Ernährung achten. Die Yogis sagen, daß man möglichst kein Fleisch essen sollte, daß man scharfe Gewürze, Knoblauch und Zwiebeln möglichst meiden sollte, denn sie schüren das Feuer der Leidenschaften. Mit dem Salz sollte man ein wenig sparsam umgehen.

§ 130

Cälius Aurelianos hat das Beste von dem, was die Alten von der Kur gesagt haben, kurz zusammen gefasst. Er will:

1. Daß sich der Kranke, so viel wie immer möglich ist, aller unzüchtigen Gedanken enthalte.

2. Daß sein Bett aus einem harten und kühlenden Material besteht, daß er seine Lenden mit einer dünnen Platte aus Blei belege, daß er alle Körperteile, die von der Krankheit betroffen sind, mit Wasser und Essig durchtränkten Schwämmen oder andere kühlende Dinge belege, wie etwa Granatenblüten (die Blüten vom Grantapfelbaum, Flores Balaustiorum), Saft von Schottendorn (Succus Acaziae) oder Schlehensaft, Kisten Rösleinkraut (Kistenröhren) oder Wickensaft (Hypocistidis succus) und Flohsaatschleim (Semen Psyllii).

3. Daß er lauter kühlende und anhaltende Speisen und Getränke genieße.

4.
Er rät ihm auch stärkende Arzneimittel

5. den Gebrauch kalter Bäder

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6. und daß er nie auf dem Rücken, sondern auf der Seite oder auf dem Bauch liege.

Dieser Rat enthält viel Heilsames. Wir wollen aber noch etwas genauer untersuchen, worauf es bei dieser Kur eigentlich ankommt. Das Entscheidende ist, daß man die Menge des Samens vermindert und versucht, die (erotischen) Träume abzuhalten.

Diesen doppelten Zweck erhält man weit leichter, durch ein gebührendes Verhalten im Essen und Trinken und durch Beachtung der allgemeinen Lebensführung, als durch viele Arzneimittel.

Die zuträglichsten Speisen sind die aus dem Gewächshaus (Gemüse), die Feld und Gartengewächse, sowie die Sommer und Herbstfrüchte. Unter den verschiedenen Arten von Fleisch ist dasjenige am dienlichsten, welches am wenigsten Nahrung gibt. Aus beiden Klassen von Speisen muß man diejenigen wählen, die keine Schärfe mit sich führen. Wir haben schon oben (§ 93) gesehen, was diese Lebensführung für einen Einfluß auf einen ruhigen Schlaf habt, und man kann sie denen, die mit nächtlichen Befleckungen geplagt sind, nicht genug empfehlen, weil eben ihnen ein ruhiger Schlaf so sehr nötig ist.. Insbesondere sollten sie der Abendmahlzeit entsagen oder nur sehr wenig zu Abend essen. Die Befolgung dieses einzigen Rates, wird zu ihrer Genesung mehr beitragen, als alle Arzneien.

Ich habe vor einigen Jahren einen jungen Mann in der Kur gehabt, der fast jede Nacht eine unfreiwillige Befleckung bekam und der auch schon einige Anfälle von Alpdrücken (Schlafstörungen verbunden mit Alpträumen) hatte. Ein Barbier (Friseur) riet ihm, er solle vor dem Schlafengehen etliche Gläser warmes Wasser trinken. Aber die Pollutionen nahmen nicht ab und das Übel wurde noch schlimmer. Beide Zufälle (Befleckung und Alpträume) verbanden sich und kamen jede Nacht wieder.

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In seinen (Alp-)Träumen hatte er die Vorstellung von einer Frau, die zugleich die nächtliche Befleckung veranlasste. Geschwächt durch dieses doppelte Übel und durch die Beraubung eines ruhigen Schlafes, war er einer Auszehrung ganz nahe. Ich verordnete ihm des Abends nur ein wenig Brot und rohe Früchte, und zwar bei guter Zeit (nicht zu spät) zu essen und vor dem Schlafengehen ein Glas frisches Brunnenwasser mit fünfzehn Tropfen Hoffmanns schmerzstillendem mineralischen Likör, zu trinken. Hierdurch gelangte er in kurzer Zeit zu einem ruhigen Schlaf. Beide Übel hörten gänzlich auf und er kam bald wieder zu Kräften.


Schwer verdauliches Fleisch, alles schwarze Fleisch von grobem Wildbret (Hirsch, Reh, Wildschwein, Hase, Fasan, Rebhuhn, Wildente) und dergleichen, insbesondere Abends, ist für diese Krankheit das wahre Gift. Und ich wiederhole es: Wenn man sich Abends nicht des starken Essens, insbesondere des Fleisches, enhält, so sind alle anderen Arzneien nicht von geringstem Nutzen. Wein, abgezogene (geistige) Wässer [52] (Spirituosen) und Kaffee sind aus verschiedenen Ursachen schädlich. Das beste Getränk ist reines Wasser, in welchem man auf jedes Pfund ein halbes Quentchen Salpeter auflösen kann. Einen Kranken aber habe ich gesehen, dem der Salpeter nicht dienlich war, indem er häufigere nächtliche Befleckungen davon bekam. Ich legte die Schuld dieser Wirkung auf zwei Ursachen: Erstens, weil dieser Kranke ungemein schlechte Nerven hatte. Bei solchen Personen wirkt der Salpeter wie ein reizendes Mittel. Zweitens mußte er sehr viel Wasser danach lassen. Die Urinblase füllte sich des Nachts schneller auf, und man weiß, daß die Spannung der Blase eine der häufigsten Ursachen für die nächtliche Befleckung ist.

[52]
Als ätherisches Wasser, abgezogenes oder aromatisches Wasser bezeichnet man destilliertes Wasser, dem ätherische Öle zugesetzt werden. Sie finden in der Medizin, Parfümerie und Likörfabrikation Anwendung. Die Herstellung von Orangenblüten-, Rosen-, Bittermandel- und Kirschlorbeerwasser bildet im südlichen Frankreich wie auch in einem Teil Sardiniens einen wichtigen Industriezweig.

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Die Regel die Colius gibt, in keinem weichen Bett zu schlafen, ist von der größten Wichtigkeit. Es müssen durchaus keine Federn in dem Bett sein. Stroh wäre hierzu weit besser als Pferdehaare. Ich habe Kranke gesehen, die sich wohl fühlten, wenn die Matratze mit einem ledernen Überzug bedeckt war. Der Rat, nicht auf dem Rücken zu liegen, ist ebenfalls nötig. Diese Lage ist darum schädlich, weil sie viel dazu beiträgt, den Schlaf unruhig zu machen und weil sie die Geschlechtsorgane mehr erhitzt.

