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Suri Nagamma: Briefe aus dem Ramanashram Startseite

Inhaltsverzeichnis
Der Vater ist dem Sohn untergeordnet
Selbst-Gewahrsein
Vorbereitungen für ein Fest im Skandashram
Im Skandashram
Der Dienst am Selbst ist der Dienst am Guru
Gleichheit mit allen
Weltliche Probleme
Was ist mit Samsara gemeint?
Nimm den Weg, den du gekommen bist
Absichtsloses Bhakti
Mutter Alagammal
Das erste Almosen (Bhiksha)
Woher weißt du, dass du nichts weißt?
Leoparden und Schlangen
So hör doch meine stumme Bitte!
Das Streifenhörnchen
Die Bedeutung der Dinge
Moksha (Befreiung)
Die Verehrung der Kuh
Die beiden Tauben
Die Gepardenjungen
Medikamente, die nicht helfen
Der Geschmack der Hingabe (Bhakti)
Die göttliche Waffe
Die Theta-Gita
Zorn
Das Lied von Avvaiyar
Astrale Pfade - Höhere Welten
Bücher
Krankheit
Glücklich sind jene, die nur ein Lendentuch tragen
Befreiung (Moksha) im Körper
Unsterbliche Lebewesen
Uma
Sein, Bewusstsein und Seligkeit
Was Pradakshina wirklich bedeutet
Mitgefühl mit allen
Das, was ist, ist nur das Eine
Die schwarze Kuh
Die Gestalt des Höchsten Seins
Die Ethik des sozialen Lebens
Was ist der Wagen?
Japa, Tapas und ähnliches
Was bedeutet Samadhi?
Wie kann man alles als sich selbst betrachten?
Der Tod Madhavaswamis
Kleiner als das Kleinste und größer als das Größte
Träume sind Täuschungen
Hingabe ist der wahre Dienst
Der Lehrer ist die Konzentration
Siddhas
Die Früchte der Handlungen werden vom Schöpfer bestimmt
Gleichheit
Jeder wie er will
Das Programm zum Goldenen Jubiläum
Ein unbekannter Devotee
Der eine Buchstabe und das Unvergängliche (Ekam Aksharam)
Zufriedenheit
Die Umrundung des Selbst (Atma Pradaskhina)
Der Dämonengott und das Lichterfest
Das Leben auf dem Berg
Opfer
Spirituelle Übung (Sadhana)
Brahman ist wirklich - die Welt ist eine Illusion
Der Swami ist überall
Bhagavans Handschrift
"Die Quintessenz der spirituellen Unterweisung" und "Die Vierzig Verse"
Das "Ich" ist der Geist
Das Goldene Jubiläum
Das Kartikai-Fest
Die Gestalt des Selbst - Atmakaravritti
Andavane
Omkar und Aksharam
Anekdoten über das Leben in der Virupaksha-Höhle
Natur
Wer ist Ramana?
Das "Tamil-Kind"
Jnana Sambandar
Die Göttliche Kraft
Schlaf und der wahre Zustand
Dakshinamurti
Maya (Illusion)
Der Geist des Jnani ist Brahman
Bezeugung von Respekt
Sadhana in der Gegenwart des Guru
Das Herz und das Kronenchakra
Die Entstehung der "Fünf Verse über das Selbst"
Geburt
Das Selbst (Atman)
Der Guru
Keine Verschwendung
Täuschung und Geistesfriede
Mutter Alagammal
Menschliche Anstrengung
Das Oberhaupt eines Maths
Mäßigung von Schlaf, Essen und Bewegung
Keine Unregelmäßigkeit
Grundsätze
Völlige Hingabe
Traumvisionen
Göttliche Visionen
Der weiße Pfau
Was ist der Kopf und was der Fuß?
Selbstmord
Es gibt nur eine einzige Kraft (Shakti)
Prarabdha (Schicksal)
Wenn man einen Löwen im Traum sieht
Intensive Konzentration (Nididhyasana)
Die Bedeutung von Ajapa
Wozu all die Heimlichkeiten?
Die Widmung eines Buches
Von der Hand in den Mund
Die Bedeutung von Upanayanam
Aufgezwungenen Mahlzeiten
Fragen, die auf Halbwissen gründen
Brief: Puja mit Blumen
Verehrung mit Wasser (Abhishekam)
Thirthas und Prasadas
Kein Segensgestus
Eine Geschichte aus dem Vichara Sagaram
Die ewige Welt
Der Blick der Weisheit
Äußeres und inneres Zuhören und Überdenken
Schweigen
Samadhi
Bleibe wo du bist
Nur das eine und alldurchdringende Selbst
Die Manifestation des Selbst
Einfachheit
Geistesfriede ist Befreiung
Der Schläfer im Wagen
Das Allgegenwärtige
Bindungen
Brindavan
Was es bedeutet, ein spiritueller Meister zu sein
Auf Eins gerichtet sein
Das Leben nach der Verwirklichung
Sprachkenntnisse
Der Vierte Zustand (Turiya)
Universelle Brüderlichkeit
Erinnerung und Vergessen
Der Pfad der Selbstergründung
Die heilige Deepam-Flamme
Der arme Mann
Die Größe der Wunschlosigkeit und Nicht-Anhaftung
Die Selbstergründung ist die Hauptsache
Das Selbst kann ohne geistige Aktivität nicht verwirklicht werden
Der Tod Mahatma Gandhis
Gleichheit
Nihilisten und Advaitins
Bhagavans erstes Manuskript
Kailash
Verbeugungen (Namaskara)
Die Herrlichkeit der Natur
Das erste Bad und die erste Rasur
Der Pfad der Liebe
Ungeteilte Aufmerksamkeit
Die Leinwand
Handelnder und Handeln
Ganapati Muni und die Ramana Gita
Konzentration und Wunschlosigkeit
Die Größe des Menschen
Dienst
Mitgefühl
Lakshmis Tod
Lakshmis Begräbnis
Lakshmis Geschichte
Eine arme alte Frau
Die angemessene Belehrung
Tierliebe
Was bedeutet Glück?
Wo ist der Swami?
Astrologie
Das Leben auf dem Berg
Spielen mit den Kindern
Vom Umgang mit Weisen
Bhagavans Füße
Besuch des Oberhaupts des Math in Puri
Das Oberhaupt des Math in Sivaganga
Einweihung
Übersinnliche Wahrnehmungen vom Arunachala
Das große Selbst
Kundalini-Shakti
Das Selbst
Die Seligkeit des Selbst
Mutter
Das Tigerfell


 

Der Sohn ist dem Vater untergeordnet     Top

Suri Nagamma21. November 1945: Bruder, du hast mich darum gebeten, dir von Zeit zu Zeit von den Geschehnissen bei Bhagavan zu berichten und davon, was er sagt. Aber bin ich dazu in der Lage? Trotzdem will ich es versuchen und am heutigen Tag damit beginnen. Es wird nur mit Bhagavans Gnade gelingen.

Vorgestern war Vollmond und das jährliche Lichtfest Deepotsava [1] wurde feierlich begangen. In der Frühe ist die Prozession mit dem Herrn Arunachaleswara (der Gott des Berges Arunachala) [2] und den Verehrern unter Musikbegleitung aufgebrochen, um den Berg zu umrunden (Giri Pradakshina). Als die Prozession das Ashramtor erreicht hatte, kam Sri Niranjanananda (der Ashram-Verwalter und Sri Ramanas jüngerer Bruder) mit den Devotees des Ashram heraus, opferte Kokosnüsse und Kampfer und erwies Gott die Ehre. Die Prozession hielt an und die Priester schwenkten vor Arunachaleswara die Lichter (Arati).

Bhagavan war gerade auf dem Weg zum Kuhstall. Als er das herrliche Schauspiel sah, setzte er sich in der Nähe des Buchladens hin. Seine Devotees brachten ihm die Arati-Schale (Arati = indische Lichtzeremonie). Er nahm ein wenig von der heiligen Asche (Vibhuti) und zeichnete sie sich auf die Stirn, während er leise, mit von Emotionen erstickter Stimme sagte: „Der Sohn ist dem Vater untergeordnet.“ Sein Gesichtsausdruck bestätigte das alte Sprichwort: „Der Höhepunkt der Hingabe (Bhakti) ist Erkenntnis (Jnana).“ Sri Bhagavan ist der Sohn Shivas. Ganapati Muni sagt von ihm ganz richtig, er sei die Wiedergeburt Skandas (Sohn Shivas) [3]. Es machte uns betroffen, dass Bhagavan uns lehrte, dass sogar der Selbstverwirklichte (Jnani) Gott (Ishwara) untergeordnet ist, da alle Kreaturen Kinder Gottes sind.

Wir können nie übermitteln, wie bedeutungsvoll die Worte der Großen Seelen (Mahatmas) sind. Du hast mich darum gebeten, sie irgendwie aufzuschreiben, aber wie kann ich die erlesene Schönheit seiner Worte wiedergeben? Wie kann ich sie adäquat übermitteln? Ich habe kürzlich in einem Gedicht geschrieben, dass jedes Wort, das er spricht, heilige Schrift ist. Doch warum sollte man nur von seinen Worten berichten? Wenn man ihn versteht, ist selbst sein Blick, seine Art zu gehen, sein Tun und Nicht-Tun, sein Ein- und Ausatmen, dann ist alles an ihm bedeutungsvoll. Kann ich all das verstehen und interpretieren? Mit vollem Vertrauen auf Sri Bhagavans Gnade werde ich dir schreiben, was immer mir in den Sinn kommt, und ihm mit voller Hingabe dienen.

[1] das Licht-Fest (Deepam) im November/Dezember. Auf dem Arunachala wird eine große Flamme entzündet, die Shivas Manifestation als Flammensäule symbolisiert.
[2] der Gott des Berges Arunachala
[3] Skanda ist der Sohn Shivas.



Selbst-Gewahrsein     Top

22. November 1945: Gestern kam ein bengalischer Swami im ockerfarbenen Mönchsgewand zum Ashram. Den ganzen Vormittag führte Bhagavan mit ihm ein Gespräch über spirituelle Themen. Ich würde dir gerne Genaueres von diesem Gespräch berichten, aber der Platz in der Halle, der zurzeit für die Frauen reserviert ist, ist weit von Bhagavan entfernt. Zudem saß ich ganz hinten und konnte deshalb nicht alles hören. Eines aber habe ich ganz deutlich vernommen. Bhagavan sagte über sein Todeserlebnis in Madurai: „Im Anblick des Todes war das Selbst-Gewahrsein (Aham Sphurana) völlig offenkundig, obwohl alle Sinne betäubt waren. Dadurch erkannte ich, dass es dieses Bewusstsein ist, das wir „Ich“ nennen, und nicht der Körper. Dieses Selbst-Bewusstsein ist unzerstörbar. Es bezieht sich auf nichts. Es erstrahlt durch sich selbst. Selbst wenn dieser Körper verbrannt wird, wird es davon nicht berührt. Ich begriff an diesem Tag mit völliger Klarheit, dass „Ich“ dies bin.“[4]

[4] Sri Ramana bezieht sich hier auf sein einschneidendes Todeserlebnis, das er im Alter von 16 Jahren in Madurai hatte und durch das er zum Selbst erwachte, s. Ebert: Ramana Maharshi, S. 15 ff.


Vorbereitungen für ein Fest im Skandashram     Top

25.11.45: Morgen ist der besondere Tag, an dem Bhagavan mit den Devotees zum Skandashram* gehen wird, um dort ein Fest zu feiern. Alle Devotees, die im Ashram und in der Nähe wohnen, Männer und Frauen, sind schon den ganzen Tag über mit Vorbereitungen beschäftigt und machen viel Aufhebens darum. Bhagavan dagegen sitzt wie immer würdevoll, unbekümmert und ruhig auf seinem Platz. Gibt es für ihn irgendetwas, das er zusammenzupacken oder um das er sich kümmern müsste? Ein Wassergefäß, einen Spazierstock, das Lendentuch, das er trägt, und ein Handtuch ist alles, was er besitzt. In dem Augenblick, da er sich entschließt, ist er auch schon zum Aufbruch bereit. „Derjenige, der nur ein Lendentuch trägt, ist in Wahrheit der Reichste von allen“. So hat Shankara diese Weisen beschrieben. Der Ashram, der geregelte Tagesablauf, die Devotees und all die äußeren Dinge sind für ihn lediglich wie ein Schauspiel, das zum Nutzen anderer aufgeführt wird. Aber braucht Bhagavan das alles wirklich? Könnte er nicht fortgehen und in aller Freiheit die sieben Weltmeere überqueren, wenn er wollte? Halte dir in Erinnerung, dass es unser Glück ist, dass er bei uns ist. Ich werde dir morgen von allem berichten.

*Von 1899 bis 1916 bewohnte Ramana Maharshi mit einigen wenigen Anhängern die Virupaksha-Höhle am Berg Aranuchala. Von 1916 bis 1922 wohnte Ramana mit seinen Anhängern und seiner Mutter im Skandashram, der sich etwas oberhalb der Virupaksha-Höhle befand, da die Höhle zu klein geworden war. 1922 wurde seine Mutter krank und verstarb. Um das Grab der Mutter am Fuß des Berges entstand ein neuer Ashram, der Ramanashram, in dem er von da an mit seinen Anhängern lebte.



Im Skandashram     Top

Ramana
Bild 2: Sri Ramana in einen Schal gehüllt im Skandashram

26.11.45: Nach dem Veda-Parayana (das Singen der Veden oder anderer religiöser Texte) nahm Bhagavan sein Bad, frühstückte und machte sich in Begleitung von Rangaswami auf den Weg zum Skandashram. Die Devotees folgten in verschiedenen Gruppen, auch Tante Alamelu (die Schwester Bhagavans) und ich. Von Devotees umringt setzte sich Bhagavan in den Schatten der Bäume. Sadhakas (Laienanhänger) und Sannyasins (Mönche) hatten sich versammelt, aber auch Rechtsanwälte und Ärzte, Ingenieure und Künstler, Zeitungsreporter und Dichter, Sänger und viele andere. Sie waren aus Madras, Pondicherry und Villupuram gekommen. Alte und Junge, Männer und Frauen, alle hatten sich ohne Unterschied auf dem Boden vor Bhagavan niedergelassen und hielten ihre Blicke auf ihn gerichtet.

Bruder, wie kann ich dir dieses Bild vermitteln? Der Maharshi ist still und sein ernster Blick, der aus dem Ursprung kommt, dringt überallhin. Sein freundliches Lächeln erstrahlt wie der kühlende Mondschein. Es war wolkiger geworden und ein heftiger Wind blies. Die Devotees gaben Bhagavan einen breiten Schal, in den er sich völlig einhüllte, so dass nur noch sein Gesicht zu sehen war. Er sah nun wie seine Mutter Alagammal aus. Tante Alamelu und ich dachten dasselbe. Es gibt sogar ein Foto davon.

Dann übermittelte Sri Bhagavan seine Lehre durch Schweigen. Bestimmt waren auch einige reine Seelen anwesend, die von all ihren Zweifeln befreit wurden. Mein Geist war allerdings mit der Zubereitung von Pulihodara (Tamarindenreis) und Dadhyodhanam (Joghurt mit Reis),und anderen Gerichten beschäftigt, da es Mittagszeit war. Die Devotees wollten, dass Bhagavan an einem bequemen Platz separat bedient werden sollte. Aber er ließ vor seinem Sofa einen Tisch aufstellen und hielt sein Festmahl inmitten von uns allen.

Nach dem Essen wurde sein Sofa auf die Veranda getragen. Tante Alamelu, ich und einige andere Frauen saßen in einem angrenzenden Raum und sahen Bhagavan durch ein Fenster, das den Blick auf seine Füße freigab. Er begann zu reden, erzählte Geschichten von seinem früheren Leben auf dem Berg, wie seine Mutter zu ihm kam, er berichtete vom Bau des Skandashram, von der Wasser- und Nahrungsversorgung, den Gesetzen der Affenstämme, dem Tanz der Pfauen und von seinem Umgang mit Schlangen und Leoparden. Dann erinnerte er sich an etwas und sagte, indem er seinen strahlenden Blick auf eine Stelle gerichtet hielt: „Hier ist Mutter gestorben. Wir haben sie draußen hingesetzt. In ihrem Gesicht war immer noch kein Anzeichen des Todes erkennbar. Sie sah aus wie jemand, der in tiefem Samadhi versunken ist. Göttliches Licht tanzte auf ihrem Angesicht. Es war genau dort, wo du jetzt sitzt.“

Bevor Mutter hier wohnte, wurde im Ashram nicht gekocht. Sie sorgte dafür, dass die Ashrambewohnern ordentlich zu essen hatten. Das Herdfeuer, das sie entfacht hat, besteht bis heute und füllt die Mägen tausender Devotees.

Es wurden verschiedene Leckerbissen serviert. Nachdem wir uns bedient hatten, machten wir uns auf den Rückweg. Als Bhagavan sah, dass wir uns nach und nach aufmachten, ging auch er in Begleitung seiner Helfer langsam den Berg hinunter und erreichte den Ashram zu seinen Füßen, als die Sonne im Westen hinter dem Berg versank. Dann folgte das Veda-Parayanam.

Als ich heute früh zum Veda-Parayana in den Ashram (Ramanashram) kam, waren alle sehr beschäftigt. Die Küche bot einen einmaligen Anblick. Die einen kochten, die anderen putzten, wieder andere gaben Anweisungen, jeder war mit irgendetwas beschäftigt. Pulihodara (Tamarindenreis) Dadhyodhanam (Joghurt mit Reis), Pongal (süßer Reis), Vadai (eine Art Snacks), Chips, Poories (flache, gebackene Weizenbrote) und Kootu (Nebenspeise aus Gemüse) und noch viele andere Gerichte wurden in Körbe verpackt und den Berg hinaufgeschickt. Der Ashram-Verwalter schien die ganze Nacht kein Auge zugetan zu haben. Er hatte sich um alles gekümmert.


Was ist mit Samsara gemeint?     Top

01.12.45: Es war am Anfang meines Aufenthalts im Ashram. Eines Nachmittags um 3 Uhr fragte ein Mann aus Andhra Pradesh Bhagavan: „Swami, ich wiederhole den Namen Ramas jeweils eine Stunde lang morgens und abends, doch andere Gedanken lenken mich ab. Manchmal sind sie so stark, dass ich mein Japa vergesse. Was soll ich tun?“

Bhagavan erwiderte: „Dann nimm das Japa wieder auf.“ Wir lachten. Armer Mann! Betrübt sagte er: „Der Grund für die Störung ist Samsara (die Familie). Deshalb denke ich darüber nach, ob ich dieses Samsara nicht verlassen soll.“ Bhagavan meinte: „Oh, ist das wirklich so? Was bedeutet Samsara tatsächlich? Ist Samsara im eigenen Innern oder außerhalb? Frau, Kinder und andere, ist das Samsara? Was haben sie getan? Finde zuerst heraus, was Samsara wirklich bedeutet. Danach können wir über die Frage nachdenken, sie zu verlassen.“

Darauf wusste der Mann nichts zu antworten und schwieg niedergeschlagen.

Bhagavan war voller Mitgefühl. Mit einem liebevollen Blick meinte er: “Nehmen wir einmal an, du verlässt deine Frau und deine Kinder. Wenn du hier bleibst, wird dies zu einer anderen Art von Samsara. Nehmen wir an, du entsagst der Welt und wirst ein Sannyasin. Damit entsteht eine andere Art von Samsara in Form von einem Karra (Armreif aus Stahl als Symbol für Furchtlosigkeit) und einem Kamandalu (Wanderstab und Wasserkrug des Sannyasin) und ähnlichem. Wozu soll das gut sein? Samsara bedeutet Samsara des Geistes. Wenn du dieses Samsara verlässt, spielt es keine Rolle, wo du bist. Nichts beunruhigt dich.“

Der arme Mann! Er nahm seinen Mut zusammen und fragte: „Wie kann man das Samsara des Geistes aufgeben?“ Bhagavan antwortete: „Genau darauf kommt es an. Du hast mir erzählt, dass du Japa des Namens von Rama praktizierst. Du sagst, dass du manchmal bemerkst, dass du dein Japa vergessen hast, wenn dich Gedanken überkommen. Versuche dich daran so oft wie möglich zu erinnern und nimm den Namen Ramas immer wieder auf. Die anderen Gedanken werden dann allmählich abnehmen. Für die Praxis der Wiederholung des Namens Gottes gibt es mehrere Stufen. Es ist besser, den Namen nur durch stilles Bewegen der Lippen zu wiederholen, als es laut zu tun. Noch besser ist die geistige Wiederholung und das allerbeste Japa ist die Meditation (Dhyanam).

In Upadesa Saram, Vers 6, heißt es: „Geistige Meditation durch Japa ist besser als die schönsten Hymnen, ob sie nun laut oder leise gesungen werden.“


Nimm den Weg, den du gekommen bist     Top

02.12.45: Bei einer anderen Gelegenheit fragte ein junger Mann aus Andhra Pradesh Bhagavan: „Swami, da ich ein großes Verlangen nach der Befreiung (Moksha) habe und den Weg dorthin unbedingt kennen möchte, habe ich alle möglichen Bücher über Vedanta gelesen. Jedes von ihnen beschreibt den Weg, aber immer anders. Ich habe auch viele Gelehrte besucht, und wenn ich sie danach fragte, empfahl mir jeder einen anderen Weg. Das hat mich verwirrt, und deshalb bin ich zu dir gekommen. Bitte sage mir, welchen Weg ich nehmen soll.“

Sri Ramana antwortete ihm mit einem Lächeln: „In Ordnung, dann nimm den Weg, den du gekommen bist!“

Wir amüsierten uns darüber. Der junge Mann wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er wartete, bis Bhagavan die Halle verlassen hatte, und wandte sich dann entmutigt an die anderen: „Ich bin voller Hoffnung einen weiten Weg hierher gekommen und habe weder Kosten noch Unannehmlichkeiten gescheut, weil mein Wunsch, den Weg zu Moksha zu erfahren, so stark ist. Ist es da fair, mir zu sagen, ich solle den Weg zurückgehen, den ich gekommen bin? Ist das etwa nur ein gewaltiger Scherz?“

Darauf erwiderte einer der Anwesenden: „Nein, es ist kein Scherz. Es ist die beste Antwort auf deine Frage. Bhagavan lehrt, dass die Suche „Wer bin ich“ der leichteste Weg zu Moksha ist. Du hast ihn gefragt, welchen Weg du gehen sollst. Seine Antwort: „Nimm den Weg, den du gekommen bist“, bedeutet: Wenn du den Pfad, den das „Ich“ genommen hat, untersuchst und zurückverfolgst, dann wirst du die Befreiung erlangen.“

Die Stimme des Mahatma weist auf die Wahrheit hin, selbst wenn er nur beiläufig etwas sagt. Der junge Mann wunderte sich über diese Interpretation. Man gab ihm das Buch „Wer bin ich?“. Er nahm die Worte Bhagavans als Belehrung (Upadesa) an, verneigte sich vor ihm und ging.

Bhagavan gibt uns seine Lehre entweder auf humorvolle, beiläufige oder tröstliche Weise. Während der ersten Jahre, die ich im Ashram verbrachte, verspürte ich manchmal ein Verlangen, nach Hause zu gehen. Dann ging ich immer zu Bhagavan, wenn gerade keine Leute da waren und sagte zu ihm: „Bhagavan, ich möchte heim, aber ich fürchte mich, wieder in das Familiendurcheinander zurückzufallen.“ Er pflegte dann zu sagen: „Wie können wir in etwas fallen, wenn doch alles kommt und in uns fällt?“

Bei einem anderen Anlass sagte ich: „Swami, ich bin von diesen Bindungen noch nicht frei.“ Bhagavan erwiderte: „Lass kommen was kommt und gehen was geht. Warum sorgst du dich?“



Absichtsloses Bhakti     Top

03.12.45: Im August 1944 kam ein junger Bengalese namens Chinmayananda in den Ashram. Er trug das ockerfarbene Gewand eines Sannyasin, war ein Prediger des Birla-Tempels in Delhi und hatte etliche Länder bereist. Er hatte den Aurobindo Ashram besucht und brachte einen Brief von Dilip Kumar Roy [7] mit. Er mag devotionale Musik und hat eine gute Stimme. Im Gespräch wurde deutlich, dass er ein Anhänger des Bhakti-Kults des Chaitanya [8] ist. Vier oder fünf Mal sang er in der Halle Bhajans (devotionale Lieder) in Sanskrit und Hindi vor.

Jemand hatte ihm gesagt, er könne sein Lebensziel (die Befreiung) nicht erreichen, wenn er nicht frei von allen Ablenkungen am selben Ort bleiben würde. Eines Tages kam er zu Bhagavan, um seine Meinung darüber in Erfahrung zu bringen, und stellte eine allgemeine Frage: „Swami, können Sadhakas (spirituell Übende), die umherwandern und Gott zu Ehren Lieder singen, ihr Lebensziel erreichen oder sollten sie am selben Ort bleiben?“ Bhagavan erwiderte: „Es ist gut, wenn man den Geist nur auf eine Sache gerichtet hat, wohin man auch immer wandert. Was nützt es, den Körper an einem Ort festzuhalten, wenn man dem Geist erlaubt umherzuwandern?“ „Ist absichtsloses Bhakti möglich?“, fragte der junge Mann. „Ja, es ist möglich“, antwortete Bhagavan.

Die Hingabe, die Bhagavan für Arunachala hegt, ist ein Beispiel für diese Art von Bhakti. Im 7. Vers von „Arunachala Navamani Mala“ („Halsband aus neun Edelsteinen für Arunachala“), das Bhagavan in Tamil geschrieben hat, heißt es:

„O Arunachala, kaum hast Du Deinen Anspruch auf mich erhoben, waren mein Leib und meine Seele auch schon Dein. Was kann ich noch begehren? Du bist sowohl Verdienst als auch Verlust, o Du mein Leben! Beides kann nicht ohne Dich sein. Tu denn was Du willst, mein Geliebter, aber gewähre mir eines: eine ständig wachsende Liebe für Dich!“ [9]

Was also ist der Zweck dieses Bhakti? Nichts. Bhagavan sagt uns, dass absichtsloses Bhakti, das nicht zwischen dem Verehrer und dem Verehrten unterscheidet und vollkommen ist, dasselbe ist wie Jnana (Erkenntnis) und sich nicht davon unterscheidet.

[7] bengalischer Musiker und Sänger von religiösen Liedern, Anhänger Aurobindos
[8] bengalischer Mystiker aus dem 15./16. Jh.
[9] The Necklet of Nine Gems in: Collected Works, S. 96

Leoparden und Schlangen     Top

01.01.46: Am nächsten Tag erfuhr ich von einem weiteren Ereignis aus Bhagavans Leben auf dem Berg und schreibe dir davon. Als Bhagavan in der Virupaksha-Höhle lebte, war das Brüllen eines Leoparden von der nahe gelegenen Wasserstelle zu hören. Die verschreckten Devotees rafften Bleche und Trommeln zusammen, um damit Lärm zu machen und den Leoparden zu verscheuchen. Aber als der Leopard seinen Durst gestillt hatte, brüllte er erneut und ging wieder. Bhagavan sah die verängstigten Devotees an und tadelte sie: „Warum habt ihr solche Angst? Die Leopardin hat mir mit ihrem ersten Brüllen ihr Kommen angekündigt und als sie ihren Durst gestillt hatte, hat sie durch ein weiteres Brüllen angekündigt, dass sie jetzt geht. Sie ist ihrer Wege gegangen. Sie mischt sich nicht in eure Angelegenheiten. Warum also fürchtet ihr euch so sehr? Der Berg ist die Heimat dieser wilden Tiere und wir sind die Gäste. Ist es da recht, wenn ihr sie vertreibt?“ Er fügte noch hinzu, vielleicht um ihnen ihre Angst zu nehmen: „Es leben etliche heilige Lebewesen (Siddha Purushas) auf diesem Berg. Vielleicht nehmen sie verschiedene Gestalten an und kommen, weil sie mich sehen wollen. Ihr seht also, dass es nicht recht von euch ist, sie zu behelligen.“

Von da an kam der Leopard regelmäßig zur Tränke. Wenn das Brüllen zu hören war, pflegte Bhagavan zu sagen: „Da bist du also! Die Leopardin kündigt ihr Kommen an“ und dann wiederum: „Sie kündigt ihr Gehen an.“ Auf diese Weise ging er ganz ungezwungen mit allen wilden Tieren um.

Ein Devotee fragte Bhagavan, ob es wahr sei, dass er mit Schlangen freundschaftlichen Umgang pflegte, als er auf dem Berg lebte, und eine Schlage ihm über den Körper gekrochen sei, eine andere sein Bein hinauf und so fort. Er antwortete: „Ja, das stimmt. Eine Schlange kam in aller Freundschaft zu mir. Sie wollte mir das Bein hinaufkriechen. Weil mich ihre Berührung kitzelte, zog ich mein Bein zurück. Das ist alles. Diese Schlange kam aus eigenem Antrieb und ging dann wieder.“


So hör doch meine stumme Bitte!     Top

02.01.46: Du musst Jagadaswara Sastri schon mal gesehen haben. Als er hier war, folgte ihm immer sein Hund in die Halle. Es war ein besonders intelligenter Hund. Jedes Mal, wenn Sastri oder seine Frau in die Halle kamen, kam er mit ihnen herein, setzte sich wie ein artiges Kind hin und ging mit ihnen wieder hinaus. Die Leute unternahmen alles Mögliche, um den Hund daran zu hindern, in die Halle zu kommen, aber es nützte nichts.

Als das alte Ehepaar für zwei Wochen nach Madras reiste, überließen sie den Hund jemand anderem. Während der ersten vier oder fünf Tage suchte der Hund in der Halle nach ihnen, ging immer wieder um die Halle herum und suchte alle Orte ab, wo sie sonst immer hingingen. Müde und vielleicht auch empört von seinem fruchtlosen Suchen kam er eines Morgens um 10 Uhr zu Bhagavans Sofa und starrte Bhagavan an. Ich saß in der ersten Reihe. Bhagavan las die Zeitung. Krishnaswami und andere versuchten, den Hund mit Drohungen zu vertreiben, aber es war vergebens. Ich bat ihn auch zu gehen, aber er bewegte sich nicht vom Fleck. Bhagavan wurde durch den Tumult aufmerksam und schaute auf. Er beobachtete eine Weile lang den Hund und unsere Aufregung. Dann legte er die Zeitung beiseite, winkte mit der Hand in seine Richtung und sagte, als habe er die stumme Sprache des Hundes verstanden: „Was ist los? Du fragst mich, wo deine Leute hingegangen sind? Ich verstehe. Sie sind in Madras und werden in einer Woche zurück sein. Habe keine Angst, sorge dich nicht und beruhige dich! Ist jetzt alles gut? Dann geh!“

Da verließ der Hund die Halle. Bhagavan sagte zu mir: „Hast du das gesehen? Der Hund hat mich gefragt, wo seine Leute hingegangen sind und wann sie zurückkehren. Sosehr die Leute auch versucht haben, ihn zu vertreiben, er hat sich nicht von der Stelle bewegt, bis ich seine Fragen beantwortet habe.“

Eines Tages hatte die Hausfrau den Hund mit einem Stock geschlagen und ihn einen halben Tag lang in ein Zimmer eingesperrt, weil er etwas angestellt hatte. Als sie ihn wieder herausließ, ging er schnurstracks zu Bhagavan, als wolle er sich gegen sie beschweren, und blieb vier oder fünf Tage im Ashram. Bhagavan sorgte dafür, dass er gefüttert wurde und stellte die Frau zur Rede: „Was hast du dem Hund angetan? Warum ist er so wütend auf dich? Er ist zu mir gekommen und hat sich beschwert. Worüber? Was hast du mit ihm gemacht?“

Sie gab schließlich ihre Schuld zu und brachte ihren Hund mit viel Zureden dazu, wieder mit ihr heimzukommen.



Das Streifenhörnchen     Top

Bild4
Bild 4: Das Streifenhörnchen

03.01.46: Weißt du, wie viel Freiheit sich unser Bruder, das Streifenhörnchen, mit Bhagavan herausnahm? Vor zwei oder drei Jahren gab es einen sehr mutwilligen Burschen unter ihnen. Als es eines Tages zur Fütterung zu Bhagavan kam, las Bhagavan gerade, womit sich das Füttern etwas verzögerte. Der Kerl fraß grundsätzlich nichts, wenn nicht Bhagavan selbst es ihm hinhielt. Da biss er ihn unerwartet in den Finger, weil es ihn ärgerte, dass er warten musste. Aber Bhagavan gab ihm immer noch nichts zu fressen. Amüsiert sagte er zu ihm: „Du bist ein freches Geschöpf! Du hast mich in den Finger gebissen! Geh, ich werde dich nicht mehr füttern.“ Für einige Tage fütterte er das Streifenhörnchen nicht mehr.

Aber gab der Bursche Ruhe? Nein. Er bettelte Bhagavan um Vergebung an, indem er hin und her sprang. Bhagavan legte die Nüsse auf den Fenstersims und auf das Sofa und sagte ihm, er möge sich selbst bedienen. Aber er rührte sie nicht einmal an. Bhagavan schien ihn nicht mehr zu beachten. Da kletterte der Kerl sein Bein hinauf, hüpfte auf ihn, kletterte auf seine Schultern und tat alles, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Da sagte Bhagavan zu uns: „Seht euch diesen Burschen an. Er bettelt darum, dass ich ihm vergebe, weil er mich so boshaft in den Finger gebissen hat, und dass ich ihn wieder mit eigener Hand füttere.“
Nach einigen Tagen musste Bhagavan sich schließlich geschlagen geben.

Doch das war noch nicht alles. Das Streifenhörnchen begann mit einigen aus seiner Gruppe auf dem Dach der Halle, genau über Bhagavans Sofa, ein Nest zu bauen. Sie quetschten Fäden, Kokosnussfasern und ähnliches zwischen die Dachbalken. Wenn es windig war, fielen diese Dinge immer herunter. Die Leute ärgerten sich darüber und vertrieben die Streifenhörnchen. Bhagavan war sehr bekümmert, dass es für die Streifenhörnchen nicht genügend Platz gab, um ein Nest zu bauen und dass die Leute sie vertrieben. Wir mussten dann nur sein Gesicht beobachten, um seine tiefe Liebe und Zuneigung für diese Lebewesen zu erkennen.

Als ich Bhagavan erzählte, dass ich dir von den Streifenhörnchen geschrieben habe, meinte er erfreut: „Es gibt noch eine Geschichte über sie. Vor einiger Zeit hatten sie ein Nest neben dem Dachbalken über mir gebaut. Sie hatten Junge und diese hatten wieder Junge. So wurde die Familie sehr groß. Sie spielten auf meinem Sofa, wie es ihnen gefiel. Wenn ich spazieren war, haben sich einige kleine Streifenhörnchen unterm Kissen versteckt, und wenn ich mich nach meiner Rückkehr auf dem Kissen zurücklehnte, wurden sie zerdrückt. Wir konnten es nicht länger ertragen. Deshalb vertrieb Madhava die Streifenhörnchen aus ihrem Nest und vernagelte es mit Holzbrettern. Es gäbe viele Geschichten über sie, wenn man sich die Mühe machen würde, sie aufzuschreiben.“


Die Gepardenjungen     Top

Geparden
Bild 6: Ramana und ein Gepardenbaby

18.01.46: Etwa vor einem Jahr brachte jemand zwei Gepardenbabies, die er aufzog, mit zu Bhagavan. Man hätschelte sie und gab ihnen Milch. Dann liefen sie frei unter den Leuten in der Halle herum, stiegen auf Bhagavans Sofa und schliefen dort fest ein. Einer der Ashram-Devotees machte ein Foto. Von 1 bis 3 Uhr nachmittags beschränkte sich Bhagavan auf ein Ende des Sofas, während die Gepardenjungen schliefen. Als sie aufgewacht waren, liefen sie bis um 4 Uhr frei in der Halle herum. Bevor Bhagavan zur üblichen Zeit zu seinem Spaziergang auf den Berg aufbrach, machte man von ihnen nochmals Fotos auf dem Sofa und auf dem Tisch vor dem Sofa. Sie wurden in der Sunday Times veröffentlicht.

Es war wunderbar, wie die Gepardenjungen sich auf dem Sofa wohl fühlten und durch die Berührung von Bhagavans Händen einschliefen. Währenddessen kamen die Streifenhörnchen und holten sich wie immer ihre Nüsse. Auch die Spatzen bekamen ihren Bruchreis. Wenn Tiere aller Art friedvoll an einem Ort zusammenkamen, vermuteten die Leute in früheren Zeiten, dass es der Ashram eines Rishis sein müsse. So erzählen es die Geschichten der Puranas. Hier spielt sich dasselbe vor unseren Augen ab. Als ich Bhagavan die Geschichte von den Tauben und von der Verehrung der Kuh vorlas, sagte er: „Schon früher haben sich hier viele ähnliche Dinge ereignet. Aber wer hätte damals davon berichten können?“

Ein Devotee fragte: „Stimmt es, dass jemand aus Furcht vor einem Tiger geflohen ist, als du im Pachiamman-Tempel [18] gelebt hast?“ Bhagavan bestätigte das. „Als ich dort lebte, besuchte mich Rangaswami Iyengar. Er ging hinaus um auszutreten und bemerkte ein Tigerweibchen im Gebüsch. Als er sie mit Schreien vertreiben wollte, gab sie ein schwaches Gebrüll von sich. Er zitterte vor Angst, sprang auf, kam atemringend zu mir gerannt und schrie: „Bhagavan! Ramana! Ramana!“ Als ich ihn fragte, warum er solche Angst habe, rief er händeringend: „Hilfe, ein Tiger! Komm, Swami, wir müssen in den Tempel und alle Türen verschließen, sonst kommt er herein! Warum kommst du nicht?“ Ich erwiderte lachend: „Lass uns abwarten. Wo ist der Tiger? Ich sehe ihn nirgends.“ Er zeigte auf das Gebüsch: „Da, in diesem Busch.“ Ich sagte: „Du wartest hier. Ich sehe nach.“ Ich konnte keinen Tiger entdecken, doch er konnte seine Angst immer noch nicht ablegen. Ich versicherte ihm, dass es ein harmloses Tier sei und es keinen Grund zur Furcht gäbe, aber er glaubte mir nicht.

An einem anderen Tag saß ich auf dem Rand des Wasserbeckens dem Tempel gegenüber. Da kam das Tigerweibchen zur Tränke und strich eine Weile furchtlos umher, sah mich an und ging wieder. Iyengar hatte sich im Tempel versteckt und alles beobachtet. Er hatte Angst, dass mir etwas zustoßen könnte. Als der Tiger fort war, ging ich in den Tempel und beruhigte ihn: „Sieh doch, was für ein sanftes Tier es ist! Wenn wir es bedrohen, wird es uns angreifen, aber sonst nicht.“ Damit konnte ich ihm seine Angst nehmen.“

[18] Ramana lebte 1905 während einer Pest-Epidemie sechs Monate lang im Pachiamman-Tempel.


Medikamente, die nicht helfen     Top

20.01.46: Die persönlichen Gehilfen Bhagavans waren von den Ärzten angewiesen worden, ihm vitaminreiche Kost zu geben, um den Schmerz in seinen Beinen zu lindern. Auch massierten sie seine Beine mit einem besonderen Balsam. Sie taten ihr Bestes. Bhagavan meinte scherzhaft: „Ein Gast kommt zu Besuch. Wenn du ihm gegenüber gleichgültig bist, wird er schon bald wieder gehen. Wenn du ihn aber mit viel Respekt behandelst und ihm große Aufmerksamkeit schenkst, wird er nie mehr gehen. So ist es auch mit der Krankheit. Wenn du dich um sie sorgst, wie ihr es jetzt tut, warum sollte sie dann wieder gehen? Wenn du sie nicht beachtest, wird sie von selbst wieder verschwinden.“

Vor einiger Zeit hatte ein junger Mann in Ashramnähe ein Geschäft eröffnet. Er behauptete, jede Krankheit mit Vibhuti (heiliger Asche) heilen zu können. Die Leute sind nach diesen Dingen total verrückt. Die körperlich und geistig Kranken strömten zum Vibhuti-Swami und kamen auf dem Weg zu ihm auch bei unserem Ashram vorbei. Doch was gibt es hier schon? Kein Vibhuti, keine Zauberamulette! Sie erhielten den Darshan von Bhagavan und gingen wieder. Wenn seine Gehilfen gerade seine Beine mit dem medizinischen Öl massierten, sagte Bhagavan leichthin: „Hervorragend! Das hat doch auch sein Gutes! Wenn diese Leute mich so sehen, werden sie sagen: „Dieser Swami hat selber Schmerzen in den Beinen und muss von anderen massiert werden. Wie könnte er uns da helfen?“, und sie werden wieder gehen und mir nicht zu nahe kommen.“

Vor vier Tagen rief Bhagavan alle Ärzte zu sich und zeigte ihnen eine Nachrichtenmeldung in der Zeitung über eine Person, die an zu vitaminreicher Kost und Vitaminspritzen gestorben war. Am folgenden Tag erschien die Neuigkeit in einer weiteren Zeitung. Er zeigte sie ihnen nochmals und sagte auf kindliche Weise: „Die letzten zwei Jahre habe ich viele Vitamine bekommen, da man meinte, sie seien gut für mich. Damit nicht genug, man wollte mir auch noch Vitamine spritzen. Seht her, was mit diesem Menschen geschehen ist, von dem die Zeitungen berichten!“

Es heißt, dass ein großer Yogi immerwährende Seligkeit genießt, als wäre er ein Kind oder ein Narr. Er weiß alles, aber er benimmt sich so, als wüsste er nichts. Könnte Bhagavan nicht jede Krankheit heilen, wenn er nur wollte? Könnte er sich nicht selbst heilen? Er überlässt es anderen, weil er seinen Körper nicht als den seinen betrachtet.

Als Bhagavan vor zwei oder drei Jahren die Gelbsucht hatte, widerstand ihm das Essen. Eine Woche oder zehn Tage lang aß er nur Puffmais und ähnliches. Da Echammal und Mudaliar Pati sich das Gelübde auferlegt hatten, erst dann selbst zu essen, wenn Bhagavan wenigstens einen Bissen von ihrem Essen genommen hatte, nahm er ein paar Körner vom Reis der beiden Frauen, mischte sie unter den Puffmais und würgte es hinunter, damit sie an ihrem Gelübde festhalten konnten. Sein Wohlwollen und die Beachtung der Gefühle seiner Devotees ist grenzenlos, wie immer die Situation auch aussehen mag. Er lässt nicht zu, dass jemand verletzt oder irgendwie gekränkt wird.

Viele Ärzte gaben ihm Medikamente für seine Gelbsucht. Bhagavan nahm sie ein, damit sie zufrieden waren. Aus demselben Grund aß er von den Gerichten der Frauen. Die gute Wirkung von ersterem und die schlechte von letzterem glichen sich aus. Es vergingen Monate. Die Gelbsucht hielt an. Da bestellte man einen bekannten Arzt aus Madras. Doch es änderte sich immer noch nichts. Nachdem alle Ärzte gescheitert waren und man alle Arzneien erfolglos ausprobiert hatte, heilte er sich selbst mit getrocknetem Ingwer, Brechwurzel und anderen ayurvedischen Kräutern.



Der Geschmack der Hingabe (Bhakti)     Top

21.01.46: Als ich dir gestern geschrieben habe, dass Bhagavan Puffmais mit gekochtem Reis gegessen hat, kam mir ein weiteres Ereignis in Erinnerung. Echammals Küche war nie besonders gut. Sie enthielt zu wenig Gemüse und Gewürze. Für Bhagavan war ihre Hingabe schmackhafter als ihr Essen und deshalb beklagte er sich nie. Einige Devotees, denen ihr Essen nicht schmeckte, machten gelegentlich darüber Bemerkungen, wenn Bhagavan am frühen Morgen in der Küche Gemüse schnitt. Bhagavan erwiderte auf ihre wiederholten Beschwerden: „Ich kann dazu nichts sagen. Wenn ihr es nicht mögt, braucht ihr es ja nicht zu essen. Ich mag es ganz gerne und werde weiterhin davon nehmen.“

Vor einiger Zeit ließ Echammal für eine Woche oder zehn Tage das Essen durch jemand anderen bringen. Vielleicht war sie gerade nicht in der Stadt oder es ging ihr nicht gut. Einmal vergaßen die Köchinnen es zu servieren. Normalerweise gab Bhagavan durch ein Zeichen zu verstehen, mit dem Essen zu beginnen und fing selbst zu essen an, aber an diesem Tag rührte er sich nicht. Er hatte seine linke Hand unter das Kinn gestützt, während seine Rechte auf dem Blatt lag. Die Leute sahen einander an. Das Küchenpersonal tuschelte untereinander und fragte sich, was los sei. Plötzlich kam es ihnen in den Sinn, dass sie das Essen von Echammal nicht verteilt hatten. Sie holten es nach und entschuldigten sich, dass sie es vergessen hatten. Da gab Bhagavan das Zeichen, mit dem Essen zu beginnen. Ihm schmeckt die einfache Erdnuss, die ihm ein Devotee anbietet, besser als die schmackhaften Süßigkeiten und Nachspeisen, die ihm reiche Leute bringen.

