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Die spirituelle Biografie des Shri Annamalai Swami Startseite

Einführung     Top

Anmerkungen des Übersetzers

Annamalai Swami ist am 9. November 1995 verstorben. Er wurde in seinem Ashram in Palakottu beigesetzt.

Zum vorliegenden Buch:

Das englische Wort „mind”, das die Gesamtheit der Gedanken und Empfindungen ausdrückt, wurde mit „Gemüt” übersetzt.

Sanskrit-Wörter sind durch Kursivdruck kenntlich gemacht, soweit das auch im Original der Fall ist. Ein Glossar der Sanskrit-Wörter wurde dem Buch beigefügt. (hier nicht enthalten)

Einführung

Bhagavan Shri Ramana Maharshi ist weithin als einer der herausragenden indischen Gurus in neuerer Zeit bekannt. Als gerade sechzehnjähriger Schuljunge erlangte er 1896 in einer etwa zwanzig Minuten dauernden dramatischen Todeserfahrung die Selbstverwirklichung. Er war vorher nicht mit spirituellen Lehren oder Praktiken in Kontakt gekommen, und daher fand er diese Erfahrung zunächst höchst verwirrend. In den ersten Wochen nach seiner Verwirklichung dachte er oft, er sei von einem Geist besessen, oder er werde von einer seltsamen, aber recht angenehmen Krankheit heimgesucht. Er sprach mit niemandem über seine Erfahrung und versuchte, das Leben eines normalen südindischen Schuljungen weiterzuführen. Eine Zeitlang gelang ihm die Verstellung, aber nach etwa sechs Wochen war er der alltäglichen Trivialitäten von Schule und Familie so überdrüssig, daß er sich entschloß, sein Heim zu verlassen und einen Ort zu suchen, an dem er ohne unwillkommene Unterbrechungen oder Ablenkungen still in seiner Erfahrung des Selbst ruhen konnte.

Er entschied, sich zum Arunachala zu begeben, einem berühmten heiligen Berg ca. 180 Kilometer südwestlich von Madras. Diese Wahl war keineswegs willkürlich: schon als Kind hatte er immer Ehrfurcht empfunden, wenn der Name Arunachala erwähnt wurde. Bis ein Verwandter ihn eines Besseren belehrte, hatte er sogar geglaubt, der Arunachala sei kein mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbares irdisches Pilgerzentrum, sondern ein himmlischer Ort. In späteren Jahren bezeichnete er den Arunachala als seinen Guru, und manchmal sagte er, die Kraft des Arunachala sei es gewesen, die seine Verwirklichung bewirkt und ihn anschließend zum Berg selbst geführt habe.

Der Junge Ramana Maharshi gab sich große Mühe, seine Familie im dunkeln darüber zu lassen, wohin er ging. Heimlich verließ er das Haus und gelangte nach einer abenteuerlichen Reise drei Tage später zum Arunachala. Die restlichen vierundfünzig Jahre seines Lebens verbrachte er auf oder nahe dem heiligen Berg. Er lehnte es ab, ihn auch nur für einen Tag zu verlassen.

An seinem ersten Tag am Arunachala warf er sein ganzes Geld und alles, was er sonst besaß, fort und behielt nur einen Lendenschurz. Zum Zeichen spiritueller Entsagung ließ er sich die Haare abschneiden. Auf dem Gelände des großen Arunachala-Tempels fand er einen stillen Platz, wo er ungestört bleiben konnte. In den nächsten vier oder fünf Jahren verbrachte er fast die ganze Zeit, mit geschlossenen Augen sitzend, in verschiedenen Tempeln und Heiligtümern, völlig versunken in einer überwältigenden Bewußtheit des Selbst. Gelegentlich gaben ihm mitfühlende Pilger oder Besucher etwas zu essen; später kümmerte sich ein Helfer regelmäßig um seine Nahrung. Aber abgesehen von einer kurzen Periode, in der er sich in der Stadt von Hausmüttern sein Essen geben ließ, zeigte er keinerlei Interesse an seinem körperlichen Wohlergehen oder an den Geschehnissen in der Welt um ihn herum.

1901 siedelte er in die Virupaksha-Höhle über, die etwa 100 Meter oberhalb des Haupttempels am Berghang liegt. Dort blieb er den größten Teil der nächsten vierzehn Jahre. Nach und nach begann er, ein wenig Interesse an den Besuchern zu zeigen, die ihn sehen wollten, aber er sprach selten. Er war weiterhin damit zufrieden, den größeren Teil des Tages in Stille zu sitzen oder auf den Abhängen des Arunachala umherzustreifen. Schon als er reglos im Tempel saß, hatten Devotees sich zu ihm hingezogen gefühlt. Als er sich in der Virupaksha-Höhle niederließ, gab es bereits eine kleine Gruppe von Verehrern, zu der sich manchmal durchreisende Pilger gesellten.

Das Sanskritwort tapas bezeichnet ein mit Selbstzucht oder sogar mit körperlicher Kasteiung verbundenes intensives spirituelles Üben, durch das die spirituellen Unreinheiten systematisch beseitigt werden. Manche Leute fühlten sich zu dem jungen Ramana hingezogen, weil sie spürten, daß ein Mensch, der so intensives tapas ausübt (in seinen frühen Jahren hatte er oft tagelang reglos im Tempel gesessen), große geistige Kraft erlangt haben müsse. Andere lockte die deutlich wahrnehmbare Ausstrahlung von Liebe und Freude an, die sich um ihn verbreitete.

Ramana Maharshi machte später klar, daß er in seinen frühen Jahren am Arunachala keineswegs tapas oder Meditation ausgeübt habe. Wenn man ihn danach fragte, sagte er, seine Selbstverwirklichung sei 1896 während der Todeserfahrung im Haus seiner Familie eingetreten; in den darauffolgenden Jahren stillen, bewegungslosen Sitzens habe er einfach einem inneren Bedürfnis entsprechend vollkommen versunken in der Erfahrung des Selbst verharrt.

In seinen letzten Jahren in der Virupaksha-Höhle begann er mit den Besuchern zu sprechen und ihre spirituellen Fragen zu beantworten. Er hatte nie ein Schweigegelübde abgelegt, aber in seinen ersten Jahren am Arunachala sprach er nur selten und nur in großen Abständen. Seine Lehren kamen mehr aus der eigenen inneren Erfahrung des Selbst als aus den Lehren des Advaita Vedanta, einer alten und hochangesehenen Schule indischer Philosophie, derzufolge das Selbst (Atman) oder das Absolute (Brahman) die einzige existierende Wirklichkeit ist, eine Wirklichkeit, in der alle Erscheinungen als unteilbare Manifestationen enthalten sind. Höchstes Ziel des Lebens ist es sowohl nach Ramana Maharshi wie auch nach den früheren Lehrern des Advaita, die Illusion zu überwinden, man sei eine individuelle Persönlichkeit, die durch Körper und Gemüt in einer Welt getrennter, miteinander in Beziehung tretender Gegenstände wirkt. Sobald dies erreicht ist, erkennt man, was man wirklich ist: das Selbst, immanentes reines Bewußtsein.

Ramana Maharshis Familie war es nach einiger Zeit gelungen, ihn aufzufinden, aber er hatte sich geweigert, nach Hause zurückzukehren. 1914 entschloß sich seine Mutter, ihr Heim zu verlassen, zu ihrem Sohn zu ziehen und dort ihre restlichen Jahre zu verbringen. 1915 siedelten Ramana, seine Mutter und die Gruppe von Devotees, die in der Virupaksha-Höhle wohnte, in den Skandashram weiter oberhalb am Berghang über, einen kleinen Ashram, der von einem seiner frühen Devotees für ihn gebaut worden war.

Vor dieser Zeit waren die Devotees, die mit Ramana Maharshi zusammenlebten, in die nahe Stadt gegangen, um sich dort ihr Essen Spenden zu lassen. Die Sadhus oder Sannyasins genannten Hindumönche ernähren sich oft auf diese Weise. Bettelnde Mönche waren Immer Teil der Hindutradition, und wer aus religiösen Gründen bettelt, den trifft kein Tadel. Als Bhagavan (wie ich ihn zukünftig meist nennen werde, weil er von fast allen seinen Devotees mit diesem Titel angeredet wurde) in den Skandashram zog, begann seine Mutter, für alle, die dort lebten, regelmäßig zu kochen. Sie wurde bald zu einer glühenden Verehrerin ihres Sohns und machte solche geistigen Fortschritte, daß sie mit Bhagavans Gnade und Kraft in ihrer Todesstunde im Jahr 1922 das Selbst verwirklichen konnte.

Ihr Leichnam wurde in der an den Südhang des Arunachala grenzenden Ebene beerdigt. Wenige Monate später verließ Bhagavan, veranlaßt von dem, was er später „den göttlichen Willen” nannte, den Skandashram und lebte von da an nahe dem kleinen Schrein, der über dem Grab der Mutter errichtet worden war. In den folgenden Jahren entstand ein großer Ashram um ihn herum. Frauen und Männer aus ganz Indien, später auch aus dem Ausland, besuchten Bhagavan, um seinen Rat oder Segen zu erbitten oder einfach seine friedvolle Ausstrahlung in sich aufzunehmen. Als er 1950 im Alter von siebzig Jahren verstarb, war er zu einer Art nationaler Institution geworden — einer Verkörperung des Edelsten, was die jahrtausendealte Hindutradition in sich birgt.

Sein Ruhm und seine Anziehungskraft beruhten nicht auf irgendwelchen Wundern. Er stellte keine außergewöhnlichen Fähigkeiten zur Schau und spottete über jene, die es taten. Sein Ruhm gründete auch nur zum geringsten Teil auf seinen Lehren. Zwar pries er die Vorzüge einer zuvor wenig bekannten spirituellen Praxis, aber im übrigen hatten schon Generationen von Gurus vor ihm seine Lehre verkündet. Was ihm die Herzen und Gemüter seiner Besucher gewann, war das Gefühl der Heiligkeit, das man in seiner Gegenwart empfand. Er führte ein einfaches, entsagendes Leben; allen Devotees, die von ihm Hilfe erbaten, erwies er den gleichen Respekt und die gleiche Aufmerksamkeit; und was vielleicht am wichtigsten war: er strahlte von innen heraus eine Kraft aus, die alle Menschen in seiner Umgebung als Frieden oder Wohlbefinden empfanden. In Bhagavans Gegenwart machte das Bewußtsein, eine individuelle Persönlichkeit zu sein, oft einer völligen Bewußtheit des inneren Selbst Platz.

Bhagavan unternahm keine Anstrengungen, diese Kraft zu erzeugen, noch bemühte er sich bewußt, die Menschen um ihn herum zu verändern. Die Übertragung der Kraft erfolgte spontan, mühelos und kontinuierlich. Wenn es Verwandlungen durch sie gab, so kamen sie durch den Gemütszustand des Empfängers zustande, nicht durch Bhagavans Entschluß, Wunsch oder Tat.

Bhagavan war sich seiner Ausstrahlung vollkommen bewußt, und er sagte oft, die Übertragung dieser Energie sei die wichtigste und direkteste Hilfe. Alle seine Lehren in Wort und Schrift und die verschiedenen von ihm für gut befundenen Meditationstechniken seien, wie er gelegentlich äußerte, nur für diejenigen, die für die permanent von ihm ausgehende Gnade noch nicht empfänglich waren.

Vieles wurde über Bhagavans Leben, seine Lehren und über die Erlebnisse seiner Devotees mit ihm geschrieben. Es ist jetzt über vierzig Jahre her, daß Bhagavan verstorben ist, und man könnte annehmen, daß so gut wie alles Wesentliche über ihn bereits in der einen oder anderen Form veröffentlicht wurde. Auch ich war dieser Ansicht, bis ich 1987 einen älteren Devotee Bhagavans namens Annamalai Swami interviewte. Ich mußte meine Meinung bald ändern. Im Laufe mehrerer Wochen erzählte er mir so viele interessante unbekannte Geschichten über Bhagavan und die bei ihm lebenden Devotees, daß ich mich entschloß, sie niederzuschreiben und zu veröffentlichen. Annamalai Swami gab mir seine Erlaubnis und las später meine Aufzeichnungen, um zu überprüfen, ob seine Geschichten korrekt wiedergegeben wären. Ich habe seinen Bericht mit eigenen Anmerkungen versehen. Sie erläutern unklare Stellen im Text; einige enthalten auch Hintergrund-Informationen oder wichtige zusätzliche Geschichten, die Annamalai Swami unbekannt waren.

Ich danke Shri S. Sundaram, daß er für mich dolmetschte, Kumara Swami für seine Übersetzung von Annamalai Swamis Tagebuch ins Englische, Satya für die Mitschrift aller Gespräche im letzten Kapitel, dem Shri Ramanasramam für die Erlaubnis, Material aus seinem Fotoarchiv zu verwenden, Nadhia Sutara für seine Hilfe bei der Redaktion des Texts sowie Jagruti und anderen Mitgliedern des Satsang Bhavan, Lucknow, für das Maschineschreiben und die Herstellung des endgültigen Manuskripts.

David Godman, Lucknow, Indien, März 1994

Wie ich zu Bhagavan kam     Top

Ich wurde 1906 in Tondankurichi geboren, einem kleinen Dorf von etwa 200 Häusern. Mein Vater, ein vielseitig begabter Mann, galt dort als eine bedeutende Persönlichkeit. Er wirkte nicht nur als Bauer, sondern auch als Astrologe, Maler und Baumeister; er konnte Statuen anfertigen und gopurams (Tempeltürme) bauen. Bald nach meiner Geburt traf sich mein Vater mit einem anderen Astrologen, um mein Horoskop zu besprechen. Beide kamen zu dem Schluß, daß ich wohl ein Sannyasin werden würde (Hindumönch, der allen Bindungen an Familie und Welt entsagt). Mein Vater war von dieser Voraussage nicht erfreut. Er entschloß sich zu dem Versuch, das Schicksal dadurch abzuwenden, daß er mir eine reguläre Schulbildung versagte. Er meinte, wenn ich nicht ordentlich lesen und ich schreiben lernte, würde ich nie die heiligen Schriften lesen und somit kein Interesse an Gott entwickeln. Weil mein Vater an diese Vorhersage glaubte, erhielt ich nur eine ganz elementare Schulbildung in unserer Dorfschule. Nachdem ich gerade das Alphabet gelernt hatte, wurde ich aus der Schule genommen und mußte fortan meinem Vater bei der Feldarbeit helfen.

Mein Vater befürchtete, ich könnte ohne sein Wissen und seine Zustimmung versuchen, weiter zur Schule zu gehen. Um sicherzugehen, daß ich praktisch ein Analphabet blieb, trug er deshalb meiner Mutter auf: „Wenn er wieder zur Schule geht, dann gib ihm nichts mehr zu essen”

Als ich, kurz nachdem ich aus der Schule genommen wurde, einmal in unser Nachbardorf Vepur kam, hörte ich den Vortrag eines durchreisenden gelehrten Mannes. Er erläuterte den Dorfbewohnern: „Es ist gut, Bildung zu erwerben. Selbst wenn man sich während des Studiums durch Betteln ernähren muß, sollte man soviel lernen wie möglich. Nur durch Bildung können wir Kenntnis von den Geheimnissen des Lebens erlangen.”

Als ich nach Hause kam, beschwerte ich mich bei meinem Vater: „Heute habe ich in Vepur einem Gelehrten zugehört, der über die Wichtigkeit der Bildung sprach. Warum erlaubst du mir nicht, zur Schule zu gehen?”

Mein Vater ging nicht auf mein Anliegen ein. Er erwiderte: „Oh, wir sind einfache Bauern. Wir müssen nicht mehr schreiben können als unseren Namen.”

Weil diese Haltung meines Vaters und seine Antwort mich nicht befriedigten, beschloß ich, auf eigene Faust zu lernen. Ich beschaffte mir zwei Bücher und versuchte, mir selbst das Lesen beizubringen. Das eine enthielt Geschichten über den König Vikramaditya und das andere Verse von Pattinattar (Tamildichter und Heiliger des 9. Jh.). Es ist ein merkwürdiger Zufall, daß einer der ersten Verse, die ich mit Mühe entzifferte, prophetisch den spirituellen Weg zusammenfaßte, dem ich dann den größten Teil meines Lebens zu folgen versuchte:

Wer seinem Heim entsagt, ist millionenmal größer als der Haushälter, auch wenn dieser viele punyas und dharmas (verdienstvolle Taten) verrichtet. Wer seinem begrenzten Gemüt entsagt, ist millionenmal größer als der, der sein Heim verläßt. Wer aber das Gemüt und alle Zweiheit überschritten hat, dessen Größe ist unbeschreiblich.

Obwohl ich nie zuvor solchen Aussagen begegnet war, hatte ich immer eine natürliche Neigung zum spirituellen Leben gefühlt. Niemand hatte je über religiöse Dinge mit mir gesprochen, aber irgendwie wußte ich stets, daß es eine höhere Macht gibt, die Gott heißt, und daß es der Zweck des Lebens ist, diesen Gott zu erreichen. Ohne daß man es mir gesagt hätte, empfand ich intuitiv, daß alles, was ich sah, nicht real war, sondern irgendwie illusorisch. Diese Gedanken und die Idee, daß ich mich an nichts in der Welt fest binden sollte, waren schon in frühester Kindheit Teil meines Bewußtseins.

Ich erinnere mich an einen Vorfall aus meinem sechsten Lebensjahr. Ich war mit meiner Mutter in der Nähe des Dorfes unterwegs, als ein Sadhu in orangefarbener Kleidung vorbeiging.

Ich fragte meine Mutter: „Wann werde ich ein Sannyasin wie er?” Ohne auf eine Antwort zu warten, ging ich auf der Straße hinter dem Sadhu her.

Dabei hörte ich, wie meine Mutter den Frauen aus dem Dorf ihr Mißfallen ausdrückte: „Seht, was für ein Taugenichts er ist Schon so jung will er ein Sadhu sein.”

Wörtlich bedeutet „Sadhu” „edle Person”. Man bezeichnet damit gewöhnlich einen Menschen, der sein ganzes Leben einem hinduistischen spirituellen Weg widmet, besonders, wenn er sein Zuhause dafür verlassen hat. Sannyasins, die um ihres spirituellen Strebens willen alle weltlichen Bindungen förmlich gelöst haben, werden oft Sadhus genannt.

Leider teilte mein Vater nicht meine Vorliebe für Religion. Er verrichtete jeden Tag für eine halbe Stunde eine komplizierte Puja (zeremonielle Verehrung einer Hindu-Gottheit), aber seine Motive waren ganz und gar materialistisch.

Als ich noch ein kleiner Junge war, fragte ich ihn einmal: „Warum machst du jeden Tag diese Puja?”

Er antwortete: „Ich will reich werden, ich will Land besitzen, ich will zu Gold und viel Geld kommen.”

Ich sagte ihm: „All das ist vergänglich. Warum betest du um vergängliche Dinge?”

Mein Vater, erstaunt, daß ich in einem so jugendlichen Alter etwas von diesen Angelegenheiten verstand, fragte:

„Woher weißt du, daß diese Dinge vergänglich sind?”

„Ich weiß es, darum sage ich es dir”, antwortete ich.

Das Wissen war in mir, aber ich konnte es nicht erklären oder rational begründen.

Als mein Vater merkte, daß ich mich für spirituelle Fragen interessierte, versuchte er, mich davon abzubringen. Er legte mir mancherlei Hindernisse in den Weg, und erst viele Jahre später ((ab er schließlich zu, daß ich dafür bestimmt sei, ein Sadhu zu werden.

Als ich noch ziemlich jung war, betrachteten mich die Dorfbewohner als eine Art Glücksmaskottchen. Immer wenn jemand mit dem Bau eines neuen Hauses begann, bat man mich, den ersten Pfosten zu setzen. Man ließ mich das erste Unkraut jäten, wenn die Feldarbeit begann, und bei Hochzeiten ließ man mich die Statue des Ganapati am Anfang der Zeremonie berühren. Als angenehmste Pflicht empfand ich es, Süßigkeiten zu essen. Immer wenn die Leute im Dorf aus besonderem Anlaß Süßigkeiten zubereiteten, lud man mich ein, sie mit ihnen zu teilen. Ich weiß nicht, wann die Dorfbewohner zuerst vermuteten, daß ich ihnen Glück brächte, und wie sie zu dieser Meinung kamen — der Brauch blieb jedoch bestehen, bis ich etwa dreizehn Jahre alt war.

Es scheint, als hätten manche Menschen ungewöhnliches Glück: alles, was sie tun, gelingt und gedeiht. In Tamil Nadu bekommen solche Leute oft den Spitznamen „Goldene Hand”. Sie sind sehr gefragt zum Eröffnen von Festen und Feiern, weil man glaubt, daß alles, was sie anfangen, gelingt.

Auch Ramana Maharshi hatte den Spitznamen „Goldene Hand”. In seiner Jugend spielte er oft mit seinen Freunden Fußball. Es fiel bald auf, daß immer die Mannschaft gewann, in der er spielte. Annamalai Swami muß ähnliches Glück an den Tag gelegt haben, um zum Dorf-Glücksbringer erwählt zu werden.

Ich war nie ein geselliges Kind. Anstatt mich unter die anderen Leute im Dorf zu mischen, suchte ich unbewohnte Stellen auf, wo ich sitzen und mich in innerem Stillsein üben konnte. Mein Lieblingsplatz war ein Vinayaka-Tempel im Wald nahe beim Dorf. Dorthin ging ich oft und betete zu der Gottheit. In jenen Tagen war ich so unbedarft in bezug auf religiöse Gebräuche, daß ich noch nicht einmal wußte, wie man einen Fußfall, eine Prostration vor der Gottheit, vollzieht. Das lernte ich erst, als ich ein kleines Mädchen nachahmte, das vor dem Kultbild im Tempel einen kunstvollen ashtanga namaskaram (Namaskaram = Grußgeste mit gefalteten Händen) ausführte.

Bei der vollendeten Prostration (namaskaram) legt man sich der Länge nach hin, so daß der Körper als Ganzes den Boden berührt.

Bei einem Besuch in Vriddhachalam (Stadt im Bundesstaat Tamil Nadu, Südindien), einem shivaitischen Pilgerort in der Nähe meines Dorfes, wurde ich vertrauter mit religiösen Riten. Ich sah dort, wie einige Brahmanen anushtanas* ausführten, Und bat sie, mich in diese Praktiken einzuführen. Aber sie lehnten ab mit der Begründung, shudras (Angehörige der untersten Kaste) dürften diese Riten nicht ausüben.

*Anushtanas sind religiöse Askeseübungen wie etwa: dreimal täglich ein kaltes Bad zu nehmen, strenges Fasten einzuhalten, auf Medizin zu verzichten, auch im tiefsten Winter nur mit einer Langoti (Lendenschurz) auskommen, keinen Schirm aufzuspannen, wenn es heftig regnet, beim Überqueren eines Gletschers keine Schuhe zu tragen, strenge Enthaltsamkeit (Brahmacharya), siehe auch Japa Yoga

Anushtanas schließen eine Vielzahl von Riten ein, die gewöhnlich von Brahmanen ausgeführt werden. Manche haben eine religiöse Bedeutung, andere dienen nur der persönlichen Hygiene.

Bald darauf sah ich einige nicht-brahmanische Shivaiten (Verehrer Shivas) beim Ausführen derselben Rituale. Sie hatten sie anscheinend aus einem Buch gelernt, das eine genaue Beschreibung der Riten enthielt. Von dieser Gruppe lernte ich die anushtanas und übte sie regelmäßig aus, als ich in mein Dorf zurückkam. Mein Vater hatte mich trotz seiner ziemlich zynischen Einstellung zur Religion schon vorher in den Surya Namaskaram eingeweiht, ein bekanntes Ritual, bei dem man eine Anzahl von Mantras wiederholt und sich dann vor der aufgehenden Sonne verneigt. Dieses Ritual fügte ich denen hinzu, die ich jetzt gelernt hatte.

Ich bezog noch eine weitere Übung ein: immer am ekadashi-Tag (elfter Tag jedes halben Mond-Monats = elf Tage nach Voll- und Neumond) versuchte ich, die ganze Nacht zu meditieren, ohne dabei einzuschlafen. Bald bemerkte ich, daß mich der Schlaf übermannte, wenn ich im Sitzen meditieren Wollte. Ich versuchte es mit Meditation im Gehen, aber auch das erwies sich als Fehlschlag, weil ich selbst beim Gehen dem Schlaf nahe kam. Nach einigem Probieren fand ich heraus, daß ich den Schlaf vertreiben konnte, wenn ich im nahen Fluß badete oder mir Sand auf die Oberschenkel rieb, um Schmerz hervorzurufen. Ich kaute auch manchmal Tabak, weil ich gehört hatte, dies halte das Gemüt in rajaguna (Aktivität) fest.

Nach der Hinduphilosophie besteht die ganze Schöpfung aus einem Wechselspiel dreier gunas oder Eigenschaften: sattva (Harmonie), rajas (Aktivität) und tamas (Trägheit). Diese drei Eigenschaften wechseln sich sich im Gemüt ab. Das Tabak-Kauen regt die rajas-Eigenschaft an und hält das Gemüt somit wach und aktiv.

In meiner Jugend war ich sehr darauf bedacht, nach außen hin fromm zu erscheinen, um meine Anteilnahme am religiösen Leben zu demonstrieren. Ich trug eine weiße Dhoti (Tuch, das wie ein Rock getragen wird), bedeckte meinen Kopf wie Ramalinga Swami (Tamil-Heiliger des 19. Jh.) und rieb eine Menge vibhuti (geweihte Asche) auf Stirn und Körper. Damals fühlte ich mich sehr zu Ramalinga Swami hingezogen: im Dorf hatte ich ein Foto von ihm gesehen und war davon so beeindruckt, daß ich Vadalur, dem Ort seines Samadhi (Grabschrein), einen Besuch abstattete.

Als ich dreizehn oder vierzehn Jahre alt war, erwarb ich ein Exemplar des zehnten Bandes eines Werkes namens Jiva Brahma Aikya Vedanta Rahasya. Aus diesem Buch lernte ich Techniken des pranayama (Yoga-Atemübungen) und fing an, sie im nahen Vinayaka-Tempel zu praktizieren. Die Lektüre dieses Buchs erweckte in mir den Wunsch, die heiligen Schriften gründlicher zu studieren. Normalerweise wäre das für einen Jungen in meiner Lage höchst schwierig gewesen, doch eine ungewöhnliche Verkettung von Umständen erlaubte mir bald, meinen Wunsch zu erfüllen. Der karnam (amtlicher Rechnungsprüfer) in unserem Dorf besaß viele religiöse Bücher, die er von seinem Vater geerbt hatte. Er fand keine Zeit, sie zu lesen, weil er drei Dörfer betreuen mußte. Er war so beschäftigt, daß er an manchen Abenden nicht nach Hause kommen konnte. Seine Gattin, eine sehr religiöse Frau aus Tiruvarur, erlaubte mir, in ihr Haus zu kommen und die Bücher zu lesen. Jeden Tag kochte sie eine Mahlzeit und brachte sie als Opfergabe Ganapati dar, dessen Statue in ihrer Wohnung stand - dann gab sie mir diese zu essen. Sie selbst aß erst, nachdem ich diese Mahlzeit verzehrt hatte. Schließlich zog ich in das Haus des karnam (Rechnungsprüfers) und lebte von den Mahlzeiten, die seine Frau als Opfergabe zubereitete. Meine Eltern mißbilligten meinen religiösen Enthusiasmus; deshalb ging ich nicht mehr nach Hause. Während dieser drei Jahre dauernden Entfremdung habe ich meine Eltern kein einziges Mal besucht.

Als ich die Bücher studierte, gewöhnte ich mir an, laut aus ihnen zu lesen. Es gab viele Bücher zur Auswahl, aber am liebsten waren mir das Kaivalya Navanitam, Schriften über Ramakrishna Paramahansa, die Tevarams von Appar und Jnanasambandhar, das Tiruvachakam und das Bhakta Vijayam.

Kaivalya Navanitam ist ein Werk in Tamil über die Philosophie des Advaita; Ramakrishna Paramahansa, ein bengalischer Heiliger, lebte im 19. Jh.; Appar und Jnanasambandhar waren tamilische Heilige des 6. Jh., deren Hymnen zur Ehre Shivas Tevarams genannt werden; Bhakta Vijayam heißt eine Sammlung von Geschichten über berühmte Heilige aus Maharashtra.

Meine Lesungen zogen bald ein paar Dorfbewohner mit spirituellen Neigungen an. Nach einigen Wochen besuchten etwa zehn Leute das Haus regelmäßig, um mir zuzuhören. Jeden Abend von 6 bis 10 Uhr las ich Auszüge aus diesen Büchern. Nach jeder Lesung sprachen wir über die Bedeutung und den tieferen Sinn der Texte.

Einige Dorfbewohner gingen zu meinem Vater und erzählten ihm, daß ich die heiligen Schriften studiere und sie anderen erkläre. Mein Vater war überrascht, das zu hören, denn er hatte angenommen, ich könne noch immer kaum lesen. Er beschloß, die Sache selbst zu überprüfen, und kam, um heimlich einer unserer Abendsitzungen beizuwohnen.

Danach muß er wohl gesagt haben: „Ich kann ihn nicht mehr dazu bringen, daß er mir gehorcht. Also werde ich ihn einfach Gott überlassen.”

Die Frau des karnam war bei den meisten unserer Treffen dabei. Sie entwickelte ein starkes Interesse an den Werken, die wir rezitierten, wurde Vegetarierin und verlor alles Interesse an weltlichen Dingen. Unglücklicherweise verlor sie auch das Interesse an ihrem Mann.

Eines Abends nahm er mich zur Seite und sagte verärgert: „Durch den Kontakt mit dir ist meine Frau wie ein Swami geworden. Sie hat überhaupt keine Wünsche mehr. Ich will dich nicht mehr in meinem Haus haben. Du mußt zusehen, daß du anderswo unterkommst.”

Die anderen Devotees hatten die Worte des karnam gehört.

Einer von ihnen sagte zu mir: „Wir müssen unsere Lesungen nicht unbedingt hier halten. Wir können einen anderen Treffpunkt finden.”

Zuerst dachten wir daran, für unsere Treffen eine einfache Hütte aus Kokospalmblättern zu errichten, aber am Ende des Abends hatten wir uns entschlossen, einen richtigen math zu bauen.

Maths sind im Hinduismus Einrichtungen zur Erinnerung an einen Heiligen, zum Singen religiöser Lieder, zur Meditation usw. Die größeren, in denen gewöhnlich eine Gruppe von Sadhus lebt, ähneln Klöstern oder Ashrams.