Da auch die Gewohnheit einen sehr großen Einfluß hat, und viel daran gelegen ist, sie zu brechen, so wird folgende Bemerkung ein Mittel an die Hand geben, wie man diesen Zweck erreichen kann. Sie ist mir von einem Italiener mitgeteilt worden, der durch seine Tugenden ehrwürdig und einer der vortrefflichsten Männer ist, die ich in meinem Leben gekannt habe. Er zog mich wegen einer Krankheit zu Rate, welche von der, die ich hier abhandle, sehr unterschieden war. Damit er mich aber vollkommen belehren möchte, erzählte er mir die ganze Geschichte seiner Gesundheit. Fünf Jahre vorher hatte er häufiger Probleme mit nächtlichen Befleckungen, die seine Kräfte ganz erschöpften. Deswegen faßte er an einem Abend den festen Vorsatz, daß er in demselben Augenblick, wo ihm seine Einbildungskraft (im Traum) das Bild einer Frau darstellen würde, erwachen wollte. Mit dieser Vorstellung beschäftigte er sich bevor er einschlief. Dieses Mittel hatte den glücklichsten Erfolg.

Die an dem vorhergehenden Abend verbundenen Gedanken an eine Frau, sowie von der Gefahr der Pollution, und von dem Willen zu erwachen, stellten sich ihm, mitten im Schlaf, in demselben Augenblick wieder ein, in dem er von einer Frau träumte. So erwachte er zur rechten Zeit.

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Nachdem er verschiedene Abende hintereinander diese Vorsicht wiederholt hatte, blieben die Pollutionen gänzlich aus.

Es müssen aber diese beiden letzteren Fälle niemand zur Sicherheit verleiten, denn es gibt Fälle, wo die besten Mittel nicht anschlagen (helfen). Derjenige Fall, von dem Hofmann erzählt, gibt ein Beispiel davon. Man muß dem Patienten vor allen Dingen die Lehre geben, die er dem seinigen gab, nämlich, daß man mit den besten Arzneimitteln nichts ausrichten und keine merkliche Besserung erzielen kann, wenn man die vorgeschriebene Lebensordnung nicht auf's sorgfältigste befolgt. Arzneimittel und Lebensführung müssen auf einen Zweck ausgerichtet sein. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich gesehen, daß dieses Übel durch einen ziemlich starken Aderlaß behoben wurde. Pulver aus Salpeter, Limonade, säuerlicher Spiritus und Mandelmilch können ebenfalls dienlich sein.

Hofmann verschrieb einem Pateienten, der, nachdem er der Selbstbefleckung entsagte, häufigere Polutionen bekommen hatte, folgendes Pulver:

Rec. C. C. Philosopice praeparati
Ossis sepiae
Succini cum installitoneolei? ??? pes? deliqu....
Cascarill.

Das Rezept kann man nur sehr schlecht lesen (Seite 239). Darum die Fragezeichen.

Davon sollte er jeden Abend 1 Quentin mit Schwarzkirschwasser einnehmen, morgens aber Selterwasser mit Milch und zwischendurch eine Tisane (einen Kräutertee) aus Sandelholz, Chinawurzel, Wegwartwurzeln, Scorzoner (Schwarzwurzel) und Zimt trinken. Mit Hilfe dieser Mittel und einer guten Lebensführung gelangte der Kranke in wenigen Wochen zu einer guten Genesung. Herr Zimmermann hat mit diesem Pulver einen jungen Menschen von 21 Jahren kuriert, „der seit mehreren Jahren sehr häufig Pollutionen hatte, wobei er jedesmal in eine große Mattigkeit verfiel.“ Es läßt sich nicht so leicht erklären, wie dieses Pulver, welches im Grunde nur ein absorbierendes (aufnehmendes, aufsaugendes) Mittel ist, so gute Wirkung zeigt. Dergleichen habe ich auch vom Kampfer gesehen.

Eine andere Art der Pollution ist die, die sich bei Hypochondrikern (Depressiven) ereignet. Bei ihnen geht der Umlauf des Blutes zu langsam vostatten, besonders in den Blutadern des Unterleibes. Dabei sind die Teile, aus denen sie das Blut zurückführen, oft über die Gebühr damit angehäuft. Die Nerven sind leicht in Bewegung gebracht (sind sehr leicht reizbar). Ihre Säfte haben eine Schärfe an sich, die dazu neigt, einen Reiz hervorzubringen. Ihr Schlaf wird normalerweise durch Träume beunruhigt. Dies sind lauter Ursachen von Pollutionen. Daher sind solche Personen überaus oft davon geplagt.
„Die Einbildungskraft“, sagt Boerhave, „lockt oft im Schlaf den Samen hervor. Die fleißigsten Gelehrten und Milzsüchtigen (Schwermütigen, Depressiven) sind diesen Zufällen (dieser Erkrankung) unterworfen. Das Ausfließen des Samens ist oft so beträchtlich bei ihnen, daß sie die Dürrsucht bekommen (abmagern).“ Diese Krankheit hat für sie so schlimme Folgen, weil sie für jede Ausschweifung, die sie begehen, auf's empfindlichste büßen müssen. Flemming hat dies wie folgt ausgedrückt:

Non veneri crebro licet unquam impune litare.

Hier kommt es bei der Kur darauf an, daß man die Hauptkrankheit behandelt. Den Anfang macht man damit, daß man die Verstopfung der Blutgefäße behebt. Danach verordnet man kalte Bäder und die heilsame (China-)Rinde, die uns Gott erhalten möge. Zuweilen kann man zu diesen beiden kräftigen Mitteln auch das Eisen (eisenhaltiges Mineralwasser) hinzufügen. Wenn eine sorgfältige Wahl der Speisen nötig ist, so ist sie es besonders in diesem Fall. Bei hypochondrischen Personen geht normalerweise die Verdauung schlecht vonstatten. Schlecht verdaute Speisen aber verursachen Blähungen, welche, da sie den Umlauf des Blutes stören, auf zweierlei Art die Pollutionen befördern:

1. Indem sie den Rücklauf des Blutes in die Blutadern der Geschlechtsorgane beschwerlich machen.

2. Indem sie die Ruhe des Schlafes unterbrechen und deswegen Träume verursachen.

Man kann hieraus die Ursache erkennen, warum Pythagoras seinen Schülern den Genuß aller blähenden Speisen verboten hatte, da er in diesen Speisen den Grund darin sah, daß sie sowohl für die Reinheit der Seele, als auch für die Keuschheit nachteilig wären. Außer den bereits zwei angeführten Gründen möchte ich es wagen, einen dritten Grund hinzuzufügen. Ich habe einen Grund, zu vermuten, daß bei etlichen meiner Patienten eine Ausspannung (ein Aufblähen), der von anderen Flüßigkeiten befreiten Luft in den hohlen Teilen des Körpers (in corporibus cavernosis), stattgefunden hat, wodurch eine Erektion und ein venerischer (erotischer) Kitzel veranlaßt wurde. Es ist bekannt, daß alle unsere Säfte von dieser Luft durchschwängert sind, welche aber, solange diese vollkommen gesund sind, gleichsam darin eingesperrt und aller ausdehnenden Kraft beraubt sind.