Astrale Pfade - Höhere Welten     Top

31.01.46: Bhagavan hat heute früh einen Zeitungsartikel gelesen, der von Pfaden jenseits der Sonne und von höheren Welten handelt. Er meinte: „Sie schreiben eine Menge über Pfade, die jenseits der Sonne und der anderen Planeten sind und über die seligen Welten, die über ihnen sind. Aber all diese Welten sind wie diese Welt. Es ist nichts Besonderes an ihnen. Über das Radio wird ein Lied übertragen. Beim letzten Mal kam es aus Madras, heute kommt es aus Tiruchirapalli. Wenn du das Radio erneut anschaltest, kommt es aus Mysore. Alle diese Orte sind in so kurzer Zeit in Tiruvannamalai. Mit den anderen Welten ist es nicht anders. Ihr braucht nur euren Geist auf sie zu richten und ihr könnt sie alle in einem Augenblick sehen. Aber wozu soll das gut sein? Ihr wandert nur von Ort zu Ort, werdet müde und dessen überdrüssig. Wo ist Friede (Shanti)? Wenn ihr Frieden wollt, müsst ihr die ewige Wahrheit erkennen. Wenn ihr sie nicht erkennen könnt, kann der Geist nicht in den Frieden eingehen.“

Vor einiger Zeit hat jemand Bhagavan eine ähnliche Frage gestellt. „Die Leute reden von Vaikunta (Wohnstatt Vishnus), Kailasa (für die Menschen unzugänglicher Bereich, wo die Götter wohnen), Indraloka (Wohnstatt des Gottes Indra), Chandraloka (Wohnstatt des Gottes Chandra) usw. Existieren diese Orte wirklich?“ Bhagavan antwortete: „Natürlich. Du kannst versichert sein, dass es sie alle gibt. Dort ist auch ein Swami wie ich zu finden, der auf einem Sofa sitzt, und Schüler, die um ihn herumsitzen. Sie stellen ihm ihre Fragen und er antwortet darauf. Alles ist mehr oder weniger wie hier. Was soll's? Wenn man Chandraloka sieht, wird man sich nach Indraloka wünschen und dann nach Vaikunta und dann nach Kailasa usw. Der Geist hört nicht auf zu wandern. Wo ist Friede (Shanti)? Wenn man Frieden sucht, ist die Selbstergründung die einzig richtige Methode, um ihn sich zu sichern. Durch Selbstergründung ist die Selbstverwirklichung realisierbar. Wenn man das Selbst erkennt, kann man all diese Welten in sich selbst sehen. Die Quelle von allem ist unser eigenes Selbst. Wenn man dieses Selbst verwirklicht, wird man nichts mehr vorfinden, was vom Selbst verschieden wäre. Dann werden sich diese Fragen nicht mehr stellen. Vaikunta oder Kailasa mag es geben oder auch nicht. Tatsache ist, dass du hier bist, nicht wahr? Wie kommt es, dass du hier bist? Wo bist du? Wenn du diese Dinge erkennst, kannst du an all jene Welten denken.“


Bücher     Top

01.02.46: Eines Morgens im Jahr 1944 kam ein Schüler zu Bhagavan und fragte in flehendem Ton: „Bhagavan, ich würde gerne Bücher lesen, um den Weg herauszufinden, auf dem ich die Befreiung (Mukti) erlangen kann, aber ich kann nicht lesen. Was soll ich tun? Wie kann ich Mukti erlangen?“ Bhagavan antwortete: „Was spielt es für eine Rolle, dass du ungebildet bist? Es genügt, wenn du dein eigenes Selbst kennst.“ „Alle Leute hier lesen Bücher, aber ich kann es nicht. Was soll ich bloß machen?“

Bhagavan zeigte mit der Hand auf ihn und sagte: „Was glaubst du kann ein Buch dich lehren? Sieh dich an und dann sieh mich an. Es ist, als ob man dich auffordern würde, dich in einem Spiegel zu betrachten. Der Spiegel zeigt nur, wie dein Gesicht aussieht. Wenn du in den Spiegel siehst, nachdem du dich gewaschen hast, siehst du ein sauberes Gesicht. Andernfalls wird der Spiegel dir sagen: „Es ist schmutzig! Komm wieder, wenn du es gewaschen hast.“ Ein Buch macht dasselbe. Wenn du ein Buch liest, nachdem du das Selbst verwirklicht hast, wirst du alles leicht verstehen. Wenn du es davor liest, wirst du viel Mangelhaftes entdecken. Es wird dir sagen: „Bring dich zuerst selbst in Ordnung, dann sieh in mich hinein.“ Das ist alles. Erkenne zuerst dein Selbst. Warum sorgst du dich um diese ganze Büchergelehrsamkeit?“

Der Schüler war zufrieden und ging ermutigt fort. Ein anderer Schüler nahm den Gesprächsfaden wieder auf: „Bhagavan, du hast ihm eine merkwürdige Antwort gegeben.“ „Was ist daran merkwürdig?“, fragte Bhagavan. „Es ist wahr. Welche Bücher habe ich schon gelesen, als ich jung war? Was habe ich von anderen gelernt? Ich war immer in Meditation versunken. Nach einiger Zeit brachte Palaniswami Bücher der Vedanta-Literatur, die er sich von verschiedenen Leuten geliehen hatte, und las sie vor. Er machte viele Fehler. Er war schon älter und nicht belesen, doch sehr aufs Lesen erpicht. Er war beharrlich und las mit religiösem Eifer. Deshalb war ich darüber glücklich. Als ich selbst diese Bücher las, um ihm ihren Inhalt zu erzählen, wurde mir klar, dass ich alles bereits erfahren hatte, was in ihnen geschrieben steht. Ich war überrascht. Ich fragte mich: „Wie kommt das? In diesen Büchern steht bereits alles über mich selbst.“ Es ging mir mit allen Büchern gleich. Alles, was dort geschrieben stand, hatte ich bereits erlebt. Ich verstand die Texte unmittelbar. Wozu Palaniswami zwanzig Tage brauchte, las ich in zwei Tagen. Er gab die Bücher zurück und brachte neue. Auf diese Weise erfuhr ich, was in den Büchern steht.“

Einer der Schüler meinte: „Vielleicht hat Sivaprakasam Pillai deshalb in Bhagavans Biografie geschrieben: „Er ist ein Brahma Jnani, ohne den Namen Brahmans zu kennen.“ Bhagavan bestätigte es: „Ja, ja! Das ist richtig. Darum sollte man zuerst sich selbst kennen, bevor man ein Buch liest. Wenn man das tut, wird man erkennen, dass das Buch lediglich das beinhaltet, was man selbst erfahren hat. Wenn man sein Selbst nicht im Blick hat und ein Buch liest, findet man viel Mangelhaftes.“ „Ist es für alle möglich, wie Bhagavan zu werden? Ein Buch kann uns zumindest helfen, unsere Fehler zu korrigieren“, meinte der Schüler. Bhagavan erklärte: „So ist es. Ich habe nicht gesagt, dass Lesen nicht hilft. Ich habe lediglich gesagt, dass ungebildete Menschen nicht denken müssen, sie könnten deshalb nie die Befreiung erlangen, und den Mut verlieren. Sieh nur, wie niedergeschlagen er war, als er mich danach fragte. Wenn man ihm die Tatsachen nicht richtig erklärt, wird er weiterhin niedergeschlagen sein.“



Krankheit     Top

02.02.46: Vor zwei Jahren kam Mr. Manne Venkataramayya, ein Richter im Ruhestand, in den Ashram. Er war krank gewesen und immer noch nicht völlig gesund. Nachdem Bhagavan den ganzen Tag alle Einzelheiten seiner Krankheit angehört hatte, meinte er: „Der Körper ist selbst eine Krankheit. Wenn der Körper krank wird, bedeutet es, dass die ursprüngliche Krankheit eine weitere Krankheit hinzubekommen hat. Wenn du nicht willst, dass die neue Krankheit dich plagt, musst du zuerst die nötige Arznei für die Originalkrankheit einnehmen, damit die spätere Krankheit, die Krankheit der Krankheit, dich nicht beeinträchtigt. Was nützt es schon, wenn du dich um die zweite Krankheit sorgst, anstatt zuerst einen Weg zu finden, die erste Krankheit loszuwerden? Lass die neue Krankheit ihren Verlauf nehmen und denk über eine Arznei für die ursprüngliche Krankheit nach.“

Kürzlich ereignete sich etwas, das dies illustriert. Viswanatha Brahmachari arbeitete an einer Übertragung des Trisulapuram Mahatmyam aus dem Sanskrit ins Tamil. Als er die Übersetzung fertig hatte, war Bhagavan gesundheitlich angeschlagen. Da er nicht wollte, dass Bhagavan sich mit Korrekturlesen überanstrengte, sagte er ihm nicht, dass das Buch druckfertig war. Bhagavan war noch nicht völlig genesen, als er Viswanath eines Tages fragte: „Wie weit bist du mit deiner Übersetzung des Mahatmyam gekommen?“ Da er nicht lügen wollte, erwiderte er, er sei damit fertig. „Warum hast du sie dann nicht hergebracht?“ Viswanath erklärte, er habe es nicht getan, weil Bhagavan unpässlich sei. „Ich verstehe! Was macht es mir schon aus, wenn es meinem Körper nicht gut geht? Soll er seine Probleme haben. Ich mache mir darüber keine Sorgen. Ich bin frei. Bring mir die Übersetzung und ich werde sie durchsehen. Wenn dieser Körper etwas braucht, werden sich alle Leute hier darum kümmern. Bring das Buch.“ Da Viswanath nichts anderes übrig blieb, gab er Bhagavan das Buch. Er begann auf der Stelle damit, es durchzusehen und arbeitete sogar nachts mit einer Tischlampe daran. Seine Krankheit behinderte seine Arbeit nicht.



Sein, Bewusstsein und Seligkeit     Top

11.04.46: Gestern überbrachte ein parsischer Arzt Bhagavan einen Brief. Bhagavan ließ ihn sich von einem Devotee vorlesen und meinte: „Er hat bereits seine eigene Frage beantwortet. Was kann ich dazu noch sagen?“ Da der Brief in Englisch war, konnte ich ihn nicht verstehen. Der Devotee, der ihn vorgelesen hatte, fragte: „Es ist von Asthi, Bhathi und Priyam die Rede. Was bedeuten diese Wörter?“ Bhagavan erklärte: „Ashti bedeutet Wahrheit, das was IST. Bhathi bedeutet Glanz und Priyam bedeutet Seligkeit. Es bedeutet Sein-Bewusstsein-Seligkeit (Sat-Chit-Ananda). Sat-Chit-Ananda wird auch als Asthi, Bhathi und Priyam bezeichnet. Beides bedeuten dasselbe.“

Derselbe Devotee fragte: „Da Atman ohne Name und Form ist, sollte man darüber nicht mit Hingabe (Bhakti) meditieren, da Bhakti dem Jnana überlegen ist (Jnana Atheetha Bhakti)?“ Bhagavan erwiderte: „Wenn du von Meditation sprichst, bedeutet das Zweiheit (Dvaita). Es setzt einen Meditierenden und ein Meditationsobjekt voraus. Doch Atman ist namen- und gestaltlos. Wie könnte man über das Namen- und Gestaltlose meditieren? „Jnana Atheeta Bhakti“ bedeutet unser eigenes Selbst. Es ist namen- und gestaltlos, es ist lediglich ein Zeuge. Unser eigenes Selbst ist das Auge. Dieses Auge ist überall. Es ist nur ein Auge. Über was kann man dann meditieren? Wer ist es, der meditiert? Das Auge, das überall ist, nennt man Ashti, Bhathi und Priyam oder Sat-Chit-Ananda. Es gibt viele Bezeichnungen, aber die Sache ist immer dieselbe.“


Was Pradakshina wirklich bedeutet     Top

15.04.46: Seit ich hier bin, ist es meine tägliche Praxis, morgens und abends dreimal die Halle im Pradakshina (Pradakshina: die Umrundung eines heiligen Objektes im Uhrzeigersinn) [23] zu umrunden und mich dann vor Bhagavan zu verbeugen.

Als ich heute früh wie üblich Pradakshina machte, hörte ich Bhagavans Stimme, die ungewöhnlich klang. Ich wunderte mich darüber und sah durchs Fenster in Richtung seines Sofas. Die Strahlen der Morgensonne fielen auf ihn und tauchten ihn in einen eigentümlichen Glanz. Dr. Srinivasa Rao massierte seine Beine mit Balsam. Auf Bhagavans Gesicht lag ein leichtes Lächeln. „Ach, du bist es, Nagamma! Ich dachte, es sei jemand anderer“, sagte er. Ich hatte den Eindruck, dass er mir etwas sagen wollte, ging in die Halle und verneigte mich vor ihm. Bhagavan meinte lächelnd: „Du hast also auch mit diesem Pradakshina angefangen, nachdem du gesehen hast, dass andere es tun. Wie oft umrundest du die Halle?“ Ich war ziemlich überrascht und antwortete: „Dreimal“. „Ach, tatsächlich? Andere folgen deinem Beispiel und machen es ebenso. Das ist das Problem. Ich habe ihnen gesagt, es bleiben zu lassen. Ich sage es jetzt auch dir. Was meinst du?“ „Was kann ich sagen? Ich werde damit aufhören, wenn du es mir rätst.“ Ich setzte mich hin. Bhagavan sah mich an und erklärte: „Sieh, die Leute machen ohne Ende Pradakshina um die Halle. Erst gestern habe ich sie gebeten, doch damit aufzuhören. Sie sagen: „Nagamma macht es auch. Sollte man es ihr nicht auch sagen?“ Wenn die Leute dich um die Halle gehen sehen, denken die Neuankömmlinge, sie sollten dasselbe tun und umrunden die Halle wie einen Tempel. Deshalb sage ich es dir.“

Dann erläuterte Bhagavan uns allen: „Was bedeutet Pradakshina? Shankara hat es so formuliert: „Das wahre Pradakshina ist die Meditation, dass tausende von Welten sich um den Höchsten Herrn drehen, der die unbewegte Mitte aller Gestalten ist.“ Derselbe Gedanke wird ausführlicher vom Autor der Ribhu Gita in Tamil ausgedrückt. Bhagavan nahm das Buch und las uns die Stelle vor: „Oh Herr, ich habe die ganze Welt umrundet, um Dir zu Ehren Pradaskhina zu tun, aber Du bist überall in Fülle. Wie könnte ich da eine Runde vollenden? Ich werde dich als die unbewegliche, vollständige Gestalt der Welt verehren. Das ist das einzige Pradakshina für dich.“

Namaskar bedeutet dasselbe. Das Eingehen des Geistes ins Selbst ist Namaskar und nicht nur der Akt des Sich-Verbeugens, wenn du aufsteht, dich hinsetzt, gehst oder kommst.“

Dr. Srinivasa Rao meinte: „Was du über Pradakshina, Namaskar und ähnliches sagst, mag für jene gelten, die schon höher entwickelt sind, aber ist es für uns nicht nötig, dass wir uns vor dem Guru verneigen? Es heißt, dass die Haltung des Advaita nicht auf den Guru angewandt werden soll, selbst dann nicht, wenn sie auf die drei Welten [24] angewandt wird.“

„Ja, so ist es. Die Haltung des Advaita bedeutet nicht, dass du dich nicht verneigen sollst und ähnliches. Man sollte es nur nicht damit übertreiben. Advaita sollte die Grundhaltung des Geistes sein. Es taugt aber nichts für die äußeren, weltlichen Angelegenheiten. Du sollst alles als gleichwertig betrachten, aber können wir deshalb dasselbe wie ein Hund essen? Einem Vogel genügt eine Handvoll Körner, aber genügt sie uns auch? Wir nehmen eine bestimmte Menge an Nahrung zu uns, aber würde sie auch für einen Elefanten ausreichen? Du sollst die Haltung des Advaita nur im Geist hegen, aber in den anderen Dingen der Welt folgen. Obwohl der Jnani weder Schmerz noch Freude kennt, tut er alles den anderen zuliebe. Er ist wie einer von jenen, die sich auf Bestellung und gegen Bezahlung an die Brust schlagen und laut weinen. Das ist alles. Er wird davon nicht berührt.“

Jemand fragte: „Was meinst du mit jenen, die sich für Geld an die Brust schlagen und weinen?“ Bhagavan erwiderte: „Früher gab es diese Praxis. Was sollte man tun, wenn ein älterer Mensch starb und keiner um ihn weinte? Jemand musste um die tote Person weinen. So war es Brauch. Deshalb gab es Professionelle, die gegen Bezahlung weinten. Wenn man sie bestellte, weinten sie bitterlicher als die Angehörigen eines Toten. Sie weinten methodisch und in allen Spielarten, indem sie sich an die Brust schlugen und Tränen vergossen, die sie entweder durch ständige Übung zum fließen brachten oder indem sie sich Zwiebelsaft in die Augen träufelten. Sie spulten dieses Programm ordnungsgemäß ab. Auf dieselbe Weise verhält sich der Jnani gegenüber den Wünschen anderer. Er hält den Takt zu jeder Melodie. Da er über große Erfahrung verfügt, ist ihm nichts neu. Er geht zu jedem, der ihn ruft. Er legt jedes Gewand an, das man ihn zu tragen bittet. Es ist alles für das Wohl anderer, da er sich nichts für sich selbst wünscht. Er handelt nach dem Wunsch desjenigen, die ihn bitten.“

Ich habe eine Belehrung (Upadesa) erhalten. Sri Bhagavans Stimme schien zu sagen: „Wenn ich in meiner Fülle überall bin, wie kannst du dann Pradakshina für mich tun? Glaubst du denn, dass ich ein Steinbildnis in einem Tempel bin, das du immer wieder umrunden musst?“

[23] Pradakshina: die Umrundung eines heiligen Objektes (eines Tempels, heiligen Berges oder Gurus) im Urzeigersinn ist eine gebräuchliche Form der hinduistischen Verehrung.

[24] drei Welten: physikalische Welt, subtile, geistige Welt und Welt der Götter



Mitgefühl mit allen     Top

20.04.08: Arbeiter waren damit beauftragt worden, Mangos von einem Baum zu pflücken. Anstatt den Baum hochzuklettern und die Mangos einzeln zu pflücken begannen sie, die Früchte mit Stöcken herunterzuschlagen. Dabei schlugen sie auch eine Menge Blätter herunter. Bhagavan hörte das Schlagen von seinem Sofa aus und ließ den Arbeitern mitteilen, sie mögen damit aufhören. Als er zu seinem üblichen Spaziergang aufbrach, sah er haufenweise Mangoblättern liegen. Da er den Anblick nicht ertragen konnte, sagte er barsch: „Es reicht! Geht jetzt! Wenn ihr Früchte pflücken sollt, müsst ihr dann den Baum schlagen, dass auch die Blätter herunterfallen? Muss man den Baum dafür, dass er uns seine Früchte gibt, mit Stangen schlagen? Wer hat euch das geheißen? Ihr könnt den Baum auch gleich abschlagen. Ihr braucht die Mangos nicht aufzusammeln. Geht fort!“

Bhagavans donnernde Stimme dröhnte allen in den Ohren und ließ uns vor Angst zittern. Man holte die Stangen herunter und legte sie auf den Boden. Die Arbeiter standen wie angewurzelt mit gefalteten Händen da. Sie wussten nicht, was sie sagen sollten.

Als Bhagavan vom Kuhstall zurückkam, hatten die Devotees die Blätter zu einem Haufen gesammelt und baten ihn um Vergebung. Bhagavan ging in die Halle und sagte: „Wie grausam! Seht bloß wie viele Schläge der Baum erhalten hat! Wie groß ist der Haufen Blätter!“

Als Bhagavan in der Virupaksha-Höhle lebte, hatte Echammal jeweils ein Bild von Bhagavan und von Seshadri Swami in ihrem Haus aufgestellt und wollte eine Puja mit hunderttausend zarten Blättern begehen. Sie begann damit, nachdem sie Bhagavan über ihr Vorhaben informiert hatte. Nachdem sie die Puja mit fünfzigtausend Blätter beendet hatte, war der Sommer gekommen und sie konnte keine Blätter mehr finden, obwohl sie den ganzen Berg danach absuchte. Sie wurde dessen müde und ging zu Bhagavan, um ihm von ihrer Not zu berichten. Bhagavan meinte: „Wenn du keine Blätter mehr finden kannst, warum zwickst du dich stattdessen nicht selbst und macht so deine Puja? „Aber das tut weh!“ Bhagavan erwiderte: „Wenn es dir weh tut, wenn du dich in den Körper kneifst, tut es dann nicht auch dem Baum weh, wenn du ihm seine Blätter abzwackst?“ Sie wurde blass und fragte: „Swami, warum hast du mir das nicht früher gesagt?“ Er antwortete: „Wenn du weißt, dass es schmerzhaft ist, wenn der Körper gekniffen wird, warum weißt du dann nicht, dass es für den Baum genauso schmerzhaft ist, wenn du ihn seiner Blätter beraubst? Muss ich dir das wirklich sagen?“

Dass die zarten Blätter nicht von den Bäumen gepflückt werden sollten, steht auch im Devikalottera Stotram [25]. Dort heißt es: „Man soll keine Wurzeln ausreißen und keine Blätter abreißen. Man soll keine Lebewesen verletzen und keine Blumen pflücken.“

[25] eine der heiligen Schriften



Das, was ist, ist nur das Eine     Top

23.04.46: Heute Nachmittag kam ein moslemischer Jugendlicher mit zwei oder drei Freunden. Nach einer Weile fragte er in Tamil: „Wie kann man Allah kennen? Wie kann man Ihn sehen?“ Bhagavan antwortete wie üblich: „Wenn du zuerst herausfindest, wer diese Fragen stellt, kannst du auch Allah erkennen.“

Der junge Mann fragte weiter: „Wenn ich über diesen Stock meditiere und ihn als Allah betrachte, kann ich dann Allah sehen? Wie kann ich Allah sehen?“

„Das, was nie zerstört werden kann, nennt man Allah. Wenn du zuerst die Wahrheit über dich selbst herausfindest, wird sich dir die Wahrheit über Allah von selbst eröffnen.“

Das war genug, um ihn loszuwerden. Er ging mit seinen Freunden wieder. Kurz nachdem sie fort waren sagte Bhagavan zu den Devotees in seiner Nähe: „Er möchte Allah sehen. Ist es denn möglich, ihn mit diesen Augen zu sehen? Wie könnten diese Augen ihn wahrnehmen?“

Vor vier oder fünf Tagen fragte ein Devotee, der im Ashram lebt: „Du hast einmal gesagt, dass sich auch die Seligkeit (Ananda) auflöst. Wenn es so ist, was bedeutet dann Dhyanam (Meditation), Samadhi (Versenkung) und Samadhanam [26]?“

Bhagavan erklärte: „Was ist mit Auflösung gemeint? Es sollte nicht mit der Seligkeit (Ananda) enden. Es muss jemanden geben, der die Seligkeit erfährt. Solltest du ihn nicht kennen? Wenn du diesen Jemand nicht kennst, wie kann es sich dann um Dhyanam (Meditation) handeln? Wenn derjenige bekannt ist, der das alles erlebt, weiß man, dass dieser Eine das Selbst ist. Wenn man zum eigenen Selbst wird, wird das zu Dhyanam. Dhyanam bedeutet das eigene Selbst. Das ist Samadhi. Das ist auch Samadhanam.“

[26] die vollkommene Versunkenheit aller Gedanken in das Objekt der Meditation, d.h. Versunkenheit in den Höchsten Geist

Die Ethik des sozialen Lebens     Top

11.05.46: Als Bhagavan gestern um 9:45 Uhr von seinem Spaziergang zurückkam, bellte ein Ashramhund einen anderen Hund an und wollte ihn vertreiben. Während die Leute versuchten, den Ashramhund zu beruhigen, meinte Bhagavan leichthin: „Überall ist es dasselbe. Diejenigen, die zuerst da sind, glauben, sie könnten über jene Macht ausüben, die später kommen. Auch der Hund will seine Macht beweisen.“ Dann sah er den Ashramhund an und sagte zu ihm: „Warum bellst du? Verschwinde!“ Der Hund trollte sich, als habe er seine Worte verstanden.

Heute früh um 10 Uhr brachten Dr. Anantanarayana Rao und seine Frau Ramabai Mangos aus ihrem Garten. Als sie Bhagavan die Früchte überreichten, erzählten sie ihm: „Die Affen stehlen alle Mangos. Deshalb haben wir die hier schnell gepflückt und hergebracht.“ Bhagavan meinte lächelnd: „Ach, tatsächlich? Die Affen kommen also auch?“ Dann sah er alle Anwesenden an und meinte: „Die Affen nehmen sich eine Frucht nach der anderen, während die Menschen sie alle auf einmal nehmen. Wenn man sie nach dem Grund fragt, antworten sie, es sei ihr gutes Recht. Was die Affen tun ist geringfügiger Diebstahl, aber was die Menschen tun ist regelrechte Plünderung. Ohne zu wissen, was sie selbst tun, verscheuchen sie die Affen.“



Was ist der Wagen?     Top

28.05.46: Swarna und Vidya, die Kinder unseres Bruders, wollten den Adi Annamalai Tempel, den Durgamba Temple und andere Tempel sehen, und so machten wir uns gestern früh auf den Weg, nachdem wir Bhagavans Zustimmung erhalten hatten. Da es bereits Sommer ist, befürchtete ich, dass die Kinder im Alter von 10 und 12 Jahren nicht in der Hitze gehen könnten und mietete einen Ochsenkarren. Als andere Kinder den Karren sahen, kamen sie auch mit uns. Wir fuhren auf dem Pradakshina-Weg um den Berg herum, sahen uns alle interessanten Orte an und kehrten um etwa 11:30 Uhr zurück. Als wir um 3 Uhr in die Halle kamen, fragte mich Bhagavan: „Wann seid ihr zurückgekommen?“ Ich erwiderte: „Um 11.30 Uhr.“ Da fragte er: „Konnten die Kinder gehen?“ Ich erzählte ihm, dass wir auf einem Ochsenkarren den Berg umrundet hatten. Da meinte er scherzhaft: „Ich verstehe. Ihr seid also gefahren. Wer erhält jetzt den religiösen Verdienst: der Wagen, der Ochse oder die Kinder?“ Ich wusste nichts darauf zu antworten. Bhagavan erklärte: „Auch der Körper ist ein Wagen. Also ein weiterer Wagen für diesen Wagen und einen Ochsen, der ihn zieht! Wenn die Leute auf diese Weise den Berg umrunden, sagen sie: „Wir sind um den Berg herumgegangen.“ Immer ist es dasselbe. Die Leute kommen mit dem Zug aus Madras und sagen: „Wir sind gekommen“. Mit dem Körper ist es dasselbe. Der Körper ist ein Wagen für das individuelle Ich. Die Beine übernehmen die Arbeit des Gehens und die Leute sagen: „Ich bin gegangen, ich bin gekommen.“ Doch wohin geht denn das Ich? Das Ich tut nichts, eignet sich aber all diese Handlungen an.“ Dann fragte er: „Sind sie wenigstens ein Stück weit zu Fuß gegangen?“ Ich erwiderte, sie seien zum Gautama Ashram hinaufgegangen und hätten religiöse Lieder gesungen, konnten aber wegen der Hitze nicht weitergehen. Da meinte Bhagavan: „Das ist immerhin etwas. Sie sind zumindest eine kurze Strecke zu Fuß gegangen.“

Wie du weißt, ist Vidya ein mutwilliges Kind. Seit ihrer Ankunft hat sie über Bhagavan eine Menge Fragen gestellt, wie etwa: „Geht Großvater Bhagavan nirgendwohin? Warum nicht?“ Da sie mit meinen Antworten nicht zufrieden war, fragte sie ihn selbst, warum er nirgendwo hingehe. Wie du weißt mag Bhagavan sehr, was Kinder sagen. Er sah sie liebevoll an und sagte: „Du möchtest mich zu dir mit nach Hause nehmen? Das ist doch was du denkst, nicht wahr? Das ist sehr schön, aber wenn ich fortgehe, werden auch alle Leute hier mitkommen wollen und unterwegs werden mich recht viele Leute zu sich einladen. Werden sie es akzeptieren, wenn ich sie dann nicht besuche? Nein, das werden sie nicht. Sie werden mich einfach mit sich nehmen. Dort werden sich noch mehr Leute anschließen. Kannst du sie alle mit zu dir nach Hause nehmen? Und nicht nur die Leute. Wenn ich hier weggehe, wird sich der ganze Arunachala auf den Weg machen. Wie kannst du ihn fortbringen? Ich werde in diesem Gefängnis festgehalten. Selbst wenn du mich fortbringst, wird mich jemand auf dem Weg einfangen und mich in ein anderes Gefängnis stecken. Was kann ich machen? Wie kann ich dich besuchen, sag mir? Würden mich all die Leute gehen lassen? Was meinst du?“ Vidya konnte nichts antworten. Von da an sagte er zu den Leuten: „Dieses Kind hat mich zu sich nach Hause eingeladen.“

Gestern erfuhr Bhagavan, dass die beiden Kinder noch am selben Tag nach Hause zurückkehren würden. Als er zu seinem Spaziergang um 9.45 aufbrach und Vidya beim Ashramtors stehen sah, ergriff er ihre Hand und sagte: „Kind! Kannst du auch mich mitnehmen? Schnüre mich fest zusammen, setz mich in einen Wagen und bring mich fort.“

Bevor Vidya ging, brachte sie seine Fotos zu ihm, um sie ihm zu zeigen. Als er die Fotos sah, sagte Bhagavan sagte: „Du bringst mich also fort! Schnüre mich fest zusammen und wirf mich auf den Wagen.“ Alle Anwesenden waren glücklich und Vidya rief übermütig: „Ja, ich nehme Großvater Bhagavan mit!“



Japa, Tapas und ähnliches     Top

03.06.46: Gestern kam ein gläubiger Brahmane. Von seinen Worten und der Japa-Kette (Gebetskette) um seinen Hals war erkennbar, dass er Mantra Japa (Mantrameditation) praktizierte. Er erzählte, er habe schon einmal Bhagavans Darshan gehabt, als dieser noch in der Virupaksha-Höhle lebte. Heute fragte er ihn: „Swami, kann ein beständiges Japa von Panchakshari (Shiva-Mantra) [27] oder Tarakam (Rama-Mantra) [28] einen Menschen von Sünden, wie etwa das Trinken von Alkohol und ähnlichem, freisprechen?“ „Was genau meinst du?“, fragte Bhagavan. Der Brahmane formulierte seine Frage klarer: „Wenn die Leute Ehebruch begehen und stehlen, Alkohol trinken usw., können ihre Sünden durch das Japa dieser Mantren getilgt werden oder werden sie an ihnen haften bleiben?“

Bhagavan erwiderte: „Wenn das Gefühl „ich tue Japa“ nicht vorhanden ist, werden die Sünden, die ein Mensch begangen hat, nicht an ihm haften. Wenn das Gefühl „ich tue Japa“ da ist, warum sollte dann die Sünde, die aus schlechten Gewohnheiten kommt, nicht an ihm haften bleiben?“

Der Brahmane frage: „Löscht nicht der Verdienst, den man sich durch gute Taten (wie Japa) erwirbt, die Folgen der Sünden aus?“

Bhagavan erklärte: „So lange das Gefühl, der Täter zu sein, da ist, muss man auch die Folgen seiner Taten erleben, seien sie nun gut oder schlecht. Wie könnte man eine Tat mit einer anderen Tat auslöschen? Wenn das Gefühl, der Täter zu sein, verschwunden ist, beeinträchtigt den Menschen nichts mehr. Solange man das Selbst nicht verwirklicht hat, wird das Gefühl „ich tue“ nicht verschwinden. Doch wozu sollte der Selbstverwirklichte noch Japa üben? Wozu sollte er Tapas üben? Das Leben geht seinem Prarabdha Karma (seinem Handeln im vorherigen Leben) gemäß weiter, aber er wünscht sich nichts mehr. Prarabdha Karma besteht aus drei Kategorien: Ichha (persönliche Wünsche), Anichha (Wunschlosigkeit) und Parechha (den Wünschen anderer zu entsprechen). Für denjenigen, der sein Selbst verwirklicht hat, gibt es kein Ichha-Prarabdha mehr. Die beiden anderen, Anichha und Parechha bleiben bestehen. Was immer er tut, er tut es lediglich für die anderen. Wenn es für ihn Dinge für andere zu tun gibt, tut er sie, aber die Folgen beeinträchtigen ihn nicht. Was immer diese Menschen tun, es geschieht ohne den Gedanken an Verdienst oder Sündenfolgen. Sie tun aber nur, was den allgemeinen Konventionen der Welt entspricht, nichts anderes.“

Obwohl Bhagavan dem Frager erklärte, dass es für den Selbstverwirklichten kein Ichha-Prarabdha, sondern nur noch Anichha- und Parechha-Prarabdha gebe, findet man seine übliche Ansicht über Prarabdha in seinen Ergänzungen zu den „Vierzig Versen“ (Unnathi Nalupadhi). Dort heißt es in Vers 33:

„Der Jnani hat kein vergangenes, kein zukünftiges und kein gegenwärtiges Karma. Wenn man sagt, dass Prarabdha (das gegenwärtige Karma) bleibt, ist das nur die Antwort auf die entsprechende Frage. Genauso wenig wie eine der Frauen, deren gemeinsamer Mann gestorben ist, der Witwenschaft entkommen kann, können die drei Karmas [29] bleiben, wenn der Täter verschwunden ist.“

[27] Shiva-Mantra
[28] Rama-Mantra
[29] drei Karmas: das in der Vergangenheit angesammelte Karma, das Karma, das in der Zukunft abgearbeitet werden muss und das Karma der Gegenwart



Was bedeutet Samadhi?     Top

09.06.46: Bhagavan verbrachte den heutigen Nachmittag vorwiegend damit, sich mit Devotees über verschiedene Dinge zu unterhalten und sie Advaita zu lehren. Ein Neuankömmling, der bemerkte, dass das Gespräch kein Ende nehmen wollte, stand auf und fragte: „Bhagavan, wann gehst du in Samadhi?“ Alle Anwesenden lachten, Bhagavan ebenso. Nach einer Weile sagte er: „Ist das dein Zweifel? Ich werde ihn beseitigen, aber zuerst sage mir, was genau Samadhi bedeutet? Wohin sollen wir gehen? Zu einem Berg oder in eine Höhle oder in den Himmel? Wie sollte Samadhi sein? Sag es mir.“

Der arme Mann wusste nichts zu erwidern und setzte sich schweigend hin. Nach einer Weile sagte er: „Es heißt, dass Samadhi erst dann eintreten kann, wenn die körperlichen Aktivitäten und Bewegungen aufhören. Wann also gehst du in dieses Samadhi?“

Bhagavan erwiderte: „Ich verstehe, was du wissen willst. Du denkst: „Dieser Swami spricht immer. Was für ein Jnani ist das bloß? Du glaubst, dass es kein Samadhi ist, solange man nicht mit gekreuzten Beinen und gefalteten Händen in Padmasana-Stellung dasitzt und mit dem Atmen aufhört. Es muss auch eine Höhle in der Nähe sein. Man muss hinein- und hinausgehen. Dann werden die Leute sagen: „Das ist ein großer Swami.“ Jetzt fangen die Leute an, an mir zu zweifeln und sagen: „Was für ein Swami ist das, der immer mit seinen Devotees spricht und seinen geregelten Tagesablauf hat?“ Was kann ich machen? Die Leute, die mich in Gurumurtam (einem kleinen Tempel am Stadtrand von Tiruvannamalai, in dem Ramana zu Anfang seines spirituellen Lebens lebte) besucht haben und später im Skandashram sahen, wie ich mit allen Leuten sprach und mich an den normalen Arbeiten beteiligte, sagten sehr besorgt zu mir: „Swami, Swami, bitte gib uns den Darshan in dem Zustand, in dem du früher warst.“ Sie glaubten, dass ich mich verwöhnen ließ. Was kann ich machen? In der Zeit, als ich in Gurumurtam lebte, musste ich auf jene Weise leben. Jetzt muss ich auf diese Weise leben. Die Dinge geschehen, wie sie geschehen müssen. Aber ihrer Ansicht nach genügt es, wenn man nicht isst und redet. Dann wird man automatisch zu einem heiligen Swami. Das ist der Irrglaube der Leute.“



Hingabe ist der wahre Dienst     Top

Bild 8
Bild 8: Myrobalams (indische Stachelbeere)

06.08.46. Heute fragte ein Devotee Bhagavan: „Swami, wie war die Geschichte mit den Myrobalams [31], als du auf dem Berg lebtest?“ Bhagavan erzählte uns folgendes: „Als ich in der Virupaksha-Höhle lebte, aß ich jeden Abend eine Myrobalam für die Verdauung. Eines Tages ging uns der Vorrat aus. Da Palaniswami zum Markt wollte, bat ich ihn, Sesha Iyer zu sagen, er möge Myrobalams besorgen. Im nächsten Augenblick kam ein Devotee, der uns ab und zu besuchte. Er blieb eine Weile und ging dann wieder. Wenig später machte sich Palaniswami auf den Weg zum Markt. Unterdessen kam der Devotee zurück und sagte: „Swami, möchtest du Myrobalams?“ Ich sagte: „Gib mir eine oder zwei, wenn du welche hast.“ Er brachte eine große Tüte und stellte sie vor mich hin. Als ich ihn fragte, woher er sie habe, antwortete er: „Swami, nach deinem Darshan fuhr ich in ein Dorf in der Nähe, da ich dort zu tun hatte. Ein anderer Wagen fuhr vor mir her, beladen mit Säcken von Myrobalams. Einer von ihnen hatte ein Loch und diese Myrobalams fielen heraus. Ich habe sie aufgelesen und hergebracht, da ich dachte, man könne sie hier gebrauchen. Bitte nimm sie an, Swami.“ Ich nahm mir ein paar davon und gab ihm den Rest zurück. Solche Dinge haben sich oft ereignet. Viele solche Geschichten sind noch in Erinnerung.

Als Mutter kam und mit dem Kochen begann, sagte sie, es wäre gut, wenn wir einen Schöpflöffel hätten. Ich sagte: „Wir wollen sehen.“ Am nächsten oder übernächsten Tag brachte jemand fünf oder sechs Schöpflöffel. So war es auch mit den Kochutensilien. Mutter sagte, es wäre gut, dieses oder jenes zu haben und ich erwiderte: „Tatsächlich?“ Am selben oder am nächsten Tag erhielten wir zehn Stück anstatt einen. Ich dachte: „Es ist genug! Wer wird sich um das alles kümmern?“ Es gab viele solche Vorfälle.“

„Wie war das mit den Weinbeeren?“, fragte der Devotee. Bhagavan erinnerte sich: „Sie dienten demselben Zweck wie die Myrobalams. Eines Tages waren keine mehr da. Palaniswami fragte, ob er jemanden damit beauftragen könne, welche im Laden zu besorgen. Ich sagte, es eile nicht und er solle sich darüber keine Gedanken machen, sondern abwarten. Kurz darauf kam Gambhiram Seshayyas Bruder mit einem großen Paket. Als ich ihn fragte, was er da bringe, antwortete er: „Weinbeeren.“ „Gerade vorher haben wir davon gesprochen, dass unser Vorrat zu Ende ist. Woher weißt du davon?“, fragte ich ihn. Er erwiderte: „Swami, wie konnte ich das wissen? Als ich mich auf den Weg machte, spürte ich, dass ich nicht mit leeren Händen kommen sollte und ging zum Markt. Da es Sonntag ist, waren alle Läden geschlossen, außer einem. Ich sagte zum Verkäufer: „Ich gehe zu Bhagavan. Was hast du da?“ Er erwiderte, er habe nur Weinbeeren und das nur, weil sie soeben eingetroffen seien.“ Als wir die Zeitpunkte verglichen, stellte sich heraus, dass sie sich deckten.

Das war auch für Ayyaswami [32] eine alltägliche Erfahrung. Wir dachten, es wäre gut, wenn wir einen bestimmter Artikel hätten, und noch in derselben Stunde hatte Ayyaswami das Gefühl, dass er diesen Artikel zu Bhagavan bringen sollte. Wenn wir ihn fragten: „Woher weißt du davon?“, erwiderte er: „Swami, woher kann ich es wissen? Es kam mir lediglich in den Sinn, dass ich es Bhagavan bringen sollte. Das habe ich getan. Das ist alles. Du sagst, du hast zur selben Zeit daran gedacht. Swami allein weiß über diese seltsamen Dinge Bescheid.“ Er hat seinen Geist rein gehalten und was immer wir dachten, hat sich in seinem Geist widergespiegelt.“

[31] Frucht mit einer heilsamen Wirkung für den Magen-Darm-Trakt
[32] Ayyaswami stammte aus Karala und diente im Ashram.


Der Lehrer ist die Konzentration     Top

08.08.46: Gestern früh fragte Yogi Ramiah Bhagavan: „Swami, einige Schüler von Sai Baba verehren ein Bild von ihm und sagen, es sei ihr Guru. Wie kann das sein? Sie können es zwar als Gott verehren, aber welchen Nutzen können sie davon haben?“ Bhagavan erwiderte: „Sie erlangen dadurch Konzentration.“ Der Yogi meinte: „Das ist ja alles schön und gut. Es mag bis zu einem gewissen Grad als eine Konzentrationsübung dienen. Aber braucht man nicht einen Guru für diese Konzentration?“ „Gewiss, aber letztendlich bedeutet Guru lediglich Guri (Konzentration)“, antwortete Bhagavan. Der Yogi fragte: „Wie kann ein lebloses Bild uns zu tiefer Konzentration verhelfen? Wir benötigen einen lebendigen Guru, der sie uns in der Praxis lehren kann. Für Bhagavan ist es vielleicht möglich, die Vollkommenheit ohne einen lebenden Guru zu erlangen, aber ist es auch möglich für Menschen wie mich?“

„Das ist wahr. Trotzdem konzentriert sich der Geist zu einem gewissen Grad, wenn er ein lebloses Bild verehrt. Diese Konzentration wird nicht von Dauer sein, solange man sein eigenes Selbst nicht durch Ergründung erkennt. Für diese Ergründung ist die Hilfe eines Gurus nötig. Deshalb sagen die alten Meister, dass die Ergründung nicht mit der Einweihung in die Lehre aufhören darf. Wenn sie es aber dennoch tut, ist die Einweihung trotzdem nicht umsonst. Sie wird früher oder später Früchte tragen. Aber man sollte mit der Einweihung nicht prahlen. Wenn der Geist rein ist, wird sie Früchte bringen. Andernfalls geht sie verloren, wie der Same, der auf unfruchtbaren Ackerboden gesät wurde.

Yogi Ramaiah meinte: „Ich weiß nicht, Swami. Du magst das hundert- oder tausendmal wiederholen. Wenn man sicher sein will, Fortschritte zu machen, braucht man einen lebenden Guru wie dich. Wie können wir einem leblosen Bild den Status eines Gurus geben?“

Bhagavan sagte lächelnd: „Ja, ja“, nickte und schwieg. Bruder, alles was ich sagen kann ist, dass dieses Lächeln und diese Stille voller Weisheit war. Wie könnte ich es beschreiben?



Siddhas     Top

10.08.46: Heute wurde in Bhagavans Gegenwart über Siddhas (übernatürliche Fähigkeiten) [33] gesprochen. Einige Anwesenden erzählten, dass jemand versucht hätte, Siddhis zu erlangen, und es sei ihm gelungen. Nachdem Bhagavan ihnen geduldig zugehört hatte, erwiderte er verärgert: „Ihr sprecht von Siddhas. Ihr sagt, dass sie etwas von irgendwoher erlangen und zu diesem Zweck spirituelle und asketische Übungen machen. Ist es denn nicht ein wirkliches Siddhi und eine Errungenschaft, wenn wir, die wir in Wirklichkeit formlos sind, einen Körper mit Augen, Beinen, Händen, Nase, Ohren und Mund erhalten haben und alles mögliche mit diesem Körper tun können? Wir sind Siddhas. Wir bekommen zu essen und zu trinken, wenn wir wollen. Sind das nicht alles Siddhis? Während wir ständig so viele Siddhis erleben, warum wollt ihr noch weiteren Siddhis? Was brauchen wir noch zusätzlich?“

Bhagavan sagte oft: „Sich selbst zu erkennen und fähig zu sein, sich treu zu bleiben, ist ein Siddhi, und nichts anderes. Wenn der Geist in Selbstergründung vertieft ist, wird man früher oder später die Wahrheit erkennen. Das ist das beste Siddhi.“

Vers 35 von den Vierzig Versen (Ulladu Narpadu) bringt das gut zum Ausdruck:
„Siddhi bedeutet, das zu kennen und zu verwirklichen, was immer wirklich ist. Andere Siddhis sind reine Traum-Siddhis. Sind sie noch wirklich, wenn man vom Schlaf erwacht? Können jene, die mit der Wahrheit vermählt und von Maya befreit sind, sich von ihnen irreführen lassen?“

[33] Menschen von großer Reinheit und Heiligkeit, die über übernatürliche Fähigkeiten (Siddhis) verfügen.



Die Früchte der Handlungen werden vom Schöpfer bestimmt     Top

11.08.46: Vor etwa zehn Monaten schrieb mir Krishna Bhikshu [34], dass er daran denke, seinen Besitz an seine Brüder zu übergeben, das Sannyasa-Gelübde abzulegen und im Land umherzuwandern, in der Hoffnung, dadurch Geistesfrieden zu finden, und dass er sich frage, was wohl Bhagavan dazu sagen würde. Ich erzählte Bhagavan von seinem Brief. Er meinte zuerst: „Ach, tatsächlich! Hat er sich endgültig dazu entschieden?“, und nach einer Weile: „Alles geschieht nach dem individuellen Karma jedes einzelnen.“

Als ich Krishna Bhikshu schrieb, was, Bhagavan gesagt hatte, antwortete er: „(In Upadesa Saram) [35] heißt es, dass die Früchte der Handlungen vom Schöpfer bestimmt werden. Aber was ist aus dem Schöpfer geworden?“ In der Zwischenzeit fragte ein Devotee Bhagavan: „Wer ist der Schöpfer in diesem Vers?“ Bhagavan erwiderte: „Mit dem Schöpfer ist Ishwara (Gott) gemeint. Er ist derjenige, der an jeden die Früchte seiner Taten seinem Karma gemäß verteilt. Er ist Saguna Brahman (Brahman mit Attributen). Das wirkliche Brahman ist aber Nirguna (ohne Attribut) und bewegungslos. Nur Saguna Brahman nennt man Ishwara. Er gibt jedem die Früchte, die seinen Taten entsprechen. Das bedeutet, dass Ishwara lediglich ein Vermittler ist. Er gibt den Lohn der getanen Arbeit. Das ist alles. Ohne diese Macht Ishwaras würde es kein Handeln (Karma) geben. Deshalb heißt es, dass Karma ohne eigene Kraft ist.

Das war die passende Antwort auf Krishna Bhikshus Frage und ich schrieb sie ihm.

[34] der Verfasser der Ramana-Biografie Sri Ramana-Leela

[35] Das folgende Gespräch bezieht sich auf Upadesa Saram, Vers 1: „Die Frucht (des Handelns) erhält man nach dem Beschluss des Herrn des Handelns (des Schöpfers). Ist Handeln das Höchste? Nein! Handeln ist ohne eigene Kraft.“ in: Ramana Maharshi: Die Quintessenz, S. 19



Ein unbekannter Devotee     Top

16.08.46: Unter der eingehenden Post war heute ein Brief in Englisch von einem unbekannten Devotee aus der Tschechoslowakei. Bhagavan erzählte uns berührt davon und ließ ihn vorlesen. Der Hauptinhalt war: „Obwohl ich körperlich weit weg von Arunachala bin, bin ich doch in spiritueller Hinsicht zu Bhagavans Füßen. Ich glaube, es werden am 1. September 50 Jahre, dass der junge Ramana nach Tiruvannamalai gekommen ist. Ich bitte um Erlaubnis, diesen Tag als den wahren Geburtstag von Bhagavan feiern zu dürfen. Ich möchte ihn in dem Bemühen begehen, meinen Geist mit grenzenloser Hingabe, Glaube und Respekt in den Staub von Bhagavans Füßen zu legen und mein Herz bei Bhagavans Stimme verweilen zu lassen.“

Wir waren vom Inhalt dieses Briefes begeistert. Bhagavan sagte mit vor Güte strahlendem Gesicht: „Wir kennen ihn nicht. Weder wissen wir seinen Namen noch wo er herstammt. Er war nie hier. Wie hat er in Erfahrung gebracht, dass ich vor 50 Jahren hierher gekommen bin? Er hat einen hingebungsvollen Brief geschrieben. Es sieht so aus, als habe er über mein Leben gelesen und es verstanden. Wo ist die Tschechoslowakei und wo ist Tiruvannamalai? Was können wir dazu sagen, wenn jemand, der mich noch nie gesehen hat, so etwas schreibt?“



Der eine Buchstabe und das Unvergängliche (Ekam Aksharam)     Top

18.08.46. Vor einigen Tagen hatten Besucher aus dem Gujarat (Gujarat ist ein indischer Bundesstaat in Westindien) Ashram-Bücher und Bhagavans Foto gekauft und baten ihn, seinen Namen in die Bücher zu schreiben. „Welchen Namen soll ich hineinschreiben?“, fragte er. „Deinen Name“, erwiderten sie. „Welches ist denn mein Name?“, fragte Bhagavan. Als sie antworteten: „Dein Name ist Ramana Maharshi, oder etwa nicht?“ meinte er lächelnd: „Jemand hat mich so genannt. Aber was bedeutet ein Name oder ein Geburtsort für mich? Ich kann meinen Namen nur hineinschreiben, wenn ich einen habe.“ Die Leute gingen weg, ohne noch etwas zu sagen.

Du erinnerst dich, dass du im Januar 1945 das Buch mit deinen Bankgeschäften [38] Bhagavan gesandt und ihn gebeten hast, er möge „OM“ oder „Sri“ hineinschreiben, doch er hatte abgelehnt. Stattdessen gab er mir die telugische Übersetzung eines Verses, den er vor langem in Tamil verfasst hatte, als Somasundaraswami mit einer ähnlichen Bitte zu ihm gekommen war. Ich habe ihn dir geschickt und du hast ihn als seine Upadesa (Belehrung) aufgenommen und dich sehr darüber gefreut. Später hat er den Vers auf die Bitte Muruganars hin ins Sanksrit übersetzt. Er lautet:

„Das eine Unvergängliche (Ekam Aksharam [39]), das beständig im Herzen wohnt, erstrahlt aus sich selbst. Wie könnte man es niederschreiben?“

[Aus den Gesammelten Werken:

„Akshara ist ein einzigartiger Buchstabe. Du willst ernsthaft, dass ich ihn in dieses Buch schreibe. Da dieser einzigartige Buchstabe beständig als das Selbst im Herzen erstrahlt, wer könnte ihn da niederschreiben?“] [40]

Als die Leute aus dem Gujarat heute ihre Bitte vorbrachten und ein „Nein“ ernteten, erinnerte ich mich wieder daran.

Vor etwa zehn Monaten besuchte ein telugischer Gelehrter den Ashram. Als er Bhagavan mit einem Gedicht, das er aus dem Stehgreif verfasst hatte, gepriesen hatte, bat er ihn: „Bitte, gib mir etwas, das mich an das heutige Ereignis erinnert und segne mich.“ „Was soll ich dir geben?“, fragte Bhagavan. „Was immer du magst. Nur ein Buchstabe (Akshara) der Belehrung.“ Bhagavan antwortete: „Wie kann ich dir das geben, was unvergänglich (Akshara) ist?“ und sah mich an. Ich meinte: „Vielleicht ist der Vers „Ekam Aksharam“ hilfreich.“ Der Sastri fragte: „Wie lautet der Vers?“ Ich las ihm den Sanskritvers vor. „Wo ist der telugische Vers?“, fragte Bhagavan. Ich las auch diesen vor. Der Sastri freute sich so sehr, als habe er einen großen Schatz erhalten, und schrieb sich beide Versionen ab. Als ich ihm erzählte, wie die Verse entstanden waren, war er sehr glücklich, verneigte sich vor Bhagavan und ging.