Jeder von uns verpflichtete sich zu einem finanziellen Beitrag für das Vorhaben, und in kurzer Zeit entstand der Shivaram Bhajan Math. Ich zog in den math, sobald der Bau fertig war, und setzte dort mein Sadhana (geistige Übungen) fort, indem ich bhajans (spirituelle Gesänge) leitete und aus Büchern verschiedener Heiliger vorlas.

Dann baute ich einen tannir pandal (Küche zur freien Beköstigung von Reisenden und armen Leuten) an der Hauptstraße, die durch unser Dorf führt. Mit Hilfe einiger Devotees sammelte ich Geld, um täglich Sadhus und Reisende mit kanji (Reissuppe) zu beköstigen.

Kurz nachdem ich mich in dem math niedergelassen hatte, machten meine Eltern einen letzten Versuch, mich vom spirituellen Leben abzubringen.

Weil ich damals etwa siebzehn Jahre alt war, dachten sie: „Wenn wir nicht bald handeln, wird er bestimmt ein Sannyasin. Doch wenn wir ein Mädchen für ihn finden, das er heiratet, wird er vielleicht ein normaler Familienvater und gibt diese spirituellen Betätigungen auf. Vielleicht lebt er dann wie wir anderen alle.”

Ohne sich die Mühe zu machen, meine Meinung einzuholen, suchten sie ein Mädchen, arrangierten alles mit dessen Familie und besorgten dann das Nötige für eine Hochzeitsfeier. Ich hörte dies von einer der Devotees, die regelmäßig zum Bhajan Math kamen. Darauf ließ ich meine Eltern wissen, daß sie mit den Hochzeitsvorbereitungen aufhören sollten, denn ich hätte nicht die Absicht zu heiraten.

Diese unumwundene Weigerung, meinen Eltern in einer so wichtigen Angelegenheit zu gehorchen, rief eine ernste Krise im Dorf hervor. Viele der Dorfbewohner kamen zu dem Schluß, ich sei verrückt, teils weil ich mich weigerte zu heiraten, teils weil ich darauf beharrte, die ganze Zeit mit dem Denken an Gott und mit bhajan-Singen zu verbringen. Eine Anzahl dieser Leute (meine Eltern waren nicht dabei) hielten eine Versammlung ab und beschlossen, meine Verrücktheit gewaltsam zu heilen. Sie holten mich vom Bhajan Math ab, brachten mich zu einem nahegelegenen See, fügten mir eine große Schnittwunde am Scheitel zu und fingen an, Zitronensaft hineinzureiben. Dies sollte eine Kur gegen Verrücktheit sein. Dann begannen sie, eimerweise kaltes Wasser über meinen Kopf zu schütten. Ich schätze, sie gossen etwa fünfzig Eimer Wasser über mich. Während sie mich auf diese Weise badeten, verhielt ich mich still und übte pranayama, um die Kälte nicht so stark zu spüren. Ich sah ein, daß Widerstand zwecklos war. Als die Dorfbewohner merkten, daß ich nicht auf ihre Behandlung reagierte, waren sie noch fester von meiner Verrücktheit überzeugt. Nachdem die Prozedur schließlich ein Ende fand, brachten sie mich in eines der Häuser im Dorf. Dort bereiteten sie einen sambar (scharfe Sauce) aus bitterem Kürbis und gaben ihn mir zu essen, denn sie glaubten, bitterer Kürbis sei ein weiteres Mittel gegen Verrücktheit. Ungefähr hundert Leute hatten sich versammelt, um dem Geschehen zuzuschauen.

Während ich aß, sagte einer von ihnen: „Du bist ein guter Junge aus einer guten Familie, aber du bist verrückt geworden.”

Da war meine Geduld endgültig zu Ende.

„Ich bin nicht verrückt”, rief ich verärgert. „Laßt mich bitte in Ruhe Sagt diesen Leuten, sie sollen aufhören, um mich herumzustehen, und gebt mir ein Zimmer, in dem ich allein sein kann.”

Ich erwartete keine Reaktion, außer vielleicht einer weiteren „Behandlung”, aber zu meiner Überraschung erfüllten sie meine Forderung und erlaubten mir, mich in eins der Zimmer im Haus zurückzuziehen. Bevor sie ihre Meinung wieder ändern konnten, verriegelte ich die Tür und legte mich auf den Boden, um auszuruhen und mich von der Tortur zu erholen.

Wenig später stand ich auf und versuchte zu meditieren. Während ich dort saß, hörte ich, wie der Dorfvorsteher hinter der Tür über meinen Fall sprach.

„Wenn ihr einverstanden seid, will ich von dem Jungen das Versprechen einholen, daß er heiraten und ein normales Leben führen wird. Unsere Behandlungen haben seine Verrücktheit jetzt vielleicht vertrieben.”

Er klopfte an die Tür, und ich ließ ihn ein.

Vor mir stehend, sagte er sehr bestimmt: „Weil du jetzt nicht mehr verrückt bist, versprich mir bitte, daß du wie wir anderen heiraten und ein normales Familienleben führen wirst”

Ich entgegnete: „Ich verspreche Euch statt dessen, daß ich ein Sannyasin werde.”

Dabei klatschte ich in die Hände, um ihm zu zeigen, wie ernst es mir war, und um das Versprechen zu besiegeln. Der Mann ging ohne ein weiteres Wort hinaus.

Ich hörte ihn draußen ausrufen: „Ayo (südindischer Ausruf, der Schreck oder Überraschung ausdrückt). Ich bat ihn, das eine zu versprechen, aber er versprach das genaue Gegenteil.”

Meine Familie nahm keine Notiz von meinem Gelöbnis. Ich hörte von einer Frau, die mich besuchte, daß mein Vater noch immer heimlich Pläne für die Hochzeit schmiedete. Daher hielt ich nun die Zeit für gekommen, selbst zu handeln. Als erstes schrieb ich dem Mädchen, das mich heiraten sollte:

„Ich habe vor, Sannyasin zu werden. Ich will mich nicht in das Leben eines Haushälters verstricken. Denke also nicht, daß du mich heiraten wirst Das würde nur zu Schwierigkeiten für dich führen.”

Ich ließ jemanden das Schreiben zu ihr bringen. Am selben Tag flüchtete ich aus dem Haus und machte mich auf nach Chidambaram (berühmtes religiöses Zentrum in Südindien).

Ich hatte vor, dort sannyasa zu nehmen, aber ich vollzog es auf formlose Weise. Weil ich niemanden um die Einweihung bitten wollte, tat ich alles selbst.

Sannyasa ist das vierte und letzte Lebensstadium für einen orthodoxen Hindu. Man entsagt darin allen Bindungen an Familie und Welt, um seine ganze Zeit dem Streben nach Vereinigung mit Gott oder nach Erleuchtung widmen zu können. Genaugenommen sollte man nicht Sannyasin werden, solange man nicht von seinem Guru oder vom Oberhaupt eines der etablierten Sannyasin-Orden eingeweiht worden ist. Diese Regel wird jedoch oft außer acht gelassen.

Ich nahm ein Bad im Fluß, ließ mir die Haare scheren, legte mir eine Kette aus Rudrakshasamen um den Hals und kleidete mich mit einer kurzen Dhoti und einem Handtuch. In dieser neuen Kleidung ging ich in mein Dorf zurück und ließ alle wissen, ich sei jetzt ein Sannyasin. Mein neues Erscheinungbild überzeugte meine Eltern zu guter Letzt davon, daß ich es ernst meinte und daß ich nicht die Absicht hatte zu heiraten. Nach langem Zögern gaben sie alle Heiratspläne auf, denn sie wußten, daß Sannyasins ihr ganzes Leben im Zölibat verbringen.

Ich nahm meine alte Lebensweise wieder auf. Auch machte ich Pläne für den kumbhabhishekam (Einweihungszeremonie) des math. Ich lud mehrere Gruppen von bhajan-Sänger aus umliegenden Dörfern ein und überredete sogar meine Eltern, alles zu spenden, was sie für meine Hochzeit gekauft hatten. Die von ihnen gestifteten Lebensmittel erlaubten mir, etwa vierhundert Leute zu bewirten. Die anderen Devotees, die zum Bau des Bhajan Math beigetragen hatten, beschafften Buttermilch, ragi (eine Art Hirse) und Reissuppe für alle, die kamen. Am Tag des kumbhabhishekam (der Einweihung) zogen die bhajan-Sänger in einer Prozession durch unser Dorf und sangen in jeder Straße. Als die Feierlichkeiten schließlich in vollem Gang waren, führte ich eine eigene private Zeremonie aus. Ich vollzog die pada Puja („Verehrung der Füße”) für meine Eltern und bat sie förmlich um ihre Erlaubnis, Sadhu zu werden.

Pada Puja ist eine Zeremonie, in der man die Füße einer anderen Person rituell verehrt. Normalerweise führt man die pada Puja als Zeichen großen Respekts für einen Guru oder Swami aus. Sie kann aber auch Eltern oder älteren Familienmitgliedern gelten, wenngleich dies viel weniger üblich ist.

Ich bat meine Eltern auch um ihren Segen für den Erfolg meiner Spirituellen Laufbahn. Beide gaben mir ihre Erlaubnis und ihren Segen. Sie versuchten nie wieder, mich vom spirituellen Weg abzubringen.

Ein paar Wochen später hörte ich, daß der Shankaracharya von Kanchipuram auf einer seiner Fahrten durch unser Dorf kommen sollte. Es handelt sich um denselben Shankaracharya, der Paul Brunton zu Bhagavan (Ramana Maharshi) schickte.

Ramana Maharshi wurde in den dreißiger Jahren außerhalb Indiens durch ein erfolgreiches Buch des britischen Journalisten Paul Brunton über indische Heilige und Gurus bekannt („A Search in Secret India”). Brunton kam zum Maharshi, nachdem der Shankaracharya von Kanchipuram ihm das 1930 empfohlen hatte. Der Shankaracharya starb im Januar 1994 im Alter von neunundneunzig Jahren, als ich gerade das endgültige Manuskript für dieses Buch fertigstellte.

Shankaracharya Bhagavatpada, der im 9.Jh. die Philosophie des Advaita popularisierte, gründete fünf maths, um seine Lehre zu verbreiten und um die Hindu-Orthodoxie zu festigen. Einer von ihnen befindet sich in der südindischen Stadt Kanchipuram. Jeder dieser maths hat eine ununterbrochene Reihe von Lehrern, die sich bis zum ursprünglichen Shankaracharya zurückverfolgen läßt. Das Oberhaupt eines jeden dieser maths nimmt zu Beginn seiner Amtsperiode den Titel eines Shankaracharya an. Der Shankaracharya, den Annamalai Swami traf, wird weithin als einer der Heiligen des modernen Indiens angesehen.

Als ich diese Neuigkeit hörte, faßte ich den Plan, den Shankaracharya zu einem kurzen Aufenthalt im Dorf zu veranlassen, um seinen Darshan zu bekommen.

Darshan bedeutet (anschauen oder ein offizielle Treffen von Schüler und Meister). Im religiösen Kontext bedeutet es, die Statue einer Gottheit im Tempel oder einen Heiligen zu sehen.

Ich wußte, daß sein Gefolge aus vielen Menschen und Tieren bestand, und hielt es daher für das Beste, sie mit Essen und Wasser zu versorgen, denn dann müßten sie alle eine Weile anhalten, um meine Gaben zu verzehren.

Am festgesetzten Tag bereitete ich eine große Menge Buttermilch und kanji (Tee) für die begleitenden Brahmanen zu. Ich legte auch einen Vorrat an grünen Blättern an, um die Pferde und Elefanten füttern zu können. Als die Prozession sich dem Dorf näherte, eilte ich an ihr entlang und verteilte grüne Blätter und kanji. Der Shankaracharya wurde in einer Sänfte getragen. Ich konnte ihn nicht sehen, weil die Fenster mit Vorhängen verhängt waren. Als ich den Trägern der Sänfte kanji anbot, hielten sie an, um meine Gabe zu verzehren. Daraufhin öffnete der Shankaracharya die Vorhänge, um zu sehen, weshalb es nicht weiterging. Sofort vollzog ich vor ihm eine Prostration.

Er schaute mich einige Augenblicke lang schweigend an und sagte dann: „Eine Meile weiter werde ich eine Zeitlang rasten. Du kannst dorthin kommen und mich sehen.”

Knapp zwei Kilometer von unserem Dorf entfernt lag das Städtchen Vepur. Ich erfuhr von jemandem aus seinem Gefolge, daß dort für eine Mahlzeit vorgesorgt sei und daß der Shankaracharya sich im Gästehaus von Vepur aufhalten werde.

In unserem Dorf lebte ein Polizeiwachtmeister, ein redlicher Devotee. Als wir hörten, daß der Shankaracharya in Vepur rasten würde, gingen wir zusammen dorthin, um ihn zu sehen. Der Shankaracharya war von einer großen Menschenmenge umgeben, aber es gelang mir doch, so nahe an ihn heranzukommen, daß ich seine Füße berühren konnte.

Seine brahmanischen Diener machten mir Vorwürfe: „Nur Brahmanen dürfen ihn berühren”, aber der Shankaracharya brachte sie zum Schweigen: „Er ist ein Brahmachari und Sadhu, deshalb macht es nichts aus.”

Als brahmachari gilt ein enthaltsam lebender Schüler, der sich geistigen Studien widmet. Brahmacharya ist die erste der vier ashramas genannten traditionellen Lebensstufen im Hinduismus. Wenn sie abgeschlossen ist, schreitet der Schüler meist in die zweite Lebensstufe weiter - die eines verheirateten Hausvaters. Manche ernsthaft geistig Strebenden lassen diese Stufe aus und bleiben ihr Leben lang ehelos lebende Sadhus.

Eine der Hauptaufgaben der Shankaracharyas liegt darin, die traditionellen Lehren des Hinduismus zu bewahren und ihnen Geltung zu verschaffen. In den zwanziger Jahren war dies mit einer strengen Beachtung der Kastengesetze verbunden, nach denen körperlicher Kontakt zwischen Brahmanen und Angehörigen niedriger Kasten oder Kastenlosen zu ritueller Verunreinigung führt. Sadhus und Sannyasins stehen nach verbreiteter Auffassung außerhalb der Kastenordnung; deshalb gelten die Regeln über Verunreinigung für sie nicht.

Heute werden die Regeln über den sozialen Verkehr und Körperkontakt zwischen verschiedenen Kasten kaum noch beachtet, wenngleich einige traditionsbewußte Brahmanen sich weiterhin nach ihnen richten.

Weil der Shankaracharya mir freundlich gesonnen schien, bat ich ihn, mich einzuweihen und mir Upadesha (spirituelle Belehrung) zu gewähren. Er gab mir das Mantra Shivaya Namah zur Wiederholung und trug mir auf, es hunderttausendmal zu schreiben. Hierauf ging ich in mein Dorf zurück und begann, seine Weisungen zu befolgen. Ich kaufte mir mehrere Notizhefte und schrieb sie mit dem Mantra voll. Danach praktizierte ich Japa (stetiges Wiederholen) mit dem Mantra und meditierte auch damit.

Irgendwann im Jahr 1928, als ich einundzwanzig Jahre alt war, kam ein wandernder Sadhu durch unser Dorf. Er gab mir ein Exemplar von Upadesha Undiyar mit einem Foto von Shri Ramana Maharshi darin. Sobald ich das Foto sah, hatte ich das Gefühl, dies sei mein Guru. Zugleich erwachte ein intensives Verlangen in mir, aufzubrechen und ihn zu sehen.

Upadesha Undiyar ist ein philosophisches Gedicht mit 30 Versen, das Ramana Maharshi in Tamil verfaßt hatte. Es wurde zuerst 1921 veröffentlicht, etwa ein Jahr bevor Annamalai Swami es zu sehen bekam. Upadesha Saram ist Shri Ramanas Übertragung dieses Werks ins Sanskrit. Bei manchen der englischen Übersetzungen, die unter dem Titel Upadesha Saram erschienen sind, handelt es sich in Wahrheit um Übersetzungen des ursprünglichen Tamil-Gedichts Upadesha Undiyar.

In dieser Nacht hatte ich einen Traum, in dem ich Ramana Maharshi sah, wie er von den niedriggelegenen Hängen des Arunachala zur alten Halle schritt. An der Schwelle der alten Halle wusch er sich mit Wasser aus dem kannenähnlichen Gefäß, das er stets mit sich führte, die Füße. Ich ging zu ihm, streckte mich zu seinen Füßen aus und fiel dann in eine Art Ohnmacht, weil sein Darshan mich zu stark erschütterte. Als ich mit offenem Mund auf dem Boden lag, goß Bhagavan mir Wasser aus seiner Kanne in den Mund. Ich erinnere mich, daß ich die Worte „Mahadeva, Mahadeva” (ein Name Shivas) wiederholte, als mir das Wasser in den Mund floß. Bhagavan sah mich ein paar Sekunden lang an; dann wandte er sich ab, um in die Halle zu gehen.

Mit „Halle” und „alter Halle” sind die Gebäude gemeint, in denen Shri Ramana von 1928 bis in die späten vierziger Jahre lebte und lehrte. Das Sanskritwort „Bhagavan” bedeutet „Herr” im Sinne von „persönlicher Gott”. Die meisten Devotees redeten Shri Ramana mit „Bhagavan” an und verwendeten diesen Titel auch, wenn sie über ihn sprachen.

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Als ich am nächsten Morgen aufwachte, entschloß ich mich, unverzüglich zu Bhagavan zu gehen und seinen Darshan zu erhalten. Ich teilte meinen Eltern mit, daß ich vorhätte, das Dorf zu verlassen; dann ging ich zum Bhajan Math und verabschiedete mich dort von allen Leuten. Einige von ihnen begannen zu weinen, weil sie den Verdacht hegten, ich würde nicht zurückkommen. Ich erbat und erhielt ihre Erlaubnis fortzugehen und verließ das Dorf am selben Abend. Nie wieder kehrte ich dorthin zurück. Einige Devotees wußten, daß ich nichts hatte, um meinen Unterhalt zu bestreiten. Sie sammelten etwas Geld und gaben es mir als Abschiedsgeschenk.

Ich beschloß, in die vierzig Kilometer entfernte Stadt Ullunder-pettai zu gehen, weil ich gehört hatte, von dort gebe es einen Zug nach Tiruvannamalai, wo Ramana Maharshi lebte. Bevor ich mich auf den Weg machte, kam eine Kolonne von zwölf Ochsenkarren auf dem Weg nach Ullunderpettai durch unser Dorf. Die Devotees sprachen mit einem der Fuhrleute und verschafften mir einen Platz auf seinem Karren. Die Fahrt dauerte die ganze Nacht, aber ich war viel zu erregt, um zu schlafen. Ich verbrachte die ganze Zeit auf dem Karren sitzend in Gedanken an Bhagavan.

In Ullunderpettai teilte ich meinen Proviant mit den Karrenführern, bevor ich in den Zug nach Tiruvannamalai stieg. Ursprünglich wollte ich geradewegs dorthin fahren, aber als ich von einem Fahrgast erfuhr, daß der Shankaracharya nahe einer der Städte an der Bahnlinie lagere, beschloß ich, ihn zuerst aufzusuchen und seinen Segen zu erbitten. Ich stieg in Tirukoilur (24 Kilometer südlich von Tiruvannamalai) aus und erreichte von dort aus Pudupalayam, das Dorf, in dem der Shankaracharya sich aufhielt. Ich fand ihn, grüßte ihn mit namaskaram und sagte ihm, daß ich in Vepur seinen Darshan gehabt hätte.

Beim Namaskaram vollzieht man entweder eine Prostration (Kniefall, Niederwerfung), oder man legt seine Handflächen vor der Brust zusammen. In diesem Buch ist immer die erste Bedeutung gemeint.

Der Shankaracharya schaute mich ein paar Sekunden lang an; dann sagte er mit einem Lächeln des Wiedererkennens: „Ja, ich erinnere mich an dich.”

„Ich bin auf dem Weg zu Ramana Bhagavan”, teilte ich ihm mit, „segnet mich bitte”

Der Shankaracharya schien sehr erfreut über diese Nachricht: „Sehr gut” rief er aus.

Er wandte sich an einen seiner Begleiter und ließ ihn etwas zu essen für mich bringen. Nachdem ich gegessen hatte, streute der Shankaracharya ein wenig vibhuti auf einen Teller und streckte seine Hand segnend darüber aus. Dann legte er eine halbe Kokosnuß und elf Silbermünzen dazu und reichte mir den Teller. Ich nahm Geld, vibhuti und Kokosnuß und gab ihm den Teller zurück. Nun empfand ich, daß ich den erwünschten Segen erhalten hatte. Ich verneigte mich vor ihm, verließ das Dorf und setzte meine Reise fort.

Bei meiner Ankunft in Tiruvannamalai hörte ich, daß ein anderer großer Heiliger namens Seshadri Swami dort lebe und daß es sehr glückverheißend wäre, seinen Darshan zu bekommen, bevor ich zum Ramanasramam ginge, dem Ashram, in dem Ramana Maharshi lebte.

Seshadri Swami kam wie Ramana Maharshi in seiner Jugend zum Arunachala und blieb bis an sein Lebensende dort. Auf seinen Streifzügen in der Gegend von Tiruvannamalai legte er meist ein so exzentrisches Verhalten an den Tag, daß viele ihn für verrückt hielten. Aber die Bewohner von Tiruvannamalai hatten vor ihm größten Respekt wegen seiner erstaunlichen übernatürlichen Kräfte, die er offen zur Schau stellte. Zwar nutzte er einige dieser Kräfte auf herkömmliche Art, beispielsweise für wunderbare Heilungen, doch neigte er mehr dazu, sie auf bizarre und unberechenbare Weise zu demonstrieren. Manchmal verwüstete er etwa Geschäfte im Basar von Tiruvannamalai. Den Ladenbesitzern war sein zerstörerisches Wirken recht, weil sie aus Erfahrung wußten: der Schaden würde in den kommenden Wochen durch einen hohen Anstieg der Gewinne oder durch Rückfluß längst abgeschriebener Darlehen mehr als ausgeglichen.

Als Ramana Maharshi 1896 nach Tiruvannamalai kam, war Seshadri Swami einer der ersten, die seine Größe erkannten. Er versuchte Bhagavan vor unerwünschten Störungen zu schützen und nannte ihn manchmal seinen jüngeren Bruder.

Bhagavan hatte eine hohe Meinung von Seshadri Swami. Als Annamalai Swami Bhagavan über seine Begegnung mit Seshadri Swami berichtete (die in den nächsten Absätzen des Berichts von Annamalai Swami beschrieben wird), kommentierte Bhagavan: „In dieser Stadt gibt es keine Stelle, die Seshadri Swami nicht besucht hätte, aber er hat sich nie in maya (Illusion) verfangen .”

Seshadri Swami starb im Januar 1929, wenige Monate nach Annamalai Swamis Ankunft in Tiruvannamalai. Sein Samadhi (Grab), der bis heute viele Menschen anzieht, ist etwa 400 Meter vom Ramanasramam entfernt.

In seinem Bericht über ihre Begegnung erwähnt Annamalai Swami, daß er Seshadri Swami in einem Mandapam traf. Ein Mandapam ist eine meist von steinernen Säulen getragene Halle. Es hat immer ein Dach, aber die Seiten sind gewöhnlich offen.

Seshadri Swami wohnte an keiner bestimmten Stelle, aber ich konnte ihn bald in einem Mandapam nahe dem Haupttempel entdecken. Es war leicht, ihn zu finden, weil sich 40 bis 50 Leute vor dem Mandapam drängten. Sie warteten darauf, daß er herauskäme. Anscheinend hatte er sich eingeschlossen. Als ich einen Blick durch ein Fenster warf, sah ich, wie er innen ständig eine der Säulen umkreiste. Nach etwa zehn Minuten kam er heraus und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf einen Felsen. Ich hatte einen Laddu (kugelförmige Süßigkeit) mitgebracht, den ich ihm geben wollte, aber ich wußte nicht, wie. Seshadri Swami muß mein Zögern gespürt haben, denn er schaute mich an und bedeutete mir mit einer Handbewegung, den Laddu vor ihm auf den Boden zu legen.

Seshadri Swami kaute offensichtlich gerade Betel.

Betel ist eine harte, dunkelrote Nuß. Ihr Saft soll verdauungsfördernd wirken. Sie wird oft, eingerollt in ein mit Kalkpaste bestrichenes grünes Blatt, gekaut.

Eine Mischung aus dem roten Saft und seinem Speichel rann ihm aus dem Mund, sickerte durch seinen Bart und tropfte zu Boden. Seshadri Swami hob meinen Laddu auf, beschmierte ihn mit dem Saft aus Speichel und Betel, der seinen Bart färbte, und warf ihn auf die nahe Straße. Als er dort auseinanderbrach, stürzten sich die Leute auf die Stücke und sammelten sie als Prasad auf. Auch mir gelang es, ein Stück aufzuheben und zu essen.

Alle Gaben für eine Gottheit oder einen Heiligen werden zu Prasad, wenn sie dem Spender zurückgegeben oder an andere verteilt werden. Speisen sind die üblichste Form von Prasad.

Eine Gruppe von Leuten aus Tiruvannamalai schien auf Seshadri Swami böse zu sein. Er brachte sie zum Schweigen, indem er Steine in ihre Richtung warf. Statt in einer normalen Bahn zu fliegen, hüpften und tanzten diese Steine den Leuten, auf die er gezielt hatte, wie Schmetterlinge um die Köpfe. Sie bekamen es mit der Angst zu tun und liefen weg. Offensichtlich wollten sie sich nicht mit einem Mann anlegen, der übernatürliche Kräfte dieser Art besaß.

Als ich zurückkam und wieder vor Seshadri Swami stand, begann er mich ausfallend zu beschimpfen:

„Dieser Narr ist nach Tiruvannamalai gekommen Wozu ist er hierhergekommen?”

In diesem Ton fuhr er eine Weile fort und stellte klar, daß mein Kommen nach Tiruvannamalai Zeitverschwendung sei. Ich dachte, ich hätte eine große Sünde begangen, weil ein großer Heiliger mich so beleidigte, und fing an zu weinen, denn ich glaubte, ich wäre verflucht worden.

Schließlich kam ein Mann namens Manikka Swami, Seshadri Swamis Begleiter, zu mir und tröstete mich. Er sagte: „Deiner Reise nach Tiruvannamalai wird Erfolg beschieden sein. Du wirst erlangen, wofür du hergekommen bist. Dies ist Seshadri Swamis Art, dich zu segnen. Wenn er Leute so beschimpft, segnet er sie in Wirklichkeit.”

Manikka Swami brachte mich zu einem kleinen Hotel, das einem Devotee von Seshadri Swami gehörte.

Er sagte dem Besitzer: „Seshadri Swami hat diesen Mann gerade mit seinem Segen überschüttet. Gib ihm bitte eine kostenlose Mahlzeit”

Ich war nicht besonders hungrig, aber der Besitzer bestand darauf, daß ich mich setzte und etwas äße. Als ich genug gegessen hatte, um ihn zufriedenzustellen, stand ich auf und legte das letzte Stück Weg zum Ramanasramam zu Fuß zurück.

Ich kam dort gegen ein Uhr mittags an. Als ich mich der Halle näherte, wurde ein Teil des Traums, den ich in meinem Dorf gehabt hatte, Wirklichkeit. Ich sah, wie Bhagavan den Hügel herunterkam, durch den Ashram schritt und vor der Halle stehenblieb, um seine Füße mit Wasser aus seinem kamandalu (Wasserkanne) zu waschen. Dann ging er hinein. Ich spritzte ein wenig von seinem Wasser auf meinen Kopf, trank einen Schluck davon und betrat dann die Halle, um ihm gegenüberzutreten. Bhagavan saß auf seiner Couch, während ein Helfer namens Madhava Swami ihm mit einem Tuch die Füße abtrocknete. Ein paar Minuten später ging Madhava Swami hinaus und ließ mich allein mit Bhagavan in der Halle zurück. Ich hatte eine Packung Rosinen und ein paar Süßigkeiten für ihn gekauft. Die legte ich auf ein Tischchen neben Bhagavans Sofa und streckte mich dann vor ihm aus. Beim Aufstehen bemerkte ich, wie er ein bißchen von meiner Gabe aß. Als ich sah, wie er es hinunterschluckte, kam es mir vor, als gelangte meine Gabe geradewegs in Shivas Magen.

Ich setzte mich, und Bhagavan schaute mich zehn bis fünfzehn Minuten lang schweigend an. Während er mich ansah, empfand ich eine große körperliche Leichtigkeit und Entspannung. Ich spürte, wie eine wunderbare Kühle meinen Leib durchdrang. Es war wie ein Bad in erfrischendem Wasser nach einem Aufenthalt im Freien unter heißer Sonne.

Ich bat um die Erlaubnis zu bleiben, und dies wurde mir bereitwillig gewährt. Man überließ mir eine kleine Hütte, und dort wohnte ich in der ersten Woche als Gast des Ashrams. Während dieser ersten Tage sammelte ich entweder Blumen für die Pujas oder saß einfach bei Bhagavan in der Halle.

Im Lauf der Tage festigte sich meine Überzeugung immer mehr, daß Bhagavan mein Guru sei. Ich hatte das starke Verlangen, mich hier niederzulassen, und fragte Chinnaswami, Bhagavans jüngeren Bruder, ob ich im Ashram arbeiten dürfe. Chinnaswami willigte ein und sagte, ich könne als Bhagavans persönlicher Helfer dienen. Damals tat Madhava Swami diese Arbeit allein.

Chinnaswami fügte hinzu: „Zur Zeit ist Madhava Swami der einzige Helfer. Immer wenn er die Halle verläßt oder eine Pause macht, mußt du bei Bhagavan bleiben und dich um seine Bedürfnisse kümmern.”

Etwa zehn Tage nach meiner Ankunft fragte ich Bhagavan: „Wie kann man Leid vermeiden?”

Dies war die erste spirituelle Frage, die ich ihm stellte.

Bhagavan antwortete: „Erkenne das Selbst und halte immer daran fest. Schenke Körper und Verstand keine Beachtung”

Dann fragte ich ihn, wie ich Selbstverwirklichung erlangen könne, und er gab mir eine ähnliche Antwort: „Wenn du aufhörst, dich mit dem Körper zu identifizieren, und über das Selbst meditierst, das du bereits bist, erlangst du Selbstverwirklichung.”

Als ich über diese Worte nachdachte, überraschte mich Bhagavan mit der Bemerkung: „Ich habe auf dich gewartet und war neugierig, wann du kommen würdest.”