Große Naturkundige haben geglaubt, daß es nur zwei Mittel gibt, der Luft ihre verlorene Elastizität zurückzugeben. Diese wären:

1. Ein größerer Grad der Wärme, als derjenige, den man bei tierischen Körpern wahrnimmt.

2. Die Fäulung

Aber eine Menge von Beobachtungen, die man bei Krankheiten, die von einer solchen ausgespannten (ausgedehnten) Luft entstanden sind, angestellt hat, haben bewiesen, daß es, außer den erstgemeldeten Ursachen noch andere in den Säften vorgehende nachteilige Veränderungen gibt, die dieselbe Wirkung hervorbringen können. Es scheint, daß diese Veränderungen sich bei hypochondrischen Personen häufiger ereignen. Also ist es kein Wunder, daß die hohlen Körper der eigentliche Sitz dieser fehlerhaften Entwicklung der Luft sind. Es gibt keinen anderen Teil, wo diese Entwicklung ebenso leicht stattfindet, wie hier. Wenn man dieses nicht eher bemerkt hat, so liegt die Schuld wahrscheinlich mehr an den Beobachtern als an den Beobachtungen.

Diese geben zur Genüge zu erkennen, daß es nötig ist, solche Speisen zu vermeiden, die, da sie eine größere Quantität Luft als andere in sich halten, sowohl durch diejenige Luft, die sich in den ersten Wegen davon absondert, als auch durch diejenige, die sie dem Blut zuführen, Schaden anrichten. Jederman weiß, daß das frische Bier, welches im höchsten Maße blähend ist, gewaltige Erektionen verursacht. Ich habe seit der letzten Ausgabe dieses Werkes gesehen, daß Herr Thiery, der zu den gelehrtesten Ärzten und berühmtesten Practicos von Frankreich gehört,

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diese von Blähungen herrührenden Erektionen sehr wohl erkannt hat.

§ 132

Hierzu kann man auch eine gewisse Krankheit rechnen, die mit der letzten Art der nächtlichen Befleckung etwas ähnliches hat und ebenso wie diese vornehmlich schwermütige (melancholische) Personen angreift. Ich meine diejenige Krankheit, die man die Wut der männlichen Zeugungsglieder (furor genitalis) nennen könnte. Sie ist von der Narrsucht der männlichen Zeugungsrute (Priapismus = Dauererektion) und der unersättlichen Geilheit (Satyriasis = krankhaft gesteigerter männlicher Geschlechtstrieb) unterschieden. Ich will sie durch eine Beobachtung kenntlich machen, die ich schon der ersten lateinischen Ausgabe dieses Werkes einverleibte, in der französischen Ausgabe aber weggelassen habe.

Ein fünfzigjähriger Mann war schon über vierundzwanzig Jahre mit dieser Krankheit behaftet und in dieser langen Zeit mußte er alle vierundzwanzig Stunden mit einer Frau schlafen, oder in deren Ermangelung, sich selbst Erleichterung verschaffen. Normalerweise trieb er dieses Spiel mehr als einmal am Tag. Der Same war hell, scharf und unfruchtbar und die Ausspritzung erfolgte sehr geschwind. Seine Nerven waren äußerst geschwächt, seine Seelenkräfte ganz stumpf. Er hatte gewaltige Anfälle von Schwermut (Melancholie) und Milzsucht (Hypochondrie) [53], ein sehr hartes Gehör (er hörte schlecht), ein überaus blödes Gesicht und ist im traurigsten Zustand gestorben. Ich habe ihm niemals Arzneien verordnet, denn er hatte davon schon eine große Menge eingenommen. Verschiedene hatten gar nicht gewirkt. Die Arzneien die hitzig waren haben ihm geschadet. Nur von der Chinarinde mit Wein, die ihm von Herr Albinus verordnet wurde, hat er eine Linderung verspürt.

[53] Unter der Hypochondrie versteht man eine somatische Störung, bei der die Patienten unter der Angst leiden, eine ernsthafte Erkrankung zu haben.

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Die Autorität dieses großen Arztes ist ein neues ehrwürdiges Zeugnis für die Güte dieses Mittels. Man findet unter Hofmanns medizinischen Gutachten einen Fall, der mit dem gegenwärtigen vieles gemeinsam hat. Der venerische Kitzel (die erotische Begierde) hielt fast beständig an und Leib und Seele waren gleichmäßig geschwächt.



2. Abschnitt: Einfacher Samenfluß (Gonorrhoea simplex)     Top

§ 133

(Die Gonorrhoe, auch Gonorrhö, altgriechisch: γονόρροια (gonórrhoia), wörtlich „Samenfluss“, umgangssprachlich auch als Tripper, entlehnt aus dem niederländischen druipert (drippen = „in Tropfen herabfallen“), bezeichnet, ist eine der häufigsten sexuell übertragbaren Erkrankungen.)

Der Tripper, sagt Galenus, der nur den einfachen kannte, „ist ein Ausfließen des Samens ohne Steifigkeit des Zeugungsgliedes.“ Viele Schriftsteller aus allen Jahrhunderten erwähnen denselben, auch Moses, als der älteste unter ihnen. Man findet in den Bemerkungen des Hippokrates das Beispiel eines Mannes aus dem Gebirge, dessen Krankheit wahrscheinlich eine Dörrsucht (Marasmus) [54] gewesen ist und dem gegen seinen Willen der Harn und der Same auslief. Herr Boerhaave scheint jedoch diese Krankheit unter die zweifelhaften Dinge zu setzen. „Man liest“, sagt er, „in einigen über die Arztkunst geschriebenen Büchern, daß bisweilen der Same ausgeflossen sei, ohne daß man es bemerkt habe. Aber diese Krankheit muß sehr selten sein. Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, daß der Same jemals ohnen einen Kitzel abgeht oder es müßte kein rechter in den Geilen (Hoden) abgeschiedener und in den Samenbläschen angehäufter Same gewesen sein [11], obgleich

[54]
Als Marasmus bezeichnet man einen Protein- und Energiemangel, der zum Abbau aller Energie- und Eiweißreserven führt. Marasmus tritt auf, wenn ein Mensch unter genereller Unterernährung, also Mangel an Eiweißen, Fetten und Kohlenhydraten, leidet. Die Krankheit tritt in nicht-industrialisierten Ländern häufig auf. Sie trifft insbesondere Kinder, sobald sie von der Muttermilch entwöhnt werden und dann auf Nahrung angewiesen sind, die ihnen nicht genug Energie zur Verfügung stellt.

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ich die Feuchtigkeit der Samendrüse (Prostata) ohne Empfindung habe ausfließen sehen.“ Dieser Ausspruch des großen Boerhaave verdient zwar alle Achtung, aber außerdem, daß er in der angeführten Stelle nicht entscheidend spricht, so hat er, in Ansehung dieser Meinung, alle Ärzte gegen sich, selbst die, die in seiner eigenen Schule ausgebildet wurden, von denen ich jetzt nur einen seiner erleuchtetsten Schüler, den berühmten Gaubius nennen will, der die Samenentledigung ohne Empfindung zugibt. Auch mich lassen meine eigenen Wahrnehmungen an der Wirklichkeit sowohl der einen, als auch der anderen Krankheit nicht zweifeln.