[38] Der Bruder Suri Nagammas arbeitete in einer Bank.
[39] Akshara(m) hat zwei Bedeutungen: etwas, das unvergänglich ist, aber auch: Buchstabe; ekam = ein
[40] Einschub der Übers., aus „Collected Works“, S. 149



Zufriedenheit     Top

19.08.46: Bhagavan gab Rajagopala Iyer den Auftrag, die vier Probedrucke des Tamilwerks Chatvaravimsath, das kürzlich aus der Druckerei gekommen war, als Bücher aufzubinden. Als ich heute Nachmittag um 2.30 Uhr kam, waren die Bücher gerade fertig. Sie mussten nur noch einen Einband erhalten. Bhagavan zeigte den Anwesenden die Bücher und sagte lachend zu Vaikuntavas, der neben ihm stand: „Lass uns sehen, ob wir nicht mit diesen Probedrucken etwas erwirtschaften können. Wir haben jetzt vier zusätzliche Exemplare von diesem Buch. Wie könnten wir sonst dazu kommen? Wer würde sie uns geben? Wir müssten sie im Buchladen kaufen. Woher würden wir das Geld dafür nehmen?“ Wir waren belustigt und Vaikuntavas lachte. Bhagavan erwiderte: „Warum lachst du? Habe ich Arbeit und verdiene monatlich mehrere hundert Rupien? Oder bin ich ein Geschäftsmann und verdiene Tausende? Woher sollte ich das Geld nehmen? Welche Unabhängigkeit habe ich? Wenn ich Durst habe, muss ich um Wasser bitten. Wenn ich stattdessen in die Küche gehe, wird das Küchenpersonal sagen: „Oh, dieser Swami fängt an, uns zu kontrollieren.“ Deshalb muss ich den Mund halten. Welche Unabhängigkeit habe ich schon.“

Welche andere Absicht könnte er haben, als einen milden Tadel an alle zu verteilen, wenn er auf diese Weise redet, obwohl er von allem in dieser Welt unabhängig ist? Wir handeln unseren Wünschen entsprechend. Wir bitten um dies und das und werden Sklaven unserer Wünsche. Wir setzen unsere Wünsche durch, indem wir bitten oder befehlen. Bhagavan lehnt in solchen Belangen nicht nur die Ausübung von Autorität ab, sondern auch, etwas zu erbitten.

Es gibt noch einen anderen Vorfall. Als ich vor zwei oder drei Jahren morgens in die Halle kam, erzählte Bhagavan folgendes:

„Als ich in der Virupaksha-Höhle lebte, ging Sundaresa Iyer in die Stadt zum Betteln und brachte uns zu essen. Manchmal hatten wir keinen Curry oder Chutney. Es waren viele Münder zu stopfen, aber wir bekamen nur wenig zu essen. Was sollten wir tun? Ich mischte alles zusammen, goss heißes Wasser darüber und machte einen Brei daraus. Dann gab ich jedem eine Portion davon und nahm auch eine für mich. Manchmal glaubten wir, es wäre gut, wenn wir wenigstens etwas Salz hätten. Aber wo war das Geld, um Salz zu kaufen? Wir hätten jemand darum bitten müssen. Wenn wir einmal damit anfingen, um Salz zu bitten, würden wir auch um Dhal (Linsen) bitten wollen. Wenn wir um Dhal bitten würden, würden wir auch um Payasam (Aprikosen) bitten und so weiter. Deshalb meinten wir, wir sollten um gar nichts bitten und den Brei, so wie er war, hinunterschlucken. Wir waren mit dieser Ernährung äußerst glücklich. Da die Nahrung sattwisch und ohne jegliche Gewürze, ja nicht einmal gesalzen war, war sie nicht nur gesund für den Körper, sondern gab auch dem Geist großen Frieden.“

„Ist Salz nicht auch eines der Dinge, die Rajas (die Leidenschaft) stimuliert?“, fragte ich. „Ja, zweifelsohne. Es steht irgendwo in den Schriften. Warte, ich schau nach“, erwiderte Bhagavan. „Es genügt, wenn Bhagavan es sagt. Wozu brauchen wir noch eine Schrift“, antwortete ich.

Wir lassen das Salz nicht weg, sondern glauben, dass auch Chili für den Geschmack nötig ist. So haben wir unsere Ernährungsgewohnheiten. Große Seelen essen, um zu leben und der Welt zu dienen, während wir leben um zu essen. Das ist der Unterschied. Wenn wir essen um zu leben, brauchen wir nicht an Geschmack zu denken. Wenn wir leben um zu essen, sind die Geschmäcker grenzenlos. Und dafür nehmen wir so viel Mühsal auf uns.


Spirituelle Übung (Sadhana)     Top

23.08.46: Vorgestern kam ein gelehrter Herr aus Madras und stellte Bhagavan Fragen. „Hat Bhagavan zu irgendeiner Zeit spirituelle Übungen (Sadhana) gemacht?“ Bhagavan erwiderte: „Sadhana? Wozu? Wozu sollte man Sadhana machen? Wenn man so dasitzt, ist das bereits Sadhana. Ich bin immer so dagesessen. Damals hatte ich meine Augen geschlossen, jetzt habe ich sie offen. Das ist der einzige Unterschied. Was jetzt ist, war auch damals und andersherum. Sadhana ist nur nötig, wenn es etwas vom Selbst Verschiedenes gibt. Es ist nur nötig, wenn man nicht auf das Selbst schaut, das immerwährend ist, sondern sich täuschen lässt und auf den Körper usw. schaut, der unbeständig und trügerisch ist. Sadhana ist unnötig, wenn man das Selbst und nichts von ihm Verschiedenes sieht. Wozu sollte es sonst dienen?“

Da fragte jemand: „Warum steht dann in vielen Büchern, dass niemand ohne einen Guru Jnana erlangen kann?“ Bhagavan erwiderte: „Ja, das ist richtig. Für jene, die sich wegen der Aktivität ihres Geistes täuschen lassen, indem sie glauben, dass sie der Körper sind, ist ein Guru und Sadhana vonnöten, damit sie von ihrer falschen Vorstellung frei werden.“

Jemand anderer fragte: „Es heißt, dass jemand, der meditiert, durch sein Sadhana die physische Manifestation seiner Lieblingsgottheit sehen und andere segensreiche Dinge erlangen kann. Was bedeutet das?“

Bhagavan antwortete: „Das, was immer da ist, ist offenkundig (manifest). Die Person „Ich“ ist immer offenkundig. Die Leute glauben, dass Gott von irgendwoher herabkommt und sich manifestiert, indem das Selbst, das immer existiert, nach seinem Wunsch eine Gestalt erschafft, worüber man dann meditiert. Du gibst dann das Selbst auf, das immer und überall existiert, und machst spirituelle Übungen in der Hoffnung, dass irgendein Gott erscheint, um dann wieder zu verschwinden. Du gibst das ewige Selbst auf und strebst nach so einer vergänglichen Erscheinung, strebst nach seinen Wohltaten und vermehrst dadurch deine geistigen Kämpfe und Anstrengungen. Es würde überhaupt keine Schwierigkeiten geben, wenn man lediglich so bleiben würde, wie man ist.“

Obwohl Bhagavan uns eindeutig lehrte, dass das, was offenbar wird, lediglich der gute Zustand jenseits des Denkers bedeutet, tat es mir leid, dass wir das nicht verstehen konnten. Als ich noch darüber nachdachte, fragte jemand: „Dieser erhabene Zustand, der über der normalen mentalen Ebene liegt, ist nur für Leute wie Bhagavan möglich und natürlich. Ist er auch für uns gewöhnliche Leute erreichbar, wenn wir keine spirituellen Übungen machen?“ Bhagavan bestätigte: „Gewiss! Sadhana ist nötig, aber wozu? Das Selbst ist immer und überall da. Deshalb muss man es nicht von irgendwoher erlangen. Sadhana ist nur nötig, um von der körperlichen Illusion und von anderen Illusionen frei zu werden, die verhindern, dass das Selbst sich als Selbst erhebt. Diese falschen Vorstellungen tauchen nur deshalb auf, weil wir denken, dass diese körperliche Welt wirklich ist, anstatt dass wir auf das Selbst schauen, das wirklich ist. Sadhana hat den einzigen Zweck, von dieser Illusion frei zu werden. Das Selbst braucht kein Sadhana, um sein eigenes Selbst zu erlangen. Wer sein eigenes Selbst erkannt hat, sieht nichts anderes mehr.“


Brahman ist wirklich - die Welt ist eine Illusion     Top

02.08.46: Vor einiger Zeit fragte ein Neuankömmling Bhagavan etwas in Englisch, das ich nicht verstehen konnte, da ich die Sprache nicht kann. Aber Bhagavan antwortete in Tamil. Ich gebe seine Antwort wieder, wie es mir möglich ist.

Bhagavan sagte: „Es ist folgende Frage aufgetaucht: Es heißt, dass Brahman wirklich und die Welt eine Illusion ist. Andererseits heißt es auch, dass das ganze Universum ein Abbild Brahmans ist. Wie gehen diese beiden Behauptungen zusammen?

Dem Sadhaka (spirituell Übenden) muss man sagen, dass die Welt eine Illusion ist. Es gibt keine andere Möglichkeit, denn wenn ein Mensch vergisst, dass er das wirkliche, immerwährende und allgegenwärtige Brahman ist und sich selbst täuscht, indem er denkt, er sei ein Körper im Universum, das voller vergänglicher Körper ist, und unter dieser Täuschung steht, dann muss man ihn daran erinnern, dass die Welt unwirklich und eine Täuschung ist. Warum? Weil er sein eigenes Selbst vergessen hat und der äußeren, materiellen Welt anhängt. Er wird sich erst dann in einer Selbstprüfung nach innen wenden, wenn du ihm einschärfst, dass diese ganze äußere, materielle Welt unwirklich ist. Wenn er einmal sein eigenes Selbst erkennt und versteht, dass es nichts anderes als sein eigenes Selbst gibt, wird er die ganze Welt als Brahman betrachten. Ohne das eigene Selbst gibt es keine Welt. Solange ein Mensch sein eigenes Selbst nicht sieht, das der Ursprung von allem ist, sondern lediglich die äußere Welt als wahr und dauerhaft betrachtet, muss man ihm sagen, dass diese ganze äußere Welt eine Illusion ist. Es geht nicht anders. Nimm als Beispiel ein Stück Papier. Wir sehen nur die Schrift darauf und keiner bemerkt das Papier, worauf die Schrift geschrieben steht. Das Stück Papier ist da, ob etwas darauf steht oder nicht. Jenen, die die Schrift als wirklich betrachten, muss man sagen, dass sie unwirklich und eine Illusion ist, da sie auf dem Papier basiert. Der Weise sieht beides als eines, das Papier und die Schrift. Ebenso ist es für ihn mit Brahman und der Welt.

Mit dem Kino ist es dasselbe. Die Leinwand ist immer da. Die Bilder kommen und gehen und beeinträchtigen die Leinwand nicht. Was macht es der Leinwand aus, ob Bilder auf ihr erscheinen oder verschwinden? Die Bilder haben die Leinwand als Grundlage. Aber wozu sind sie ihr nütze? Der Mensch, der nur auf die Bilder schaut und nicht auf die Leinwand selbst, wird von der Freude und dem Leid der Geschichte berührt. Jener aber, der die Leinwand betrachtet, versteht, dass die Bilder lediglich Schatten sind und nicht von der Leinwand getrennt existieren noch von ihr verschieden sind. So ist es auch mit der Welt. Es ist alles ein Schattenspiel.“

Der Frager war glücklich über die Antwort, verabschiedete sich und ging.



Der Swami ist überall     Top

25.08.46: Die Europäer, denen du ein Empfehlungsschreiben mitgegeben hast, kamen vorgestern mit dem Auto an. Sie hatten eine Amerikanerin bei sich. Gestern Vormittag besuchten sie die Stadt und Skandashram und waren zur Mittagszeit wieder zurück. Nachdem sie alles für ihre Rückreise vorbereitet hatten, kamen sie um 3 Uhr in die Halle und setzten sich.

Die Amerikanerin war nicht gewohnt, auf dem Boden zu sitzen. Sie ließ sich neben mir nieder und streckte ihre Beine in Richtung von Bhagavans Sofa aus. Ich fühlte es unpassend, sagte aber nichts, da sie sowieso bald gehen würde. Doch Rajagopala Iyer, einer der Helfer, konnte es nicht ertragen und bat sie, mit gekreuzten Beinen zu sitzen. Bhagavan beobachtete es und sagte lächelnd: „Wenn es für sie (die ausländischen Besucher) schon schwierig ist, auf dem Boden zu sitzen, musst du sie dann auch noch zwingen, mit verschränkten Beinen zu sitzen?“ „Nein, natürlich nicht!“, verteidigte sich der Helfer. „Ich habe sie lediglich darauf aufmerksam gemacht, dass es respektlos ist, Bhagavan die Beine entgegenzustrecken.“ „Ach so, es ist also respektlos“, erwiderte Bhagavan leichthin. „Dann ist es auch respektlos, wenn ich ihnen meine Beine entgegenstrecke. Was du da sagst, gilt dann natürlich auch für mich.“ Da kreuzte er ebenfalls die Beine. Wir lachten, aber wir fühlten uns doch nicht so recht wohl dabei. Die Fremden blieben etwa für eine halbe Stunde und gingen dann.

Bhagavan hat den restlichen Tag damit zugebracht, seine Beine immer wieder zu strecken, um sie dann erneut zu kreuzen. Er meinte, dass es sonst als respektlos angesehen werden könnte. Seine Beine werden in zehn Minuten steif, wenn er sie kreuzt, und die Steifheit verschwindet erst, nachdem er sie mindestens eine halbe Stunde lang ausgestreckt hat, ganz zu schweigen von den Schmerzen, die das verursacht.

Als ich heute Nachmittag in die Halle kam, waren nur zwei oder drei Leute da. Bhagavan streckte gerade seine Beine aus und sagte: „Ich weiß nicht, ob ich sie ausstrecken darf. Man sagt, es gehöre sich nicht. Der arme Rajagopala Iyer war ganz niedergeschlagen und reumütig. Da hatte Bhagavan Mitlied mit ihm und streckte seine Beine wieder aus wie immer. Wir waren alle froh.

Als er mich in der Halle sitzen sah, erzählte er uns eine Geschichte über Avvaiyar [43]:

„Als der Rajah von Chera bemerkte, dass Sundaramurthi (einer der berühmten 63 tamilischen Heiligen aus dem 8. Jh.) [44] auf einem weißen Elefanten zum Kailash ritt, flüsterte er seinem Pferd das Panchakshara Mantra „Om Namah Shivaja“ ins Ohr und machte sich ebenfalls zum Kailash auf. Avvaiyar, die gerade dem Herrn Ganesha zu Ehren eine Puja feierte, sah die beiden zum Kailash reiten. Sie beeilte sich, mit ihrer Puja fertig zu werden, da sie auch zum Kailash wollte. Als Ganesha das bemerkte, sagte er zu ihr: „Alte Frau, du brauchst dich nicht zu beeilen. Feiere deine Puja wie immer. Ich werde dich zum Kailash bringen und du wirst noch vor ihnen dort sein.“ Sie feierte also ihre Puja wie immer. Dann winkte Ganesha mit der Hand und sagte: „Alte Frau, schließ die Augen.“ Als sie ihre Augen wieder öffnete, fand sie sich auf dem Kailash vor Parvati und Parameswara wieder. Als Sundaramurthi und der Rajah von Chera eintrafen, waren sie überrascht und fragten sie, wie sie hergekommen sei. Sie erzählte ihnen, wie der Herr Ganesha ihr geholfen hatte. Da freuten sie sich sehr, dass ihre Hingabe belohnt worden war.

Avvaiyar war sehr alt, und deshalb setzte sie sich dem höchsten Herrn gegenüber, indem sie ihre Beine ausstreckte wie ich. Parvati konnte den Anblick nicht ertragen. Sie ärgerte sich, da sie es als eine große Beleidigung ansah, dass jemand Swami mit ausgestreckten Beinen gegenübersaß. Deshalb bat sie Parameswara, dass sie das der alten Frau sagen dürfe. Ishwara aber meinte: „Sage lieber nichts. Wir sollten schweigen.“ Doch ist Parvati etwa nicht seine bessere Hälfte? Wie konnte sie diese Beleidigung ertragen? Sie flüsterte ihrer Magd ins Ohr, es der alten Frau zu sagen. Diese ging zur alten Frau hin und sagte zu ihr: „Großmutter, du solltest deine Beine nicht gegen Ishwara ausstrecken.“ Da erwiderte Avvaiyar: „Tatsächlich? Dann sage mir, auf welcher Seite Ishwara nicht ist. Soll ich mich dahin wenden?“ Sie streckte ihre Beine in die andere Richtung aus, doch Ishwara erschien nun dort. Sie änderte ihre Position nochmals, doch er drehte sich ebenfalls dorthin. Der Herr wandte sich jeweils auf die Seite, wohin sie ihre Beine legte. Ishwara sah Parvati an und sagte: „Verstehst du es jetzt? Du wolltest ja nicht auf mich hören! Sieh bloß her, wie sie mich ständig herumdreht. Deshalb habe ich dir gesagt, du sollst deinen Mund halten.“ Da bat Parvati die alte Frau um Verzeihung.

Es ist dasselbe, wenn man den Leuten sagt, sie sollen ihre Beine nicht Swami entgegenstrecken, denn wo ist er nicht?“

Derselbe Devotee meinte: „Gibt es nicht eine ähnliche Geschichte über Namdev [45]?“ „Ja“, erwiderte Bhagavan und begann, sie uns zu erzählen:

„Namdev war auf sich stolz, da Vittal ihn lieber mochte als die anderen. Deshalb nahmen ihn Jnanadeva und die anderen zu einem Fest bei Gorakumbhar mit. Nach der Mahlzeit saßen sie alle beisammen. Da sagte einer von ihnen zu Gorakumbhar: „Du bist doch ein guter Töpfer. Jetzt sage uns, welche von diesen Töpfen hier (gemeint sind die Anwesenden) gut und welche schlecht sind?“ Gorakumbhar nahm eine Töpferprüfstange und schlug damit jedem von ihnen auf den Kopf. Aus Respekt vor ihm hielten alle still und ihre Köpfe gesenkt. Als Namdev an der Reihe war, protestierte er gegen diese Methode und weigerte sich, den Test an sich vornehmen zu lassen. Gorakumbhar gab sofort bekannt, dass dies ein unreifer Topf sei. Alle brachen in Gelächter aus. Der arme Namdev konnte seinen Ärger nicht beherrschen und beschuldigte sie, dass sie das gemeinsam gegen ihn ausgeheckt hätten, um ihn zu erniedrigen. Dann ging er mit Tränen in den Augen zu Vittal, um sich bei ihm zu beschweren.

Vittal fragte ihn: „Was ist denn los?“ und Namdev erzählte ihm die ganze Geschichte. „Was haben denn die anderen gesagt, als sie geprüft wurden?“, wollte der Swami wissen.

Namdev: „Sie hielten alle den Mund und neigten die Köpfe, als sie geschlagen wurden.“

Vittal: „Und du?“

Namdev: „Bin ich denn wie sie? Ich bin mit dir vertraut. Muss ich mich da zur Prüfung schlagen lassen?“

Vittal: „Das ist das Ego. Alle kennen mein wahres Selbst und sind zufrieden. Du bist es nicht.“

Namdev: „Du bist freundlich zu mir. Was brauche ich mehr?“

Vittal: „Darum geht es nicht. Du musst den Älteren dienen, wenn du die Wahrheit erkennen willst. Was bin ich? Wenn du tanzt, tanze ich. Wenn du lachst, lache ich und wenn du hüpfst, hüpfe ich. Wenn du die Wahrheit herausfindest, wirst du nicht mehr so unstet sein.“

Namdev: „Du sprichst von den Älteren. Aber wer ist älter als du?“

Vittal: „Im Wald in der Nähe gibt es einen Tempel. Dort lebt ein Sadhu. Gehe zu ihm und du wirst die Wahrheit erkennen.“

Als Namdev zu dem Tempel im Wald kam, traf er auf einen ungepflegten Mann, der dort lag. „Wie kann dieser Mann ein Sadhu sein?“, dachte er. Als er näher kam, sah er, dass der Mann seine Beine auf ein Lingam gelegt hatte. Namdev erschauderte und sagte ängstlich: „Herr, was machst du da? Du legst deine Beine auf den Kopf Gottes!“ Der Mann erwiderte: „Ah, Namdev, du bist es. Vittal hat dich hergeschickt, nicht wahr?“ Betroffen fragte sich Namdev, wie der Sadhu ihn kennen konnte und fragte nochmals: „Herr, du bist ein Sadhu. Wie kannst du da deine Beine auf ein Lingam legen?“ „Tu ich das, mein lieber Sohn? Ich habe keine Ahnung. Ich kann meine Beine nicht heben. Wirst du sie bitte für mich anheben und sie vom Lingam weglegen?“ Namdev willigte ein, hob seine Beine an und versuchte, sie anderswo hinzulegen, aber auch dort war ein Lingam. Wohin er auch die Beine des Sadhus legen wollte, es war ein Lingam an der Stelle. Deshalb legte er sie schließlich auf sich selbst. Da wurde auch er zu einem Lingam. Durch die Berührung der heiligen Füße erwachte er zur Erkenntnis des Selbst. Namdev stand benommen auf. Da fragte ihn der Sadhu: „Kennst du jetzt die Wahrheit?“ Namdev verneigte sich vor dem Sadhu, der Visobakesar, ein Schüler von Jnaneswar war, und bestätigte: „Ja, ich habe das Selbst verwirklicht.“ Dann ging er nach Hause, setzte sich in sein Zimmer und tauchte in tiefe Meditation ein. Er ging nicht mehr zu Vittal.

Nach einigen Tagen kam Vittal zu ihm gerannt und fragte ihn: „Namdev, warum kommst du nicht mehr zu mir?“ Namdev entgegnete: „Oh Herr, wo gibt es einen Ort, an dem du nicht gegenwärtig bist? Ich sehe dich hier immerfort. Ich bin du und du bist ich. Deshalb komme ich nicht mehr zu dir.“ „Ich verstehe. Das ist gut so“, sagte Vittal und verschwand.

[43] Avvaiyar s.a. Brief 32
[44] einer der berühmten 63 tamilischen Heiligen aus dem 8. Jh.
[45] religiöser indischer Dichter aus dem 13./14. Jh.



Das Kartikai-Fest     Top

13.12.46: Am Abend des 10. Tages des Kartikai-Festes wird die heilige Flamme auf dem Gipfel des Arunachala entzündet (Deepam). In diesem Jahr fiel es auf den 7. Dezember. Während des zehntägigen Festes wimmelt es in der Stadt von Pilgern. Es ist üblich, dass sie auch zu Bhagavans Darshan kommen. Vier oder fünf Tage vor Deepam beginnen die Menschenansammlungen, weshalb Bhagavan sein Darshan in der offenen Halle vor dem Tempel der Mutter gibt. In diesem Jahr meinten die Devotees, es wäre besser, wenn er in der Jubiläumshalle sitzen würde und bauten einen Regenschutz um die offene Halle. Drei Tage nach Beginn des Kartikai-Festes nahm Bhagavan seinen Platz dort ein, einen oder zwei Tage früher als sonst. Es regnete stark. Die meisten Besucher waren arme Leute, Alte, Schwache und Frauen mit ihren Babys auf den Armen.

Am Abend von Deepam brachen die Leute bereits um 2 Uhr nachts zum Giripradakshina (Umrundung des Arunachala) auf und kamen mit durchnässten Kleidern in den Ashram. Damit sie ungehindert zum Darshan kommen konnten, lässt Bhagavan normalerweise eine der Türen schließen und sein Sofa waagerecht zur Tür aufstellen. Wir dachten, es würde auch dieses Mal so sein, doch Bhagavan meinte: „Wozu? Ich kann hier bleiben.“

Die ganze Nacht blies ein stürmischer Wind und es regnete stark. Als ich draußen die Stimmen der Menge hörte, stand ich auf. Ich machte mich rasch fertig, um nicht zu spät zu kommen. Doch als ich nach draußen ging, sah ich, dass das Wasser in gurgelnden Bächen vom Berg herunterströmte und auf der Straße das Wasser schwamm. Ich hastete zur Halle. Es war 4.30 Uhr. Bhagavan war nicht da. Als ich jemanden fragte, wo er war, antwortete er: „in dem Unterstand“. Ich rief: „in diesem Regen und Wind!“ und eilte hinüber. Bhagavan saß auf seinem Sofa und hatte nicht einmal eine Decke umgelegt. Sein lächelndes Gesicht strahlte alle Anwesenden voller Güte und Glückseligkeit an. Der süße Duft der Räucherstäbchen erfüllte die offene Halle.

Als ich mich vor ihm verneigt hatte, sagte er: „Die Rezitation der Veden ist schon vorüber.“ Ich schämte mich, weil ich zu spät dran war, und fragte ihn: „Warst du die ganze Nacht hier?“ Er erwiderte: „Nein. In jedem Jahr kommen die Leute ab 2 Uhr. Deshalb bin ich seitdem hier. Aber weil es regnet, sind sie noch nicht gekommen.“ „Du musst Buße tun, weil du zu spät dran bist“, sagte ein Devotee zu mir. Alle lachten.



Die Gestalt des Selbst - Atmakaravritti     Top

19.12.46: Vorgestern kam ein Herr aus Andhra Pradesh und überreichte Bhagavan einen Brief mit folgender Frage: „Manche sagen, dass der Jnani im Schlaf in der Gestalt des Selbst (Atmakaravritti) ist, während andere das Gegenteil behaupten. Was ist deine Ansicht?“ Bhagavan erwiderte: „Wir wollen zuerst lernen, im Zustand des Selbst zu sein, wenn wir wachen. Es ist dann noch Zeit genug darüber nachzudenken, was im Schlafzustand geschieht. Ist man nicht im Wach- und Schlafzustand derselbe?“

„Swami, die Frage bezieht sich nicht auf mich, sondern auf den Jnani.“ Bhagavan erwiderte: „Ach, tatsächlich! Aber solltest du nicht zuerst über dich Bescheid wissen? Die Jnanis können sich um sich selbst kümmern. Wir wissen nichts von uns selbst, aber wir wollen über die Jnanis Bescheid wissen. Was macht es für uns für einen Unterschied, ob sie in der Gestalt von Atman oder Brahman sind? Wenn wir über uns Bescheid wissen, stellt sich die Frage nach den Jnanis nicht.“

Der Besucher antwortete: „Swami, diese Frage ist nicht meine eigene, sondern wurde mir von einem Freund aufgetragen.“ „Ach, Freunde haben die Frage gestellt. Was sollen wir ihnen antworten? Wenn wir von einer Gestalt sprechen, ist damit Dualität beinhaltet. Aber das, was IST, ist nur eines. Es stellt sich dann die Frage: „Wie kann es ohne die Bewusstheit des Höchsten Selbst irgendeine Bewegung von der Vergangenheit zur Gegenwart und Zukunft geben?“ Deshalb müssen wir es irgendwie benennen, wie etwa Gestalt der Unbegrenztheit, Gestalt des Selbst oder Brahmans, so wie wir sagen, dass der Fluss letztendlich die Gestalt des Meeres hat. Alle Flüsse münden ins Meer, lösen sich in ihm auf, verlieren ihre Gestalt und werden eins mit ihm. Was bedeutet es dann, wenn man sagt, dass der Fluss die Gestalt des Meeres hat? Hat das Meer irgendeine Gestalt wie etwa: es ist so tief und so breit? Auf dieselbe Weise sagt man, dass der Jnani die Gestalt des Unendlichkeit oder des Atman hat, aber in Wirklichkeit ist alles dasselbe. Das sind nur Antworten, die man auf entsprechende Fragen gibt, aber für den Jnani ist das alles eins.“

Jemand anderer fragte: „Haben all jene, die Brahman erkennen, einen reinen Geist?“ „Ja, im allgemeinen Sprachgebrauch kann man das so sagen. Aber in Wirklichkeit gibt es für sie kein solches Ding wie den Geist. Die Vasanas machen den Geist aus. Wenn keine Vasanas da sind, ist auch kein Geist da. Das, was ist, ist Sein. Sein ist Brahman, es erstrahlt aus sich selbst, es ist Atman, das Selbst.“



Andavane     Top

Bild 13
Ramanatha Brahmachari ist der erste von links.

20.12.46: Heute brachte ein Telegramm die Nachricht, dass Ramanatha Brahmachari alias Andavane vergangene Nacht in Madras gestorben ist. Ramanatha hatte sich in sehr jungen Jahren der Gruppe von Bhagavans Schülern angeschlossen, als Bhagavan noch in der Virupaksha-Höhle lebte. Er hat ihn nie mehr verlassen und blieb lebenslang ein Brahmachari. Der treue Devotee war nach Madras gegangen, um sich dort ärztlich behandeln zu lassen. 15 Tage später starb er.

Am Nachmittag sangen zwei Frauen ein Tamillied. Bhagavan sagte ergriffen zu mir: „Dieses Lied hat Ramanatha geschrieben. Es gibt von ihm noch ein anderes Lied. Dazu gibt es eine interessante Geschichte. Als ich in der Virupaksha-Höhle lebte, gingen wir alle in einer Vollmondnacht um den Berg herum (Giripradakshina). Subramanya Iyer aus Chidambaram war auch dabei. Der Mond schien hell und alle waren in bester Stimmung. Es wurde beschlossen, dass während des Gehens jeder einen Vortrag zu verschiedenen Themen halten sollte. Subramanya Iyer sollte den Vorsitz führen. Ramanatha hielt den ersten Vortrag. Er hatte sich als Thema ausgesucht: Die Gemeinsamkeit des höchsten Selbst, das im menschlichen Herzen wohnt, des Herrn Nataraja in Chidambaram und Sri Ramanas in der Virupaksha-Höhle. Der Vorsitzende bewilligte ihm eine halbe Stunde. Er fand kein Ende, all die Gemeinsamkeiten auszuführen. Als der Vorsitzende sagte, dass die Zeit um sei, bat Ramanatha um eine weitere halbe Stunde. Er sprach volle drei Stunden lang, indem er sich immer wieder mehr Zeit ausbat, bis der Vorsitzende ihm endgültig einen Riegel vorschob. Du hättest seinen Enthusiasmus sehen sollen. Er fasste die Punkte des Vortrags in einem Lied mit vier Strophen zusammen. Da das Wort „Andavane“ mehrmals in dem Lied vorkommt [49], erhielt Ramanatha den Spitznamen „Andavane“.

Das Lied lautet: „Ich sah den Herrn von Tiruchuli [50], konnte mich nicht mehr umwenden und blieb wie angewurzelt stehen. Er ist der Herr, der in Chidambaram tanzt, die Hilflosen schützt und zu ihnen barmherzig ist. Er manifestiert sich als der Gott, der in der Virupaksha-Höhle auf dem Berg im heiligen Tiruvannamalai lebt.“

[49] Ramanatha betitelt Ramana in diesem Lied mehrfach als Andavana (Gott).
[50] Tiruchuli ist der Geburtsort Ramanas.



Omkar und Aksharam     Top

24.01.47: Als ich auf dem Heimweg war, hörte ich die Diskussion zweier junger Männer. Der eine sagte: „Ich habe Ramana Maharshi frei heraus gefragt, was übrig bleibt, wenn man Omkar (OM) [51] überquert hat. Er konnte mir nicht antworten, schloss die Augen und schlief.“

Obwohl es mich ärgerte, dass sie über meinen Guru so abfällig redeten, war ich doch auch amüsiert

Die beiden jungen Männer waren am nächsten Tag wieder in der Halle. Da fragte jemand anderer Bhagavan: „Swami, es heißt das A, U und M OM bilden. Was bedeuten diese drei Buchstaben? Welche Gestalt hat Omkar?“ Bhagavan erwiderte: „Omkar ist Brahman. Brahman ist das namen- und formlose reine SEIN (Sat). Es wird Omkar genannt. A, U, M oder Sat, Chit, Ananda (Sein, Bewusstsein, Seligkeit), beides bedeutet Brahman. Omkar ist jenseits der Sprache und des Geistes. Es kann nur erfahren, nicht aber mit Worten beschrieben werden. Man kann nicht sagen, von welcher Gestalt es ist.“

Dies war auch die Antwort für die beiden jungen Männer.

Mehrmals wurde Bhagavan eine ähnliche Frage gestellt: „Was ist die Gestalt von Akshara  (das Unvergängliche, OM)? [52] Wie sieht es aus? Wie können wir es erkennen?“ Bhagavan antwortete auf solche Fragen: „Die Gita sagt, dass das Höchste und das Beständige die Gestalt von Akshara ist. Das Selbst ist Akshara. Das, was unzerstörbar ist, ist Akshara. Wie können wir es erkennen? Diese Frage würde sich nur dann stellen, wenn Akshara etwas anderes als das Selbst wäre. Aber beides ist dasselbe. Das, was ist, ist nur eines. Es ist SEIN (Sat). Dieses SEIN ist das SELBST. Es gibt nichts anderes als das Selbst. Deshalb ist es das Beste, was man tun kann, zu erforschen und zu erkennen, wer das Selbst ist und im Selbst zu verbleiben.“

[51] Omkar = die heilige Silbe OM; zu Omkar s .a. Briefe 28 und 43
[52] s. a. Brief 62


Das "Tamil-Kind"     Top

30.01.47: Gestern hat Bhagavan erwähnt, dass Shankara in seinem „Soundarya Lahari“ Sambandar (Sambandarist einer der 63 Shiva-Heiligen aus dem 7. Jh.) [58] als das „Tamil-Kind“ (Dravida Sisuhu) bezeichnet hat. Vergangene Nacht nahm ich Shankaras Werk mit einem telugischen Kommentar zur Hand und sah mir den Vers an. Er lautet:

„O Tochter des Berges (i.e. Parvati), ich stelle mir vor, dass die Milch der Poesie, die aus deinem Herzen strömte, die Milch aus deiner Brust zum fließen brachte. Das Tamil-Kind trank diese Milch, die du ihm in deiner Gnade gabst, und wurde einer der größten Poeten.“

Der telugische Kommentar besagte, dass mit dem „Tamil-Kind“ Shankara gemeint sei. Am nächsten Tag sagte ich das Bhagavan. Er erwiderte: „Das muss ein Fehler im telugischen Kommentar sein. Das tamilische „Soudarya Lahari“ macht klar, dass damit Sambandar und nicht Shankara gemeint ist.“ Er ließ sich die tamilische Version bringen und las vor, wie Sambandar zu diesem Titel „Dravida Sisuhu“ gekommen ist. Dann erzählte er uns folgendes über Sambandar:

„Sambandar war das Kind einer orthodoxen Brahmanenfamilie in Sirkali. Seine Eltern nannten ihn Aludaya Pillayar. Als der Knabe drei Jahre alt war, nahm ihn sein Vater zum Baden im Wasserbecken des Tempels mit. Das Kind konnte seinen Vater im Wasserbecken nicht mehr sehen und sah sich verängstigt um. Doch sein Vater war spurlos verschwunden. Da fing es zu weinen an, sah zum Tempelwagen hinüber und jammerte: „Vater! Mutter!“ Da erschienen Parvati und der Herr Shiva am Himmel und gaben ihm ihren Darshan. Shiva wies Parvati an, ihm von der Milch ihrer Brust zu geben. Die Milch enthielt die göttliche Weisheit Shivas. Der Junge trank und wurde all seinen Kummer los. Da verschwand das göttliche Paar wieder. Sambandar saß von der Milch der Weisheit gesättigt und glücklich am Wasserspeicher. Die Milch tropfte noch aus seinen Mundwinkeln, als sein Vater aus dem Wasser stieg. Er schwang einen Stock und fragte ärgerlich: „Wer hat dir Milch gegeben? Wie kannst du die Milch trinken, die Fremde dir anbieten? Sag mir sofort, wer es war, oder du bekommst Schläge!“ Da antwortete Sambandar mit einem zehnstrophigen Lied in Tamil, das besagte, dass Shiva und Parvati, sein Vater und seine Mutter, ihm die Milch gegeben hatten. Von diesem Tag an strömte die Poesie ununterbrochen aus ihm hervor. Darauf bezieht sich Shankara. Die Kommentatoren von Shankaras Werk machen klar, dass sich „Dravida Sisuhu“ nur auf Sambandar beziehen kann.

[58] Sambandar: einer der 63 Shiva-Heiligen aus dem 7. Jh., der ein großer Tamil-Poet war. Seine Werke sind im Tevaram enthalten, einer Sammlung frommer Gesänge aus dem 6.-9. Jh.


Jnana Sambandar     Top

01.02.47: Als Bhagavan den tamilischen Kommentar von „Soudarya Lahari“ vorgelesen und uns klargemacht hatte, dass „Dravida Sisuhu“ sich auf Sambandar bezieht, setzte sich die Diskussion darüber in den folgenden 2 oder 3 Tage fort. In diesem Zusammenhang fragte ein Devotee Bhagavan: „Sambandar hieß ursprünglich Aludaya Pillayar. Wann hat er den Namen Jnana Sambandar bekommen und warum?“ Bhagavan erwiderte: „Als er die Milch der Göttin getrunken hatte, empfing er Jnana Sambandar (den Kontakt mit Jnana) und erhielt diesen Namen. Es bedeutet, dass er ohne die übliche Beziehung von Lehrer und Schüler ein Jnani wurde. Die Leute in der ganzen Nachbarschaft nannten ihn von diesem Tag an so.“

Ich sagte: „Bhagavan hat auch ohne die Hilfe eines menschlichen Gurus Jnana erlangt.“ „Ja, deshalb hat Krishnaswami so viele Vergleichspunkte zwischen Sambandar und mir gefunden.“

Ich fragte: „Im „Sri Ramana Leela“ heißt es, dass Sambandar von den Waldvölkern ausgeraubt wurde, als er nach Tiruvannamalai kam. Aber er war doch ein Mann der Weisheit. Welchen Besitz hatte er?“ „Ach, das! Er folgte dem Pfad der Verehrung. Deshalb hatte er goldene Schellen, eine perlenbesetzte Sänfte und andere symbolträchtigen Dinge, weil Gott es so verfügt hatte. Er hatte auch einen Math und alles, was dazugehört.“ „Wann hat er das alles bekommen?“, fragte ich.

Bhagavan erzählte voller Emotionen: „Seit dem Tag, als er den Namen Jnana Sambandar erhalten hatte, also bereits in seiner Kindheit, sang er ununterbrochen heilige Lieder und ging auf Pilgerschaft. Zuerst besuchte er einen heiligen Ort namens Tirukolakka, ging in den Tempel, sang Preislieder und schlug mit seinen kleinen Händen den Takt dazu. Gott gefiel es und er gab ihm dafür zwei goldene Schellen. Seitdem hatte er immer die goldenen Schellen in der Hand, was er auch sang und wohin er auch ging. Er besuchte Chidambaram und andere heilige Orte und machte sich dann auf den Weg nach Maranpadi. In jenen Tagen gab es noch keinen Zug. Der Hauptgott in Maranpadi beobachtete den kleinen Jungen, wie er zu Fuß heilige Orte besuchte. Da hatte er Mitleid mit ihm und erschuf eine Sänfte aus Perlen, einen Perlenschirm und andere Dinge aus Perlen, die einem Sannyasin dienen konnten. Da es Gaben von Gott waren, konnte er sie nicht zurückweisen. Von da an benutzte er die Sänfte, wohin er auch ging. Allmählich schlossen sich ihm Menschen an und ein Math wurde gegründet. Doch er stieg aus der Sänfte, sobald er den Tempeltorturm des nächsten Heiligtums sah, und ging den Rest zu Fuß. So kam er auch von Tirukoilur zu Fuß hierher.

Von Tirukolur aus konnte er den Gipfel des Arunachala erblicken. Als er dort in einem Mandapam (Höhlentempel) saß, erschien ihm der Herr Arunachaleswara in Gestalt eines Lichtes und dann in Gestalt eines alten Brahmanen. [59] Sambandar wusste nicht, wer der alte Brahmane war, der einen Korb mit Blumen trug. Mit gefalteten Händen fragte er ihn: „Woher kommst du?“ „Ich komme gerade vom Arunachala. Das Dorf, in dem ich wohne, liegt hier in der Nähe.“ Sambandar fragte ihn erstaunt: „Von Arunachala! Seit wann bist du hier?“ Der Brahmane antwortete gleichmütig: „Ich komme jeden Morgen hierher, pflücke Blumen und winde für den Herrn Arunachala eine Girlande.“ Sambandar sagte überrascht: „Aber man hat mir gesagt, dass es bis dahin weit ist.“ Der alte Brahmane erwiderte: „Wer hat dir das gesagt? Du kannst Arunachala mit einem Schritt erreichen.“ Als Sambandar das hörte, wollte er unbedingt Arunachala besuchen und fragte: „Kann ich dorthin zu Fuß gehen?“ „Wenn ein betagter Mann wie ich täglich hin- und hergeht, kann es dann so ein junger Mann wie du nicht auch?“

Da bat Sambandar inständig: „Herr, bitte nimm mich mit!“ Der Brahmane ging voraus und Sambandar folgte ihm mit seinen Begleitern. Doch plötzlich war der Brahmane verschwunden. Als sie sich verwirrt überall nach ihm umsahen, wurden sie von Wilddieben umzingelt. Sie raubten die Sänfte, den Schirm, die goldenen Schellen, die Perlen und alles von Wert, den Proviant und sogar die Kleider, die sie trugen, und ließen sie in ihren Lendenschürzen zurück. Sie kannten den Weg nicht, es war sehr heiß, es gab keinen Unterschlupf und sie waren hungrig, da es Essenszeit war. Da betete Sambandar zu Gott: „Oh Herr, warum prüfst du mich auf diese Weise? Mich kümmert es nicht, was aus mir wird, aber warum sollen jene, die mir nachfolgen, diese harte Prüfung erdulden?“ Gott hörte sein Gebet, erschien ihm und sagte: „Mein Sohn, auch diese Wilddiebe gehören zu meinen persönlichen Bediensteten. Sie haben dich deines Besitzes beraubt, da es besser ist, wenn du ohne Show und Pomp zum Herrn Arunachala kommst, um ihn zu verehren. Du wirst deinen Besitz wiedererhalten, sobald du dort angekommen bist. Es ist jetzt Mittagszeit. Genieße eine gute Mahlzeit und gehe dann weiter.“ Dann verschwand er.

Da erschien ein großes Zelt in der Nähe. Einige Brahmanen kamen aus dem Zelt und luden Sambandar und seine Leute ein. Sie bewirteten sie mit köstlichen Speisen. Sambandar, der immer die anderen bewirtet hatte, wurde jetzt vom Herrn persönlich bewirtet. Als sie sich ausgeruht hatten, stand einer der Brahmanen auf und sagte: „Herr, sollen wir jetzt zum Arunachala weitergehen?“ Sobald sie sich auf den Weg gemacht hatten, verschwanden das Zelt und die Leute, die sie bedient hatten. Sambandar staunte über all die seltsamen Ereignisse. Als sie am Arunachala ankamen, verschwand ihr Führer. Plötzlich kamen das Zelt mit den Leuten und die Wilddiebe, die sie ausgeraubt hatten, von allen Seiten auf sie zu. Sie gaben Sambandar alles zurück und verschwanden wieder. Mit Freudentränen pries Sambandar den Herrn für seine Freundlichkeit. Er blieb einige Tage hier, verehrte den Herrn mit seinen Gedichten und setzte dann seine Wanderschaft fort. Es scheint, dass Gott selbst Sambandar, der ihm so eifrig diente, aus Zuneigung auf diesen Berg eingeladen hat.“

[59] s. a. Sri Ramanas eigenes Erlebnis in diesem Tempel in Tirukoilur: Ebert, Ramana Maharshi, S. 28f



Die Göttliche Kraft     Top

02.02.47: Um 2.30 Uhr ging ich in die Halle. Bhagavan war schon dort und las einen Zettel, den ihm jemand gegeben hatte. Bhagavan faltete lächelnd das Blatt Papier zusammen und sagte: „Das alles geschieht nur, weil man denkt, dass es einen Unterschied zwischen Bhagavan und einem selbst gibt. Wenn man keinen solchen Unterschied annimmt, kommt das alles nicht vor.“

Aber reicht es denn aus, wenn wir sagen, dass zwischen uns und Bhagavan kein Unterschied besteht? Müssen wir nicht fragen, wer wir sind und was unser Ursprung ist, bevor wir denken, dass es keinen Unterschied zwischen uns und Bhagavan gibt? Warum sagt Bhagavan das? Ich weiß nicht, ob Bhagavan meine Bedenken spürte, aber er sagte folgendes: „Bevor man verstehen kann, dass es keinen Unterschied zwischen einem selbst und Bhagavan gibt, muss man zuerst alle Merkmale ausscheiden, die nicht wirklich zu einem gehören. Man kann die Wahrheit nicht wahrnehmen, solange man nicht alle Eigenschaften verworfen hat. Es gibt eine göttliche Kraft, die die Quelle aller Dinge ist. Die Eigenschaften können nicht verworfen werden, solange wir diese Kraft nicht erlangen. Dafür ist Sadhana nötig.“ (also doch Sadhana?)

Ich sagte: „Es gibt also eine Kraft?“ „Ja,“ erwiderte Bhagavan. „Es gibt eine Kraft. Sie wird „das Bewusstsein des Selbst“ (Swasphurana) genannt.“ Ich sagte mit bebender Stimme: „Bhagavan hat soeben beiläufig gesagt, dass es ausreicht, wenn wir denken, dass es keinen Unterschied zwischen uns und Gott gibt. Aber wir können diese unwirklichen Eigenschaften nur ablegen, wenn wir fähig sind, diese Kraft zu erlangen. Ob es nun die göttliche Kraft oder das Bewusstsein des Selbst ist, sollten wir sie nicht kennen? Wir sind dazu aber nicht in der Lage, sosehr wir es auch versuchen.“

Ich habe Bhagavan niemals zuvor in Gegenwart anderer so frei heraus Fragen gestellt. Da mir die Tränen kamen, wandte ich mein Gesicht der Wand zu. Eine Frau, die neben mir saß, erzählte mir später, dass auch Bhagavan feuchte Augen bekam.

Bhagavan pflegt manchmal zu sagen: „Der Jnani weint mit den Weinenden, lacht mit den Lachenden, spielt mit den Spielenden und singt mit den Singenden. Was verliert er schon dabei? Seine Gegenwart ist wie ein klarer Spiegel. Er reflektiert unser Gesicht. Wir sind es, die verschiedene Rollen im Leben spielen und die Früchte unseres Handelns ernten. Wie könnte der Spiegel oder der Ständer, auf dem er angebracht ist, davon in Mitleidenschaft gezogen werden? Nichts beeinträchtigt sie, denn sie sind lediglich hilfreiche Dinge. Die Handelnden in dieser Welt müssen für sich entscheiden, was dem Wohl der Welt dient, was den Sastras entsprechen und was praktikabel ist.“



Bezeugung von Respekt     Top

10.02.1947: Vor etwa zehn Monaten kamen eine alte Europäerin und Herr Frydman zum Ashram. Sie blieben für etwa zwanzig Tage. Die Frau war es nicht gewohnt, auf dem Boden zu sitzen. Zudem war sie alt. Herr Frydman half ihr immer beim Aufstehen, indem er sie an den Händen hielt.

Als ich eines Morgens gegen 8 Uhr hereinkam, saßen die beiden in der ersten Reihe des Platzes, der den Frauen zugewiesen ist. Die anderen Frauen wollten nicht in Frydmans Nähe sitzen, weshalb ich ihm durch ein Zeichen zu verstehen gab, etwas weiter weg zu rücken, was er auch sofort tat. Bhagavan sah mich verärgert an, aber ich verstand nicht warum. Plötzlich stand Herr Frydman auf und half ihr beim Aufstehen. Sie hatte Tränen in den Augen und verabschiedete sich widerstrebend von Bhagavan. Bhagavan nickte zustimmend wie üblich.

