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Brahmacharya 2: Die Tugend der Enthaltsamkeit  Startseite
         

Inhaltsverzeichnis

1. Brahmacharya in den verschiedenen Religionen
2. Ramakrishna und seine Frau Sarada Devi
3. Gandhis Einstellung zum Brahmacharya
4. Brahmacharya aus biologischer und soziologischer Sicht
5. Sexualität und Advaita-Vedanta
6. Die Sinneslust aus der Sicht unterschiedlicher Philosophien
7. Ist die sexuelle Lust, die höchste Lust?
8. Warum hat die Sexualität solch eine Bedeutung?
9. Brahmacharya aus der Sicht des Ayurveda
10. Einige Methoden des Brahmacharya
11. Die sexuelle Revolution
Ramakrishna's Biographie

1. Brahmacharya in den verschiedenen Religionen    
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Keuschheit, Enthaltsamkeit oder Brahmacharya, ist eine der fünf Yamas, der fünf moralischen Werte, die Patanjali, der Begründer des Yoga, in den Yogasutras vorgeschrieben hat. Das Zölibat wird als Voraussetzung zum Erfolg im Yoga betrachtet. In allen Religionen wird es sehr betont. Es ist eines der fünf elementaren Gelübde im Jainismus (einer atheistischen indischen Religion (Philosopie) der Gewaltlosigkeit, in der der Glaube an einen oder mehrere Götter explizit abgelehnt wird, die etwa im 6.Jh./5.Jh. v.Chr. fast gleichzeitig mit dem ebenfalls atheistischem Buddhismus entstand. Jaina-Mönche haben zu allen Zeiten versucht, Priester anderer Religionen daran zu hindern, Tieropfer zu bringen. Unter Mahaviras (Mahavira ist der Gründer des Jainismus) sanftem Einfluss haben viele Könige die Sklaverei und das Kastensystem in ihrem Land abgeschafft, die Diskriminierung der Frauen nicht mehr geduldet, sowie das Jagen, Töten und die Opferung von Tieren untersagt. Viele Menschen wurden durch den Jainismus zu einem Leben in Gewaltlosigkeit inspiriert. siehe: Ahimsa (Gewaltlosigkeit). Im Jainismus gilt das Brahmacharya sowohl für Mönche als auch für Laien. Die Jain-Mönche praktizieren das Gelübde des Zölibats. Sie leben also vollkommen enthaltsam. Die Jain-Laien dagegen praktizieren das Gelübde des Brahmacharya. Ihnen ist es also gestattet, zur Zeugung von Kindern, miteinander intim zu sein.

Im Buddhismus ist das Brahmacharya ebenfalls als einer von fünf Werten (Gewaltlosigkeit, Ehrlichkeit, Nichtstehlen, Enthaltsamkeit, Unbestechlichkeit) vorgeschrieben. Im Hinduismus wird es ebenfalls hoch gelobt. Ein Hindu soll Brahmacharya in drei der vier Ashramas (4 Lebensstadien) beachten: 1. als Brahmachari (Schüler), 2. als Vanaprastha (Ruheständler) und schließlich 3. als Sannyasa (Mönch). Sexualität wird nur in der Ehe toleriert. Und dort auch nur, um Nachkommen zu zeugen.

Anmerkung

Die obige Aussage ist nicht ganz richtig. Das Brahmacharya soll in allen 4 Lebensstadien praktiziert werden. In den Lebensstadien als Schüler, Vorruheständler und als Mönch sollte man auf jegliche sexuelle Aktivitäten verzichten. Als Verheirateter dagegen ist das intime Beisammensein zur Zeugung von Kindern dagegen erlaubt. Beschränkt man die sexuellen Aktivitäten allein auf den Zeugungsvorgang, dann gilt dies nicht als Verstoss gegen das Brahmacharya.

Ende Anmerkung

Im Christentum ist das Zölibat ebenfalls nicht unbekannt. St. Paul (der Apostel Paulus) ermahnte die Christen: 1.Korinther 7,7-9: Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären, wie ich, aber jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so. Den Ledigen und Witwen sage ich: Es ist gut für sie, wenn sie blieben wie ich. Wenn sie sich aber nicht enthalten können, sollen sie heiraten; denn es ist besser, zu heiraten als sich in Begierde zu verzehren. Jesus hat einen sehr hohen Standard der sexuellen Reinheit befürwortet. Matthäus 5,27-29: Ihr habt gehört, daß gesagt ist (2. Mose 20,14): «Du sollst nicht ehebrechen.» Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf's von dir. Es ist besser für dich, daß eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.

Quelle: Brahmacharya

Sufi Heilige (muslimische Heilige) scheinen die Aussage Jesus zu bestätigen. Ein Sufi Heiliger hackte sich ein Bein ab. Als er gefragt wurde, warum es das getan hat, antwortete er: „Als ich in meiner Hütte meditierte, sah ich plötzlich eine Frau an mir vorbeigehen. Dadurch geriet ich in Versuchung, als ich aus meiner Hütte heraustrat. Mein Gewissen quälte mich und warnte mich, dass ich dem Satan folgen würde, anstatt Gott. Deshalb hackte ich sofort das Bein ab, welches zuerst aus der Hütte herausgetreten war.“ Rabia, eine der größten weiblichen Sufi Heiligen, hat niemals gereiratet, obwohl sie viele Angebote hatte. Als sie gefragt wurde, warum sie es nicht tat, antwortete sie: „Ich gehöre meinem Meister. Richte deine Fragen an ihn.“

Anmerkung

Obwohl ich im Internet nach dem Sufi recherchierte, der sich sein Bein abhackte, habe ich nichts gefunden. Außerdem halte ich das Beispiel nicht für geeignet, um Werbung für das Brahmacharya zu machen. Es gab zu allen Zeiten Menschen, die dem Extremen zuneigten. Sie sollten nicht unbedingt als Vorbild gelten. Gilt es doch, die sexuelle Verhaftung, die sich letzten Endes im Kopf abspielt, abzulegen. Selbst wenn der Sufi sein Bein abhackte, wird er dadurch womöglich nicht die erotischen Gedanken aus seinem Kopf vertreiben können. Da müsste er vielleicht schon seinen Kopf abschlagen, um sie zu beseitigen. Aber dieses soll ja bekanntlich noch andere negative Folgen mit sich bringen. Jeder, der einen spirituellen Weg beschreitet, muss also die Geduld aufbringen, sich mit seiner Sexualität auseinander zu setzen. Auch wenn er sich entschlossen hat, Brahmacharya zu praktizieren, wird die Sexualität ihn sicherlich noch eine Weile bedrängen. Aber wenn er ernsthaft seiner spirituellen Praxis nachgeht und das Brahmachraya beachtet, dann wird diese Bedrängnis eines Tages abklingen und sich ganz auflösen. Es hat übrigens eine ganze Menge Sufi-Heiliger gegeben. Wer sich dafür interessiert, kann sich ja einmal die Liste bekannter Sufis anschauen. Ich könnte mir vorstellen, dass es sehr interessant ist, mehr von diesen Sufi-Heiligen zu erfahren. Mir fehlt dazu leider die Zeit.

Ende Anmerkung
 
Indien ist von der Tradition des Brahmacharya durchdrungen. Die Inder verehren Lord Shiva, dem grössten Bezwinger der Sinneslust. Er verbannte Amor, den Gott der Sinneslust, durch das Feuer seines dritten Auges. Obwohl Shiva verheiratet ist, konnte ihn niemand an Selbstkontrolle übertreffen. Dann haben wir den berühmten Grossvater Bhishma aus der Mahabharata, einem indischen Epos, der das lebenslange Gelübde des Zölibats auf sich nahm, und daraus erhebliche Vorteile zog. Die Jain-Mythologie ist vollgestopft von aufschlussreichen und erstaunlichen Geschichten über die Praxis der Keuschheit in der Ehe.

Eine der Geschichten der Jains erzählt davon, wie ein Mann die Mönche mit Essen versorgen wollte. Dies wird unter den Jains als eine verdienstvolle Tat betrachtet, die dem gläubigen Familienvater vorgeschrieben ist. Als der Mann sich dem klösterlichem Oberhaupt, dem Acharya, näherte, empfahl der Acharya ihm, den jungen Sohn und die Schwiegertochter eines bestimmten reichen Mannes ebenfalls mit einer Essensspende zu bedenken. Dies sei ein Akt, so erklärte der Acharya, der ebenso verdienstvoll sei, wie die Verköstigung von hundert Mönchen. Als der Mann den Acharya fragte, warum er dieses tun solle, gab der Acharya das Geheimnis preis. Er sagte: „Bereits vor ihrer Hochzeit sind die Braut und der Bräutigam an einem keuschen Leben interessiert.“ Die Braut hatte sich an das Oberhaupt der Mönche, den Acharya, gewandt und ihn gefragt, wie sie die Keuschheit praktizieren könne. Sie wolle das Gelübde der Keuschheit auch teilweise in der Ehe praktizieren. Der Acharya hatte ihr geraten, die Enthaltsamkeit in den zwei Wochen der abnehmenden Mondphase zu üben (von Vollmond bis Neumond). Dementsprechend hatte die junge Frau einen Eid geschworen, diesen Rat zu beachten. Ähnlich verhielt sich der Bräutigam, ohne seine zukünftige Frau und ihre Absichten zu kennen. Er suchte einen anderen spirituellen Lehrer auf, der ihm empfahl, die Enthaltsamkeit in den zwei Wochen der zunehmenden Mondphase zu beachten. Als sie einander heirateten, erfuhr jeder vom anderen, welchen Eid er abgelegt hatte. Sie hielten das Gebot der Keuschheit weiter in Ehren und praktizierten ein Leben lang  Brahmacharya.

2. Ramakrishna und seine Frau Sarada Devi     Top

Eine alte Geschichte erinnert an die Beziehung zwischen Sri Ramakrishna und seiner Frau, der heiligen Mutter Sri Sarada Devi, die über viele Monate zusammen mit Ramakrishna in einem Bett schlief, ohne das sich jemals eine Spur von Körperbewusstsein in ihrem Gemüt regte. Ramakrishna beachtete das Brahmacharya ebenso streng wie alle religiösen Lehrer, Heiligen, Weisen und spirituellen Anwärter. Er achtete auch sehr streng über das Leben seiner Schüler, den zukünftigen Mönchen, zu denen auch Narendranath, der später weltbekannte Swami Vivekananda, gehörte. Er riet seinen Schülern, nicht allzu freundlich zu Girish Chandra Ghosh, einem bekanntem bengalischen Dichter und verheiratetem Schüler zu sein, weil dieser zuvor ein unbesonnenes Leben geführt hatte und die Anzeichen seines ausschweifenden Lebens noch in ihm vorhanden waren. Ramakrishna wünschte sich, dass nicht einer seiner monastischen (mönchischen) Schüler einen Fehler beging, nicht einmal unbeabsichtigt.