Ich habe Männer gesehen, die nach einem giftigen Samenfluß (gonorrhoea virulente) oder nach begangenen Liebesausschweifungen, oder nach häufigeren Selbstbefleckungen, einen beständigen Ausfluß aus der Rute hatten, der sie aber weder zu der Aufrichtung des Gliedes, noch zur Ausspritzung des Samens untüchtig machte. Sie klagten sogar, daß eine einzige Ausspritzung sie mehr ermatte, als ein etliche Wochen lang anhaltendes Abfließen, welches offenbar beweißt, daß die Feuchtigkeit, die bei diesen beiden Ausleerungen abgeht, nicht dieselbe ist und daß diejenige, die durch den Tripper abfließt nur aus der Samendrüse (Prostata), aus einigen anderen Drüsen, die die Harnröhre umgeben (Samenleiterampulle, Samenbläschen, Cowpersche Drüse, Littre Drüsen), die die Harnröhre umgeben, aus den schwammigen Höhlen (Blasbälgen), die sich längst derselben (der Harnröhre) verbreiten (folliculi), sowie aus den erweiterten Ausdünstungsgefäßen kommt.

Wiederum habe ich andere Personen gesehen, die ebenso wie die ersten einen unaufhörlichen Abfluß aus der Rute (aus dem Glied) hatten, der sie weit mehr als die ersten ermattete. Sie empfanden keinerlei Liebeskitzel. Sie waren auch nicht zur Aufrichtung des Gliedes fähig. Damit waren sie auch zur Ausspritzung des Samens unfähig, obgleich die Hoden nicht unfähig zu sein

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schienen, ihre Geschäfte zu verrichten (Spermien zu produzieren). Es scheint mir erwiesen zu sein, daß bei diesen letzteren der wahre Hodensamen (Spermien) abgeflossen ist, ohne daß sie eine Empfindung dabei gehabt haben. Wenn man die Anatomie der Geschlechtsorgane kennt, so wird man zwar einsehen, daß die erstere Krankheit (Ausfluß aus der Prostata und aus den die Harnröhre umgebenden Drüsen, ohne Spermienausfluß) viel gemeiner (häufiger) sein müsse als die letztere (Spermienausfluß), aber man wird auch die Wirklichkeit der letzteren leicht begreifen. Schriftsteller, die auf einen richtigen Ausdruck wert legen, geben denjenigen Tripper, bei dem sie die ausfließende Materie für wahren Samen halten, den wahren Samenfluß (gonorrhoea vera). Dem Ausfluß der anderen Art aber geben sie den Namen der unechten oder flußhaften Gonorrhoea (Gonorrhoea spuria fivo catarrhalis = Syphilis?)


§ 134

Dieser Ausfluß ist mit keiner geringen Gefahr verknüpft. Man kann schon im ersten Abschnitt (§ 1) sehen, was Aretäus für eine Beschreibung davon abgibt.
„Wie sollte man“, fährt er an derselben Stelle fort, „nicht schwach werden müssen, wenn das, was die eigentliche Kraft des Lebens ausmacht, unaufhörlich weggeht? Nur in dem Samen besteht des Mannes Stärke.“ Celsus, der vor Aretäus lebte, sagte ausdrücklich, daß ein Samenabfluß der ohne wollüstige Empfindung geschieht, leicht die Auszehrung nach sich zieht. Johannes (Johannes der Täufer, der auch Jesus taufte), des Zacharias Sohn, der unter dem Namen Actuarius bekannt ist, hat in einem Werk, das er für den Abgesandten schrieb, den der Kaiser von Konstantinopel

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nach Norden schickte, dieselbe Meinung geäußert, wie die vorhin erwähnten Schriftsteller:
„Wenn“, sagt er, „ein Ausfluß des Samens, der ohne Steifigkeit und ohne Empfindung vor sich geht, einige Zeit anhält, so folgt notwendigerweise die Zehrung und der Tod, weil der balsamische Teil der Säfte und die Lebensgeister zerstreut werden.“

Die neuesten Schriftsteller denken in diesem Punkt wie die alten:
„Man wird am ganzen Körper mager, sagt Sennert, insbesondere am Rücken. Man trocknet aus, wird blaß, schwach und matt. Man bekommt Lendenschmerzen. Die Augen fallen ein.“ Boerhaave zählt die Gonorrhoe mit zu den Ursachen der Lähmung, und man wird finden, daß er an dieser Stelle die Gonorrhoe, bei der der wahre Same abfließt, zugibt: „Die Lähmung, die vom Samenfluß herkommt“, sagt er, „ist unheilbar, weil der Körper erschöpft ist.“ Man findet in einer Dissertation des Herrn Römpf sehr wichtige Anmerkungen über diese Materie.

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§ 135

Diese Krankheit kann von verschiedenen Ursachen herrühren. Die nächste (naheliegenste) Ursache ist fast allemal (jedesmal) ein Fehler in den auslaufenden Säften, die zu dünn und öfters auch zu scharf sind, wobei die Zeugungsglieder sich in einer beträchtlichen Erschlaffung befinden. Die fehlerhafte Beschaffenheit der Säfte ist ein Hinweis, daß sie nicht genug ausgearbeitet sind. Dies kommt von einer Schwachheit des ganzen Körpers her, die, so wie die besondere Schwachheit der Geschlechtsorgane, stärkende Mittel erfordert, bei deren Wahl man die übrigen Umstände des Patienten in Betracht zu ziehen hat. Ich kann mich in dieser Untersuchung nicht weitläufiger einlassen. Man trifft bei verschiedenen Verfassern, insbesondere bei Sennert, der vielleicht den besten Entwurf über die praktische Arzneiwissenschaft geschrieben hat, viel Gutes über diese Sache.

Die Mittel, die ich im gegenwärtigen Werk gegen die anderen Folgen der Pollution vorgeschlagen habe, sind auch gegen diese Krankheit hilfreich, nämlich kalte Bäder, Chinarinde, martialische (Eisen) und andere Stärkungsmittel. Boerhaave sagt,

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daß bei einer eingewurzelten (chronischen) Gonorrhoe, die von einer Erschlaffung der Gefäße herrührt, das Leberkraut (hepatita) vortreffliche Dienste tut (egregios sane praestat usus). Zuweilen kann man auch, um zu verhüten, daß die Säfte sich nicht an einerlei (an denselben) Ort hingewöhnen, mit einigen Laxiermitteln (mit einigen gelinde abführenden Darmreinigungen) den Anfang machen. Selbst große Ärzte haben diesen Mitteln eine beinahe zuverlässige Kraft, gegen diese Krankheit zugeschrieben. Aber die Erfahrung hat mich, noch besser als die Vernunftgründe, vom Gegenteil überzeugt. Wer sich die Mühe gibt, die von mir vorgeschlagenen Schriftsteller nachzuschlagen, wird finden, daß sie keine darmreinigenden Abführungen verordnen. Actuarius rät zu stärkenden Sachen, die keine Hitze verursachen.