Sobald sie draußen waren, sah mich Bhagavan an und sagte: „Es ist schade, dass sie gehen.“ Da merkte ich, dass ich etwas Schlimmes getan hatte und antwortete: „Es tut mir Leid. Ich wusste nicht, dass sie fortgehen.“ Bhagavan erwiderte: „Das ist es nicht. Sie leiden, wenn sie auf dem Boden sitzen müssen. Deshalb bleiben viele weg, die gerne kommen würden. Sie sind es nicht gewohnt, auf dem Boden zu hocken. Was können sie machen? Es ist ein Jammer.“

Vor einiger Zeit kam eine alte Frau mit ihren Verwandten. Alle verneigten sich vor Bhagavan und setzten sich auf den Boden, aber sie blieb stehen. Bhagavans Helfer Krishnaswami bat sie, sich hinzusetzen, aber vergebens. Ihre Verwandten forderten sie auf, aus dem Weg zu gehen, aber sie hörte auch nicht auf sie. Da sagte ich zu ihr, sie möge doch zu ihren Verwandten hinübergehen und sich hinsetzen, aber sie nahm davon keinerlei Notiz. Jemand anderer ermahnte sie: „Warum tust du nicht, was die Leute sagen?“ Ich sah zu ihren Verwandten hinüber, um den Grund für ihre Sturheit herauszufinden. Sie sagten, sie sei fast blind und wolle nahe an den Swami herangehen, um ihn aus der Nähe zu sehen. Da stand ich auf, nahm sie bei der Hand und führte sie zu Bhagavans Sofa. Sie beschattete ihre Augen mit der Handfläche, sah ihn konzentriert an und sagte: „Swami, ich kann nicht richtig sehen. Bitte segne mich, damit ich dich im Geist sehen kann.“ Bhagavan sah sie voller Zärtlichkeit an, nickte und erwiderte: „In Ordnung.“

Als sie fort waren sagte Bhagavan: „Die arme Frau kann nicht richtig sehen und hat sich nicht getraut, näher zu kommen. Was konnte sie tun? Deshalb stand sie einfach da. Für jene, die kein Augenlicht haben, ist der Geist das Auge. Sie haben nur ein Sehvermögen, das des Geistes, und nicht viele, die sie ablenken. Es ist nur nötig, dass sie den Geist sammeln. Wenn sie das einmal erreicht haben, sind sie viel besser dran als wir.“



Sadhana in der Gegenwart des Guru     Top

12.02.1947: Heute kam ich gegen 3 Uhr in die Halle. Bhagavan beantwortete Fragen. Eine der Fragen lautete: „Swami, es heißt dass Japa (Mantrameditation) und Tapas (Askese), das in der Gegenwart von Bhagavan ausgeübt wird, größeren Gewinn bringt als normalerweise. Was ist dann mit den schlechten Taten, die man in deiner Gegenwart tut?“ Bhagavan antwortete: „Wenn gute Taten gute Früchte hervorbringen, müssen schlechte Taten schlechte Früchte hervorbringen. Wenn jemand in Benares eine Kuh verschenkt, bringt das dem Spender besonders großen Verdienst. Wenn er am selben Ort eine Kuh schlachtet, ist es eine umso größere Sünde. Wenn eine kleine gute Tat, die an einem heiligen Ort getan wird, besonders verdienstvoll ist, muss dann eine sündhafte Tat nicht ebenso großen Schaden anrichten? So lange das Gefühl, dass du der Täter bist, da ist, musst du dich auch den Konsequenzen deiner Taten stellen, seien sie gut oder schlecht.“

Derselbe Devotee fragte: „Ich möchte gerne meine schlechten Gewohnheiten aufgeben, aber die Kraft der Vasanas ist sehr stark. Was soll ich tun?“

Bhagavan antwortete: „Man muss sich anstrengen, um sie abzulegen (Ist das kein Sadhana?). Man muss in guter Gesellschaft sein, gute Kontakte pflegen und Gutes tun etc., um die Vasanas zu beseitigen. Wenn du in deinem Bemühen nicht nachlässt, wird dein Geist reifer. Mit Gottes Gnade werden die Vasanas verschwinden und deine Anstrengungen Erfolg haben. Das nennt man Purushakaram (menschliche Anstrengung). Wie kannst du von Gott erwarten, dir seine Gunst zu erweisen, wenn du dich nicht bemühst?“

Jemand anderer nahm den Gesprächsfaden auf und meinte: „Es heißt, dass das ganze Universum Gottes Spiel ist und dass alles die Gestalt von Brahman ist. Warum müssen wir dann schlechte Gewohnheiten und Taten ablegen?“

Bhagavan erwiderte: „Ich werde es dir sagen. Nimm einmal an, der menschliche Körper ist verwundet. Wenn du dich nicht darum kümmerst, weil du dir sagst, es sei ja nur ein kleiner Teil des Körpers, der betroffen ist, verursacht die Wunde dem ganzen Körper Schmerzen. Wenn sie nicht durch die übliche Behandlung heilt, muss der Arzt kommen, die betroffene Stelle mit einem Messer herausschneiden und das verunreinigte Blut entfernen. Wenn die kranke Stelle nicht herausgeschnitten wird, wird sie eitern. Wenn du die Wunde nach der Operation nicht verbindest, wird sich ein Eitergeschwür bilden. Mit dem Verhalten ist es dasselbe. Schlechte Gewohnheiten und schlechtes Benehmen sind wie eine körperliche Wunde. Wenn der Mensch sie nicht ablegt, wird er in den Abgrund stürzen. Deshalb muss man jede Krankheit entsprechend behandeln.“

Jemand fragte: „Bhagavan sagt, dass man Sadhana tun muss, um alle schlechten Dinge loszuwerden. Aber der Geist ist träge und kann aus sich selbst heraus nichts tun. Reines Bewusstsein dagegen ist bewegungslos und wird nichts tun. Wie also kann man Sadhana tun?“

„Oho! Aber wie kannst du dann sprechen?“

„Swami, ich verstehe das nicht, und deshalb bitte ich um eine Erklärung.“

Bhagavan antwortete: „Gut, dann hör mir bitte zu. Der träge Geist ist fähig, alles durch die Macht des Bewusstseins zu erlangen, mit dem er in Verbindung steht und das unbewegt ist. Aber aus sich selbst heraus und ohne die Hilfe des Bewusstseins kann der träge Geist nichts zuwege bringen. Das unbewegliche Bewusstsein kann ohne die Hilfe des Geistes ebenfalls nichts zuwege bringen. In dieser Beziehung ist das eine vom anderen abhängig, beides ist untrennbar miteinander verbunden. Dieses Thema wurde schon in alten Zeiten aus verschiedenen Gesichtswinkeln diskutiert und man kam zu dem Schluss, dass der Geist Bewusstsein und Trägheit ist. Wir müssen also folgern, dass die Verbindung von Bewusstsein (Selbst) und Trägheit (Materie) die Handlung hervorbringt.“

Bhagavan hat dies im Vers 24 der „Vierzig Verse“ folgendermaßen ausgedrückt:
„Der Körper sagt nicht „Ich“. Der Atman ist ungeboren. Zwischen den beiden wird das Gefühl „Ich“ im Körper geboren. Welchen Namen du ihm auch immer geben magst, es ist der Knoten zwischen dem Bewusstsein und der Trägheit (der Materie) und es bedeutet Bindung.“



Das Herz und das Kronenchakra     Top

13.02.1947: Da die Tamil-Gedichte Bhagavans, die er zu verschiedenen Anlässen geschrieben hat, in mehreren Notizbüchern verstreut sind, planten wir schon vor langer Zeit, sie alle in einem Buch zusammenzufassen, aber wir haben es immer wieder verschoben. Vor einigen Tagen sprach ich mit Niranjananandaswami darüber, brachte ein leeres Notizbuch mit und begann voller Eifer, die Verse abzuschreiben, obwohl mein Tamil mangelhaft ist. Ich fragte Bhagavan, wo die Gedichte überall zu finden sind. Er antwortete: „Sie müssen in diesen großen Notizbüchern mit den Nummern 1-3 sein. Sieh dort nach.“ Dann fuhr er fort: „Immer wenn mich jemand um einen Vers bat, schrieb ich einen auf einen kleinen Zettel. Die Leute nahmen die Zettel mit. Manche Verse wurden in diese Bücher eingetragen, andere nicht. Wenn wir alle hätten, wären es recht viele. Ich schrieb noch viel mehr, als ich auf dem Berg lebte. Einige wurden auch weggeworfen. Damals hat sich keiner die Mühe gemacht, sie aufzubewahren. Wenn du sie möchtest, musst du sie zusammensuchen.“

Im ersten Notizbuch fand ich Verse unter dem Titel „Bhagavans Gedichte“. Ich fragte ihn, was für Gedichte das seien, und er erzählte: „Als ich in der Virupaksha-Höhle wohnte, brachte Nayana (Ganapati Muni) einmal einen Jungen namens Arunachala mit. Er war gerade mit der Schule fertig. Während Nayana und ich miteinander sprachen, saß der Junge in der Nähe. Er hörte uns zu und dichtete über unser Gespräch neun Verse in Englisch. Sie waren gut und deshalb übersetzte ich sie ins Tamil.

Ganapati Muni sagte, dass das Sahasrara (Kronenchakra [63]) der Ursprung und die Mitte von allem ist und vom Herzen unterstützt und erhellt wird, wohingegen ich sagte, dass das Herz der Ursprung von allem ist und dass die Kraft, die aus dem Herzen kommt, im Sahasrara erstrahlt. Deshalb ist das Herz die Sonne und das Sahasrara der Mond.“

Diese Doppelbedeutung wird in den Versen sehr gut ausgedrückt, wenn es dort heißt: „Bhagavan ist die Sonne. Von dort nehmen die Strahlen seiner Worte ihren Ausgang und verleihen dem Mond, i. e. Ganapati Muni (i. e. steht für „id est“, lateinisch für „das ist, mit anderen Worten“), ihren Schein und ihre Kraft. Dieser seinerseits gibt das Licht an uns weiter.“

[63] das höchste Chakra im Yoga


Keine Verschwendung
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12.03.1947: Bhagavan hat die Geburtstagsverse und Ekatma Panchakam auf Zettel groben Papiers geschrieben, das die Tinte aufsaugt. Mir tat es darum leid und deshalb sagte ich zu ihm: „Es wäre gut, wenn man die Verse in ein Notizbuch schreiben würde.“ Er antwortete: „Ja schon, aber wenn ich die Verse in ein Notizbuch schreibe, wird jemand das bemerken und es mitnehmen. Jetzt müssen wir das nicht befürchten. Der Swami ist das gemeinsame Eigentum aller.“ Damit lehnte er meinen Vorschlag ab.

Da heute Vormittag an den Geburtstagsversen etwas geändert worden war, wollte ich ein kleines Blatt Papier, um sie mir abzuschreiben und in mein Notizbuch zu kleben, aber ich konnte in der Halle keines finden. Ich wollte nicht extra heimgehen, um mir Papier zu holen, und sagte deshalb zu Bhagavan, dass ich im Büro darum bitten würde. Sie zeigten mir schönes Papier. Ich nahm ein Blatt für mich und sagte, auch Bhagavan könnte einige Blätter gebrauchen. Sie gaben mir vier Blätter. Ich brachte sie Bhagavan und schlug ihm vor, darauf seine Gedichte zu schreiben, um sie dann in ein Buch zu kleben. Er fragte: „Woher kommt das Papier? Hast du es aus dem Büro?“ Ich bejahte. Da sagte er: „Wozu brauche ich es? Wenn du willst, kannst du es haben. Ich kann mir etwas von den Zeitungen abreißen und darauf schreiben. Wozu brauche ich so gutes Papier?“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und legte das Papier auf das Bücherbrett.

Als die Post erledigt war, las Bhagavan die Zeitung. Er entdeckte darin einen leeren Teil von etwa 10 cm, faltete die Zeitung und riss ihn heraus. Er lächelte mich an, aber ich wusste nicht warum. Als er das Stück Papier herausgerissen hatte, faltete er es schön zusammen, legte es auf das Bücherbrett und sagte: „Ich werde dieses Stück Papier benutzen. Wie sonst könnte ich zu Papier kommen? Ist es nicht gut genug für das, was ich schreibe?“ Ich erwiderte: „Das soll uns eine Lehre sein. Bhagavan lehrt uns immer etwas, aber wir lernen unsere Lektionen nicht.“ Da lächelte er und schwieg.

Wenn Leute Büchersendungen bekommen, bringen sie manchmal die Bücher mit dem Packpapier in die Halle. Bhagavan faltet das Papier schön zusammen und sagt zu seinen Gehilfen: „Bewahrt es sorgfältig auf. Wir können es zum Verpacken eines Buches verwenden. Wie können wir sonst zu Papier kommen? Es ist umsonst.“

Bhagavan wird täglich die eingegangene Post aus dem Büro gebracht, damit er sie durchsieht. Beamte wie du beschreiben nur einen Teil des Papiers. Bhagavan pflegt diese unbeschriebenen Teile abzureißen und aufzubewahren. Ebenso macht er es mit den Klammern der Zeitungen. Wenn er die Zeitung gelesen hat, nimmt er die Klammern heraus und gibt sie seinen Helfern mit den Worten: „Wir können sie gebrauchen. Sonst werden sie nur weggeworfen. Wie könnten wir sonst zu solchen Klammern kommen? Man müsste sie kaufen. Und wo ist das Geld dafür?“

Als Bhagavan auf dem Berg lebte, hat er aus Kokosnussschalen Löffel, Tassen und anderes geschnitzt und auf Hochglanz poliert. Bis vor kurzem hat er das noch gemacht und zu seinen Helfern gesagt: „Bewahrt sie sorgfältig auf. Wir können sie brauchen. Wie können wir uns silberne Tassen und goldene Löffel leisten? Dies sind unsere silbernen Tassen und goldenen Löffel. Damit verbrennt man sich die Hände nicht und sie schlagen nicht an wie Waren aus Metall.“ Bhagavan benutzt nur diese Dinge.

Wenn jemand Orangen und ähnliches bringt, lässt Bhagavan nicht zu, dass man die Schalen fortwirft. Sie werden für Chutneys (indische Gewürzsoße) und Mixed Pickles verwendet. Sie werden auch in die Suppe und in andere Gerichte getan. Bhagavan isst seinen Blattteller immer leer. Nicht ein Bissen wird weggeworfen. Auf diese Weise zeigt er uns durch sein eigenes Beispiel, dass nichts verschwendet werden sollte.

Wenn ihm jemand Rosen bringt, drückt Bhagavan sie gegen seine Augen, legt sie auf die Uhr und isst die Blüten, wenn sie trocken sind und abfallen. Er gibt davon auch den Anwesenden. Als einmal jemand eine Rosengirlande brachte, wurde sie als Dekoration der Statue im Tempel der Mutter verwendet und anschließend von den Priestern zusammen mit anderen Blumen in den Abfallkorb geworfen. Bhagavan ärgerte sich über die Priester. Er sammelte alle Rosenblätter auf und mischte sie ins Payasam (in den Pudding), das dadurch einen wundervollen Geschmack bekam. Wenn er auf seinem Spaziergang irgendwelche essbaren Blätter sieht, pflückt er sie mit seinen Helfern und gibt Anweisung, wie man sie kocht und daraus ein leckeres Gericht macht. Er mag lieber Gerichte, die nichts kosten, als teure Gerichte. Das alles mag nichts Besonderes sein, aber wenn wir darüber nachdenken, erkennen wir, dass es für uns eine gute Lektion ist. Er lehrt uns, wie wir mit wenigen Mitteln gut leben können.




Täuschung und Geistesfriede     Top

28.03.1947: Ein Junge aus Andhra Pradesh, der einfältig aussah, fragte Bhagavan: „Swami, ich war bereits vor zehn Monaten hier, um deinen Darshan zu erhalten. Ich wollte ihn jetzt nochmals haben und bin sofort hergekommen. Ich konnte nicht mehr abwarten. Kann ich es auch künftig so machen, wenn ich den Wunsch habe?“

Bhagavan erwiderte: „Was immer geschieht, das geschieht. Alles geschieht wie wir es verdienen. Warum sollen wir uns im Voraus darüber Sorgen machen?“

Er fragte nochmals: „Kann ich immer kommen, wenn ich diesen Wunsch habe oder soll ich den Wunsch verdrängen?“

„Die Dinge geschehen von selbst, wenn du aufhörst, in die Zukunft zu denken“, erwiderte Bhagavan.

„Immer wenn ich den Wunsch habe, Bhagavan zu sehen, kann ich ihn überhaupt nicht kontrollieren. Ist dieser Wunsch bloß eine geistige Täuschung?“

Ich erwiderte: „Wie kann der Wunsch, Darshan von einer großen Person zu haben, nur eine geistige Täuschung sein? Warum glaubst du, dass nur dieser Wunsch eine Täuschung ist, wenn es doch so viele Täuschungen des Geistes gibt, die man kontrollieren und unterdrücken muss?“

Er stellte keine weiteren Fragen.

In der Halle waren noch einige Besucher aus Andhra Pradesh, die auf Pilgerreise waren. Einer von ihnen stand auf und fragte: „Swami, wie erlangt die Seele Frieden?“ Bhagavan erwiderte lachend: „Frieden für die Seele?“ „Nein, ich meine Frieden für den Geist.“ „Ach so, für den Geist! Der Geist erlangt Frieden, wenn die Vasanas unterdrückt werden. Dafür muss man erforschen und erkennen, wer man ist. Wie könnte man Frieden erlange, indem man lediglich sagt: „Ich möchte Frieden! Ich möchte Frieden!“, ohne zuerst zu fragen, was Friede eigentlich bedeutet? Bemühe dich zuerst zu erkennen, was wirklich existiert.“

Unter ihnen war auch ein Gelehrter. Er fragte: „Das Leben ist an manchen Orten extrem schwierig. Wie kann man an solchen Orten Sadhana tun?“

Bhagavan antwortete: „Der Ort ist in dir. Du bist nicht an einem Ort. Wenn du doch überall bist, wie können dann an manchen Orten Schwierigkeiten auftreten und an anderen nicht? Alle Orte sind in dir. Wie können sie dir Schwierigkeiten bereiten?“ „Aber wir erlangen nicht überall Geistesfrieden“, protestierte er. Bhagavan antwortete: „Das, was immer existiert, ist Friede. Es ist dein natürlicher Zustand. Du bist nicht in der Lage, deinen natürlichen Zustand wahrzunehmen. Du lässt dich von etwas täuschen, das unwirklich ist und bedauerst, dass es keinen Frieden gibt. Wenn du dein Selbst verstehst, sind alle Orte gleichermaßen für Sadhana geeignet.“



Mutter Alagammal     Top

03.04.1947: Am nächsten Tag wurde über alte Lieder gesprochen. Bhagavan sagte: „Mutter sang immer das Dakshinamurti Stotram und andere Lieder mit vedantischer Bedeutung. Keiner kümmert sich heute mehr um diese Lieder, aber es wäre gut, wenn sie veröffentlicht werden würden.“

Ich erinnerte mich an die alten philosophischen Lieder in Telugu. Unsere Frauen würden davon spirituell profitieren, wenn man sie veröffentlichen würde. Ich schrieb einen Artikel über diese Lieder, in dem ich auch das Appalam-Lied [68] erwähnte, das in Bhagavans Belehrung seiner Mutter Alagammal eine bedeutende Rolle spielt und als eines der besten Lieder gilt. Als ich Bhagavan erzählte, dass ich den Artikel der telugischen Zeitschrift „Griha Lakshmi“ zusenden wollte, bat er mich, ihn vorzulesen. Dann meinte er: „Es gibt eine Geschichte über dieses Lied.“ Auf mein Bitten hin erzählte er sie:

„In der ersten Zeit, als Mutter bei mir in der Virupaksha-Höhle wohnte, wurde nicht gekocht. Sie aß was Echammal oder jemand anderer ihr brachte. Eines Tages dachte sie, dass ich nichts Rechtes zu essen hätte und es eine gute Idee wäre, doppelte Appalams (Fladenbrot) zu machen, da ich sie sehr mochte. Ohne dass ich davon wusste, bat sie die alte Frau Mudaliar, Echammal und andere, die Zutaten zu besorgen. Eines Abends sagte sie, sie würde ins Dorf gehen. Ich wollte wissen, wohin sie wirklich ging und wartete auf sie unter dem Baum am Eingang. Sie dachte, ich wisse nichts. Sie ging in mehrere Häuser, sammelte alle Zutaten in einem großen Gefäß ein und kam zurück. Ich schloss die Augen und tat so, als hätte ich nichts mitbekommen. Sie verstaute die Zutaten in der Höhle, bis alle Besucher fort waren. Als es dunkel wurde, aß ich wie üblich, legte mich hin und gab vor zu schlafen. Da holte sie das Wallholz und das Holzbrett, Mehl und die anderen Zutaten hervor und begann Appalams zu machen. Es sollten etwa zwei- bis dreihundert Stück werden. Sie konnte sie nicht alleine machen. Ich kenne die Arbeit. Deshalb sagte sie zu mir: „Mein Junge, bitte hilf mir.“ Jetzt hatte ich die Gelegenheit, auf die ich gewartet hatte. Wenn ich mit ihr nachsichtig war, würde sie mit etwas anderem beginnen. Ich wollte dem rechtzeitig Einhalt gebieten. Deshalb sagte ich: „Du hast alles aufgegeben und bist hierher gekommen. Wozu also das alles? Du solltest mit dem zufrieden sein, was gerade da ist. Ich werde dir nicht helfen. Ich werde nichts davon essen. Mache sie alle für dich und iss sie selber.“ Sie schwieg für eine Weile und fing dann wieder an: „Mein lieber Sohn, bitte hilf mir ein bisschen.“ Ich gab nicht nach. Sie bat mich immer wieder. Als ich spürte, dass es keinen Zweck mehr hatte, mit ihr zu debattieren, sagte ich: „Also gut. Du machst diese Appalams. Ich mache eine andere Sorte davon“, und ich begann dieses Appalam-Lied zu dichten. Sie kannte bereits ein Reislied, ein Suppenlied und andere Lieder, alle mit vedantischer Bedeutung, aber bislang hatte noch niemand ein Appalam-Lied verfasst. Deshalb dachte ich, dass ich eines dichten sollte. Sie mochte diese Lieder sehr und konnte noch ein weiteres dazulernen. Als sie mit der Zubereitung der Appalams fertig war, war auch mein Lied fertig. Ich sagte zu ihr: „Ich esse dieses Appalam (das Lied) und du isst die Appalams, die du gemacht hast.“ Das war 1914 oder 1915.“

Das Appalam-Lied [69]

Refrain:
Streng dich an und mache Appalams,
iss sie und dein Verlangen ist gestillt.

1. Durchwandere nicht trostlos diese Welt.
Beherzige das ungesprochene, einzigartige Wort
des wahrhaften Meisters,
der die Wahrheit von Sein-Bewusstsein-Seligkeit lehrt.

2. Nimm die schwarzen Linsen [70],
das Ego, das in den fünf Hüllen des Körpers [71] wächst,
und zermahle es in der Mühle,
der Frage der Weisheit: „Wer bin ich?“,
zum feinsten Mehl.

3. Gib Pirandai-Saft [72] hinzu, das ist gute Gesellschaft,
und Kreuzkümmel, das ist Geisteskontrolle,
den Pfeffer der Selbstbeherrschung,
das Salz der Nicht-Anhaftung
und als Gewürz Asafötida, die Liebe zur Tugend.

4. Gib den Teig in den Mörser des Herzens
und mit der Mörserkeule des nach innen gerichteten Geistes
zerstoße ihn kräftig mit den Schlägen von „Ich“, „Ich“.
Dann welle ihn aus mit dem Wallholz der Stille
auf der Steinplatte des Seins.
Arbeite unermüdlich, beständig und guten Mutes.

5. Lege das Appalam in die zerlassene Butter von Brahman
in die Pfanne des unendlichen Schweigens
und brate es über dem Feuer der Erkenntnis.
Wenn dann das „Ich“ zum Selbst geworden ist,
iss und koste das Selbst als das Selbst,
und bleibe das Selbst allein.

Bhagavan erinnerte sich noch an ein anderes Ereignis: „Einige Zeit nachdem ich das Appalam-Lied gedichtet hatte, machten wir uns alle auf den Weg zum Giri Pradakshina. Jemand bat: „Swami, bitte erkläre uns die Bedeutung des Appalam-Liedes.“ Ich zitierte viele Quellen und erklärte die Bedeutung eines jeden Wortes. Wir beendeten unsere Runde um den Berg und kehrten zur Virupaksha-Höhle zurück. Ich erklärte noch immer. Die ganze Essenz des Vedanta ist in diesem Lied enthalten. Ein Kommentar dazu würde ein großes Buch ergeben.“

Dann erzählte er weiter. „Obwohl ich meiner Mutter Vorhaltungen machte, fing sie allmählich mit dem Kochen an. Zuerst war es nur Gemüse, dann Suppe und so weiter. Später sind wir in den Skandashram gezogen. Sie wanderte auf dem ganzen Berg umher und sammelte alles Mögliche. Sie sagte: „Er mag dieses Gemüse und diese Frucht“ und nahm von meinem Protest keine Notiz. Sie sagte, sie werde mich nicht verlassen und woanders hingehen, weil sie Angst hatte, dass sie dort sterben könnte. Sie wollte unbedingt in meinen Armen sterben. Alamelu (Bhagavans jüngere Schwester) hatte ein neues Haus in ihrem Dorf in der Nähe von Manamadurai gebaut und bat Mutter, es sich anzusehen. Sie sagte, sie wäre schon damit zufrieden, wenn Mutter nur ihren Fuß hineinsetzen würde. Aber sie ging nicht, weil sie Angst hatte, dort krank zu werden und dann nicht mehr rechtzeitig mit dem Zug zurückzukommen, um in den Armen ihres Sohnes zu sterben. Sie sagte: „Selbst wenn du meinen toten Körper in dieses Dornengestrüpp wirfst, kümmert mich das nicht, aber ich muss mein Leben in deinen Armen beenden.“

Als er das erzählte, begann seine Stimme vor Ergriffenheit zu zittern.

[68] Appalam: ein sehr dünner, knuspriger Kuchen aus dunklem Linsenmehl
[69] Einschub der Übers., Übers. aus Collected Works, S. 132f
[70] gemeint ist eine schwarze Bohnensorte, die v. a. für Dhal (Linsen) etc. verwendet wird.
[71] die fünf Hüllen: die physische, vitale, mentale, intellektuelle Hülle und die Hülle der Seligkeit
[72] eine Sorte ganzjähriger Kletterpflanze, die in den trockenen Gegenden Indien wächst



Grundsätze     Top

09.04.1947: Frage: „In welchem Asana (Yogahaltung) sitzt Bhagavan für gewöhnlich?“

Bhagavan: „Im Asana des Herzens. Wo immer es angenehm ist, dort ist mein Asana. Es heißt auch das Asana der Glückseligkeit. Dieses Asana des Herzens ist friedvoll und macht glücklich. Für jene, die in diesem Asana sitzen, ist kein anderes nötig.“

Frage: „In der Sri Ramana Gita kommt der Ausdruck „hridaya granthi bhedanam“ (das Aufbrechen des Herzensknotens) vor. Was bedeutet das?“

Antwort: „Es bedeutet: weggehen, beenden, Auslöschung aller Vasanas (Wünsche), Vernichtung des Egos, des Ichs, Vernichtung des Geistes. Es gibt dafür noch viele andere Namen. Alle bedeuten dasselbe: die Vernichtung des Ego-Geistes ist hridaya granthi bhedanam. Das Wort Jnana bedeutet dasselbe.“

Zu Beginn des Gesprächs hatte ein Helfer den Ventilator angestellt, da es in der Halle stickig war. Bhagavan ließ ihn ausschalten und bemerkte: „Seht euch das an! Viele Leute fragen, wie jemand, der ein Jnani geworden ist, sich weiterhin mit Handeln befassen kann. Um das zu veranschaulichen, hat man früher das Beispiel von der Töpferscheibe gewählt. Während sich die Scheibe ständig dreht, entsteht das Gefäß. Aber selbst wenn das Gefäß fertig ist und die Scheibe abgestellt wird, dreht sie sich noch eine Zeit lang weiter. Heute können wir als Beispiel den elektrischen Ventilator nehmen. Wir haben ihn abgestellt, aber er dreht sich noch eine Zeit lang weiter. Ebenso ist es, wenn jemand ein Jnani geworden ist. Er gibt den Körper nicht auf, solange er die Handlungen, die für ihn bestimmt sind, nicht ausgeführt hat.

Plötzlich begann ein kleines Kind von etwa 8 Monaten hinter meinem Rücken „Thatha, Thatha“ (Opa, Opa) zu plappern. Als Bhagavan diese süßen Worte hörte, hob er den Kopf und fragte, wer es sei. Ich sagte: „Es ist unsere kleine Mangalam.“ Bhagavan mag kleine Kinder sehr. Er sagte: „Ach, sie ist es? Ich dachte, es sei ein älteres Mädchen. Hat sie schon damit begonnen „Thatha, Thatha“ zu sagen?“ Das Kind sagte weiterhin: „Thatha, Thatha.“ Bhagavan sagte: „Seht bloß dieses Wunder! Kinder sagen als erstes Wort „Thatha“, das „than than“ (than – selbst) bedeutet. Thanthan bedeutet das eigene Selbst. Mit uns ist es dasselbe. Das Wort „ich“ kommt automatisch zuerst. Erst dann folgen die Wörter „du“, „er“ usw., so wie bei kleinen Kindern alle anderen Wörter dem Wort „thatha“ folgen. Erst wenn das Gefühl von „aham“ (ich) da ist, folgen die anderen Empfindungen.“

Es war fast 9 Uhr und Krishnaswami machte das Radio an, um die Zeit abzugleichen. Als die Uhr neun schlug, beendete der Sprecher im Radio seine Ansage mit: „Namaste* an alle“ (Ich verbeuge mich vor dir.). Bhagavan lächelte und sagte: „Der Radiosprecher sagt: „Namaste an alle“, als ob er sich von denen, die er anspricht, unterscheiden würde. Ist er nicht einer von ihnen? Es läuft doch darauf hinaus, dass er sich selbst ebenfalls grüßt. Die Menschen bemerken das nicht. Das ist seltsam.“

*Einer Überlieferung zufolge soll Mahatma Gandhi auf eine Nachfrage von Albert Einstein, was er denn mit dem bei ihm beobachteten Gruß „Namaste“ ausdrücken wolle, dem Wissenschaftler Folgendes geantwortet haben: „Ich ehre den Platz in dir, in dem das gesamte Universum residiert. Ich ehre den Platz des Lichts, der Liebe, der Wahrheit, des Friedens und der Weisheit in dir. Ich ehre den Platz in dir, wo, wenn du dort bist und auch ich dort bin, wir beide nur noch eins sind.“



Völlige Hingabe     Top

10.04.1947: Heute früh überreichte ein Jugendlicher aus Andhra Pradesh Bhagavan einen Brief. Er hatte darin geschrieben: „Swami, es heißt, dass man alles erreichen kann, wenn man völlige und alleinige Zuflucht bei Gott sucht, ohne dass man an etwas anderes denkt. Bedeutet das, man soll still an einem Platz sitzen, die ganze Zeit nur über Gott meditieren und alle Gedanken ablegen, selbst jene, die für den Körper notwendig sind, wie etwa Essen? Bedeutet es, man soll nicht an Arznei und ärztliche Behandlung denken, wenn man krank ist, sondern seine Gesundheit oder Krankheit ausschließlich der göttlichen Vorsehung überlassen? In der Gita (II,71) heißt es: „Der Mensch, der alles Verlangen ablegt und ohne Besorgnis ist, frei von „ich“ und „mein“, erlangt den Frieden.“

Das bedeutet, man muss alle Wünsche ablegen. Sollen wir uns ganz der Kontemplation Gottes widmen und Nahrung, Wasser usw. nur annehmen, wenn wir sie durch Gottes Gnade erhalten, ohne darum zu bitten? Oder bedeutet es, dass wir uns wenigstens ein wenig darum bemühen sollten? Bhagavan, bitte erkläre mir dieses Geheimnis von Saranagathi (Zuflucht).“

Bhagavan las den Brief langsam durch und sagte: „Alleinige Zuflucht bedeutet zweifelsohne, frei von Anhaftung an Gedanken zu sein, aber bedeutet es auch, selbst die Gedanken an Essen und Wasser usw., die für den Körper notwendig sind, abzulegen? Er fragt, ob er nur essen soll, wenn er etwas durch Gottes Gnade erhält, ohne darum zu bitten, oder ob er sich wenigstens ein wenig darum bemühen soll. Nehmen wir einmal an, dass die Nahrung von selbst kommt. Aber wer ist es dann, der sie isst? Nehmen wir weiter an, dass jemand sie dir in den Mund legt. Musst du sie dann nicht wenigstens hinunterschlucken? Ist das keine Anstrengung? Er fragt, ob er Arznei nehmen soll, wenn er krank ist, oder alles Gott überlassen soll. Da der Hunger auch wie eine Krankheit ist, muss man gegen diese Krankheit Nahrung als Medizin nehmen. Shankara schreibt, dass die Krankheit Hunger mit Nahrung behoben werden muss, die man als Almosen erhält. Also muss man zumindest betteln gehen. Wenn alle Leute mit geschlossenen Augen dasitzen und sagen würden: „Wir essen, wenn Nahrung kommt“, wie könnte sich dann die Welt weiterdrehen? Man muss die Dinge nehmen wie sie kommen, gemäß der Tradition, in der man lebt, und man muss frei vom Gefühl sein, dass man selbst etwas tut. Das Gefühl, der Handelnde zu sein, ist Bindung. Deshalb ist es nötig, darüber nachzudenken und eine Methode zu finden, womit ein solches Gefühl überwunden werden kann, anstatt Zweifel zu hegen, ob man die Medizin nehmen soll, wenn man krank ist, oder ob man essen soll, wenn man hungrig ist. Solche Bedenken werden sich immer einstellen und es wird kein Ende mit ihnen geben. Selbst solche Bedenken wie: „Darf ich stöhnen, wenn ich Schmerzen habe? Soll ich nach dem Ausatmen einatmen?“ werden sich einfinden.

Ob du nun von Ishwara oder Karma sprichst, irgendein Täter vollbringt alles in dieser Welt, wie es der Entwicklung des Geistes eines jeden Individuums entspricht. Wenn man alle Verantwortung auf ihn, den großen Handelnden, wirft, werden die Dinge ihren Lauf nehmen. Wenn wir gehen, denken wir dann etwa bei jedem Schritt darüber nach, ob wir ein Bein nach dem anderen heben sollen? Geschieht das Gehen nicht von selbst? Ebenso ist es mit dem Ein- und Ausatmen. Dafür ist keine besondere Anstrengung nötig. Mit diesem Leben ist es dasselbe. Können wir irgendetwas aufgeben und tun, was uns gefällt? Viele Dinge tun wir automatisch, ohne dass wir uns ihrer bewusst sind.

Völlige Hingabe an Gott bedeutet, alle Gedanken aufzugeben und den Geist auf Ihn zu konzentrieren. Wenn wir uns auf Ihn konzentrieren können, verschwinden die anderen Gedanken. Wenn die Tätigkeiten unseres Geistes, Sprache und Körper mit Gott verschmolzen sind, liegt alle Last unseres Lebens auf Ihm. Der Herr Krishna sagte zu Arjuna in der Gita:

„Wer alleine Mich verehrt und an nichts anderes denkt, dem gebe ich völlige Geborgenheit und ich kümmere mich um seine Bedürfnisse.“

Arjuna musste kämpfen. Deshalb sagte Krishna zu ihm: „Lege alle Last auf Mich und tu deine Pflicht. Du bist nur ein Instrument. Ich werde mich um alles kümmern. Nichts wird dich beunruhigen.“ Aber bevor man sich Gott hingibt, sollte man auch wissen, wer es ist, der sich hingibt. Solange man nicht alle Gedanken aufgegeben hat, ist es keine Hingabe. Wenn es keine Gedanken mehr gibt, ist das, was übrig bleibt, das Selbst. Deshalb ist es im Grunde nur die Hingabe an sein eigenes Selbst. Wenn die Hingabe auf Gott bezogen ist, muss man die Last auf Gott werfen, wenn sie durch gute Taten erfolgt, sollte man gute Taten tun, bis man sein eigenes Selbst kennt. Das Ergebnis ist in beiden Fällen dasselbe. Hingabe bedeutet, sein eigenes Selbst zu erforschen und zu erkennen und dann im Selbst zu bleiben. Was gibt es, was vom Selbst getrennt wäre?“

Der junge Mann fragte: „Wie kann ich es erkennen?“ Bhagavan antwortete: „In der Gita werden verschiedene Wege aufgezeigt. Du sollst meditieren (Dhyana). Wenn du das nicht kannst, dann sollst du Bhakti, Yoga oder selbstloses Tun üben. Es werden noch viele andere Wege aufgezeigt. Einem dieser Wege muss man folgen. Das eigene Selbst ist immer da. Die Dinge geschehen von selbst, in Übereinstimmung mit den Früchten der Handlungen aus früheren Geburten. Das Gefühl, dass der Handelnde „ich“ ist, ist die Bindung. Wenn man dieses Empfinden durch Vichara (Selbsterforschung) losgeworden ist, werden sich diese Fragen nicht mehr stellen. Saranagathi (Zuflucht) bedeutet nicht, mit geschlossenen Augen dazusitzen. Wenn alle so dasitzen würden, wie könnten sie in der Welt bestehen?“

Da läutete die Glocke zum Essen. „Es läutet. Sollten wir nicht zum Essen gehen?“, sagte Bhagavan lächelnd und stand auf.



Traumvisionen     Top

17.04.1947: Vorgestern kam ein älterer Mann aus der Mittelschicht, der sich in Ayurveda auskennt. Er verneigte sich vor Bhagavan, wollte ihm eine Arznei geben und sagte. „Swami, das ist ein gutes schleimlösendes Mittel“. Als seine Helfer ihn davon abhalten wollten, gebot Bhagavan ihnen Einhalt, nahm die Arznei und erklärte ihnen: „Seit ich auf dem Berg lebte, bringt er mir immer wieder Medizin. Vielleicht hatte er wieder einen Traum.“ Der alte Mann sagte erfreut: „Ich hatte keinen Traum, Swami. Du warst schon früher zu dieser Jahreszeit verschleimt. Deshalb habe ich dir dieses Medikament gebracht.“ Dann verneigte er sich und ging.

Ein Devotee, der in Bhagavans Nähe saß, fragte: „Was hat es mit dem Traum auf sich?“ Bhagavan erwiderte: „Als ich auf dem Berg lebte, fragte ich eines Abends Palaniswami, ob er eine Limone habe. Er verneinte. Ich sagte: „Das macht nichts.“ In dieser Nacht träumte dieser Mann, dass ich ihn um eine Limone bäte. Als ich am nächsten Morgen aus der Höhle kam, war er schon da und sagte: „Swami, nimm diese Limone!“ Ich sagte: “Gestern habe ich Palaniswami darum gebeten. Woher weißt du das?“ Er antwortete: „Du bist mir im Traum erschienen und hast mir gesagt, dass du eine Limone willst. Also habe ich dir eine gebracht.“ Und er legte die Frucht in meine Hand.“

Der Devotee fragte: „Stimmt es, dass Bhagavan ihm im Traum erschienen ist?“ Bhagavan erwiderte lächelnd: „Ich weiß es nicht. Wer weiß? Er hat es gesagt. Das ist alles.“

Ein anderer Devotee fragte: „Mit einem Notizbuch war es einmal dasselbe, nicht wahr?" Bhagavan erwiderte: „Ja, das stimmt. Ich bat Madhava, ins Büro zu gehen und ein Notizbuch von länglichem Format und mit schwarzem Einband zu holen, weil ich den Kommentar zur Sri Ramana Gita in Malayalam schreiben wollte. Er versprach es, vergaß es dann aber.

In der Zwischenzeit kam Nambiar und brachte mir ein Notizbuch von derselben Größe und Art wie das, um das ich gebeten hatte. Als ich ihn fragte, wie er dazu käme, erwiderte er: „Bhagavan ist mir im Traum erschienen und hat mich um ein Notizbuch gebeten. Er hat es mir genau beschrieben. Ich fand ein solches im Laden und habe es dir mitgebracht.“

Unterdessen war Madhava hereingekommen. Er war überrascht, erinnerte sich an den Auftrag und brachte ein Notizbuch aus dem Büro. Es hatte genau dasselbe Format. Es war gerade groß genug für die Sri Ramana Gita und den Kommentar. Als diese Arbeit fertig war, kam Nambiar und nahm es mit. Er sagte, er wolle es veröffentlichen. Doch er wollte das Buch mit der Handschrift Bhagavans nicht der Druckerei überlassen. Also machte er eine Abschrift und sandte diese an die Druckerei. Das Original behielt er. Er muss es immer noch haben.

Auch mit Rajagopalan war es dasselbe. Als der Vorrat an Tinte zu Ende ging, bat ich die Leute sie nachzufüllen. Am nächsten Tag oder einen Tag später brachte Rajagopalan ein großes Gefäß Tinte mit. Als ich ihn fragte, wie es komme, dass er davon wusste, sagte er, dass Bhagavan ihm im Traum erschienen sei und ihm gesagt habe, dass er Tinte bräuchte. Also habe er sie gebracht. Diese Dinge geschehen immer wieder.“


Es gibt nur eine einzige Kraft (Shakti)
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16.05.1947: Wie der junge Mann gestern, überreichte ein Herr aus Nordindien Bhagavan einen Brief mit Fragen. Die Hauptfrage lautete, warum Bhagavan nicht etwas für das Wohl der Welt tue. Als Bhagavan den Brief gelesen hatte, sagte er: „Gestern hatten wir dieselbe Art von Fragen. Es würde schon genügen, wenn alle Leute, die über die Arbeit an der Verbesserung der Welt predigen, sich zunächst um ihr eigenes Wohl kümmern würden. Sie sind nicht in der Lage zu erforschen und zu wissen, wer sie sind, aber sie machen sich über die Verbesserung der Welt Gedanken. Zuerst müssen sie herausfinden, wer sich diese Gedanken macht. Das tun sie aber nicht, sondern sagen, dass sie die Welt verbessern wollen. Es ist wie in der Geschichte mit dem Lahmen.“

Der Frager meinte: „Swami, wie können Jnanis wie du dasitzen und nichts tun? Wenn es Streit und Tumult in der Welt gibt, sollten sie dann nicht für Frieden sorgen?“

Bhagavan erwiderte: „Ja, das sollten sie. Aber woher weißt du, dass die Jnanis nicht helfen? Wenn sie bleiben wo sie sind, ist das bereits eine Hilfe für die Welt. Sie scheinen nichts zu tun, was die äußeren Dinge betrifft. Stell dir einen wohlhabenden Mann vor. Er träumt, er gehe betteln, arbeite als ein Tagelöhner und fege die Straßen. Wenn er aufwacht, begreift er, dass er diese Person gar nicht ist und bewahrt sich seine Würde im Gedanken, ein wohlhabender Mann zu sein. Ebenso handelt der Jnani seinem Prarabdha (seinem früherem Karma) entsprechend, aber er bleibt davon unberührt und bewahrt sich eine würdevolle Distanziertheit. Seine Shakti (spirituelle Energie) arbeitet auf vielerlei Weise, aber er ist weder glücklich noch unglücklich über Erfolg und Misserfolg seiner Bemühungen. Das ist so, weil er die Welt von Brahman erfüllt sieht und es deshalb nichts gibt, was ihn glücklich oder unglücklich machen könnte. Wie könnte er Gefühle von Befriedigung oder Sorge haben, wenn er sich nicht mit seinem Körper identifiziert und nicht glaubt, dass er dieser Mann und jenes die Welt ist? Sobald jemand die Perspektive eines Jnanis erlangt hat, erscheint ihm alles von Brahman erfüllt. Wo ist da noch Raum für das Gefühl: „ich tue“? Die Jnanis verstehen, dass alles durch eine Kraft (Shakti) weitergeht.“ (Anmerkung: Jeder identifiziert sich gewollt oder ungewollt mit seinem Körper, auch Ramana Maharshi. So konnte er das Rheuma in seinen Beinen und den Schmerz in seinem linken Arm, der vom Krebs befallen war, nicht ignorieren, denn nachts stöhnte er oft vor Schmerzen.)

Jemand anderer sagte: „Es heißt, dass Jnanis verwünschen und Gunst erweisen können. Du sagst aber, dass sie nichts tun. Wie kann das sein?“ Bhagavan erwiderte: „Wer sagt, sie seien dazu nicht in der Lage? Aber sie haben nicht das Empfinden, dass sie das eine sind und die Shakti oder Ishwara etwas anderes. Es gibt nur eine einzige Kraft. Sie wissen, dass sie sich aufgrund dieser Shakti bewegen und halten die Empfindung von sich fern, die Handelnden zu sein. Allein schon ihre Gegenwart ist hilfreich für die Welt. Sie tun, was immer sie ihrem Prarabdha (Karma) gemäß tun müssen.“



Prarabdha (Schicksal)     Top

17.05.1947: Heute früh sagte ein Devotee zu Bhagavan: „Swami, du hast gestern gesagt, dass ein Jnani tut, was seinem Prarabdha (Karma) entspricht. Aber es heißt, dass die Jnanis überhaupt kein Prarabdha haben.“ Bhagavan erwiderte: „Wenn sie kein Prarabdha haben, wie kommen sie dann zu diesem Leib? Wie können sie dann die verschiedenen Handlungen ausführen? Die Handlungen der Jnanis sind Prarabdha. Es heißt, dass alle, von Brahma angefangen bis zu den Avataren Rama und Krishna, ein Prarabdha haben. In der Bhagavad Gita, IV, 8 heißt es:

„Ich werde in jedem Zeitalter wiedergeboren, um die Guten zu beschützen, die Bösen zu vernichten und die Gerechtigkeit wieder aufzurichten.“

In diesem Vers steht, dass Ishwara (Gott) Gestalt annimmt, sobald die Tugenden der Guten und die Sünden der Schlechten sich vermischen. Er wird Prarabdha und muss für Gerechtigkeit sorgen. Das nennt man Parechcha Prarabdha (Handeln für andere Menschen). Der Körper ist Prarabdha. Der Zweck, zu dem dieser Körper ins Dasein gekommen ist, wird sich von selbst erfüllen.“

Der Frager von gestern meinte: „In der Gita wird dem Karma Yoga (Yoga des Handelns) größere Bedeutung zugesprochen.“

Bhagavan erwiderte: „Ach, tatsächlich? Karma Yoga ist nicht das einzige Yoga. Was ist mit den anderen Yogaarten? Wenn du sie alle verstehst, kennst du das wirkliche Geheimnis von Karma Yoga. Aber das tust du nicht.“

Der Herr Krishna sagt in der Gita, dass ihn sein Tun nicht bindet. Dort heißt es auch: „Er ist derselbe in Freud und Leid. Ein Klumpen Erde, ein Felsbrocken und Gold sind für ihn gleichwertig. Er ist derselbe für jene, die ihn lieben und für jene, die ihn nicht lieben, für jene, die ihn tadeln und die ihn preisen.“ (XIV,24). Und: „Ich bin derselbe, wenn ich geehrt oder geschmäht werde, derselbe für Freund und Feind“ (XVI,25).

Die großen Menschen, die in der Gita erwähnt werden, sind verwirklichte Seelen. Alle Menschen, die den vier Kategorien von Schüler, Verehrender (Bhakta), Unbekümmerter und Sünder zugehören, werden durch die Gnade der Jnanis beschützt. Der Schüler verehrt ihn als seinen Lehrer, empfängt die Wahrheit und erlangt die Befreiung (Mukti). Der Bhakta sieht ihn als die Gestalt Gottes, betet zu ihm und wird von seinen Sünden erlöst. Der Unbekümmerte hört, was der Guru sagt, begeistert sich dafür und wird zum Verehrer. Der Sünder hört, was die Leute über ihn erzählen, und wird von seinen Sünden befreit. Alle Menschen, die diesen vier Kategorien angehören, werden durch die Gnade der Jnanis beschützt."

Der Frager von gestern meinte: „Werden die Sünder von ihren körperlichen oder geistigen Krankheiten befreit?“ „Es gilt nur für den Geist“, erwiderte Bhagavan. „Glück ist nur möglich, wenn der Geist in Ordnung ist. Wenn er nicht in Ordnung ist, gibt es keinen Frieden, was auch immer geschehen mag. Der Geist reift entsprechend der Fähigkeit eines jeden Einzelnen. Der Agnostiker wird zu einem Gläubigen, der Gläubige wird zu einem Verehrenden (Bhakta), der Verehrender wird zu einem, der sich nach Erkenntnis sehnt und dieser wird zu einem Jnani. Das bezieht sich lediglich auf den Geist. Was könnte es in Bezug auf den Körper nützen? Wenn der Geist glücklich ist, ist nicht nur der Körper, sondern die ganze Welt glücklich. Deshalb muss man einen Weg finden, selbst glücklich zu werden.