Es wird erzählt, dass einst bei Swami Vivekananda, während der Meditation, das Bedürfnis nach Sinneslust in ihm erwachte. Sofort setzte er sich in die Nähe glühender Kohlen. Die Wunden brauchten einige Zeit um zu heilen. Wir wissen, wie vollkommen Swami Vivekananda das Brahmacharya beherrschte. In Patanjali's Raja Yoga Sutras II,38 wird gesagt: „Wenn Brahmacharya, durch die unversehrte sexuelle Enthaltsamkeit in Gedanken, Worten und in der Tat fest begründet ist, erlangt man eine kraftvolle Vitalität und eine starke Willenskraft.“ Man erlangt eine einzigartige Überzeugungsenergie, was immer man auch sagt. Dies war das Geheimnis der Eröffnungsworte „Brüder und Schwestern Amerikas“, die Swami Vivekananda auf dem „Weltparlament der Religionen“ im Jahre 1893 in Chicago, Ilinois, sprach. Durch Brahmacharya erlangt man einen enormen Einfluss auf die Menschen. Nach Ansicht Swami Brahmanandas ist Brahmacharya die beste Askese.

Anmerkung über Ramakrishnas Frau Sarada Devi:

Ein Bericht über Ramakrishnas schlechte Gesundheit, seine Gleichgültigkeit der Welt gegenüber und seine ungewöhnlichen Handlungen, gelangten bald auch nach Kamarpukur, einem Dorf in Bengalen, in dem seine Mutter lebte und in dem Ramakrishna am 18. Februar 1836 geboren wurde und den Namen Gadadhar, einen Beinamen Vishnus, erhielt. Im Alter von sechs oder sieben Jahren hatte Gadadhar seine erste spirituelle Ekstase. Als er sieben Jahre alt war, starb sein Vater. Dies berührte ihn tief, da er zum ersten Mal erkannte, wie flüchtig das Leben auf dieser Erde ist. Mit neun Jahren erhielt er die heilige Schnur, die ihn in die Brahmanankaste, die Priesterkaste, aufnahm. Im Jahre 1855, kam der 19-jährige Galadhar, der sich fortan Ramakrishna nannte, nach Dakshineswar, vier Meilen nördlich von Kalkutta, der Hauptstadt des Bundesstaates Westbengalen, um in einem Kali-Tempel als Priester seinen Dienst zu versehen. Die Berichte über Ramakrishna, erfüllten das Herz seiner Mutter mit Sorge. Auf ihre Bitte hin, kehrte er zu einer Luftveränderung, in sein Dorf zurück. Seine Jugendfreunde interessierten ihn aber nicht mehr. Ein göttliches Fieber verzehrte ihn. Den gössten Teil des Tages und der Nacht verbrachte er auf dem Verbrennungsplatz in Meditation. Dieser Ort brachte ihm die Vergänglichkeit des menschlichen Körpers, mit all seinen Hoffnungen und Bestrebungen, zum Bewusstsein. Ausserdem erinnerte es ihn an Kali, die Göttin des Todes und der Zerstörung (die er so sehr verehrte).

In wenigen Monaten verbesserte sich seine Gesundheit, und seine natürliche Heiterkeit stellte sich teilweise wieder ein. Seine glückliche Mutter dachte, jetzt sei die günstigste Zeit für eine Verheiratung gekommen. Ramakrishna war mittlerweile 23 Jahre alt. Eine Frau würde ihn auf die Erde zurückbringen, sagte sich seine Mutter. Sie war hoch erfreut, als ihr Sohn ihrem Vorschlag zustimmte. Ramakrishna selbst gab den Hinweis, wo die Braut zu finden sei. Saradamani (Sarada Devi), ein fünfjähriges Mädchen, lebte im Nachbardorf Jayrambati. Schon in diesem frühen Alter hatte sie zu Gott gebetet, dass er ihren Charakter so fleckenlos und rein wie eine weisse Blüte machen möge. Sie wurde als Braut für Ramakrishna ausgewählt. Die Hochzeit fand 1859 statt. Solch eine frühe Heirat ist in Indien mehr eine Verlobung. Die Heirat selbst wird erst vollzogen, wenn das Mädchen ihre Pubertät erlangt. In diesem Falle aber wurde sie nie vollzogen. Ramakrishna blieb etwa 18 Monate in Kamarpukur und kehrte dann ohne seine Braut in den Kali-Tempel nach Dakshineswar zurück, um dort seine Arbeit als Priester weiter auszuüben.

Kaum hatte er das Gelände des Kalitempels betreten, wurde er wieder vom spirituellen Wirbelwind erfasst. Seine Verrücktheit vervielfältigte sich. Dieselben Meditationen und Gebete, dieselben ekstatischen Stimmungen, dasselbe Weinen, dieselbe Schlaflosigkeit, dieselbe Gleichgültigkeit gegenüber dem Körper und der Welt, das gleiche göttliche Delirium. Er unterwarf sich neuen Übungen, um Gier und Lust auszumerzen, die beiden grossen Hindernisse beim spirituellen Fortschritt. Frauen betrachtete er als eine Manifestation der göttlichen Mutter Kali. Nicht einmal im Traum hatte er ein Lustempfinden. Wenn er in Meditation versunken war, hüpften Vögel auf seinem Kopf herum und suchten in seinem Haar nach Nahrung. Schlangen krochen über seinen Körper, ohne dass Ramakrishna davon etwas mitbekam. Schlaf kannte er nicht mehr. Tag und Nacht verfolgeten ihn spirituelle Visionen. Ramakrishna sagte später, dass bei einem fortgeschrittenen Gottesverehrer, das Denken selbst zum Guru wird.

1872 besuchte Sarada Devi ihren Mann zum ersten Mal in Dakshineswar. Vier Jahre zuvor hatte sie ihn zuletzt in Kamarpukur gesehen und die Seligkeit seiner göttlichen Gesellschaft genossen. Seitdem war sie noch sanfter, ernster und selbstloser geworden. Sie hatte viele Gerüchte gehört über die Geisteskrankheiten ihres Mannes. Je mehr sie darüber nachdachte, um so stärker spürte sie, dass es ihre Pflicht war, bei ihm zu sein und ihm zu dienen, so gut sie konnte. Sie war jetzt 18 Jahre alt, ihr Mann 36 Jahre. Ramakrishna sah es als seine Pflicht an, seine junge Frau in allen Dingen zu unterweisen. Das erstreckte sich vom Haushalt bis zur Erkenntnis Brahmans (Gottes). Er weihte sie in die Geheimnisse des spirituellen Lebens ein: Gebet, Meditation, Kontemplation und Samadhi (Erleuchtung).

Totapuri, ein Mönch und Schüler Ramakrishnas, der von der Heirat seines Meisters erfahren hatte, sagte einmal: „Was macht das? Nur derjenige steht fest in der Brahman-Erkenntnis, der Unterscheidungsvermögen und Entsagung beibehält, auch wenn er mit einer Frau zusammen lebt. Nur derjenige erlangt die Erleuchtung, der in Mann und Frau nur Brahman sieht. Ein Mensch, der die Geschlechter unterscheidet, mag ein ehrlich Strebender sein, aber vom Ziel ist er noch weit entfernt.“ Ramakrishna lebte mit seiner Frau in Dakshineswar zusammen, aber ihr Bewusstsein war der Welt ständig entrückt.

Einige Monate nach Sarada Devis Ankunft arrangierte Ramakrishna an einem auserwählten Tag eine besondere Andacht für die göttliche Mutter Kali. Statt des Bildnisses der Göttin Kali setzte er Sarada Devi an ihre Stelle. Der Anbeter und die Angebetete gingen in tiefes Samadhi ein. Auf der transzendentalen Ebene wurden ihre Seelen vereint. Nach einigen Stunden kam Ramakrishna auf die normale Ebene zurück, sang eine Hymne für die grosse Göttin und brachte zu Füssen Sarada Devi's, sich selbst, seinen Rosenkranz und die Früchte seiner langen Übungen dar. Durch seine Heirat bestätigte Ramakrishna den Wert der Ehe für die spirituelle Entwicklung des Menschen, und mit der Einhaltung seiner Mönchsgelübde demonstrierte er die Notwendigkeit der Selbstbeherrschung, Lauterkeit und Enthaltsamkeit bei der Verwirklichung Gottes. Durch seine einzigartige spirituelle Beziehung zu seiner Frau bewies er, dass Mann und Frau als spirituelle Gefährten zusammenleben können. Sein Leben war somit eine Synthese des Eheleben mit dem Leben eines Mönches.

Sarada Devi hatte in der Gesellschaft ihres Gatten ungewöhnliche spirituelle Erlebnisse. Sie sagte:  „Die Worte fehlen mir, meine wunderbaren Empfindungen zu beschreiben, wenn ich ihn in seinen verschiedenen Stimmungen beobachtete. Unter dem Einfluss göttlicher Bewegtheit sprach er manchmal über merkwürdige Themen, manchmal lachte und manchmal weinte er, manchmal verharrte er bewegungslos im Samadhi. Dies währte die ganze Nacht hindurch. Eine solche göttliche Gegenwart strahlte aus ihm, dass ich dann und wann von Furcht geschüttelt wurde und die Nacht kein Ende nahm. Monate vergingen auf diese Weise. Eines Tages aber entdeckte er, dass ich die ganze Nacht wach lag, weil ich befürchtete, dass er in Samadhi gehen würde, wenn ich einschliefe. Darauf bat er mich, im Nahabat, dem Musikturm des Kali-Tempels in  Dakshineshwar, zu übernachten.“

aus: The Gospel of Shri Ramakrishna (Das Vermächtnis)

Ende der Anmerkung

Anmerkung zu Girish Chandra Ghosh:

Girish Chandra Ghosh war einer der größten Dramatiker Bengalens, der ein eigenes Theater in Kalkutta leitete. Er war ein angesehener Dichter, Dramatiker und Schauspieler. Viele Jahre lang führte Girish ein unbekümmertes, hedonistisches und weltlich orientiertes Leben, ein kompletter Kontrast zu dem Leben eines Heiligen. Er war ein selbsternannter Freigeist, der nicht an Gott glaubte. Selbst als er Sri Ramakrishna zum ersten Mal traf, sah er nichts Besonderes in ihm. Langsam jedoch fing Ramakrishna an, sein Herz zu schmelzen und die schlafende Spiritualität in ihm zu wecken. Schließlich wurde Girish Chandra Ghosh einer von Ramakrishnas hingebungsvollsten Schülern. Eines Tages sagte Ramakrishna zu Girish: „Ich kann sehen, daß eine enorme Umwandlung in dir stattfindet. Du siehst nur dein äußeres Leben, was du nach aussen tust, aber in dir findest du soviel Göttlichkeit und Liebe zu Gott.“ Durch seinen unerschütterlichen Glauben und seine Hingabe zu Gott war Girish Chandra Ghosh in der Lage eine bemerkenswerte Umwandlung zu erfahren, zu einem aufrichtigem und hingebungsvollem Schüler Ramakrishnas zu werden. Die letzten Worte von Girish waren: „Meister, du bist gekommen. Bitte zerstöre meine weltliche Berauschtheit. Sieg für Sri Ramakrishna! Lass uns gehen.“

Ende Anmerkung

3. Gandhis Einstellung zum Brahmacharya     Top

Einer der größten Fürsprecher des Brahmacharya war Mahatma Gandhi. Die Meinung Gandhis hat deshalb besonderes Gewicht, weil er ein verheirateter Mann und Vater von 4 Kindern war, der freiwillig das Gelübde des Brahmacharya auf sich nahm und es erfolgreich erfüllte.  Er hat zwei Kapitel seiner Autobiographie dem Brahmacharya gewidmet. Gandhi verkörperte alle moralischen Werte der Wahrheit. Für ihn war Brahmacharya unerlässlich, um Wahrheit und Gewaltlosigkeit zu praktizieren. Ausserdem wies er auf die Bedeutung des Brahmacharya im sozialen Leben hin. Er beschrieb seine Erfahrungen, die das Brahmacharya auf die Kontrolle anderer Sinne, besonders auf den Geschmackssinn, hat, und welche Rolle dem Brahmacharya bei einer Diät oder beim Fasten zukommt.