Aretäus, der dieser Krankheit wegen der Gefahr, mit der sie droht, unverzüglich abgeholfen wissen will, verordnet nur stärkende Mittel, die Enthaltung der Liebeslüste und das kalte Bad. Celsus, aus dessen Werken Actuarius und Aretäus geschöpft haben, schlägt das Reiben und das Baden in eiskaltem Wasser vor (natationesque quam frigidissimae). Er will, daß man alles, was man ißt und trinkt, kalt genießt, daß man alle Speisen, die Cruditäten (Unverdaulichkeiten) und Blähungen erzeugen, und die Schärfe des Magens vermehren können, sorgfältig vermeidet.

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Fernell verordnet saftige, nahrhafte, lecht zu verdauende Speisen und stärkende Latwegen. (Electuria restaurantia).(Oper. omn. p. 544)

§ 136

Wenn das Versprechen des Langius wahr ist, der sich getraute, darauf zu schwören, daß sich diese Krankheit durch Purgiermittel (Abführmittel) und durch eine gute Diät beheben lasse, so gilt dies nur für denjenigen Fall, in der die Krankheit von einer ungesunden Lebensführung herrührt, die zu Verstopfungen im Unterleib Anlaß geben und die Säfte bösartig gemacht haben, wobei den festen Teilen (Organe?) allerdings noch kein Nachteil daraus erwachsen ist. Langius hat ohne Zweifel diesen Fall damit gemeint, denn wo die festen Teile schon beträchtlich gelitten haben, da müßten den darmreinigenden Abführmitteln notwendigerweise stärkende Mittel zur Hilfe kommen.

Diese Bewandnis hatte es mir der Gonorrhoe (mit dem Tripper), den Regis beobachtet und der von Craanen umständlich beschrieben worden ist:
„Bei einem Mann“, sagt er, „von schleimiger Complexion (Leibesbeschaffenheit), der durch die Art der Speisen, die er eine geraume Zeit aß, vermehrte sich die Feuchtigkeiten seines Körpers beträchtlich. Er hatte häufiger mit einer unangenehmen Krankheit zu tun, bei der ihm eine wässerige, rohe und klebrige Feuchtigkeit abging, ohne daß er die mindeste wollüstige Empfindung dabei hatte. Er wurde mager, seine Augen fielen ein und er nahm täglich mehr an Kräften ab. Regis gab ihm anfänglich ein darmreinigendes Abführmittel, um die schleimigen Feuchtigkeiten abzuführen. Danach verordnete er ihm ein stärkendes Mittel und trocknende Speisen. Und wenn es sich hierauf noch nicht besserte, so riet er, auf jedes Bein ein Blasenplaster zu legen.

Aber diese Heilart mit den darmreinigenden Abführmitteln kann niemals zuträglich sein, wenn die Krankheit eine Folge von Liebesausschweifungen ist,

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und wenn sie, wei Sennert sagt,
„von einer Schwachheit der Samenbläschen herrührt, die durch die so oft abwechselnden Auffüllungen und Ausleerungen derselben entstanden ist.“

§ 137

Die rechte (richtige) Heilart wird aus der umständlichen Beschreibung einiger Fälle begreiflicher werden. Timäus führt einen Fall an, der hierher gesetzt zu werden verdient.
Ein junger Mensch, der auf der Universität die Rechte studierte und von blutreichem Temperament war, trieb das Spiel der Selbstbefleckung zwei bis dreimal am Tage, zuweilen noch öfter. Er bekam den Tripper [55], wobei sein ganzer Körper entkräftet war. Ich sah den Tripper als eine Folge der in seinen Samengefäßen vorangegangenen Erschlaffung an. Die Entkräftung aber kam durch den häufigeren Samenerguß, wodurch die natürliche Wärme vertrieben, allerlei rohe Säfte ansammelte, das Nervensystem verletzte, die Seele dumm machte und der ganze Körper geschwächt wurde.“

[55]
Die Gonorrhoe (auch Gonorrhö, von altgriechisch γονόρροια (gonórrhoia), wörtlich „Samenfluss“), umgangssprachlich auch als Tripper bezeichnet, ist eine der häufigsten sexuell übertragbaren Erkrankungen. Irgendwie werde ich die ganze Zeit das Gefühl nicht los, daß Tissot nicht die Gonorrhoe, bzw. den Tripper meint, sondern die Spermatorrhoe, denn die Gonorrhoe (bzw. der Tripper) ist eine sexuell übertragbare Krankheit. Der junge Mann aber, von dem Tissot berichtet, hat sich offensichtlich nur selbst befriedigt (onaniert) und keinen sexuellen Kontakt zu anderen Menschen gehabt.

Wikipedia sagt über die Spermatorrhoee: Die Spermatorrhoe bezeichnet einen Ausfluss von Samenflüssigkeit aus der Harnröhre ohne eine sexuelle Erregung. Die direkte Ursache für die Spermatorrhoe ist eine Insuffizienz (eine eingeschränkte Funktionsfähigkeit) des Ductus ejaculatorius (Spritzkanals). Eine Spermatorrhoe tritt vor allem während des Stuhlgangs sowie beim Urinieren auf. Im ersten Fall spricht man von einem Defäkations-, im letzteren von einem Miktionssyndrom. Die Ursachen für die Fehlfunktion können psychischer Natur sein. Außerdem ist eine chronische Gonorrhoe eine häufige Ursache. Seltener ist eine Läsion (Verletzung oder Störung) des Rückenmarks und somit eine fehlende neurale Funktionssteuerung der Auslöser.

Er verordnete ihm anhaltende und gewürzhafte Mittel in einer Infusion (in einem Aufguss) mit starkem Rotwein, eine Latwege von derselben Art und zum äußerlichen Gebrauch eine Salbe, die aus Rosenöl, Mastix (Harz der Mastix-Pistazienbäume), Salpeter, armenischen Bolus [56], Siegelerde (terra sigilltata), Granatapfelblüten (balaustiis) und weißem Wachs bestand. „Nach einem Monat war mein Patient von seinem schändlichen Übel völlig genesen und ich ermahnte ihn, künftig seine garstige Gewohnheit nicht wieder anzufangen, sondern sich der Drohung des Höchsten (Gottes) zu erinnern, der die Weichlinge aus dem Himmelreich ausschließt.“ (1. Korinther 6,9): „Wisset ihr nicht, daß die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasset euch nicht verführen! Weder die Hurer noch die Abgöttischen noch die Ehebrecher noch die Weichlinge noch die Knabenschänder.

[56] Armenischer Bolus (Bolus armena) ist eine rote, gelbliche, fettige, im Wasser zu Brei zerfallende Erdart (Tonerde). Sie enthält 21 Teile Ton, 61 Teile Kiesel, 10 Teile Eisenoxyd, unterschiedliche Anteile an Steinmark (Carnat). Der beste Bolus kommt aus Armenien (Türkei), minder guter aus Deutschland, Frankreich und Ungarn.