Als Neuankömmling scheute ich mich noch, ihn zu fragen, wie er das gewußt oder wie lange er gewartet habe. Aber ich war froh, dies zu hören, denn es wies ja darauf hin, daß es meine Bestimmung sei, bei ihm zu bleiben.

Ein paar Tage später stellte ich eine weitere Frage: „Wissenschaftler haben Flugzeuge erfunden und hergestellt, mit denen man sehr schnell die Ozeane überqueren kann. Warum machst du kein spirituelles Flugzeug und gibst es uns, damit wir das Meer des samsara schnell und leicht überqueren können?”

Samsara ist der scheinbar endlose Kreislauf von Geburt und Tod durch viele Inkarnationen. Es bedeutet auch, die Welt als Illusion zu betrachten; außerdem versteht man darunter Verstrickung in weltliche Angelegenheiten.

„Der Weg der Selbsterforschung”, erwiderte Bhagavan, „ist das Flugzeug, das du brauchst. Es ist direkt, geschwind und leicht zu handhaben. Du reist bereits sehr schnell auf die Verwirklichung zu; der scheinbare Stillstand kommt nur durch dein Gemüt zustande. Als die Leute einst zum erstenmal mit dem Zug fuhren, meinten manche, die Bäume und das Land bewegten sich, und der Zug stünde still. So ist es jetzt auch mit dir. Dein Gemüt will dich glauben machen, du bewegtest dich nicht zur Selbstverwirklichung hin.”

Bhagavans Lehren gehören zu der Schule indischer Philosophie, die als Advaita Vedanta bekannt ist. (Er selbst würde jedoch sagen, daß seine Lehren viel mehr aus seiner eigenen Erfahrung stammten als aus Gehörtem oder Gelesenem.) Bhagavan und andere Vertreter des Advaita lehren, daß der Atman (das Selbst) oder das Brahman (das Absolute) die einzig existierende Realität sei und daß alle Erscheinungen unteilbare Manifestationen innerhalb dieser Wirklichkeit bildeten. Das höchste Lebensziel besteht nach Bhagavan und anderen Lehrern des Advaita dann, die lllusion zu überwinden, man sei eine getrennte Persönlichkeit, die durch Körper und Gemüt in einer Welt separater, miteinander in Wechselwirkung stehender Objekte wirkt. Sobald man dies erreicht hat, erkennt man, was man wirklich ist: reines, gestaltloses Bewußtsein. Dieser höchste Bewußtseinszustand, als Selbstverwirklichung bekannt, kann nach Bhagavans Ansicht durch das Praktizieren der Methode erreicht werden, die er Selbsterforschung nannte.

Diese Methode muß ein wenig ausführlicher erklärt werden, weil sie in Annamalai Swamis Bericht mehrfach erwähnt wird. Die folgende Erläuterung faßt die Praxis und die ihr zugrundeliegende Tlieorie zusammen. Sie ist dem Buch No Mind — I am the Self, S. 14-15, entnommen.

 

Ramanas grundlegende These lautet: Individualität ist nichts anderes als ein Gedanke oder eine Vorstellung. Dieser Gedanke, den er den „Ich-Gedanken” nennt, entstammt nach seiner Aussage dem Herz-Zentrum, das er auf der rechten Brustseite im menschlichen Körper lokalisiert. Von dort steigt der „Ich”-Gedanke zum Gehirn auf und identifiziert sich mit dem Körper: „Ich bin dieser Körper. Er erschafft dann die Illusion, es gebe ein Gemüt oder ein individuelles Selbst, das im Körper wohnt und alle seine Gedanken und Handlungen kontrolliert. Der „Ich”-Gedanke erreicht das, indem er sich mit allen Gedanken und Wahrnehmungen im Körper identifiziert. Zum Beispiel: „Ich” (d. h. der „lch”-Gedanke) tue dies, „ich” denke das, „ich” bin glücklich usw. Also entsteht aus dem „Ich”-Gedanken die Vorstellung, man sei eine individuelle Persönlichkeit; und sie wird am Leben erhalten durch die Gewohnheit des „Ich”-Gedankens, sich ständig an alle aufsteigenden Gedanken zu heften. Shri Ramana erklärt, man könne diesen Prozeß umkehren, indem man dem „Ich”-Gedanken alle Gedanken und Wahrnehmungen entziehe, mit denen er sich normalerweise identifiziert. Nach Shri Ramanas Lehre ist dieser „Ich”-Gedanke in Wirklichkeit etwas Unreales und gewinnt nur dadurch eine scheinbare Existenz, daß er sich mit anderen Gedanken identifiziert. Wenn man also die Verbindung zwischen dem „Ich”-Gedanken und den Gedanken, mit denen er sich identifiziert, durchtrennt, dann wird der „Ich”-Gedanke selbst abklingen und schließlich ganz verschwinden. Shri Ramana empfiehlt, dies zu üben, indem man am „Ich”-Gedanken, d.h. an dem inneren Gefühl des „Ich” oder „Ich bin”, festhält und alle anderen Gedanken ausschließt. Um seine Aufmerksamkeit beständig bei diesem inneren „Ich”-Gefühl zu halten, rät er, sich beständig die Frage „Wer bin ich?” oder „Woher kommt dieses 'Ich'?” zu stellen. Wenn man seine Aufmerksamkeit bei dem inneren „Ich”-Gefühl halten und alle anderen Gedanken ausschließen kann, sinkt der „lch”-Gedanke allmählich ins Herzzentrum ab.  (Anmerkung: Das ist nichts anderes als Meditation.)

Dies ist alles, was der Devotee nach Ramanas Lehre aus eigener Kraft tun kann. Wenn er sein Gemüt von allen anderen Gedanken außer dem „Ich”-Gedanken entleert hat, zieht die Kraft des Selbst den „Ich”-Gedanken in das Herzzentrum zurück und zerstört ihn schließlich so vollständig, dass er nie wieder aufsteigt. Das nennt man Selbstverwirklichung. Wenn sie eintritt, sind Gemüt und individuelles Selbst (die Ramana beide mit dem „Ich”-Gedanken gleichsetzt) für immer beseitigt. Nur der Atman (das Selbst) bleibt zurück.

Die folgende praktische Anweisung hat Bhagavan in den zwanziger Jahren geschrieben. Sie faßt seine grundlegenden Lehren zu diesem Thema zusammen. Allen Besuchern wurde empfohlen, den Essay mit dem Titel Wer bin ich? zu lesen, aus dem die folgenden Zeilen entnommen sind. Er wurde als Broschüre gedruckt, und Bhagavan ermunterte den Verwalter des Ashrams, ihn in den verschiedenen Sprachen billig zu verkaufen, damit alle Neuankömmlinge eine zuverlässige Zusammenfassung seiner praktischen Lehren in der Hand hätten.

Das Gemüt kann sich nur mit Hilfe der Frage „Wer bin ich?” auflösen. Der Gedanke „Wer bin ich?”, der alle anderen Gedanken zerstört, wird schließlich selbst zerstört — wie der Stock, den man benutzt, um den Scheiterhaufen zu schüren. Kommen andere Gedanken auf, sollte man, ohne zu versuchen, sie zu Ende zu denken, fragen: „Wem kommen diese Gedanken?” Was macht es aus, wie viele Gedanken sich erheben? Wenn man sich in dem Moment, in dem sie aufkommen, wachsam fragt: „Wem kam der Gedanke?, weiß man die Antwort: Mir. Fragt man dann weiter: Wer bin ich?”, wendet sich das Gemüt zurück zu seinem Ursprung, und auch der aufgestiegene Gedanke verschwindet. Wenn man das wiederholt übt, wächst die Kraft des Gemüts, in seinem Ursprung zu verbleiben. (Zitiert nach Be As You Are, 1992, S. 56)

In den darauffolgenden Jahren führte ich viele weitere spirituelle Gespräche mit Bhagavan, aber seine grundlegende Botschaft blieb immer die gleiche: „Erforsche dich selbst, höre auf, dich mit deinem Körper zu identifizieren, und versuche, dir des Selbst bewußt zu sein, das dein wahres Wesen ist”

Vor diesen frühen Gesprächen hatte ich jeden Tag mehrere Stunden mit komplizierten Pujas und Anushtanas verbracht.

Als ich Bhagavan fragte, ob ich damit weitermachen solle, antwortete er: „Du brauchst keine Pujas* mehr. Wenn du Selbsterforschung übst, reicht das aus.”

*Puja ist die göttliche Verehrung einer Statue aus Metall oder anderen Materialien oder aus einem bunten Papierbild. Oft steht im Zentrum des Geschehens nicht die personale Darstellung sondern ein Emblem, wie z.B. ein Lingam oder ein Dreizack für Shiva.

Meine Pflichten als persönlicher Helfer waren recht einfach, und ich lernte bald, was ich zu tun hatte. Wenn Devotees Gaben mitbrachten, mußte ich etwas davon als Prasad zurückgeben. Ich hatte auch darauf zu achten, daß die Männer auf der einen Seite der Halle saßen und die Frauen auf der anderen. Verließ Bhagavan die Halle, mußte einer der Helfer mit ihm gehen; der andere blieb zurück, um die Halle zu reinigen. Wir mußten die Tücher auf seinem Sofa sauberhalten, seine Kleider waschen und frühmorgens warmes Wasser für sein Bad bereiten.

Bhagavans Kleidung bestand aus Kaupinas (Kaupina = Lendentuch) und Dhotis (Dhoti = Beinkleid für Männer). Meist trug er nur ein Kaupina, einen Tuchstreifen, der knapp den Unterleib bedeckt. Wenn es kalt war, hüllte er sich manchmal in eine Dhoti. Dhotis sind Tücher, die normalerweise wie Röcke getragen werden. Aber Bhagavan zog es vor, sie so um sich zu schlingen, daß sie ihm von den Achselhöhlen bis zu den Oberschenkeln reichten.

Als er 1896 in Tiruvannamalai ankam, warf Bhagavan alle persönlichen Habseligkeiten weg, einschließlich seiner Kleider. Er trug nie wieder normale Kleidung.

Gewöhnlich machte Bhagavan dreimal am Tag einen kurzen Spaziergang. Manchmal ging er nach Palakottu, einer Siedlung in der Nähe des Shri Ramanasramam, wo einige seiner Devotees wohnten, und manchmal streifte er über die tieferliegenden Hänge des Arunachala. 1926 hatte er aufgehört, den Berg zu umwandern (Giri Pradakshina), aber manchmal machte er noch lange Spaziergänge.

Pradakshina bedeutet, als Akt der Verehrung im Uhrzeigersinn um eine Person oder einen Gegenstand herumzugehen. Giri bedeutet Hügel. Giri Pradakshina ist also in diesem Zusammenhang die Umwanderung des Arunachala. Ein ca. 13 Kilometer langer Rundweg zieht sich am Fuß des Berges entlang. Tausende von Devotees benutzen diesen Weg regelmäßig zur Giri Pradakshina.

Ich erinnere mich, daß ich zweimal mit ihm zum Samudram-See ging, der etwa eineinhalb Kilometer südwestlich des Ashrams liegt. Wir gingen einmal, als er über seine Ufer getreten war, und einmal, als das nahegelegene Wasserwerk eröffnet wurde. Ich begleitete ihn bei einer anderen Gelegenheit zu dem etwa drei Kilometer entfernten Wald beim Kattu Shiva Ashram. Ganapati Muni kam mit uns, weil Bhagavan ihm einen bestimmten Baum zeigen wollte, der dort wuchs. Für diesen Ausflug stahlen wir uns unbemerkt aus dem Ashram, während alle anderen ihr Mittagsschläfchen hielten. Wären wir gesehen worden, hätten alle Leute im Ashram mitkommen wollen. Bhagavan hatte immer Freude an seinen Spaziergängen. Er sagte oft, seine Beine würden steif und schmerzten, wenn er nicht mindestens einmal täglich am Berg spazierenginge.

Bhagavan schlief nur vier bis fünf Stunden pro Tag. Das bedeutete lange Arbeitsstunden für seine persönlichen Helfer, denn einer von uns hatte immer Dienst, wenn Bhagavan wach war. Anders als die meisten seiner Devotees schlief er nie nach dem Mittagessen. Bhagavan nutzte diese ruhige Stunde oft, um die Tiere des Ashrams zu füttern oder um eine Runde zu machen und sich über den Fortgang der Bauarbeiten zu informieren.

Bhagavan begab sich gewöhnlich um zehn Uhr abends zu Bett. Gegen ein Uhr wachte er meist auf und ging hinaus, um seine Blase zu entleeren. Wenn er zurückkam, blieb er oft eine halbe Stunde oder eine Stunde lang wach, bevor er weiterschlief. Dann wachte er zwischen drei und vier Uhr auf und ging in die Küche, um Gemüse zu schneiden.

Die nächtlichen Toilettengänge wurden zu einer Art Ritual für Bhagavan und die Helfer. Wenn er aufwachte, mußte der Betreuer Bhagavans Kamandalu (Wasserkessel) mit warmem Wasser füllen und ihm überreichen. Das Wasser wurde auf einem Kumutti (Holzkohlebecken) gewärmt, das immer neben Bhagavans Sofas stand. Dann mußte der Helfer Bhagavan Stock und Taschenlampe reichen, die Tür öffnen und ihm in die Nacht hinaus folgen. Meist ging Bhagavan zu der Stelle, wo heute Muruganars Samadhi (Grabschrein) steht, weil wir damals keine richtigen Toiletten hatten. Wenn Bhagavan zurückkam, mußte der Betreuer ihm die Füße mit einem Tuch abreiben.

Bhagavan weckte seine Helfer nie auf. Es gehörte zu ihren Pflichten, um ein Uhr nachts wach und bereit zu sein. Einmal versäumte ich aufzuwachen, weil ich bereits im Traum aufgewacht war und alle eben beschriebenen Pflichten erfüllt hatte. Als der Traum zu Ende war, fiel ich wieder in tiefen Schlaf, beruhigt, meine Arbeit getan zu haben. Als Bhagavan einige Zeit später allein in die Halle zurückkam, wachte ich auf. Ich entschuldigte mich, verschlafen zu haben, und erzählte Bhagavan, daß ich im Traum alle üblichen Dienste geleistet hätte und dann wieder tief eingeschlafen sei.

Bhagavan lachte und sagte: „Die Dienste, die du dem Traum-Swami geleistet hast, gelten niemandem als mir.”

Als ich zum Ashram kam, gab es in der Gegend noch einige Leoparden. Sie kamen selten in den Ashram, aber nachts schlichen sie oft um die Stelle, die Bhagavan als Toilette benutzte. Ich erinnere mich, daß er auf einem seiner nächtlichen Gänge einem Leoparden begegnete. Bhagavan war kein bißchen ängstlich; er sah den Leoparden nur an und sagte: „Poda”. Und der Leopard ging einfach weg.

Bald nach meiner Ankunft gab mir Bhagavan einen neuen Namen. Mein ursprünglicher Name war Sellaperumal. Eines Tages erwähnte Bhagavan beiläufig, daß ich ihn an einen Mann namens Annamalai Swami erinnere, der im Skandashram sein Helfer und Begleiter gewesen sei. Er begann, diesen Namen als Spitznamen für mich zu verwenden. Als die Devotees dies hörten, folgten sie seinem Beispiel, und innerhalb weniger Tage war meine neue Identität besiegelt.

Bhagavan lebte von 1916 bis 1922 im Skandashram am östlichen Abhang des Arunachala. Annamalai Swami starb dort während einer Pestepidemie im Jahr 1922.

Als ich etwa zwei Wochen lang persönlicher Helfer Bhagavans war, kam der Collector (höchster Beamter der Bezirksverwaltung) aus Vellore, um Bhagavans Darshan zu erhalten. Sein Name war Ranganathan; er brachte einen großen Teller mit Süßigkeiten als Geschenk für Bhagavan. Bhagavan ließ mich die Süßigkeiten an alle Leute im Ashram verteilen, auch an die, die zur Zeit nicht in der Halle waren. Während ich die Süßigkeiten an die Leute außerhalb der Halle verteilte, bediente ich mich an einer Stelle, wo niemand mich sehen konnte, heimlich mit einer doppelten Portion. Nach beendeter Verteilung ging ich zurück in die Halle und stellte den Teller unter Bhagavans Sofa.

Bhagavan schaute mich an und sagte: „Hast du doppelt soviel genommen wie die anderen?”

Schockiert, weil ich sicher war, daß niemand mich dabei gesehen hatte, antwortete ich: „Ich habe es genommen, als niemand zusah. Wie kann Bhagavan es wissen?”

Bhagavan antwortete nicht. Der Vorfall zeigte mir, daß es unmöglich war, irgend etwas vor ihm zu verbergen. Seit dieser Zeit ging ich unwillkürlich davon aus, daß Bhagavan immer wußte, was ich tat. Das machte mich achtsamer und aufmerksamer bei meiner Arbeit, weil ich ähnliche Fehler nicht wieder begehen wollte.

Zu den Aufgaben der Helfer gehörte es, Bhagavan vor exzentrischen oder törichten Devotees zu schützen. Ich erinnere mich deutlich an einen derartigen Vorfall. Ein etwa zwanzigjähriger, nur mit einem Lendenschurz bekleideter junger Mann trat in die Halle. Er verkündete allen, daß auch er ein Jnani sei, dann setzte er sich zu Bhagavan auf das Sofa. Bhagavan sagte nichts, aber wenig später stand er auf und verließ die Halle. Ich nutzte seine Abwesenheit, um den Hochstapler hinauszuwerfen. Wir alle waren über seine Arroganz und Anmaßung verärgert, und ich muß zugeben, daß ich ihn beim Hinauswurf recht rauh anfaßte. Ich verbot ihm auch, die Halle nochmals zu betreten. Als der Frieden wiederhergestellt war, kam Bhagavan in die Halle zurück und nahm wieder seinen üblichen Sitz auf dem Sofa ein.

Ich fühlte mich glücklich, einen so großen Guru wie Bhagavan gefunden zu haben. Als ich ihn zum erstenmal sah, hatte ich das Gefühl, Gott selbst anzusehen. Anfangs war ich allerdings weder vom Ashram noch von den Devotees, die sich um ihn geschart hatten, sonderlich beeindruckt. Die Leitung des Ashrams kam mir sehr diktatorisch vor, und die meisten Devotees schienen wenig Interesse am spirituellen Leben zu haben. Soweit ich sehen konnte, interessierten sie sich hauptsächlich für Klatsch. Diese frühen Eindrücke verstörten mich.

Ich dachte: „Bhagavan ist überaus groß. Aber wenn ich in der Gesellschaft dieser Leute lebe, verliere ich vielleicht die Ergebenheit, die ich schon habe.”

Ich kam zu dem Schluß, es wäre für mich spirituell ungünstig, mit Leuten zu verkehren, die wenig Hingabe zu besitzen schienen. Heute erkenne ich die Überheblichkeit dieser Haltung, aber so fühlte ich damals. Diese Gedanken beunruhigten mich so sehr, daß ich drei oder vier Nächte lang keinen Schlaf finden konnte. Endlich beschloß ich, in Bhagavan weiterhin meinen Guru zu sehen, aber an einem anderen Ort zu leben.

Ich erinnere mich, daß ich dachte: „Ich gehe und meditiere anderswo über das Selbst, am besten an einem einsamen Ort, wo ich nicht von anderen abgelenkt werde. Ich nähre mich von Bhiksha (Essensspende) und führe ein zurückgezogenes Leben.”

Etwa drei Wochen nach meiner Ankunft verließ ich den Ashram, um mein neues Leben aufzunehmen. Ich teilte niemandem, nicht einmal Bhagavan, meinen Entschluß mit. In einer Vollmondnacht brach ich um ein Uhr auf und ging am Easanya Math (klosterähnliche Anlage im Nordwesten von Tiruvannamalai) vorbei durch die Stadt in Richtung Polur. Ich hatte kein bestimmtes Ziel, sondern wollte nur vom Ashram wegkommen. Ich wanderte die ganze Nacht und erreichte Polur (ca. dreißig Kilometer nördlich von Tiruvannamalai) kurz nach Sonnenaufgang. Der Marsch hatte mich sehr hungrig gemacht, daher beschloß ich, in der Stadt um Bhiksha zu bitten. Der Erfolg war gering: ich versuchte es in etwa 500 Häusern, aber niemand gab mir etwas zu essen. Ein Mann sagte mir, ich solle nach Tiruvannamalai zurückgehen, ein anderer, der gerade eine Mahlzeit auftischte, als ich zu ihm kam, schrie mich an, ich solle verschwinden. Schließlich gab ich es auf und ging an den Stadtrand. Ich fand einen Brunnen in einem Feld und verbrachte dort etwa eine halbe Stunde bis zum Hals im Wasser stehend in der Hoffnung, die Kühle des Wassers würde die Qual meines Hungers lindern. Es half nicht. Dann ging ich zum Samadhi (Schrein), von Vitthoba und blieb dort eine Weile sitzen.

Vitthoba war, ähnlich wie Seshadri Swami, ein exzentrischer Heiliger. Er lebte in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts in Polur. Ein paar Jahre, bevor Annamalai Swami dorthin kam, starb er.

Schließlich bekam ich etwas zu essen. Eine alte Frau kam vorbei, die eine Puja machen wollte; sie sah mich an und sagte: „Du scheinst sehr hungrig zu sein. Man sieht es schon deinen Augen an. Ich habe selbst nicht viel, aber ich kann dir etwas Ragi (Hirsesuppe) geben.”

Mit diesen Worten gab sie mir etwa 1/2 Becher der Suppe zu essen. Es reichte nicht, meinen Hunger zu stillen, aber ich war doch sehr froh darüber.

Der lange Marsch und der Hunger hatten mich stark ermüdet. Während ich dort saß, fragte ich mich, ob es klug gewesen sei, Bhagavan zu verlassen. Es war klar, daß die Dinge sich nicht wie erwartet entwickelt hatten. Dies galt mir als Hinweis, daß meine Entscheidung vielleicht falsch war. Daher beschloß ich, diese zu überprüfen. Ich pflückte eine Handvoll Blüten, legte sie auf den Schrein des Vitthoba und nahm sie dann wieder weg — jeweils zwei zugleich. Vorher hatte ich mit mir ausgemacht, daß ich zu Bhagavan zurückkehren würde, wenn die Zahl der Blüten ungerade wäre. Bei einer geraden Zahl wollte ich meinen ursprünglichen Plan weiterführen. Als sich ergab, daß ich zu Bhagavan zurückkehren sollte, nahm ich diese Entscheidung sofort an und machte mich auf den Rückweg nach Tiruvannamalai.

Sobald ich akzeptiert hatte, daß es mein Prarabdha (meine Bestimmung) sei, bei Bhagavan zu bleiben, änderte sich meine Lage. Als ich in die Stadt kam, lud mich ein Wirt in sein Restaurant ein und spendierte mir ein Essen und etwas Geld. Er machte sogar eine tiefe Verbeugung vor mir. Ich hatte beschlossen, mit der Bahn nach Tiruvannamalai zurückzufahren, weil ich so schnell wie möglich wieder bei Bhagavan sein wollte, aber bevor ich den Bahnhof erreichte, luden mich ein paar Leute zum Essen in ihr Haus ein. Ich aß ein wenig und entschuldigte mich dann damit, daß ich soeben eine reichliche Mahlzeit eingenommen hätte. Ich beschloß, ohne Fahrkarte zu fahren, weil ich fälschlich annahm, das geschenkte Geld würde nicht für die Fahrt reichen. Mein Glück ließ mich auch im Zug nicht im Stich. Auf halber Strecke nach Tiruvannamalai kontrollierte ein Schaffner alle Fahrkarten. Ich schien für ihn unsichtbar zu sein, denn ich war der einzige Fahrgast im ganzen Waggon, der nicht seine Fahrkarte vorweisen mußte.

Etwas Ähnliches geschah am Ende der Fahrt. Als ich vor dem Kontrolleur auf dem Bahnsteig stehenblieb, sagte er: „Sie haben Ihre Fahrkarte schon gezeigt. Gehen Sie weiter, Sie halten die anderen auf” So kam ich mit Bhagavans Gnade beide Mal davon.

Das letzte Wegstück zum Ashram legte ich zu Fuß zurück. Sofort nach meiner Ankunft ging ich zu Bhagavan, vollzog eine Prostration (Niederwerfung) und erzählte ihm dann alles, was geschehen war. Bhagavan bestätigte, daß es mir bestimmt sei, im Ramanasramam zu bleiben.

Er schaute mich an und sagte: „Du hast hier eine Arbeit zu tun. Wenn du versuchst wegzugehen, ohne die dir bestimmten Aufgaben erfüllt zu haben, wohin kannst du dann gehen?”

Danach blickte Bhagavan mich etwa eine Viertelstunde lang unverwandt an. Dabei wiederholte sich in meinen Kopf ein Vers immer wieder. Ich hörte ihn so laut und deutlich, als hätte mir jemand ein Radio eingepflanzt. Ich hatte diesen Vers noch nie gehört. Erst später fand ich heraus, daß es ein Vers aus Ulladu Narpadu Anubandham (eins der philosophischen Gedichte Bhagavans über das Wesen der Wirklichkeit) war. Er lautet:

Der gepriesene höchste Zustand, der hier in diesem Leben durch Selbsterforschung zu erreichen ist, der im Herzen aufsteigt, wenn man sich einem Sadhu (selbstverwirklichter Mensch) anschließt, kann nicht erlangt werden, indem man Predigern zuhört, nicht durch das Studium der heiligen Schriften und ihrer Bedeutung, nicht durch gute Taten oder irgendwelche anderen Mittel.

Normalerweise bezeichnet das Wort Sadhu eine Person, die sich ganz einem spirituellen Leben widmet, aber hier ist damit ein selbstverwirklichter Mensch gemeint.

Die Bedeutung war ganz klar: Es wäre nutzbringender für mich, bei Bhagavan zu bleiben, als irgendwo auf eigene Faust Sadhana zu betreiben.

Nach dieser Viertelstunde vollzog ich Namaskaram (Niederwerfung) vor Bhagavan und sagte: „Ich werde jede Arbeit tun, die Ihr mir gebt, aber bitte gewährt mir auch Moksha (Befreiung). Ich will kein Sklave von Maya (Illusion) werden.”

Bhagavan antwortete nicht, doch sein Schweigen beunruhigte mich keineswegs. Allein die Frage zu stellen, hatte meinem Gemüt schon Frieden gebracht. Bhagavan sagte dann, ich solle gehen und etwas essen. Ich antwortete, ich sei nicht hungrig, weil ich gerade gegessen hätte, und fügte hinzu: „Ich will kein Essen. Alles, was ich will, ist Moksha, Freiheit vom Leiden.”

Diesmal schaute Bhagavan mich an, nickte und murmelte: „Ja, ja.”

Der Vers aus Bhagavans Ulladu Narpadu Anubandham über den hohen Wert des Umgangs mit selbstverwirklichten Wesen ist einer der fünf Verse zu diesem Thema, die das Gedicht enthält. Bhagavan fand die ursprünglichen Sanskritverse auf einem Stück Papier, das zum Einwickeln von Süßigkeiten verwendet worden war. Die darin ausgedrückten Ideen waren ihm so bedeutsam, daß er die Verse ins Tamil übersetzte und an den Anfang von Ulladu Narpadu Anubandham stellte. Die anderen vier Verse lauten:

Durch Satsang (Gemeinschaft mit der Wirklichkeit oder üblicher: mit verwirklichten Wesen) wird das Verhaftetsein an die Objekte der Welt gelöst. Danach werden die Bindungen oder Tendenzen des Gemüts zunichte. Wer frei ist von Bindungen des Gemüts, wird im Bewegungslosen aufgehen. So erlangt man Jivan Mukti (Befreiung zu Lebzeiten). Suche daher Gemeinschaft mit solchen Menschen.

Wenn man mit Sadhus zusammen sein kann — welchen Wert haben dann noch religiöse Gebote? Wenn der erquickende, kühle Südwind weht — wozu braucht man dann einen Handfächer? Der kühle Mond beseitigt die Hitze, der himmlische Baum der Wunscherfüllung behebt die Armut, der Ganges löscht die Sünde aus. Aber wisse, daß dies alles, durch den bloßen Darshan (Anblick) unvergleichlicher Sadhus beseitigt wird.

Heilige Teiche, gefüllt mit Wasser, sowie Kultbilder von Göttern aus Stein und Erde können nicht mit diesen Mahatmas {großen Seelen) verglichen werden. Oh, welches Wunder. Die Badeteiche und Götter schenken nach zahllosen Tagen Reinheit des Gemüts, während man diese Reinheit sofort gewinnt, wenn man von Sadhus nur angeblickt wird.

Mehrere Jahre nach diesem Erlebnis befragte Annamalai Swami Bhagavan über einen dieser Verse:

„Wir wissen, wo der Mond ist, und wir wissen, wo der Ganges fließt, aber wo steht der Baum der Wunscherfüllung?”

„Wenn ich dir sage, wo er ist”, antwortete Bhagavan, „kannst du ihn dann noch verlassen?”

Diese merkwürdige Antwort verblüffte mich, doch ich verfolgte die Sache nicht weiter. Ein paar Minuten später öffnete ich ein Exemplar des Yoga Vasishta, das neben Bhagavan lag. Auf der ersten Seite sah ich einen Vers, der lautet: „Der Jnani ist der Baum der Wunscherfüllung.” Sofort verstand ich Bhagavans seltsame Antwort auf meine Frage. Bevor ich mit ihm darüber sprechen konnte, schaute er mich lächelnd an. Er schien zu wissen, daß ich die richtige Antwort gefunden hatte. Ich erzählte Bhagavan von dem Vers, aber er gab keinen Kommentar und lächelte mich einfach weiter an.

Bauarbeiten I     Top

Mein Dienst als persönlicher Helfer dauerte nur etwa einen Monat. Danach entschied Bhagavan, ich sei besser damit zu beschäftigen, Bauarbeiten im Ashram zu überwachen. Daß Bhagavan dies für mich plante, deutete sich bereits an, als ich noch meinen gewohnten Pflichten in der Halle nachkam.

Bhagavan wandte sich mir plötzlich zu und sagte: „Ein Mann baut eine Mauer beim Wasserreservoir. Geh und sieh nach, was er tut”

Die Anweisung schien recht vage, aber ich führte sie aus, so gut ich konnte. Ich beobachtete den Maurer ein paar Minuten und fragte ihn dann, was er tue.

Er antwortete: „Ramaswami Pillai hat mich beauftragt, hier eine Mauer zu bauen, deshalb baue ich eine Mauer.”