4. Brahmacharya aus biologischer und soziologischer Sicht     Top

Weil die Weltreligionen sich immer stärker den Fragen der Sinneslust und der Bedeutung des Brahmacharya zuwenden, ist es lohnend, einmal die biologische und soziologische Entwicklung der Sexualität zu betrachten. Der Überlebenstrieb und der sexuelle Trieb sind die zwei stärksten Triebe im Menschen. Darwin zufolge haben wir diese Instinkte von unseren Vorfahren übernommen. Der Sexualtrieb hat seine Wurzeln in unserer vielschichtigen und ursprünglichen Erbsubstanz, die für die Fortpflanzung der Menschheit verantwortlich ist, die sich aus der asexuellen Fortpflanzung der Amöbe heraus entwickelte.

Anmerkung zur Amöbe:

Amöben sind weit verbreitete Wechseltierchen. Man findet Amöben in Gewässern, z. B. im Schlamm von Tümpeln, manche leben auch im Boden. Am leichtesten sind sie durch einen Heuaufguss zu erhalten, für den man am besten Gras von überschwemmten Wiesen nimmt, weil dort etliche Cysten (Hohlraum mit flüssigem Inhalt) mit den Dauerstadien der Amöben vorhanden sein dürften. Manche Arten leben in feuchten Böden. Amöben nehmen so lange Nahrung auf, bis eine für die Art typische Grenzgröße erreicht ist. Dann teilt sich der Zellkern in zwei identische Tochterkerne auf. Nun schnürt sich der Zellleib ein und es entsteht eine vollständige Kopie der ursprünglichen Amöbe. Es teilt sich also eine Eltern-Zelle in zwei Tochter-Zellen. Dieser Prozess der Fortpflanzung findet etwa alle 24 Stunden bei Amöben statt. Man bezeichnet diese Art der Fortpflanzung als ungeschlechtlich, da der Genbestand sich nicht verändert und nur die Individuenanzahl sich verdoppelt. Aus diesem Grund bezeichnet man die Amöbe auch als potentiell unsterblich. Geschlechtsorgänge wurden bei Amöben bisher nicht nachgewiesen.

Ende Anmerkung

Der Mensch ist aber auch ein soziales Wesen, ein „Herdentier“. Existentielle Probleme entstehen dort, wo der sexuelle Instinkt in Konflikt mit dem Herden-Instinkt gerät. In den Gesellschaften der menschlichen Urzeit, war die Konkurrenz um die Partnerin, die Hauptursache für soziale Konflikte. Dieses Problem wurde durch die Einführung der Institution der Ehe, sowie durch ihre spätere Verfeinerung und Heiligsprechung gelöst. Die Zügelung der sexuellen Triebe mit Hilfe von Richtlinien, wurde zur Norm in allen menschlichen Gesellschaften. Diese Regeln wurden durch Gesetze und durch die Religion festgeschrieben. Gleichzeitig fanden die Menschen heraus, dass die sexuelle Energie in spirituelle Energie umgewandelt werden kann. Dadurch lassen sich höhere spirituelle Zustände erreichen, die zu einer höheren Erfüllung und Lebensfreude führen. Daher ist der Mensch bemüht, sich von seiner animalischen Natur, die sich auf Essen, Schlafen, auf die Überwindung der Angst und die Erfüllung seiner sexuellen Begierden beschränkt, zu lösen, sich von seiner Sinneslust zu befreien.

Aber es gab nicht viele, die dieses erhabene Ziel anstrebten, noch war es für alle möglich, dieses Ziel zu erreichen. Als ausserdem die Sexualität zum Tabu erklärt wurde, entstanden weitere Probleme. Sexuelle Perversionen, Sexualität mit kriminellem Hintergrund, sexuelle Unterdrückung, Heuchelei, usw., waren das Resultat. Dann kam Siegmund Freud mit seiner epochemachenden Entdeckung vom Unterbewusstsein und seiner Vorstellung von der Libido, vom Es, von der Erotik, usw.. Heutzutage wird Sexualität in erster Linie als Entspannung betrachtet. Seine biologischen, moralischen, ethischen und spirituellen Aspekte dagegen, werden vernachlässigt. Heutzutage ist es möglich, Eltern zu werden, ohne jemals Sex miteinander gehabt zu haben, oder Sex miteinander zu haben, ohne jemals Eltern zu werden. Die Institution der Ehe, ihre Heiligkeit und Unantastbarkeit ist nicht mehr vorhanden. Sie ist durch neue Normen, Gesetze und Konzepte ersetzt worden, die die sexuellen Beziehungen regeln.

Die autoritären Beschränkungen des sexuellen Verhaltens, des orthodox-religiösen und puritanisch-viktorianischen Zeitalters wurde durch eine ungehinderte Sexualisation der modernen Gesellschaft ersetzt. Literatur, Malerei, Bildhauerei und die Musik wurden sexualisiert. Theater, Film und Fernsehen unterlagen ebenso diesem Einfluss. Die neuen Kommunikationsmedien, Radio und Fernsehen, brachten sowohl die erotisch-alkoholische Athmosphäre der Nachtklubs, als auch hässliche und gewaltverherrlichende Filme, sowie frivole Sexspiele in Millionen Haushalte. Die Zeitschriften und die Werbung konnten sich diesem Trend ebenfalls nicht entziehen. Selbst die Wissenschaften, besonders die Historie, Psychologie, Biologie und die Sozialwissenschaften wurden nachteilig beeinflusst. Es gibt in der heutigen Psychologie, in der Soziologie und in der Anthropologie eine viel größere Toleranz gegenüber der Sexualität. Dadurch wurde die natürliche Sexualität, durch die moderne Kultur, in eine hässliche, teilweise sogar perverse, Form, umgewandelt. Aber spirituelle Sucher betrachten das Brahmacharya immer noch als das wichtigste Mittel, um spirituelle Ziele zu erreichen.

Anmerkung Viktorianisches Zeitalter:

Das viktorianische Zeitalter wird in der britischen Geschichte als der Zeitabschnitt der Regierung Königin Viktorias von 1837 bis 1901 bezeichnet, dass von einer florierenden Wirtschaft gekennzeichnet war. Das lag vor allem daran, dass die industrielle Revolution im Bergbau und Maschinenwesen ihre Folgen zeigte und Großbritannien lange Zeit einen technologischen Vorsprung sicherte. Vor allem der Ausbau des Eisenbahnnetzes hatte weitreichende Auswirkungen. Vom zunehmendenden Wohlstand profitierte eine religiöse und moralisch gewissenhafte Mittelschicht.

Dass die Viktorianische Zeit aber keineswegs so rosa war, sieht man an der Situation der soziale Unterschicht: Etwa zwei Drittel der Bevölkerung gehörten der sozialen Unterschicht an. Deren eine Hälfte bestand aus Armen, Tagelöhnern, Häuslern (Kleinstbauern mit eigenem Haus) und anderen Menschen, die am Rande oder unterhalb des Existenzminimums lebten. Die andere Hälfte setzte sich aus Land-, Bau- und Industriearbeitern, Hausangestellten, Seeleuten und Soldaten zusammen, deren Lebensstandard stark von der Konjunktur abhing. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts gingen oft Aufstände und Plünderungen von der Unterschicht aus. Die Landarbeiter waren 1851 die größte Beschäftigungsgruppe und stellten etwa ein Viertel aller männlichen erwachsenen Erwerbstätigen dar. In vielen Regionen waren die Löhne sehr gering und die Arbeitstage lang. Oft fehlte eine feste Behausung. Die Nahrung war knapp und hing von der Region, den Ernteerträgen und der Bereitschaft der Landherren, überschüssige Lebensmittel zu spenden, ab. Oft waren Arbeiter auf ihre Kleingärten angewiesen; Wilderei war riskant. Mit dem Bau von Fabriken in ländlichen Gegenden wechselten Landarbeiter verstärkt zur Industrie.

Auch in den Fabriken waren die Arbeitsbedingungen beklagenswert. Die allermeisten Unternehmer hatten nur wenig Kapital, hingen von kurzfristigen Krediten ab und standen unter großem Konkurrenzdruck. Daher schienen akzeptable Gewinne nur mit möglichst hoher Maschinenauslastung und möglichst geringen Löhnen erzielbar. Der Arbeitstag dauerte meist zehn bis zwölf Stunden ohne Unterbrechung, in Textilfabriken bis zu 16 Stunden. Häufig gingen nicht nur Männer, sondern auch deren Frauen und Kinder arbeiten. Um die Familie zu ernähren, wurden bereits Fünfjährige mit Gewalt zu harter Arbeit gezwungen, was zu schweren Gesundheitsschäden und einem frühen Tod führte. Besonders übel waren die Bedingungen in Kohlebergwerken. Entspannung fanden viele Arbeiter im Alkohol und in gelegentlichen Prügeleien mit den Iren, die nach der großen Hungersnot verstärkt aus Irland zuwanderten.