Herr Zimmermann schreibt mir:
„Einer der besten Ärzte, die wir in der Schweiz haben, Herr

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W. M. Wepfer aus Schafhausen, dessen Autorität von sehr großem Gewicht sein muß, versichert, daß er ein unaufhörliches Fließen des Samens, das sich jemand durch die Selbstbefleckung zugezogen hat, mittels der Tinktur martis Ludovici [57] kuriert habe
. Herr Weslin aus Zurzach hat mir ähnliches aus seiner eigenen Praxis berichtet. Ich aber meines Orts, setzt mein Freund hinzu, kann nicht sagen, daß ich auf den Gebrauch dieses Mittels ebenso gute Wirkungen hätte erfolgen sehen.“

[57] Die Tinktura Martis Ludovici ist nichts anderes als weinsteinsaures Eisenkali in Alkohol aufgelöst. Die letztere erhält man, wenn man auf eine konzentrierte Auflösung des weinsteinsauren Doppelsalzes eine gewisse Quantität (Menge) Alkohol gießt, die seine Zersetzung verhindert.

Professor Stähelin erwähnt einen Gelehrten, dem wider seinen Willen und ohne alle venerischen (erotischen) Gedanken, der Same entging und den er mittels eines Weines mit Eisenfeile (eisenhaltiger Wein) und Chinarinde wieder zurecht gebracht hat. Einem junger Menschen, der sich durch die Selbstbefleckung dieses Übel zugezogen hat, verordnete man, unter anderen Mitteln das Schwalbacher Wasser (Mineralwasser aus Bad Schwalbach in Hessen) und das Tropfbad mit kaltem Wasser auf das Schambein und die Naht des Hintern (os pobis & perinaeum). Aber ohne gutem Erfolg. Herr Stähelin erzählt weiter, daß Doktor Bongars, ein berühmter Prakticus aus Maaßeik (Belgien), zwei Personen, bei denen die Samenbläschen sehr geschwächt waren, derart geholfen habe, daß er sie dreimal des Tages acht bis zehn Tropfen von Sydenhams Mohnsafttinktur (Ludano liquidum Sydenhami) in einem Glas voll Pontakwein [58] einnehmen und ihnen noch überdies einen Trank von Gassaparille trinken ließ.

[58]
Pontak, guter französischer Rotwein aus der Gegend von Pontacq; früher Name für Bordeauxwein.

[59] Ich habe im Internet zwar nicht herausgefunden, was Gassaparille ist, aber es scheint aus Amerika zu kommen. In einem Medizinbuch von Dr. Johann Georg Krünitz fand ich auf Seite 644 folgende Bemerkung: Die Indianer sollen die mit der Lustseuche behafteten Personen durch eine genau Diät mager gemacht haben, fast durch Hunger dem Tod nahe gebracht haben, indem sie ihnen alle Speisen und Getränke verboten, drei Tage nichts zu essen und zu trinken gaben, außer einem warmen Saft, den sie aus der Gassaparille preßten. (Die Gassaparille scheint also eine Frucht zu sein.) Außerdem spricht Dr. Krünitz von venerischen Säuglingen. Also selbst unter Säuglingen scheint es die Lustseuche bereits zu geben. Wird sie durch die Eltern vererbt (übertragen)?

Zugleich macht Herr Stähelin die Anmerkung, daß obgleich das Opium den Hauptzweck bei der Kur dieser Krankheit entgegensteht, Etmüller selbiges dennoch gegen die allzuschnelle Samenausspritzung, die von einem allzugeistreichen (allzubrünstigem?) Samen herrührt, angeraten habe.

201

Man erlaube mir, folgendes hinzuzufügen. Wenn man diesen Rat, der von einem so großen Praktikus kommt, genau untersucht, und die Natur dieses Übels, in gewissen Fällen, mit den Wirkungen des Opiums vergleicht, so wird man leicht begreifen, daß dieses Mittel bisweilen nützlich sein kann, aber nicht in dem Fall, der von Etmüller angeraten wird. Er unterscheidet mit viel Sorgfalt die verschiedenen Arten des Abflusses. Er bestimmt bei jeder Art die Ursachen derselben und ihre besondere Kur. Und wenn er danach von der Ausspritzung redet, die sogleich am Anfang der Steifigkeit des Gliedes erfolgt (ejaculatio nimis cita), so gibt er davon zwei Ursachen an:

1. Die Erschlaffung der Samenbläschen

2. Eine allzu stark kochende, zu geistige und zu häufige Samenfeuchtigkkeit.

In diesem Fall verordnet er den Mohnsaft (das Opium). Aber aus welchem Grunde? Das Opium, dessen zur Wollust reizende Kraft (virtus aphrodisiaca) gut bewiesen ist, und von Etmüller selbst, sowohl in seinem kleinen Traktate (Büchlein) vom Opium, als auch an der Stelle, wo er diesen Rat gibt, erkannt wird, muß notwendigerweise die Ursache der Krankheit vermehren und deswegen ihre Zufälle gefährlicher machen. Wo dagegen die Säfte roh, dünn und wässerig sind und die Nerven zugleich im höchsten Grade beweglich (gereizt) sind, da kann das Opium Nutzen schaffen, denn man weiß, daß es diesen verschiedenen Übeln abhilft, die allzugroße Reizbarkeit steuert und alle Ausleerungen, die Ausdünstung ausgenommen, hemmt. Aber ich kann es nicht genug wiederholen, daß ein Arzt bei der Verornung des Opiums die äußerste Vorsicht zu beachten habe, wenn er keinen Schaden anrichten will.

Unter anderen wird folgende Bemerkung, die Doktor Tralles in seinem vortrefflichen Werk vom Opium anführt, uns im Gebrauch dieses Arzneimittels

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sehr behutsam machen. „Ein Mann“, sagt er, „der von Jugend an zur Pollution neigte und dadurch äußerst geschwächt wurde, nahm hüfiger Opium ein, bald um den Husten zu lindern, bald um einen Durchlauf (Durchfall) zu stoppen, bald um anderer Ursachen willen. Aber er bekam danach des Nachts wollüstige Träume, die von einer Samenergießung begleitet waren.“ Man wird mir erlauben, hier eine Betrachtung anzuhängen, auf die ich bei dieser Gelegenheit natürlicherweise gekommen bin. Es dient nämlich Etmüllers Irrtum zum offenbaren Beweis:

1. Was für einen Einflu0 eine richtige Theorie auf die Praxis hat, wobei die Praxis, wenn sie nicht von der Theorie unterstützt wird in sehr vielen Fällen falsch und irrig sein muß.

2. Was für große Vorteile derjenige hat, der Theorie und Praxis miteinander verbindet, vor einem anderen haben muß, der nur einige eimzelne Bemerkungen zu seinem Leitfaden nimmt oder bloß einer systematischen Theorie folgt.

3. Auf was für Irrwege das Lesen der besten praktischen Schriftsteller, denen jene richtige Theorie, die wir unstreitig unserem Jahrhundert zu verdanken haben, gemangelt hat, diejenigen führen könnte, die alles ohne Untersuchung, mit einem Köhlerglauben
[60] (side implicita) weglesen, und mit den rechten Grundsätzen nicht bekannt sind, die in der Heilwissenschaft als Probiersteien dienen müssen, was von gutem oder schlechtem Gehalt ist, voneinander zu unterscheiden.

[60]
Der Ausdruck Köhlerglaube bezeichnet einen lediglich auf der Aussage anderer beruhenden, unbedingten oder blinden Glauben. Ursprünglich bedeutete es unbedingten Glauben an die Kirche, besonders beim gemeinen (einfachen) Mann.