Das ist aber nur möglich, wenn man durch Selbstergründung die Wahrheit über sich selbst herausfindet. Die Welt verändern zu wollen, ohne das zu tun, ist, als wolle man die ganze Welt mit Leder umwickeln, damit man nicht den Schmerz spürt, den das Gehen auf Steinen und Dornen bewirkt, wenn es doch viel einfacher ist, Lederschuhe zu tragen. Du kannst durch einen Sonnenschirm die Sonne abhalten. Aber kannst du dich auch vor der Sonne schützen, indem du ein Tuch um die ganze Erde bindest? Wenn ein Mensch seine Lage versteht und in seinem eigenen Selbst bleibt, werden die Dinge geschehen, die geschehen sollen, und jene, die nicht geschehen sollen, werden nicht geschehen. Die Energie (Shakti), die in der Welt wirkt, ist nur eine einzige. Die ganzen Probleme entstehen nur, wenn wir denken, dass wir von dieser Energie getrennt sind.“



Wenn man einen Löwen im Traum sieht     Top

18.05.1947: Jemand fragte: „Es heißt, dass Brahman die Gestalt von Sat-Chit-Ananda (Sein-Bewusstsein-Seligkeit) ist. Was bedeutet das?“ Bhagavan erwiderte: „Das, was ist, ist nur Sein (Sat). Man nennt es Brahman. Das Sein erstrahlt als Bewusstsein (Chit) und ist von Natur aus Glückseligkeit (Ananda). Chit und Ananda sind nicht von Sat verschieden. Alle drei sind als Sat-Chit-Ananda bekannt. Mit den drei Eigenschaften (den 3 Gunas) des Jiva (der Seele): Satvam (Reinheit), Ghoram (Leidenschaft) und Jadam (Trägheit) ist es dasselbe. Ghoram meint die Eigenschaft von Rajas (Ruhelosigkeit, Leidenschaftlichkeit) und Jadam die von Tamas (Trägheit). Beide gehören zu Satvam (Reinheit, Klarheit). Wenn sie wegfallen, bleibt nur Satvam übrig. Das ist die ewige und reine Wahrheit. Nenne es Atman, Brahman, Shakti oder wie immer du magst. Wenn du weißt, dass du DAS bist, ist alles von Glanz erfüllt. Alles ist dann Ananda.“

Der Frager meinte: „Die Alten sagen, dass für einen Menschen, der seine wahre Natur erkennen will, Sravana (Hören der heiligen Schriften), Manana (Nachdenken über die ewige Wahrheit) und Nididhyasana (tiefe Meditation) [76] eine absolute Notwendigkeit sind.“ Bhagavan antwortete: „Sie sind nur dazu nötig, um von den Dingen frei zu werden, die von außen kommen, und dienen nur dem Sadhana, aber nicht der Verwirklichung des Selbst. Unser eigenes Selbst ist immer und überall da. Man soll auf Sravana usw. zurückgreifen, um von den äußeren Einflüssen frei zu werden, aber wenn man sie als das Wichtigste betrachtet, wird dadurch das Ich gestärkt, z. B. indem man von sich sagt: „Ich bin ein Gelehrter“, „Ich bin ein bedeutender Mann“ und ähnliches. Es ist schwer, das später wieder loszuwerden. Es ist mächtiger als ein wilder Elefant. Er ergibt sich nicht ohne weiteres.“

Der Besucher fragte: „Die Gnade des Gurus wird mit einem wilden Elefanten verglichen, der von einem Löwen träumt.“

Bhagavan antwortete: „Das ist wahr. Wenn ein Elefant im Traum einen Löwen sieht, wacht er erschreckt auf und schläft an diesem Tag nicht mehr, weil er Angst hat, dass der Löwe ihm wieder im Traum erscheint. Im Leben des Menschen, das ebenfalls einem Traum ähnelt, ist es dasselbe. Nicht nur die Gnade des Gurus, sondern auch Sravana, Manana, Nididhyasana usw. sind mit dem Auftauchen eines Löwen im Traum vergleichbar. Wenn sie immer wieder diese Träume haben, werden sie eines Tages den intensiven Traum vom Löwen haben, dass ist mit anderen Worten, die Erfahrung der Gnade des Gurus. Sie erschrecken und erlangen Jnana. Dann werden sich keine Träume mehr einstellen und sie werden nicht nur ständig wach sein, sondern sich auch keinen Lebensträumen mehr hingeben und wachsam bleiben, bis sie die wahre Erkenntnis erlangt haben. Diese Träume vom Löwen sind unvermeidlich. Man muss sie erleben.“

Überrascht fragte der Devotee: „Sind denn Sravana etc. und die Gnade des Gurus den Träumen ähnlich?“

„Ja. Für jene, die die Wahrheit erkennen, ist alles einem Traum ähnlich. Was ist denn die Wahrheit? Wenn du schläfst, hast du über den Körper keine Kontrolle. Du wanderst mit verschiedenen Körpern an verschiedenen Orten umher und machst alles Mögliche. Solange du träumst, erscheint dir alles als wirklich. Du machst alles, als wärest du der Handelnde. Erst wenn du aufwachst, spürst du, dass alles, was du im Traum erlebt hast, unwirklich ist und dass es nur ein Traum war. Aber das ist noch nicht alles. Manchmal gehst du mit überfülltem Magen zu Bett und träumst, dass du überall herumwanderst, aber nirgends etwas zu essen finden kannst und fast vor Hunger umkommst. Wenn du dann erschreckt aufwachst, musst du rülpsen und merkst, dass alles nur ein Traum war. Aber während des Traumes weißt du nicht, dass du zu viel gegessen hast. Ein anderer geht hungrig zu Bett und träumt, dass er an einem Festmahl teilnimmt. Denkt er in diesem Augenblick daran, dass er hungrig zu Bett gegangen ist? Wenn er aufwacht, spürt er, dass er schrecklichen Hunger hat und denkt: „Oh Gott, es war alles nur ein Traum!“

Du existierst im Wach- und im Traumzustand und auch im Tiefschlaf. Wenn du deinen wahren Zustand verstehst, in dem du die ganze Zeit bist, weißt du, dass alles Übrige wie ein Traum ist. Wenn du das weißt, verschwindet das Gefühl, dass der Guru von dir verschieden ist. Aber da man das durch die Gnade des Gurus erst begreifen muss, wird die Gnade des Gurus mit dem Traum von einem Löwen verglichen. Dieser Traum muss intensiv und einprägsam sein. Erst dann wird sich die richtige Wachheit einstellen. Die Zeit muss reif dafür sein. Wenn man unerbittlich Sadhana übt, stellen sich früher oder später positive Resultate ein.“ Damit schwieg Bhagavan.

Die Uhr schlug vier. Die Leute in der Halle, die völlig von Bhagavans Rede in Beschlag genommen waren, kamen wieder zu sich. Seine Stimme tönte mir noch in den Ohren, als ich heimging und mich fragte, ob ich jemals diesen einprägsamen Traum haben würde.

[76] Sravana: Hören der heiligen Schriften; Manana: Reflexion über die ewige Wahrheit; Nididhyasana: tiefe Meditation. Dies sind die drei klassischen Schritte, die aufeinander aufbauen.



Intensive Konzentration (Nididhyasana)     Top

21.05.1947. Dr. Syed und ein Schüler Bhagavans kamen gestern früh zu Bhagavans Darshan. Sie fragten: „Bhagavan sagt, dass die ganze Welt die Gestalt von Atman ist. Warum gibt es dann so viele Probleme in dieser Welt?“

Bhagavan erwiderte: „Man nennt es Maya. Die fünf Arten von Maya sind: Tamas, Maya, Moham, Avidya und Anitya. Tamas (Unwissenheit, Dunkelheit) ist das, was die Lebenserkenntnis verdeckt. Maya (Illusion) ist dafür verantwortlich, dass man etwas als etwas anderes sieht. Moha (durch falsches Denken verursachte Täuschung) lässt eine Illusion als wahr erscheinen, wie etwa die Illusion, dass Perlmutt aus Silber sei. Avidya (Unwissenheit) ist das, was die Erkenntnis behindert. Anitya ist das Flüchtige, das, was vom Dauerhaften und Wirklichen verschieden ist.

Wegen dieser fünf Arten von Maya tauchen die Schwierigkeiten im Selbst auf, wie die Bilder auf der Kinoleinwand. Nur um diese Maya zu beseitigen, sagt man, dass die ganze Welt unwirklich ist. Atman ist wie die Leinwand. Du wirst herausfinden, dass die Bilder, die auf der Leinwand gezeigt werden, von ihr abhängen und andernfalls nicht existieren würden. Ebenso muss man sagen, dass alles unwirklich ist, bis man durch Selbstergründung versteht, dass die sichtbare Welt nicht vom Atman verschieden ist. Doch wenn man einmal die Wirklichkeit erkannt hat, erscheint das ganze Universum nur noch als Atman. Deshalb haben dieselben Leute, die zuerst gesagt haben, dass die Welt unwirklich ist, später gesagt, dass sie die Gestalt Atmans sei. Letztlich ist es die Perspektive, die zählt. Wenn sie sich verändert, werden uns die Probleme der Welt nicht mehr bekümmern. Sind denn die Wellen vom Meer verschieden? Warum gibt es überhaupt Wellen? Was können wir auf diese Frage antworten? Die Probleme in der Welt sind dem vergleichbar. Die Wellen kommen und gehen. Wenn man herausfindet, dass sie sich nicht vom Atman unterscheiden, wird es keinen Kummer mehr geben.“

Der Devotee sagte traurig: „Sooft Bhagavan uns das auch lehrt, wir können es doch nicht verstehen.“

Bhagavan erwiderte: „Die Leute sagen, dass sie das allumfassende Atman nicht verstehen können. Was kann ich da tun? Selbst das kleinste Kind sagt: „Ich bin, ich tue, das gehört mir“. Also versteht jeder, dass dieses „Ich“ immer existiert. Nur wenn dieses „Ich“ da ist, ist auch das Gespür da, dass du der Körper bist und diesen oder jenen Namen hast. Um zu wissen, dass derjenige, der immer erkennbar ist, das eigene Selbst ist, muss man ihn da zuerst mit einer Kerze suchen gehen? Wenn man sagt, dass man die Gestalt Atmans nicht kennt, die doch unser eigenes Selbst ist, ist, als würde man sagen „Ich kenne mich nicht“.“

Der Devotee meinte: „Das bedeutet, dass jene, die durch Sravana und Manana (Hören und Überdenken der Worte des Gurus) erleuchtet werden und die ganze sichtbare Welt als Maya betrachten, letztendlich die wahre Gestalt durch Nididhyasana (intensive Konzentration) finden.“

„Ja, so ist es. Nidi bedeutet „Gestalt/Natur“. Nididhyasana ist intensive Konzentration auf die eigene Natur mithilfe von Sravana und Manana, das Hören und Überdenken der Worte des Gurus. Es bedeutet, ohne Ablenkung und mit Eifer darüber zu meditieren. Wenn man eine lange Zeit darüber meditiert hat, verschmilzt man damit. Dann erstrahlt es aus sich selbst. Es ist immer da. Es wird keine Probleme dieser Art geben, wenn man es so sehen kann, wie es ist. Wozu diese vielen Fragen, um sein eigenes Selbst zu sehen, das immer da ist?“



Die Bedeutung von Ajapa     Top

23.05.1947: Heute früh fragte ein Mann, der ein ockerfarbenes Gewand trug: „Swami, welche der beiden Methoden ist besser, um den Geist zu kontrollieren: das Japa* des Ajapa-Mantras (unwillentliches Wierholen eines Mantras) [77] oder das Japa von Omkar (OM)?“

*Japa (Sanskrit: japa, von flüstern, murmeln) ist lautes, leises oder auch nur gedankliches Wiederholen eines Mantras, Gebets, Gottesnamens, oder Rezitation heiliger Schriften. Unter Ajapa Japa versteht man eine Form der konstanten Japa-Ausübung, bei der das Wiederholen automatisch und anstrengungslos geschieht. Es ist eine Form konstanten Bewusstseins. Manchmal ist diese Form konstanten Bewusstseins auch an den Atem geknüpft.

Bhagavan antwortete: „Was stellst du dir unter Ajapa vor? Bedeutet Ajapa, ständig „Soham, Soham“ zu wiederholen? Ajapa bedeutet, das Japa zu kennen, das unwillentlich vor sich geht, ohne dass man es ausspricht. Die Leute, die die wahre Bedeutung von Japa nicht verstehen, glauben, dass man tausende Male „Soham“ wiederholen muss und die Anzahl an den Fingern abzählt oder an einer Perlenschnur. Doch bevor man mit dem Japa beginnt, muss man seinen Atem regulieren (Pranayama) und kann dann erst mit dem Mantra beginnen. Pranayama bedeutet aber, dass man zuerst den Mund schließt. Wenn man dann den Atem anhält, werden die fünf Elemente des Körpers niedergehalten und kontrolliert und was übrig bleibt, ist das wahre Selbst. Dieses Selbst wiederholt aus sich selbst beständig „aham aham“ (ich-ich). Das ist Ajapa. Wie kann die mündliche Wiederholung eines Wortes Ajapa sein? Das wahre Selbst, das das Japa von selbst und unwillentlich in einem nie endenden Strom ausführt, der wie das beständige Strömen von flüssiger Butter ist, ist Ajapa, Gayatri und alles andere.

Mit Omkar ist es dasselbe. OM ist allumfassend und vollkommen. Wie kann man das Wort wiederholen? Ohne das Wesentliche zu verstehen, sind darüber dicke Bücher geschrieben worden. In ihnen steht, wie oft man jeden Namen wiederholen soll: so viele tausendmal „Ganapati“ und so viele tausendmal „Brahma“, so oft „Vishnu“ und „Sadasiva“. Wenn du weißt, wer dieses Japa macht, weißt du auch, was Japa ist. Wenn du versuchst herauszufinden, wer dieses Japa macht, wird das Japa zum Selbst.“

Jemand anderer fragte: „Nützt es denn überhaupt nichts, mündliches Japa zu tun?“

Bhagavan sagte: „Wer sagt, dass es nichts nützt? Es ist ein Mittel, den Geist zu reinigen. Wenn Japa beständig geübt wird, reift es durch die Bemühung und führt einen früher oder später auf den richtigen Pfad. Ob gut oder schlecht, nichts, was getan wird, geht verloren.“

[77] Kombination von Atmung und dem Japa von „Soham“. Das Mantra „Soham“ (Ich bin Er) wird vom Atem selbst erzeugt. Die Einatmung klingt wie „So“, die Ausatmung wie „Ham“ (Soham = „Er bin ich“ oder Hamsa = „Ich bin Er“). Japa bedeutet die willentliche Wiederholung einer heiligen Silbe oder eines heiligen Wortes, während Ajapa (nicht-Japa) ein Japa ohne willentliche Anstrengung ist.


Von der Hand in den Mund     Top

20.06.1947 Vor einigen Tagen war ein Notizbuch von Madhavaswami aufgetaucht. Als Bhagavan es durchsah, entdeckte er einen Tamilvers, den er vor langer Zeit hineingeschrieben hatte. Er erklärte uns seine Bedeutung: „Wenn ein Mensch Jnana erlangt, wird er seinem Körper keine Beachtung mehr schenken. So wie man nach dem Essen das Blatt, auf dem man gegessen hat, wegwirft, wie schön es auch aussehen mag, so wird man, wenn man Jnana erlangt hat, ungeduldig auf den Zeitpunkt warten, da man den Körper wegwerfen kann. Das ist die Kernaussage dieses Verses. Das Bild vom gebrauchten Blatt wurde oft verwendet. So schön auch der Blattteller aus Blättern zusammengenäht ist, nach der Mahlzeit hat er ausgedient. Wer interessiert sich dann noch für ihn? Man wirft ihn gleich nach dem Essen weg.

Reiche Leute essen von Silbertellern, die mit goldenen Blumen verziert sind. Wozu brauchen wir solche Dinge, wenn uns Gott doch Hände gegeben hat?

Als ich auf dem Berg lebte, brachte mir jemand einen Silberteller und bat mich, darauf zu essen. Ich habe ihn zurückgegeben, da ich dafür keine Verwendung habe. Wenn man mit den Händen essen kann, wozu braucht man dann Silber und Gold? Lange Zeit habe ich nicht einmal von einem Blatt gegessen. Wenn jemand etwas zu essen brachte, habe ich ihm meine geöffneten Hände hingehalten und das gegessen, was er mir hineinlegte. Erst später aß ich von einem Blatt. Wenn du Hände hast, wozu dann das alles? Es war damals eine beglückende Erfahrung. Wenn ich zum Betteln ging (Bhiksha), nahm ich die Almosen mit den Händen entgegen und aß sie auf der Straße. Wenn ich mit dem Essen fertig war, leckte ich mir die Hände ab. Ich habe mich nie um irgendetwas gekümmert. Ich scheute mich, jemand um etwas zu bitten. Ich traf große Gelehrte und Regierungsbeamte auf dem Weg. Was hat mich das gekümmert? Für einen armen Mann ist es erniedrigend, betteln zu gehen, aber für einen, der das Ego überwunden hat und zu einem Advaitin geworden ist, ist es sehr erhebend. Er würde sich nicht einmal darum kümmern, wenn er einem Herrscher begegnen würde.
 
Wenn ich betteln ging und in die Hände klatschte, sagten die Leute: „Der Swami kommt“ und gaben mir mit Ehrfurcht und Hingabe ein Almosen. Jene, die mich nicht kannten, sagten: „Du bist kräftig. Warum arbeitest du nicht als Tagelöhner, anstatt betteln zu gehen?“ Mich hat das amüsiert. Aber da ich ein schweigender Swami war, antwortete ich nicht. Ich lachte darüber und ging weiter. Für gewöhnliche Leute ist es normal, so etwas zu sagen. Mich amüsierte es sehr.

Im Vashishta gibt es eine Geschichte über Bhagiratha. Er war ein Herrscher, aber er empfand sein Reich als ein großes Hindernis für die Selbstergründung. In Absprache mit seinem Guru und unter dem Vorwand, ein Opfer zu bringen, verschenkte er seinen ganzen Besitz. Doch keiner wollte das Reich übernehmen. Da lud er den benachbarten König ein, der sein Feind war und nur auf eine passende Gelegenheit wartete, sein Reich an sich zu reißen, und schenkte es ihm. Jetzt musste er nur noch das Land verlassen. Er verkleidete sich und ging um Mitternacht fort. Er lebte in anderen Ländern. Er versteckte sich am Tag und ging nachts betteln, um nicht erkannt zu werden. Schließlich war er davon überzeugt, dass er genügend gereift war, um vom Egoismus frei zu sein. Da beschloss er, in seine Heimat zurückzukehren. Auch hier ging er in allen Straßen betteln. Eines Tages ging er zum Palast, doch der Wachmann erkannt ihn, verbeugte sich vor ihm und gab dem König Bescheid. Der König eilte herbei und bat Bhagiratha, sein Königreich wieder zu übernehmen, aber Bhagiratha lehnte ab und fragte: „Wirst du mir ein Almosen geben oder nicht?“ Da ihnen nichts anderes übrig blieb, gaben sie ihm ein Almosen und er ging hocherfreut weg.

Später wurde er König über ein anderes Land. Als der König seines eigenen Landes starb, übernahm er auch diese Regentschaft, da ihn die Leute darum baten. Das Königreich, das ihm zuvor eine Last gewesen war, hat ihm später, als er ein Jnani geworden war, keine Sorgen mehr bereitet.

Was ich damit sagen will, ist: Wie können andere das Glück des Bettelns kennen? Wenn ein Herrscher betteln geht, liegt eine Größe in diesem Bhiksha (Almosen). Doch heutzutage bedeutet Bhiksha, dass man etwas Besonderes zu essen bekommt. Selbst beim Padapuja (Verehrung der Füße des Gurus) wird erwartet, dass man Geld gibt. Die besondere Bedeutung des Almosens, das man mit den Händen empfängt, ist heutzutage völlig entartet.“



Die Bedeutung von Upanayanam     Top

21.06.1947: Kürzlich kamen Leute mit einem Jungen, der die heilige Brahmanenschnur empfangen hatte (Upanayanam). Kaum waren sie fort, fragte ein Devotee Bhagavan nach der Bedeutung von Upanayanam und er erklärte es uns folgendermaßen: „Upanayanam bedeutet nicht nur, ihm die dreireihige Brahmanenschnur umzuhängen. Die drei Reihen bedeuten, dass es nicht nur zwei Augen gibt, sondern auch ein drittes Auge: das Auge der Weisheit. Öffne dieses Auge und erkenne deine eigene wahre Gestalt. Upanayanam bedeutet „zusätzliches Auge“. Dieses Auge muss geöffnet werden. Um das zu erreichen, wird der Junge zunächst in Atemkontrolle (Pranayana) unterrichtet und dann in die Lehre über Brahman eingeführt. Er erhält eine Bettelschale. Seine Mutter gibt ihm das erste Almosen und sein Vater erteilt ihm die Unterweisung in Brahman. Künftig soll er sich mit Betteln ernähren, während der Ausbildung im Haus seines Gurus wohnen und das Selbst verwirklichen, indem er sein Auge der Weisheit öffnet. Das ist die Bedeutung von Upanayanam.

Heutzutage hat man das alles vergessen. Pranayama bedeutet nur noch, sich die Nase mit den Fingern zuzuhalten und so zu tun, als würde man den Atem kontrollieren. Die Unterweisung in Brahman bedeutet nur noch, dass Vater und Sohn einen neuen Dhoti (Beinkleid der Männer) anziehen, während der Vater dem Sohn etwas ins Ohr flüstert. Bhiksha bedeutet nur noch, die Bettelschale mit Geld zu füllen. Wenn der Vater, der die Unterweisung gibt, und der Priester, der die Zeremonie ausführt, die wahre Bedeutung von Upanayanam nicht mehr kennen, was können sie den Jungen dann noch lehren?

Aber das ist noch nicht alles. Der Junge blieb so lange bei seinem Guru, bis er das nötige Wissen hatte. Danach schickte ihn der Guru heim, um herauszufinden, ob sein Geist sich in weltliche Angelegenheiten verstricken oder sich Sannyasa zuwenden würde. Nachdem die Jungen einige Zeit Zuhause waren, gingen sie nach Benares auf Pilgerreise. Sie waren von weltlichen Wünschen frei und hatten im Blick, ihnen völlig zu entsagen. Eltern, die Töchter im heiratsfähigen Alter hatten, versuchten dann, die Jungen von der Pilgerreise nach Benares abzubringen und boten ihnen ihre Töchter zur Heirat an. Jene, die der Welt entsagen wollten, gingen nach Benares, die anderen kehrten nach Hause zurück und heirateten. All das ist heute vergessen. Die Pilgerschaft nach Benares bedeutet heutzutage, dass der junge Mann einen silberdurchwirkten Seiden-Dhoti anzieht. Seine Augen werden dunkel geschminkt, auf der Stirn trägt er das Zeichen seiner Kaste und seine Füße sind mit gelber und roter Farbe verziert. Er ist mit Sandelholzpaste eingerieben und trägt eine Blumengirlande um den Hals. Geziert schreitet er zur Musik. Wenn der Bruder eines Mädchens ihm seine Schwester zur Heirat anbietet und ihn nötigt, das Angebot anzunehmen, sagt er: „Ich möchte eine Armbanduhr und ein Motorrad. Ich möchte dies und das. Wenn du mir das alles gibst, kann ich heiraten, sonst nicht.“ Die Eltern der Braut befürchten, dass die Hochzeit ins Wasser fallen könnte, und geben ihm was immer er verlangt. Dann machen sie Fotos, feiern und machen Geschenke. Heutzutage bedeutet Bhiksha, dass die Bettelschale mit Rupien gefüllt wird und die Pilgerreise nach Benares dient als Anlass, sich ausstaffieren zu lassen.“



Aufgezwungenen Mahlzeiten     Top

27.06.1947: Heute Nachmittag kam ein Devotee vom Esanya Math [78] und verneigte sich vor Bhagavan. Bhagavan sagte zu ihm: „Ich habe heute ein Telegramm bekommen, dass der Swami vom Kovilur Math gestorben ist. Ist Natesa Swami gestorben?“

„Ja, vor zwei Tagen. Wir wussten, dass er krank war.“

Jemand fragte: „Wer ist Natesa Swami?“

„Er war zuerst für den Esanya Math verantwortlich. Nach dem Tod des Oberhaupts des Maths von Kovilur (im Bundesstaat Tamil Nadu, in Südindien) wurde er zum dortigen Oberhaupt gewählt. Es ist der bedeutendste Vedanta-Math in dieser Gegend. Obwohl Natesa nicht sehr gelehrt war, war er doch ein guter Sadhaka und deshalb hat man ihn gewählt. Das war vor etwa 20 Jahren.“

Ich fragte: „War er es, der Bhagavan zwang, in einen Wagen einzusteigen?“

Bhagavan erwiderte: „Nein. Es war sein Vorgänger. Er war ganz anders. Er war eine machtvolle Persönlichkeit.“

Jemand fragte: „Wann war das?“

„Das war während meiner Zeit in der Virupaksha-Höhle, etwa vier oder fünf Jahre nachdem ich nach Tiruvannamalai gekommen bin. Es ist eine lustige Geschichte. Eines Tages umrundeten Palaniswami und ich den Berg. Als wir zum Tempel kamen, war es 8 Uhr abends. Wir waren müde und ich legte mich im Subrahmanya-Schrein hin. Palani ging zur Pilgerherberge, um Essen zu besorgen. Da kam das Oberhaupt des Maths in den Tempel. Wie üblich war er von vielen Schülern umringt. Einer von ihnen kannte mich und erzählte den anderen von mir. Das genügte schon. Er kam mit zehn seiner Schüler zu mir und alle standen um mich herum. Er sagte: „Swami, steh auf, wir wollen gehen.“ Da ich damals schwieg, machte ich ihm mit Zeichen verständlich, dass ich nicht mit ihnen kommen würde. Doch er war kein Mann, der auf mich hörte. Er befahl seinen Schülern: „Stellt ihn auf die Beine“. Da ich nichts anderes tun konnte, stand ich auf. Vor dem Tempel stand ein Wagen bereit. Er befahl: „Swami, steig ein.“ Ich gab ihnen durch Zeigen zu verstehen, dass ich lieber gehen würde und schlug vor, dass er einsteigen solle. Doch er achtete nicht auf meinen Protest, sondern sagte zu seinen Schülern: „Worauf wartet ihr? Hebt den Swami in den Wagen.“ Sie waren zu zehnt und ich war allein. Was konnte ich machen? Sie hoben mich hoch und setzten mich in den Wagen. Ich sagte nichts mehr und wurde zum Math gebracht. Dort wurde ein großes Blatt vor mir ausgebreitet und alle möglichen Speisen daraufgehäuft. Er behandelte mich mit großem Respekt und bat: „Bitte bleib doch immer hier.“

Palaniswami war unterdessen in den Tempel zurückgekehrt. Er suchte mich und kam zum Math. Kurz danach gelang es mir irgendwie zu entkommen. Das war das einzige Mal, dass ich in einem Wagen fuhr, nachdem ich nach Tiruvannamalai gekommen bin. Später sandten die Leute ihre Wagen, um mich in ihre Häuser einzuladen. Hätte ich nur einmal nachgegeben, hätte es mit den Einladungen kein Ende mehr genommen. Also sandte ich die Wagen zurück und weigerte mich mitzukommen. Schließlich hörten sie damit auf.

Aber das war nicht die einzige Schwierigkeit. Wenn ich die Leute auch nicht besuchte, so besuchte ich doch manchmal den Math, wenn ich auf dem Weg um den Berg war. Dann gab das Oberhaupt des Maths dem Koch Bescheid. Zur Essenszeit ließ er mir ein großes Blatt bringen, setzte sich neben mich und wies den Koch an, mir immer wieder nachzuschöpfen. Manchmal aß er nicht mit seinen Schülern, sondern setzte sich zu mir. Wie konnte ich das alles essen, was sich auf dem Blatt türmte? Ich nahm von jedem Gericht ein bisschen. Den Rest mischten seine Schüler zu einem Brei zusammen und aßen es. Sie sagten: „Es ist Swamis Prasadam.“

Als ich das bemerkte, nahm ich nichts mehr an, das auf einem Blatt serviert wurde. Wenn ich hungrig war und im Math essen wollte, wartete ich im Pachiamman-Schrein oder irgendwo in der Nähe und ging erst dann zum Math, wenn die Glocke zur Opferung geschlagen hatte. Ich wartete am Haupteingang und bat um die Speisen, die Gott geopfert worden waren. Sie brachten es mir und gaben es mir direkt in die Hand. Ich aß ohne ein Blatt zu benutzen. Da es ein Shiva-Tempel ist, enthalten diese geopferten Speisen kein Salz, aber das machte nichts. Ich wollte ja nur meinen Hunger stillen. Da das Oberhaupt des Maths sich im oberen Stockwerk aufhielt, bekam er längere Zeit nichts davon mit. Doch einmal beobachtete er es zufällig und fragte ärgerlich: „Wer gibt Swami ungesalzenes Essen?“ Da erfuhr er, wie sich alles verhielt und beließ es dabei.

Natesa Iyer war nicht so. Er war ein sehr friedfertiger und unbeschwerter Mann. Er setzte sich immer mit allen anderen zu mir und ließ mir eine normale Portion Essen bringen.“

Jemand fragte: „Bhagavan hat dort auch einmal einen Vortrag gehalten, nicht wahr?“

„Ja, ich war einmal da, als Natesa Iyer den Bewohnern des Maths Unterricht gab. Ich wurde respektvoll empfangen und musste mich setzen. Ich sagte: „Mach mit deinem Unterricht weiter.“ Doch er meinte: „Kann ich denn in der Gegenwart des Swamis unterrichten? Swami muss etwas sagen.“ Er holte die Gita Saram. Seine Schüler mussten daraus vorlesen. Dann bat er mich, den Text zu erläutern. Da mir nichts anderes übrig blieb, hielt ich einen Vortrag.“

Frager: „Hat nicht Ramachandra Iyers Großvater Bhagavan einmal eingeladen?“

„Das ist schon lange her. Vielleicht war es 1896. Ich lebte damals im Subrahmaniam-Schrein. Er kam täglich zu mir, saß eine Weile bei mir und ging dann wieder. Ich schwieg damals. Deshalb sprachen wir nicht miteinander und er fragte mich auch nichts. Trotzdem verehrte er mich sehr. Eines Tages gab er ein Fest in seinem Haus. Um die Mittagszeit kam er in Begleitung eines Mannes zu mir. Sie stellten sich neben mich, jeder auf eine Seite, und sagten: „Swami, steh auf, wir wollen gehen.“ „Wozu?“, fragte ich durch Zeichen. Sie sagten mir den Grund. Ich lehnte ab. Aber ließen sie mich etwa in Frieden? Sie nahmen mich bei den Händen und stellten mich gewaltsam auf die Beine. Sie wollten mich sogar forttragen. Er war groß und korpulent und hatte einen dicken Bauch. Ich war zu der Zeit hager und schwach. Sein Freund war noch stärker. Was konnte ich machen? Ich befürchtete, sie würden mich wegtragen, wenn ich Widerstand leistete. Ich wusste, dass sie mich einluden, weil sie mich verehrten. Da es keinen Zweck hatte, mich mit ihnen auseinanderzusetzen, ging ich mit ihnen. Sie führten mich respektvoll in die Halle des Hauses, breiteten ein großes Bananenblatt vor mir aus und gaben mir eine üppige Mahlzeit. Dann ließen sie mich gehen. Es war das einzige Mal, dass ich in dem Haus einer Familie auf einem Blatt gegessen habe.“

[78] Math: Einrichtung zur Erinnerung an einen Heiligen. In den großen Maths leben Sadhus in Gruppen zusammen, ähnlich wie in einem Kloster. Sri Ramana pflegte Umgang mit dem Esanya-Math, der auf dem Weg um den Berg liegt. 
 


Fragen, die auf Halbwissen gründen     Top

28.06.1947: Vor einigen Tagen fand ein Treffen der Vysias (Vysias: telugische Kaste der Geschäftsleute) [79] in Tiruvannamalai statt, woran berühmte Vysias aus Andhra Pradesh teilnahmen. Vorgestern kamen sie alle zum Ashram und einer der Hauptvertreter fragte Bhagavan: „Swami, wenn Gott ein Jiva (Mensch) geworden ist, berührt ihn dann das Leid, das der Jiva erfährt?“

Bhagavan antwortete nicht sogleich, sondern schwieg. Der Frager wartete eine Weile und fragte dann: „Swami, soll ich auf deine Antwort warten?“

Bhagavan erwiderte: „Wer ist es, der diese Frage stellt?

„Ein Jiva“, antwortete er.

„Wer ist dieser Jiva? Wie sieht er aus? Wo wurde er geboren? Wohin geht er, wenn er sich auflöst? Wenn du dem nachgehst, wirst du entdecken, dass derjenige, den man als Jiva bezeichnet, Gott selbst ist. Dann weiß man auch, ob das Leid des Jiva Gott berührt oder nicht. Wenn man das erkennt, wird es keine Schwierigkeiten mehr geben.“

Frager: „Das ist es ja, was wir nicht wissen können.“

Bhagavan: „Man muss sich nicht anstrengen, um sich selbst zu kennen. Du existierst im Schlaf, aber all die Dinge in der Welt sind währenddessen nicht sichtbar. Wenn du aufwachst, siehst du das alles. Aber du existierst im Schlaf und im Wachen. Das, was im Wachzustand an dich herankommt, solltest du abweisen.“

Frager: „Wie können wir es abweisen?“

Bhagavan: „Wenn du bleibst wie du bist, wird es von selbst verschwinden. Deine Natur ist zu sein. Wenn du die Wirklichkeit siehst, wie sie ist, wird das Unwirkliche von selbst verschwinden, weil es unwirklich ist.“

Frager: „Mit welcher Methode können wir das erkennen?“

Bhagavan: „Indem man sich fragt: „Wer bin ich“? und: „Was bin ich wirklich?“

Frager: „Wie soll ich das ergründen?“

Bhagavan schwieg.

Der Frager wartete auf eine Antwort. Dann sagte er: „Ja, das ist der Weg“. Er berührte die Füße Bhagavans, obwohl die Helfer ihn daran hindern wollten, dann gingen sie alle. Als sie fort waren, sagte Bhagavan zu jenen, die in seiner Nähe saßen: „Wissen sie tatsächlich die Antwort nicht? Sie wollten mich nur auf die Probe stellen. Als sie meine Füße berührten, wussten sie, dass sie nichts mehr erreichen konnten.“

Ein reicher Reddi aus Nellore sagte: „Es heißt, dass Ananda (Glück) das Selbst sei. Ananda ist frei von Sorge. Wenn der Jiva Ananda erfährt, wird er dann nicht frei von jeder Sorge sein?“

Bhagavan erwiderte: „Glück kann es nur geben, wenn es auch Sorge gibt. Nur wenn man etwas als sorgenvoll erkennt, weiß man auch was Ananda ist. Wenn man keine Sorge kennt, wie kann man dann Glück erfahren? Solange es einen Erlebenden gibt, wird es beides geben. Das, was wirklich ist, ist jenseits von Glück und Sorge. Trotzdem sagt man, dass Es Glück ist, weil das wahre Sein jenseits von Sein und Nichtsein ist. Jnana (Wissen) ist jenseits von Wissen und Nichtwissen, Erkenntnis ist jenseits von Erkennen und Nicht-Erkennen usw. Was also können wir antworten?“

In Unnadhi Nalubadhi (den „Vierzig Versen“) heißt es in Vers 10:

„Es gibt kein Wissen ohne Nichtwissen und andersherum. Wenn man sich fragt: „Wer ist es, der weiß? Wer ist es, der nicht weiß?“ und auf diese Weise das ursprüngliche Selbst erkennt, ist diese Erkenntnis allein das wahre Wissen.“

[79] Vysias: telugische Kaste der Geschäftsleute



Brief: Puja mit Blumen     Top

30.06.1947: Kürzlich hatte eine reiche Frau damit begonnen, täglich einen Korb mit Jasmin-Blumen aus ihrem Garten zu bringen und sie unter allen verheirateten Frauen in der Halle zu verteilen. Bhagavan beobachtete das vier oder fünf Tage lang, ohne etwas zu sagen. Eines Tages stellte sie den Korb mit Blumen auf einen Stuhl und verneigte sich vor Bhagavan. Bhagavan sagte zu jemandem in seiner Nähe: „Sieh her, sie hat etwas mitgebracht. Es sind wohl Blumen, doch wozu?“

Etwas schüchtern sagte sie, dass die Blumen nicht für Bhagavan, sondern für die verheirateten Frauen gedacht seinen und begann sie zu verteilen. Bhagavan meinte: „Warum verteilst du sie hier und bringst sie nicht zu ihnen nach Hause? Wenn jemand so etwas tut, werden alle anderen dasselbe tun wollen. Die Neuankömmlinge werden denken, dass sie auch Blumen verteilen müssen und werden welche kaufen. Dann werden die Schwierigkeiten beginnen. Ich berühre keine Blumen. An manchen Orten ist es Brauch, Blumengirlanden zu schenken. Deshalb bringen viele Leute Blumen. Ich habe den Leuten nicht erlaubt, meine Füße oder meinen Kopf mit Blumen zu verehren. Wozu benötigen wir solche Praktiken?“

Eingeschüchtert sagte sie: „Ich werde keine Blumen mehr bringen.“

Bhagavan meinte: „Das ist gut“. Er sah jene in seiner Nähe an und fuhr fort: „Ihr wisst ja, was an einem meiner Geburtstage geschah. Ein Devotee hatte ein Buch herausgebracht und sagte, er wolle es vorlesen. Als ich einwilligte, stellte er sich hinter mich und fing mit dem Lesen an. Er hatte Blumen in seinem Gewand versteckt und als er mit dem Lesen fertig war, fielen mir Blumensträuße zu Füßen. Er hat es heimlich getan, weil er wusste, dass ich es ihm nicht erlaubt hätte. Was sollte ich tun? Vielleicht ist es für ihn keine Puja (Verehrung), wenn es nicht so gehandhabt wird.“

Während meiner ersten Zeit hier haben verheiratete Frauen am Varalakshmi-Puja-Tag [80] Blumen auf Bhagavans Füße gelegt. Im folgenden Jahr machten es alle verheirateten Frauen so. Bhagavan sagte verärgert: „Da haben wir es, alle haben nun damit angefangen. Wozu soll das gut sein? Das kommt davon, wenn ich nichts sage, anstatt diesen Dingen von Anfang an zu wehren. Es ist genug damit!“

Auch wenn es um die Puja für die Götter geht, tadelt Bhagavan seine Devotees, wenn sie Blätter oder Blumen verwenden. Ich habe dir in einem meiner früheren Briefe über die Puja von Echammal mit den Hunderttausend Blättern berichtet. Es gibt noch einen weiteren Vorfall. Damals, als Bhagavan mit seinen Devotees den Berg umrundete, machten sie eines Morgens im Gautama Ashram eine Pause. Es wurde gekocht. Alle aßen und ruhten sich aus.

Eine Devotee namens Lakshmamma aus Tiruchuli, die eine Kindheitsgefährtin Bhagavans war, pflückte Blumen und Blätter von den Bäumen und legte sie in einen Korb. Bhagavan meinte schmunzelnd: „Lakshmamma, was machst du da?“ Sie sagte: „Ich pflücke Blumen.“ „Das sehe ich, aber ist das deine Aufgabe und wozu so viele Blumen?“ „Für die Puja“, antwortete sie. Bhagavan erwiderte: „Es ist also keine Puja, wenn du nicht so viele Blumen opferst, ist es so?“ „Ich weiß nicht. Diese Bäume haben so viele Blüten. Also pflücke ich sie.“ „Ich sehe schon. Du glaubst, es sei nicht schön, wenn sie überreich blühen, deshalb machst du sie kahl. Du hast ihre Schönheit gesehen und willst nicht, dass andere sie auch sehen. Du hast sie gegossen und ihnen beim Wachstum geholfen. Deshalb glaubst du, jetzt auch das Recht zu haben, alle Blüten zu pflücken und sie kahl zu machen, damit kein anderer ihre Schönheit sieht. Nur dann wirst du den vollen Verdienst deiner Puja bekommen, nicht wahr?“

[80] ein besonderer Festtag der verheirateten Frauen, der mit einer besonderen Puja begangen wird. Dabei wird um das Wohlergehen der Familie gebetet.



Verehrung mit Wasser (Abhishekam)     Top

03.7.1947: Ein Devotee fragte gestern Bhagavan: „Stimmt es, dass jemand Bhagavan mit Kokosnusswasser verehrt hat, als er auf dem Berg lebte?“

Bhagavan sagte lachend: „Ja, als ich in der Viurpaksha-Höhle lebte, kamen einmal Frauen aus dem Norden. Ich saß mit halb geschlossenen Augen unter dem Tamarinden-Baum. Ich habe ihnen keine besondere Beachtung geschenkt und dachte, dass sie nach einer Weile wieder gehen würden. Plötzlich hörte ich ein Geräusch, als ob etwas zerbrochen wurde. Ich öffnete die Augen und sah, wie Kokosnusswasser über meinen Kopf hinunterlief. Eine der Frauen hatte Abhishekam (zeremonielles Baden der Götterstatuen) [81] getan. Was konnte ich machen? Ich schwieg damals und konnte nichts sagen. Ich hatte nicht einmal ein Handtuch, um mich abzutrocknen. Das Kokosnusswasser trocknete auf meinem Körper. Doch das war noch nicht alles. Man verehrte mich mit brennendem Kampfer, goss mir wie einem Götterbild Wasser über den Kopf usw. Es gab noch andere solche lästige Vorführungen und es kostete mich einige Mühe, dieses Treiben abzustellen.“

Ich war vor vier oder fünf Jahren Zeugin eines ähnlichen Vorfalls. In Bhagavans Badezimmer ist ein Loch, durch welches das Wasser abfließt. Darunter hat man eine Rinne angebracht.

Immer wenn er badete, versammelten sich Devotees an der Stelle. Sie besprengten sich mit dem Wasser die Köpfe, wischten sich damit über die Augen und tranken sogar davon. Das ging einige Zeit still und unbemerkt so weiter. Aber bald brachten die Leute Gefäße und Eimer mit und es gab regelmäßig eine Schlange vor dem Badezimmer. Das verursachte natürlich Geräusche, die Bhagavan hörte. Er fragte nach und erfuhr alles. Da sagte er zu seinen Helfern: „Ich habe das Geräusch zunächst für etwas anderes gehalten. Was für ein Unsinn! Werdet ihr dafür sorgen, dass das aufhört oder soll ich künftig unter dem Wasserhahn draußen baden? Dann braucht ihr kein Wasser mehr für mich zu erhitzen und es wird auch sonst keine Probleme mehr geben. Die Leute brauchen mich nicht mehr zu bewachen und auf das „heilige Wasser“ zu warten. Was brauche ich schon? Zwei Dinge genügen mir: ein Handtuch und ein Koupina (Lendentuch). Ich kann unter dem Wasserhahn baden und beides dort auswaschen. Damit ist die Arbeit erledigt. Aber es geht auch ohne den Wasserhahn, denn wir haben die Bergflüsse und die Wasserspeicher. Wozu also die ganze Aufregung! Was meint ihr?“

Der Sarvadhikari verbot fortan jedem, zur Badezeit auf diese Seite des Badezimmers zu gehen.

Noch etwas anderes hat sich in dieser Zeit ereignet. Bhagavan ging immer nach dem Frühstück in der prallen Sonne auf dem Berg spazieren. Wenn er zurückkam, gossen ihm seine Helfer vor der Halle aus dem Kamandalu (Krug mit engem Hals) Wasser über die Füße. Er wusch sich die Füße und ging dann hinein. Einige versteckten sich in der Nähe. Sobald er in der Halle war, spritzten sie sich dieses Wasser auf ihre Köpfe. Doch alles kommt einmal ans Licht. Bhagavan bemerkte es. Eines Nachmittags beobachtete er durchs Fenster, wie ein langjähriger Devotee sich dieses Wasser auf den Kopf spritzte und sagte: „Da seht bloß! Weil ich diesem Treiben keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, ist es jetzt ausgeufert. Sie hören mit diesem Unsinn nicht auf, obwohl sie schon so lange hier leben und so oft gehört haben, was ich sage. Ich werde mir künftig die Füße nicht mehr waschen, versteht ihr?“

Der Devotee war wie betäubt. Schamvoll und betrübt kam er sofort zu Bhagavan und bat ihn um Verzeihung. Bhagavan weigerte sich fortan, seine Füße dort zu waschen, obwohl die Helfer ihn anflehten, es doch weiterhin so zu machen.

Ich hatte von diesem Vorfall nichts mitbekommen, da ich in der Stadt war. Vier Tage später kam Bhagavan wie üblich von seinem Spaziergang auf dem Berg zurück. Da ich einige Zweifel über mein Sadhana hatte, wollte ich ihn fragen und wartete vor der Halle beim westlichen Fenster auf ihn. Ich mache das immer so, wenn ich Bhagavan etwas fragen will. Weißt du, was dann geschah? Bhagavan nimmt normalerweise den östlichen Eingang, doch diesmal ging er auf mich zu. Ich trat besorgt beiseite, um ihn vorbei zu lassen. Er sah mich verärgert an. Ich bebte vor Angst. Ich wusste nicht, warum er mich so ansah. Als er um die Ecke beim Fenster bog, wollten die Helfer ihm Wasser geben, damit er seine Füße waschen konnte. Bhagavan rief: „Nein!“ Sie wandten ein: „Aber du warst in der prallen Sonne.“ „Na und! Wenn wir uns um unsere Reinlichkeit kümmern, warten schon die Leute auf das Wasser. Es reicht! Wenn ihr wollt, könnt ihr euch ja die Füße waschen.“ Damit ging Bhagavan in die Halle hinein.

Ich fragte mich, was ich falsch gemacht hatte, dass Bhagavan so wütend geworden war, und ging fort, ohne die Sache zu klären. Am Abend fragte ich nach und erfuhr, was geschehen war. Erst dann kam ich innerlich wieder zur Ruhe.

[81] zeremonielles Baden der Götterstatuen



Kein Segensgestus     Top

08.07.1947: Kürzlich fragte ein Devotee Bhagavan: „Ich habe gehört, dass Bhagavan den Kopf eines Devotees zum Segen berührt hat. Stimmt das?“

„Wie ist das möglich? Wenn ich von meinem Sofa aufstehe, mit den Leuten rede oder umhergehe, hat meine Hand vielleicht unbeabsichtigt ihre Köpfe berührt und sie haben es so interpretiert. Wenn ich mit Leuten vertraut bin, tätschle ich sie zuweilen. Ich gehe mit den Leuten gern natürlich um. Sie mögen das als ein Akt der Gnade von mir interpretieren. Wird es dadurch zu einem Segensgestus?“

Ein Sadhu fragte Bhagavan: „Swami, ich bitte dich, dass du mir einen Bissen von deinem Essen als Prasadam gibst.“

Bhagavan antwortete: „Wenn du alles, was du isst, als Gottes Prasadam entgegennimmst, dann wird es zu Gottes Prasadam. Ist nicht alles, was wir essen, Prasadam? Wer ist es, der isst? Woher kommt derjenige, der isst? Wenn du bis an die Wurzel der Dinge gehst und die Wahrheit erkennst, wirst du entdecken, dass alles Gottes Prasadam ist.“



Eine Geschichte aus dem Vichara Sagaram     Top

12.07.1947: Aravind Bose, ein langjähriger Devotee aus Bengalen, hatte einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn, ein robuster junger Mann, starb plötzlich vor seinem 18. Lebensjahr. Bose war untröstlich und stellte Bhagavan in seinem Kummer immer wieder Fragen. Bhagavan antwortete ihm, er möge Selbstergründung üben. Doch er war damit nicht zufrieden. Da erzählte ihm Bhagavan folgende Geschichte aus dem Vichara Sagaram:

„Zwei junge Männer namens Rama und Krishna teilten eines Tages ihren Eltern mit, sie würden zum Studium ins Ausland gehen und dann viel Geld zu verdienen. Nach einiger Zeit starb einer von ihnen plötzlich. Der andere beendete erfolgreich sein Studium, verdiente gut und führte ein glückliches Leben. Er bat einen Kaufmann, der in seinem Heimatort vorbeikam, seinem Vater zu sagen, dass er wohlhabend und glücklich sei und dass sein Kamerad gestorben sei. Der Kaufmann gab die Nachricht falsch weiter und sagte zum Vater des Lebenden, dass sein Sohn tot sei und zum Vater des toten Sohnes, dass sein Junge viel Geld verdiente und ein glückliches Leben führte. Die Eltern des Toten waren glücklich, weil sie dachten, dass ihr Sohn bald zurückkommen würde, während die Eltern des Lebenden trauerten. Keiner von ihnen hatte seinen Sohn gesehen. Die jeweilige Nachricht hatte sie glücklich bzw. traurig gemacht. Erst wenn sie ins Ausland gehen, werden sie die Wahrheit erfahren.

So ähnlich ist es auch mit uns. Wir glauben alle möglichen Dinge, die uns der Geist weismacht und werden irregeführt, indem wir denken, dass das nicht existiert, was existiert und andersherum. Wenn wir dem Geist nicht glauben, sondern ins Herz eintreten und den Sohn sehen, der in unserem Innern ist, brauchen wir ihn nicht außen zu sehen.“



Die ewige Welt     Top

18.07.1947: Jemand fragte: „Es heißt, dass Gott in der ewigen Welt lebt. Stimmt das?“ Bhagavan antwortete: „Wenn wir in einer vergänglichen Welt leben, lebt er in einer ewigen. Leben wir in einer vergänglichen Welt? Wenn das stimmt, stimmt auch das andere. Wenn wir nicht wirklich sind, wo ist dann die Welt und wo ist die Zeit?“

Da kam ein vierjähriger Junge mit seinem Spielzeugauto in die Halle. Bhagavan sagte lachend: „Seht bloß, anstatt dass der Wagen uns trägt, tragen wir den Wagen. Das ist gut.“ Später meinte er: „Das kann man auch als Beispiel nehmen. Wir sagen, dass wir im Auto gekommen sind und es uns hergebracht hat. Doch bewegt sich das Auto, ohne dass wir es fahren? Wer fährt? Wir. So ist es auch mit dieser Welt. Wo ist die Welt, wenn wir nicht in ihr sind? Es muss jemanden geben, der die Schönheit dieser Welt sieht und sie versteht. Wer ist derjenige? Es ist der Sehende. Er ist überall. Was ist vergänglich und was ist ewig? Wenn man durch die Selbstergründung die Wahrheit kennt, gibt es keine Probleme.“



Der Blick der Weisheit     Top

20.07.1947: Bhagavan schrieb seine Verse und Prosa auf kleine Zettel, wenn immer ihm danach war oder jemand ihn darum bat. Viele davon sind verloren gegangen, aber alles, was noch auffindbar war, haben wir gesammelt und sorgfältig aufbewahrt. Ich wollte diese Zettel in ein kleines Buch kleben und sagte das Bhagavan, doch er meinte: „Warum willst du dir diese Mühe machen?“

Gestern Nachmittag wollte ich das unbedingt erledigen, doch er sagte: „Wozu? Jemand wird das Buch mitnehmen, weil er denkt, dass es alles enthält, was Swami geschrieben hat. Wir können nichts dagegen unternehmen, weil Swami der gemeinsame Besitz von allen ist. Deshalb ist es besser, die Zettel zu lassen wie sie sind.“

Da verstand ich den wirklichen Grund und gab mein Vorhaben auf.