Ich ging in die Halle zurück, meldete Bhagavan, was der Maurer gesagt hatte, und erstattete ihm einen kurzen Bericht über den Fortschritt der Arbeit.

Ein paar Minuten später schaute Bhagavan mich wieder an und wiederholte seine vorherige Aufforderung: „Geh und sieh nach, was er tut”

Ein wenig verblüfft ging ich hinaus und fragte den Maurer wieder, was er tue.

Der Maurer antwortete: „Ich sagte doch schon: ich baue eine Mauer.”

Ich konnte nicht erkennen, daß mit der Mauer oder der Art, wie er sie baute, etwas nicht in Ordnung gewesen wäre, und verstand daher nicht, warum Bhagavan so sehr darauf beharrte, daß ich den Maurer kontrollierte. Ich ging also wieder zu Bhagavan und gab ihm einen weiteren Bericht.

Wenige Minuten später wiederholte Bhagavan seine Anweisung ein drittesmal: „Geh und sieh nach, was er tut”

Verständlicherweise war der Maurer ziemlich verärgert, als ich zurückkam und zum drittenmal fragte, was er tue.

„Bist du verrückt?” fragte er. „Ich sagte dir doch schon, daß ich eine Mauer baue. Kannst du nicht selbst sehen, was ich tue?”

Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn er mich wirklich für verrückt gehalten hätte, weil es für jedermann offensichtlich war, daß er recht geschickt eine Mauer baute. Es gab wirklich keinen Grund für meine wiederholten Nachfragen. Aber ich fühlte mich verpflichtet zu fragen, weil Bhagavan offensichtlich wissen wollte, was geschah. Zum drittenmal ging ich zurück in die Halle und richtete Bhagavan aus, was der Maurer gesagt hatte.

Bhagavan schwieg ein paar Minuten, wandte sich dann zu mir und sagte: „Von jetzt an kann ein anderer deine Arbeit in der Halle übernehmen. Geh und beaufsichtige diesen Maurer. Sieh zu, daß er seine Arbeit gut macht”

Meine erste Reaktion auf diese neue Aufgabe war: „Warum hat mir Bhagavan diese Anweisung nicht von Anfang an gegeben? Warum ließ er mich dreimal hin- und zurückgehen, bevor er mir seine wirkliche Absicht eröffnete?”

Später begriff ich, daß Bhagavan mich in seine eigene Methode des Aufsichtführens einführte. Manchmal gab er mir detaillierte Anweisungen, aber bei vielen der Arbeiten, die er mir übertrug, bekam ich nur ganz knappe Hinweise, was ich tun sollte. Dann mußte ich selbst entscheiden, was eigentlich Bhagavans Absicht war, und die Arbeit entsprechend ausführen.

Dieser erste Auftrag dauerte nicht lange. Als er erledigt war, ließ Bhagavan mich den Bau einer großen Mauer an der Nordseite des Ashrams beaufsichtigen.

In den ersten Jahren nach der Gründung des Ramanasramam floß der Bach, der jetzt außen an der rückwärtigen Mauer verläuft, mitten durch den Ashram. Bhagavan trug mir auf, einen Damm zu bauen, der den Bach am Eindringen in den Ashram hindern würde, damit wir von den flutartigen Wassermassen verschont blieben, die in der Regenzeit den Berg herabströmten. Es gab schon einen kleinen Erdwall, der die Nordseite des Ashrams schützte, aber Bhagavan hielt ihn anscheinend für unzureichend bei einer schweren Regenflut. Als Bhagavan den Arbeitsplan skizzierte, erzählte er mir von den Schwierigkeiten, die der Ashram schon erlebt hatte.

„In unseren ersten Jahren hier”, sagte er, „floß nach jedem schweren Regen ein reißender Strom von eineinhalb Metern Tiefe oder mehr durch das Bachbett, das den Ashram durchschneidet.”

Um die Lage dieses Bachbetts in Relation zu den heutigen Gebäuden im Ashram zu beschreiben, müßte man sagen, daß es sich zuerst an der Westseite des Speisesaals entlangzog, dann nach Osten abbog und durch den hinteren Teil der heutigen Samadhi-Halle Bhagavans verlief. Es verließ den Ashram bei der Brücke in der Nähe des Dakshinamurti-Schreins. Der Verlauf ist auf der Karte (siehe unten) zu sehen.

Bhagavan sagte mir, er wolle einen mächtigen, etwa 90 Meter langen Wall aus Erde und Stein bauen, um den Bach dauerhaft umzuleiten, so daß er in den Agni Teertham flösse, ein künstliches Wasserreservoir etwa 270 Meter östlich des Ashrams.

Bhagavan nannte das Bauwerk Rakshanai, was „Schutz” bedeutet. Er sagte mir mehrmals, dieser Damm werde den Ashram vor allen künftigen Überflutungen schützen.

Bhagavan beauftragte mich, zwei parallele, leicht zueinander geneigte Steinmauern zu bauen. Sie sollten eine Höhe von 1,80 Metern haben und oben 2,40 Meter weit voneinander entfernt sein.

„Fülle beim Bau der Mauern den Zwischenraum mit Erde”, riet er. „Wenn du Erde und Wasser vermischst und dann verdichtest, wird es sehr fest.”

Während ich diese Anweisungen ausführte, kamen mehrere Gruppen von Devotees zum Zuschauen. Wegen der Größe und Dicke des Walls witzelten einige, ich baue wohl einen Bahndamm. Andere fragten mich spöttisch, ob ich eine Mauer oder einen Staudamm errichte. Sie alle meinten, ich verschwende Geld (der Ashram besaß in jenen Tagen sehr wenig) mit dem Bau eines so großen, starken Walls. Ich ließ mich von ihren Bemerkungen, ihrer Kritik und ihren Witzeleien nicht stören, denn ich wußte, daß ich nur Bhagavans Anweisungen befolgte.

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Bild oben: Shri Ramanasramam Hauptgebäude und andere Bauten 1928-1935

Als ich eines Tages an diesem Damm arbeitete, kam der Munsif (Steuereinnehmer) von Tiruvannamalai, um mir zuzuschauen.

Nach ein paar Minuten fragte er: „Warum baust du einen so großen Wall? Welcher Narr hat dir diesen Plan gegeben?”

Ich ertrug es nicht, Bhagavan in dieser Weise beleidigen zu lassen; deshalb sagte ich wütend zu ihm: „Geh in Chinnaswamis Büro und trink eine Tasse Kaffee Wenn du wiederkommst und nochmal solche Bemerkungen machst, verprügele ich dich mit meinen Sandalen.”

Ich wies ihn auf diese Art zurecht, weil ich irgendwo eine Äußerung von Ramakrishna Paramahansa gelesen hatte: „Wenn jemand deinen Guru beleidigt, solltest du ihn schlagen.”

Der Munsif ging zu Chinnaswami und beschwerte sich, daß ich ihn bedroht hätte. Chinnaswami kam mit dem Munsif zu mir und verlangte eine Erklärung für mein Verhalten.

Ich rechtfertigte mich: „Dieser Mann kam zu mir und fragte: „Welcher Narr hat dir diesen Plan gegeben?” Ich führe Bhagavans Plan aus. Wie kommt er dazu, meinen Guru zu beleidigen?”

Chinnaswami schien meine Erklärung zu akzeptieren; er ging mit dem Munsif fort und erwähnte die Angelegenheit nicht mehr. Ich muß mein seltsames Verhalten damit erklären, daß ich damals ziemlich leicht aufbrauste und Bhagavans Ehre und guten Namen unbedingt verteidigen wollte.

Als die Arbeit vollendet war, baute ich noch zwei Steintreppen, eine am westlichen Ende und eine in der Mitte, damit Bhagavan und die Devotees auf dem Weg zum Arunachala leicht über den Damm steigen konnten.

Bhagavans Urteil und Voraussicht bestätigten sich schließlich: Im Monsun nach dem Bau des Dammes trat der Bach hinter dem Ashram über seine Ufer. Das Wasser stieg auf drei Viertel der Mauerhöhe. Zum Glück war die Mauer stark genug, dem Druck zu widerstehen und alles Wasser vom Ashram fernzuhalten.

Nach Abschluß des Dammbaus füllte Ramaswami Pillai das alte Bachbett auf. Er beschäftigte sich damals intensiv mit der Planierung und Terrassierung des Ashramgeländes. Als Bhagavan 1922 in den Ramanasramam zog, war das Gelände mit Löchern und Gruben übersät, hauptsächlich, weil sich die Leute aus der Nachbarschaft von dort Erde holten, die sie zum Bau ihrer Häuser verwandten. Im Lauf mehrerer Jahre füllte Ramaswami Pillai alle diese Löcher auf und ebnete das Gelände ein. Er war so fasziniert von dieser Tätigkeit, daß er sogar nachts arbeitete.

Jetzt ist der Damm nicht mehr 1,80 Meter hoch. Kurz nach seiner Fertigstellung wurde der Boden auf beiden Seiten angehoben und planiert. Heute ragen nur noch ungefähr 1,50 Meter des ursprünglichen Damms aus dem Grund hervor. Abschließend kann ich noch sagen, daß einige Devotees vorhatten, auf der Krone des Damms eine Mauer zu bauen. Diese Idee mußte fallengelassen werden, weil kein Geld dafür vorhanden war.

Nach Beendigung der Arbeit am Damm trug Bhagavan mir auf, den Bau des Vorratsraums zu leiten, der sich jetzt gegenüber der Küchentür befindet. Bevor ich berichte, wie dieses Gebäude und viele andere entstanden, will ich schildern, wie der Ashram damals aussah.

Als ich 1928 ankam, lebte Bhagavan in der alten Halle. Der Bau war erst kurz vorher fertiggestellt worden. Davor hatte Bhagavan fünf oder sechs Jahre lang in einem kleinen Raum des Gebäudes gewohnt, in dem sich der Samadhi (Schrein) der Mutter befindet.

Der Shri Ramanasramam wuchs um den Samadhi von Ramana Maharshis Mutter herum. Nach ihrem Tod (1922), der ihr die Selbstverwirklichung brachte, wurde ihr Leichnam auf der Südseite des Arunachala begraben. Bhagavan zog wenige Monate später vom Skandashram zu dem Schrein, den man über ihrem Grab errichtet hatte.

Chinnaswami (der jüngere Bruder Ramanas) übernahm gegen Ende des Jahres 1928 die Verwaltung des Ashrams. Er hatte sich Bhagavan angeschlossen, als dieser noch im Skandashram lebte. Dort wurde er Sannyasin und nahm den Namen Niranjanananda Swami an. Weil er Bhagavans jüngerer Bruder war, nannte man ihn meist bei seinem Spitznamen Chinnaswami, was „kleiner Swami” oder „jüngerer Swami” bedeutet.

Aus den frühen Tagen der alten Halle gibt es noch eine interessante Geschichte. Anfangs stand darin keine Couch. Bhagavan saß einfach auf einer Holzbank in einer Ecke des Raums. Später brachte ein Mann namens Rangaswami Gounder ein Sofa und bat Bhagavan, darauf zu sitzen. Als Bhagavan ablehnte, begann Rangaswami Gounder zu weinen. Drei Tage lang weinte er in der Halle und bat Bhagavan immer wieder, sein Geschenk anzunehmen. Am Abend des dritten Tages erhob sich Bhagavan schließlich von seiner Bank und legte sich auf dem Sofa schlafen. Von diesem Tag an saß er tagsüber meist auf diesem Sofa, und nachts schlief er darauf.

Es gibt eine andere nicht allgemein bekannte Geschichte über das Gebäude, das den Samadhi der Mutter umgibt. Zuerst hatte der Lingam in einer kleinen Hütte aus Kokosblättern gestanden.

Ein Lingam ist ein oben abgerundeter zylindrischer Stein. Er symbolisiert den unmanifestierten Shiva und wird in allen Shiva-Tempeln verehrt. Lingams werden oft auf den Samadhis shivaitischer Heiliger aufgestellt.

Irgendwann in der Mitte der zwanziger Jahre versuchte eine Gruppe von Ziegelmachern, in der Nähe des Ashrams Ziegelsteine zu backen. Weil die Ziegel nicht richtig fest wurden, ließ man sie einfach liegen. Bhagavan, der nie gern etwas ungenutzt ließ, was noch von geringstem Wert sein konnte, beschloß, die Ziegel für den Bau einer Mauer um den Samadhi der Mutter zu verwenden. Er und alle Bewohner des Ashrams stellten sich zwischen dem Ziegelofen und dem Samadhi in einer Reihe auf. Indem die Ziegel der Reihe entlang weitergereicht wurden, konnte man sie in der Nacht alle zum Samadhi schaffen. Am nächsten Tag wurde eine Mauer um den Samadhi gebaut. Bhagavan verrichtete selbst die Arbeit an der Innenseite der Mauer, während ein gelernter Maurer sich mit der Außenseite befaßte. Das neue Bauwerk wurde durch ein Strohdach auf der Mauer vervollständigt.

Zwischen diesem Gebäude und der alten Halle, dort, wo heute Bhagavans Samadhi-Halle steht, erstreckte sich ein Ziegelbau, in dem sich der alte Speisesaal und die Küche befanden. Bevor Bhagavans Badezimmer fertiggestellt war, nahm er sein morgendliches Bad in einer Ecke dieses Gebäudes.

Diese drei Gebäude — der Samadhi der Mutter, der alte Speisesaal und die alte Halle — waren die einzigen größeren Bauten, die bis zu meiner Ankunft im Jahr 1928 errichtet worden waren. Außerdem gab es ein paar Hütten aus Kokosblättern, in denen die ansässigen Devotees wohnten, und ein paar strohgedeckte Schuppen.

Dies war der Zustand des Ashrams, als Bhagavan mich beauftragte, den Bau des Vorratsraums zu leiten. Rangaswami Gounder, der Mann, der das Sofa gebracht hatte, spendete dem Ashram Geld für den Bau eines Kuhstalls. Er versprach, ein paar Kühe zu stiften, wenn der Stall fertig wäre. Chinnaswami hielt jedoch einen Vorratsraum für nützlicher. Er begann mit den Bauarbeiten und errichtete, um Rangaswami Gounder zufriedenzustellen, ein Gebäude in der Form eines Kuhstalls; aber sobald es fertig war, wurde es in einen Vorratsraum umgewandelt. Die Umwandlung blieb unvollständig: noch heute hängen die Metallringe, an die die Kühe hätten gebunden werden sollen, innen an den Wänden. Verständlicherweise zeigte sich Rangaswami Gounder über diese Änderung des Plans verärgert. Er gab seinem Verdruß über Chinnaswami unmißverständlich Ausdruck und beschuldigte ihn, sein Geld verschwendet zu haben, aber Chinnaswami schwieg und nahm alles widerspruchslos hin.

Dieser Vorratsraum wurde mein erster großer Bauauftrag. Ich war ein wenig ängstlich, ihn zu übernehmen, denn ich hatte keinerlei Erfahrung im Hausbau. Mein Vater, ein ausgezeichneter Baumeister, hatte mir seine Fertigkeiten nie weitergegeben. Bhagavan wußte, daß ich wegen meines Mangel an Erfahrung unsicher war; daher half er mir, die Arbeit durchzuführen. Die Arbeiter vermuteten wohl, daß ich anfangs von Bautechnik nichts verstand, aber sie waren so diplomatisch, darüber zu schweigen. Als ich dann einige Kenntnisse von Bhagavan erworben hatte, faßte ich den Mut, ein paar einfache Pläne für die Arbeiter zu zeichnen. Sie müssen etwas wert gewesen sein, denn als ich sie den Arbeitern erläuterte, besserte sich ihre Meinung über mich.

Bei der Arbeit schwätzten die Maurer und die Arbeiterinnen ständig über alles mögliche. Der Vorarbeiter schien sie darin noch anzuspornen, indem er mit ihnen auf derbe Art scherzte. Ich hatte bis dahin ein recht wohlbehütetes Leben geführt und war von ihrem Betragen einigermaßen schockiert.

Schließlich ging ich zu Bhagavan und sagte: „Ich muß ständig bei den Maurern und den Arbeiterinnen sein, um sie anzuleiten, aber sie schwatzen immerfort sehr vulgär über weltliche Dinge. Ihre Gespräche bringen mich ein wenig durcheinander.”

Bhagavan nickte mit dem Kopf, aber antwortete nicht. Kurz darauf bemerkte ich zu meiner Befriedigung, daß der Vorarbeiter durch einen Mann namens Kuppuswami ersetzt worden war. Kuppuswami erwies sich als viel besser als sein Vorgänger. Er hatte Kaivalya Navanitam und Ribhu Gita (Tamiltexte über die Philosophie des Advaita) gründlich gelesen und auch an Vedanta-Kursen im Easanya Math teilgenommen. Wir kamen sehr gut miteinander aus.

Bhagavan besaß ein natürliches Talent für Bauarbeiten, das seinen Mangel an Erfahrung mehr als ausglich. Er verstand immer, die rechte Entscheidung zur rechten Zeit zu treffen. Es gab zum Beispiel im Vorratsraum drei große gemauerte Bögen. Die Maurer hatten schlecht gearbeitet, und über den Bögen waren Risse in den Wänden entstanden. Bhagavan wies mich genau an, wie die Risse mit Mörtel zu füllen und wie oben in jeden Bogen zu ihrer Verstärkung Schlußsteine einzufügen seien. Ich weiß nicht, wie er sich diese Kenntnisse aneignete, aber ich bin sicher, daß er nie zuvor einen Bogen aus Mauerwerk errichtet hatte. Diese Schlußsteine sind heute noch zu sehen, weil sie ca. vier cm auf jeder Seite aus der Wand hervortreten.

Während der Bauarbeiten am Vorratsraum kam es zu meinem ersten Zusammenstoß mit Chinnaswami. Er machte sich seine eigenen Vorstellungen von dem Bau und bestand darauf, daß ich mich an sie hielt. Das mußte ich ablehnen, weil Bhagavan mir bereits anderslautende Anweisungen gegeben hatte. Ich konnte ihm nie klarmachen, daß ich Bhagavans Weisungen immer den Vorrang geben mußte. Darüber stritten wir uns oft, denn ich gab nie nach. Diese Unnachgiebigkeit erzürnte Chinnaswami ungemein. Seiner Meinung nach setzte ich mich bewußt über seine Autorität hinweg. Mir war es jedoch gleichgültig, ob ich ihm mißfiel. Ich lenkte nicht ein, weil ich wußte, daß es unrecht wäre, Bhagavans Willen zu mißachten. Damals ahnte ich noch nicht, daß uns solche Streitereien bei fast jedem Gebäude, das ich errichtete, bevorstanden.

Als ich noch dabei war, mir die Grundlagen meines Handwerks anzueignen, fühlte ich mich manchmal überaus entmutigt. Viele schwierige Hindernisse mußten überwunden werden. Außerdem hatten wir Hochsommer: es gab keinen Schatten, und die Hitze war oft unerträglich.

Manchmal kam mir der Gedanke: „Warum lädt mir Bhagavan all diese Mühe auf, warum läßt er mich so hart in der prallen Sommersonne arbeiten?”

Einmal, als mir solche Gedanken durch den Kopf gingen, kam Bhagavan vorbei, um zu sehen, wie die Sache voranging.

Er spürte meine Stimmung und sagte: „Ich dachte, wenn ich dir einen Auftrag gebe, dann wärest du bereit und willig, ihn auszuführen. Wenn du das nicht kannst oder es zu schwierig findest, dann laß es einfach sein.”

Bhagavan gab mir eine Gelegenheit, mich zurückzuziehen, doch ich nahm sie nicht an. Ein paar Minuten bevor Bhagavan kam, hatte ich noch rebellische Gedanken gehegt. Als ich aber jetzt seine Worte hörte, kam in mir eine feste Entschlossenheit auf.

„Und wenn dieser ganze Körper im Dienst für Bhagavan zugrunde geht”, dachte ich, „so halte ich mich doch an seine Worte und tue, was immer er von mir verlangt.” Ich erklärte Bhagavan, ich sei bereit weiterzumachen.

Als der Vorratsraum fertiggestellt war, trug Bhagavan mir auf, über dem Eingang ein Flachrelief des Arunachala zu modellieren. Es sollte aus Gipsmörtel bestehen. Er hatte mir bereits gezeigt, wie man den Gips richtig mischt, aber ich wußte nicht, wie ich daraus ein dreidimensionales Bild modellieren sollte.

„Ich weiß nicht, wie ich es anfangen soll, eine solche Skulptur herzustellen”, gestand ich Bhagavan. „Was soll ich tun?”

Bhagavan nahm ein Stück Papier und fertigte eine Skizze des Arunachala an. Außer dem Hauptgipfel zeichnete er die Umrisse dreier niedrigerer Gipfel. Während er zeichnete, erklärte er mir, daß der Hauptgipfel Shiva repräsentiere und die drei Nebengipfel Ambal, Vinayaka und Subramania. Bhagavan gab mir die Skizze und wies mich an, ein entsprechendes Relief aus Gips herzustellen.

Ambal ist ein anderer Name für Parvati, Shivas Gemahlin; Vinayaka (auch Ganesha oder Ganapati genannt) und Subramania sind Shivas Söhne. Der Berg Arunachala gilt seit alters als eine Manifestation Shivas.

„Aber Bhagavan”, sagte ich, „ich weiß überhaupt nicht, wie man mit Gips modelliert. Wie soll ich es anfangen?”

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Bild oben: Arunachala, die Giri Pradakshina Straße und die wichtigsten im Text erwähnten Plätze

„Dies ist Annamalai”, sagte er, „du bist ebenfalls Annamalai. Auch ohne daß ich es dir sage, solltest du wissen, wie es geht.”

Annamalai ist einer der Tamilnamen für den Arunachala; er bedeutet „unnahbarer Berg”.

Ich nahm den Auftrag an und machte mich an den Versuch, ihn auszuführen. Zwar hegte ich erhebliche Zweifel, ob ich es richtig machen würde, aber da Bhagavan mir gesagt hatte, was ich tun solle, konnte ich nicht ablehnen. Ich stellte eine Art Gerüst auf, damit ich vor der Wand sitzen konnte. Drei Tage lang saß ich dort, mühte mich mit dem Gips ab und versuchte, etwas zustandezubringen, was dem Arunachala ähnelte, doch alle meine Bemühungen blieben vergeblich.

Leider reichte mein Wille zum Erfolg nicht aus, den Mangel an Geschick und Erfahrung wettzumachen. Als Bhagavan am Mittag des dritten Tages sah, daß es nicht weiterging, stieg er auf die Leiter und setzte sich neben mich. Er erklärte, was zu tun sei, und zeigte mir die richtige Methode. Nachdem ich ihm zugehört und eine Weile bei der Arbeit zugesehen hatte, verstand ich plötzlich, wie die Aufgabe anzugehen war. Als Bhagavan merkte, daß ich die Technik nun beherrschte, ließ er mich die Arbeit allein beenden. Ich wurde noch vor Ende dieses dritten Tages damit fertig. Am nächsten Tag modellierte ich auf Bhagavans Anweisung ein gleichartiges Flachrelief über der Innenseite der Eingangstür. Beide Reliefs befinden sich noch dort. Ich habe gehört, sie seien jetzt blau gefärbt, so daß sie sich von den weißen Wänden ringsherum abheben.

Ich war überrascht, wie leicht ich mir alle für die Leitung von Bauarbeiten notwendigen Kenntnisse aneignete. Die meisten Ashrambewohner staunten ebenfalls, wie schnell ich lernte. Tenamma Patti, eine der Köchinnnen des Ashrams, befragte Bhagavan einmal darüber.

„Annamalai Swami ist Bhagavan sehr ergeben”, sagte sie, „das ist klar. Aber er konnte anscheinend auch ohne irgendeine Ausbildung zum Bauexperten werden. Wie ist das möglich?”

Bhagavan sagte zu ihrer Verblüffung: „Er war in seinem vorigen Leben Bauingenieur.”

Aus verschiedenen Hinweisen und gelegentlichen Andeutungen ging hervor, daß Bhagavan über die früheren Inkarnationen zumindest einiger seiner Devotees Bescheid wußte. Normalerweise behielt er dieses Wissen für sich. Es war sehr ungewöhnlich, daß er eine so deutliche Bemerkung machte, eine Äußerung, die aufzeigte, welchen Beruf ein Devotee in seinem vorigen Leben ausgeübt hatte.

Meine nächste große Aufgabe war die Bauleitung des Kuhstalls. Chinnaswami hatte mit einem gelernten Maurer aus dem Ort vereinbart, einen Kuhstall zu bauen, der nicht mehr als 500 Rupien kosten sollte. Er hielt einen solchen kleinen Stall für ausreichend, weil damals Lakshmi die einzige Kuh im Ashram war. Bhagavan wollte einen größeren Kuhstall, aber aus irgendeinem Grund ließ er Chinnaswami das nicht wissen.

Vor Baubeginn veranstaltete Chinnaswami eines Morgens gegen zehn Uhr einen kleinen Muhurtam (Einweihungszeremonie) auf dem Bauplatz seines kleinen Kuhstalls. Nachdem alle fortgegangen waren, nahm Bhagavan mich beiseite und teilte mir mit, daß der Plan geändert werden müsse.

„In den nächsten Jahren wird es hier viele Kühe geben”, sagte er. „Selbst wenn wir einen großen Stall bauen, werden so viele Kühe hier sein, daß wir nicht alle darin unterbringen können. Wir müssen einen größeren Stall bauen, und anstelle dieses Maurers sollst du die Bauarbeit leiten.”

Er ging mit mir in den Teil des Ashrams, wo heute der Kuhstall steht, und zeigte mir den Bauplatz, indem er den Umriß auf den Boden zeichnete. Alle vier Wände sollten 48 Fuß (14,6 m) lang sein.

Als er sicher war, daß ich verstanden hatte, was zu tun sei, gab er noch eine seltsame Anweisung: „Wenn Chinnaswami kommt und mit dir über diesen Plan streitet, sage ihm nicht, daß ich dich beauftragt habe, so zu bauen”

Ich habe Bhagavan nie gefragt, warum er seine eigene Rolle bei der Angelegenheit geheimhalten wollte. Bis heute ist mir das ein Rätsel.

Sofort stellte ich ein paar Arbeiter an zum Ausheben der Gräben für die Fundamente. Chinnaswami war in sein Büro zurückgegangen, so daß wir von ihm unbemerkt beginnen konnten, den neuen Plan auszuführen. Gegen ein Uhr mittags, als die Arbeit schon weit fortgeschritten war, kam er vorbei, um nach dem Rechten zu sehen.

Zunächst verschlug ihm der Schock die Sprache, aber nachdem er begriffen hatte, worauf mein Tun hinauslief, wandte er sich zu mir und sagte sarkastisch: „Aha, du hast den Plan geändert. Jetzt ist es ein sehr großes Projekt. Wer hat dich zu alledem ermächtigt?”

„Ich tue es, weil ich es für richtig halte”, entgegnete ich. Chinnaswami befahl mir, den ursprünglichen Plan auszuführen, aber ich weigerte mich. Ich erklärte ihm, wir brauchten einen größeren Kuhstall, und ich sei entschlossen, meinen Plan durchzuführen.

Chinnaswami wurde verständlicherweise sehr wütend, als ich mich ihm widersetzte.

„Warum hast du den Plan geändert, ohne mich zu fragen?” wollte er wissen. „Ich bin der Sarvadhikari (Hauptgeschäftsführer) in diesem Ashram.”

Als ich weiterhin ablehnte nachzugeben, schrie er mich an und beschimpfte mich, doch seine Worte und Drohungen prallten an mir ab. Schließlich sagte er mehr frustriert als zornig: „Ich habe angefangen, diesen Ashram aufzubauen. Wie kann ich weitermachen, wenn du meine Anweisungen nicht befolgst? Sei du doch der Sarvadhikari. Ich gehe woanders hin.”

Als Chinnaswami schließlich einsah, daß er mich nicht umstimmen konnte, ging er fort und setzte sich auf einen großen Stein vor dem Eingang des Ashrams. Die Situation war sehr verwirrend für ihn. Nie zuvor hatten sich ihm Mitarbeiter so kraß widersetzt. Einige Devotees kamen zu mir und berichteten, er habe lange Zeit, von dumpfer Wut erfüllt, dort am Tor gesessen. Ich beaufsichtigte weiter die Arbeiten, daher weiß ich nur vom Augenzeugenbericht anderer Devotees, was noch geschah.

Chinnaswami saß stundenlang vor dem Tor und machte jedem gegenüber, der es hören wollte, kritische Bemerkungen über mich.

„Ich werde den Ashram verlassen”, beklagte er sich wiederholt, „weil dieser Mann allen meinen Plänen zuwiderhandelt. Soll er sich doch um den Ashram kümmern. Ich gehe nach Chengam (etwa 24 Kilometer entfernte Stadt) oder sonst irgendwohin.”

Drei Devotees – T.K. Sundaresa Iyer, Ramakrishna Swami und Munagalah Venkataramiah - gingen zu Chinnaswami, um herauszufinden, worüber er so wütend war.

Chinnaswami sagte ihnen: „Ich verlasse den Ashram, weil Annamalai Swami alle meine Pläne durchkreuzt. Ich räume das Feld und komme nur zurück, wenn Annamalai Swami fortgeschickt wird.”

Die drei Devotees gingen zu Bhagavan und berichteten ihm: „Chinnaswami ist sehr aufgebracht. Er sagt, er wolle den Ashram verlassen und erst zurückkommen, wenn man Annamalai Swami herausgeworfen hat.”

Bhagavan mischte sich normalerweise nie ein, wenn Chinnaswami Arbeiter entließ oder Devotees aufforderte, den Ashram zu verlassen, aber diesmal stärkte er mir den Rücken: „Wenn Annamalai Swami geht, gehe ich auch.”

Chinnaswami nahm seine Drohung zurück, den Ashram zu verlassen, und akzeptierte die Tatsache, daß ich bleiben würde - aber weiterhin stellte er sich „meinem” Plan für den Kuhstall entgegen. An diesem Abend versammelte Chinnaswami alle Ashrambewohner in der Halle und begann eine Diskussion über die Vorzüge seines Plans im Vergleich zu meinem. Bhagavan beteiligte sich nicht an dieser Diskussion; er saß einfach dabei und hörte zu. Alle Devotees, die das Wort ergriffen, sprachen sich für einen kleinen Kuhstall aus. Ich war als einziger für einen großen, aber ich schwieg während der ganzen Diskussion. Nachdem jeder seine Meinung gesagt hatte, schloß Chinnaswami die Diskussion ab.

„Laßt uns jetzt abstimmen”, sagte er. „Ist es besser, wenn wir meinen Plan ausführen oder den von Annamalai Swami?”