Um von der Armut abzuschrecken, verbot das Armenrecht von 1834 staatliche Zuschüsse an Arbeitsfähige; man errichtete Arbeitshäuser. Die Depression, die bis in die 1840er Jahre andauerte, schuf jedoch eine Situation, für die das Gesetz nicht ausgelegt war. Viele verloren ihre Arbeit und verarmten. Angesichts der abschreckenden Arbeitshäuser sahen Arbeitgeber keine Notwendigkeit für Lohnerhöhungen. Ob der Lebensstandard der Arbeiter in der frühviktorianischen Zeit insgesamt stieg oder sank, ist umstritten. Die Depression der letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts erhöhte zwar die Gefahr von Arbeitslosigkeit, die Löhne jedoch blieben bei sinkenden Lebenshaltungskosten konstant, sodass sich die Situation der in Lohn befindlichen Arbeiter eher verbesserte. In den 1830er und 40er Jahren regelten mehrere Gesetze die Arbeitsbedingungen von Kindern und Frauen neu. Weitere Gesetze zur Regelung der Arbeitszeiten folgten. Entgegen kritischen Vorhersagen führten sie nicht zu Umsatzeinbrüchen, da gesündere und weniger müde Arbeiter die Produktivität steigerten. Dennoch blieb die Arbeit oftmals gefährlich. Allein 1875 starben 800 Bahnarbeiter bei Unfällen; jedes Jahr verunglückten um die 1.000 Grubenarbeiter.

Der Begriff „Arbeiteraristokratie“ bezeichnet diejenigen 10 % der Industriearbeiter und Handwerker, die eine langjährige Ausbildung hinter sich hatten, zum Beispiel Maschinenbauer. Im Gegensatz zu ungelernten Arbeitern, die mit der gesamten Familie in einem einzigen Zimmer oder Kellerraum hausten, konnten sich einige der besser bezahlten ausgebildeten Arbeiter ein kleines Reihenhaus in den Elendsvierteln mit zwei oder drei Zimmern leisten. Seit den 1840er Jahren strebten sie nach einem bürgerlichen, respektablen Lebenswandel, was sich etwa in eigenen Zeitungen und Genossenschaften ausdrückte.

Als Beispiel für viktorianische Doppelmoral wird allerdings auch oft die ausufernde Prostitution genannt, die scheinbar der oftmals gepriesenen Selbstbeherrschung und ehelichen Treue widerspricht. Tatsächlich tendierten viele Männer des Mittelstands dazu, die Heirat bis zum Aufbau einer gewissen finanziellen Sicherheit aufzuschieben und Zuflucht bei Prostituierten, deren tatsächliche Gesamtzahl schwer zu ermitteln war, zu suchen. Umgekehrt erschien die Prostitution vielen Frauen, hauptsächlich aus der Unterschicht, als Möglichkeit zur Aufbesserung des Einkommens. Nach zahlreichen Fällen von Geschlechtskrankheiten wurden in den 1860er Jahren die ärztliche Zwangsuntersuchungen bei mutmaßlichen Prostituierten angeordnet. Dies schien legitim, da „gefallene Mädchen“ als bereits verdorben galten.

Ende Anmerkung

5. Sexualität und Advaita-Vedanta     Top

Lasst uns nun betrachten, warum alle Religionen der Welt, in solch einem Ausmass, auf der Enthaltsamkeit bestehen. Das oberste Ziel aller spirituellen Bemühungen ist es, das Körperbewusstsein zu überwinden und Gottesbewusstsein zu erreichen. Da die Sinneslust die gröbste Form des Körperbewusstseins ist, ist es dem spirituellen Ziel genau entgegengesetzt. Entsprechend der monistischen Advaita-Vedante-Philosophie gibt es nur eine Seele, Brahman oder Atman. (Monismus: alles ist göttlich, im Monismus wird nicht wie beim Dualismus zwischen Gott und Natur unterschieden. Brahman ist Gott, Atman die individuelle Seele. Laut Advaita-Vedante sind sie identisch.) Es existiert keine Dualität zwischen Brahman und Atman. Alle Ideen von Dualität sind eine Illusion. Aber Sexualität kann nicht ohne Dualität existieren. Wie könnte Sexualität also zum Advaita gehören?

Anmerkung zum Advaita-Vedanta:

Mir persönlich liegt die Advaita-Philosophie schwer im Magen, besonders wenn ich immer wieder lese, wie sie missverstanden wird. Die Advaita-Philosophie ist nichts als eine Theorie, die durch nichts bewiesen ist. Niemand weiss, ob es einen Gott, eine Seele gibt. Niemand weiß, ob es eine Reinkarnation gibt. Aber viele Advaita-Sympathiesanten betrachten die Advaita-Vedante-Philosophie als die reine Wahrheit, die über jeden Zweifel erhaben ist, und nehmen sie immer wieder als Entschuldigung, um ihr sinnliches Leben zu rechtfertigen. Sie versuchen, alles mit dem Mäntelchen des Göttlichen zuzudecken (Ihr Standard-Argument lautet: „Wenn alles göttlich ist, dann ist natürlich auch die Sexualität göttlich.“), anstatt sich einmal das Leben des Advaita-Vedanta-Gründers Shankara anzusehen, für den Brahmacharcha und Meditation selbstverständlich waren. Es ist nicht wichtig, ob es Gott, den Atman oder die Reinkarnation gibt. Das einzig wichtige ist, wie man sein Leben gestaltet.

Im Advaita Vedanta gilt: „Wesentliches Charakteristikum des Advaita-Vedanta ist die Wesensidentität von Atman, der individuellen Seele, und Brahman, der Weltseele (Gott), deshalb die Bezeichnung Advaita-Vedanta (Nichtzweiheit). Hier besteht der Erkenntnisprozess des Menschen und der Weg zur Erlösung darin, diese Einheit zu erkennen. Dualität tritt demnach nur dort auf, wo Unwissenheit herrscht. Die wahre Erkenntnis, die diese Unwissenheit überwindet, führt zur Advaita-Erfahrung und damit zur Befreiung. Shankaras wichtigster Beitrag besteht in der Entwicklung des Brahman-Begriffs ohne Form und Attribute.“

Mir gefällt diese Aussage überhaupt nicht. Sie bringt zum Ausdruck, dass Befreiung über den Intellekt, durch Erkenntnis, erlangt werden könne. Dem kann ich nicht zustimmen. Befreiung ist, meiner Ansicht nach, in erster Linie ein physiologischer Vorgang, nämlich die Sublimation (Umwandlung) sexueller Energie in spiritueller Energie. Genau genommen findet natürlich ein komplizierter physiologischer Prozess statt, den niemand genau kennt. Die einzige intellektuelle Tätigkeit kann also nur darin bestehen, sein Leben nach sinnvollen spirituellen Regeln auszurichten. Alles andere macht die Natur von ganz allein. Davon auszugehen, dass Erleuchtung durch Erkenntnis, also durch intellektuelle Tätigkeit zustande kommt, ist ein Trugschluss.

Ende Anmerkung

Anmerkung Shankara:

Shankara bewertete die äußere Welt mit ihren Erscheinungen als Illusion und verabschiedete sich von der Vorstellung eines Gottes mit menschlichem Antlitz und mit menschlichen Eigenschaften. Er bezeichnete das Wesen des Brahman als das, was jenseits der Sinne liegt, als unpersönlich, formlos, ewig und unveränderlich. Shankara betont die Eigenverantwortung und die Erlösungsfähigkeit des Menschen: „Die Ketten, die uns durch unsere Unwissenheit binden, durch lustvolle Begierden und die Früchte unseres Karmas, kann niemand lösen außer wir selbst“. Er weist auch darauf hin, dass intellektuelles Streben ohne spirituelle Dimension nicht ausreicht. Immer wieder weist Shankara auf die Wichtigkeit der Überwindung der Sinne hin: “Wer mit dem Schwert der wahren Begierdelosigkeit den Haifisch der Sinneslust getötet hat, überquert das Meer dieser Welt ohne Hindernis". Die Bindung an Körper, Gegenstände oder Menschen bewertet er als verhängnisvoll für den, der nach Befreiung strebt.“

Ende Anmerkung

6.0 Die Sinneslust aus der Sicht unterschiedlicher Philosophien      Top

Entsprechend den dualistischen Schulen der Vedanta und des Jainismus, ist die Seele reines geschlechtsloses Bewusstsein. (Ich bin ein wenig überrascht, dass hier im Zusammenhang mit dem Vedanta von Dualismus gesprochen wird, wird doch zumindest das Advaita-Vedanta, der bekanntesten Form des Vedanta, als eine monistische Philosophie betrachtet.) Es kann zwischen den Seelen keinen Geschlechtsunterschied geben. Um die eigene spirituelle Natur zu verwirklichen, sollte man sich von der Idee lösen, dass man dieser Körper, dass man Mann oder Frau, ist. Der allererste Schritt dazu, besteht darin, die Sinneslust in jeder Form zu meiden.

Anmerkung Dualität:

Wie wir bereits gesagt haben, tritt Dualität im Vedante nur dort auf, wo Unwissenheit herrscht. Im Advaita-Vedanta bezieht sich der Monismus also nur auf die Identität Brahmans und Atmans. Im Dvaita-Vedanta, dem „Vedanta der Zweiheit“ dagegen ist der Atman ewig vom Brahman getrennt. Der Monismus im Advaita-Vedanta besteht also darin, dass Brahman und Atman eins werden können. Beinhaltet das Advaita-Vedanta dadurch nicht auch gleichzeitig eine duale Philosophie, da Brahman und Atman scheinbar auch getrennt sein können?

Der Jainismus dagegen wird als duale Philosophie betrachtet. Er geht davon aus, dass sich in der Welt zwei Prinzipien gegenüber stehen: Geistiges und Ungeistiges. Das Geistige beruht auf einer unendlichen Anzahl individueller Seelen (Jiva). Das Ungeistige umfasst die 5 Kategorien: Bewegung, Ruhe, Raum, Stoff und Zeit. Alles Stoffliche ist beseelt, nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Pflanzen und Wasser.

Bei vegetarismus.ch wiederum wird gesagt: Der Jainismus kennt keinen externalen (äusseren) Gott. Das Göttliche ist in jedem Lebewesen: Mensch, Tier und Pflanze (und in mikroskopisch lebenden Organismen), aber nicht in der unbelebten Materie. Es ist eine dualistische Auffassung, d. h. er unterscheidet zwischen Jiva (Seele) und Ajiva (Nicht-Seele). Jiva ist die Seele, die empfindende Energie, deren Hauptcharakteristika Bewusstheit ist, was sowohl Wissen, als auch Intuition umfasst. Ajiva ist die Materie, die nicht-empfindende Energie und besteht aus den fünf grundlegenden Faktoren, Bewegung, Ruhe, Raum, grobe Materie und Zeit. (Frage: Der Jainismus leugnet zwar die Existenz eines äußeren Gottes, wenn ich aber sage, es gibt eine Seele, gibt es dann nicht auch einen übergeordneten Gott?)