Ein junger Mann fragte: „Swami, ein Jnani hat den Blick der Weisheit (Jnanadrishti). Bitte gib mir diesen Blick der Weisheit oder sage mir, wo ich jemanden finden kann, der ihn mir gibt.“ Bhagavan antwortete: „Diesen Blick der Weisheit muss man durch eigene Anstrengung erlangen. Es ist nichts, das jemand dir geben könnte.“ Der Devotee meinte: „Es heißt, dass der Guru ihn geben kann, wenn er will.“ Bhagavan erwiderte: „Der Guru kann nur sagen: „Wenn du diesem Weg folgst, wirst du Jnanadrishti erlangen.“ Aber wer folgt dem Weg? Ein Guru, der ein Jnani ist, ist nur ein Wegweiser, aber die Schüler müssen den Weg schon selber gehen (d.h. Sadhana tun). Da ging der junge Mann enttäuscht fort.

Wenig später kam ein Kind aus Ramana Nagar [83] und brachte Bhagavan zwei Früchte aus dem Garten. Sie hatte schon öfter Süßigkeiten und Früchte gebracht und Bhagavan hatte jedes Mal zu ihr gesagt: „Wozu bringst du sie?“, hatte sie aber gegessen. Gestern gab er sie ihr zurück und sagte: „Nimm die Früchte wieder mit nach Hause, schneide sie in kleine Stücke und gib sie den anderen, indem du zu ihnen sagst: „Das ist für Bhagavan, das ist für Bhagavan“ und du nimmst dir auch etwas davon. Bhagavan ist in jedem. Warum also bringst du täglich Obst? Ich habe dir gesagt, es bleiben zu lassen. Gib sie den anderen. Bhagavan ist in jedem. Bitte geh jetzt.“

Das Mädchen ging enttäuscht weg. Bhagavan sagte zu mir: „Den Kindern machen solche Sachen großen Spaß. Wenn sie Swami etwas geben, wissen sie, dass sie auch etwas davon abbekommen. Als ich auf dem Berg lebte, kamen kleine Buben und Mädchen in ihren Ferien zu mir. Sie baten ihre Eltern um Geld und brachten mir Süßigkeiten, Kekse und ähnliches mit. Ich saß bei ihnen und bekam meinen Anteil. Wenn sie Swami etwas brachten, wussten sie, dass sie auch etwas davon bekommen würden. Es ist in Ordnung wenn es einmal vorkommt, aber nicht täglich. Wenn sie alle essen, ist es dasselbe, als wenn ich esse.“

Vor einer Woche servierte jemand Bhagavan mehr Orangen als den anderen. Da aß er keine Orangen mehr. Als die Devotees ihn baten, doch wieder davon zu nehmen, sagte er: „Reicht es nicht, wenn ihr alle esst“ Der Devotee meinte: „Es ist uns nicht wohl dabei, wenn wir davon essen, aber Bhagavan nicht. Deshalb bitten wir dich, uns zu verzeihen.“ Bhagavan erwiderte: „Was gibt es da zu verzeihen? Ich mag sie einfach nicht so sehr.“ „Aber sie sind gesund“. „Sieh her, etwa hundert Leute frühstücken hier. Ich esse durch so viele Münder. Reicht das nicht? Soll ich nur durch diesen einen Mund essen?“

Das ist die Sicht der Weisheit. Wer könnte sie einem anderen geben?
[83] Siedlung in Ashramnähe für Devotees mit Familien


Bleibe wo du bist     Top

10.09.1947: Als Bhagavan heute Vormittag um 9.45 Uhr zu seinem Spaziergang aufbrechen wollte, trat ein junger Mann aus Andhra Pradesh an sein Sofa und sagte: „Swami, ich bin hergekommen, weil ich Tapas (Entsagung) üben will. Aber ich weiß nicht, welcher Ort sich dafür eignet. Ich gehe wohin du mich schickst.“

Bhagavan antwortete nicht. Er neigte sich vor und rieb seine Beine und Knie, wie er es oft wegen seines Rheumas tut, bevor er aufsteht. Er lächelte still vor sich hin. Wir warteten gespannt auf seine Antwort. Nach einer Weile griff er nach seinem Gehstock, sah den jungen Mann an und sagte: „Wie kann ich dir sagen, wohin du gehen sollst, um Tapas zu üben? Es ist am besten, wenn du bleibst, wo du bist.“ Lächelnd ging er hinaus.

Der junge Mann war verwirrt. „Was bedeutet das?“, rief er aus. „Ich dachte, er würde mir einen heiligen Ort nennen, wo ich bleiben kann, aber stattdessen sagt er mir, ich soll bleiben, wo ich bin. Ich stehe jetzt an diesem Sofa. Meint er, dass ich hier beim Sofa bleiben soll? Bin ich zu ihm gekommen, um so eine Antwort zu erhalten? Ist das etwa zum Scherzen?“

Einer der Devotees führte ihn aus der Halle und erklärte ihm: „Selbst wenn Bhagavan etwas so dahinsagt, steckt immer eine tiefe Bedeutung dahinter. Dort, wo das Ich-Gefühl entsteht, ist unser Selbst. Tapas bedeutet zu wissen, wo das Selbst ist und in ihm zu verweilen. Dazu muss man wissen, wer man ist. Wenn man sein Selbst verwirklicht, was macht es dann aus, wo man ist? Das hat er damit gemeint.“ Er beruhigte den jungen Mann und schickte ihn fort.

Jemand anderer stellte gestern eine ähnliche Frage: „Swami, wie können wir das Selbst (Atma) finden?“

Bhagavan antwortete: „Du bist im Selbst. Wie kann es da schwierig sein, es zu finden?“

Frager: „Du sagst, dass ich im Selbst bin, aber wo genau ist dieses Selbst?“

„Wenn du im Herzen weilst und geduldig danach suchst, wirst du es finden.“

Der Frager war immer noch unzufrieden und machte die sonderbare Bemerkung, dass er in seinem Herzen keinen Platz finde, um darin zu bleiben.

Da wandte sich Bhagavan an einen der Devotees und sagte lächelnd: „Sieh bloß, wie er sich mit der Frage plagt, wo das Selbst ist! Was kann ich ihm sagen? Das, was IST, ist das Selbst. Es durchdringt alles. Wenn ich ihm sage, dass man es das „Herz“ nennt, sagt er, dass er darin keinen Platz findet, um darin zu verweilen. Was kann ich machen? Zu sagen, dass es im Herzen keinen Platz gibt, nachdem man es mit unnötigen Vasanas (Wünschen) angefüllt hat, ist, als würde man murren, dass man in einem Haus, das so groß wie Ceylon ist, keinen Platz findet, sich hinzusetzen. Wenn man alles Gerümpel hinauswirft, wird man dann nicht Platz haben? Der Körper selber ist so ein Gerümpel. Diese Leute sind wie jemand, der in alle Zimmer seines Hauses unnötiges Gerümpel hineinstopft und sich dann beschwert, dass er selbst keinen Platz mehr darin hat. Ebenso füllen diese Leute ihren Geist mit allen möglichen Eindrücken und sagen dann, dass sie darin keinen Platz für das Selbst haben. Wenn alle falschen Vorstellungen und Eindrücke fortgewischt und hinausgeworfen werden, bleibt ein Gefühl der Fülle zurück – und das ist das Selbst. Dann gibt es kein eigenständiges „Ich“ mehr. Es ist ein Zustand der Ichlosigkeit. Wie könnte es dann noch die Frage nach einem Raum oder einer Person, die den Raum bewohnt, geben? Anstatt dass die Leute das Selbst suchen, sagen sie: „Es gibt keinen Platz dafür!“ Das ist als würde jemand seine Augen verschließen und sagen, dass es keine Sonne gibt. Was kann man unter solchen Voraussetzungen tun?“



Nur das eine und alldurchdringende Selbst     Top

11.09.47: Gestern kam ein Sadhu und setzte sich in der Halle nieder. Es wollte etwas sagen, zögerte aber. Nach einer Weile kam er zu Bhagavan und sagte: „Swami, es heißt, dass das Selbst (Atma) alles durchdringt. Ist es dann auch in einem toten Körper?“

„Ach, das willst du wissen?“, erwiderte Bhagavan. „Ist das eine Frage, die der tote Körper stellt oder du?“

„Ich stelle sie“, antwortete der Sadhu.

Bhagavan: „Wenn du schläfst, fragst du dich dann, ob du existierst? Erst wenn du aufwachst, sagst du, dass du existierst. Auch im Traum existiert das Selbst. Es gibt in Wirklichkeit keine lebenden und toten Körper. Das, was sich nicht bewegt, nennt man tot und das was sich bewegt lebend. Im Traum siehst du viele Körper, lebende und tote, doch wenn du aufwachst, existieren sie nicht mehr. Ebenso ist diese ganze Welt, sei sie belebt oder nicht, nicht-existent. Der Tod bedeutet die Zerstörung des Egos und die Geburt bedeutet die Wiedergeburt dieses Egos. Geburt und Tod betreffen das individuelle Ich, aber nicht DICH. Du existierst, gleichgültig ob das Ich-Gefühl da ist oder nicht. Du bist seine Quelle, aber nicht dieses individuelle Ich-Gefühl. Befreiung (Mukti) bedeutet, die Wurzel für diese Geburten und Tode herauszufinden und das individuelle Ich-Gefühl in seiner Wurzel zu vernichten. Das ist die Befreiung. Sie ist Tod mit vollem Bewusstsein. Wenn man auf diese Weise stirbt, wird man gleichzeitig am selben Ort wiedergeboren, indem sich das pulsierende ewige Ich (Aham Sphurana) als „Ich-Ich“ bemerkbar macht. Wer wiedergeboren wird, hat keine Zweifel mehr.“

Gestern Abend nach dem Singen der Veden stellte ein junger Europäer Bhagavan mehrere Fragen. Bhagavan antwortete wie üblich mit der Gegenfrage: „Wer bist du? Wer stellt diese Fragen?“ Da der junge Mann einsah, dass er keine weitere Antwort bekommen würde, fragte er schließlich, welchen der Verse aus der Gita er am liebsten möge. Bhagavan erwiderte, er möge sie alle gleichermaßen. Der junge Mann bestand jedoch auf seiner Frage, welches der wichtigste Vers sei. Da antwortete Bhagavan, es sei X,20: „Ich bin das Selbst, oh Gudakesa (Arjuna) [86], das im Herzen aller Lebewesen thront. Ich bin der Anfang, die Mitte und das Ende aller Lebewesen.“

Da war der junge Mann zufrieden und verabschiedete sich mit den Worten: „Swami, ich bin wegen einer dringenden Arbeit unterwegs. Ich bitte dich, dass du diesem unwirklichen Selbst rätst, ins wahre Selbst einzugehen.“

Bhagavan antwortete lächelnd: „Ein solcher Rat wäre nötig, wenn es viele verschiedene „Selbste“ gäbe. Dann könnte ein Selbst um einen Rat bitten, das andere Selbst diesen Ratschlag geben und ein weiteres Selbst den Rat hören. Aber es gibt keine vielen „Selbste“. Es gibt nur ein Selbst. Alles ist in dem einen Selbst.“

[86] i. e. Arjuna



Die Manifestation des Selbst     Top

12.09.47: Devotee: „Was ist Chidabhasa (individuelles Bewusstsein) [87]?“

Bhagavan: „Chidabhasa ist das Empfinden des Selbst, wenn es als Bewusstsein des Geistes in Erscheinung tritt. Das Eine wird zu drei, die drei wird zu fünf und die fünf wird zu vielen. Das reine Selbst (Satva), das eines ist, wird durch Kontakt (mit der Materie) zu den Dreien (Satva, Rajas und Tamas). Mit diesen drei kommen die fünf Elemente (Erde, Feuer, Wasser, Luft, Äther) ins Dasein. Damit entsteht das ganze Universum. Chidabhasa ist das, was die Illusion entstehen lässt, dass der Körper das Selbst sei.“

Frager: „Wie kann diese Illusion verschwinden?“

Bhagavan: „Wenn man sich dieser Wahrheit durch die Selbst-Ergründung vergewissert, löst sich die Vielheit in die Fünf auf, die Fünf in die Drei und diese wird zum Einen. Nehmen wir einmal an, du hast Kopfschmerzen. Wenn du sie loswirst, indem du eine Arznei einnimmst, bist du wieder wie zuvor. Der Kopfschmerz ist wie die Illusion, dass der Körper das Selbst sei. Sie verschwindet, wenn die Arznei namens Selbst-Ergründung angewandt wird.“

Frager: „Ist der Weg der Selbst-Ergründung für alle möglich?“

Bhagavan: „Nur reife Menschen können diesen Weg gehen. Den unreifen Menschen wird empfohlen, ein Gebet oder einen heiligen Namen mit dem Atem zu wiederholen (Japa), Bilder zu verehren, Atemkontrolle zu üben oder ähnliche Yoga-, spirituelle und religiöse Übungen auszuführen. Durch diese Praxis werden sie reif und werden dann das Selbst durch den Weg der Selbst-Ergründung verwirklichen. Um die unreifen Menschen von ihren Illusionen bezüglich dieser Welt zu befreien, muss man ihnen sagen, dass sie nicht der Körper sind. Die Alten sagten, dass man die Unreifen anweisen soll, den Seher zu erkennen, indem sie die fünf Elemente hinterfragen und zurückweisen, indem sie wiederholen: „Ich bin nicht dies. Ich bin nicht das (Neti, neti).“ Dann muss man ihnen aufzeigen, dass die Elemente ihr eigenes Selbst sind, ebenso wie die goldenen Schmuckstücke nicht vom Gold verschieden sind. Daher muss man sagen, dass diese Welt wirklich ist. Die Menschen beachten den Unterschied zwischen den verschiedenen Schmuckstücken, aber tut das auch der Goldschmied? Er beachtet nur die Qualität des Goldes. Ebenso sieht der Verwirklichte (den Jnani) alles als sein eigenes Selbst. Shankaras Methode war dieselbe. Manche verstehen das nicht richtig und glauben, Shankara sei ein Nihilist, einer, der behauptet, dass die Welt unwirklich sei. Das ist reiner Unsinn.

Du siehst einen Stein, in den ein Hund gemeißelt ist. Wenn du erkennst, dass es nur ein Stein ist, ist da kein Hund mehr und andersherum: Wenn du ihn als Hund siehst ohne zu erkennen, dass es ein Stein ist, existiert kein Stein für dich. Wenn du existierst, existiert auch alles andere. Wenn du nicht existierst, gibt es auch nichts in dieser Welt, das existieren würde.

Wenn man sagt, dass da kein Hund ist, sondern ein Stein, bedeutet das aber nicht, dass der Hund weggelaufen ist, weil du den Stein siehst. Es gibt eine Geschichte dazu. Ein Mann wollte den Palast des Königs sehen. Links und rechts am Eingangstor standen zwei steinerne Hunde. Aus der Ferne hielt der Mann sie für zwei wirkliche Hunde und hatte Angst, näher zu kommen. Da kam ein Heiliger des Weges, der das bemerkte. Er nahm den Mann mit und sagte: „Mein Herr, Sie brauchen keine Angst zu haben“. Als der Mann nahe genug war, erkannte er, dass da keine Hunde waren und es sich nur um Statuen aus Stein handelte. Ebenso ist es, wenn du die Welt siehst - dann ist das Selbst unsichtbar. Wenn du dagegen das Selbst siehst, ist die Welt unsichtbar. Ein guter Lehrer ist wie dieser Weiser.

Ein Verwirklichter, der die Wahrheit kennt, ist sich der Tatsache bewusst, dass er nicht der Körper ist. Aber da ist noch etwas anderes: Solange man den Tod nicht als etwas betrachtet, dass sehr nahe ist und sich jeden Moment ereignen kann, wird man sich des Selbst nicht gewahr. Das bedeutet, dass das Ego sterben und verschwinden muss, zusammen mit den ihm innewohnenden Vasanas. Wenn das Ego verschwindet, erstrahlt das Selbst. Solche Menschen befinden sich auf einer hohen spirituellen Ebene. Sie sind frei von Geburt und Tod.“

[87] Absolutes Bewusstsein (Chit), das sich im Denken reflektiert; das Bewusstsein der individualisierten Seele, des Jiva.


Bindungen     Top

26.09.1947: Ein Devotee setzte sich heute in Bhagavans Nähe und sagte: „Gestern hat Bhagavan über die Bindungen der Vergangenheit gesprochen, aber er hat uns nichts über die Bindungen der Gegenwart und Zukunft gesagt.“

Bhagavan erwiderte: „Ja, aber Vidyaranya (ein Advaita Lehrer aus dem 13./14. Jahrhundert) [92] hat es in seinem Panchadasi ausführlich beschrieben und erklärt, wie man davon befreit wird.“

„Ich habe das Panchadasi nicht gelesen.“

„Dann werde ich es dir erzählen. Es gibt vier Arten von gegenwärtigen Bindungen. Die erste ist der Wunsch nach Materiellem, die zweite die Unfähigkeit, die Lehren und Erklärungen des Gurus zu begreifen, die dritte, wenn man die Belehrung des Gurus falsch versteht und die vierte ist das egoistische Gefühl, dass ich mich in den Veden auskenne, dass ich ein Gelehrter oder ein Asket bin. Wie können sie überwunden werden? Die erste Bindung kann man durch Gelassenheit überwinden, indem man seine schlechten Neigungen zügelt, sich davon löst und Gleichmut gegenüber den äußeren Dingen bewahrt. Die zweite Art kann man überwinden, indem man die Belehrung des Gurus immer wieder hört, die dritte Art, indem man über sie reflektiert und nachdenkt und die vierte Art, indem man intensiv an einem Gedanken festhält. Wenn der Suchende auf diese Weise die Hindernisse überwindet und vernichtet, wird er darin bestärkt, dass er selbst die Verkörperung des Selbst (Atma Swarupa) ist.“

[92] Lehrer des Advaita aus dem 13./14. Jh. Er schrieb u.a. das Panchadasi, einen wichtigen advaitischen Text.



Brindavan     Top

29.09.1947: Heute schrieb ein Nordinder folgendes auf ein Stück Papier und überreichte es Bhagavan: „Wenn ich das Darshan des Herrn Krishna in Brindavan (Stadt in Uttar Pradesh, Nordostindien, grenzt an Nepal) [93] haben könnte, würde ich dann nicht die Kraft finden, mich von allen Schwierigkeiten zu befreien? Ich möchte Ihn sehen und Ihm meine Probleme erzählen.“

Bhagavan erwiderte: „Ja, und was ist die Schwierigkeit? Du kannst es tun. Wenn du Ihn gesehen hast, trägt Er all deine Bürden. Selbst jetzt. Warum sorgst du dich? Wirf alle Bürden auf Ihn und Er wird sich darum kümmern.“

Frager: „Wenn ich die wahre Gestalt des Herrn Krishna sehen will, muss ich dann nach Brindavan gehen und dort meditieren oder kann ich das überall tun?“

Bhagavan: „Man sollte sein eigenes Selbst erkennen. Wenn man das tut, ist Brindavan überall, wo man ist. Du musst nicht denken, dass Brindavan anderswo ist und du umherwandern musst. Jene, die unbedingt nach Brindavan gehen wollen, können das tun, aber es ist keine Notwendigkeit.

In der Bhagavad Gita (X,20) heißt es: „Arjuna, ich bin das Selbst, das in den Herzen aller Lebewesen wohnt. Ich bin der Anfang, die Mitte und das Ende von allen Lebewesen.“

Wo man ist, dort ist Brindavan. Wenn man erforscht, wer und was man ist und die Wahrheit findet, wird man das Selbst. Wenn man alle Wünsche in seinem eigenen Selbst auflöst, ist das die wirkliche Hingabe. Dann sind alle Bürden die Seinen.“

[93] Stadt in Uttar Pradesh, die mit Krishna in enger Verbindung steht



Was es bedeutet, ein spiritueller Meister zu sein     Top

22.10.1947: Bhagavan hat in letzter Zeit stark abgenommen und einige Devotees meinten, er esse zu wenig. Eine Bengalin hatte das gehört, brachte Guaven mit Salz und Chilli und flehte: „Bhagavan, du wirst immer magerer. Diese Früchte sind gut für dich. Bitte nimm meine Opfergabe an!“

Bhagavan sagte lächelnd: „Wer ist magerer: du oder ich?“

Sie meinte, Bhagavan sei magerer.

Bhagavan: „Erst wenn man die Leute auf die Waage stellt, wird man feststellen können, wer von ihnen abgenommen hat. Du kannst diese Früchte selbst jeden Tag essen. Warum bringst du sie mir? Aber es geht in Ordnung. Du hast sie mir heute gebracht, aber bitte tu es nicht wieder.“

Er nahm ein paar Stücke und sagte zu seinen Helfern: „Seht bloß, wie mager sie ist! Gebt ihr etwas davon und verteilt den Rest unter den anderen.“

Einer der Devotees, die freieren Umgang mit Bhagavan pflegen, meinte: „Bhagavan, du isst seit einiger Zeit sehr wenig. Das ist nicht gut.“

„Oho!“, erwiderte Bhagavan, „Wer hat dir das gesagt? Ich nehme soviel ich brauche. Was würde es nützen, wenn ich mehr esse und dick werde? Weißt du, wie viele Krankheiten man vom Dickwerden bekommt? Je mehr du isst, desto mehr nehmen die Krankheiten zu. Wenn man nur das isst, was man braucht, vermeidet man Krankheiten.“

„Aber warum trinkst du kein gepfeffertes Wasser und keine Buttermilch mehr?“, fragte jemand anderer.

Bhagavan: „Wenn du beobachtest, was geschieht, wenn die Mahlzeiten verteilt werden, wirst du es verstehen. Die Buttermilch wird in großen Eimern in den Speisesaal gebracht und mit einem großen Schöpflöffel verteilt. Wenn man mich bedient, ist der Schöpflöffel voll, aber wenn die nächste Person dran ist, ist er nur noch halbvoll. Ich war darüber empört und dachte, dass ich dann auch nicht mehr als einen halben Löffel nehmen sollte.“

Devotee: „Warum trinkst du nicht wenigstens Fruchtsaft?“

Bhagavan: „Jetzt fängst du wieder damit an. Jeder sagt dasselbe. Wie kann ich?“

„Was meinst du, Bhagavan? Wir bekommen viel Obst. Warum soll es nicht möglich sein? Du selbst hast gesagt, dass wir alles, was freiwillig gegeben wird, annehmen dürfen.“

Bhagavan: „Ach so! Bedeutet das auch, dass alle anderen nichts davon bekommen sollen?“

Devotee: „Wir bekommen viel Obst und können es auch unter ihnen verteilen.“

Bhagavan: „Aber woher nehmen wir die Mittel, damit alle zu versorgen? Das Obst wird Swami als Opfergabe gezeigt und dann weggebracht. Es wird im Vorratsraum unter Verschluss gehalten. Der Schlüssel ist unter der Obhut des Verantwortlichen. Wer wird ihn bitten? Alle anderen Dinge werden auf dieselbe Weise verwahrt. Ich habe nichts. Das kommt davon, wenn man ein spiritueller Lehrer ist! Was kann ich machen? Die Leute glauben, dass wenn sie mich nur einmal grüßen, ich tun soll, was sie wollen. Die Leute meinen, dass es glücklich macht, ein spiritueller Lehrer zu sein. Aber seht, so ist es in Wirklichkeit. Sollte man nicht ein Buch darüber schreiben?“

Devotee: „Bhagavan sagt da etwas Ungewöhnliches.“

Bhagavan: „Was ist daran ungewöhnlich? Es entspricht alles der Wahrheit. „Swami sitzt auf einer weichen Matratze auf dem Sofa. Worüber muss er sich schon Sorgen machen?“ Das denken die Leute. Aber kennen sie unsere Schwierigkeiten? Deshalb sage ich, es wäre gut, wenn man ein dickes Buch über spirituelle Meisterschaft schreiben würde. Wenn man alle Dinge, die in den letzten Jahren geschehen sind, niederschreiben würde, würde es ein Buch geben, das so dick wie das Mahabharatham ist. Jeder, der gerne schreibt, kann das tun. Wenn das alles in einem Buch stehen würde, würden alle Leute wissen, dass ein spiritueller Meister: „Ja, ja“ und „gut, gut“ zu sagen hat. Warum sollte man nicht darüber schreiben können?“

Bhagavan sah mich an und sagte lachend: „Wenn du magst, kannst du es tun.“



Auf Eins gerichtet sein     Top

24.10.1947: Gestern kam eine Affenmutter mit ihrem Baby auf den Fenstersims auf der Seite von Bhagavans Sofa. Bhagavan las gerade und bemerkte sie nicht. Nach einer Weile fing die Affin zu kreischen an. Einer der Gehilfen wollte sie durch Schreien vertreiben, aber sie ging nicht weg. Da sah Bhagavan auf und sagte: „Hör auf! Sie ist gekommen, weil sie Bhagavan ihr Baby zeigen will. Bringen nicht alle Leute ihre Kinder? Ihr ist ihr Kind genau so lieb. Sieh bloß, wie klein es noch ist.“ Er wandte sich ihr zu und sagte in zärtlichem Ton: „Hallo! Du hast dein Kind mitgebracht? Das ist gut!“ Dann gab er ihr eine Banane und schickte sie fort.

Hast du gehört, was die Affen am letzten Unabhängigkeitstag angestellt haben? Bhagavan saß einige Tage vor dem Fest, am 11. oder 12. [August], in der Jubiläums-Halle. Da kam ein ganzes Affenvolk und wollte Früchte. Der Gehilfe Krishnaswami versuchte, sie durch Rufen zu vertreiben, doch Bhagavan ermahnte ihn: „Denk daran, dass auch für sie am 15. August der Unabhängigkeitstag ist. Du musst ihnen ein Festessen geben, anstatt sie zu vertreiben.“

Am 14. August bereiteten einige Ashrambewohnter die Hissung der indische Flagge vor. Da kam das Affenvolk immer wieder. Einer der Diener wollte sie vertreiben. Bhagavan sagte lachend: „Vertreibe sie nicht! Auch sie haben die Unabhängigkeit erlangt, oder etwa nicht? Du musst ihnen Kichererbsen, Linsen und gerösteten Reis geben und ihnen ein Festmahl bereiten. Ist es recht, sie zu vertreiben?“

„Aber der Unabhängigkeitstag ist morgen und nicht heute“, erwiderte der Diener.

Bhagavan: „Wenn du Festvorbereitungen triffst, sollen sie dann nicht ebenfalls ihre eigenen Vorbereitungen treffen? Deshalb sind sie so geschäftig. Siehst du es nicht?“

Einer der Helfer sitzt immer mit einem Korb da, um die Gaben, die Devotees Bhagavan bringen, entgegenzunehmen. Manchmal döst er ein oder hört dem Radio zu. Die Affen warten auf eine passende Gelegenheit und ergattern die Früchte. Wenn die Leute in der Halle sie vertreiben wollen, sagt Bhagavan: „Wenn diese Helfer in tiefer Meditation versunken sind, kommen die Affen und kümmern sich um ihre Arbeit. Jemand muss sich schließlich um die Arbeit kümmern. Die Helfer legen das Obst in den Korb und die Affen tun das Obst in ihren Magen – das ist der einzige Unterschied. Während die Leute selbstvergessen der Musik im Radio zuhören, beschäftigen sich die Affen damit, den süßen Saft der Früchte zu genießen. Das ist gut, nicht wahr!“

Wenn die Affen kommen, solange keiner der Helfer da ist, sagt Bhagavan, sobald einer von ihnen zurückkehrt: „Keiner von euch war da. Deshalb haben sich die Affen um eure Arbeit gekümmert. Sie helfen euch und ihr könnt euch etwas ausruhen. Als ich auf dem Berg lebte, waren die Affen meine ständigen Begleiter. Jetzt verjagt ihr sie, aber in jenen Tagen war es ihr Territorium.“

Manchmal schlagen die großen Affen den Neuankömmlingen, die gerade auf dem Weg zu Bhagavan sind, die Früchte aus den Händen und manchmal schnappen sie sich die Früchte, die die Leute als Prasadam von Bhagavan Helfern zurückbekommen und neben sich gelegt haben. Bhagavan pflegt dann zu sagen: „Sie nehmen sich ihren Anteil. Warum ärgert ihr euch über sie? Sie haben einen konzentrierten Blick. Sie finden heraus, wo das Obst liegt, und im Handumdrehen kommen alle herbei und nehmen sich ihren Anteil. Ihre Aufmerksamkeit ist immer auf die Frucht gerichtet. Deshalb nimmt das Vedanta den Blick des Affen als Beispiel für den konzentrierten Blick. Sobald der Guru mit den Augen ein Zeichen gibt, sollte der Schüler verstehen. Sonst kann der Schüler sein Ziel nicht erreichen.“


Universelle Brüderlichkeit     Top

19.11.1947: Bis vor kurzem hatte man das abendliche Veda-Parayana in der kleinen Halle abgehalten, aber viele Leute mussten schon seit einiger Zeit draußen sitzen, da es an Platz fehlte. Jetzt, da man die Jubiläumshalle [98] erbaut hatte, wurde das abendliche Veda-Parayana dorthin verlegt. Nach diesem Wechsel hatte die Maharani (Großfürstin) von Baroda dem Ashram den weißen Pfau geschenkt.

In den ersten Tagen gab Bhagavan sehr auf ihn Acht, denn er war noch sehr jung. Der Pfau schlief nachts in der Alten Halle. Im Sommer schlief Bhagavan in der Jubiläumshalle draußen, weshalb auch das morgendliche Upanishad Parayana dort stattfand. Aber jetzt zu Winterbeginn brachten die Helfer Bhagavan nachts in die Alte Halle zurück. Der Pfau hatte dort seine Stange. Morgens war der Fußboden darunter sehr verdreckt, was beim morgendlichen Parayana außerst unangenehm war. Einige Leute mussten deshalb draußen sitzen. Die Helfer ärgerten sich darüber, doch Bhagavan sagte: „Warum ärgert ihr euch? Warum lasst ihr nicht einen Käfig anfertigen? Dann können wir den Pfau in der Jubiläumshalle halten. Ein Devotee griff sofort den Vorschlag auf und ließ einen Käfig anfertigen.

Der Käfig wurde in der Jubiläumshalle in der Nähe von Bhagavans steinernem Sofa aufgestellt. Bis zu diesem Tag hatte Bhagavan in der Alten Halle geschlafen. Doch jetzt bestand er darauf, dass man sein Bett nach draußen in die Jubiläumshalle brachte. Da es nachts sehr kalt war, wurde befürchtet, dass es ihm gesundheitlich schaden könnte, wenn er in der offenen Halle schliefe. Doch Bhagavan lachte und sagte: „Der Pfau ist zu uns gekommen. Welchen Respekt erweisen wir da einem Gast, wenn er draußen schlafen soll, während wir drinnen schlafen? Wenn ein Verwandter zu Besuch kommt, gehört es sich da etwa, ihn auf der Veranda übernachten zu lassen, während man selbst im Haus schläft? Wir sollten ihn nach Möglichkeit hinein nehmen oder wir schlafen auch auf der Veranda draußen.“ Er wandte sich seinen Helfern zu und sagte: „Wenn ihr euch vor der Kälte fürchtet, könnt ihr drinnen schlafen.“

Die Helfer meinten: „Wenn Bhagavan draußen schläft, schadet es seiner Gesundheit. Einer von uns könnte draußen schlafen und dem Pfau Gesellschaft leisten.“

Bhagavan: „Genug damit! Wird es dann nicht eurer Gesundheit schaden? Ihr könnt drinnen schlafen.“

Sosehr sie ihn auch baten, er blieb dabei und schlief in jener Nacht draußen in der Jubiläumshalle.

Als Bhagavan am Nachmittag zu seinem Spaziergang aufbrach, brachte Krishnaswami seine Sachen in die Alte Halle zurück und bereitete sie für das Veda-Parayana vor. Bhagavan bemerkte das, als er zurückkam und sagte: „Genau das mag ich nicht: der Pfau soll in seinem Käfig draußen bleiben, während wir alle drinnen sind. Sind wir nicht nach draußen gegangen, weil diese Halle fürs Veda-Parayana zu klein geworden ist? Ist sie denn auf einmal größer geworden? Müssen wieder einige der Leute draußen bleiben? Wozu soll das gut sein? Wenn wir alles in der Jubiläumshalle tun, wird der Pfau nicht einsam sein und wir haben genügend Platz. Ab morgen soll es so gehalten werden. Ich werde nicht hier sitzen, auch wenn ihr meinen Platz hierher verlegt.“ Nach dem Abendessen ließ er sein Bett in die Jubiläumshalle bringen und verbrachte die Nacht wiederum bei dem Pfau.

Am folgenden Tag saß Bhagavan wieder in der Alten Halle, aber als er am Nachmittag spazieren ging, sah er den Pfau in seinem Käfig und meinte erneut: „Es wäre gut, wenn ihr nach meiner Rückkehr das Veda-Parayana in der Jubiläumshalle vorbereiten würdet. Sonst setze ich mich auf meinem Handtuch alleine hierher. Wenn es für euch umständlich ist, meinen Platz hin- und herzutragen, bleibe ich auch tagsüber in der Jubiläumshalle. Es liegt an euch. Was brauche ich schon? Dieses Handtuch genügt mir völlig.“

Als Bhagavan von seinem Spaziergang zurückkam, war sein Platz in die Jubiläumshalle verlegt worden. Nach diesem Vorkommnis wurde die Alte Halle erweitert und Bhagavan blieb dort.

[98] eine große, überdachte Veranda, die an die Alte Halle angrenzte und für die Feierlichkeiten des Goldenen Jubiläums errichtet wurde


Erinnerung und Vergessen     Top

21.11.1947: Heute Nachmittag kam der weiße Pfau zu Bhagavan und wanderte unter uns allen umher. Ein Devotee stellte fest, wie zahm er war und bemerkte: „Dieser Vogel scheint sich an seine vergangenen Geburten zu erinnern. Würde er sich sonst so frei unter den Menschen bewegen?“

Bhagavan sagte: „Deshalb glauben viele Leute, dass er eine Wiedergeburt Madhavas (ein Gehilfe Bhagavans, der kürzlich gestorben ist) ist.“

Der Devotee fragte: „Kennt er dann auch die Einzelheiten seiner letzten Geburt?“

Bhagavan: „Wie könnte er? Niemand weiß über seine vergangene Geburt Bescheid. Die Menschen vergessen, und das ist auch gut so. Wir sind manchmal schon im jetzigen Leben sehr über die Vergangenheit bekümmert. Könnten wir es auch noch ertragen, wenn wir über unsere vergangenen Geburten Bescheid wüssten? Über seine vergangenen Geburten Bescheid zu wissen bedeutet, sein eigenes Selbst zu erkennen. Wenn man das weiß, versteht man, dass diese und alle früheren Geburten lediglich Geburten des Geistes und seiner Wünsche (Sankalpa) sind.

Wie die Bilder, die auf einer Leinwand erscheinen, ist alles, was sich zeigt, eine Schöpfung des Geistes. In Wirklichkeit ist man keines dieser Dinge. In dieser unwirklichen Welt, die wie ein Puppenspiel ist, ist es besser, alles zu vergessen als sich zu erinnern, dass man diese Puppe oder jenes Bild gewesen ist.“

Devotee: „Was die materielle Welt betrifft, müssen wir sagen: „Das gehört mir“, oder etwa nicht?“

Bhagavan: „Ja, das müssen wir. Doch wenn wir es auch sagen, besteht keine Notwendigkeit zu denken, dass wir das alles sind und uns darüber zu freuen oder zu sorgen. Wenn wir in einem Wagen fahren, fühlen wir dann etwa, dass wir der Wagen sind? Nehmen wir die Sonne als Beispiel: Sie spiegelt sich im Wasser, das in einem kleinen Gefäß ist, in großen Flüssen und in einem Spiegel. Ihr Bild ist dort. Aber glaubt sie deshalb auch, dass sie das alles ist? So ist es auch mit uns. Alle Probleme tauchen auf, wenn man glaubt, dass man der Körper ist. Wenn man diesen Gedanken von sich weist, dann wird man wie die Sonne überall scheinen und alles durchdringen.“

Devotee: „Sagt Bhagavan deshalb, dem Pfad der Selbstergründung von „Wer bin ich?“ zu folgen, sei das Beste, was man tun kann?“

Bhagavan: „Ja, aber im Vasishtam heißt es auch, dass Vasishta Rama sagte, dass man niemandem, der nicht die nötige Reife besitzt, den Pfad der Selbstergründung zeigen sollte. In anderen Büchern heißt es, dass man über einige Geburten hinweg spirituelle Übungen tun und mindestens 12 Jahre unter einem Guru stehen muss. Doch man verscheucht die Leute, wenn man das sagt. Deshalb sage ich ihnen: „Du trägst die Befreiung bereits in dir. Du musst dich nur von den äußeren Dingen befreien“. Die spirituellen Übungen sind alleine dafür gedacht. Dennoch haben die Alten das alles nicht umsonst gesagt. Wenn man jemandem sagt, er sei die Gottheit, er sei Brahman und bereits befreit, wird er keine spirituelle Praxis mehr üben, da er glaubt, dass er bereits das Nötige hat und nichts mehr will. Deshalb sollten diese Vedantischen Dinge nicht spirituell unentwickelten Leuten gesagt werden. Einen anderen Grund gibt es dafür nicht.“

Ein Devotee nahm den Gesprächsfaden auf: „In einem Vers von Shankara heißt es: „Das Universum ist eine Reflexion im Selbst wie die Stadt, die in einem Spiegel erscheint.“ [99] Die Feststellung, dass die Welt ein Mythos und unwirklich ist, gilt für gewöhnliche Leute und nicht für die Verwirklichten, nicht wahr?“

Bhagavan: „Ja. In den Augen des Verwirklichten ist alles von Brahman erfüllt. Der Unverwirklichte dagegen kann nichts sehen, so sehr man ihn auch darauf hinweist. Deshalb sind die heiligen Schriften nur für die gewöhnlichen Menschen.“
 
[99] ein Vers im Dakshinamurti Stotram



Der Pfad der Selbstergründung     Top

29.11.1947: Heute Nachmittag fragte ein Devotee Bhagavan: „Swami, ist die Erforschung „Wer bin ich?“ der einzige Weg, um die Verwirklichung zu erlangen?“

Bhagavan antwortete: „Die Erforschung ist nicht der einzige Weg. Wenn man spirituelle Übung (Sadhana) mit Namen und Form tut, heilige Namen wiederholt (Japa) und unerbittlich und ausdauernd eine dieser Methoden übt, wird man DAS. Für den Einzelnen ist, seinen Fähigkeiten entsprechend, die eine spirituelle Praxis besser als die andere. Deshalb gibt es alle möglichen Abstufungen und Variationen der Methoden.

Manche Menschen sind weit von Tiruvannamalai entfernt, andere sind ganz in der Nähe, manche sind bereits in Tiruvannamalai und andere sind auf dem Weg in Bhagavans Halle. Jenen, die in die Halle kommen, muss man nur sagen: „Da ist der Maharshi“, und sie werden ihn sofort erkennen. Anderen muss man erklären, welche Züge sie nehmen müssen, wo sie umsteigen und in welche Straße sie einbiegen müssen. Ebenso muss man dem Übenden den jeweiligen Weg beschreiben, wie es seinen Möglichkeiten entspricht. Die spirituellen Übungen sind nicht dafür gedacht, sein eigenes Selbst zu erkennen, das alles durchdringt, sondern nur dafür, von Wunschobjekten frei zu werden. Wenn sie alle ausgelöscht sind, bleibt man wie man IST. Das, was immer existiert, ist das Selbst. Alles andere wird aus dem Selbst geboren. Das wird man aber erst verstehen, wenn man sein eigenes Selbst erkennt. Solange man diese Erkenntnis nicht hat, erscheint alles in der Welt als wirklich.

Nehmen wir einmal an, ein Mensch schläft in der Halle. Er träumt, dass er irgendwo hingeht, sich verirrt, von Dorf zu Dorf und von einem Berg zum andern wandert und tagelang ohne Nahrung und Wasser auf der Suche ist. Er leidet sehr, fragt mehrere Menschen nach dem Weg und findet endlich den richtigen Ort. Wenn er in diese Halle kommt, ist er sehr erleichtert. Dann öffnet er verwundert die Augen. Alles ist in kürzester Zeit geschehen, doch erst wenn er aufwacht, versteht er, dass er nirgends gewesen ist. So ist es auch mit unserem gegenwärtigen Leben. Wenn sich das Auge der Erkenntnis öffnet, versteht der Mensch, dass er immer in seinem eigenen Selbst bleibt.“

Frager: „Stimmt es, dass alle spirituellen Praktiken in den Weg der Selbstergründung münden?“

Bhagavan: „Ja. Die Ergründung „Wer bin ich?“ ist der Anfang und das Ende der Lehre des Vedanta. Es heißt, dass nur derjenige, der alle vier Arten der spirituellen Praxis beherrscht, für die vedantische Ergründung reif ist. Von den vier Arten der Praxis ist die erste die Erkenntnis des Selbst und des Nicht-Selbst (Atma und Anatma), d.h. das Wissen, dass das Selbst ewig und die Welt unwirklich ist. Die Frage ist, wie man das erkennen kann. Es ist möglich, indem man sich fragt: „Wer bin ich?“, und „Was ist die Natur meines Selbst?“. Normalerweise wird diese Vorgehensweise am Beginn der spirituellen Praxis empfohlen, aber im Allgemeinen überzeugt es nicht. Deshalb greift man auf verschiedene andere spirituelle Übungen zurück und erst zuletzt auf die Selbstergründung.

Wir lernen das Alphabet, wenn wir jung sind. Die Buchstaben sind die Voraussetzung jeder Bildung und es ist nicht nötig, dazu den Bachelor oder Master zu machen. Doch hören die Leute auf diesen Rat? Erst wenn man studiert und alle Examen bestanden hat, erkennt man, dass alles, was man studiert hat, im Alphabet enthalten ist. Sind nicht alle Schriften in dem grundlegenden Alphabet enthalten? Man versteht das aber erst, nachdem man alle Schriften gründlich studiert hat.

Mit allem ist es dasselbe. Es gibt unzählige Flüsse. Die einen fließen geradeaus, die anderen haben Windungen, aber alle fließen ins Meer. Ebenso münden alle Wege in den der Selbstergründung, wie alle Sprachen ins Schweigen (Mauna) münden. Schweigen bedeutet ununterbrochenes Sprechen. Es ist kein Vakuum. Es ist die Sprache des Selbst, sie erstrahlt von selbst. Alles ist im Selbst.“



Das Selbst kann ohne geistige Aktivität nicht verwirklicht werden     Top

13.01.1948: Heute früh setzte sich Sundareswara Iyer, ein Ashrambewohner, in die Nähe von Bhagavans Sofa. Er hatte ein Buch in der Hand und wartete auf ein Zeichen Bhagavans, dann fragte er: „In diesem Buch heißt es: „Mano Vritti Jnanam.“ Was bedeutet das?“

Bhagavan: „Es bedeutet, dass das Selbst (Atma) ohne mentale Aktivität nicht verwirklicht werden kann. Wir müssen das Selbst erkennen. Wie ist das möglich? Wir alle stimmen darin überein, dass wir existieren. Muss es dann nicht eine mentale Aktivität geben, damit wir das wissen können? Die Aktivität des nach innen gerichteten Geistes nennt man Erkenntnis und jene, die nach außen gerichtet ist, Unwissenheit. Ist die Geistesaktivität nach innen gerichtet, spricht man von Buddhi (Intellekt) oder Aham (Ich). Alles zusammengenommen heißt Antahkarana (Denk- und Aufnahmefähigkeit des Geistes). Aham ist unbeweglich und beständig, aber mit Hilfe von Antahkarana entstehen die fünf Elemente. Diese Elemente haben sich einzeln und gemeinsam vermehrt und der Körper mit seinen Gliedmaßen ist entstanden. Wenn man diese Schöpfung, die durch Antahkarana entstanden ist, verwirft, wird der Geist nach innen gerichtet, und durch diese mentale Aktivität entsteht das Bewusstsein des Selbst. Das bedeutet, dass man den Ursprung der mentalen Aktivität erkennt. Diese Quelle, dieser Ursprung heißt „Aham Sphurana“ oder das Selbst. Doch man kann es nur durch den Geist erkennen. Deshalb heißt es „Mano Vritti Jnanam“. Der Geist muss rein ist. Es ist das, was sich auf unzählige Weise manifestiert und was doch ganz durch sich selbst bestehen bleibt. Du kannst ihm jeden Namen geben.“

Jemand anderer fragte Bhagavan: „Swami, ist es wahr, dass der Jnani kein Prarabdha (gegenwärtiges Karma) hat, außer Pareccha (den Wünschen anderer Menschen)?

Bhagavan: „Ja. Das gegenwärtige Karma, das aus Wünschen, Wunschlosigkeit und den Wünschen anderer (Pareccha) besteht, ist Jnanis und Ajnanis gemein. Beide erfahren auch dasselbe. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass der Jnani kein Empfinden hat, dass er etwas tut, und es deshalb für ihn auch keine Bindung gibt, während der Ajnani empfindet, dass er alles tut, und deshalb gebunden ist. Lediglich der Geist ist die Ursache für Bindung und Befreiung. Der Geist ist die Ursache von allem. Die Wünsche geben ihm Gestalt. Wenn die Wurzel der Wünsche entdeckt wird, gibt es keine Bindung mehr. Diese Wurzel ist das Selbst. Wenn man sein eigenes Selbst erkennt, können die Wünsche kommen und gehen – sie plagen einen nicht mehr.“



Der Tod Mahatma Gandhis     Top

06.02.1948: In der Nacht vom 30. Januar wurde die Neuigkeit über Mahatma Gandhis Tod überall bekannt gemacht. Ich war zuhause, weil es Frauen nicht gestattet ist, nachts im Ashram zu sein. Ich ging um 7.30 Uhr morgens zum Ashram. Die Nachricht war in den Zeitungen. Bhagavan las sie und hörte ein Gebet im Radio und das Lied „Vaishnava Janato“ (ein Lieblingslied Gandhis). Er hörte traurig zu.

Um 9.45 Uhr wollte er gerade zu seinem Spaziergang aufbrechen, als ein Zeitungsreporter kam und ihn fragte, was er über die Tragödie dachte, um es zu veröffentlichen. Bhagavan erwiderte mit zitternder Stimme: „Jeder trauert über seinen tragischen Tod. Was kann ich dazu sonst noch sagen? Wer trauert nicht? Wenn ich etwas sage, wirst du es veröffentlichen und dann werden noch mehr Leute kommen und mich befragen. Was hat das für einen Sinn?“

Damit sandte Bhagavan den Reporter fort und ging spazieren.

Nach seiner Rückkehr kam das „Vaishnava Janato“ wieder im Radio und Bhagavans Augen füllten sich mit Tränen.

Um 4.30 Uhr nachmittags sangen die Frauen „Raghupati Raghava Rajaram“ (ebenfalls ein Lieblingslied Mahatma Gandhis). Mit Tränen in den Augen gab Bhagavan uns das Zeichen weiterzusingen. Um 5 Uhr wurde die Muschel geblasen und eine Arati (Lichtzeremonie) im Tempel der Mutter gehalten. Als die heilige Asche und der rote Puder zu Bhagavan gebracht wurden, nahm er es mit großer Andacht entgegen.