§ 138

Ich will diesen Abschnitt mit zwei von meinen eigenen Bemerkungen schließen. Eine größere Anzahl würde überflüssig sein.

203

Ein junger Mensch von zwanzig Jahren, der sich unglücklicherweise der Selbstbefleckung ergeben hatte, war seit zwei Monaten mit einem unaufhörlichen rotzigem (rotzhaftem = speichelhaften) Ausfluß und von Zeit zu Zeit mit nächtlichen Pollutionen behaftet, wobei seine Kräfte beträchtlich erschöpft waren. Er hatte häufige und heftige Magenschmerzen. Die Brust war überaus schwach und er schwitzte nach der gelindesten Bewegung. Ich verordnete ihm folgende Latwerge [17].

Rec. Condit. rosar. rubr. une. iij.
Condit. Anthos.
Cort. peruv. aa. une. j.
Mastices (Mastich) dr. ij.
Catech dr. j.
Olel Cinnam. gtt..iij.
Syr. Cort. aurant. q. s.
F. Electuar. solid.

Hiervon mußte er täglich zweimal ein halbes Lot nehmen. Nach Verlauf von drei Wochen befand er sich in aller Absicht wohl (fühlte er sich bereits sehr wohl). Das Ausfließen erfolgte nur noch nach der nächtlichen Pollution, die sich nunmehr weit seltener einstellten. Nachde er das Mittel noch vierzehn Tage lang gebrauchte, war er vollkommen wieder hergestellt.

Ein Paar auswärtige Eheleute, die ich nie von der Person her kannte, hatten fast zu gleicher Zeit einen Ausfluß aus ihren Zeugungsteilen bekommen, den sie, da sie gewiß waren, daß es nichts Giftiges an sich hatte (Gonorrhoe, Tripper), keiner anderen Ursache als den Übertreibungen der Liebeslust beimessen konnten.

204

Sie wurden davon so sehr entkräftet und klagten dabei über Schmerzen längs des Rückgrads. Beim Mann war der Ausfluß viel stärker als bei der Frau. Nachdem sie verschiedene Arzneimittel ohne den geringsten Nutzen versucht hatten, unter anderem auch Merkurialpillen (Abführmittel), die den Ausfluß vermehrten, vergeblich gebraucht hatten, suchten sie mich um Rat. Ich verordnete ihnen kalte Bäder und einen eisenhaltigen Kräuterwein mit Chinarinde und roten Rosenblättern. Sie gebrauchten dieses Mittel sehr ordentlich (regelmäßig), es war im Sommer 1758, das anhaltende Regenwetter machte ihnen das Baden im Flußwasser sehr beschwerlich, die Frau badete nur zwei bis dreimal, der Mann aber ungefähr zwölf mal. Nach fünf Wochen ließen sie mir sagen, daß sie beinahe völlig wieder hergestellt waren. Ich ließ sie aber das Mittel bis zur vollständigen Genesung weiter nehmen, die auch sehr bald eintrat.

Dergleichen glücklichen Erfolge sollten aber nicht dazu dienen, auf ihnen eine allgemeine und günstige Vorhersage zu begründen, denn meistens ist diese Krankheit ungemein hartnäckig und zuweilen ganz unheilbar. Ich will nur ein einziges Beispiel davon geben, das aber sehr überzeugend ist. Einer von den größten ihre Kunst ausübenden Ärzten, die wir gegenwärtig in Europa haben, einen Mann, der die Arzneiwissenschaft mit lauter vortrefflichen Werken bereichert hat, schleppt sich schon seit mehr als fünfzehn Jahren mit einem einfachen Samenfluß, den seine ganze ärztliche Erfahrung, und die Kunst einiger anderer Ärzte, die er zu Rate gezogen hat, nicht vertreiben kann. Diese traurige Beschwerlichkeit zehrt ihn nach und nach aus, und läßt befürchten, daß wir ihn lange vor dem Ziel (der Genesung), verlieren werden.

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Kurzgefasste Wiederholung     Top

§ 139

Nun habe ich die Zufälle (die unterschiedlichen Krankheitsbilder), die Ursachen und die Heilungen der Krankheiten, die in diesem Buch behandelt werden sollten, mit der größten Ausführlichkeit beschrieben. Es würde von keinem Nutzen sein, wenn ich hier etwas von dem, was zu den Ursachen und Zufällen gehört, wieder in Erinnerung bringen würde. Aber es wird nicht unnütz sein, hier eine kurzgefaßte Wiederholung dieser Krankheit vorzulegen.

Sobald die unglücklichen Schlachtopfer dieser schändlichen Tat (der Selbstbefleckung) oder der Ausschweifungen mit Frauen, die ersten Zufälle (Anzeichen) der Entkräftung empfinden, so ist das beste, was sie tun können folgendes:

1. Sie müssen der Ursache ihrer Krankheit entsagen. Ohne diese Enthaltung (Keuschheit) würden alle anderen Hilfsmittel unwirksam sein.

2. Sie sollten mit der größten Sorgfalt alle erhitzenden Speisen [61] und Getränke meiden. Weiter sollten sie ihren geschwächten Magen nicht mit zuvielen Speisen überladen und viel Milch trinken, wenn sie diese gut verdauen können.

[61]
Fleisch, scharfe Gewürze, Alkohol, Kaffee, Zwiebeln, Knoblauch, Salz, gezuckerte und weißmehlhaltige Speisen (Weißbrot, Kuchen) gehören zu den erhitzenden Speisen. Man sollte sie reduzieren. Dafür sollte man umso mehr Früchte und Gemüse essen.

Vor allem stark gewürzte Gerichte, Paprika, Fleisch, Fisch, Eier, Tabak, Alkohol, saure Lebensmittel (Brathering, Mixed Pickles), Öle jeder Art, Knoblauch, Zwiebeln, bittere Lebensmittel, saurer Quark, veraltete Lebensmittel, Säuren (Essig, Zitronensaft), saure Früchtetees, Soda mit Zitronensaft, scharfe oder gebratene Lebensmittel, überreife und unausgereifte Früchte, schweres Gemüse (?) und Salz sind nicht zu empfehlen. Zwiebeln und Knoblauch sind schlimmer als Fleisch. Salz ist der schlimmste Feind. Zu viel Salz regt die Leidenschaft an. Viele Lebensmittel enthalten Salz. Selbst wenn du keinen Salz nimmst, holt der Körper sich das notwendige Salz von anderen Lebensmitteln. Der Verzicht auf Salz hilft dir, deinen Gaumen zu kontrollieren. Dadurch kannst du auch besser deinen Verstand und deine Sinne kontrollieren.

Der indische Yogi Swami Sivananda empfiehlt: Yogische Ernährung

Sattwige (gesunde) Nahrungsmittel:

1. Getreide: Alle Vollkorngetreide-Produkte wie Vollkornbrot, Vollkorn-Nudeln. Vollreis, Hirse, Vollweizengries, Buchweizen, Amaranth, Quinoa, Dinkel, Grünkern, Roggen, Gerste, Tapioka. Kartoffeln sind zwar biologisch Gemüse, ernährungsphysiologisch aber wie Getreide zu bewerten.