In jedem Lebewesen ist Jiva und Ajiva miteinander verbunden, denn ohne Seele wären wir tot, und ohne Materie der Körper nicht sichtbar. Die Verbindung zwischen Jiva und Ajiva wird durch Karma, dem Prinzip der Verursachung, verstärkt oder reduziert. Jeder Gedanke, jedes Wort, jede Tat erzeugt Karma, das im Jainismus als subtile Materie betrachtet wird. Schlechtes Karma, wie z.B. Gewalt, Gier, Hass verursacht stärkere Bindung als gutes Karma, z.B. das Streben nach Wissen und gute Handlungen. Je weniger wir durch Karma gebunden sind, desto mehr ist es uns möglich, unser eigenes Potential zu entfalten und nicht in Aktions-, Reaktionsmechanismen verhaftet zu sein. In der Philosophie der Jains gilt es als höchstes Ziel, alle karmischen Bindungen aufzulösen, d.h. die Lösung der Seele von der Materie zu erreichen, so dass die Seele mit dem Tod ins Moksha, in den Zustand der Befreiung eingehen kann und nicht noch einmal den Zyklus des Lebens durchlaufen muss.

Die ursprüngliche Reinheit und Allwissenheit der Seele wird durch feinstoffliche Substanzen, die als Folge von Karma eindringen, getrübt. Dies zwingt zum Verbleib im Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara), bis alles Karma getilgt ist. Eine solche Reinigung der Seele wird im Jainismus durch sittliche Lebensweise und strenge Askese erreicht. Ist eine Seele von allen Verunreinigungen befreit, so steigt sie in den höchsten Himmel auf, um dort in ruhiger Seligkeit zu verharren. Dieses Stadium erreichen jedoch nicht alle Seelen. Die sogenannten unfähigen Seelen können aufgrund ihrer natürlichen Veranlagung nie aus Samsara befreit werden.

Ich stelle mir gerade die Frage, ob man den Monismus und Dualismus wirklich so streng voneinander trennen kann? Andererseits sollte man sich vielleicht auch einmal die Frage stellen, ob diese Philosophien nichts als reine Theorien sind, die versuchen, das Unerklärbare zu erklären? Wer sagt denn, dass es Gott, Seelen und die Wiedergeburt gibt? Sollte man diese ganzen Philosophien nicht einfach zum Teufel jagen, falls es den gibt?

Bei Peter Möller lesen wir: Ein persönlicher Gott, der etwa den Einzelseelen übergeordnet wäre, existiert im Jainismus nicht. Die Seele besitzt die Anlage zu Allwissenheit, moralischer Vollkommenheit und ewiger Glückseligkeit. Sie kann diese Anlage jedoch nicht entfalten, da sie mit Materie durchsetzt, infiziert ist. Dadurch wird die Seele zu einem sterblichen?, mit einem materiellen Leib behafteten Lebewesen. Erlösung ist nur dadurch möglich, daß die Materie aus der Seele entfernt wird. Dies wird erreicht durch einen asketischen, tugendhaften Lebenswandel. Weiter ist bei Peter Möller zu lesen, dass man offensichtlich auch noch zwischen dem idealistischen (die das Bewußtsein, den Geist oder die Idee als das Primäre der Welt bzw. des Seins betrachtet) und dem materialistischen (die die Materie bzw. die körperlichen Dinge als das Primäre der Welt bzw. des Seins betrachtet) Monismus unterscheidet.

Ende Anmerkung

Anmerkung zur Brahman-Atman-Lehre:

Sehr interessant ist auch was Peter Möller über die Brahman-Atman-Lehre schreibt:
1. In der brahmanischen Religion (die vor der Gründung des Hinduismus durch die indo-arischen Eroberer Indiens bestand) ist Gott keine Person, das heißt kein Über-Mensch, sondern eine unpersönliche geistige Kraft. (Der Hinduismus hat dann später aus Brahman einen persönlichen Gott gemacht.)

2. In der brahmanischen Religion gab es keine ewige Fortexistenz der individuellen Einzelseelen. (Einige Spielarten des Hinduismus glauben allerdings daran.)

3. Die Welt nur als Trugbild, Illusion etc. abzutun (wie dieses z.B. bei Shankara geschieht), halte ich für falsch. Denn in meinem praktischen täglichen Leben ist die Welt mit ihrer Vielheit trotz allem Philosophierens nun einmal sehr real.

4. Ein kritischer Punkt der Karmalehre ist, daß sie Sozialpolitik erschwert bzw. unmöglich macht, wenn die missliche Lebenslage von Menschen und anderer Lebewesen als ein Produkt ihrer bösen Taten in früheren Inkarnationen angesehen wird.
Weiter lesen wir bei Peter Möller:

Brahman: Ursprünglich Gebet, Zauberspruch beim Opfer. Im Brahmanismus wandelt sich seine Bedeutung vom Gebet zum Objekt des Gebets, zum allgemeinen schöpferischen Weltprinzip, zum Urgrund allen Seins, zur Weltseele. Brahman steht hinter oder jenseits aller Erscheinungen, jenseits von Raum und Zeit, jenseits von gut und böse. Brahman umschließt alles. Aus Brahman ist alles hervorgegangen und in Brahman kehrt alles zurück. Erst im späteren Hinduismus wird aus dieser unpersönlichen geistigen Kraft, einem Neutrum, der persönliche, männliche Gott Brahman.

Atman: Ursprünglich (Lebens)Hauch, Atem (sprachlich mit diesem Wort verwandt). Die Einzelseele. Atman ist das einzig wahre Sein, das wahre Selbst des Menschen, das hinter allen konkreten Formen und Bewußtseinsinhalten des Menschen steht (so wie Brahman hinter allen konkreten Formen der Welt), das bei allen Veränderungen der Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle unveränderlich bleibt. Wenn man den Körper wegdenkt und von dem verbleibenden Bewußtsein alles Wollen, Denken, Fühlen, Begehren und Erinnern abrechnet, dann kommt man ungefähr zu dem, was Atman ist. (Vielleicht soetwas, wie Bewußtsein ohne jeden Inhalt. Aber Bewußtsein ohne Inhalt ist mir nicht vorstellbar.) Atman ist der im Menschen verborgen ruhende göttliche Urgrund. (Das „unerschaffene Seelenfünktlein“, wie Meister Eckhart es nannte.)

Brahman und Atman sind eines: Das kosmische Prinzip Brahman und das psychische Prinzip Atman sind völlig wesensgleich (aham brahma asmi = ich bin Brahman). Es gibt überhaupt nur eine wahre Wesensheit in der Welt, die im Weltganzen betrachtet, Brahman, im Einzelwesen erkannt, Atman heißt. Das Weltall ist Brahman, Brahman aber ist der Atman in uns.

Erkenntnis: Die Erkenntnis, daß Brahman und Atman eines ist, ist die höchste Wahrheit. Sie ist allerdings nicht mit dem Verstand begreifbar, sondern nur in mystischer Ekstase erlebbar. Wahrheit kann nicht mit dem Verstand erkannt werden. Sie ist überhaupt nur wenigen Menschen zugänglich und auch diesen nur nach einem langen Prozeß der Selbstdisziplin, Entäußerung, Askese, Auferlegung von Anstrengungen und Qualen, völliger Abziehung der Aufmerksamkeit und des Wollens von der äußeren Welt etc.

Mokscha: Erlösung. Da das Leben als Leiden angesehen wird, gilt die immerfortige Wiedergeburt nicht als erwünscht. Erstrebenswert ist, durch richtigen Lebenswandel und damit durch die Erkenntnis der Wahrheit, die Kette der Wiedergeburten zu durchbrechen, die individuelle Existenz zu überwinden und in Brahman aufzugehen, wie ein Fluß im Meer aufgeht. Dafür ist notwendig, daß alle Taten vergolten sind, kein Karman mehr übrig ist, das zur Wiedergeburt drängt.

Ende Anmerkung

Anmerkung zur Physiologie spiritueller Vorgänge

Nun soll die „Erleuchtung“ einmal aus physiologischer Sicht betrachtet werden. Was passiert, bei der Meditation, wenn der Verstand zum Schweigen kommt? Dieses Schweigen ist ein physiologischer Zustand. Der Verstand kommt dann zum Schweigen, wenn durch kontemplative Methoden (Beten, Meditation, Zen, Autogenes Training, u.a.) 1. im Stirnbereich des Gehirns ein Aktivitätsanstieg stattfindet und 2. im Parietallappen (etwa von der Kopfmitte bis zum oberen Hinterkopf), eine Verminderung der Gehirnaktivität stattfindet. Durch die Abnahme der Gehirnaktivität im Scheitellappen verlieren die Meditierenden oder Betenden den Sinn für das Selbst, die Ich-Identität und erfahren sehr oft ein Gefühl von Raum- und Zeitlosigkeit. Der Scheitellappen scheint am Höhepunkt der Meditation immer weniger mit Blut versorgt zu werden. Er wird sozusagen abgeschaltet. Der Scheitellappen gibt uns Orientierung in Raum und Zeit und verleiht uns ein Gefühl für unseren Körper. Wird dieses Areal still gelegt, können wir nicht mehr zwischen unserem Körper und der äußeren Welt unterscheiden. Es entsteht der Eindruck, als würden wir mit der Welt verschmelzen. Dieses Gefühl spielt bei vielen Religionen eine entscheidende Rolle.

Der amerikanische Hirnforscher und Religionswissenschaftler Andrew Newberg hat an der University of Pennsylvania mit einer radioaktiven Markierungssubstanz und einem speziellen Computertomografen die neurophysiologischen Auswirkungen zweier traditionsreicher spiritueller Praktiken auf die Hirnaktivität sichtbar gemacht. Und ist dabei auf interessante Befunde gestoßen. Sowohl bei meditierenden tibetanischen Buddhisten im Zustand des „Einsseins mit dem Kosmos“ wie auch bei tief im Gebet versunkenen Franziskanernonnen ging die Durchblutung des Scheitellappens drastisch zurück. Ein Hirnareal, das sonst unentwegt rattert, verstummt in der Stille der Versenkung. Dies ist insofern bedeutsam, als sich in diesem Hirngebiet auch das Orientierungsareal befindet, also jene Nervenzellverbände, die normalerweise Informationen über Zeitabläufe und räumliche Orientierung verarbeiten. Aufgrund der Reizblockade im oberen Teil des Scheitellappens wäre es somit durchaus erklärbar, dass sich das subjektive Erleben bei der spirituellen Versenkung gänzlich in der Raum- und Zeitlosigkeit (in der Leere) verliert. In derartigen Transzendenzzustände meint der spirituell Entgrenzte, die Unendlichkeit in Erhabenheit zu berühren.

Franziskanerschwester Celeste, eine der Versuchsteilnehmerinnen in der Studie des Neurologen Newberg, erklärte dem Nachrichtenmagazin Newsweek, was sie während ihres dreiviertelstündigen Gebets vor der Tomografiemessung empfand: „Ich fühlte Einkehr, Frieden, Offenheit zur Erfahrung. Da war eine Bewusstheit und eine Empfindsamkeit für die Anwesenheit Gottes um mich herum. Und ein Gefühl der Zentriertheit, der Ruhe, des Nichts; aber auch Momente der Fülle der Anwesenheit Gottes. Gott hat mein Sein durchdrungen.“ Da buddhistische Meditationsmeister und Franziskanernonnen gemäss der Newberg-Studie in hirnphysiologisch vergleichbaren Endzuständen landen, scheint es für das Hirn also keinen Unterschied zu machen, woran wir glauben.