Als Bhagavan vorgestern die Zeitung las, sagte er: „Anscheinend ist derjenige, der geschossen hat, zuvor zum Mahatma gegangen, hat sich vor ihm verneigt und ihn gefragt: „Warum kommst du heute so spät?“ Der Mahatma erwiderte, dass er noch etwas zu erledigen hatte. [100] Gleich darauf fiel der Schuss.“ [101] Bhagavan zog eine Parallele zum Ramayana und meinte: „Als Rama den Dämonenkönig Ravana getötet hat, vergaß er, dass er nach Vaikuntha (in den Himmel) gehen sollte. Da beratschlagten sich die Götter und schickten den Todesgott Yama zu ihm. Yama kam in Gestalt eines Asketen und sagte respektvoll: „Deine Aufgabe ist beendet. Bitte komm in den Himmel“. Hier ist es ähnlich: „Indien ist unabhängig. Deine Aufgabe ist beendet. Warum bist du immer noch hier? Solltest du nicht zurückkommen? Es ist schon spät.“ Anscheinend ist der Mahatma weggeschickt worden.“

Gestern zeigte Harindranath Chattopadhyaya ein Foto vom Mahatma und sagte: „Es ist schade, dass Gandhi und Bhagavan sich nie getroffen haben.“

Bhagavan: „Vor einiger Zeit kam er nach Tiruvannamalai. Man hatte für ihn ein Treffen auf der Pradakshina-Straße arrangiert. Die Leute dachten, dass er auf dem Rückweg in den Ashram kommen würde, aber die Menschenmengen haben es ihm nicht ermöglicht und so ging er direkt zum Bahnhof. Er hat das sehr bedauert. Shankarlal Banker wollte ihn unbedingt herbringen, und als Rajendra Prasad und Jamnalal Bajaj 1938 den Skandashram besuchten, wollten sie den Mahatma dazu bewegen, einige Zeit hier zu verbringen. Aber es ist nicht geschehen. Wenn jemand depressiv war, sagte der Mahatma: „Geh zum Ramanashram und komme nach einem Monat wieder.“ Als Ramaswami Reddiar in Madras Ministerpräsident geworden war, besuchte er den Mahatma. Der Mahatma fragte ihn, seit wann er den Ramanashram besuche. Als er antwortete, dass er über dreißig Jahre lang dorthin ginge, sagte der Mahatma: „Ich habe es dreimal versucht, aber bis jetzt ist es mir nicht gelungen.“ Was konnte er machen? Wie konnte er herkommen, wenn man ihn nicht für einen Augenblick alleine ließ?“

Heute las Bhagavan in der Zeitung, dass der Mahatma in der Nacht vor der Tragödie im Traum eine Vorahnung seines Todes hatte und schnell seine Papiere entsorgt habe – deshalb sei er zu spät zum Abendgebet gekommen. Bhagavan meinte: „Ja, erleuchtete Menschen wissen es, aber sie sagen den anderen nichts davon.“

[100] Gandhi hatte sich etwas verspätet.

[101] Godse hatte sich Gandhi hat am 30.01.1948 während des Abendgebets genähert, sich vor ihm verneigt und dreimal aus unmittelbarer Nähe auf ihn geschossen.


Gleichheit     Top

07.02.1948: Vor zwei Wochen ist unser Neffe Tilak aus London gekommen. Er hatte sein Prüfungsergebnis noch nicht bekommen. Sein Vater hatte ihm geschrieben, er möge schnell nach Hause kommen und Tilak wollte Ende des Monats abreisen.

Am Vorabend seiner Abreise ging er zum Bazar und kaufte Rosinen, Datteln und anderes als Opfergabe für Bhagavan. Am 30. legten wir alles in eine Schale und brachten es zum Frühstück in den Ashram. Das Küchenpersonal bat mich, es selbst zu verteilen. Da ich mit dem Bedienen im Speisesaal keine Erfahrung hatte, ging ich damit zuerst zu Bhagavan. In missbilligendem Ton fragte er mich, was das sei. Ich sagte ihm, dass mein Neffe Obst gebracht hatte. Da nickte er: „Gut. Gib mir von jeder Sorte ein Stück.“ Als ich Bhagavan bedient hatte, bediente ich die anderen. Aber am Ende waren nur noch wenige Bananen übrig. Einer der Gehilfen schnitt sie in kleine Stücke und verteilte sie an die restlichen zehn Personen.

Bhagavan sagte empört: „Das ist es, was ich nicht mag! Warum verteilst du etwas, wenn du nicht allen das gleiche geben kannst?“ Und er berichtete von ähnlichen Vorkommnissen. Nach dem Essen gingen die Leute still weg. Bhagavan massierte seine Beine und wollte aufstehen, da verneigten Tilak und ich uns vor ihm und ich sagte, dass Tilak abreisen würde.

Bhagavan sagte: „Ich verstehe. Als du das Obst gebracht hast, dachte ich, er hätte seine Prüfung bestanden. Er geht nach Hause zurück? Sehr gut.“ Dann zeigte er auf mich und sagte: „Sie hat mich zuerst bedient anstatt die anderen.“

„Es tut mir leid. Ich kannte die Gepflogenheiten nicht und habe es falsch gemacht“, erwiderte ich.

Bhagavan meinte: „Das ist schon in Ordnung. Deshalb sage ich es dir ja. Wenn du Bhagavan bedienst, nachdem du alle anderen bedient hast, wird alles gerecht verteilt werden. Wenn ich zufällig nichts bekomme, macht das nichts. Wenn alle essen, bin ich auch zufrieden, wenn ich nichts bekomme. Ihr solltet immer nach diesem Prinzip bedienen. Es ist ein gutes Prinzip. Wenn alle essen, läuft es dann nicht auf dasselbe hinaus, als wenn Bhagavan isst?“

Ich sagte: „Ja, es tut mir leid.“

Bhagavan: „Mach dir keine Gedanken. Es macht nichts.“

Ich weiß nicht, ob du schon bemerkt hast, dass dreimal täglich, wenn die Glocke läutet, etwas von allen Speisen, auch Reiskuchen, unter den Kühen, Krähen, Hunden, Affen und auch unter den armen Leuten, die gerade im Ashram sind, verteilt wird. Wenn das nicht zuerst getan wird, geht Bhagavan nicht zum Essen und besteht darauf, dass sie zuerst gespeist werden. Wenn Eichhörnchen und Pfauen kommen, bekommen sie Erdnüsse. Wenn jemand von denen, die bedienen, das nicht tun will, lässt Bhagavan ihm das nicht durchgehen und sagt: „Du kannst ja gehen. Sie sind hergekommen wie wir und sie bekommen ihre Nahrung wie wir. Du willst uns respektvoll bedienen, indem du „Swami, Swami“ sagst, aber du fluchst, wenn du sie bedienen sollst. Haben wir sie gekauft und hergebracht? Sie sind wie wir gekommen. Warum respektierst du sie dann nicht?“

Bhagavan hatte gesagt: „Als du das Obst gebracht hast, dachte ich, er habe sein Examen bestanden.“ Es stellte sich heraus, dass an diesem Tag das Prüfungsergebnis in London bekannt gegeben wurde. Mein Bruder schickte gestern ein Telegramm, dass der Junge bestanden hatte.



Nihilisten und Advaitins     Top

08.02.1948: Als ich heute Morgen in die Halle kam, war es ganz still. Alles war vom Rauch der Räuberstäbchen verhüllt, die ihren Duft in alle Richtungen verströmten. Bhagavan hatte seine Zeitungslektüre beendet und saß still da. Krishnaswami zog die Uhr auf. Da fragte jemand unerwartet: „Die Nihilisten und Advaitins streiten unentwegt miteinander. Was genau ist der Streitpunkt?“

Da schlug die Uhr mit einem „dong, dong“ die volle Stunde. Lächelnd sagte Bhagavan: „Sieh her. Soeben wurde die Uhr aufgezogen. Sie läuft und hat die Stunde geschlagen. Die Advaitins sagen: „Jemand muss die Uhr aufziehen, sonst läuft sie nicht.“ Die Nihilisten sagen: „Zugegeben, jemand muss die Uhr aufziehen. Aber jemand muss diesem Jemand die Kraft und die Fähigkeit dazu geben usw. Wenn wir auf dieser Grundlage weiterdenken, ist es endlos. Es gibt keine handelnde Person (Karta).“ Das ist der Streitpunkt.

Nimm zum Beispiel dieses Handtuch. Es ist nicht von der Baumwolle unabhängig. Die Baumwolle wird zuerst verarbeitet, dann gesponnen und schließlich zu einem Tuch verarbeitet. Es muss jemanden geben, der das alles tut. Also ist der Weber der Handelnde und alle sind sich darin einig, dass die verschiedenen Farben und Arten des Stoffes nicht unabhängig vom Material der Baumwolle bestehen. So gibt es zwar für die verschiedenen Dinge, die die Welt ausmachen, einen Handelnden, doch keines dieser Dinge ist von dem, was IST, nämlich der Existenz (Sat) unabhängig, so sagen die Advaitins. Es gibt große und kleine Töpfe, aber alle bestehen nur aus Erde. Wenn einer von ihnen zerbricht, sagen wir, dass das Gefäß dahin ist. Aber was ist dahin? Nur der Name und die Gestalt. Wenn Name und Gestalt dahin sind, bleibt trotzdem die Erde als Erde übrig. Doch Töpfe können nur entstehen, wenn es auch einen Töpfer gibt. Also sagen die Advaitins, dass es einen Handelnden gibt, der das alles bewirkt. Die Nihilisten verneinen das. Sie streiten heftig miteinander, aber das Ergebnis ist gleich null. Es gäbe keine Schwierigkeiten, wenn sie herausfinden würden, wer es ist, der argumentiert.“

Frager: „Wozu dann diese Auseinandersetzungen?“

Bhagavan: „Weil alles, was in einer Person ist, herauskommen muss. Es gibt Gedanken im Innern.“

Einer der Devotees sagte: „Du sagst, dass alles, was innen ist, zum Vorschein kommt. Wie kommt es zum Vorschein? Was ist im Innern?“

Bhagavan antwortete lächelnd: „Solange im Innern kein Wunsch geboren ist, kommt auch nichts zum Vorschein. Der Wunsch wird im Innern geboren. Er wird groß und muss sich schließlich zeigen.“



Bhagavans erstes Manuskript     Top

27.03.1943: Ich ging etwas früher als gewöhnlich zum Ashram, um Bhagavan nach einem Sanskritvers zu fragen. Bhagavan erklärte, dass er aus der Tejobindu Upanishad stamme und Shankara in seinem Aparokshanabhuti dasselbe geschrieben habe. „Dieser Vers bedeutet, dass man sich nicht auf die Nasenspitze oder die Stelle zwischen den Augenbrauen konzentrieren soll, sondern auf den Ort, wo sich alle Eigenschaften des Sehenden, des Gesehenen und des Sehens auflösen. Wenn man die Verwirklichung durch Meditation erreicht hat und der Mensch in der Lage ist, seine eigene Natur zu verstehen und zu begreifen, wie er mit dem Höchsten Geist vereint werden kann, dann ist für ihn das ganze Universum von Brahman erfüllt.“

Das Aparokshanubhuti war in der Bibliothek, aber ich zögerte, es mir von dort zu besorgen, da ich jemanden darum hätte bitten müssen. Doch ich konnte mich an den Vers nicht vollständig erinnern und fragte mich, was ich nun tun sollte. Bhagavan begriff meine Lage und bat einen der Gehilfen, Palaniswamis kleines Notizbuch zu holen, das in der Schublade lag. Der Gehilfe holte es, staubte es ab und gab es mir. Es war ein sehr kleines Notizbuch. Ich murmelte: „Ich glaube, in der Bibliothek ist ein Exemplar.“

Bhagavan sagte: „Das ist nicht nötig. Ich schreibe es dir ab.“ Und er schrieb die beiden Verse aus dem Notizbuch ab. Ich war vor Freude überwältigt und fragte ihn: „Hast du die Verse Shankaras abgeschrieben oder ihre Bedeutung in eigenen Worten wiedergegeben?“

Bhagavan: „Ich habe sie nur abgeschrieben. Palaniswami bat mich um einige Verse Shankaras, aber woher sollten wir damals ein Notizbuch oder Papier nehmen? Ich sammelte alle Papierschnipsel, heftete sie zu einem Notizbuch zusammen, schrieb die Verse ab und gab es ihm. In diesem kleinen Notizbuch sind Auszüge von etwa zehn Büchern Shankaras enthalten.“

„Dann ist es also das erste Buch, das du geschrieben hast?“, fragte ich.

„Ja. Damals besaßen wir nichts außer einem Topf. Wir hatten nicht einmal ein Handtuch. In der ersten Zeit unseres Aufenthalts in der Virupaksha-Höhle besaß nur Palaniswami ein Handtuch, das er um sich gewickelt trug. Die Höhle hatte damals keine eiserne Tür, sondern eine aus Holz mit einem hölzernen Schnappriegel. Wir machten ihn mit einem kleinen Stecken von außen zu und umwanderten den Berg. Wir gingen mal hierhin, mal dorthin und kehrten nach einer Woche oder zehn Tagen wieder zurück. Dann öffneten wir die Tür mit einem anderen Stecken. Das war zu der Zeit unser Schlüssel. Wir brauchten ihn nirgends aufzubewahren. Dieses Notizbuch war der einzige Gegenstand, den wir bei uns hatten. Da Palaniswami ein Handtuch trug, faltete er das Buch zusammen und steckte es sich an die Taille. Dieses Buch war der Anfang unserer Bücher-Familie“, erzählte Bhagavan lachend.

Jemand anderer fragte: „Hast du es in Nagari (Sanskrit-Schrift) geschrieben?“

Bhagavan: „Ja, und das nur, weil Palaniswami mich darum gebeten hat. Damals und auch später habe ich nichts von mir aus geschrieben.“

Der Frager meinte: „Bhagavan tut das nur für die anderen.“

„Ja, und von der Bücher-Familie, die seitdem gewachsen ist, ist dies das erste Buch“, sagte Bhagavan und zeigte es allen.


Die Herrlichkeit der Natur     Top

11.04.1948: Da es allmählich Sommer wurde und der Platz in der Halle zu eng geworden war, blieb Bhagavan jetzt tagsüber in der Jubliäums-Halle. Normalerweise wird hinter seinem Sitz der Sonnenschutz aus Bambus heruntergelassen, aber die Helfer haben ihn gestern hochgezogen, weil eine frische Brise wehte. Als ich am Morgen um 8 Uhr kam, saß Bhagavan auf dem Sofa in Richtung Süden, wie Dakshinamurti. Die Mangobäume mit ihren Zweigen, zarten Blättern, Blüten und Trauben von kleinen Mangos kündeten den Sommer an. Im Blumengarten erblühten die Blumen. Links stand ein Wasserkübel, in dem die Spatzen badeten. Zu beiden Seiten des Sofas standen zwei Pfauen, ein weißer und ein bunter. Die Räucherstäbchen verbreiteten ihren Duft. Die Sonnenstrahlen drangen durch die Schlitze im Dach und ließen Bhagavans Körper wie Gold schimmern. Ich war so sehr in diese Schönheit vertieft, dass ich nicht weiß, ob ich mich vor Bhagavan verneigte oder nicht.

Der Gehilfe Ramachandra Iyer sah mich an als wollte er sagen: „Was ist?“ Ich konnte mich nicht länger beherrschen und rief: „Bruder, sieh bloß wie schön das alles ist, wie die Natur ringsherum erblüht und uns ihre ganze Pracht zeigt! Es wäre schön, wenn wir es fotografieren würden.“

Bhagavan fragte, um was es ginge. Ich sagte es ihm. Iyer stimmte mir zu und meinte: „Ja, wir machen ein Foto.“

Da erzählte uns Bhagavan folgendes aus seinen frühen Jahren: „Wie ihr wisst, habe ich eine Zeit lang im Mangohain in der Nähe von Gurumurtam gelebt. Unter einem Mangobaum errichtete man eine Bedachung, um mich vor dem Regen zu schützen. Doch gab es darunter nicht so viel Platz, um meine Beine beim Schlafen voll auszustrecken. So saß ich fast die ganze Zeit darin wie ein Vogel in seinem Nest. Mir gegenüber hatte Palaniswami ebenfalls so einen kleinen Unterstand. In diesem großen Garten waren nur wir beide. Die Bäume in diesem Mangohain hatten auch so kleine Früchte wie diese hier. Sie fielen immer wieder auf das Dach meines Unterstandes und es klang wie: „tup, tup“. Sie hatten eine grüne Schale, obwohl sie am Reifen waren. Sie wurden dann gepflückt und reiften in einen Lagerraum aus. Wisst ihr, was geschah? Nachts kamen die Fledermäuse, knabberten alle reifen Früchte an und ließen sie fallen. Der Rest gehörte uns. Es war Prasadam von den Fledermäusen.“

Ramachandra Iyer fragte: „Hat der Gärtner euch keine Früchte gegeben?“

„Er sagte uns, dass wir Mangos von den Bäumen pflücken durften, wann immer wir wollten, aber wir haben es nie getan. Wir hatten ja das Prasadam von den Fledermäusen. Wenn die Früchte auf den Bäumen ausreiften, schmeckten sie köstlich. Genügt das nicht? Diese Unterstände und die Schönheit der Natur machten uns überaus glücklich.“



Das erste Bad und die erste Rasur     Top

12.04.1948: Am Nachmittag kam ich etwas später als sonst zum Ashram. Sobald Bhagavan mich sah, sagte er: „Ramachandra Iyer und Ananthanarayana Rao haben gerade ein Foto gemacht.“

Da es bereits Sommer und heiß war, besprengte Krishnaswami die Binsen und Crotonsträucher hinter Bhagavans Sofa und traf dabei auch ihn. Er rieb sich und sagte: „Seht bloß, sie weihen mich (sie machen Abhishekam)!“

Das erinnerte ihn an einen Vorfall aus der Vergangenheit. Lächelnd erzählte er uns folgende Geschichte: „Nachdem ich nach Tiruvannamalai gekommen war, hatte ich vier Monate nicht gebadet. Eines Tages, als ich im Tempelbereich lebte, kam die Frau von Ponnuswami und zerrte an mir. Ich musste mich hinsetzen. Sie wusch mir mit Seife den Kopf und badete mich. Sie war immer wieder zum Tempel gekommen und ich dachte, es sei ein Besuch wie immer, aber an diesem Tag hatte sie sich das vorgenommen. Das war mein erstes Bad.“

Ich fragte: „Bist du danach regelmäßig gebadet worden?“

„Nein, diese Frage stellte sich nicht. Wer hätte mich zum Baden veranlassen können? Wer war es, der baden wollte? Danach verstrich etwa ein Jahr. Ich lebte einige Zeit in Gurumurtam. Dorthin kamen nicht viele Leute und keiner behelligte mich. Doch eines Tages brachte eine Frau namens Meenakshi, die mir gelegentlich etwas zu essen gab, einen großen Topf mit und fing an, darin Wasser zu erwärmen. Ich dachte, sie benötigte es für sich selbst. Sie aber nahm aus einem Korb Öl, Seife usw. und sagte: „Swami, bitte komm her.“ Ich bewegte mich nicht. Aber ließ sie mich etwa in Ruhe? Sie zog mich am Arm, zwang mich zum Sitzen, schmierte das Öl über meinen ganzen Körper und badete mich. Mein Haar war durch Vernachlässigung ganz verfilzt. Es breitete sich jetzt aus und hing wie eine Löwenmähne herunter. Das war mein zweites Bad. Danach kam Palaniswami zu mir und ich badete täglich.

Mit dem Rasieren verhielt es sich ähnlich. Von der Rasur, die ich am Tag meiner Ankunft hier hatte, wurde berichtet. Die zweite Rasur erfolgte nach 1 ½ Jahren. Die Haare waren verfilzt und ineinander verschlungen. Kleine Steine und Staub waren darin und der Kopf fühlte sich schwer an. Ich hatte auch lange Nägel und sah Furcht erregend aus. Schließlich zwangen mich die Leute, mich scheren zu lassen, und ich gab nach. Als mein Kopf glatt rasiert war, fragte ich mich, ob ich überhaupt noch einen Kopf hatte, so leicht fühlte er sich an. Ich schüttelte den Kopf hin und her, um mich zu überzeugen, dass er noch da war. So groß war die Last, die ich auf meinem Kopf getragen hatte.“

„Und in diesen 1 ½ Jahre hat niemand versucht, dich zu rasieren?“, fragte ein Devotee.

„Doch, als ich im Subramanya-Schrein lebte. Ein gewisser Nilakanta Iyer kam regelmäßig dorthin. Eines Tages kam er eigens zu dem Zweck. Da ich dachte, er käme wie gewöhnlich, behielt ich meine Augen geschlossen. Schweigend stand er mir gegenüber. Als ich ein „tip, tap“ hinter mir hörte, öffnete ich die Augen und sah einen Barbier sein Rasiermesser wetzen. Sofort ging ich wortlos von dannen. Der arme Mann! Er musste einsehen, dass ich mich nicht rasieren lassen wollte. Doch die Frau von Ponnuswami hat nicht aufgegeben, bis ich gebadet war. Was konnte ich machen, als sie mich beim Arm ergriff?

Und es geschah noch etwas anderes, als ich unter dem Madukha-Baum (im Tempelbezirk) lebte, bemerkte mich eine zwanzigjährige Tänzerin (Tempelprostituierte) namens Rathnamma auf ihrem Weg zum Tempel, in dem sie tanzte. Sie wurde mir zugetan und begann, für ihren Beruf Abscheu zu empfinden. Sie sagte zu ihrer Mutter, dass sie nichts essen würde, solange sie Swami nichts gebracht hatte, und so brachten die beiden mir etwas zu essen. Aber ich war gerade in tiefer Meditation versunken und öffnete weder Augen noch Mund, obwohl sie laut riefen. Schließlich gelang es ihnen, mich aufzuwecken, indem sie einen Passanten baten, mich an der Hand zu ziehen. Sie gaben mir zu essen und gingen wieder.

Als Rathnamma darauf bestand, dem Swami täglich zu essen zu bringen, bevor sie selber aß, sagte ihre Mutter: „Du bist jung und der Swami ebenfalls. Er wacht nicht auf, wenn ihn nicht jemand berührt und schüttelt. Es ziemt sich nicht, dass wir das tun. Was also können wir machen?“ Da bat Rathanamma einen ihrer Cousins um Hilfe und brachte mir mit seiner Unterstützung täglich zu essen.

Nach einiger Zeit fanden die Verwandten des Jungen, dass diese Tätigkeit würdelos sei und ließen ihn nicht mehr kommen. Sie jedoch gab nicht auf. Schließlich kam die alte Mutter regelmäßig zu mir. Da sie schon älter war, dachte sie, es wäre keine Schande, wenn sie mich durch Schütteln aufweckte und mir zu essen gab.

Bald darauf starb die alte Mutter und ich ließ mich an einem entfernten Ort (Gurumurtam) nieder. Rathnamma konnte den langen Weg nicht auf sich nehmen und gab es auf. Da sie sich ihren Unterhalt verdienen musste, beschränkte sie sich auf einen Mann. Was machte es schon aus, zu welcher Gesellschaft sie gehörte. Sie war rein. Sie war nicht verhaftet und hatte große Hingabe. Sie hatte ihren Beruf nie geliebt. Sie wollte nicht, dass ihre Tochter ihn ausübte und verheiratete sie.“

Als Bhagavan die Geschichte erzählt hatte, schwieg er.



Ungeteilte Aufmerksamkeit     Top

14.04.1948: Als ich heute Nachmittag in den Ashram kam, lächelte Bhagavan mir zu und sagte nach einer Weile: „Wir haben einen Brief mit Foto aus Südamerika bekommen. Auf dem Foto sind sechs Männer und eine Frau. Die Frau sitzt in der Mitte und hält sich ein Foto von mir über den Kopf. Anscheinend sind es Mitglieder der Vereinigung „Arunachala Sangam“. In dem Brief steht: „Bhagavan, wir können nicht zu dir kommen. Deshalb schicken wir dir unseren ehrerbietigen Gruß und tun Sadhana. Wir erbitten deinen Segen.“ Sie haben einen Rückumschlag beigelegt. Wo ist Südamerika und wo sind wir?“

Ich fragte: „Ist einer von ihnen jemals hier gewesen?“

Bhagavan erwiderte: „Anscheinend nicht, aber ich erinnere mich, dass ich die Frau schon einmal gesehen habe. Ich weiß nicht, wie sie von mir erfahren haben. Sie schreiben, dass sie unsere Bücher gelesen haben und damit begonnen haben, Sadhana zu tun. Sie respektieren mich. Warum, weiß ich nicht.“

Ich meinte: „Verehrung ist nicht an Entfernungen gebunden.“

Bhagavan: „Ja. Die Frau hält mein Foto über ihren Kopf. Woher weiß sie von mir?“

Ich: „Wenn die Sonne aufgeht, sieht dann nicht die ganze Welt ihr Licht?“

Bhagavan: „Vor sieben oder acht Jahren kam eine Frau aus Europa, um mich zu sehen. Sie kam vom Schiff direkt hierher und hat nirgends sonst Halt gemacht. Als sie eine halbe Stunde in der Halle gesessen war, stand sie auf, verneigte sich und verabschiedete sich. Sie reiste direkt nach Colombo. Bevor sie den Dampfer nahm, schrieb sie: „Bhagavan, ich habe von dir gehört. Ich hatte den Wunsch, dich zu sehen. Jetzt ist dieser Wunsch erfüllt. Ich möchte sonst niemanden in diesem Land besuchen und nehme deshalb diesen Dampfer.“ Das war, was sie schrieb. Sehr seltsam.“


Der Pfad der Liebe     Top

26.04.1948: Heute früh kam ein tamilischer Jugendlicher zu Bhagavan und fragte: „Swami, es ist doch gut, Gott zu lieben? Warum soll man dann nicht dem Pfad der Liebe folgen?“

Bhagavan: „Wer sagt, dass du ihm nicht folgen kannst? Du kannst es tun. Aber wenn du von Liebe sprichst, bedeutet es Zweiheit. Gibt es da nicht die Person, die liebt und eine Wesenheit namens Gott, den sie liebt? Doch das Individuum ist nicht von Gott getrennt. Deshalb bedeutet Liebe, dass man sein eigenes Selbst liebt. Für diese Selbst-Liebe gibt das Vasudevamanam für jede Stufe ein Beispiel. Der Mensch liebt das Geld, aber seinen Sohn liebt er mehr als das Geld. Seinen eigenen Körper liebt er mehr als seinen Sohn und die Sinnesorgane mehr als seinen Körper. Das Auge liebt er von allen Sinnesorganen am meisten. Er liebt das Leben mehr als das Auge und das Selbst (Atma) mehr als sein Leben. Das wird folgendermaßen veranschaulicht: Wenn der Sohn etwas anstellt und die Regierung ihn bestrafen will, bieten die Eltern ihr Geld an und bestechen sie sogar, um ihn frei zu bekommen. Also ist ihre Liebe zum Sohn größer als ihre Liebe zum Geld. Wenn aber die Regierung das Geld nicht annimmt, sondern dem Vater anbietet, dass der Sohn freikommt, wenn er an seiner Stelle die Bestrafung auf sich nimmt, wird der Vater sagen: „Macht mit dem Jungen was ihr wollt. Ich habe nichts mit ihm zu schaffen.“ Also liebt der Vater seinen Körper mehr als seinen Sohn. Wenn ein Mensch etwas Unrechtes tut und das Gericht ihn vor die Wahl stellt, seine Augen zu opfern oder körperliche Torturen zu erleiden, wird er letzteres wählen, um den Verlust eines Sinnesorgans zu vermeiden. Wenn jedoch sein Kopf gefordert wird, würde er lieber seine Augen oder ein anderes Sinnesorgan verlieren als sein Leben. Also liebt er sein Leben mehr als die Sinnesorgane. Ebenso ist es mit jemandem, der sich die Seligkeit des Selbst ersehnt. Er würde dafür sein Leben verlieren, wenn es nötig sein sollte. Er liebt das Selbst mehr als sein Leben. Folglich liebt die Person Gott nur, um selbst glücklich zu sein. Er ist jedoch selbst die Verkörperung des Glücks und dieses Glück ist Gott. Wen anderer sollte er lieben? Die Liebe ist Gott.“

Frager: „Deshalb frage ich, ob man Gott durch den Pfad der Liebe verehren kann.“

Bhagavan: „Liebe ist die wahre Gestalt Gottes. Wenn du alles zurückweist, indem du sagt: „Ich liebe dies und das nicht“, ist das, was übrig bleibt, Swarupa, d.h. das dir innewohnende Selbst. Es ist die reine Seligkeit. Nenne es reine Seligkeit, Gott, Selbst oder wie du willst. Das ist Hingabe, das ist die Verwirklichung und das ist alles.“

Jemand anderer meinte: „Das bedeutet, dass man alle schlechten Dinge, aber auch alle guten, zurückweisen und Gott alleine lieben soll. Gibt es denn irgendjemand, der alles zurückweisen kann, indem er sagt: „Das ist nicht gut und jenes ist nicht gut“, solange man sie nicht erfahren hat?“

Bhagavan: „So ist es. Um das Schlechte zurückzuweisen, musst du das Gute lieben. Zur gegebenen Zeit wird auch das Gute zum Hindernis und muss zurückgewiesen werden. Deshalb musst du zuerst das Gute lieben. Das bedeutet, dass du zuerst lieben und dann das Geliebte zurückweisen musst. Wenn du auf diese Weise alles zurückweist, bleibt alleine das Selbst übrig. Das ist wirkliche Liebe. Jemand, der das Geheimnis dieser Liebe kennt, findet die Welt voller universeller Liebe.“



Die Leinwand     Top

28.04.1948: Gestern Nachmittag sagte ein Devotee zu Bhagavan: „Swami, es heißt, dass einer, der das Selbst verwirklicht hat, die drei Zustände von Wachen, Träumen und Tiefschlaf nicht mehr hat. Stimmt das?“

Bhagavan: „Wie kommst du darauf? Wenn du sagst „Ich habe geträumt“, „ich habe tief geschlafen“ oder „ich bin wach“ liegt es auf der Hand, dass du in allen drei Zuständen da warst. Also warst du immer da. Jetzt bist du im Wachzustand. Wenn du träumst, ist der Wachzustand nicht da und im Tiefschlaf verschwindet der Traum. Aber du existierst in allen drei Zuständen und zu allen Zeiten. Die drei Zustände kommen und gehen, aber du bist immer da.

Es ist wie im Kino. Die Leinwand ist immer da. Auf ihr erscheinen unterschiedliche Bilder und verschwinden wieder. Nichts bleibt an der Leinwand haften. Sie bleibt immer die Leinwand. Ebenso bleibst du in allen drei Zuständen dein eigenes Selbst. Wenn du das weißt, werden dich die drei Zustände nicht beunruhigen. Wie die Bilder auf der Leinwand erscheinen, hafte nicht daran. Die drei Zustände haften nicht an dir.

Auf der Leinwand erscheint ein mächtiger Ozean mit endlosen Wellen und verschwindet wieder. Dann wiederum siehst du überall Feuer. Auch es verschwindet. Die Leinwand ist in beiden Fällen da. Ist die Leinwand vom Wasser nass geworden oder vom Feuer verbrannt? Nichts hat die Leinwand beeinträchtigt. Ebenso wenig beeinträchtigen dich die Ereignisse, die im Wachzustand, Traum und im Tiefschlaf geschehen. Du bleibst dein eigenes Selbst.“

Frager: „Bedeutet dass, dass die Leute nicht von den drei Zuständen beeinträchtigt werden?“

Bhagavan: „Ja, so ist es. Das alles kommt und geht. Das Selbst wird davon nicht behelligt. Es hat nur einen Zustand.“

Frager: „Bedeutet das, dass so ein Mensch (der Jnani) nur ein Zeuge in dieser Welt ist?“

Bhagavan: „Ja. Vidyaranya hat im zehnten Kapitel seines „Panchadasi“ dafür das Bühnenlicht als Beispiel angeführt. Wenn ein Drama gespielt wird, erleuchtet das Licht alle Schauspieler gleichermaßen, seien es Könige, Diener oder Tänzer und es erleuchtet auch alle Zuschauer. Das Licht ist da bevor das Drama beginnt, während der Vorstellung und auch danach. Ebenso ist es mit dem Licht im Innern, dem Selbst. Es erhellt das Ego, den Verstand, den ganzen Geist ohne selbst zu wachsen oder zu schwinden. Obwohl im Tiefschlaf und anderen bewusstlosen Zuständen (wie z.B. in der Ohnmacht) kein Empfinden des individuellen Ichs da ist, bleibt das eigenschaftslose Selbst bestehen und erstrahlt ununterbrochen aus sich selbst heraus. Das ist die Bedeutung. Wenn man durch Selbstergründung herausfindet, wer und was man ist, gibt es keinerlei Zweifel mehr.“


Konzentration und Wunschlosigkeit     Top

01.05.1948: Heute stellten einige Herren aus Maharashtra Bhagavan Fragen über Konzentration und Wunschlosigkeit. Bhagavan zitierte die Bhagavadgita:

„Er sollte durch zunehmende Praxis Stille erlangen und wenn er den Geist mit Einsicht standhaft kontrolliert und ihn in Gott begründet hat, sollte er an nichts anderes denken.“ (VI,25)

„Er sollte den unruhigen Geist von allen Objekten, denen er hinterher rennt, abhalten, und ihn beständig auf Gott richten.“ (VI, 26)

Doch die Worte Krishnas konnten Arjunas Zweifel nicht vertreiben und so fragte er: „Krishna, der Geist ist sehr unstet, unruhig, hartnäckig und machtvoll. Deshalb halte ich ihn für so schwer kontrollierbar wie der Wind.“ (VI, 34)

Darauf antwortete Krishna:

„Der Geist ist zweifelsohne unstet und schwer im Zaum zu halten, Arjuna, aber man kann ihn durch Meditation und Leidenschaftslosigkeit kontrollieren.“ (VI, 35)

Bhagavan: „Das sind die Worte Krishnas. Deshalb ist es dringend nötig, dass ein Sadhaka (spirituell Suchender) spirituelle Übungen macht und wunschlos ist.“

Frager: „Im zweiten Kapitel der Gita heißt es, dass Meditation und der Weg der Ergründung am besten sind. Aber im zwölften Kapitel heißt es, dass der Pfad der Verehrung der beste ist. Wie geht das zusammen?“

Bhagavan: „Dem spirituell Suchende wird zuerst geraten, Meditation zu üben und dem Pfad der Erkenntnis zu folgen. Wenn er dazu nicht in der Lage, wird ihm Yoga, dann Karma und schließlich Bhakti empfohlen. So wird ein Weg nach dem anderen gelehrt, sodass der Suchende dem Pfad folgen kann, der ihm am besten liegt. Trotzdem ist das Ziel dasselbe, was immer der Weg sein mag. Der Gedanke des Herrn Krishna war, dass jeder Pfad leicht ist, wenn er der Entwicklung der jeweiligen Person entspricht.“


Die Größe des Menschen     Top

02.05.1948: Frager: „Swami, was ist der leichteste Weg, die Befreiung (Moksha) zu erlangen?“

Bhagavan: „Wenn der Geist auf Abwege gerät, sollte man ihn nach innen wenden und ihn im Gedanken an das Selbst zur Ruhe bringen. Das ist der einzige Weg.“

Jemand anderer fragte: „Dafür ist die Wiederholung des Namens von Rama gut, nicht wahr?“

Bhagavan: „Sicherlich. Was könnte besser sein? Das Japa von Ramas Namen hat eine besondere Bedeutung.“

Dann sah er mich an und sagte: „Du kennst doch bestimmt die Geschichte von Namadeva (Heiliger und Dichter aus dem 13./14. Jahrhundert) [108]. Er soll zu einem Devotee gesagt haben: „Wenn du die Bedeutung von Ramas Namen erfassen willst, musst du zuerst deinen eigenen Namen kennen. (Mit dem eigenen Namen ist deine wahre Natur gemeint.) Du musst zuerst verstehen, wer du bist und wie es kam, dass du geboren wurdest. Solange du über deinen eigenen Ursprung nicht Bescheid weißt, kennst du auch deinen Namen nicht.“

Im Adhyatma Ramayana [109] in Malayalam belehrt Anjaneya Ravana folgendermaßen: „Ravana, hiermit belehre ich dich, wie du die Befreiung erlangst. Hör mir genau zu. Es ist gewiss, dass das Selbst durch intensive Hingabe an Hari (Vishnu), der stets im Lotus des Herzens weilt, gereinigt wird. Das Ego wird vernichtet und sodann auch die Sünde. Danach ersteht an seiner Stelle die Erkenntnis des transzendentalen Selbst. Mit einem reinen Geist und mit der Seligkeit, welche die unverrückbare Erkenntnis des Selbst hervorbringt, wiederholen sich die beiden Buchstaben „Ra“ und „Ma“ wie ein Mantra von selbst in dir. Was braucht so ein Mensch noch mehr, der diese Erkenntnis hat? Deshalb verehre die Lotusfüße Vishnus. Das wird alle weltlichen Ängste vernichten. Gib die Ignoranz deines Geistes auf.“ Wie also könnte der Name Ramas nur von alltäglicher Bedeutung sein?

Aber man muss die richtige Methode für die Wiederholung des Namens (Japa) kennen. Zuerst muss man den Atem kontrollieren, dann erst kann man Japa tun. In anderen Worten: man muss den Geist kontrollieren. Sambanda erklärt, wie man das Japa des Namens „Shiva“ ausführen soll: Man soll alle neun Ausgänge [110] des Körpers fest verschließen und versiegeln, sonst wandert der Geist nach außen. Nachdem man die neun Türen versiegelt hat, soll man die fünf Buchstaben des Namens Shivas wiederholen. Wenn man durch die Kontrolle der Sinne den Geist kontrollieren kann, d.h. wenn er untergetaucht ist, ist das, was übrig bleibt das Selbst. Man meditiert über sein eigenes Selbst und Japa wird zum eigenen Selbst.“

Jemand anderer: „Nennt man das „Ajapa [111]“?“

Bhagavan: „Das, was sich innerlich (von selbst) wiederholt, ist Ajapa. Wie könnte das, was man mündlich wiederholt Ajapa sein?“

Devotee: „Können alle Leute beständig Japa üben?“

Bhagavan: „Nein, das ist unmöglich. Deshalb haben die Alten geraten, man soll für einige Zeit Japa tun, dann für eine Weile singen, lesen und schreiben und so den Geist zu gutem Tun hinlenken und ihn davon abhalten, in schlechte Gewohnheiten zu verfallen. Die Gita sagt auch, man soll den Geist vom Herumschweifen abhalten, indem man spirituelle Übungen macht und Wunschlosigkeit übt. Auch Japa gehört dazu. Indem man Japa übt, soll der Geist allmählich auf eins gerichtet werden. Nur um dieses Auf-Eins-Gerichtetsein zu erreichen, wurden all die spirituellen Übungen vorgeschrieben.“

In Patanjalis Yoga-Sutra heißt es: „Geisteskontrolle durch Übung und Leidenschaftslosigkeit“.

[108] Heiliger und Dichter aus dem 13./14. Jh.
[109] Tulsidas Version des Ramayana (16. Jh.)
[110] i. e. 2 Augen, 2 Ohren, 2 Nasenlöcher, Mund, After und Genital
[111] wörtl.: Nicht-Japa



Dienst     Top

05.06.1948: Venkataratnam kümmerte sich seit etwa einer Woche um die Bibliothek und um Bhagavan. Als er in die Halle kam, begann Bhagavan zu lachen und sagte zu mir: „Weißt du, was er heute Nachmittag getan hat? Er hat Swami einen außerordentlichen Dienst erwiesen. Als ich zum Kuhstall hinüberging, standen Leute beim Büro und versperrten den Weg. Meine Gehilfen wollten mir den Weg freimachen, aber ich wollte nicht, dass die Leute gestört wurden, und nahm den Weg über die Apotheke. Der Platz war voller gebrauchter Blattteller. Ich wollte zwischen die Blätter treten und weitergehen, aber dieser Bursche Venkataratnam eilte herbei und begann, die Blätter wegzuräumen, indem er sie zur Seite warf. Dadurch wurde auch der saubere Platz beschmutzt. Wie konnte ich da weitergehen? Ich tat es trotzdem. Aber damit nicht genug. Da kam Subramaniam und warf die Blätter bei der Treppe, die zum Berg führt, in die andere Richtung. Er war noch intelligenter! Die beiden wollten Bhagavans Weg sofort von Verunreinigung freimachen, haben aber nicht daran gedacht, dass sie damit den ganzen Bereich beschmutzten. So machen sie ihren Dienst! Ich musste meine Füße und meinen Spazierstock waschen, bevor ich die Halle betreten konnte. Das würde überhaupt nichts ausmachen, wenn man es nicht als eine Verunreinigung betrachten würde.“

Ich meinte: „Leute aus dem Westen würden es nicht als eine Verunreinigung ansehen, aber wir tun es.“

Bhagavan: „Ja. Einmal kam ein Europäer und aß mit den anderen. Danach putzte er sich die Hände an seinem Taschentuch ab und steckte es wieder in seine Tasche. Damals hat jeder seinen benutzten Blattteller selbst mitgenommen und draußen weggeworfen. Dadurch war der ganze Bereich verunreinigt. Nach dem Essen ging der Europäer über den verunreinigten Bereich. Die Leute beschwerten sich, aber er wusste nicht, worum es überhaupt ging. Ich habe es ihm in Englisch erklärt. Um uns zu verstehen, musste er wissen, dass bei uns die Plätze, wo die benutzten Blätter liegen, als verunreinigt gelten.“

Ich sagte: „Wer kann Bhagavan dienen, ohne je einen Fehler zu begehen?“

Bhagavan: „Darum geht es nicht. Aber sie scheuchen die Leute auf, die beim Büro stehen oder bequem sitzen und miteinander reden und sagen: „Bhagavan kommt, macht Platz, steht auf!“ Warum soll man die Leute stören, wenn ich einen anderen Weg nehmen kann? Ist das die rechte Art, Bhagavan zu dienen? Jeder handelt so, auf die eine oder andere Weise. Sie sagen: „Bhagavan will dies, er will das“ und bereiten allen anderen Unannehmlichkeiten. Was will Bhagavan? Anderen Probleme machen, ist es das, was Bhagavan will? Das alles geschieht in meinem Namen. Sie sagen dann auch noch: „Wir tun alles, um Bhagavan zu gefallen. Wir dienen ihm.“ Welche Aufmerksamkeit, was für ein Dienst!“



Eine arme alte Frau     Top

Bild 19
Bild 19: Namashivaya-Mandapam heute

25.07.1948: Heute Nachmittag wurde wieder von Lakshmi gesprochen. Ein Devotee sagte: „Arunachalam Pillai hat Lakshmi in Gudiyatham gekauft.“

Bhagavan erwiderte: „Auch Keerapatti (Eine arme alte Frau, die davon lebte, dass sie grüne Blätter auf dem Berg sammelte und sie auf dem Gemüsemarkt verkaufte.) [114] kam von dort.“

Devotee: „Wann ist sie hierher gekommen?“

Da erzählte Bhagavan uns ihre Geschichte: „Ich weiß es nicht, doch sie lebte bereits auf dem Berg, als ich im Arunachaleswara-Tempel war. Gelegentlich besuchte sie mich. Doch erst als ich in der Virupaksha-Höhle lebte, besuchte sie mich häufig. Sie lebte damals im Guha Namashivaya Mandapam (Mandapam = Höhlentempel). Damals war das Mandapam noch nicht instand gesetzt. Es hatte nur eine Holztür mit einem Holzriegel. Sie besaß nur einen irdenen Topf. Zuerst machte sie darin ihr Waschwasser heiß und dann kochte sie damit. Sie brach noch vor Tagesanbruch auf, wanderte auf dem Berg umher und kam mit Blättern zurück, die man als Gemüse kochen kann. Sie bereitete sie schmackhaft zu, brachte mir davon und nötigte mich, sie zu essen. Sie hat es immer so gehalten. Manchmal ging ich zu ihr und schnitt das Gemüse. Sie hatte großes Vertrauen zu mir.

Täglich ging sie hinunter in die Stadt, erbettelte Reis, Mehl, Dhal usw. und bewahrte alles in einem großen irdenen Gefäß auf. Daraus kochte sie einen Brei und brachte ihn mit dem Gemüse-Curry zu mir. Sie sagte: „Swami, gestern hat mir eine gute Frau etwas Mehl gegeben. Ich habe Brei gemacht.“ Sie dachte, dass ich nicht Bescheid wisse. Doch während ihrer Abwesenheit ging ich in das Mandapam und fand verschiedene Nahrungsmittel in dem Gefäß. Sie vertraute mir vollkommen. Niemand durfte sonst das Mandapam betreten. Wenn sie einmal kein Gemüse auf dem Berg fand, saß sie betrübt da. Ich kletterte dann auf den Tamarindenbaum und pflückte seine zarten Blätter für sie.

Sie gab mir täglich zu essen. Sie nahm nichts für sich selbst. Sie brachte mir alle Arten von Curry und sagte: „Swami mag das.“ Sie war sehr ergeben und aufmerksam. Selbst mit achtzig Jahren ging sie noch auf dem Berg umher. Sie lebte schon vor mir auf dem Berg.“

Ich fragte: „Hatte sie denn keine Angst?“

Bhagavan: „Nein. Wovor hätte sie Angst haben sollen? Doch eines Tages geschah folgendes: Ich ging zum Skandashram und übernachtete dort. Palaniswami war in der Virupaksha-Höhle. Um Mitternacht überfiel sie ein Dieb und wollte sie berauben. Als sie aufwachte, rief sie: „Wer ist da?“ Da legte der Dieb seine Hand auf ihren Mund, aber sie schrie trotzdem: „Oh Arunachala! Ein Dieb, ein Dieb!“ Ich konnte sogar im Skandashram ihre Schreie hören. Ich rief zurück: „Ich bin hier. Ich komme! Wer ruft?“ und rannte den Berg hinunter. Als ich in der Virupaksha-Höhle ankam, fragte ich Palansiswami, was das war. Er sagte: „Das Schreien kam aus der Höhle, wo die alte Frau wohnt, aber ich glaube, dass sie nur etwas gebrabbelt hat.“ Es lebten auch Leute in der Mangobaum-Höhle und in der Jataswami-Höhle, aber anscheinend hatte sonst niemand ihr Schreien gehört.

Wir gingen zu ihr und fragten sie, wo der Dieb sei, doch da war keiner. Wir taten es mit Lachen ab und sagten, sie habe es sich wohl nur eingebildet. Sie erwiderte: „Nein, Swami. Als er meine Dinge nehmen wollte, wehrte ich mich. Da hat er mir seine Hand auf den Mund gelegt, damit ich nicht schreien konnte. Doch ich schrie trotzdem. Vielleicht warst du es, der zurückrief, dass er kommen werde. Er hörte das und ist fortgerannt.“

Es gab in dem Mandapam kein Licht. Wir zündeten ein Stück Feuerholz an und suchten alles ab. Aller mögliche Kleinkram lag um das Gefäß verstreut . Da wussten wir, dass es tatsächlich so gewesen war.“

[114] Eine arme alte Frau, die davon lebte, dass sie grüne Blätter auf dem Berg sammelte und sie auf dem Gemüsemarkt verkaufte.


Die angemessene Belehrung     Top

29.07.1948: Als Bhagavan heute früh zu seinem Spaziergang aufbrach, taumelte er leicht. Seine Gehilfen getrauten sich jedoch nicht ihn anzufassen, da sie wussten, dass er das nicht mochte. Ein langjähriger Devotee versuchte ihn festzuhalten. Bhagavan sagte warnend: „Du willst verhindern, dass ich falle, aber du wirfst mich fast um. Genug damit. Achte lieber darauf, dass du selbst nicht hinfällst.“ Obwohl Bhagavan scheinbar etwas ganz Gewöhnliches sagte, steckt viel Wahrheit hinter diesen Worten.