2. Hülsenfrüchte: Grüne Linsen, rote Linsen, schwarze Linsen, Mungbohnen, Sojabohnen und Soja-Produkte wie Tofu und Tempeh, Ackerbohnen, geschälte Linsen, Azukibohnen, Kichererbsen, grüne Erbsen, gelbe Erbsen, ... Am einfachsten zu verdauensind Mungbohnen und Tofu. Die meisten Hülsenfrüchte müssen gut gekocht werden, um einfach verdaut werden zu können: Sie sollten weich sein, und die äußere Haut geplatzt sein. Hilfe: Am Abend vorher einweichen.

3. Gemüse und Salate: Gekocht und roh. Ausreichend Rohkost nötig (am meisten Prana (Lebensenergie)). Verschiedene Sorten essen, um großes Spektrum an Nährstoffen zu bekommen.

4. Obst: Je frischer, um so besser.

5. Milch und Milchprodukte: Sauermilchprodukte sind am einfachsten zu verdauen: Joghurt, Kefir, Buttermilch, Dickmilch, Schwedenmilch. Bei Milchallergien oder Laktasemangel sollte man die Milch durch ein Mehr an Hülsenfrüchten ersetzen.

3. Sind sie bloß schwach und kränklich, ohne Hitze, ohne Fieber, ohne trockene Haut, ohne Husten und ohne hartnäckige Schlaflosigkeit, so werden ihnen die kalten Bäder und die Chinarinde ungemein zuträglich sein. Die Chinarinde können sie auf folgende Art gebrauchen: Nehmen sie von der besten Chinarinde [62] eine halbe Unze (1 alte* Unze = 2 Lot = 7 bis 9 Gramm) (oder auch, um damit anzufangen, zwei Quentchen [63]), ein Quentchen Pommeranzenblätter (Bitterorangenblätter) und Kamillenblumen, soviel wie mit drei Finger gefaßt werden kann. Alles zu einem gröblichen Pulver zerstoßen tut man es in eine Tekanne aus Porzellan oder Fayanze (Keramik).

[62] Man kann Chinarinde günstig bei amazon.de kaufen: 70 Gramm: 3,99 € + 3,99 € Versand = 7, 98

[63] 1 altes* Lot = 4 Quentchen. Das alte* Lot hatte in den verschiedenen deutschen Ländern unterschiedliche Massen, die zusätzlich auch noch zeitlich verschieden waren. Es lag meist zwischen 14 und 18 Gramm. 1 Quentchen lag also zwischen 3,5 und 4,5 Gramm. (*vor 27. Mai 1856)

206

Am Abend gießt man drei große Teeschalen heißes Wasser darauf und läßt es die ganze Nacht über ziehen. Eine Stunde vor dem Frühstück, vor dem Mittagessen und vor dem Abendessen trinkt man davon den dritten Teil  kalt.

4. Ist es mit ihnen so weit gekommen, daß sie eine trockene Haut, Hitze, ein kleines Fieber, Husten, keine Eßlust und einen häßlichen Geschmack im Mund haben, so können die kalten Bäder und die Chinarinde bisweilen als reizende Mittel wirken. Man sollte dann nur Speisen aus dem Gewächshaus (Gemüse) essen, lauwarme Bäder gebrauchen, Molken trinken und zuweilen eine gelinde Darmreinigung einnehmen. Ist der Geschmack im Mund wieder gut geworden, sollte man Eselsmilch trinken. Die kalten Bäder und die Chinarinde sollten nicht eher gebraucht werden, als bis die Zufälle (die oben erwähnten Beschwerden), die dem Gebrauch entgegen standen, verschwunden sind. Überhaupt sollte man kein stark wirkendes Heilmittel einnehmen, ohne einen vernünftigen und erfahrenen Arzt um Rat zu fragen.

5. Die Eselsmilch tut bei alt eingewurzelten nächtlichen Befleckungen (wenn sie schon über viele Monate oder Jahre zur Gewohnheit geworden sind) zuweilen sehr gute Dienste.



Schluß     Top

§ 140

Mehr will ich nicht hinzusetzen. Ich habe mich bemüht, nichts von dem wegzulassen, was jungen Leuten die Augen über den entsetzlichen Abgrund, den sie sich selbst zubereiten, öffnen kann. Ich habe die dienlichsten Mittel angezeigt und wie den Übeln, die sie sich zugezogen haben, abzuhelfen sei. Ich schließe mit der Wiederholung dessen, was ich schon mehr als einmal in diesem Buch

207

gesagt habe, nämlich, daß sis sich durch einige glückliche Kuren nicht blenden lassen sollten, denn selbst derjenige, der am besten geheilt ist, erlangt nur sehr schwer seine ersten (ursprünglichen) Kräfte wieder. Nur durch eine große Enthaltsamkeit und Mäßigung kann er seine Gesundheit einigermaßen erträglich gestalten. Gegen einen der geheilt wird bleiben zehn in einem siechen, schwächlichen Zustand. Einige wenige, die entweder nur gering krank waren oder die wegen ihrer stärkeren Leibesbeschaffenheit (Lebenskräfte) zu einer leichteren Genesung verholfen hat, sollten nicht so angesehen werden, als wenn dies eine allgemeine Regel wäre.

Non bene ripae creditur. ipse aries etiam nunc vellera siccat.

Nicht gut ist's, dem Strande sich zu vertraun; noch trocknet das Fell sich der Widder.

208

Die Anmerkungen [1] bis [63] sind vom Abtipper

Tippzeit: 28.11.2010 - 20.12.2010



Zusammenfassung der Hilfsmittel der Rückenmarkszehrung     Top

01. Sexuelle Enthaltsamkeit
02. Kalte Bäder - Seite 150 (siehe auch: Kneipp-Kur)
03. Chinarinde - Seite 108, 150, 151, 152 (in Tee oder kalten Bädern)
04. Keine erhitzenden Speisen und Getränke - Seite 206
05. Milch - Seite 122
06. Heiße Schokolade mit Milch - Seite 132
07. Kräftige Fleischsuppe - Seite 107, 118
08. Fleischbrühe (falls jemand kein Fleisch verdauen kann) - Seite 119
09. Melissen oder Kräutertee mit Eigelb & Milchrahm & Zimtöl - Seite 106
10. Eisenhaltige Mineralwasser - Seite 153
11. Die Haut mit einem Tuch reiben (fördert Durchblutung & Ausdünstung) - 139
12. Spaziergänge an der frischen Luft oder andere Bewegungen - Seite 136
13. Wenig oder gar nichts zu Abend essen - Seite 185
14. Frühzeitig zu Bett gehen, nicht zu lange schlafen - Seite 133
15. Abends nicht mehr so viel trinken - Seite 186



Die Originalseiten findet man hier und hier

Hier ist das Buch übrigens in französischer Sprache:
L'onanisme: dissertation sur les maladies produites par la masturbation




Die Onanie und ihre gesundheitlichen Folgen

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