Damit soll gesagt werden, wenn der Verstand schweigt, dann schweigt er also nicht aus Zufall, sondern weil ein physiologischer Prozess ihn zum Schweigen bringt. Dahinter stehen natürlich irgendwelche Neurotransmitter, oder anders ausgrückt körpereigene Drogen, die übrigens nicht süchtig machen, da sie gleich nach ihrer Interaktion mit dem Rezeptor abgebaut werden. Und eigentlich schweigt der Verstand nicht wirklich, weil der Stirnbereich hoch aktiv ist. Nur der Scheitellappen kommt zur Ruhe.

aus: Ein Gefühl schöner als Glück

Ende Anmerkung

7. Ist die sexuelle Lust die höchste Lust?     Top

Das Ziel des von Patanjali begründeten Yogas, ist die Verminderung der Gedankenwellen, die an der Oberfläche des Gehirns entstehen. Diese Gedankenwellen können durch äussere Anregungen, durch die Sinne oder durch das Unterbewusstsein in Form von Erinnerungen, Phantasien und Wünschen, empfangen werden. Wie uns Sigmund Freud gezeigt hat, können die unbewussten Eindrücke sehr tief sein. Die Wurzeln der sexuellen Begierden, sind in der Tat, sehr tief in uns verborgen. Wenn es uns nicht gelingt, sie vollkommen zu beseitigen, dann wird es keine perfekte Meditation und keine Erleuchtung geben. Patanjali's Yoga-Sutras beschreiben fünf Geistesgifte, die die Ursachen unserer Leiden sind. Eines dieser Geistesgifte ist das Gefühl, das uns an Objekte, Tätigkeiten und Personen bindet, die uns Vergnügen bereiten. Die Sinneslust ist ein solches Gefühl, da sie uns kurzzeitig sexuelle Ekstase bereitet. Die Ursache allen Leids ist die Unwissenheit oder Ignoranz. Die Überwindung der Sinneslust hilft uns, die Unwissenheit abzuschwächen. Man kann die Sinneslust aber nur überwinden, wenn die Unwissenheit vollständig beseitigt ist.

Entsprechend der Tantra-Philosophie, ist Brahmacharya (sexuelle Enthaltsamkeit) notwendig, um die Kundalini, die Energie, der göttlichen Shakti, die im unterstem Energiezentrum, dem Basischakra (Muladhara) ruht, zu wecken. Ist die Kundalini geweckt, dann steigt sie aufwärts und durchläuft fünf weitere Chakren, um sich im höchsten Energiezentrum, dem Kronenchakra (Sahasrara), mit dem höchsten Geist, Brahman, zu vereinen. Bei einem normalen Menschen verweilt die Kundalini in den drei untersten Chakren, dem Basischakra (Muladhara), Sakralchakra (Swadhishthana = Sexualchakra) und dem Solarplexuschakra (Manipura), die identisch mit Schlafen, Essen und der Zeugung sind. Die Kundalini-Shakti bleibt dann auf diese drei Zentren begrenzt. Dieses Konzept hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Freud's Konzept der drei Ebenen der Libido (dem Geschlechtstrieb): oral, anal und genital.

Im allgemeinen wird geglaubt, dass der Mensch das grösste Glück durch die Sexualität erfahren kann. Ein Kind allerdings, dessen Sexualität noch nicht erwacht ist, leitet seine Sinnesfreuden nicht aus der Sexualität ab. Vielmehr empfindet es Lust am Essen. Der Mund ist das Zentrum seiner Lust. Die Sexualität ist nach dem Essen also das nächste Zentrum in der Entwicklung der sinnlichen Lust. Könnte es nicht weitere Zentren der Lust geben? Die Tantras erklären, dass dieses tatsächlich der Fall ist. Das Herzchakra (Anahata), das Kehlkopfchakra (Vishuddha), das Stirnchakra (Ajna) und das Kronenchakra (Sahasrara) sind solche höheren Zentren. Es ist also ein grosser Fehler zu glauben, dass uns das sexuelle Vergnügen den maximal möglichen Genuss verschafft. Alle Heiligen und Weisen bestätigen uns durch ihre persönliche Erfahrung, dass das Vergnügen grösser und grösser wird, um so mehr man die höheren Energiezentren aktiviert, sie öffnet, sie zum Erblühen bringt. Es wird gesagt, dass dann, wenn die Kundalini das höchste Chakra erreicht und sich das Kronenchakra öffnet, man eine Seligkeit erfährt, die weit höher als die sexuelle Lust ist, und die in jeder Zelle des Körpers vibriert. Alle weltlichen Freuden erscheinen dagegen unbedeutend. Es wird gesagt, dass das sexuelle Vergnügen nicht einmal ein sechzehntel der Freude ausmacht, die man erlangt, wenn man alle sinnlichen Wünsche aufgibt.

8. Warum hat die Sexualität solch eine Bedeutung?     Top

Etymologisch (die Etymologie ist die Sprachwissenschaft, die die Herkunft und Bedeutung der Wörter ergründet) bedeutet das Wort Brahmacharya, in etwas eingehen, mit etwas zu verschmelzen, die Identität mit Brahman, dem höchsten Geist, herzustellen. Vyasa, der Kommentator der Yoga-Sutras dagegen, verstand unter Brahmacharya, die Kontrolle der Sexualität und die Aufgabe jeglicher Sinneslust. Darunter verstand er nicht nur die körperliche Enthaltsamkeit von allen sexuellen Genüssen, sondern auch die Verwirklichung von geistigem Brahmacharya, die das Denken, Sehen, Sprechen, Beobachten und sich Hingeben an erotische Gedanken beinhaltet. Brahmacharya kann also verschiedene Dimensionen besitzen: feinstoffliche, übersinnliche und geistige, aber auch grobe, körperliche und psychologische. Die Sexualität spielt im Leben der meisten Menschen solch eine dominierende Rolle, dass man einmal über ihre soziale Bedeutung nachdenken sollte. Seit der Forderung Siegmund Freud's, sich von der sexuellen Unterdrückung zu befreien, und der konsequenten Sexualisierung der westlichen Kultur, haben die sozialen Dimensionen der Sexualität einerseits, und das Brahmacharya andererseits, einen wesentlich grösseren Stellenwert erhalten.

Wir stimmen nicht mit der Ansicht Siegmund Freuds überein, dass die Sexualität die stärkste Antriebskraft im Menschen ist, und dass die vollkommene sexuelle Entwicklung das Ziel sein kann, um einen psychisch gesunden Menschen zu erhalten. Aber wir müssen zugeben, dass Freud uns mit tiefen Einblicken ins Unterbewusstsein vertraut gemacht hat. Die Wurzeln der Sinneslust sind in der Tat tief in uns verborgen. Selbst Krishna hat es bei seiner Beantwortung einer Frage Arjunas angedeutet. Er beschreibt nicht nur die Energie der Sinneslust, sondern er beschreibt in einer eingehenden Analyse auch die drei Quellen, der die Sinneslust entspringt. Arjuna stellte Krishna die Frage: „Durch welche Kraft wird der Mensch eigentlich angetrieben, sich der Sünde hinzugeben, obwohl er ihr eigentlich abgeneigt ist?“

Der gesegnete Krishna antwortete: „Es sind die Wünsche, es ist unser Zorn, der zügelose Appetit der Leidenschaften, die aus der inneren Unruhe heraus geboren werden und uns zur Sünde verleiten. Wir sollten sie als unsere Feinde betrachten. Das Wissen wird von diesem Feind, wie ein unersättliches Feuer, mit dem Wunsch nach Sinneslust überschattet. Die Sinne, die Psyche und der Verstand sind der Ursprung unserer Leidenschaft. Übernehmen sie die Kontrolle, dann rufen sie in uns die Sinneslust hervor.“ Krishna zufolge, sind die Wünsche, besonders die Sinneslust, sehr mächtig. Sie können sogar einen intelligenten Menschen überwältigen. Die Wünsche haben drei Quellen, der sie entspringen, d.h. sie ruhen und entspringen drei unterschiedlichen Ebenen. Es ist verständlich, dass der Mensch durch seine Sinne genießen möchte. Aber die Sinneslust ruht auch in seiner Psyche. Das heisst, dass das Individuum auch durch seine Phantasie, durch seine Erinnerungen und seine psychischen Fähigkeiten, geniessen kann. Der dritte Sitz der Sinneslust, der Intellekt, ist der bedeutendste und tiefste. Der Intellekt ist eine Funktion des Verstandes, der zu festen Schlussfolgerungen und Entscheidungen kommt, die später die Form des Glaubens und der Überzeugungen annimmt, die unser Denken und Handeln beeinflussen.

Was bedeutet es also, dass der Intellekt, der Hauptsitz der Sinneslust ist? Wenn jemand durch Erfahrung, Überlegung oder durch einen falschen Glauben, zu der Überzeugung gelangt, dass es gut ist, dem Sex zu frönen, dass es der Gesundheit, dem Frieden und dem Glück dient, dass es das einzig wahre Ziel des Lebens ist, seine Sinneslust auszuleben, dann wird dieser Wunsch ganz fest ins Gehirn eingraviert. Es ist leicht, die Sinne zu kontrollieren. Man könnte sich mit ein wenig Anstrengung, aller sinnlichen Phantasien, Erinnerungen und Gedanken enthalten.  Aber es ist sehr viel schwieriger, die Sinneslust zu besiegen, wenn sie erst einmal in Form einer festen Überzeugung, Wurzeln in unserem Verstand geschlagen hat. Daher riet Krishna Arjuna, die Sinneslust bereits in ihrem Ursprung zu kontrollieren. Darum sagte Krishna zu Arjuna: „Erkenne das göttliche Selbst, das jenseits des Verstandes ist und kontrolliere den Intellekt, durch das göttliche Selbst und besiege dadurch deine Wünsche, deine Sinneslust.“

Anmerkung Göttliches Selbst:

Das Göttliche Selbst ist nur für den von Bedeutung, der religiös ist. Yoga ist aber nicht zwangsläufig an religiöse Vorstellungen gebunden.