Alle stimmten für Chinnaswamis Plan, hauptsächlich, so vermute ich, weil sie vor ihm Angst hatten. Ich enthielt mich der Stimme.

Bhagavan bemerkte das und fragte: „Was meinst du dazu?”

Ich antwortete: „Meiner Meinung nach sollten wir auf den Fundamenten, mit deren Bau wir heute morgen begonnen haben, einen geräumigen Kuhstall bauen.”

Bhagavan machte nicht die geringste Andeutung, zu welcher Seite er neigte. Als einer der Devotees während der Debatte die Vermutung äußerte, daß ich vielleicht einen Plan ausführte, der zwischen Bhagavan und mir heimlich abgesprochen sei, hatte Bhagavan dies weder bestätigt noch bestritten. Er blieb bis zum Schluß neutral.

Nachdem ich meine Meinung zu der Angelegenheit geäußert hatte, stellte Bhagavan fest: „Es scheint jetzt, daß sich hier zwei Parteien gebildet haben. Warten wir ab, welcher Plan schließlich verwirklicht wird.”

Das war sein letztes Wort in dieser Sache. Danach stand er auf und verließ die Halle.

Obwohl die Debatte ohne bestimmtes Ergebnis endete, hatte Bhagavan mir einen gewissen Handlungsspielraum eingeräumt. Indem er weder Chinnaswami erlaubte, mich hinauszuwerfen, noch dessen Plan unterstützte, schien es mir, als habe er den großen Kuhstall heimlich gebilligt. Aufgrund dieser Annahme ließ ich die Gräben für die Fundamente weiter ausheben. Chinnaswami versuchte nicht mehr, mich daran zu hindern, aber er überschüttete mich mit einer Flut von Vorwürfen, zumeist wegen der Kosten des Projekts.

Chinnaswami befand sich in einer ungewohnten Situation, denn er war daran gewöhnt, absolute Macht auszuüben. Daß Bhagavan zu meinen Gunsten eingriff, war ebenfalls etwas ganz Ungewöhnliches. Chinnaswami entging nicht die Tragweite von Bhagavans außergewöhnlichem Verhalten. Er kam zu dem ganz richtigen Schluß, es müsse eine geheime Absprache zwischen Bhagavan und mir über den Plan für den Kuhstall geben. Dies war die einzige Erklärung für diese zwei außerordentlichen Ereignisse: meinen Ungehorsam und Bhagavans Eingreifen zu meinen Gunsten.

Chinnaswami konnte seine Vermutung allerdings nicht überprüfen. Er hatte viel zuviel Angst, sich direkt an Bhagavan zu wenden, weil dieser ihn meist mit einem kurzen „Poda” entließ, wenn er in der Halle irgendwelche Beschwerden vorbrachte. Auch von mir konnte er keinerlei Bestätigung erlangen. Ich hielt mich an Bhagavans Worte und beharrte jedem gegenüber darauf, daß der Plan gänzlich mein eigener sei.

Am Abend des dritten Tages danach ging ich zu Chinnaswami, um den Lohn für die Arbeiter abzuholen. Wie üblich wollte ich ihm eine Liste geben, worin für jeden einzelnen Arbeiter der auszuzahlende Betrag aufgeführt war.

Bevor ich ihm an diesem Abend auch nur die Liste reichen konnte, wurde er sehr wütend und rief „Wir haben kein Geld Wie sollen wir einen so großen Bau bezahlen?”

Ohne die Liste auch nur zu prüfen, warf er dann den Beutel mit Münzen für die Arbeitslöhne in meine Richtung. Er legte seine ganze Kraft und aufgestaute Wut in diesen Wurf. Zum Glück hatte er schlecht gezielt. Der Beutel flog eine Handbreit an meinem Kopf vorbei.

Dies bedeutete für mich den Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Ich ging geradewegs zu Bhagavan und berichtete ihm, Chinnaswami habe mit dem Münzbeutel nach mir geworfen. Bhagavan hörte sich meinen Bericht an und schwieg eine Weile. Auch wenn man sich an seine Weisungen hielt, mochte er es nicht, wenn ein Devotee ihm Beschwerden vortrug. Schließlich begann er zu sprechen. Er zählte eine lange Reihe von Dingen auf, darunter auch Nahrungsmittel, die er für unnötig hielt. Ohne es direkt zu sagen, deutete er damit an, daß der Ashram genug Geld gehabt hätte, den Kuhstall zu bauen, wenn es nicht für diese überflüssigen Dinge verschwendet worden wäre. Einige Minuten später versuchte Madhava Swami, Bhagavans Beine mit Jambak (schmerzlindernder Balsam) einzureiben.

Bhagavan reagierte gereizt: „Ich brauche solches Zeug nicht. Das sind alles unnötige Ausgaben. Ich will so etwas nicht und brauche es nicht.” Kurz darauf lehnte er aus demselben Grund Betelnüsse ab.

Die in der Halle anwesenden Devotees wurden Zeugen dieser Wortwechsel. Als ihnen klar wurde, daß der Ashram nicht genügend Geld hatte, die für diesen Tag angestellten Arbeiter zu entlohnen, spendete jeder etwas, um das Defizit auszugleichen. Der gesammelte Betrag reichte aus, um den Arbeitern ihren Tageslohn auszuzahlen und sie für die nächsten zwei Tage zu verpflichten.

Am Tag, an dem dieses Geld verbraucht gewesen wäre, trafen wie durch ein Wunder neue Geldmittel für Bhagavans Kuhstall ein. Ein paar Wochen vorher war der Chefredakteur der Sunday Times aus Madras gekommen, um Bhagavan kennenzulernen. Er war so beeindruckt, daß er einen langen Artikel voll des Lobes über Bhagavan schrieb und veröffentlichte. Diesen Artikel las ein nordindischer Fürst. Auch er zeigte sich von Bhagavan beeindruckt, unternahm aber zunächst noch nichts. Wenige Wochen später ging der Fürst in einem seiner Wälder auf Tigerjagd. Es gelang ihm, einen Tiger aufzuspüren, aber als er seine Büchse hob und schießen wollte, lähmte ihn eine plötzliche, unerwartete Welle von Furcht. Ihm war völlig klar, daß der Tiger ihn anspringen und töten würde, aber seine Muskeln versagten ihm den Dienst.

Plötzlich erinnerte er sich an den Artikel über Bhagavan, und er begann zu ihm zu beten: „Wenn ich diese Jagd überlebe, will ich dir nicht nur 1000 Rupien schicken, sondern auch Kopf und Fell des Tigers.”

Eine Rupie ist heute ca. 5 Pfennig wert. Zur Zeit dieser Geschichte lag ihre Kaufkraft viel höher. Damals verdiente ein ungelernter Arbeiter eine Viertelrupie am Tag, was für seine Grundbedürfnisse ausreichte.

Sobald er das Gebet gesprochen hatte, wich die Furcht von ihm, und er tötete den Tiger mit dem ersten Schuß.

Der Fürst hielt sein Versprechen. Zwei Tage nach den Streitereien über den Kuhstall erschien der Postbote mit 1000 Rupien. Durch eine merkwürdige Laune des Schicksals gab er das Geld mir statt Chinnaswami.

Ich brachte es Bhagavan, der ganz beiläufig bemerkte: „Ja, ich habe diese Überweisung erwartet. Bring Chinnaswami das Geld ins Büro”

Als ich Chinnaswami das Geld überreichte, vergaß er unseren Disput und lächelte mich freundlich an. Das versprochene Tigerfell traf eine Woche später ein. Bhagavan setzte sich für ein paar Minuten darauf, während ein örtlicher Fotograf einige Bilder machte.

Chinnaswami sagte zu mir: „Du bist deshalb so mutig, weil Bhagavan dich beauftragt hat, diesen Plan auszuführen. Bhagavan teilt mir seine Pläne zur Zeit nicht mit, und auch du willst mir anscheinend nicht sagen, was geplant ist. Das ist meine einzige Schwierigkeit mit dir. Unter solchen Umständen sind kleine Auseinandersetzungen unvermeidlich. Ich versuche nur, meine Pflicht zu tun; sei mir deswegen bitte nicht böse.”

Ich benutzte das Geld zum Kauf von Zement, Holz und Eisen für den Kuhstall. Als es nach vier Tagen verbraucht war, fing Chinnaswami wieder an, sich bei mir über die in die Höhe schnellenden Baukosten zu beschweren. Ein Besucher, der unser Gespräch gehört hatte, wollte den Grund für unseren Disput wissen. Ich erklärte ihm, Chinnaswami habe mich getadelt, weil ich einen großen Kuhstall bauen wolle, für den aber nicht genügend Geld da sei.

Der Devotee, der von Madras gekommen war, um Bhagavan zu sehen, sagte: „Was braucht ihr sonst? Vielleicht kann ich helfen.”

Ich erklärte ihm, daß wir am dringendsten 4 bis 5 Tonnen Teakholz benötigten. Daß das teuer werden würde, wußte ich, aber der Devotee blieb unbeeindruckt.

„Kein Problem”, meinte er, „soviel kann ich leicht von Madras schicken.”

Chinnaswami war hocherfreut, dies zu hören, denn er wußte, daß das Holz ein großer Posten in der Schlußrechnung werden würde. Er erklärte dem Devotee, das Holz werde dringend benötigt, und drängte ihn, sofort nach Madras zu fahren und alles Nötige in die Wege zu leiten. Der Devotee schien davon beeindruckt. Er ging zum Darshan in die Halle und fuhr dann nach Madras zurück, um sich dieser Sache anzunehmen.

Ein paar Tage später erreichte uns das Teakholz in einem Bahnwaggon. Mit ihm kam eine unerwartete Rechnung über 3000 Rupien. Als der Devotee sich erboten hatte, das Holz zu schicken, glaubten wir alle natürlich, es sei als Spende an den Ashram gemeint. Chinnaswami explodierte fast, als er die Rechnung sah, denn sie belief sich auf weit mehr, als wir zur Zeit besaßen. Zum Glück erfuhren einige der wohlhabenderen Devotees von unserem Fiasko. Sie brachten gemeinsam das Geld auf und bezahlten die Rechnung. Wären das Teakholz und die Rechnung nicht in den Ashram gekommen, hätten sie bestimmt nicht daran gedacht, die benötigte Summe zu stiften.

Unsere Finanzlage war immer prekär, wenn wir große Baumaßnahmen im Ashram durchführten. Weil wir die Bauten auf Geheiß Bhagavans errichteten, kam es zum Glück nie zu einer wirklichen finanziellen Katastrophe. Während die Arbeit voranging, trafen genug Spenden ein, um alle Kosten zu decken. Wenn nicht gebaut wurde, kamen auch keine Spenden. In all den Jahren, in denen ich Bhagavans Baupläne ausführte, gab es keinen einzigen Tag, an dem uns Geldmangel an der Arbeit gehindert hätte. Schließlich sah auch Chinnaswami ein, daß man sich um Geld nicht sorgen mußte, wenn Bhagavans Segen auf einem Projekt ruhte.

Als der Kuhstall fast fertig war, kam Chinnaswami zu mir und sagte: „Dieser Bau wird glücklich vollendet, weil es Bhagavans Plan war. Nur durch seine Gnade konnten wir ihn finanzieren. Jetzt glaube ich dir.”

Bhagavan kam oft zum Kuhstall, um Anweisungen zu geben und zu sehen, wie die Bauarbeiten fortschritten. Er besuchte die Baustelle oft sogar nachts.

Als wir einmal zusammen die Arbeiten beaufsichtigten, erklärte mir Bhagavan: „Wenn du diesen Stall für Lakshmi baust, bekommen wir alle erforderliche Punya (angesammelter Verdienst aus guten Taten), um eine Buchhandlung, einen Speisesaal und einen Schrein für die Mutter zu erstellen. Das alles geschieht zu rechten Zeit. Diese Gegend wird sich zu einer kleinen Stadt entwickeln.”

Lakshmi kam oft selbst, um sich anzusehen, welche Fortschritte ihr neues Heim machte. Wenn Bhagavan dort war, tätschelte er ihr den Kopf und sagte: „Du mußt noch ein paar Tage warten, die Arbeit ist noch nicht beendet.”

In jenen Tagen konnte Lakshmi frei umherschweifen. Manchmal brachte jemand sie zum Grasen an den Samudram-See, aber meist blieb sie im Ashram.

In der letzten Bauphase kam Bhagavan einmal und sagte, er halte es für gut, einen steinernen Mörser aufzustellen, damit für die Kühe aus Baumwollsamen Futter zubereitet werden könne. Er zeigte mir auch die Stelle dafür. Als ich Chinnaswami gegenüber den geplanten Mörser erwähnte, bestand er hartnäckig darauf, daß ich ihn in einer anderen Ecke des Kuhstalls plazieren solle. Ich ignorierte seine Anordnung und stellte den Mörser an der von Bhagavan bezeichneten Stelle auf. Bhagavan rettete mich vor einem weiteren sinnlosen Streit, indem er Chinnaswami bei dessen nächstem Besuch zum Kuhstall folgte.

Bevor Chinnaswami sich beschweren konnte, erschien Bhagavan und sagte: „Frage Chinnaswami, welcher Plan besser ist: sein Plan oder dein Plan?”

Bhagavan hatte nicht ausgesprochen, daß es seine eigene Idee war, aber Chinnaswami deutete die spitze Bemerkung zu Recht so, daß Bhagavan selbst mir diesen Auftrag gegeben hatte. Er verstand den Wink und stimmte zu, daß meine Vorstellung verwirklicht werden sollte.

Bhagavan wußte, daß Chinnaswami mir viele Schwierigkeiten bereitete, aber er mochte keine Klagen darüber hören. Außer bei der Münzbeutel-Affäre beschwerte ich mich nur zweimal über Chinnaswamis Verhalten. Beidemal tadelte mich Bhagavan dafür, daß ich ihm Klagen vortrug. Das eine Mal hatte Chinnaswami von mir verlangt, einen Hund mit Steinen zu bewerfen und ihn aus dem Ashram zu verjagen.

Ich wollte den harmlosen Hund nicht verletzen, deshalb ging ich zu Bhagavan und sagte: „Chinnaswami verlangt, daß ich nach diesem unschuldigen Hund mit Steinen werfe.”

Zu meiner Überraschung nahm Bhagavan seinen Bruder in Schutz: „Wenn du etwas kochst und im Haus aufbewahrst, und es kommt ein Hund - hast du dann nicht das Recht, ihn zu vertreiben, bevor er das Essen stiehlt?”

Bhagavan war immer sehr gütig zu Tieren. Wenn er gesehen hätte, wie ein Devotee mit Steinen nach einem harmlosen Hund warf, hätte er ihn wahrscheinlich zurechtgewiesen. Er gab mir diese Antwort nur, um mir zu zeigen, daß er es mißbilligte, wenn Devotees sich bei ihm übereinander beschwerten.

Brachten Devotees ihm Klagen vor, rügte er sie meist dafür. Das bedeutete nicht, daß er das Handeln guthieß, das den Anlaß zur Beschwerde gab. Es zeigte nur, daß er es nicht mochte, wenn Devotees aneinander etwas auszusetzen fanden.

Ich erinnere mich nicht mehr, worüber ich mich beim dritten und letzten Mal beklagte, aber Bhagavans Antwort zeigte ganz klar seine Haltung gegenüber Beschwerden und Beschwerdeführern.

Er sagte zunächst: „In praktischen Angelegenheiten ist es unvermeidlich, daß gewisse Meinungsverschiedenheiten aufkommen. Laß dich dadurch nicht stören.”

Dann fragte er mich: „Wozu bist du in diesen Ashram gekommen?”

„Ich habe in einem Kommentar zur Bhagavad Gita gelesen”, antwortete ich, „daß das Gemüt, wenn es rein ist, zum Selbst wird. Ich möchte mein Gemüt rein halten, um das Selbst zu verwirklichen. Nur zu diesem Zweck bin ich hierhergekommen.”

„Füttert man nicht sein Gemüt, wenn man sich mit den Fehlern der anderen aufhält?” fragte Bhagavan.

Ich nahm Bhagavans Kritik an und sagte, ich wolle in Zukunft versuchen, in anderen keine Fehler mehr zu sehen.

Zum Zeichen meiner Reue prostrierte ich schließlich vor Bhagavan (Prostration: tiefe Verneigung oder lang getrecktes auf dem Boden liegen) und versprach: „Von nun an werde ich mich nie wieder über irgend jemanden beschweren.”

Ich hielt mein Wort: In allen folgenden Jahren trug ich Bhagavan nie wieder eine Klage über einen anderen Devotee vor.

Obwohl Bhagavan im allgemeinen ungern Beschwerden hörte, erinnere ich mich doch an einen Vorfall, bei dem er sich einem klageführenden Besucher gegenüber erstaunlich duldsam zeigte. Es geschah mehrere Jahre später, als Bhagavan und ich einmal gemeinsam zum rückwärtigen Tor des Ashrams gingen. Das Mittagessen war soeben vorüber, und wir wollten gerade einen Spaziergang nach Palakottu machen, da trat ein wandernder Sadhu, der kurz zuvor eingetroffen war, mit seinen Klagen über den Ashram an Bhagavan heran.

„Eure Shishyas (Schüler) sind genau wie der Guru. Ich kam zu Eurem Ashram und bat um etwas zu essen, aber niemand hat mir etwas gegeben. Swami Vivekananda (ein Schüler Ramakrishnas) sprach viel über Anna Dana (freie Beköstigung von Reisenden oder Pilgern) und hat sie hoch gelobt. Er redete auch über Vedanta und Siddhanta (Philosophie), doch wies er dabei stets auf die Wichtigkeit von Anna Dana hin.”

Während ich diesen Vorwürfen gegen Bhagavan und den Ashram zuhörte, wurde ich immer wütender. Schließlich unterbrach ich ihn und sagte: „Warum belästigt Ihr Bhagavan? Geht”

Bhagavan brachte mich mit einem unmutigen Blick zum Schweigen und erlaubte dem Sadhu, mit seinen Beschwerden fortzufahren. Als dieser merkte, daß er nicht unterbrochen oder fortgeschickt wurde, hielt er Bhagavan einen halbstündigen Vortrag über die Mängel des Ashrams und der hier arbeitenden Leute. Als er schließlich aufhörte, weil ihm der Stoff ausgegangen waren, fragte Bhagavan ihn sehr ruhig und höflich, ob er ihm noch etwas mitzuteilen wünsche. Der Sadhu antwortete nicht.

Dann sagte Bhagavan in schärferem Ton: „Ich bekomme mein Essen hier keineswegs umsonst. Jeden Tag helfe ich in der Küche; ich kümmere mich um die Kühe; ich gebe den Devotees Darshan und antworte auf alle ihre Fragen. Dafür gibt man mir zu essen.”

Bhagavan wurde dann ein bißchen milder. Er wandte sich mir zu und sagte: „Was können wir tun? Bringe ihn in die Küche und gib ihm etwas zu essen”

Der Sadhu verzehrte seine Mahlzeit, verließ den Ashram und kam nie wieder.

Chinnaswamis Art, den Ashram zu leiten, befremdete viele, doch Bhagavan gab ihm prinzipiell fast immer recht, wenn er mit Devotees in Streit geriet. Bhagavan selbst kritisierte Chinnaswami oft, aber das war sein alleiniges Vorrecht. Wir anderen mußten schweigen und uns in Geduld üben. Ich erinnere mich an einen Vorfall, der dies gut veranschaulicht. Einmal kam eine Frau, um Bhagavans Darshan zu erhalten. Weil sie sehr scheu war und nicht in Gesellschaft von Männern sein wollte, aß sie allein in einer Hütte neben dem Speisesaal. Anstatt ihr das Essen von einem weiblichen Devotee wie z. B. Sampurnammal auftragen zu lassen, brachte Chinnaswami es ihr selbst.

Als Bhagavan dies erfuhr, wies er ihn vor allen Leuten zurecht: „Warum schickst du nicht eine der Frauen, um ihr das Essen zu servieren? Warum bringst du ihr das Essen? Sie ist sehr scheu und nicht gewöhnt, mit fremden Männern umzugehen.”

Verschiedene Devotees, die Zeuge dieser Szene geworden waren, dachten bei sich: „Wenn Bhagavan so mit Chinnaswami umspringt, warum sollen wir ihm dann Respekt zollen?”

In den folgenden Tagen begannen diese Devotees, Chinnaswami ziemlich schlecht zu behandeln. Bhagavan beobachtete dies einige Tage lang schweigend.

Als er sah, daß die Devotees ihr Verhalten ohne sein Eingreifen nicht ändern würden, stellte er den früheren Zustand wieder her, indem er ihnen sagte: „Haltet ihr Chinnaswami für eine Killukkirai (kleine Pflanze, die leicht mit den Fingernägeln aus dem Boden gezogen und weggeworfen werden kann)? Chinnaswami ist hier der Sarvadhikari (Geschäftsführer). Ihr solltet seine Stellung respektieren und seinen Anordnungen folgen.”

Als die Arbeit am Kuhstall beendet war, schrieb Chinnaswami an Rangaswami Gounder, den Mann, der für den in einen Vorratsraum verwandelten Kuhstall Geld gespendet hatte: „Wir haben einen geräumigen Kuhstall gebaut. Ihr könnt selbst kommen und ihn Euch anschauen. Seid bitte nicht mehr böse auf uns.”

Rangaswami Gounder nahm die Einladung an und war erfreut, den großen Stall zu sehen. Er hielt sich an sein ursprüngliches Versprechen und schenkte dem Ashram mehrere Kühe.

Während er im Stall herumgeführt wurde, bemerkte er: „Als ich sah, daß Chinnaswami meine damalige Spende für einen Vorratsraum anstatt für einen Kuhstall verwendete, war ich natürlich erbost. Ich dachte, er hätte mein ganzes Geld verschwendet. Aber mit diesem neuen Kuhstall, der viel größer ist als der von mir geplante, bin ich nun glücklich und zufrieden. Alles hat sich schließlich zum Guten gewendet.”

Auch Chinnaswami war ein glücklicher Mann. In der letzten Bauphase hatte der Ashram so viele Spenden für den Kuhstall bekommen, daß nach Abschluß der Arbeit eine Menge Geld übrig blieb. Das versetzte Chinnaswami in eine ungewöhnlich freudige Stimmung.

„Wenn du künftig wieder für den Ashram arbeitest”, wies er mich an, „treibe die Arbeit voran und gib unbesorgt Geld aus, wann immer das erforderlich ist. Bhagavan wird für alles Nötige sorgen.”

Weil der Ashram nun über eine Menge Geld verfügte, beschloß Chinnaswami mit Bhagavans Erlaubnis, verschiedene andere Bauprojekte in Angriff zu nehmen.

Er kam zu mir und sagte: „Ich fahre für ein paar Wochen nach Burma, um dort Teakholz für den Bau eines großen Speisesaals und einer Küche zu kaufen. Beginne in meiner Abwesenheit mit dem Bau eines Badezimmers für Bhagavan, eines Büros und einer Buchhandlung. Ich bin überzeugt, daß du gute Arbeit leisten wirst, weil ich aus Erfahrung weiß, daß du dich an Bhagavans Pläne hältst.”

Der Maharaja von Mysore hatte bereits Geld für Bhagavans Badezimmer gestiftet, daher konnte ich unverzüglich mit dem Bau beginnen.

Die Arbeit an diesen neuen Projekten verlief sehr glatt; ich konnte sie ohne Zwischenfälle zu Ende führen. Für die Devotees, die den Ashram kennen, sollte ich erwähnen, daß das Gebäude, in dem sich heute Büro und Buchladen befinden, erst nach Bhagavans Tod entstanden ist. Das alte Büro und die Buchhandlung, die bis zu Bhagavans Lebensende benutzt wurden, waren in den Gebäuden untergebracht, die sich an die nordwestliche Ecke von Bhagavans heutiger Samadhi-Halle anschließen. Heute verwendet man sie zum Lagern und Versenden der Ashram-Publikationen. Als Bhagavans Badezimmer diente der kleine Raum an der Nordseite des alten Büros (siehe die Karte oben). Er hat eine kleine Tür, die sich zum Arunachala hin öffnet.

Während Chinnaswami sich in Burma aufhielt, oblag mir die Auszahlung der Arbeiter. Ich hatte mir zwar das Lesen selbst beigebracht, damit ich die heiligen Schriften studieren konnte, aber ich bemühte mich nie, die Grundlagen des Rechnens zu lernen. Deshalb vermochte ich nicht, den Überblick über die Finanzen zu behalten. Oft verrechnete ich mich bei der Buchführung. Nach ein paar Tagen kam ich zu dem Schluß, daß ich für diese Arbeit ungeeignet sei.

Ich ging zu Bhagavan und sagte: „Die Maurer und die anderen Arbeiter anzuleiten fällt mir leicht, aber die Buchhaltung und die korrekte Auszahlung der Löhne sind sehr schwierig für mich. Ich glaube, ich kann diese Arbeit nicht richtig erledigen, denn ich verrechne mich oft. Besonders wenn wir wenig Geld haben, bin ich immer in Sorge, Fehler zu machen.”

Bhagavan antwortete nicht, aber ein Devotee namens Raghavendra Rao, der gerade in der Halle saß, bot sich an, für mich die Buchführung zu übernehmen. Er war ein Ingenieur im Ruhestand, der den größten Teil seiner freien Zeit mit dem Studium der Bhagavad Gtta verbrachte. Außer beim Buchführen half er mir auch bei der Bauaufsicht. Als Ingenieur muß er viel mehr von Bautechnik verstanden haben als ich, aber er stellte meine Pläne nie in Frage. Er gab sich zufrieden, als mein Assistent zu arbeiten, weil er wußte, daß ich nur die Anweisungen ausführte, die ich von Bhagavan erhielt.

Wenn Bhagavan Mitarbeitern des Ashrams Aufgaben übertrug, erwartete er immer, daß sie sorgfältig ausgeführt wurden. Nie duldete er nachlässiges Verhalten. Wenn die Arbeit von Ashrambewohnern ihn nicht zufriedenstellte, entband er sie entweder von ihrer Aufgabe, oder er bestand darauf, daß sie noch einmal gemacht wurde. War Bhagavan mit der Art und Weise, wie gearbeitet wurde, unzufrieden, griff er manchmal persönlich ein und verrichtete die Arbeit selbst.

Er verlangte von den Ashrambewohnern, daß sie sorgsam und gewissenhaft arbeiteten, doch bei Außenstehenden war er weniger strikt. Wenn nicht im Ashram lebende Arbeiter schlecht arbeiteten, bat er gewöhnlich einen der Ashrambewohner, den Schaden zu beheben oder die Arbeit noch einmal zu machen. Während meiner Jahre im Ashram habe ich öfters Aufgaben dieser Art übernommen.

Einmal wurde eine Zange gebraucht, um aus Bhagavans Kumutti (Kohlebecken) Holzkohle zu entnehmen. Der damit beauftragte Schmied stellte eine gute Zange her, aber die metallene Oberfläche der Griffe erwies sich als sehr rauh. Bhagavan nahm die Zange widerspruchslos an, doch als der Schmied gegangen war, bat er mich, die Griffe mit Sandpapier und einer Feile glattzuschleifen.

Als der Schmied wieder in den Ashram kam, zeigte ihm Bhagavan die frisch polierte Zange mit den Worten: „Sieh einmal, ob du dieses Werkzeug wiedererkennst?”

Der Schmied nahm den kritischen Wink mit einem Lächeln auf und lobte uns, daß wir sein Werkstück so gut verfeinert hatten.

Manchmal platzten kleine glühende Kohlentücke aus diesem Becken und sprangen auf den Boden. Bhagavan, der nie eine Gelegenheit vorübergehen ließ, uns spirituell zu belehren, erläuterte uns anhand dieses natürlichen Phänomens die Beziehung zwischen Gemüt und Selbst.

„Wie ein Funke aus dem Feuer springt, so kommt das Gemüt aus dem Selbst. So wie dieses Stück Holzkohle keine Glut in sich hat, wenn es vom Feuer getrennt ist, so hat auch das Gemüt keine eigene Kraft oder Energie, solange es sich einbildet, vom Selbst getrennt zu sein.”

Dann hob er das Kohlestück mit der Zange auf, legte es zurück ins Feuer und sagte: „Das ist der Diva (das individuelle Selbst). Er muß zu Shiva, zum Selbst, zurückgebracht werden.”

Ein andermal mußte ich etwas ausbessern, nachdem ein paar Arbeiter eine Mauer um den Brunnen des Ashrams sehr schlecht gebaut hatten. Sie hatten so eilig und nachlässig gearbeitet, daß manche Steine aus der Mauer hervortraten und andere nach hinten versetzt waren. Die Arbeiter hielten es nicht einmal für notwendig, alle Lücken zwischen den Steinen mit Zement auszufüllen. Als Bhagavan die Mauer sah, trug er mir auf, die Fläche zu ebnen und die Lücken zu schließen. Ich vermochte die Mauer nicht völlig zu glätten, doch ich tat, was ich konnte, indem ich die großen Löcher mit kleinen Steinen sowie Zement und die kleineren Löcher und Risse nur mit Zement füllte. Als die Maurer, die so mangelhaft gearbeitet hatten, sich wieder im Ashram zeigten, verfuhr Bhagavan nach der gleichen Taktik wie beim Schmied. Ohne direkte Kritik zu äußern, zeigte er ihnen den Brunnen und sagte: „Seht, wie gut Annamalai Swami die Mauer ausgebessert hat, die ihr gebaut habt.”

Viele Jahre später ließ Bhagavan mich ähnliche Ausbesserungen im Tempel der Mutter vornehmen. Auf einer seiner Inspektionsrunden hatte er bemerkt, daß es zwischen den Steinfliesen um das Garbhagriha (innerer Schrein) einige Sprünge gab. Manche dieser Risse klafften zwei bis drei Zentimeter auseinander. Er zeigte mir auch ein paar Lücken zwischen einigen Steinen in der Wand und beauftragte mich, sie aufzufüllen. Diese Arbeit, die ich irgendwann in den Vierzigern ausführte, war eine der letzten Maurerarbeiten, die ich für den Ashram verrichtete.

Als ich mit der Leitung der Bauvorhaben des Ashrams begann, dachte ich: „Diese Arbeit wird bald erledigt sein; dann kann ich wieder in die Halle gehen und bei Bhagavan sitzen.”

Bhagavan hatte mir nie gesagt, ich müsse von jetzt an die ganze Zeit mit diesen Bauarbeiten verbringen. Ich glaubte, daß ich in Zeiten, in denen es keine Arbeit gab, wieder in die Halle gehen und bei Bhagavan sitzen könnte. Aber Bhagavan nahm mir diese Illusion. Sobald ich eine Arbeit beendet hatte, fand er jedesmal etwas anderes für mich zu tun. In allen Jahren, die ich für ihn arbeitete, gab es kaum jemals einen Tag, an dem ich während der Arbeitszeit bei ihm in der Halle sitzen konnte.