Unterdessen war Bhagavan in die Halle zurückgekehrt und hatte sich auf seinen Platz gesetzt. Ein gereizter junger Mann sagte: „Swami, ich habe eine Frage. Kannst du mir sagen, was meine Frage ist oder soll ich sie stellen?“

Bhagavan erwiderte: „Oho! Darum also geht es dir? Leider habe ich keine übernatürlichen Fähigkeiten. Vielleicht bist du so begabt und kannst anderer Menschen Gedanken lesen? Wie soll ich zu solchen Fähigkeiten kommen?“

Der junge Mann wollte wohl sagen: „Worin besteht dann deine Größe, wenn du das nicht kannst?“, doch die anderen verhinderten es. Ich setzte mich näher zu Bhagavan. Er sah mich an und sagte: „Dieser junge Mann fragt mich doch tatsächlich, ob ich weiß, welche Frage er stellen will. Bis jetzt hat das noch niemand getan. Er will mich prüfen. Die Absicht, in der jemand hierher kommt, ist bereits ersichtlich, wenn er hereinkommt. Die Art, wie er sich hinsetzt, enthüllt, wozu er hergekommen ist. Warum prüft er sich nicht selbst und findet heraus, wer er ist, anstatt mich prüfen zu wollen? Wäre das nicht viel sinnvoller?“

Ein Herr, der neben dem jungen Mann saß, nahm den Gesprächsfaden auf und fragte: „Swami, du sagst, dass es das Wichtigste im Leben ist, das Selbst ausfindig zu machen. Ist es nicht gut, wenn man zu diesem Zweck den Namen des Herrn wiederholt (Nama Japa)? Können wir dadurch die Befreiung erlangen?“

Bhagavan erwiderte: „Nama Japa ist gut. Es wird dich zur gegebenen Zeit ans Ziel bringen. Die Wiederholung des Namens bedeutet, alle äußeren Dinge zu beseitigen. Dann verschwindet alles Äußere und nur der Name bleibt übrig. Das, was übrig bleibt, ist das Selbst, Gott oder das Höchste Sein. Nama Japa bedeutet, dass wir Gott einen Namen geben und Ihn bei diesem Namen rufen. Du gibst Ihm den Namen, den du am liebsten hast.“

Devotee: „Wird Ishwara sich zeigen, wenn wir Ihm einen Namen geben und Ihn bitten, sich in einer bestimmten Gestalt zu zeigen?“

Bhagavan: „Ja, er wird dir antworten, mit welchem Namen du Ihn auch anrufst, und sich in der Form zeigen, in der du Ihn verehrst. Sobald Er sich zeigt, bittest du Ihn um etwas. Er gewährt es dir und verschwindet wieder – aber du bleibst wo du bist.“

Ich meinte: „Ich vermute, dass Bhagavan dasselbe tut, wenn wir ihn um etwas Dringliches bitten.“

Bhagavan reagierte nicht darauf und vermied es, auf diese Frage zu antworten. Er sagte: „Deshalb hat Gott Angst, sich zu zeigen. Wenn Er erscheint, werden die Gläubigen Ihn bitten, ihnen Seine ganze Macht zu geben. Sie werden nicht nur sagen: „Gib uns alles“, sondern auch noch: „Gib es keinem anderen.“ Davor fürchtet Er sich und deshalb zögert Er, sich seinen Verehrern zu zeigen.“

Ein anderer Devotee: „Ist es mit den großen Seelen (Mahatmas) nicht dasselbe?“

Bhagavan: „Zweifelsohne. Wenn sie mit den Menschen nachsichtig sind, fangen die Leute an, ihre Macht über sie auszuspielen. Sie sagen: „Du sollst das tun, worum wir dich bitten“ und: „Kein anderer soll zu dir kommen“ usw.“

Devotee: „Es heißt, dass die Mahatmas auf alle mit derselben Güte blicken. Warum heißen sie dann die einen herzlich willkommen, geben den einen eine Antwort auf ihre Fragen, den anderen aber nicht, beschimpfen die einen und zeigen sich anderen gegenüber gleichgültig?“

Bhagavan: „Alle Kinder sind dem Vater gleich wichtig. Er wünscht ihnen allen Gutes. Deshalb behandelt er die einen mit Liebe, die anderen mit Ärger, wie sie es brauchen, und bildet sie dadurch aus. Kinder, die freundlich sind, sind ehrfürchtig und bitten um nichts. Man muss sie mit Liebe und Freundlichkeit behandeln und ihnen geben, was sie möchten. Die Frechen aber nehmen sich was sie wollen. Die Unsteten muss man tadeln und an ihren Platz verweisen. Die Dummen muss man ignorieren und sich selbst überlassen. Ebenso müssen die Mahatmas liebevoll oder barsch sein, wie es die Devotees verdienen.“



Tierliebe     Top

26.08.1948: Heute Nachmittag kam ein Fremder zum Ashram und brachte eine Platte mit Obst mit. Auf dem Weg zur Halle kam ein Affe, schnappte sich einige Früchte und entwischte. Bhagavan bekam das mit und meinte lachend, dass der Affe sich seinen Anteil gesichert hätte, da er glaubte, wir würden ihm nichts davon abgeben. Alle lachten.

Unterdessen näherte sich eine Äffin mit ihrem Jungen an der Brust dem Obstkorb. Die Leute verscheuchten sie. Da sagte Bhagavan: „Es ist eine Mutter mit ihrem Jungen. Warum soll man ihr nichts geben und sie dann fortschicken?“ Die Affenmutter hatte Angst bekommen und sich in einem Baum versteckt. Bhagavan sagte voller Mitgefühl: „Wie ungerecht! Wir bezeichnen uns als Sannyasins, aber wenn ein wirklicher Sannyasin kommt, verscheuchen wir ihn und geben ihm nichts. Wir wollen für Jahre vorsorgen. Wir horten Lebensmittel im Vorratsraum, verschließen ihn und nehmen den Schlüssel mit. Hat der Affe ein Haus? Kann er etwas für morgen beiseite legen? Er isst, was er bekommen kann und schläft auf irgendeinem Baum. Er trägt sein Junges mit sich herum, bis es alt genug ist, sich um sich selbst zu kümmern. Wer ist ein wirklicher Sannyasin, der Affe oder wir? Deshalb hat der männliche Affe sich bedient. Er ist ein Männchen und konnte es ungestraft tun. Aber sie ist ein Weibchen. Was kann sie tun?“

Da lockte er die Äffin herbei. Sie kam und blieb neben dem Sofa stehen. Bhagavan gab ihr liebevoll alle Früchte, die sie wollte, und schickte sie dann fort.

Kurz darauf stolzierte der weiße Pfau majestätisch herein. Bhagavan sagte zu mir: „Sieh nur, die Ohren der Pfauen sind nicht sichtbar. Dort, wo normalerweise die Ohren sind, haben sie große Löcher, die von Federn verdeckt sind, die wie ein Fächer aussehen.“

Ich sagte: „Tatsächlich? Ich habe das nicht gewusst.“

Bhagavan: „Ich habe es entdeckt, als ich auf dem Berg lebte. Wir hatten damals zwei Pfauen. Der weibliche Pfau schlief immer auf meinem Schoß. Ich habe es bemerkt, als sie schlief. Der männliche Pfau kam mir nie so nahe. Er wanderte überall umher. Doch sie verließ mich nie und saß immer neben mir oder schlief in meinem Schoß. Sie war sehr zutraulich. Der Pfau rief sie, mit ihm zu kommen, aber sie war wie ein kleines Kind. Sie hat mich nie verlassen und ging nie mit ihm. Eines Tages nahm sie ein Bursche gewaltsam mit. Sie ist nicht mehr zurückgekehrt. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Der männliche Pfau starb jedoch in meinem Schoß. Wir haben für ihn ein Grab gebaut.“

Was bedeutet Glück?     Top

10.09.1948: Vor einiger Zeit hatte der Ashramarzt vorgeschlagen, dass Bhagavan Weizen statt Reis essen sollte, da er nahrhafter sei. Die Verantwortlichen des Ashram wollten seine Zustimmung einholen, für ihn Puris (Weizenkuchen, der in Ghee gebraten wird) zuzubereiten. Bhagavan war damit nicht einverstanden, da dafür zu viel Ghee benötigt würde und das zu teuer sei. „Lasst es bleiben. Dieser Arzt sagt, dass Weizen gut für mich ist. Ein anderer Doktor wird das Gegenteil behaupten. Er ist auch ein guter Arzt. Sollten wir nicht auch sein Einverständnis einholen? Fragt ihn zuerst.“

Es stellte sich heraus, dass mit diesem „Arzt“ kein anderer als unser Subramania Mudaliar gemeint war, der für die Lagerhaltung verantwortlich ist. Er hatte vor einiger Zeit Weizen erhalten. Da niemand sonst reinen Weizen aß, war es schwierig, ihn zu verbrauchen. Deshalb servierte man im Ashram Reis und Weizen. Bhagavan bestand jedoch darauf, dass ihm nur Weizen serviert wurde. Der Lagerhalter war jedoch der Auffassung, dass Weizen Bhagavans Gesundheit schaden würde und bat ihn, ihn nicht zu essen, aber es nutzte nichts. Da veranlasste er, dass im Speisesaal kein Weizen mehr serviert wurde und er nur noch an die Tagelöhner verteilt wurde.

Als die Ärzte ihn nach dem Grund fragten, ging er einer direkten Antwort aus dem Weg und sagte, dass dieser Weizen madig sei. Wenn Bhagavan das wüsste, würde er darauf bestehen, ihn selber zu essen. Deshalb hätte er keine andere Wahl, als ihn den Tagelöhnern zu geben. Bhagavan erfuhr davon, als er vom Kuhstall zurückkehrte, und sagte erbittert: „So ist das also! Was für ein großartiger Dienst! Wir bekommen das gute Essen und das Essen, das aus dem schlechten Weizen zubereitet wird, erhalten die armen Tagelöhner! Bhagavan soll sich darüber wohl auch noch freuen, wenn er davon erfährt. Was für eine noble Tat, und alles nur wegen der Ergebenheit an Bhagavan! Was ist schändlicher, als wenn Essen, das für uns nicht taugt, an die Tagelöhner verteilt wird! Alle hier verhalten sich so. Genug mit dem Unsinn! Ich will keine Puris (Puri = Fladenbrot aus Vollkornmehl). Gib sie den Tagelöhnern. Wenn sie sie essen, ist es dann nicht dasselbe, als wenn ich sie esse?“

Ein Devotee meinte: „Wir wollen nur, dass Bhagavan gesund ist.“

Bhagavan: „Ja, ich weiß. Aber was ist Gesundheit und was ist Glück? Besteht Glück nur im Essen? Nehmen wir den Maharaja. Für ihn wird täglich reichhaltiges und schmackhaftes Essen gekocht, aber er ist immer krank und leidet an Verdauungsbeschwerden. Das Essen schmeckt ihm nicht. Er kann es nicht verdauen und hat Bauchweh. Er kann nicht schlafen, obwohl er ein gutes Bett mit Seidenvorhängen und weichen Kissen hat. Was nützt es ihm? Er macht sich stets über etwas Sorgen. Ein Tagelöhner ist glücklicher als dieser König. Er isst und trinkt, wie er es sich leisten kann, und schläft fest und unbekümmert. Da er im Schweiße seines Angesichts arbeitet, hat er einen ordentlichen Appetit und es schmeckt ihm, auch wenn er nur Brei zu essen hat. Er hat nichts, das er für den nächsten Tag beiseite legen könnte, und muss sich nicht um die sichere Aufbewahrung seiner Habe kümmern. Er legt sich unter einen Baum und schläft tief und fest.“

Devotee: „Aber er denkt nicht, dass er ein glücklicher Mensch ist.“

Bhagavan: „Das ist das Problem mit der Welt. Derjenige, der unter einem Baum schläft, bedauert, dass er nicht die Annehmlichkeiten eines Palastes oder Hauses hat. Aber er ist der wahrhaft Glückliche. Ich habe einmal einen Tagelöhner beobachtet. Er hat bis zur Mittagszeit Erde geschaufelt und hart gearbeitet. Er hat heftig geschwitzt, wurde müde und hungrig. Er hat sich die Hände, Füße und das Gesicht gewaschen, sich auf einen Stein gesetzt und sein Gefäß mit Essen geöffnet. Es enthielt gekochten Reis mit etwas Suppe. Er hat es sehr genossen. Nichts davon blieb übrig. Dann wusch er das Gefäß aus, trank Wasser und schlummerte unter einem Baum, mit einem Arm als Kissen unter dem Kopf. Ich empfand, dass er ein wahrhaft glücklicher Mensch war. Wenn du isst, um zu leben, gibt alles dir Kraft. Doch wenn du lebst um zu essen, wirst du krank.“

Devotee: „Was Bhagavan sagt ist wahr, aber ein Maharaja bedauert, dass er kein Kaiser ist und der Kaiser, dass er nicht die oberste Gottheit ist. Sie glauben nicht, dass ein Tagelöhner glücklicher ist.“

Bhagavan: „Das ist die Illusion. Wenn sie das wahre Gespür hätten, würden sie verwirklicht werden. Ich kenne beides. Ich weiß, was dieses Glück bedeutet. Um die Wahrheit zu sagen: Das Glück, das ich in der Virupaksha-Höhle erlebt habe, wenn ich nur aß, wenn jemand mir etwas brachte, und auf der nackten Plattform schlief, habe ich hier nicht mit all dem luxuriösen Essen, das ich jetzt bekomme. Dieses Bett und diese Kissen, das alles bedeutet Bindung.“

Wo ist der Swami?     Top

11.09.1948: Einige Devotees hatten die Virupaksha-Höhle besucht. Sie fragten Bhagavan, ob die jetzige Veranda der Virupaksha-Höhle die Plattform war, von der er gestern gesprochen hatte und ob es stimme, dass Bhagavan sie gebaut habe.

Bhagavan: „Ja, das stimmt. Wir dachten, dass es angenehm sei, wenn Besucher darauf sitzen könnten. Ich habe sie aus Steinen und Lehm gebaut. Kurz darauf wurde sie zementiert.

Ich fragte: „Stimmt es, dass während du die Plattform bautest, ein Fremder kam und dich fragte, wo der Swami sei und du ihm geantwortet hast, der Swami sei ausgegangen?“

Bhagavan sagte lachend: „Woher weißt du das?“ Ich sagte, dass ich es von Echammal wisse. Da erzählte Bhagavan uns die Geschichte:

„Ich legte gerade die Steine zurecht, bereitete den Lehm vor und baute die Plattform, als ein Fremder kam und mich fragte: „Wo ist der Swami?“ Da außer mir keiner da war, erwiderte ich: „Der Swami ist gerade weggegangen.“ Er fragte: „Wann kommt er zurück?“ Ich antwortete: „Das weiß ich nicht.“ Da er fürchtete, es könnte lange dauern, ging er den Berg wieder hinunter. Unterwegs traf er Echammal, die gerade heraufkam. Sie frage ihn, woher er käme und er erzählte es ihr. Sie bat ihn, sie zu begleiten und sagte, sie würde ihm den Swami zeigen. Echammal kam mit ihm herauf, stellte das Essen in der Höhle ab, verneigte sich vor mir und sagte zu dem Fremden: „Das ist der Swami.“ Der Mann war verblüfft, verneigte sich vor mir und sagte dann zu ihr: „Er also ist der Swami? Als ich vor einer Weile hier war, baute er an einer Plattform. Ich wusste nicht, wer er war, und fragte ihn, wo der Swami sei, worauf er erwiderte, dass der Swami ausgegangen sei. Ich habe es ihm geglaubt und bin umgekehrt.“ Da neckte Echammal mich, weil ich ihn getäuscht hatte. Ich erwiderte: „Du willst also, dass ich mir ein Schild um den Hals hänge, auf dem steht: „Ich bin der Swami?“

Devotee: „Ich habe gehört, dass du das noch öfter getan hast, selbst als du dich hier in diesem Ashram niedergelassen hast.“

Bhagavan: „Ja, das stimmt. Damals gab es noch nicht viele Gebäude, sondern nur diese Halle, in der wir jetzt sitzen. Ursprünglich war es eine Küche mit einem Kamin. Shanmugam Pillai und andere Devotees wollten unbedingt eine Halle, damit Bhagavan darin sitzen konnte, und beschlossen, dass die Küche warten musste. Der Kamin war schon fertig. Er wurde demontiert und das Gebäude wurde in diese Halle umgebaut. Zwischen der Halle und dem Tempel der Mutter gab es eine überdachte Hütte, die als Küche diente, und daneben ein Lagerraum, der eine weitere überdachte Hütte war.

Wir standen immer frühmorgens auf und schnitten das Gemüse. Als ich einmal Gemüse schnitt, ließ ich die Tür des Lagerraums offen. Alle anderen machten gerade Besorgungen. Zwei oder drei Leute, die den Berg umrundeten, kamen vorbei und suchten mich in der Halle. Da mein Sofa leer war, kamen sie zum Lagerraum. Es waren Leute, die den Ashram oft besuchten. Ich hatte meinen Kopf mit einem Leintuch bedeckt und schnitt Gemüse. Mein Gesicht war nicht sichtbar. Sie fragten mich: „Herr, der Swami sitzt nicht auf seiner Couch. Wo ist er?“ Ich erwiderte, er sei gerade weggegangen, würde aber bald wiederkommen. Sie wollten nicht warten, da es sonst zu spät für sie werden würde, den Berg zu umrunden. Jemand hatte das mitbekommen und fragte mich, warum ich sie falsch informiert hätte. Aber was hätte ich tun sollen? Hätte ich ihnen sagen sollen, dass ich der Swami bin?

Solche Vorfälle gab es öfter.“

Als ich diese Geschichte einem Devotee gegenüber erwähnte, der schon in den Anfangszeiten im Ashram lebte, erzählte er: „Das ist noch nicht alles. Du kennst ja Dandapaniswami. Er trug ein ockerfarbenes Gewand [115], war korpulent, hatte einen dicken Bauch und eine laute Stimme. Bhagavan sagte, es wäre gut, ihn während des Kartikai-Festes am Eingang zu postieren, damit die Menschenmassen ihn für den Swami hielten, sich vor ihm verneigten und wieder gingen, ohne ihn zu belästigen. Bhagavan war immer darauf bedacht, die Öffentlichkeit zu meiden.“

[115] das Gewand eines Sannyasin

Astrologie     Top

20.09.1948: Vor einigen Tagen kam ein Astrologe und stellte Bhagavan Fragen über Astrologie.

Frager: „Swami, in der Astrologie werden Ereignisse vorhergesagt, indem man die Beeinflussung durch die Sterne berücksichtigt. Ist es die Wahrheit?“

Bhagavan: „So lange du das Gespür hast, ein unabhängiges individuelles Ich zu sein, ist das alles wahr. Wenn aber der Egoismus vernichtet wird, ist das alles unwahr.“

Frager: „Heißt das, dass die Astrologie bei denen, deren Ego zerstört ist, nicht recht hat?“

Bhagavan: „Wer sagt das? Nur wenn es einen Sehenden gibt, gibt es auch das Sehen. Jene, deren Egoismus vernichtet ist, sehen nicht, selbst wenn es so aussieht, als ob sie sehen würden. Das Fenster steht offen, doch es muss einen geben, der sieht. Sieht das Fenster irgendetwas?“

Frager: „Wenn das Ego nicht da ist, wie kann dann der Körper weiter funktionieren?“

Bhagavan: „Der Körper ist unser Haus. Du kümmerst dich um dieses Haus nur, solange du es bewohnst. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir es nur so lange bewohnbar machen, als wir in ihm wohnen. Wir dürfen das Wissen, dass das Haus nicht das Selbst ist, nie aufgeben. In dem Augenblick, in dem man das vergisst, taucht das Ego-Gefühl wieder auf und die Probleme beginnen. Deshalb erscheint alles in der Welt wirklich. Die Vernichtung dieses Gefühls bedeutet die Vernichtung des Egos. Wenn dieses Ego vernichtet ist, ist nichts in dieser Welt mehr wirklich. Was geschehen soll, geschieht und was nicht geschehen soll, geschieht nicht.“

Frager: „Wenn das so ist, warum müssen wir dann Gutes tun?“

Bhagavan: „Wenn wir etwas Gutes tun, sind wir glücklich. Deshalb heißt es, dass man Gutes tun soll.“

Frager: „Ja, und deshalb sagen die Alten, dass Sorge etwas Beigefügtes ist.“

Bhagavan: „Ja, so ist es. Nur das Glück ist natürlich. Jedes Lebewesen möchte glücklich sein, denn es ist von Natur aus die Verkörperung des Glücks. Alle spirituellen Bemühungen (Sadhana) haben ihren Zweck, dieses beigefügte Leid zu überwinden. Wenn man Kopfweh hat, muss man es loswerden, indem man Arznei nimmt. Beulen und andere körperliche Krankheiten werden vom Arzt behandelt. Sorgen, die durch Schwierigkeiten entstehen, können durch Sadhana überwunden werden. Der Körper selbst ist eine Krankheit. Seine Wurzel ist Unwissenheit. Wenn für diese Unwissenheit die Medizin namens Jnana verabreicht wird, sind damit auch alle anderen Krankheiten sofort verschwunden.“

Frager: „Kann unser Sadhana sofort Erfolg haben?“

Bhagavan: „Manchmal wirkt es sofort und manchmal nicht. Es hängt von der Intensität des Sadhanas ab. Wenn man mit großer Intensität gute oder schlechte Taten vollbringt, zeigt sich das Ergebnis sofort. Andernfalls zeigt es sich erst allmählich. Doch die Ergebnisse stellen sich auf jeden Fall ein. Es geht nicht anders.“

Das Leben auf dem Berg     Top

30.09.1948: Bhagavan hatte die Versform einer Strophe des Atmabodha (ein Hauptwerk Shankaras) [116] geändert und das Gespräch in der Halle hatte oft das Atmabodha zum Gegenstand. Gestern sagte er zu einem Devotee: „Als wir in der Virupaksha-Höhle wohnten, habe ich für Palaniswami viele Verse und Belehrungen von Shankara in ein kleines Notizbuch geschrieben. Auch das Atmabodha ist darunter. Es kam mir immer wieder in den Sinn.

Einmal wollten wir auf den Gipfel des Arunachala. Wir nahmen Nahrungsmittel und Kochgeschirr mit, um unterwegs zu kochen. Palaniswami kümmerte sich um die Virupaksha-Höhle und war nicht mitgekommen. Als wir „Seven Ponds“ erreichten, war es sehr heiß geworden. Nachdem wir gebadet hatten, wollten wir uns etwas zu essen kochen. Wir packten das Kochgeschirr und die Lebensmittel Dhal, Salz und Ghee aus und bereiteten eine Feuerstelle vor. Da bemerkten wir, dass wir das Wichtigste von allem vergessen hatten, nämlich die Streichholzschachtel. Zur Virupaksha-Höhle war es zu weit, um dort Streichhölzer zu holen. Zudem war es zu heiß und jeder war entsetzlich hungrig. Einige versuchten mit Feuersteinen Feuer zu machen, andere rieben Holz aneinander, wie man es macht, wenn das Opferfeuer entfacht wird, aber beides gelang nicht. Da kam mir der zweite Vers des Atmabodha in den Sinn:

„Von allen Möglichkeiten, die Befreiung zu erlangen, ist die Erkenntnis die einzig direkte. Sie ist so essentiell wie das Feuer zum Kochen. Ohne sie kann man keine Befreiung erlangen.“

Ich zitierte diesen Vers, erklärte ihnen die Bedeutung und hielt sie bei Laune.“

Jemand fragte: „Was bedeutet dieser Vers?

Bhagavan: „Er bedeutet, dass du ohne Erkenntnis (Jnana) keine Befreiung (Moksha) erlangen kannst genauso wenig wie du ohne Feuer kochen kannst.“

Jemand fragte: „Was geschah dann weiter?“

Bhagavan: „Jemand hatte anscheinend durch einen Gras-Schneider, der mit einer Ladung Gras auf dem Heimweg war, Palaniswami Bescheid gegeben. Palaniswami gab einem der Holzfäller eine Streichholzschachtel für uns mit. Wir konnten Feuer machen, kochen und essen.

Ihr wisst ja, wie wir damals gekocht haben. Reis, Dhal und Gemüse wurden in einen Topf gegeben und zusammen gekocht. Wir fügten etwas Salz hinzu und machten einen Eintopf. Nach dem Essen ruhten wir uns aus und machten uns dann zum Berggipfel auf. Unterwegs erklärte ich ihnen den Vers weiter. Als wir oben waren, sagte ich: „Ihr seht, wie viele Schwierigkeiten wir überwinden mussten, um hier heraufzukommen. Zuerst sind wir ein Stück gegangen, dann mussten wir aus vielen Zutaten etwas zu essen kochen, bevor wir weitergehen konnten. Wir hatten kein Feuer und konnten nichts ausrichten. Genauso mögt ihr alles aus der Lehre kennen, aber ohne dass ihr es versteht, kann es keine reife Erkenntnis geben. Mit diesem Feuer der Erkenntnis müssen alle weltlichen Dinge vermischt und hinuntergeschluckt werden, um den höchsten Zustand zu erlangen.“
Wir kehrten noch vor Einbruch der Nacht zur Höhle zurück. In jenen Tagen war es für uns nicht schwer oder ermüdend, auf den Gipfel des Berges zu steigen. Wir gingen, wann immer uns danach war. Wenn ich heute daran denke, frage ich mich, ob ich überhaupt jemals auf diesem Gipfel war.“

Ich fragte: „Stimmt es, dass Echammal und andere dich auch begleitet haben?“

„Ja, sogar die alte Frau Mudaliar Patti war dabei. Beide brachten mir täglich zu essen. Sie hörten nicht auf meine Einwände. Selbst wenn ich ihnen aus dem Weg ging, spürten sie mich auf.“

[116] ein Hauptwerk Shankaras, das Ramana in Tamil übersetzt hat



Spielen mit den Kindern     Top

10.10.1948: Vor einigen Tagen kam Mahadeva Sastri, der Sohn von Ganapati Muni hierher. Bhagavan stellte ihn uns vor. Wir kamen auf seinen Vater zu sprechen und Bhagavan erzählte uns folgendes:

„1903, als ich in der Virupaksha-Höhle lebte, kam Nayana (Ganapati Muni) mit seiner Familie. Mahadeva war etwa vier oder fünf Jahre alt. Nayana verbeugte sich vor mir und hieß den kleinen Jungen, es ihm gleich zu tun. Er schien es nicht gehört zu haben und tat nichts dergleichen. Nayana schenkte dem keine weitere Beachtung. Dann plötzlich warf sich der Junge in voller Länge vor mir auf den Boden. Wie es die Jungen tun, wenn sie die Brahmanenschnur erhalten, legte er die Hände auf seine Ohren und berührte dann meine Füße. Ich wunderte mich darüber, dass er diese Art der Niederwerfung kannte und dachte, dass es wohl von der Familientradition herrühre.“

Ich sagte: „Jede Gewohnheit wurzelt in der Familientradition.“

Bhagavan: „So ist es. Mahadeva hat sich seither sehr verändert. Ich habe oft mit ihm gesprochen. In der Zeit, als ich in der Mangobaum-Höhle lebte, lud Nayana alle seine Verwandten und Freunde in den Pachiamman-Schrein ein, wo er sein Umasahasram vorlesen wollte. [117] Auch seine Familie kam. Damals war Madava acht Jahre alt. Ich fragte ihn, ob er sich an mich erinnerte. Er antwortete nicht und ging spielen.

Kurz darauf kamen Leute zu mir. Sie erzählten, dass sie schon einmal hier gewesen seien und fragten mich, ob ich mich an sie erinnerte. Da ich das nicht tat, schwieg ich. Ich weiß nicht, wie Mahadeva diesen Vorfall mitbekam, aber als sie fort waren, kam er angerannt und fragte: „Swami, was haben diese Leute dich gefragt?“ Ich sagte es ihm. Da erklärte er prompt, dass er sich auch nicht an mich erinnern konnte. Ich war amüsiert.

Als ich eines Tages im Wasserspeicher beim Pachiamman-Schrein von einem Ende zum anderen schwamm, setzte ich Mahadeva auf meinen Rücken. Auf halbem Weg begann er mich niederzudrücken und rief: „Aha, Hai!“, wie die Fahrer der Ochsenkarren ihre Tiere anfeuern. Ich war müde und es sah so aus, als ob wir beide untergehen würden. Ich war natürlich sehr besorgt, dass ihm nichts geschah und irgendwie gelang es mir, die andere Seite zu erreichen.“

Ein Devotee fragte, ob es stimme, dass Bhagavan und Nayana im Pandava-Wasserspeicher schwammen.

Bhagavan: „Ja, das war auch damals. Wir schwammen um die Wette. Es machte großen Spaß.“

Ein anderer Devotee: „Du hast auch mit den Kindern Murmeln gespielt, nicht wahr?“

Bhagavan: „Ja, auch das war in der Zeit, als wir in der Viupaksha-Höhle lebten. Die Löcher, die wir dafür gruben, müssen immer noch da sein. Die Kinder brachten manchmal Süßigkeiten mit, die wir uns teilten. Zu Dipavali (Lichterfest) brachten sie Knaller mit, die wir zusammen abfeuerten. Es war sehr unterhaltsam.“

[117] s. a. Brief vom 30.04.48


Vom Umgang mit Weisen     Top

Bild 20
Bild 20: Sri Ramana mit Kindern

20.10.48: Gestern Nachmittag kam eine ältere Frau mit ihren Kindern und Enkeln zu Bhagavan. Bhagavan sagte lächelnd: „Kanthi, bist du das? Ich dachte es sei jemand anderer.“ Sie begrüßte Bhagavan auf vertraute Weise und stellte ihm ihre Nachkommen vor. Dann verneigte sie sich vor ihm und setzte sich zu den Frauen. Bhagavan sagte zu mir: „Kennst du sie?“ Ich verneinte. Da erzählte er folgendes:

„Sie, Echammals Nichte Chellamma, Rameswara Iyers Tochter Rajamma und einige andere waren noch Kinder, als ich auf dem Berg lebte. Sie kletterten oft zu mir herauf. Manchmal brachten sie ihre Puppen mit und spielten Puppenhochzeit oder sie brachten Reis und Dhal etc., kochten und gaben mir etwas von ihren Zubereitungen ab. Sie kamen, wenn immer ihnen danach zumute war. Sie waren damals noch Kinder und unabhängig. Heute hat sie eine große Familie und kann nicht mehr kommen, wenn sie möchte. Da sie schon lange nicht mehr da war, habe ich sie fast nicht mehr erkannt.

Eines Tages kam Chellamma mit einem Zettel zu mir. Als ich ihn neugierig las, fand ich darauf folgenden Vers: „Wenn man Umgang mit Weisen pflegt, wozu muss man dann noch all die Regeln der Selbstzucht einhalten? Sag mir, wozu ist der Fächer da, wenn der kühle Südwind bläst?“ [118]

Ich übersetzte den Vers ins Tamil. Er wurde später als 3. Vers in den Anhang zu den „Vierzig Versen“ eingefügt.

Ich fragte: „Wie ist Chellamma an diesen Zettel gekommen und warum hat sie ihn dir gebracht?“

Bhagavan: „Echammal hat immer wieder gefastet. Chellamma hatte begonnen, mit Echammal zu fasten, aber sie war noch ein Kind und litt sehr darunter. Echammal ließ mir durch sie das Essen bringen. An einem Karthikai-Tag brachte sie mir Essen, obwohl sie selbst an diesem Tag fastete. Wie konnte ich essen, wenn sie nichts zu sich nahm? Ich sagte zu ihr, sie sollte nicht fasten, da sie zu jung sei, und überredete sie, etwas zu essen.

Als sie am nächsten Tag mit Essen den Berg hochkam, fand sie diesen Zettel. Da ein Sanskritvers darauf stand, brachte sie ihn mir. Ich sagte zu ihr: „Sieh mal, er sagt genau dasselbe, war ich dir gestern gesagt habe.“ Sie fragte nach der Bedeutung. Da übersetzte ich den Vers ins Tamil und erklärte ihn ihr. Darauf gab sie das Fasten auf. Sie hatte zu mir großes Vertrauen. Als sie erwachsen war, schrieb sie immer zuerst die Worte „Sri Ramana“, bevor sie etwas aufschrieb. Als sie starb [119], war es für die anderen, als ob sie eine Schwester verloren hätten.“

Ein Devotee sagte: „Es heißt, dass Bhagavan tief betrübt war, als er die Nachricht von ihrem Tod erhielt.“

Er bestätigte das und schwieg.

[118] ein Vers aus dem Yoga Vasishta
[119] Chellamma starb kurz nachdem sie ihr erstes Kind geboren hatte.



Bhagavans Füße     Top

04.11.1948: Ich weiß nicht, ob du jemals den roten Leberfleck auf Bhagavans rechter Fußsohle bemerkt hast. Er hat ihn seit seiner Geburt.

Bhagavan erzählte [120]: „Nelliappa Iyer konnte mich nur an diesem Leberfleck wieder erkennen. Er hat sich sehr um uns gekümmert, als wir unseren Vater verloren hatten. Subba Iyer (Bhagavans anderer Onkel) war gestorben, und so fiel die Verantwortung für dessen Familie auch noch auf ihn. Bei seiner Beerdigung hörte er, dass ich hier war. Besorgt eilte er hierher. Subba Iyer war mutig und stolz, aber er war bescheiden und sanft. Wäre Subba Iyer gekommen, er wäre auf keinen Fall ohne mich heimgegangen. Er hätte mich einfach weggeschleift. Da es aber bestimmt war, dass ich hier bleiben sollte, wurde mein Aufenthaltsort erst nach seinem Tod bekannt. Nelliappa Iyer war spirituell gesinnt und sanft. Er sagte: „Warum sollen wir ihn stören?“ und ließ mich hier.“

Ich fragte: „Anscheinend hat Rama Naicker, der Wächter des Gartens, ihn nicht hereingelassen.“

Bhagavan: „Ja, deshalb hat er eine Notiz für mich geschrieben. Doch er hatte keinen Stift dabei. Was konnte er machen? Er nahm einen Zweig des Niembaums, spitzte sein Ende zu, pflückte eine reife Beere, schnitt sie auf und tauchte den Zweig in den roten Saft. Damit schrieb er seine Notiz. Als man ihn zu mir ließ, musste er begreifen, dass ich ihn nicht begleiten wollte.

Daraufhin bemerkte er im benachbarten Garten einen Gelehrten, der vor einer kleinen Versammlung einen Vortrag über irgendein Buch hielt und fragte ihn, was er von mir hielte. Er sagte: „Dieser Junge sitzt nur da. Er weiß nichts und hat nur eine grobe Vorstellung von Philosophie.“ Mein Onkel war natürlich besorgt, da ich noch jung war, nichts gelernt hatte und vielleicht nur ein Nichtsnutz war. Also bat er den Herrn, ein Auge auf mich zu haben und mir nach Möglichkeit etwas beizubringen.

Der Gelehrte glaubte lange, dass ich nichts wisse und versuchte ein- oder zweimal, mir etwas beizubringen, aber ich habe mich nicht darum gekümmert. Später, als ich den Vortrag über das Gita Saram im Eesanya Math hielt, war er auch dort. Er sprach mit mir über verschiedene Themen und als er meine Erklärungen und Ausführungen zur Gita hörte, sagte er: „Du bist ein großer Mann und ich dachte, du bist ungebildet.“ Dann verneigte er sich plötzlich vor mir und ging.

Nelliappa Iyer war lange über meinen Mangel an Bildung traurig. Er besuchte mich noch zweimal, als ich in der Virupaksha-Höhle wohnte. Bevor er kam, hatte ich noch mit jemandem gesprochen. Als ich jedoch von seiner Ankunft erfuhr, schwieg ich, da ich vor einem Älteren nichts sagen wollte. Aber beim zweiten Mal kam er unerwartet. Einige Leute wollten, dass ich ihnen das Dakshinamurti Stotram erklärte und ich hatte mit den Ausführungen begonnen. Normalerweise saß ich mit dem Gesicht zur Tür, aber an diesem Tag saß ich andersherum und sah ihn nicht kommen. Er kam schweigend herein und hörte mir zu. Ich wusste nichts von seiner Anwesenheit und fuhr mit meinen Erklärungen fort. Nachdem er mir zugehört hatte, wusste er, dass sein Neffe kein einfältiger Mensch war, dass er sehr wohl Bescheid wusste und er sich künftig keine Sorgen mehr machen musste. Er ging tief befriedigt weg. Das war sein letzter Besuch. Er kam nicht wieder. Wenige Tage später starb er.“

Bhagavans Stimme zitterte, als er das erzählte.

[120] Ramana war wenige Monate nach seinem Todeserlebnis in Madurai heimlich von Zuhause weggelaufen und hatte sich im Tempel von Tiruvannamalai und später auf dem Arunachala niedergelassen. Seine Familie wusste lange nicht wo er war, bis sie fast zwei Jahre später Kunde von seinem Aufenthaltsort (Mangohain bei Gurumurtam) bekam. Nelliappa Iyer, der ältere Onkel väterlicherseits, sollte ihn aufspüren und wieder nach Hause bringen; s. a. Ebert: Ramana Maharshi: Sein Leben, S. 51-53



Besuch des Oberhaupts des Math in Puri     Top

09.01.1949: Vor einigen Tagen besuchte uns das Oberhaupt des Math (Klosters) in Puri. Sein Zusammentreffen mit Bhagavan war etwas Besonderes. Da der Ashram über seinen Besuch informiert worden war, konnte der Sarvadhikari (Ashranverwalter) alle nötigen Vorbereitungen treffen. Devotees legten ein Tigerfell auf Bhagavans Sofa und stellten daneben einen Sitz für den Acharya (religiösen Lehrer) [121] bereit. Er kam zur angekündigten Zeit, ging zu seiner Unterkunft in der Veda-Schule, machte die nötigen Waschungen und kam dann mit seinen Schülern zu Bhagavan.

Bhagavan saß mit gekreuzten Beinen in seiner üblichen Padmasana-Haltung und schwieg. Der Acharya und seine Schüler grüßten ihn. Bhagavan nickte ihnen zu und bat ihn mit einer auffordernden Geste, auf dem Sitz Platz zu nehmen. Doch der Acharya setzte sich nicht dort hin, sondern auf ein Rehfell daneben und sah Bhagavan mit einem festen Blick an. Auch Bhagavan schaute ihn mit einem unbeirrten und mitleidsvollen Blick an. Keiner von beiden sagte ein Wort. Alle anderen schwiegen ebenfalls.

Etwa eine halbe Stunde lang verharrten beide absolut still und Bhagavans Gesicht erstrahlte. Da sagte plötzlich jemand: „Es wäre gut, wenn jemand jetzt ein Foto machen würde.“ Die Stille war zerstört. Der Acharya stand auf, verabschiedete sich und ging in seine Unterkunft zurück.

[121] Acharya = religiöser Lehrer


Das Oberhaupt des Math in Sivaganga     Top

10.01.1949: Ein Devotee fragte: „War der Acharya von Puri das einzige Oberhaupt eines Maths, der hier war?“

Bhagavan: „Als ich in der Vurupaksha-Höhle lebte, kam das Oberhaupt des Maths von Sivaganga [122]. Er war der Urgroßvater des jetzigen Oberhaupts.“

Devotee: „Hat er Bhagavan Fragen gestellt?“

Bhagavan: „Was gab es für ihn zu fragen? Er war ein weiser Mann und ein Gelehrter. Als er mich sah, sagte er zu jemand in seiner Nähe: „Wenn jemand glücklich ist, dann ist es Ramana.“

Devotee: „Lebte er damals auch in Tiruvannamalai?“

Bhagavan: „Nein. Es war ein Treffen. Er kam mit seinen Schülern in die Stadt, wohnte in der Pilgerherberge und lud mich dorthin ein. Ich sagte, dass ich so eine Ehre nicht verdiente, da ich nicht gelehrt genug sei und lehnte die Einladung ab. Da machte er sich mit seinen Schülern und mit einem großen Tablett, auf dem ein spitzenverzierter Schal und 116 Rupien lagen, auf den Weg zu mir. [123] Ich kam gerade vom Mulaipal-Wasserspeicher zurück und wir trafen uns auf halbem Weg zur Höhle. Er stellte das Tablett vor mich hin und bat mich, es anzunehmen, aber ich lehnte ab. Schließlich nahm er das Geld zurück. Er meinte, der Schal könnte mir im Winter nützlich sein und überredete mich, wenigstens ihn anzunehmen. Da ich nicht alles ablehnen konnte, nahm ich den Schal an. Später machte ich die Spitze ab, ließ den Rand einsäumen und benutzte ihn. Die Spitze war bis vor kurzem noch hier. Er war schon sehr betagt und starb wenige Tage später.“

Devotee: „Ein Oberhaupt des Math in Sringeri hat dich nie besucht?“

Bhagavan: „Nein. Narasimha Bharathi versuchte mehrmals herzukommen, aber es gelang ihm nie. Er hat immer nach mir gefragt.“

Devotee: „Warum konnte er nicht kommen?“

Bhagavan: „Er war das Oberhaupt eines Math und vielen Regeln unterworfen. Zudem lassen die Leute einen meist nicht gehen. Sieh doch bloß meine eigene Lage. Sie haben ein Gitter um mich errichtet. Obwohl es aus Holz ist, ist es doch wie im Gefängnis. Ich darf meinen Bereich nicht verlassen. Es sind Leute dafür abgestellt, mich zu bewachen und sie wechseln sich dabei ab. Ich kann mich nicht frei bewegen. Sie sind da, um es zu verhindert. Der eine löst den anderen ab. Was ist der Unterschied zur Polizei, außer dass sie keine Uniform tragen? Wir sind in ihrem Gewahrsam. Selbst wenn ich austreten muss, müssen sie mich begleiten und bewachen und mein Ausgang folgt einem strengen Stundenplan. Wenn jemand mir etwas vorlesen oder mit mir reden möchte, muss er zuerst die Erlaubnis vom Büro einholen. Wie nennt man das alles? Was ist der Unterschied zu einem Gefängnis? Für das Oberhaupt eines Math ist es dasselbe. Dieses Amt ist auch eine Art Gefängnis. Was kann der arme Mensch tun?“

Devotee: „Vielleicht wird deshalb Ishwara auch als „Gefangener seiner Devotees“ bezeichnet?“

Bhagavan: „Ja, so ist es. Wenn schon ein Swami diese Schwierigkeiten hat, wie viel mehr dann erst Ishwara? Er muss auf alle Bitten antworten, egal unter welchem Namen man ihn anruft. Er muss in der Gestalt erscheinen, in der die Verehrer ihn bitten zu erscheinen. Er muss dort sein, wo sie ihn haben wollen. Wenn man ihn bittet, auf der Stelle zu verharren, dann muss er stehen bleiben wo er ist. Wenn er so von anderen abhängig ist, welche Freiheit hat er dann noch?“
 
[122] dieser Math gehört zum Math von Sringeri
[123] Es ist üblich, dass das Oberhaupt eines Maths Gelehrte mit Geld, Schals, Titeln und ähnliches beschenken.



Einweihung     Top

13.01.1949: Ein Devotee: „Hat nicht vor langem ein Mitglied vom Math in Sringeri Bhagavan gebeten, er möge sich doch formell in Sannyasa einweihen lassen?“

Bhagavan: Ja, das war in der ersten Zeit, als ich in der Virupaksha-Höhle lebte. Ein Gelehrter des Math in Sringeri kam mich besuchen. Er sprach lange zu mir und bevor er in die Stadt zum Essen ging, trat er an mich heran, verschränkte respektvoll die Arme und bat mich: „Swami, ich habe eine Bitte an dich. Hör mich an.“ Als ich ihn fragte, um was es ginge, sagte er: „Swami, da du ein Brahmane bist, solltest du dich da nicht formell in Sannyasa einweihen lassen? Es ist ein uralter Brauch. Du weißt das. Was kann ich dir dazu noch sagen? Ich möchte dich in der Reihe unserer Gurus eingereiht sehen. Wenn du mir deine Zustimmung gibst, werde ich alles, was für die Zeremonie nötig ist, von meinem Math bringen und dich einweihen. Wenn du das ockerfarbene Gewand nicht tragen willst, schlage ich vor, dass du wenigstens ein ockerfarbenes Lendentuch trägst. Du kannst darüber nachdenken und mir deine Antwort geben, wenn ich zurückkomme. Ich gehe jetzt den Berg hinunter zum Essen und werde gegen 3 Uhr wieder zurück sein. Alle Mitglieder unseres Math haben von deiner Größe gehört und ich besuche dich auf ihr Ersuchen hin. Bitte tu uns den Gefallen.“

Als er fort war, kam ein alter Brahmane mit einem Bündel. Er kam mir bekannt vor. Man konnte es dem Bündel ansehen, dass es Bücher enthielt. Er legte das Bündel ab und bat mich wie ein alter Vertrauter: „Swami, ich bin gerade erst angekommen. Ich hatte noch keine Gelegenheit zu baden. Es ist keiner da, der auf das Bündel aufpassen würde, deshalb lasse ich es bei dir.“ Damit ging er wieder. Ich weiß nicht warum, aber sobald er fort war, überkam mich der Wunsch, das Bündel zu öffnen und mir die Bücher anzusehen. Ich öffnete es und mir fiel das „Arunachala Mahatmyam“ in Sanskrit in die Hände. Ich wusste nicht, dass es von diesem Buch auch eine Sanskritausgabe gab. Ich war überrascht, öffnete das Buch und fand folgenden Vers, in dem Ishwara sagt: „Wer innerhalb eines Radiums von 24 Meilen beim Arunachala wohnt, erlangt die Befreiung, selbst wenn er keine Einweihung hat.“

Als ich diesen Vers las, wusste ich, dass ich dem Gelehrten eine angemessene Antwort geben konnte, indem ich ihn darauf verwies und schrieb ihn mir eilig ab, da er jeden Augenblick zurückkommen konnte. Dann legte ich das Buch zurück und verschnürte das Bündel wieder.

Als der Gelehrte am Abend wiederkam, zeigte ich ihm den Vers. Da er gelehrt war, bedrängte er mich nicht weiter, sondern grüßte mich ehrerbietig und ging. Er erzählte alles Narasimha Bharathi (dem Oberhaupt des Math). Narasimha Bhagathi schämte sich für das, was sein Schüler getan hatte und befahl, alle künftigen Bemühungen in dieser Richtung einzustellen.

Ich übersetzte den Vers ins Tamil. Er ist jetzt der Eröffnungsvers der „Fünf Verse Aruanchala zu Ehren“ (Arunachala Sthuthi Panchakam).

Viele Leute versuchten mich zu bekehren. Solange es nur Gerede war, sagte ich: „Ja, ja“, aber ich habe nie irgendeiner Einweihung zugestimmt. Ich habe immer eine List gefunden, dem zu entkommen. So ist es auch mit den Versen, die ich geschrieben habe. Ich habe keinen einzigen aus eigenem Antrieb verfasst. Jemand hat mich etwas gefragt und ich schrieb aus irgendeinem inneren Drang heraus. Das ist alles.“

Devotee: „Hinter diesem Vers steckt so eine lange Geschichte.“

Bhagavan: „Ja. Hinter jedem Vers steckt eine Geschichte. Wenn man sie alle niederschreiben würde, würde es ein großes Buch geben.“

Ich meinte: „Wenn Bhagavan einverstanden ist, kann man das alles aufschreiben.“

Bhagavan sagte: „Hast du nichts anderes zu tun?“ und änderte das Thema.

Devotee: „Ist der Brahmane, der das Bündel gebracht hat, zurückgekommen?“

Bhagavan: „Ich erinnere mich nicht daran. Jedenfalls war das Bündel später nicht mehr da. Ich habe bekommen, was ich wollte. Genügt das nicht?“

Devotee: „Das würde bedeuten, dass der Herr Arunachala selbst in dieser Gestalt gekommen ist.“

Bhagavan nickte nur und schwieg.


Das große Selbst     Top

Bild 21
Bild 21: Sri Ramana und der Tempelelefant

16.01.1949: Vor einigen Tagen kam ein amerikanischer Jugendlicher. Da er fotografieren wollte, brachten die Leute den Elefanten von der Tausendsäulenhalle im Arunachaleswara-Tempel zum Ashram. Der Amerikaner machte ein Foto, als Bhagavan neben dem Elefanten stand und ihn fütterte.

Gestern zeigte jemand Bhagavan das Foto. Alle Anwesenden betrachteten es neugierig. Etwas stand auf der Rückseite des Bildes und die Leute tuschelten darüber. Da ich sie nicht verstehen konnte, fragte ich Bhagavan leise.

Bhagavan: „Es ist nichts Besonderes. Auf der Rückseite des Fotos steht: „Ein großes Selbst, das den Körper nicht kennt und ein großer Körper, der das Selbst nicht kennt am selben Ort.“

Devotee: „Was bedeutet das?“

Bhagavan: „Das ist leicht. Obwohl der Elefant so einen großen Körper hat, kennt er das Selbst nicht. Wie viel man ihm auch zu fressen gibt, er ist unzufrieden und trompetet unablässig. Vielleicht heißt es deshalb, dass er ein großer Körper ist, der das Selbst nicht kennt. Ich stand mit einem gebrechlichen Körper neben ihm. Vielleicht meinten sie deshalb, dass ich das Große Selbst sei, das den Körper nicht kennt.“

Devotee: „Das stimmt. Bhagavan ist immer über seinen Körper unbekümmert.“

Bhagavan: „Ja. Chintha Dikshitulu hat geschrieben, dass ich wie eine Statue im Madraser Museum bin und Souris sagt, ich sei wie eine Puppe aus Zelluloid. Die Leute sagen das eine oder andere.“

In den frühen Jahren saß Bhagavan im Tempelbereich des Aruanchaleswara-Tempels unter einem Madhuca-Baum, im Blumengarten, im Lagerraum der Tempelwagen oder anderswo, ohne sich um seinen Leib zu sorgen. Die Leute, die an ihm vorbeikamen, sagten: „Er sitzt dort wie ein Schwachsinniger. Er muss ein verrückter Junge sein.“ Und sie beachteten ihn nicht. Bhagavan hat uns mehrmals erzählt, dass es ihn amüsiert habe und dass er sich wünschte, diese Verrücktheit würde alle Menschen befallen.

Als Kunjuswami Bhagavan als Gehilfe diente, beobachtete er, dass Bhagavan zitterte und taumelte. Als einmal nur enge Schüler anwesend waren, fragte er Bhagavan: „Bhagavan, du bist erst in den mittleren Jahren. Es ist seltsam, dass du immer zitterst und einen Gehstock brauchst. Was ist der Grund dafür?“ Bhagavan antwortete: „Was ist daran so seltsam? Wenn ein großer Elefant in einer kleinen Hütte angebunden ist, wird dann mit dieser Hütte nicht alles Mögliche passieren? Hier ist es dasselbe.“