Ende Anmerkung

Es ist wichtig, den Mechanismus der Sinneslust gründlich zu verstehen, wenn jemand Brahmacharya praktizieren möchte. Im Katha Upanishad (philosophische Schriften, 700 v.Chr. bis 200 v.Chr.) erhalten wir das Konzept der Shreyas und Preyas. Shreyas bedeutet, dass etwas langfristig von Vorteil ist. Preyas ist das, das nur für einen kurzen Moment Freude und Vergnügen bereitet, das langfristig aber schädlich ist. Die Menschen werden normalerweise von dem angezogen, was ihnen Vergnügen bereitet. Dass die Sinneslust die grösste Anziehungskraft besitzt, braucht nicht betont zu werden. Aber nur sehr wenige Menschen wissen und verstehen, dass es zum Ruin des Menschen führen kann, wenn die Sinneslust nicht kontrolliert wird. Wenn jemand davon überzeugt ist, dass die Sexualität für ihn heilsam ist, dann wird er nicht darüber nachdenken, sie zu überwinden. Aber heutzutage wird die Ansicht, dass die Sinneslust heilsam sei, mit Hilfe der Medien in aller Welt verbreitet.

9. Brahmacharya aus der Sicht des Ayurveda     Top

Von den fünf Yamas, den fünf moralischen Werten des Rajayoga (Gewaltlosigkeit, Ehrlichkeit, Nichtstehlen, Brahmacharya (Enthaltsamkeit), Unbestechlichkeit) hat allein Brahmacharya eine physiologische Komponente, das durch die indische Medizin, dem Ayurveda, studiert wurde. Entsprechend Ayurveda gibt es sieben Dhatus, sieben Elemente, im menschlichen Körper.

Die sieben Dhatus:

1. Rasa = Nährstoffe
2. Rakta = Blut, Hämoglobinanteil des Blutes
3. Mamsa = Muskeln, Muskelgewebe
4. Meda = Fett, Fettgewebe
5. Asthi = Knochen, Knochengewebe
6. Majja = Knochenmark und Nerven
7. Shukra = Samen (weiblich: Eizelle)

Die Nahrung, die wir essen, wird verdaut, in seine Nährstoffe (Rasa) umgewandelt, die vom Körper aufgenommen werden. Rasa wird in Blut, Blut in Fleisch, Fleisch in Fett, Fett in Knochen, Knochen in Mark und Mark in Samen (Eizellen), umgewandelt. Entsprechend dieser Theorie entspricht Samen dem 7. Dhatu, dem wichtigsten und am stärksten verfeinertem Dhatu. Der Samen (die Eizellen) ist (sind) also die Essenz aller sechs vorhergehenden Dhatus. Folglich kann man seinen Verlust als einen großen Verlust betrachten. Wird der Samen dagegen bewahrt, dann wird er vom Körper aufgenommen und in Ojas (spirituelle Energie) umgewandelt. Ojas ist noch subtiler (feiner) als der Samen. Ojas besitzt einen physischen, als auch einen feineren geistigen Aspekt. Es ernährt nicht nur den Körper, sondern auch das Gehirn und das Nervensystem. Es verleiht dem Menschen Charm und körperliche Ausstrahlung, es schärft den Intellekt, erhöht das Gedächtnis, verleiht ihm Heiterkeit, Gelassenheit und Seligkeit.

Entsprechend Ayurveda würde folglich ein übermäßiger Verlust des Samens, durch sexuelle Befriedigung, zur Schwächung der vorhergehenden sechs Dhatus (Nährstoffe, Blut, Muskeln, Fett, Knochen, Knochenmark) führen, da die Energie hauptsächlich für die Erzeugung neuer Samenzellen (Spermien) benötigt wird. Ausserdem würde es die Produktion von Ojas (spiritueller Energie) vermindern. Es wird daher ausdrücklich empfohlen, den Samen nur zur Zeugung zu nutzen und ihn nicht andersweitig zu vergeuden. Gibt es irgendwelche Entsprechungen dieser Theorie in der modernen Physiologie? Wahrscheinlich nicht. Es ist schwierig, für diese Theorie des Ayurveda in der schulmedizinischen Physiologie entspechende Bestätigungen zu finden. Beide Systeme, sowohl die moderne Schulmedizin, als auch Ayurveda, haben ihre eigenen Theorien und Konzepte, die völlig unterschiedlich zu einander sind und es gibt keinen vernünftigen Grund, ein Konzept mit Hilfe des anderen zu bestätigen.

Entsprechend der modernen Physiologie wird das periphere Nervensystem des Menschen durch zwei Nervensysteme, nämlich durch das somatische Nervensystem und das vegetative Nervensystem (autonomes Nervensystem), geregelt. Das periphere Nervensystem umfasst den Teil des Nervensystems, der außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks liegt. Das somatische Nervensystem steht unter der Kontrolle des Menschen. Es regelt die Motorik (Bewegung), die Oberflächensensibilität (Tastsinn) und die Tiefensensibilität (Eigenwahrnehmung des Körpers). Das autonome Nervensystem besteht aus zwei Komponenten, dem sympathischen (Sympathikus) und dem parasympathischen Nervensystem (Parasympathikus). Die Autonomie des vegetativen Nervensystems (VNS), bezieht sich auf den Umstand, dass über das VNS biologisch festliegende, automatisch ablaufende innerkörperliche Anpassungs- und Regulationsvorgänge ablaufen, die deswegen vom Menschen willentlich nicht direkt, also allenfalls indirekt beeinflusst werden können. Die meisten Organe werden von beiden Systemen, also vom Sympathikus, als auch vom Parasympathikus, gesteuert, die antagonistisch (mit entgegengesetzter Wirkung) wirken und dadurch eine äußerst feine Regulation der Organtätigkeit ermöglichen.

Sowohl der Sympathikus als auch der Parasympathikus werden im hohen Grade während des Geschlechtsverkehrs angeregt. Wann immer wir emotional beunruhigt sind, sei es durch Zorn, Angst oder in sexueller Erregung, wird das autonome Nervensystem aktiviert. Das Herz fängt an, schneller zu schlagen, die Atmung wird schnell und unregelmäßig, es bildet sich Schweiß und die Speichelabsonderung nimmt zu oder ab. Solche wiederholten unnatürlichen Aufregungen des autonomen Nervensystems, sowie des Herz-Kreislaufs-Systems und der Atmung, können dauerhafte Schäden dieser Organe nach sich ziehen.

Es ist bekannt, daß die Samen-Flüssigkeit, das Ejakulat, Absonderungen der Prostata enthält, die an der Unterseite der urinausscheidenden Blase zu finden ist. Dieses prostataische Drüsensekret enthält Phosphate, von denen nachgewiesen worden ist, dass sie nützlich für die Gehirntätigkeit sind. Glycerin-3-Phosphat wird häufig als Gehirnstärkungsmittel benutzt. Außerdem produziert die Prostata Chemikalien, die Prostaglandine (Gewebshormone) genannt werden, die eine große Vielfalt an entzündungshemmenden und schützenden Effekten auf verschiedene Organe des Körpers haben. Synthetische (künstliche) Prostaglandine werden heutzutage flächendeckend als entzündungshemmende, anti-arthritische (Gelenkerkrankungen) Arzneimittel benutzt. Es scheint, daß die Absonderung der natürlichen Prostaglandine, der Methode von Mutter Natur entspricht, den Körper gegen eine große Anzahl von Entzündungen zu schützen und den natürlichen Widerstand des Körpers zu unterstützen.

In welchem Ausmass der Verlust des Samens das natürliche prostaglandin-regelnde System beeinflußt und zum Verlust der natürlichen Phosphate führt, und ob solch ein Verlust für die körperliche und geistige Gesundheit eines Mannes von Bedeutung ist, ist schwierig zu sagen. Aber wenn die oben genannten Tatsachen zutreffen, dann kann davon ausgegangen werden, dass häufige sexuelle Befriedigung, und damit einhergehend, ein übermässiger Samenverlust, die körperliche und geistige Gesundheit eines Mannes beeinflussen. Ojas dagegen entwickelt, in Begriffen der modernen Physiologie ausgedrückt, die Fähigkeit, größeren körperlichen und geistigen Stress besser zu ertragen.

Es gibt viele andere Wege, durch die diese Chemikalien verloren oder gewonnen werden können. Entsprechend der Philosophie des Ayurveda, kann Ojas auch durch viele andere Arten als durch Sexualität verloren gehen. Es bleibt festzuhalten, dass bei Frauen die Eizelle die Rolle übernimmt, die bei Männern die Samenzelle spielt. Es ist aber unvernünftig, zu großen Wert auf die physiologischen Aspekte des Brahmacharya zu legen. Jedoch kann eine Tatsache nicht bestritten werden. Häufige sexuelle Befriedigung führt zur Aufregung des Herz-, Atmungs- und Nerven-Systems. Kein Yogaschüler, der eine tiefe, langanhaltende Meditation anstrebt, sollte sich solch einer Aufregung aussetzen. Durch entsprechende Praxis ist es möglich, längere Zeit unbeweglich in einer Meditationshaltung zu verbringen. Aber ohne Brahmacharya ist es unmöglich, längere und tiefere Meditationen zu erfahren.

Calcium- und Phosphormangel durch Samenerguss

Bei Lebensstrom fand ich:


Die wenigsten wissen um die chemischen Vorgänge beim Geschlechtsverkehr, genauer gesagt, beim Samenerguss, sei er willkürlich herbeigeführt oder als Pollution im Schlaf auftretend. Man hat festgestellt, dass der menschliche Same nicht nur die Hormone der Geschlechtsdrüsen (Hoden) enthält, sondern auch Nährstoffe wie Lecithin, Phosphor, Calcium, Eisen und Vitamin E, sowie Cholesterin. Die chemische Zusammensetzung ist ähnlich wie die des Nerven- und Hirngewebes.

Dr. Raymond Bernard schreibt darüber: „Lorand weist darauf hin, dass Überaktivität der Geschlechtsdrüse mit starker Ausscheidung von Phosphor und Calcium verbunden ist. Während der Pubertät entsteht ein ähnlicher Calcium- und Phosphormangel im Blut, weil unter dem Einfluss des Wachstumshormons die Knochen wachsen und sich das Skelett streckt. Gerade diese beiden Stoffe werden dem Körper durch Samenerguss entzogen.“

Havelock Ellis hat die Beobachtung gemacht, daß frühzeitig und ausgiebig Masturbierende im Wachstum zurückbleiben. Der junge Organismus wird über Gebühr beansprucht, bevor er voll entwickelt ist. Laut McCallum und Voegtlin führt Calciumentzug aus den Nervenzellen zu Übererregbarkeit, die nur durch erhöhte Calciumzufuhr beigelegt werden kann. Da beim Samenerguß viel Calcium verlorengeht, erklären sich einerseits die nervösen Symptome und andererseits die schwere Müdigkeit nach dem Orgasmus. Das gleiche gilt für den Phosphorverlust. Phosphor ist wesentlich für die Ernährung der Nerven- und Hirngewebe, und ausgesprochener Mangel kann Neurosen und Psychosen verursachen.