Ich litt nicht allzusehr unter diesem Verlust, weil ich durch einige kleine Privilegien entschädigt wurde. Frühmorgens, vor Beginn der Arbeiten am Bau, halfen Madhava Swami und ich Bhagavan bei seinem Bad. Gemeinsam massierten wir ihm Rücken und Beine mit Öl, bevor er sein Bad nahm. Am Abend zwischen acht und halb zehn Uhr durfte ich Bhagavans Füße mit Öl einreiben. Während ich massierte, sprach ich mit ihm entweder über spirituelle Dinge oder über Bauangelegenheiten. Nach der abendlichen Massage durfte ich auch meinen Kopf für ein paar Minuten auf Bhagavans Füße legen.

Bevor ich weiter erzähle, sollte ich vielleicht kurz erklären, warum fast alle Männer im Ramanasramam „Swami” genannt wurden. Genaugenommen sollte nur mit „Swami” angeredet werden, wer formell in einen der traditionellen Orden des Sannyasa eingeweiht worden ist. Keiner der „Swamis” in unserem Ashram war jedoch formell eingeweiht worden. Die meisten erhielten diesen Titel nur, weil Bhagavan sie so anzureden begann. Bhagavan sprach immer äußerst respektvoll mit den Menschen. Wenn er einen der Sadhus im Ashram anredete, nannte er ihn gewöhnlich beim Namen und fügte die ehrerbietige Endung „Swami” hinzu. Er tat dies so oft, daß die so Angesprochenen das Wort „Swami” schließlich als Teil ihres Namens betrachteten. Wenn jemand Sannyasin wird, bekommt er normalerweise einen Namen, der mit dem Titel „Swami” beginnt. Die meisten Sadhus im Ashram behielten jedoch ihren ursprünglichen Namen und fügten einfach das Wort „Swami” an.

Viele Devotees wollten von Bhagavan eingeweiht werden und formell von ihm Sannyasa erhalten, aber soweit ich weiß, ließ er sich nie auf diese Wünsche ein. Einige hartnäckige Devotees brachten das Kashayam (von Sannyasins getragenes orangefarbenes Gewand) mit in die Halle und baten Bhagavan, es ihnen zu überreichen oder es wenigstens zum Zeichen des Segens zu berühren, doch Bhagavan war dazu nicht bereit.

Sadhu Natanananda, der den Upadesha Manjari (Geistige Belehrung) zusammengestellt hatte, gehörte zu den Devotees, die versuchten, von Bhagavan das Kashayam überreicht zu bekommen.

Bhagavan lehnte ab: „Es ist nicht meine Gewohnheit, irgend jemandem das Kashayam zu geben.”

Natanananda legte das Kashayam dann auf den Schemel vor Bhagavans Sofa, der als Ablage für die mitgebrachten Gaben der Devotees diente. Bhagavan berührte das Gewand nicht, und nach ein paar Minuten nahm Natananda es wieder an sich.

Sadhu Natananda ließ sich woanders einweihen und wurde Sannyasin, aber schon bald war er dieser Lebensweise überdrüssig. Nach wenigen Monaten kam er zum Ashram zurück, legte sein orangefarbenes Gewand ab und trug fortan wieder normale Kleider.

Ich mußte Bhagavan jeden Abend über die Bauarbeiten Bericht erstatten. Er wollte wissen, was erledigt wurde und was noch zu tun blieb. Manchmal gab mir Bhagavan Anweisungen für den nächsten Tag. Ab ud zu trug ich auch meine eigenen Ideen vor und erbat seine Zustimmung. Ich befand mich also in der beneidenswerten Lage, jeden Abend ein längeres persönliches Gespräch mit Bhagavan zu führen. Andere Devotees, die sich fürchteten, mit ihm zu sprechen, weil seine Größe und Erhabenheit sie einschüchterte, benutzten mich als Mittelsmann. Sie wußten, daß ich jeden Tag frei mit Bhagavan redete, daher erzählten sie mir ihre Probleme und baten mich, Bhagavan nach einer Lösung zu fragen.

Es gab ein weiteres kleines Vorrecht, das ich sehr schätzte. Mittag- und Abendessen wurden jeweils in zwei Schichten ausgegeben. Bhagavan aß immer in der ersten Schicht, während ich normalerweise zur zweiten gehörte. Bhagavan beendete gewöhnlich gerade sein Mahl, wenn ich in den Speisesaal kam. Wenn er bei meinem Eintritt noch aß, setzte ich mich erwartungsvoll ihm gegenüber. Oft wurde meine Geduld belohnt. Bhagavan schob dann seinen aus einem Palmblatt bestehenden Teller in meine Richtung, womit er zeigte, daß ich mir meine Mahlzeit darauf servieren lassen konnte. Die Frauen, die das Essen austeilten, verstanden den Hinweis, stellten den Teller vor mich und servierten mir darauf mein Mahl.

Die geringen, noch auf dem Teller befindlichen Essenweste wurden als Prasad des Guru angesehen. Deswegen gab es oft einen heftigen Wettstreit um Bhagavans Teller.

Einmal führte mein starker Wunsch zu essen, was Bhagavan übrigließ, zu einer Erkrankung. Es geschah, weil mich eine Geschichte über einen Yogi namens Guru Namashivaya inspiriert hatte, der vor mehreren Jahrhunderten auf dem Arunachala lebte. Eines Tages mußte sich der Guru dieses Yogi übergeben und bat ihn, den Unrat zu beseitigen.

Er sagte zu seinem Schüler: „Bring dies dahin, wo es unsere Füße nicht berühren kann.”

Guru Namashivaya aß das Erbrochene, das er als Prasad seines Gurus ansah. Dieser war sehr erfreut und gratulierte ihm zu seiner Ergebenheit.

Ich erinnerte mich an diese Geschichte, als Bhagavan einmal heftige Zahnschmerzen hatte. Um seinen Schmerz zu lindern, schob er sich für einige Minuten ein Stück Tabak zwischen die Zähne und spie es dann aus. Ich war närrisch genug, meine Ergebenheit zu zeigen, indem ich Guru Namashivaya nachahmte. Ich redete mir ein, der Tabak sei Bhagavans Prasad, zerkaute ihn und schluckte ihn hinunter. Kurz danach bekam ich heftige Magenschmerzen, und mir wurde sehr übel. Mehrfach mußte ich mich beinahe übergeben; ich konnte das nur unterdrücken, indem ich große Mengen Wasser trank.

Wenn ich Bauarbeiten leitete, sagte mir Bhagavan oft: „Da du in der Tageshitze schwer arbeitest, kannst du essen, was du willst.”

Die bedienenden Frauen kannten Bhagavans Fürsorge für mich und servierten mir immer große Portionen Joghurt und Ghee (ausgelassene Butter) als Mittel gegen die Hitze. Ich hatte auch ein eigenes Rezept: wenn die Hitze im Sommer fast unerträglich wurde, mischte ich eine rohe kleingehackte Zwiebel unter mein Essen und spürte, daß dies meinen Körper kühl hielt. Ich aß in einem Sommer eine solche Menge roher Zwiebeln, daß viele Leute anfingen, mich „Zwiebelswami” zu nennen.

In den frühen Tagen, bevor die Menschen in Massen zum Ashram strömten, konnte man oft mit Bhagavan sprechen, während er im Speisesaal aß. Eines Morgens saß ich neben ihm, als er seine Iddlies (Reiskuchen) frühstückte.

Iddlies sind kleine, gedünstete Kuchen aus fermentiertem Teig von Reis und schwarzen Linsen. Sie wurden im Ashram gewöhnlich zum Frühstück gereicht.

Ich stellte Bhagavan einige spirituelle Fragen, aber bevor er seine Antwort beenden konnte, unterbrach uns Chinnaswami mit den Worten: „Warum fragst du, wenn Bhagavan gerade ißt? Stell deine Fragen zu einer passenderen Zeit.”

Bevor Bhagavan mit seiner Antwort fortfuhr, wandte er sich zu Chinnaswami und erwiderte: „Jnana ist wichtiger, als Iddlies zu essen. Dieser Moment wird sich nicht wiederholen. Wenn wir jetzt das Gespräch unterbrechen, kommt die passende Gelegenheit vielleicht nie wieder.”

So viele Leute wollten von Bhagavans Blatt-Teller essen, daß schließlich ein Rotationssystem eingeführt wurde. In der ersten Zeit, als wir noch im alten Speisesaal aßen, bedurfte es keiner besonderen Regelung. Ich kam zielbewußt in den Speisesaal und setzte mich in Bhagavans Nähe, wenn er sein Mahl beendete; daher bekam ich meistens sein Blatt-Teller. Manchmal beklagten sich andere Devotees bei mir über mein angemaßtes Vorrecht.

„Du nimmst dir Bhagavans Blatt fast jeden Tag. Damit erwirbst du dir in großem Maße Punya (Verdienst). Du hast so oft Gelegenheit, Bhagavans Blatt zu bekommen. Laß mich bitte nur einmal davon essen”

Wenn jemand sich in dieser Weise beklagte, überließ ich ihm das Blatt. Als der neue Speisesaal fertiggestellt war, konnte ich das Blatt nur noch selten bekommen. In späteren Jahren gab Bhagavan es nicht mehr weg. Als er feststellte, daß er am Ende jeder Mahlzeit von Leuten umringt war, die nur auf sein Blatt warteten, machte er dem ein Ende und erklärte, künftig dürfe niemand mehr von seinem Blatt essen.

Im Speisesaal gab es Prasad noch in anderer Form. Nach jeder Mahlzeit wusch Bhagavan sich die Hände in einem kleinen Gefäß, das neben seinem Platz stand. Von diesem Wasser trank ich fast täglich. Außerdem trank ich oft das Wasser, das Bhagavan zum Trinken serviert wurde. Die bedienenden Frauen stellten immer eine Tasse mit heißem Wasser neben Bhagavans Teller. Er trank meist die Hälfte und ließ die andere Hälfte stehen. Immer wenn er das tat, trank ich den Rest. Als ich in späteren Jahren in Palakottu lebte und mir das Essen selbst kochte, bekam ich bisweilen noch von diesem Wasser. Mudaliar Patti, eine der Frauen, die Bhagavan bedienten, brachte es mir manchmal aus dem Speisesaal mit, weil sie wußte, wieviel mir daran lag.

Bhagavan ließ mich hart arbeiten, doch er war auch immer ungemein gütig und aufmerksam zu mir. Eine Begebenheit, die sich im Speisesaal abspielte, zeigt das sehr gut. Ich hatte den ganzen Vormittag damit verbracht, Maurer zu beaufsichtigen, die neben der Krankenstube eine kleine Treppe bauten. Wenn ich nicht dabei gewesen wäre, hätten sie die Steine vielleicht nur mangelhaft eingebettet oder sie an den falschen Platz gesetzt. Die Arbeit zog sich so lange hin, daß ich viel zu spät zum Mittagessen kam. Als ich den Speisesaal betrat, stellte ich fest, daß das Essen auf meinem Teller kalt geworden war und daß mehrere Wespen darauf saßen. Eine der Serviererinnen schalt mich aus, weil ich so spät kam.

„Du arbeitest vielleicht hart”, sagte sie, „aber wir arbeiten auch. Du darfst nicht so spät kommen, du mußt pünktlich sein.”

Bhagavan, der gerade draußen stand und seine Zähne putzte, hörte unser Gespräch mit an.

Er rief laut: „Annamalai Swami sitzt nicht untätig herum. Wäre er früher gekommen, dann hätte die Arbeit, die er beaufsichtigt, nicht richtig erledigt werden können. Wenn ihr Ruhe braucht, könnt ihr gehen und euch hinlegen. Ich komme dann selbst und serviere Annamalai Swami sein Essen.”

Dieses Einschreiten Bhagavans erschreckte die Frauen so sehr, daß sie mein kaltes Essen wegnahmen und mir eine frische heiße Mahlzeit auf einem neuen Blatt brachten.

Ich erinnere mich an zwei weitere Fälle, die Bhagavans Fürsorge für mich in ähnlicher Weise veranschaulichen. Einmal hatte ich mich verletzt, als mir ein schwerer Granitstein auf den Zeh gefallen war. Ich beschloß, an diesem Tag in meinem Zimmer auszuruhen, weil mein Fuß so heftig schmerzte, daß ich nicht laufen konnte. Viele Leute im Ashram wußten, daß ich verletzt war, aber keiner dachte daran, mir etwas zu essen oder ein Medikament zu bringen. Bhagavan bemerkte mein Fehlen beim Mittagessen und erkundigte sich nach mir. Als er erfuhr, daß ich ohne Essen und medizinische Versorgung in meinem Zimmer im Bett lag, wurde er sehr ärgerlich auf alle Anwesenden.

„Ihr laßt diesen Mann so hart für euch arbeiten”, sagte Bhagavan. „Ihr sprecht davon, wie wunderbar es wird, wenn alle diese neuen Bauten fertig sind. Aber nun ist er krank, und niemand kümmert sich um ihn.”

Bhagavan muß wohl längere Zeit in dieser Art fortgefahren sein. Darauf suchte mich zu meiner Überraschung nach dem Mittagessen eine ziemlich schuldbewußte Abordnung von Devotees auf, die Speisen und Medizin brachten. Sie entschuldigten sich für ihr Versäumnis und berichteten mir, wie Bhagavan darauf reagiert hatte.

Der zweite Vorfall ereignete sich kurz nach einer Jayanti-Feier.

„Jayanti” bedeutet „Sieg”. In diesem Buch bezieht sich der Begriff auf Bhagavans Geburtstag.

Der Ashram hatte eine große Menge von frischem Gemüse als Spende erhalten. Wenn wir es nicht irgendwie konservierten, würde das meiste davon verderben, bevor es gegessen werden konnte. Bhagavan entschied, es sei am besten, das Gemüse kleinzuschneiden und an der Sonne zu trocknen. Dadurch würde es mehrere Wochen haltbar bleiben. Um diese Aufgabe zu bewältigen, ließ Bhagavan durch Chinnaswami alle Devotees zum Gemüseschneiden herbeirufen. Ich unterbrach meine Arbeit am Bau und schloß mich den anderen an.

Als Bhagavan mich sah, sagte er: „Das gilt nicht für dich. Diese Arbeit ist nur für die anderen. Du hast schon den ganzen Tag ohne Pause gearbeitet.”

Nicht immer riet mir Bhagavan, mich hinzulegen, wenn ich krank oder verletzt war. Einmal schmerzte mein Fuß so heftig, als würde er immer wieder mit einem eisernen Stachel gestochen. Es war nicht zu sehen, woher der Schmerz kam, deshalb konnte ich nichts dagegen tun. An diesem Tag hatte mir Bhagavan viele Aufträge gegeben. Ich hinkte im Ashram umher und erledigte, was ich konnte - aber eine Aufgabe ließ ich unerledigt, weil ich nicht genug Zeit hatte. Als ich alle Arbeiten bis auf diese eine beendet hatte, ging ich zu Bhagavan und berichtete ihm von meinem schmerzenden Fuß. Bhagavan achtete nicht auf meine Bemerkung und fragte mich nach der Aufgabe, die ich nicht bewältigt hatte. Ich sagte, ich hätte sie wegen des Schmerzes in meinem Fuß nicht erledigen können.

Bhagavan entgegnete: „Geh und tue diese letzte Arbeit, und der Schmerz wird verschwinden Während du arbeitest, wird er vergehen.”

Bhagavans Voraussage erwies sich wie üblich als richtig.

Ich kann nicht sagen, daß es mir immer Spaß machte, so hart zu arbeiten. Manchmal hätte ich gern einen freien Tag gehabt. Einmal versuchte ich, mir einen kurzen Urlaub zu nehmen, aber das zog so katastrophale Folgen nach sich, daß ich es nie wieder wagte. Es geschah, als ich mich nach einer langen Arbeitsphase ohne jede Ruhepause ganz abgespannt fühlte. Ich fragte Bhagavan, ob ich meine Arbeit unterbrechen und Giri Pradakshina (Gang um den Berg) machen dürfe. Ich teilte ihm mit, daß ich seit längerer Zeit den Wunsch hätte, den Arunachala zu umwandern. Bhagavan wußte, daß viel unerledigte Arbeit auf mich wartete, daher gab er mir zunächst keine Erlaubnis. Er sagte nicht wirklich „nein”, sondern schwieg einfach. Ich hätte dieses Schweigen als Antwort verstehen sollen, aber ich war so dumm, auf meiner Bitte zu beharren.

Schließlich gab mir Bhagavan eine positive Antwort: „Du sagst oft, daß du freie Zeit für die Meditation haben möchtest. Unternimm die Giri Pradakshina und meditiere beim Gehen”

Ich wanderte um den Berg, aber mein Gemüt fand keine Ruhe zur Meditation. Ich fühlte mich schuldig, weil ich meine Arbeit liegengelassen hatte, obwohl ich Bhagavans Zurückhaltung bemerkte. Mein Schuldgefühl steigerte sich gewaltig, als ich wieder im Ashram ankam. Eine große Gruppe von Devotees begrüßte mich. Sie alle wollten wissen, wo ich gewesen wäre. Sie erzählten mir, Bhagavan sei, sobald ich den Ashram verlassen hätte, von seinem Sofa aufgestanden, um die von mir liegengelassene Arbeit zu überwachen. Die ganze Zeit meiner Abwesenheit habe er draußen in der Sonne die Bauarbeiten beaufsichtigt. Niemand habe ihn überreden können, in die Halle zu gehen. Die Devotees, die gekommen seien, um seinen Darshan zu erhalten, hätten ihr Namaskaram (Niederwerfung) in dem Schlamm und Schmutz machen müssen, wo er stand. Chinnaswami und die anderen Devotees waren verständlicherweise wütend auf mich, weil ich Bhagavan alle diese Unannehmlichkeiten bereitet hatte. Bhagavan selbst sagte nichts, aber ich verstand seine schweigende Lehre gut: es ist wichtiger, die von Bhagavan übertragene Arbeit auszuführen, als sich Zeit für Meditation oder Giri Pradakshina zu nehmen.

Bhagavan war zugänglicher, wenn es im Ashram nichts zu beaufsichtigen gab. In einer solchen ruhigen Phase beschloß ich einmal, den Gipfel des Arunachala zu besteigen. Ich erbat und erhielt Bhagavans Erlaubnis dafür und fragte ihn auch nach dem besten Weg dorthin. Bhagavan ging mit mir zur Rückseite des Ashrams und zeigte auf den sanft gewellten Bergrücken, der sich vom Gipfel bis fast zum Ashram erstreckt.

„Auf diesem Bergrücken gibt es drei Nebengipfel”, sagte er, auf den Hügel deutend. „Du wirst sie beim Aufstieg sehen. Behalte diese Gipfel im Auge, und gehe immer auf sie zu. Wenn du den dritten Gipfel erstiegen hast, wirst du sehen, daß du nicht in gerader Linie weitergehen kannst. Gehe ein wenig zur Seite, und steige dann gerade zum Hauptgipfel hoch”

Ramaswami Pillai hörte diese Anweisungen. Als Bhagavan geendet hatte, bemerkte er: „Diese vier Gipfel sind wie die Höhepunkte von Karma, Yoga (Raja), Bhakti und Jnana. Man muß der Reihe nach jeden erreichen.”

Ich hielt mich an Bhagavans Wegbeschreibung und erreichte den Gipfel ohne Mühe. Weil ich ein wenig besorgt war, daß meine Kräfte infolge Hungers nachlassen könnten, nahm ich in einem Beutel Iddlies, Dal, Bananen, eine Kokosnuß und Wasser mit. In regelmäßigen Abständen aß ich eine Kleinigkeit und wurde weder hungrig noch müde.

Bei meiner Rückkehr verkündete ich Bhagavan stolz: „Ich hatte den ganzen Tag keinen Hunger.”

Bhagavan lachte und machte sich über mich lustig: „Wie solltest du Hunger bekommen? Du hast doch ständig gegessen.”

Bhagavan selbst ging seit Mitte der zwanziger Jahre nicht mehr auf den Gipfel. Er stieg zwar gerne auf den Berg, aber er wußte, daß alle Ashrambewohner versuchen würden, ihm zu folgen, wenn er dorthin aufbräche.

1938 befragte ein Devotee aus Salem namens Rajagopala Iyer Shri Bhagavan über die verschiedenen Pfade zum Gipfel.

Bhagavan beschrieb die besten Wege und ergänzte: „Wenn man langsam aufsteigt, ist es überhaupt nicht schwierig.”

Subramaniyam Iyer, der das hörte, versuchte Bhagavan zum Mitkommen zu bewegen: „Wenn Bhagavan mit uns kommt, wird es für keinen von uns irgendwelche Schwierigkeiten geben.”

Bhagavan erwiderte scherzend: „Wenn ich mitkomme, wird sich uns jeder im Ashram anschließen. Sogar die Gebäude werden mit uns kommen”

Eine Dame, die unserem Gespräch zuhörte, fragte Bhagavan: „Kann Bhagavan heute noch auf den Berg steigen?”

Bhagavan antwortete lachend: „Ich kann noch auf diesen Berg steigen, und ich kann auch auf jeden anderen Berg steigen.”

Der Arunachala ist knapp 800 Meter hoch. Bhagavan war zur Zeit dieser Begebenheit etwa 58 Jahre alt. In seinen jüngeren Tagen stieg er oft vom Skandashram, der in 200 Meter Höhe an der Bergflanke liegt, in einer Stunde auf den Gipfel und zurück. Ein normaler, gesunder Erwachsener braucht dafür mindestens die doppelte Zeit. Bhagavans Leistung als Bergwanderer ist noch bemerkenswerter, wenn man bedenkt, daß er nie Schuhe oder Sandalen trug.

In den frühen Tagen, als Bhagavan in der Virupaksha-Höhle lebte, stieg er oft allein auf den Gipfel, blieb eine Weile dort und kam dann zur Höhle zurück. Er erzählte mir, daß ihm einmal, als er auf den Berg stieg, ein Devotee namens Coutrallam Swami heimlich folgte. Zehn Minuten nachdem Bhagavan auf dem Gipfel angekommen war, erschien Coutrallam Swami mit einem irdenen Wasserkrug. Er war ihm mit dem Krug auf dem Rücken zum Gipfel gefolgt, damit Bhagavan nach dem langen Aufstieg nicht dürsten sollte.

Coutrallam Swami, der auch als Shivaya oder Mauni Swami bekannt war, verließ Bhagavan später und wurde selbst eine berühmte spirituelle Persönlichkeit. Als Oberhaupt mehrerer maths hatte er viele Anhänger und besaß sogar ein großes Automobil, in jenen Tagen eine Seltenheit.

Manche Leute hielten ihn für ziemlich überheblich, aber Bhagavan schilderte ihn mir einmal in leuchtenden Farben: „Er ist ein guter Devotee, aber er zeigt seine Liebe zu Gott nicht nach außen. Seine Ergebenheit ist innerlich. Er versteckt sie so gut, daß die wenigsten Leute ihn als wahren Devotee erkennen. Ich liebe diese Art von Hingabe ganz besonders.”

Alte Fotos des Ramanasramam

Der Ramanasramam Ende der zwanziger Jahre: Das feste Gebäude rechts ist die Halle Bhagavans. Im Vordergrund von rechts nach links: Speisehalle, Küche und Bau über dem Samadhi der Mutter Bhagavans - alle strohgedeckt:

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Der Ashram, gesehen von der gegenüberliegenden Seite des Pali Teertham: Links die Halle Bhagavans, in der Mitte das Küchengebäude, rechts der Samadhi der Mutter:

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Ein Blick in den Kuhstall, wie er sich heute bietet: In den dreißiger Jahren gab es noch nicht so viele Kühe:

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Annamalai Swami mit verschränkten Armen hinter Bhagavan stehend. Chinnaswami sitzend vorne rechts:

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Bhagavan schreitet, von einem Gang zum Berg kommend, auf den Damm zu, der von Annamalai Swami gebaut wurde:

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Das Basrelief des Arunachala über dem Eingang zum Lagerraum. Der Gewölbebogen im Vordergrund wurde von Bhagavan und Annamalai Swami ausgebessert:

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Der Kuhstall:

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Geschäftsstelle und Buchladen. Beide Bilder zeigen die Gebäude unmittelbar nach ihrer Fertigstellung:

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Die alte Speisehalle, in der bis 1938 gegessen wurde. Aus dem ursprünglich strohgedeckten Gebäude ist ein Backsteinbau geworden:

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Mudaliar Patti, eine der Frauen, die Bhagavan bedienten, in einem Vorhof des Arunachaleswara-Tempels in Tiruvannamalai:

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In diesem und in allen anderen Gruppenfotos sind nur solche Personen namentlich aufgeführt, die im Buch erwähnt werden.
Hintere Reihe, von rechts nach links: dritte von rechts Tenamma, vierte Subbalaksmi Amma, fünfte Santammal.
Mittlere Reihe: zweiter von rechts Subramaniam, dritter Kunju Swami, vierter Ramaswami Pillai. sechster Ramanatha Bramachhari, siebenter Annamalai Swami, neunter Samma Dada.
Vordere Reihe, sitzend: erster von rechts Madhava Swami, zweiter T. K. Sundaresa Iyer, dritter Chinnaswami, vierter Bhagavan, fünfter T. P. Ramachandra Iyer:

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Bhagavan mit dem weißen Pfau:

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Tier-Samadhis: von links nach rechts: das Reh Valli, die Krähe, der Hund Jackie, die Kuh Lakshmi:

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Der Hund Jackie, in einer ziemlich verblichenen Gruppenaufnahme:

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Die Kuh Laksmi mit Bhagavan:

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Skandashram; links Pfad zum Ramanashramam:

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Bhagavan, auf seinem Sofa liegend, bei der Lektüre einer Zeitschrift. Sein Holzkohlenbecken steht neben ihm auf einem Beistelltisch:

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Hintere Reihe, von rechts nach links: erster Madhava Swami, zweiter Annamalai Swami (mitverschränkten Armen), sechster Subramaniam, siebenter Ramakrishna Swami, achter Ramaswami Pillai (mit Hemd und verschränkten Armen), zehnter Rangaswami, mittlere Reihe: zweiter T.K. Sundaresa Iyer, vierter Ganapathi Sastri, auf der Bank sitzend: erster Grant Duff, zweiter Bhagavan, auf der Erde sitzend: erster Narayana Iyer, zweiter Mungala Venkataramiah, dritter Yogi Ramaiah, vierter Chinnaswami:

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Stehend, von rechts nach links: erster Ramakrishna Swami, zweiter (mit Stock) Danapani Swami, dritter Muruganar, vierter Perumal Swami, fünfter Kumara Guru (Subramaniams Vater, sechster Bhagavan:

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Sitzend: Mayor Chadwick; stehend, rechts: Maurice Frydman; stehend hinten links, S. S. Cohen:

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Lakshman Sharma:

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Paul Brunton:

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Ganapati Mundi:

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Stehend von rechts nach links: erster Madhava Swami, zweiter Vasudeva Sastri, achter Gopal Rao, neuter Kunju Swami, zehnter T. K. Sundaresa Iyer, sitzend, von rechts nach links: zweiter Chinnaswami, vierter Bhagavan, fünfter Ganapati Sastri:

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Seshadri Swami:

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Bei Annamalai Swami. Im Hintergrund Verse aus Ullada Napardu, auf die Wand gemalt. Daneben, fast ganz verdeckt, ein Porträt Annamalai Swamis vor dem Arunachala. Personen: David Godman, Übersetzer, Annamalai Swami, Sundaram, sein Helfer und Übersetzer. Aufnahme vom November 1993:

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Neue Speisehalle und neue Küche. Der Schutt im Vordergrund stammt von den Gebäuden, die abgerissen wurden, um Platz zu schaffen. Ganz links Bhagavans Badezimmer, dahinter Geschäftsstelle und Buchladen:

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Speisehalle bei Baubeginn. Links der Pfad zum Skandashram. Die weiße Mauer ist der Wall, den Annamalai Swami um 1929 errichtete:

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Annamalai Swami mit einem um den Kopf gewickelten Handtuch bei der Arbeit an der Speisehalle:

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Bhagavan und Chinnaswami bei einem Inspektionsgang:

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Bhagavan sitzt neben dem Eingang zur neuen Speisehalle. Auf dem Dach die von Annamalai Swami anläßlich der Einweihung angefertigte Tafel:

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Der Mutter-Tempel, gesehen über den Pali Teertham hinweg, der gerade einen außergewöhnlich hohen Wasserstand aufweist. Die Stufen rechts, die zum Wasser führen, wurden von Annamalai Swami gefertigt:

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Die Sanskritbuchstaben, die Annamalai Swami über dem Eingang zum inneren Schrein des Mutter-Tempels herausmeißelte:

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Bhagavan entspannt sich in seinem Badezimmer, auf einem Tigerfell sitzend. Neben ihm ein kupferner Wassererhitzer mit Abzugsrohr:

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Blick über den Palakottu-Teich 1993. Das weiße Gebäude im Zentrum ist das Wohngebäude Annamalai Swamis:

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Das Innere von Annamalai Swamis Ashram. Der Bau des Gebäudes im Hintergrund wurde von Bhagavan angeregt und mit seiner Hilfe durchgeführt. Annamalai Swami lebte hier mehr als fünfzig Jahre:

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Ganz links: Chadwicks Haus:

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Major Chadwick:

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Bhagavan bei seinem täglichen Spaziergang in Palakottu mit Madhava Swami und S. S. Cohen:

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Das „Hospital” nach seiner Fertigstellung. Im Hintergrund der Arunachala:

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Bhagavan bei der Eröffnung des „Hospitals”. Annamalai Swami ist nicht im Bild:

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Die letzte Arbeit als Baufachmann: das gewölbte Eingangstor zum „Hospital” (auf dem linken Foto noch nicht vorhanden) mit der Inschrift Vaidyasala:

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Vom Essen im Ashram    Top

Bhagavan wachte morgens gewöhnlich zwischen drei und vier Uhr auf, ging dann in die Küche und fing an, das Gemüse zu schneiden, das am Vormittag gekocht werden sollte. Die anderen Küchenhelfer, die länger schliefen, kamen ein wenig später dazu. Bevor er mit der Arbeit begann, zerkleinerte Bhagavan meist ein Stück Ingwer und aß es mit einer Prise Salz. Das war sein Hausmittel gegen chronische Verdauungsbeschwerden.

Es schien, als sei Bhagavan ein sehr demokratischer Chefkoch: er begann den Tag immer damit, die Küchenhelfer zu fragen, was sie zum Mittagessen kochen wollten. Alle durften Vorschläge machen, und die verschiedenen Möglichkeiten wurden so lange besprochen, bis man zu einer Art Konsens kam. Das Gemüse wurde dann nach dem vereinbarten Plan geschnitten, aber wenn das Kochen begann, änderte Bhagavan oft das Konzept, ohne jemanden zu fragen.

Wenn das Essen am späten Vormittag beinahe fertig war, sagte Bhagavan oft mit Unschuldsmiene: „Wir hatten vor, etwas Bestimmtes zu kochen, aber anscheinend ist etwas ganz anderes daraus geworden.”

Wir, die an seiner Seite arbeiteten, hatten oft das Gefühl, daß diese morgendlichen Diskussionen nur stattfanden, damit wir Interesse an der Arbeit entwickelten. Niemand bedauerte die Abänderungen, die im Laufe des Vormittags getroffen wurden. Wir alle akzeptierten Bhagavans absolute Autorität, und wir schlossen uns seinen Änderungen oder Vorschlägen immer gerne an.

Weil Bhagavan normalerweise als erster in die Küche kam, war es seine Aufgabe, Feuer zu machen. Ein Mann namens Ranga Rao, ein Frühaufsteher, versuchte manchmal, Bhagavan diese Pflicht abzunehmen, aber es gelang ihm selten. Andere versuchten mit nicht viel mehr Erfolg, für ihn das Mahlen mit dem Mörser zu übernehmen. Nach dem Gemüseschneiden band sich Bhagavan ein Handtuch um den Kopf und zerstieß Gewürze für das Chutney in einem Steinmörser. Er legte seine ganze Kraft in das Mahlen und überließ diese Arbeit anderen nur, wenn ein starker, erfahrener Devotee sie ihm abnehmen wollte. Wenn das Chutney fertig war, wusch er sich die Hände und ging zum morgendlichen Parayana (Rezitation heiliger Texte).

Auch wenn er in der Halle saß, hielt Bhagavan Kontakt mit der Küche. Sampurnammal oder eine andere Köchin brachte Proben des Sambar und der Gemüse, sobald sie fertig waren. Bhagavan kostete sie und gab dann entweder seine Zustimmung oder neue Anweisungen, wie z. B.: „Gib noch etwas Salz dazu” Wenn die Köchinnen je vergaßen, diese Kostproben zu bringen, verließ Bhagavan die Halle mitten am Vormittag, ging in die Küche und prüfte dort, ob das Essen richtig zubereitet war.

Normalerweise wurden Bhagavans Anweisungen bereitwillig befolgt, aber es kam ein paarmal vor, daß er seine Autorität geltend machen mußte. Ich erinnere mich besonders an einen Fall, als er den Köchinnen zeigte, wie man Aviyal (gemischtes Gemüse) richtig zubereitet, ein stark gewürztes Gericht aus vielen verschiedenen Gemüsen, Kokosnuß und Joghurt. Bhagavan hatte immer darauf bestanden, daß die Chillies und anderen Gewürze zu einer Paste vermahlen werden mußten, bevor man sie dem auf kleiner Flamme kochenden Gemüse beimengte. Weil das eine mühsame und zeitraubende Arbeit war, gaben die Köchinnen einmal pulverisierte statt frischgemahlene Gewürze ins Essen. Irgendwie merkte Bhagavan, was geschehen war. Beim nächstenmal, als Aviyal gekocht wurde, ging er in die Küche, um die Gewürze selbst zu mahlen. Ich kam zufällig dazu, als er gerade damit beschäftigt war.

Als ich sah, daß er allein arbeitete, während alle Frauen um ihn herumstanden und zuschauten, sagte ich: „So viele Leute tun Küchendienst. Warum muß Bhagavan sich allein damit abmühen?”

Bhagavan erklärte: „Ich hatte ihnen gesagt, sie sollten aus den Chillies eine Paste zubereiten, aber sie haben sich nicht daran gehalten. Um sicher zu sein, daß es richtig gemacht wird, tue ich die Arbeit selbst. Das kostet mich keine Mühe. Es ist auch eine gute Übung für meine Hände und Arme.”

Ich schimpfte die Frauen ein bißchen aus: „Ihr seid so viele hier, trotzdem laßt ihr Bhagavan die harte Arbeit allein tun. Warum steht ihr so untätig herum?”

Bhagavan mahlte schweigend weiter. Die Frauen nahmen sein Schweigen als Zeichen seiner Bereitschaft, die Arbeit einem anderen zu überlassen.

Sie riefen durcheinander: „Laßt mich das machen.” „Ich tue es.” „Ich mache weiter.”

Bhagavan sagte lachend: „Jetzt wollt ihr es tun. Warum habt ihr nicht vorher gefragt?”

Er erlaubte niemandem, ihm die Mahlsteine abzunehmen, und brachte die Arbeit allein zu Ende. Dann gab er die Paste in den Aviyal, rührte sie mit einem Löffel ein und säuberte persönlich die beiden Mahlsteine. Es war für alle eine gute Lehre: nie wieder kamen pulverisierte Gewürze in den Aviyal.

Ich erinnere mich an eine andere Begebenheit, bei der Bhagavan uns eine Lehre erteilte, indem er die Arbeit selbst tat. Neben der Küche gab es einen Raum, der selten gesäubert wurde. Er war staubig und verschmutzt, auf seinem Boden lagen meist alte Bananenblätter und Gemüseabfälle. Viele Leute gingen durch diesen Raum, aber niemand machte sich die Mühe, ihn aufzuräumen, bis Bhagavan selbst einen Besen nahm und gründlich fegte.

Mehrere Devotees versuchten, ihn daran zu hindern. Sie sagten: „Bitte, Bhagavan, laß mich das machen. Ich säubere den Raum.” Aber Bhagavan weigerte sich, den Besen aus der Hand zu geben. Er erteilte allen Hilfswilligen dieselbe Antwort: „Erst jetzt habt ihr Augen für diesen Schmutz. Habt ihr ihn vorher nicht gesehen?”

Bhagavan fegte den ganzen Abfall auf ein großes Stück Papier, trug es hinaus und warf es auf den Müll. Von diesem Tag an wurde der Raum regelmäßig gesäubert.

Bei meinem Bericht über Bhagavans Mitwirkung an den Bauarbeiten im Ashram erwähnte ich, daß er manchmal Bauarbeiten begann, ohne daß genügend Geld dagewesen wäre, sie zu Ende zu bringen. Ähnliches beobachtete ich einmal in der Küche. Als es eines Morgens im Ashram praktisch nichts Eßbares gab, begann er mit dem wenigen noch Vorhandenen eine Mahlzeit zu kochen. Er vertraute darauf, daß Gott, noch bevor die Mahlzeit fertig wäre, mehr schicken würde. Gegen 5.30 Uhr morgens wusch er eine Handvoll zerkrümelter Reiskörner in einem Topf, las alle Steinchen heraus und setzte den Reis auf ein Holzkohlebecken. Ich war äußerst verblüfft über diese Vorbereitungen.

„Dieser Reis”, dachte ich, „reicht nicht einmal für mich. Wie sollen wir alle davon satt werden?”

Als der Reis zu kochen begann, erschien ein Devotee mit zwei Litern Milch. Bhagavan setzte einen größeren Topf auf das Becken und kochte nun Reis und Milch zusammen. Ein paar Minuten später kam ein anderer und brachte Rosinen und Rohzucker. Bhagavan wusch diese Zutaten und gab sie in den Topf. Als das Kochen gegen 6.30 Uhr fast beendet war, traf eine Gruppe von Devotees aus Kumbakonam ein. Sie brachten einen großen Topf voller Iddlies, Vadai, Chutney, Bergbananen und ein paar aus Bananenblättern geformte Tassen mit. Diese Bananenblatt-Tassen (tonnai) hatten wir gerade noch gebraucht, um Bhagavans selbstgemachten Payasam (Pudding) zu servieren.

Payasam ist ein süßer, dicker Brei aus Getreide, Milch, Zucker und manchmal Früchten. Bhagavans Zutaten waren also recht ungewöhnlich.

Nachdem Bhagavan sein Bad genommen hatte, setzten wir uns gegen sieben Uhr zu einem üppigen Frühstück zusammen.

Viel ist über Bhagavans Abneigung berichtet worden, irgend etwas Nützliches wegzuwerfen. Diese Gewohnheit zeigte sich oft in der Küche. Einmal fielen ein paar Senfkörner auf den Boden, als das Mittagessen zubereitet wurde. Die Köchinnen achteten nicht weiter darauf, aber Bhagavan las sie einzeln mit den Fingernägeln auf und legte sie in ein Schüsselchen.

Sama Iyer, eine in der Küche arbeitende Brahmanin, bemerkte: „Bhagavan bewahrt diese paar Senfkörner auf. Bhagavan ist auch sehr sparsam mit Geld. Für wen spart Bhagavan das alles?”

„Dies alles wurde von Gott geschaffen”, erwiderte Bhagavan. „Wir dürfen auch kleine Dinge nicht vergeuden. Wenn sie noch jemandem nützen können, sollten wir sie aufbewahren.”

Bhagavan sah oft über unsere vielen Fehler hinweg, aber selten ließ er den Devotees verschwenderisches Verhalten durchgehen. Als Bhagavan im Juni 1939 von einem seiner Spaziergänge auf dem Berg zurückkam, erlebte ich, wie er den Sohn von T. K. Sundaresa Iyer zur Rede stellte und ihn streng tadelte.

„Dein Vater erzählte mir, daß du viel unnützes Zeug kaufst”, sagte Bhagavan. „Gib nicht mehr aus, als du einnimmst. Schulden und Sinnesgenuß wirken wie Feuer und Gift: schon ein Quentchen davon kann uns vernichten.”

Bhagavan erteilte mir einmal eine ähnliche Lektion, als ich den Bau des neuen Speisesaals leitete. Er hatte mir einen rostigen, krummen Nagel gegeben und mir aufgetragen, ihn zu säubern, geradezuhämmern und für den Bau zu benutzen.

„Aber Bhagavan”, protestierte ich, „wir haben soeben einige Kilo neue Nägel bekommen. Wir brauchen alte wie diesen nicht zu verwenden.”

Bhagavan widersprach. Er erklärte mir, daß alles, was nützlich sei, auch genutzt werden sollte, und wiederholte seine Anweisung über die Verwendung des Nagels.

Bhagavan bestand so sehr auf Schlichtheit und hatte eine solche Abscheu vor Verschwendung, daß er viele Geräte und Werkzeuge aus Materialien anfertigte, die gerade zur Hand waren. Als er im Skandashram lebte, verbrachte er einmal viele Tage damit, einen etwa 75 mal 75 cm großen Granitstein mit Sand und Wasser glattzuschleifen. Schließlich war der Stein so glattpoliert, daß man sein Spiegelbild darin sehen konnte. Auf diesem Stein wurde der heiße Reis nach dem Kochen abgekühlt. In den späten dreißiger Jahren brachten vier oder fünf Devotees diesen Stein vom Skandashram, weil sie wußten, daß Bhagavan ihn selbst geschliffen hatte, und stellten ihn in der neuen Küche auf. Bhagavans Beispiel folgend, polierten einige Devotees weitere Steine und benutzten sie zum selben Zweck.

Zwar kümmerte sich Bhagavan täglich mehrere Stunden um die Ashramküche, aber er hatte eine Abneigung gegen Menüs mit verschiedenen Gängen. Ihm genügten Reis, Samtar und ein Gemüsegericht vollkommen. Einmal kam eine Dame aus Kerala zum Darshan, die gewohnt war, zu jeder Mahlzeit viele verschiedene Speisen zuzubereiten. Sie bestand darauf, für den ganzen Ashram zu kochen. Nach großem Aufwand an Zeit und Mühe hatte sie zweiunddreißig Speisen zubereitet. Bhagavan erlaubte ihr zwar, ein wenig von jedem Gericht auf seinem Bananenblatt zu servieren, aber dann vermischte er alles zu einem einzigen Brei.

Er erklärte ihr: „Du hast dir mit diesem Essen viel Mühe gemacht. Allein die Zutaten zu besorgen, war sicher schon sehr zeitraubend. Ein Gericht reicht aus, wenn man darauf achtet, daß es etwas enthält, was die Verdauung anregt. Wozu dieser Aufwand? Und wenn du zweiunddreißig Speisen zubereitest, fragst du dich ständig: „Soll ich dies oder jenes essen?” Dadurch wird das Gemüt auch beim Essen zerstreut. Wenn es nur ein Gericht gibt, kommt dieses Problem nicht auf: wir essen es einfach. Außerdem geben wir mit solchen üppigen Mahlzeiten Menschen, die nichts zu essen haben, ein schlechtes Beispiel. Wenn arme Leute davon hören, denken sie: „Wir haben Hunger, und diese Leute, die vorgeben, einfache Sadhus zu sein, essen so großartig. Solche Gedanken führen zu unnötigem Neid.”

Später fügte er hinzu: „Wenn Bhagavan eine bestimmte Speise zuerst ißt, denkt die Serviererin: „Aha, Bhagavan mag dies besonders gern.” Dann kommt sie und gibt mir mehr davon auf meinen Teller. Deshalb vermische ich lieber gleich alles zu einem Brei.”

Meist wurde das Essen in Bhagavans ersten Jahren auf dem Arunachala von weiblichen Devotees wie Mudaliar Patti und Echammal gebracht. Sie kochten bei sich zu Hause und trugen das Essen dann zur Virupaksha-Höhle oder zum Skandashram. Auch als der Ashram seine eigene Küche einrichtete, brachten die beiden Frauen weiterhin jeden Tag Essen. Mudaliar Patti kochte genug für etwa vier Personen, Echammal für zwei. Beide brachten ihr Essen gegen Mittag und servierten es Bhagavan und den Devotees eigenhändig. Als die Frauen älter wurden und die Ashramküche besser ausgerüstet war, versuchte Bhagavan sie davon abzubringen, aber keine von beiden wollte ihr Privileg aufgeben, Bhagavan jeden Tag zu beköstigen.

Bhagavan forderte Echammal zwar mehrmals auf, kein Essen mehr zu bringen, aber er wollte es ihr nicht geradezu verbieten. Als Chinnaswami ihr einmal im Interesse von Bhagavans Gesundheit untersagte, Essen zu bringen, weigerte sich Bhagavan, den Speisesaal zu betreten, als die Glocke zum Mittagessen läutete. Er gab dafür keine Erklärung, aber die Devotees vermuteten bald, daß er damit gegen die Maßnahme Chinnaswamis protestierte.

Echammal war zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Heimweg. Um sie zurückzuholen, schickte man ihr eine Abordnung von Devotees nach. Zuerst wollte sie nicht umkehren, weil sie der Ashramleitung noch zürnte, aber als man ihr klarmachte, daß Bhagavan wahrscheinlich fasten würde, bis sie persönlich käme, ging sie mit, um dem Dilemma ein Ende zu machen. Auf ihre Bitte kam Bhagavan in den Speisesaal und nahm seine Mahlzeit ein. Bis dahin hatte ihn niemand dazu bewegen können. Nach diesem Vorfall wurde Echammals Recht, Bhagavan zu bedienen, nie wieder in Frage gestellt.

Immer wenn Bhagavan Mudaliar Patti kommen sah, lächelte er sie freundlich an. Wenn sie ihm das Essen serviert hatte, bat er sie oft um einen Nachschlag. Manchmal rief er sie sogar zurück, nachdem sie ihn bedient hatte, und nahm sich noch ein wenig von dem Essen in ihrem Korb. Das war sehr ungewöhnlich, denn Bhagavan kritisierte die Servierer oft, wenn sie ihm eine zu große Portion vorlegten, und von anderen als Mudaliar Patti ließ er sich kaum jemals eine zweite Portion geben. Wir alle empfanden, daß es Mudaliar Pattis Liebe und Hingabe waren, auf die Bhagavan so herzlich ansprach.

Weil ich kein Brahmane bin, durfte ich in der Küche zwar hin und wieder Gemüse schneiden, aber nicht kochen. Einmal setzte sich Bhagavan jedoch über die Regeln hinweg und ließ mich etwas kochen. Es war am Morgen nach einer Jayanti-Feier (Geburtstagsfeier). Alle Köche, völlig erschöpft von der Speisung Tausender am Vortag, schliefen noch. Bhagavan nahm mich, Madhava Swami und Ramakrishna Swami in die Küche mit, wo wir Uppuma (Weizenbrei) zubereiten sollten, weil die Köche gewiß nicht rechtzeitig aufgewacht wären, um das Frühstück zu bereiten. Unter Bhagavans Anleitung schnitten wir Gemüse, raspelten Kokosnüsse und kochten einen großen Topf Rava Uppuma.

Uppuma ist ein dicker Weizenbrei mit gebratenem Gemüse und Gewürzen. Seine wichtigste Zutat Rava besteht aus zerstoßenen Weizenkörnern.

Als das Frühstück fertig war, bot Bhagavan mir eine Kostprobe an. Zuerst lehnte ich ab, weil es mir an diesem Morgen noch nicht möglich gewesen war, die Zähne zu putzen; Bhagavan hatte mich von meinem Zimmer geradewegs in die Küche geholt. Aber das spielte für ihn keine Rolle. „Iß es einfach”, sagte er, „wir putzen uns später die Zähne.”

Kurz darauf ergänzte er: „Sagt niemandem, daß ihr gekocht habt. Wenn die Brahmanen das wüßten, würden sie nichts essen.”

Dies war ein gutes Beispiel für Bhagavans Einstellung zum orthodoxen Brahmanentum. Er gab sich große Mühe, die Gefühle der strenggläubigen Brahmanen zu schonen; deshalb ließ er nur Brahmanen das Essen im Ashram kochen. Aber er nahm es nicht so genau, als daß er die Regeln nicht ab und zu aus gutem Grund umgangen hätte. Seine Haltung entsprang mehr dem Wunsch, Klagen und Spannungen zu vermeiden, als dem Bestreben, die Kastenregeln buchstabengetreu zu befolgen.

Auch eine andere Begebenheit, die nichts mit der Küche zu tun hat, zeigt, wie sehr er die Gefühle der Brahmanen im Ashram respektierte. Als ich mit Bhagavan einmal zum Kuhstall ging, sahen wir, wie einige Frauen vor einem der Gästezimmer Reis säuberten. Eine von ihnen hatte gerade Betelsaft auf den Weg gespuckt, auf dem wir gingen. Bhagavan häufte mit bloßem Fuß etwas Erde über den Saft. Ich versuchte, ihn davon abzuhalten, weil ich nicht wollte, daß seine Füße mit dem Speichel in Berührung kämen. „Warum tut Bhagavan das?” fragte ich. „Laß mich das machen.”

Bhagavan ging nicht darauf ein. „Ob „du” oder „ich” - worin besteht der Unterschied?” fragte er. „Viele Brahmanen gehen auf diesem Weg zur Veda-Schule. Wenn sie den Betelsaft auf dem Weg sähen, würden sie sich sehr aufregen. Ich bedecke ihn mit Erde, um ihre Gefühle zu schonen.”

Ich erwähnte schon, daß manche Mitarbeiter des Ashrams, die zu scheu waren, direkt mit Bhagavan zu sprechen, mich manchmal als Mittelsmann benutzten. Einmal bat mich die Chefköchin Santammal, Bhagavan etwas mitzuteilen.

Bis in die späten zwanziger Jahre war Chinnaswami Chefkoch. Nachdem er die Leitung des Ashrams übernommen hatte, wurde das Essen überwiegend von einer Gruppe von Brahmanenwitwen, Santammal, Sampurnammal, Tenamma Patti, Lokammal und Subbalakshmi Ammal, zubereitet.

Santammal fühlte sich von den langen Arbeitsstunden in der Küche völlig erschöpft. „Du sprichst immer mit Bhagavan”, sagte sie. „Bitte richte ihm aus, daß mir der ganze Körper wehtut, weil ich so viel arbeiten muß. Frage ihn bitte, was ich tun soll.”

Bhagavan zeigte wenig Verständnis für die Anfrage: „Sie arbeitet, um sich Geltung zu verschaffen. Damit nährt sie das Gefühl „Ich tue die ganze Arbeit, ich bin für die ganze Küche verantwortlich”. Sie will jedem zeigen, wieviel sie bewältigt, und dafür will sie bewundert werden. Sie beklagt sich, damit alle merken, wie viel sie leistet. Sage ihr, sie solle weniger arbeiten, sie solle nur die anderen Frauen anleiten Es gibt genug Leute in der Küche für die schwere Arbeit. Sie braucht sich nicht so zu brüsten. Wenn sie meinen Anweisungen folgt, werden ihre Schmerzen vergehen.”

Bevor ich das ausrichten konnte, ging Bhagavan selbst in die Küche und sagte zu Santammal: „Gib von jetzt an nur Anweisungen Laß andere die schwere Arbeit tun.”

Damals arbeitete auch ein gewisser Natesa Iyer in der Küche, ein sehr bescheidener Mensch, fast gänzlich ohne eigenen Willen. Die Köchinnen nutzten das aus und gaben ihm die härteste Arbeit. Was immer sie ihm aufbürdeten, er tat alles willig und ohne Widerspruch, obwohl es ihn oft sehr erschöpfte. Als die Frauen merkten, wie geduldig und fügsam er war, schoben sie ihm alle schwere Arbeit zu. Nach einiger Zeit verschlechterte sich seine Gesundheit, und schließlich sagte er zu mir: „Die Frauen lassen mich zu schwer arbeiten. Bitte, berichte das Bhagavan und sage ihm, daß ich mich von der vielen Arbeit ganz zerschlagen fühle. Du sprichst oft mit ihm, da kannst du das leicht erwähnen.”

Diesmal reagierte Bhagavan nicht. Ich weiß nicht, warum er weder offen eingriff, um Natesa Iyers Arbeitslast zu verringern, noch mit ihm darüber sprach, aber es war typisch für ihn, daß er zwei gleichartige Fälle ganz verschieden behandelte. Bhagavan ging immer mehr auf den inneren Zustand der Devotees ein als auf die äußeren Umstände. Meine Meinung in diesem Fall ist, daß Bhagavan Demut über alles schätzte und deshalb fand, es sei gut für Natesa Iyer, sich weiterhin widerspruchslos von den Köchinnen herumkommandieren zu lassen.

An Jayanti-Tagen (Bhagavans Geburtstag) konnten nicht Tausende von Besuchern gleichzeitig beköstigt werden; deshalb wurde im Speisesaal in mehreren Schichten serviert. Bhagavan aß immer mit der ersten Gruppe. Danach machte er einen kurzen Spaziergang am Fuß des Arunachala, bevor er in die alte Halle zurückkehrte. Bis etwa 14.30 Uhr befand sich Bhagavan allein in der Halle. In dieser Zeit blieben die Türen der Halle verschlossen, um ihn vor dem Andrang der Besucher zu schützen. Es war Brauch im Ashram, am Jayanti-Tag jeden Ankömmling zu bewirten, deshalb mußte man sich immer gegen große, unruhige Menschenmengen behaupten. Viele Besucher kamen nur, weil sie eine kostenlose Mahlzeit wollten. Wenn alle beköstigt waren und die Menschen sich zerstreut hatten, gab Bhagavan wieder Darshan.

Wegen der großen Menschenmenge, die ihn sehen wollte, konnte Bhagavan nicht an seinem üblichen Platz in der alten Halle Darshan geben. Deshalb stellten die Betreuer sein Sofa einfach in die Türöffnung. Besucher und Devotees kamen an die Tür, erhielten Darshan und machten Nachfolgenden Platz.

An einem Jayanti-Tag hörte Bhagavan Chinnaswami kurz vor dem Essen mit lauter Stimme rufen: „Keine Sannyasins in der ersten Schicht”

Bhagavan, der auf dem Weg zum Speisesaal war, wandte sich um und ging zurück in die alte Halle. Er betrachtete sich offensichtlich als Sannyasin und fühlte sich am Betreten des Speisesaals gehindert. Dies führte zu einem großen Dilemma, denn es war fester Brauch, daß Bhagavan als erster mit dem Mahl begann. Chinnaswami kam in die Halle, entschuldigte sich für die diskriminierende Anweisung und bat Bhagavan, mit der ersten Gruppe das Essen zu beginnen. Auch einige von den alten Devotees schlossen sich dieser Bitte an. Bhagavan erwiderte, er werde nur kommen, wenn alle Sannyasins mit ihm zusammen essen dürften. Chinnaswami stimmte bereitwillig zu, denn die Bewirtung mehrerer tausend Menschen konnte erst beginnen, wenn Bhagavan seinen Sitz im Speisesaal eingenommen hatte.

Wenn Bhagavan an Jayanti-Tagen Darshan gab, verzichtete er meist auf jedes beiläufige Gespräch mit seinen Betreuern und Devotees, weil er die vielen neuen Besucher nicht ermuntern wollte, mit ihm zu sprechen. Den größten Teil des Tages saß er bewegungslos wie eine Statue auf seinem Sofa. Seine Augen waren geöffnet, aber auf nichts Bestimmtes gerichtet. Er ruhte so sehr in der Stille, daß nicht einmal ein atembedingtes Heben und Senken von Brust und Bauch wahrnehmbar war. Viele Devotees empfanden mit mir, daß er an Jayanti-Tagen noch mehr Kraft und Segen ausstrahlte als sonst. Wir spürten diese Kraft ganz besonders, wenn Bhagavan so unbewegt in diesem Zustand des Samadhi saß.

Tiere im Ashram     Top

Ein paar Devotees brachten einmal ein weibliches Rehkitz mit und ließen es im Ashram. Anfangs zögerte Bhagavan, es aufzunehmen: „Was sollen wir hier mit einem Reh? Wer soll sich darum kümmern?” fragte er.

Erst als Madhava Swami, Bhagavans Betreuer, sich bereit erklärte, das Tier zu versorgen, durfte es bleiben. Das Reh erhielt den Namen Valli und wuchs als Liebling des Ashrams auf. Bhagavan fütterte Valli regelmäßig mit Reis, Dhal und Cashewnüssen, einer Mischung, die sie sehr gern mochte. Manche Devotees gaben ihr auch bisweilen Puffreis mit Dhal. Valli war aber an Puffreis nicht interessiert. Sie las den Dhal Linse für Linse heraus und ließ den Puffreis liegen.

Valli kam oft in die Halle und berührte mit ihrer Stirn Bhagavans Fußsohlen. Dann schob Bhagavan sie manchmal spielerisch mit seinem Fuß weg, und Valli stieß ausgelassen mit dem Kopf gegen seine Füße. Manchmal tanzte Valli auch auf ihren Hinterbeinen. Dann stellte sich Bhagavan daneben, tanzte wie sie und schwenkte dabei die Arme.

Eines Tages ging Valli zusammen mit ein paar Ziegen zum Grasen hinaus. Am etwa drei Kilometer entfernten Easanya Math fiel jemand über Valli her und richtete eins ihrer Beine so übel zu, daß sie nicht mehr zum Ashram zurücklaufen konnte. Mehr als einen Tag lang lag sie hilflos dort. Als Valli am Abend nicht in den Ashram zurückkam, schickte Bhagavan Rangaswami und mich aus, sie zu suchen. Jemand gab uns die falsche Auskunft, das Reh sei im Moslemviertel der Stadt gesehen worden. Wir gingen dorthin und fürchteten schon, es sei vielleicht in einen Kochtopf geraten, aber niemand konnte sich erinnern, es gesehen zu haben.

Valli wurde am nächsten Tag von einigen Devotees entdeckt, die am Easanya Math vorbeigingen. Sie verbanden ihr das Bein und brachten sie zum Ashram. Ein örtlicher Tierarzt, selbst ein Devotee, untersuchte sie und stellte fest, daß das Bein gebrochen war. Er legte einen neuen Verband an und gab uns Instruktionen, wie wir sie versorgen sollten. Wir betteten sie in eine Ecke des alten Speisesaals, aber sie erholte sich nicht mehr von ihrer Verletzung. Als Bhagavan etwa einen Monat später spürte, daß ihr Tod bevorstand, setzte er sich an den Korb, in dem sie lag. Es war sehr früh, ca. vier Uhr morgens. Er legte ihr eine Hand auf den Kopf und berührte mit der anderen ihr Herzzentrum.

Bhagavan tat dies manchmal bei sterbenden Devotees. Dadurch sollte das Gemüt ins Herz zurücksinken und sich dort auflösen. Wenn dies gut ablief, erlangte der glückliche Devotee Selbstverwirklichung. Bhagavan hatte es zuerst - jedoch erfolglos - mit Palaniswami versucht, einem seiner früheren Betreuer. In späteren Jahren konnte er aber die Selbstverwirklichung seiner Mutter und der Kuh Lakshmi herbeifuhren, indem er sie auf diese Art berührte, während sie starben.

Bei Valli hielt Bhagavan seine Hände über eine Stunde lang in dieser Stellung. Sie beschmutzte ihn mit Urin, aber er beachtete das nicht und blieb an ihrer Seite, bis sie schließlich gegen fünf Uhr starb. Ich glaube nicht, daß Bhagavan ihre Selbstverwirklichung herbeiführen konnte, denn er sprach nie über diese Begebenheit. Wenn es ihm gelungen wäre, hätte er uns bestimmt davon berichtet.

Kürzlich erfuhr ich von einem anderen Devotee, den Bhagavan auf diese Weise berührt hat. Soweit ich weiß, wurde die Begebenheit nie ausführlich dargestellt.

Im Jahr 1939 starb ein gewisser Sathya Narayana Rao in einem Zimmer des Ashrams. Er schien große Schmerzen zu haben; ein Devotee berichtete davon in der Halle. Bhagavan zeigte anfangs wenig Teilnahme: „Was kann ich tun”, fragte er. „Bin ich ein Arzt?” Aber ein paar Minuten später stand er auf und ging mit Krishnaswami zu dem Sterbenden. Sathya Narayana Rao lag auf dem Bett in einem kleinen Zimmer neben dem Vorratsraum. Bhagavan setzte sich zu ihm und berührte mit einer Hand seinen Kopf, mit der anderen sein Herzzentrum. Sathya Narayana Rao hatte sich bis dahin vor Schmerzen im Bett hin und her gewälzt, aber sobald Bhagavan ihn berührte, beruhigte er sich, schloß die Augen und lag still.

Nach etwa einer halben Stunde sagte Bhagavan: „Wir sind hier fertig, wir können essen gehen.” Bhagavan hatte sein Mittagessen verschoben; er wollte erst seine Aufgabe mit Sathya Narayana Rao erledigen. Während Bhagavan beim Essen saß, teilte ihm ein Devotee mit, daß Sathya Narayana Rao gestorben sei. Vor seinem Tod habe er noch einmal die Augen geöffnet, gelächelt und die Hand ausgestreckt, um seine beiden Schwestern zu berühren.