10. Einige Methoden des Brahmacharya     Top

Da die Sinneslust verschiedene Quellen hat, aus denen sie gespeist wird, die Sinne, die Psyche und den Verstand, sollte die Praxis des Brahmacharya von verschiedenen Ebenen aus erfolgen. Sri Krishna rät Arjuna in der Bhagavad Gita zuallererst die Sinne zu kontrollieren: „Darum solltest du zuerst deine Sinne kontrollieren und diesen Feind, den Zerstörer des Wissens und der Selbstverwirklichung, zu besiegen.“ Um nicht in Versuchung zu geraten, sollte man Leute, Plätze, Tätigkeiten und Situationen meiden, die lüsterne Gedanken anregen könnten. In der spirituellen Kriegsführung, ist der Flug über diesen tödlichen Feind, die Sinneslust, die beste Möglichkeit, ihn zu besiegen. Seien wir also nie zu selbstbewusst. Wir sollten die Sinneslust niemals unterschätzen.

Einige Beschränkungen in der Ernährung, können außerdem helfen, die Anziehungskraft der turbulenten Sinne, zu vermindern. Mahatma Gandhi praktizierte verschieden Diäten und war der Meinung, daß gelegentliches Fasten hilft, die Sinneslust zu überwinden. Die Kontrolle des Gaumens wird häufig unterschätzt und oft nicht so praktiziert, wie sie sein sollte. Dann gibt es einige Yogaübungen, die, obwohl sie sehr wirkungsvoll sind, den Nachteil haben, das sie das Körperbewusstsein, und damit die Sinneslust, fördern. Man sollte also prüfen, ob die eine oder andere Yogaübung der eigenen spirituellen Entwicklung im Wege steht.

Wie wir wissen, befürwortete Sri Ramakrishna keine Yogaübungen. Er riet sogar seinem Schüler Yogen, der sich auch Yogindra und später Swami Yogananda nannte, davon ab, Yogaübungen zu praktizieren. (Swami Yogananda sollte nicht mit dem später berühmten Yogi Paramahansa Yogananda verwechselt werden, denn der wurde erst 1893, sieben Jahre nach Ramakrishna's Tod, geboren. Der Yogananda, von dem hier die Rede ist, ist ein Schüler Ramakrishnas, der bereits 1861 geboren wurde. Er war ein reicher Aristokrat, seiner Natur nach vornehm und zurückhaltend, und der erste Schüler, der von Ramakrishnas Frau Sarada Devi initiert wurde. Unter der Initiation versteht man die vollständige Aufnahme des Schülers durch den/die Meister/in) Stattdessen empfahl er Yogen die Mantrameditation, von der dieser schon sehr bald profitierte. Ramakrishna bat andere seiner Schüler, über die göttliche Mutter Kali zu meditieren, bevor sie einschliefen. Er riet seinen Schüler Latu, an ihn selber zu denken, falls unreine Gedanken in ihm aufstiegen. Alle diese Techniken haben im allgemeinen den Sinn, sich mit dem Göttlichen zu vereinen. (Anmerkung: Dem kann ich nicht zustimmen. Um Yoga zu praktizieren, bedarf es keiner religiösen Orientierung, auch wenn Ramakrishna dieses selbstverständlich anders sah.)

Es soll daran erinnert werden, dass die Sinneslust nicht außerhalb unseres Körpers stattfindet. Sie findet in unserer Psyche statt. Folglich ist es wichtig, unsere Einstellung dem anderen Geschlecht gegenüber zu überprüfen. Seinem Schüler Swami Vijnanananda gab Sri Ramakrishna die Empfehlung, den Kontakt mit Frauen gänzlich zu vermeiden. Anderen erklärte er, Frauen als die Verkörperung der göttlichen Mutter zu betrachten. Im indischen Epos Ramayana, sagt Narada in seiner Hymne an Sri Rama, dass alle Männer Gott Rama verkörpern und alle Frauen die Göttin Sita. Diese Haltung ist sehr hilfreich, wenn wir unser lüsternes Schauen auf das andere Geschlecht verändern wollen. Die Lösung des Problems liegt vielleicht darin, die anderen als sexlose, reine und selige Seelen, und nicht als männliche und weibliche Körper, zu betrachten. Leider ist es nicht so einfach und erfordert ein beharrliches und ausdauerndes Bemühen.

Diese sind einige der Methoden die in der Praxis des Brahmacharya angewendet werden. Anpassungen und Veränderungen sollten entsprechend dem Individuum und seinen speziellen Lebensumständen vorgenommen werden. So hat Ramakrishna verheirateten Leuten empfohlen, als Brüder und Schwestern zu leben, nachdem sie ein oder zwei Kinder gezeugt haben. Er wußte, daß nicht alle Menschen in der Lage sind, vollkommenes Brahmacharya zu praktizieren. Deshalb machte er für Verheiratete einige Zugeständnisse. Es gibt ähnliche Regeln, in allen Religionen, die das Sexualleben der verheirateten Verehrer regelt. Das Befolgen dieser Regeln ist weitaus wichtiger, als das Gelübte des absoluten Brahmacharya, das nur von den Mönchen eingehalten werden sollte. Es ermuntert, zu sehen, dass viele verheiratete Paare, angespornt durch das Vorbild Ramakrishnas und seiner Frau Sarada Devi versuchen, Brahmacharya bereits in der Ehe zu praktizieren und sich bemühen, das Sakrament der Ehe, in einen heiligen Stand zu erheben.

11. Die sexuelle Revolution     Top

Nach den Aussagen des russischen revolutionären Soziologen Pitrim Sorokin (1989 bis 1968), dem Gründes des ersten soziologischen Lehrstuhls an der Universität Petrograd, der später in die USA emigrierte und 1930 den ersten soziologischen Lehrstuhl an der Universtät Harvard gründete, gibt es eine seltsame, undefinierte Revolution, die in der modernen Zeit stattfindet. Diese Revolution betrifft nur das Individuum und geht von keiner Armee und von keinem Bürgerkrieg aus. Und dennoch wird diese stille Revolution, die er die sexuelle Revolution nannte, die von Milliarden Menschen auf der ganzen Welt getragen wird, in die sexuelle Anarchie führen. Diese Revolution, ist wegen ihrer tiefgründigen Veränderung auf das Individuum und auf die Gesellschaft, ebenso wichtig, wie alle anderen Revolutionen. Einer seiner gefürchteten Effekte, ist der Zusammenbruch der Familie, die den Grundpfeiler einer gesunden und stabilen Gesellschaft darstellen. In den USA und in den europäischen Ländern, brechen die Familienstrukturen immer weiter auseinander. Allein in Großbritanien erleben jedes Jahr 150.000 Kinder unter 16 Jahren, die Scheidung ihrer Eltern. Die Anzahl der alleinerziehenden Mütter vervierfachte sich auf 360.000 in der Zeit von 1971 bis 1989. 1980 wurden 12 Prozent aller Kinder nicht in einer Ehe geboren, 1991 waren es bereits 28 Prozent. 19 Prozent aller Familien haben mittlerweile nur noch ein Elternteil, sie sind also alleinerziehend und 30 Prozent aller Geburten, finden ausserhalb der Familien statt.

In den USA findet geradezu eine Epedemie an Jugendschwangerschaften statt. Jugendliche, die selber fast noch Kinder sind, bekommen Kinder. Dieses hat zu einer Krise des öffentlichen Gesundheitswesens geführt. Und die Scheidungsraten verdoppeln sich etwa alle 10 Jahre. Zwei Fünftel aller Kinder verleben zumindest einen Teil ihrer Kindheit, in Ein-Eltern-Haushalten.Es ist nicht so, dass Kinder alleinerziehender Eltern sich nicht ebenfalls positiv entwickeln können, aber sie zeigen im Gegensatz zu den traditionellen Familien, eher ein auffälliges Verhalten, und zwar psychisch, emotional, pädagogisch und in ihrem Umgang mit Zigaretten und Alkohol. Sie sind weniger erfolgreich in der Schule, ernähren sich ungesünder, sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen, neigen stärker zu Fehlverhalten und Kriminalität, sind anfälliger für psychiatrische Erkrankungen und sterben früher. Darum ist der Zusammenhalt in der Familie so wichtig. Der Verlust des Gemeinschaftsgefühls in der Gesellschaft, findet seinen Ausdruck in Verbrechen, Vandalismus und in Gewalttätigkeiten. Die Entwicklung einer gesunden Sexualerziehung, sowie stabiler Familienverhältnisse, sind folglich die wichtigsten soziologischen Notwendigkeiten unserer Zeit.

Anthropologisch (menschlich) gesehen, gibt es verschiedene Arten von Ehen. Im Hinduismus sind acht verschiedene Arten von Ehen beschrieben worden, aber die Monogamie hat sich am Ende, mit allgemeiner Zustimmung, durchgesetzt. Im Islam ist die Polygamie (Heirat mit mehreren Frauen) erlaubt. Es gibt aber auch einige Stämme, in denen die Polyandrie (Vielmännerei) in Mode ist. Neben der traditionellen Familie, in der ein Mann und eine Frau zusammen leben und den Kern einer Familie bilden, gibt es auch viele andere Arten von Familien. Obwohl die traditionelle Ehe und Familienstruktur, möglicherweise in der industriellen und nachindustriellen Zeit nicht als Ideal betrachtet werden können, so hat das Kind doch das innerste Bedürfnis nach fürsorglicher Betreuung, am besten durch die eigenen Eltern, die bis zum Alter von etwa 20 Jahren anhält. Danach wünscht man sich die Unterstützung eines Ehepartners, der einem durch Freud und Leid, bis ans Lebensende, zur Seite steht. Dieses ist ein bemerkemswerter Charakterzug des Menschen.

All' dies kann in der modernen Kultur nicht erfüllt werden, die durch sexuelle Zügellosigkeit bestimmt wird. Der Sozialwissenschaftler Pitrim Sorokin schlägt deshalb vor, die Kultur und das soziale Leben so anzuheben, dass sich innerhalb der Gesellschaft, eine gesunde Sexualität entwickeln kann. Sie besteht im wesentlichen darin, die Kultur vom Tabu der Sexualität zu befreien. Die Hauptveränderung einer solchen kulturellen Erhebung sollte darin bestehen, die Künste, sowie die Medien, einschliesslich Radio und Fernsehen, von ihrer sexuellen Orientierung zu befreien. Gleiches gilt für den Freizeitbereich, den Sport, die Wissenschaften und die Philosophie, die sozialen und humanistischen Lehrfächer, die Ethik und die Gesetze, kurz gesagt, für unsere gesamte Lebensart. Die Aufwertung der Liebe, der Ehe und der Familie sind ebenfalls Teil dieser Umwandlung. Dieses kann man als die soziologische Dimension des Brahmacharya betrachten, die man nicht übersehen sollte, selbst wenn man Brahmacharya in Gedanken, Worten und in der Tat praktiziert.

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