Als Bhagavan das hörte, rief er aus: „Aha, der Dieb ist zurückgekommen. Ich dachte, sein Gemüt hätte gänzlich zur Ruhe gefunden. Seine Vasanas (Gemütstendenzen und -gewohnheiten) haben sich wieder geregt. Die starke Bindung an seine Schwestern ließ ihn die Hand ausstrecken und sie berühren.”

In bezug auf Palaniswami sagte Bhagavan, der „Ich”-Gedanke sei ihm im Moment des Todes durch die Augen entkommen und habe einen neuen Körper angenommen. Man kann annehmen, daß es in diesem Fall ähnlich ablief.

Diese Geschichte wurde mir von Krishnaswami berichtet, der Zeuge beider Begebenheiten war. Viele Details über die äußeren Umstände fand ich auch bestätigt in einem unveröffentlichten Manuskript von Narasimha Rao, Sathya Narayana Raos Bruder.

Später an diesem Morgen trug Bhagavan mir auf, in der Nähe des hinteren Ashramtors einen kleinen Samadhi (Schrein) zu bauen. „Wir sollten auf dem Ashramgelände einen Samadhi für Valli errichten”, sagte er. „Dafür brauchen wir keine Maurer; wir beide können ihn gemeinsam bauen.”

Ich tat die Maurerarbeit, Bhagavan reichte mir die Ziegelsteine. Als der Schrein fertig war, ließ mich Bhagavan ein Lingam aufstellen und vor ihm eine Puja ausführen; Bhagavan stand dabei neben mir. Das Ganze dauerte mehrere Stunden. Während wir den Samadhi bauten und die letzten Riten für Valli vollzogen, ging Bhagavan nicht in die Halle. Alle Devotees, die seinen Darshan wollten, mußten dorthin kommen, wo wir arbeiteten.

Neben Vallis Samadhi stehen die zwei kleinen Samadhis des Hundes Jackie und einer namenlosen Krähe. Über die Krähe ist wenig zu sagen. Madhava Swami fand sie eines Tages bewußtlos auf dem Boden vor der Halle liegen. Er gab sie Bhagavan, der sie tätschelte und eine Zeitlang sanft massierte. Als sie in Bhagavans Händen Samadhi erlangte, ließ er für sie einen Schrein neben dem Vallis errichten.

Das Wort Samadhi wird oft euphemistisch für „Tod” verwendet. Zwei weitere geläufige Bedeutungen sind 1. Grabschrein, 2. Zustand der Versunkenheit in die innere Erfahrung des Selbst.

Schon vor den Tier-Samadhis im Shri Ramanasramam hatte Bhagavan zwei andere Samadhis für Tiere erbaut, als er noch auf dem Arunachala lebte. Der erste wurde für einen zahmen Pfau errichtet, der im Skandashram lebte, der andere für einen Papagei. Als Echammal einmal den Berghang hinaufstieg, sah sie, wie dieser Papagei von einer Krähe angegriffen wurde. Sie brachte den verletzten Vogel zu Bhagavan, der damals im Skandashram lebte. Bhagavan pflegte ihn fünf Tage lang, bis er starb. Als er ihn auf dem Berg begrub, sagte er: „Hier wird einmal ein Gebäude stehen.”

Die Voraussage erfüllte sich: bald entstand ein Gebäude anstelle des Samadhis. Die Höhle daneben wurde schließlich als „Kili Guha”, Papageienhöhle, bekannt.

Soweit ich weiß, ist die Geschichte über den Samadhi des Papageis bisher nicht veröffentlicht worden. Ich fand diese Version in einem von Krishna Bhikshu verfaßten unveröffentlichten Bericht über Echammals Leben.

Der Hund Jackie, der später neben dem Reh und der Krähe begraben wurde, war noch ganz jung, als man ihn zum Ashram brachte. Er gesellte sich nie zu anderen Hunden und spielte wenig. Seine Lebensweise ähnelte vielmehr der eines Sadhus. Er saß auf einem orangefarbenen Tuch, dem Geschenk eines Devotees, vor Bhagavan und schaute ihm unablässig fest in die Augen. Weil Bhagavan ihn sehr liebte und weil er sich so mustergültig benahm, wurde Jackie immer gut versorgt. Besonders Ramaswami Pillai kümmerte sich gewissenhaft um ihn. Täglich wusch er den Hund mit Seife und entfernte jedes Insekt, das sich in seinem Fell eingenistet hatte. Wenn Prasad verteilt wurde, fraß Jackie nichts, bevor Bhagavan seinen Anteil zu verzehren begann. Er schaute Bhagavan dann aufmerksam ins Gesicht: sobald Bhagavan ein Stückchen in den Mund nahm, fing auch Jackie an, seine Portion zu fressen.

Ich erinnere mich, wie Bhagavan einmal umgeben von Devotees am Brunnen saß. Jackie befand sich bei den Devotees und schaute Bhagavan wachsam an, als ein streunender Hund durch das rückwärtige Tor in den Ashram kam. Von dem Neuankömmling abgelenkt, begann Jackie zu bellen.

Bhagavan beruhigte ihn freundlich: „Schließe nur die Augen, schließe nur die Augen Wenn du das tust, kannst du den Hund nicht sehen.”

Jackie gehorchte sofort, aber einige von uns anderen schauten weiterhin nach dem streunenden Hund. Als ich das bemerkte, lachte ich und sagte: „Das ist eine gute Lehre, nicht nur für Jackie, sondern für alle.”

Jackie lebte viele Jahre im Ashram, aber ich erinnere mich nicht an seinen Tod. Es muß irgendwann in den dreißiger Jahren gewesen sein, als ich gerade die Bauarbeiten leitete, denn ich weiß noch, daß ich auf Bhagavans Wunsch den kleinen Samadhi-Schrem über seinem Grab errichtete.

Ich fand den folgenden Bericht über Jackies Tod in einer unveröffentlichten Aufzeichnung von Narasimha Rao:

„In der ersten Zeit unserer Besuche im Ashram (in den frühen dreißiger Jahren) gab es dort einen Hund namens Jack, der schon sehr krank war. Bhagavan hatte ihm ein weiches Lager bereiten lassen und kümmerte sich überaus liebevoll um ihn. Nach einigen Tagen wurde er schwächer und verströmte einen üblen Geruch, aber Bhagavans Fürsorge für ihn blieb die gleiche. Er nahm ihn auf und streichelte ihn teilnahmsvoll. Schließlich starb er in seinen Armen. Jackie wurde auf dem Ashramgelände beerdigt; über dem Grab errichtete man ein Denkmal. Der Hund ließ kein Zeichen von Schmerz erkennen und ertrug sein Leiden tapfer.”

Lakshmis Samadhi ist der vierte in dieser Reihe. Ihre Geschichte wurde in vielen Büchern erzählt, deshalb will ich sie hier nicht wiederholen. Aber ich berichte etwas von ihr, was meines Wissens noch nicht veröffentlicht wurde.

Immer wenn die Kuh Lakshmi zum Darshan kam, lief sie sehr rasch und kümmerte sich nicht darum, ob ihr jemand im Weg stand. Die Devotees mußten ihr Platz machen, sonst wurden sie getreten. An Bhagavans Sofa angelangt, stellte sie sich oft vor Bhagavan und legte ihren Kopf auf seine Füße. Wenn sie noch näher kam, streichelte er ihr liebevoll Kopf und Hals. Oft kam sie ihm so nahe, daß ihr Speichel auf Bhagavans Körper tropfte. Immer wenn im Ashram etwas Besonderes gekocht wurde, brachte Bhagavan Lakshmi etwas davon in die Halle mit. Ich habe gesehen, wie er ihr Iddlies, Payasam und Vadai auf einem Bananenblatt servierte wie einem Menschen. Manchmal brachte er das Essen direkt in den Kuhstall und setzte es ihr dort vor.

Als es einmal sehr wenig Gras im Ashram gab, fiel Bhagavan auf, daß Lakshmi nicht genug zu fressen bekam. An diesem Tag wies er im Speisesaal das ihm servierte Essen zurück; statt dessen bat er die Servierer, es Lakshmi zu geben. Als die im Kuhstall Dienst tuenden Ashramarbeiter dies hörten, verstanden sie das als indirekte Kritik an der schlechten Behandlung Lakshmis. Vom Basar wurde Futter gebracht, danach konnten Bhagavan und Lakshmi ihre normalen Mahlzeiten wieder aufnehmen.

Viel wurde darüber berichtet, daß Lakshmi mehrmals an Bhagavans Geburtstag ein Kalb zur Welt brachte. Einmal sah ich eins dieser Kälbchen von schneeweißer Farbe vor Bhagavan in der Halle liegen. In Farbe und Haltung glich es ganz Nandi, Shivas Vahana (Reittier). Bhagavan saß auf einem Tigerfell, neben ihm lag das Reh Valli, im Kumutti (Kohlebecken) vor dem Sofa glühten Kohlen, und dicht dabei stand eine silberne Kobra, die als Räucherstäbchenhalter verwendet wurde. Mit allen diesen mythischen Gegenständen mutete es wie eine Szene vom Kailash (dem Berg Shivas im Transhimalaya) an.

Dies erinnert mich an eine andere kleine Begebenheit in der Halle, die mit Tieren nichts zu tun hat. Ein Devotee hatte ein Album mit religiösen Bildern des großen Künstlers Ravi Varma mitgebracht, die Bhagavan mit uns betrachtete. Als wir zu einem Bild von Shiva kamen, der mit geschlossenen Augen meditierte, sagte ich, das sei ein sehr schönes Bild.

Bhagavans einziger Kommentar war: „Shiva Wenn du so mit geschlossenen Augen dasitzt, wer soll sich dann um alles Geschehen in der Welt kümmern?”

Viele Devotees glaubten, Lakshmi sei eine Reinkarnation von Keeraipatti, einer Frau, die Bhagavan mit Essen versorgt hatte, als er auf dem Arunachala lebte. Bhagavan bestätigte das nie, aber er bestritt es auch nicht. Viele Devotees glaubten auch, der weiße Pfau, der in den vierziger Jahren bei Bhagavan lebte, sei eine Reinkarnation von Madhava Swami, dem langjährigen Betreuer Bhagavans. In diesem Fall schien Bhagavan eher geneigt zuzugeben, daß einer seiner Devotees sich als Tier wiederverkörpert hatte.

Ich war gerade in der Halle, als jemand Bhagavan fragte: „Wie kam es, daß Madhava Swami als weißer Pfau wiedergeboren wurde?”

Ohne die in der Frage enthaltene Behauptung zu bestreiten oder ihr auszuweichen, antwortete Bhagavan: „Genauso, wie neue Körper im Traum erschaffen werden.”

Madhava Swami war viele Jahre lang Bhagavans Betreuer gewesen. Er hatte Bhagavan von den späten zwanziger bis in die frühen vierziger Jahre gedient. In Größe, Körperbau und Hautfarbe war er mir sehr ähnlich. Er besaß telepathische Fähigkeiten: immer wenn Bhagavan einen Wunsch hatte, nahm Madhava Swami diesen Gedanken wahr und brachte Bhagavan das Gewünschte.

Obwohl er ständig bei Bhagavan war, hatte er ein sehr unstetes Gemüt. Das Meditieren fiel ihm schwer, und es verdroß ihn, daß er Bhagavan die ganze Zeit über in der Halle zu Diensten stehen mußte. Als er zum Ashram gekommen war, hatte er zuerst gemeint, er könne die ganze Zeit mit Meditation verbringen. Statt dessen fand er sich. wie ich, innerhalb einer Woche nach seiner Ankunft vollzeitig als Bhagavans Betreuer eingesetzt.

Madhava Swami liebte seine Arbeit nicht, und er war immer neidisch auf Devotees, die den ganzen Tag meditieren durften. Nachdem ich selbst mit Bhagavans Erlaubnis aus dem Ashram ausgezogen war, um mich ganz der Meditation zu widmen, besuchte mich Madhava Swami einmal, um mir sein Leid zu klagen.

„Ich kam schon vor dir zu Bhagavan”, sagte er. „Dich hat Bhagavan freigegeben, aber ich muß immer noch Dienst tun. Bhagavan hat mir seine Gnade noch nicht geschenkt, deshalb muß ich noch arbeiten.”

Die meisten Devotees hätten gestaunt, diese Worte zu hören. Als persönlicher Betreuer genoß er das Vorrecht, den ganzen Tag in Bhagavans Nähe zu sein. Bhagavan sprach oft mit ihm über spirituelle Dinge, und er gehörte zu den wenigen, die Bhagavan berühren und massieren durften. Aber dies alles stellte Madhava Swami nicht zufrieden.

Einmal sagte er mir: „Die Devotees, die zu Bhagavan in die Halle kommen, fühlen sich wie im Paradies. Aber für mich ist es dort wie in der Hölle.”

Madhava Swami legte einen tiefen Abscheu vor Frauen an den Tag, besonders wenn sie schön waren. Kamen solche Personen zum Darshan in die Halle, sagte er laut: „Warum kommen diese Frauen zu Bhagavans Darshan?”

Bhagavan rügte ihn für solche Bemerkungen: „Weshalb betrachtest du sie als Frauen? Sieh sie einfach als dein Selbst”

Gegen Ende seines Aufenthalts im Ashram begann Madhava Swami, alle Besucher zu verachten, Männer ebenso wie Frauen.

Einmal sagte er zu Bhagavan: „Wenn ein Sadhu zu sein bedeutet, daß man in einer Höhle leben und permanent meditieren soll, warum kommen dann diese vielen Menschen zu Bhagavans Darshan?” Er meinte, sie sollten alle zu Hause sitzen und meditieren.

Bhagavan erwiderte: „Warum betrachtest du diese Leute als „andere” und machst Unterscheidungen? Kümmere dich um deine Pflichten und beschaue dein eigenes Selbst. Sieh die anderen als Erscheinungsformen Gottes an, oder betrachte sie als Formen des Selbst.”

In seinen ersten Jahren bei Bhagavan war er ganz wohlgemut und zufrieden. Erst in den späten dreißiger Jahren entwickelte sich sein Gemütsleiden. Schließlich wurde er so verstört, daß er allmählich den Verstand verlor. Ich erinnere mich: Als er einmal sah, wie Gartenarbeiter eine Grube für Kompost aushoben, glaubte er fest, einige Leute im Ashram wollten ihn töten und in diese Grube werfen. Man erklärte ihm, daß es nur eine Kompostgrube sei, aber er rief: „Nein, diese Leute heben die Grube aus, weil sie mich begraben wollen.”

Madhava Swami quittierte schließlich seinen Dienst als Betreuer und verließ den Ashram. Er kam nur noch hin und wieder zu Besuch und verbrachte die meiste Zeit mit Pilgerfahrten, von denen er sich Seelenfrieden erhoffte. Aber er fand ihn nie. Mit den Jahren nahmen seine Unruhe und seine Stimmungsschwankungen immer mehr zu. Mitte der vierziger Jahre erhielt der Ashram die Nachricht, Madhava Swami sei in Kumbakonam und brauche Hilfe. Kunju Swami, der dort für Bhagavan erkunden sollte, was man für Madhava Swami tun könne, war erschüttert zu sehen, wie sehr es mit ihm geistig und körperlich bergab gegangen war.

Kunju Swami richtete Bhagavans Botschaft an ihn aus: „Du hast Bhagavan viele Jahre lang gedient. Du warst ständig bei ihm. Warum bist du hierhin gegangen? Warum kommst du nicht in den Ashram zurück?”

Madhava Swami fürchtete sich zu sehr, zurückzukehren und Bhagavan gegenüberzutreten. Er glaubte, seine seelischen Probleme würden sich in Bhagavans Gegenwart weiter zuspitzen.

Zu Kunju Swami sagte er: „Bhagavans Gnade und Größe sind unbeschreiblich. Aber mein Karma ist zu schwer für mich. Was kann ich tun? Ich ertrage mein Karma nur durch Bhagavans Gnade. Es ist sehr hart. Ich muß furchtbar leiden.”

Wenige Monate später nahm er sich mit giftigen Samen das Leben. Kunju Swami ging in Bhagavans Auftrag nach Kumbakonam und richtete die letzten Riten für ihn aus. Zum Glück für Madhava Swami war das nicht das Ende. Seine Hingabe an Bhagavan ermöglichte ihm die Wiedergeburt als Bhagavans weißen Pfau.

Es gab ein paar Indizien, die viele Leute überzeugten, daß dieser Pfau tatsächlich der wiedergeborene Madhava Swami war. Wenn er in die Halle kam, versäumte der Pfau nie, alle Bücher auf den Regalen prüfend zu betrachten. Die Betreuung der Bücher hatte zu Madhava Swamis täglichen Pflichten gehört. Er hatte auch beschädigte Bücher instandgesetzt oder sie neu gebunden. Wenn der Pfau seine Inspektionsrunde machte, pickte er oft nach den Büchern, die Madhava Swami neu gebunden hatte, die anderen berührte er dagegen nie. Ein anderer Hinweis ergab sich aus Madhava Swamis feindseliger Haltung gegenüber Frauen, die soweit ging, daß er oft rüde Bemerkungen machte, wenn Frauen die Halle betraten. Der Pfau behielt diese Eigenart bei. Er wollte nichts mit den Pfauenhennen zu tun haben, die im Ashram lebten. Ich kann zu diesen Indizien meinerseits noch eine Begebenheit beisteuern: Wenn Madhava Swami mich in meinem Haus besuchte, saß er immer auf einer Betonbank neben der Tür. In späteren Jahren kam auch der weiße Pfau bisweilen zu mir, und jedesmal ließ er sich auf Madhava Swamis Lieblingsplatz auf der Bank nieder.

Wenn aus dieser Geschichte eine Moral abzuleiten ist, so kommt sie meiner Meinung nach in einem kleinen Vorfall zum Ausdruck, dessen Zeuge ich im Ashram wurde. Bhagavan konnte den weißen Pfau nicht dazu bringen, sich in das Nest zu setzen, das er eigens für ihn hatte bauen lassen. Als der Pfau sich hartnäckig sträubte, sagte Bhagavan: „Fast immer ignorierst du meine Worte.”

Bhagavan nahm Tiere, die in den Ashram gebracht wurden, normalerweise nur auf, wenn sich ein Devotee bereit fand, sie zu betreuen. Anfangs wollte Bhagavan nicht einmal Lakshmi und den weißen Pfau aufnehmen. Erst als Devotees ihm versprachen, sie würden die Tiere gut versorgen, durften sie im Ashram bleiben. Manche Tiere, die keinen Betreuer fanden, wurden ihren Spendern zurückgegeben. Ich erinnere mich an ein Tigerbaby, dem es so erging. Ein Devotee aus Nordindien hatte es Bhagavan mitgebracht. Es war zwar noch klein, aber schon recht wild. Außer Bhagavan griff es jeden an, der sich ihm zu nähern versuchte. Bhagavan hob es auf sein Knie und ließ ein Foto machen, aber kein anderer konnte das Tier bändigen. Im Laufe einer Woche war klar, daß der Tiger nicht zahm werden würde; daher bat Bhagavan seinen Besitzer, ihn wieder mitzunehmen.

Außer den zahmen Tieren und Kühen kamen auch etliche freilebende Tiere zu Bhagavans Darshan. Die Geschichten über die Affen sind gut bekannt, aber die Begebenheit mit den zwei Spatzen wurde meines Wissens noch nicht berichtet:

Eines Tages kamen zwei Spatzen und setzten sich auf die Doppeltüren, die sich damals an der Südseite der Halle befanden. Jeder Spatz hockte auf seinem Türflügel und schaute Bhagavan den ganzen Tag lang aufmerksam an. Sie zeigten keinerlei Furcht, wenn Besucher durch die Tür ein und aus gingen. Normalerweise wurden die Türen zur Halle nachts geschlossen, aber als die Spatzen auch nach Einbruch der Dunkelheit keine Anstalten machten wegzufliegen, ließen die Betreuer auf Bhagavans Anweisung die Türen offen. Die Spatzen blieben die ganze Nacht und flogen erst am nächsten Morgen davon. Als sie fort waren, klärte Bhagavan uns auf, daß in Gestalt der Spatzen zwei Siddha Purushas (vollendete Wesen) zu seinem Darshan gekommen seien.

In Tiruvannamalai besagt eine Überlieferung, etliche vollendete Wesen (siddhas) lebten unsichtbar auf dem Arunachala. Mehrmals äußerte Bhagavan, eines oder einige dieser Wesen seien in Tiergestalt zu seinem Darshan gekommen.

Es gab auch andere, weniger erhabene Spatzen in der Gegend. Einer von ihnen versuchte mehrfach, sein Nest über Bhagavans Sofa zu bauen. Er kam nie sehr weit damit, weil Madhava Swami das Nest immer wieder mit einem langen Stock zerstörte. Nach etlichen fehlgeschlagenen Versuchen setzte sich der Spatz oben auf eine der Eingangstüren, schaute Bhagavan an und zwitscherte ihm etwas zu. Für die Leute in der Halle klang es wie gewöhnliches Vogelgezwitscher, aber Bhagavan verstand, daß der Vogel sich beschwerte.

Er wandte sich an Madhava Swami und fragte: „Wer hat sein Nest zerstört? Er beklagt sich bei mir darüber.”

„Das war ich”, antwortete Madhava Swami. „Wenn er sein Nest auf irgendeinem anderen Balken baut, stört es nicht, aber direkt hier über dem Sofa wird es immer Ärger geben. Ständig wird Bhagavan Gras auf den Kopf fallen.”

Bhagavan sah das ein und ließ in einer anderen Ecke der Halle zwei hölzerne Bretter an die Balken nageln. Der Spatz war bereit, sein Nest auf diesen neuen Brettern zu bauen. Nun gab es keine weiteren Störungen; der Spatz legte in dem Nest ein paar Eier und zog danach einige Junge auf. Eine Nachbemerkung zu dieser Geschichte: Einmal fiel eins der Spatzenkinder aus dem Nest, Bhagavan gab ihm ein wenig Milch und ließ es dann von einem der Devotees wieder ins Nest setzen. Als alle ihre Kinder fliegen gelernt hatten, flog auch die Mutter eines Tages fort und kehrte nicht wieder.

Bhagavan bemühte sich immer zu helfen, wenn ein Tier in seiner Umgebung sich verletzt hatte oder sonstwie in Not geraten war. Als ich Bhagavan einmal frühmorgens auf einem Spaziergang am Berghang begleitete, fiel vor uns eine Taube herunter. Ein größerer Vogel hatte sie angegriffen und am Kopf schwer verletzt. Bhagavan ließ mich die Taube aufheben und zum Ashram tragen. Als wir wieder in der Halle waren, nahm Bhagavan sie auf seinen Schoß und rieb ihr Castoröl auf die verletzten Stellen. Ab und zu blies er ihr auch sanft auf die Wunde. Der Vogel leistete keinen Widerstand, denn er war in einem Schockzustand oder bewußtlos. Nach der Behandlung durch Bhagavan erholte sich die Taube erstaunlich schnell. Sie flog ohne irgendwelche Anzeichen der gerade erlittenen Verletzung davon.

Oft fütterte Bhagavan die Tiere etwa eine Stunde nach dem Mittagessen, wenn die meisten Devotees schliefen. Die Streifenhörnchen bekamen in der Halle ihr Futter, weil viele von ihnen dort lebten. Die anderen Tiere wurden gewöhnlich im Freien gefüttert. Die ziemlich frechen Affen erhielten ihr Fressen immer draußen. Bhagavan wollte sie nicht daran gewöhnen, in der Halle Futter zu erwarten, denn er wußte, daß ihre Anwesenheit viele Devotees störte.

Bhagavan fütterte die Streifenhörnchen normalerweise gegen 13 Uhr. Die zehn bis fünfzehn Streifenhörnchen, die in oder in der Nähe der Halle lebten, tauchten immer um diese Zeit auf und warteten darauf, daß Bhagavan sie fütterte. Sie kamen auch zu anderen Zeiten, besonders wenn sie hörten, daß Bhagavan die Büchse mit Nüssen öffnete, die er neben seinem Sofa aufbewahrte. Die Streifenhörnchen ließen keinerlei Furcht oder Ängstlichkeit erkennen, wenn sie sich bei Bhagavan aufhielten. Obwohl sie freilebende Tiere waren, liefen sie ihm fröhlich über Beine, Arme und Kopf, während sie auf ihr Futter warteten. Diese Furchtlosigkeit führte einmal zu einem Unglücksfall: ein Streifenhörnchen war in Bhagavans Kissen geraten, und dort erstickte es oder wurde totgedrückt, als Bhagavan sich versehentlich auf das Kissen lehnte. Zum Glück kamen solche Unfälle sehr selten vor.

Bhagavans Mitgefühl für Tiere erstreckte sich nicht auf alle Angehörigen der Insektenfamilie. Wenn Insekten lästig wurden, war er nicht dagegen, daß man sie tötete.

Eines Morgens hatte Bhagavan zum Beispiel kurz vor dem Mittagessen bemerkt, daß ein ganzes Heer schwarzer Ameisen durch den Wasserabfluß in die Halle eindrang.

In Indien werden Stein- oder Zementböden regelmäßig mit Wasser abgewaschen. Zimmer mit solchen Fußböden haben einen kleinen Wasserabfluß von ca. drei cm Durchmesser. Viele Böden sind leicht geneigt, damit das Wasser von selbst zu diesem Loch fließt.

Zu mir gewandt, sagte Bhagavan: „Stelle fest, woher diese Ameisen kommen. Wenn da ein Nest ist, dann blockiere den Ausgang, damit die Ameisen nicht in die Halle eindringen können. Du mußt schnell arbeiten, die Devotees kommen bald zurück”

Ich brach die Steinplatte, in der sich der Abfluß befand, heraus und zog sie aus der Wand, in die sie eingelassen war. Dort sah ich eine großes Volk schwarzer Ameisen, die in einem Hohlraum hinter der Platte lebten. Sobald sie aufgespürt waren, strömten die Ameisen in die Halle. Einige schwärmten auch über Bhagavans Sofa. So viele von ihnen wimmelten auf dem Boden um meine Füße herum, daß ich keinen Schritt hätte tun können, ohne einige von ihnen zu zertreten. Bhagavan bemerkte, daß ich mich aus Furcht, unnötig Ameisen zu töten, nicht mehr zu regen wagte.

„Warum stehst du da und schaust sie an?” fragte Bhagavan. „Du mußt das Loch verschließen, bevor die Devotees zurückkommen. Sage mir, was du brauchst, um die Arbeit ordentlich zu Ende zu bringen.”

Ich hatte solche Angst, ein paar Ameisen zu töten, daß ich Bhagavan nicht antworten konnte. Er wiederholte sein Angebot: „Sag mir, was du brauchst. Ich gehe und hole es dir. Soll ich ein paar Bruchstücke von Ziegeln und ein wenig Zement bringen?”

Diesmal konnte ich wenigstens mein Nichtstun erklären: „Überall sind Ameisen, Bhagavan. Ich kann mich nicht bewegen, ohne einige von ihnen zu töten.”

Bhagavan wies meine Entschuldigung zurück: „Was ist Sünde?” fragte er. „Bist du es, der dies tut? Du handelst zum Wohle aller. Wenn du den Gedanken „Ich tue das” fallenläßt, bist du in diese Handlung nicht verwickelt. Auch tust du es nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil ich dich darum bitte.”

Bhagavan spürte, daß ich immer noch zögerte, auf eine Ameise zu treten; deshalb versuchte er, mich auf andere Art zu überzeugen: „In der Bhagavad Gita forderte Krishna Arjuna auf, seine Feinde zu töten. Als Arjuna zögerte, erklärte Krishna ihm, er habe bereits beschlossen, daß diese Leute sterben müßten. Arjuna sei nur das Instrument, das den göttlichen Willen ausführe. Und weil ich dir sage, du sollst diese Arbeit tun, wird auch dich kein Papam (karmische Folge unethischen Handelns) treffen.”

Nach dieser Versicherung Bhagavans füllte ich das Loch mit Ziegeln und Zement. Viele Ameisen kamen dabei um.

Später stellte ich fest, daß Bhagavan die Devotees normalerweise mahnte, keine Insekten zu töten, solange sie nicht Menschen oder Tiere verletzten oder ihnen Schmerz zufügten bzw. gerade dazu ansetzten. Aber wenn sie wirklich zum Ärgernis wurden, bereitete es ihm keine Gewissensbisse, sie zu töten. Einmal sah ich, wie Bhagavan einem der Ashram-Hunde Unni (blutsaugende Insekten) aus dem Fell pflückte und sie in die glühenden Kohlen seines Kumutti warf.

Ein Devotee, der das sah, fragte: „Ist es keine Sünde, Insekten zu töten?”

Ramaswami Pillai, der regelmäßig die Hunde von Insekten befreite und sie auf dieselbe Weise tötete, rechtfertigte dies mit einer Geschichte über Ramakrishna Paramahansa: „Es heißt”, sagte er, „daß ein Devotee von Shri Ramakrishna Paramahansa sich Gedanken machte, ob es eine Sünde sei, Bettwanzen zu töten. Er ging zu Shri Ramakrishna, um ihn danach zu fragen. Als er zu Ramakrishna kam, war dieser gerade dabei, in seinem eigenem Bett Wanzen zu töten. Die Frage des Devotees war damit beantwortet.”

Bhagavan antwortete dem Fragesteller nicht selbst, aber als Ramaswami Pillai seine Geschichte erzählt hatte, nickte er und bestätigte: „Ja.”

Als bei anderer Gelegenheit ein Besucher kategorisch erklärte, man dürfe auch das Leben des geringsten Insekts nicht vernichten, entgegnete Bhagavan: „Wenn du zum Kochen Gemüse schneidest, kannst du es auch nicht vermeiden, ein paar Insekten zu töten. Wenn du meinst, es sei Sünde, Würmer zu töten, darfst du kein Gemüse essen.”

Wenn Bhagavan jedoch sah, daß jemand mutwillig harmlose Insekten tötete, zeigte er meist sein Mißfallen. Eines Tages kam zum Beispiel ein Brahmanenjunge in die Halle und begann, zum Spaß Fliegen zu fangen und zu töten. Er klatschte die Hände zusammen und zerquetschte so die Fliegen.

Bhagavan wies ihn zurecht: „Laß die Fliegen in Ruhe „Du hast einen sechs Fuß großen Tiger getötet und sitzt auf seinem Fell. Ist das keine Sünde?” Bhagavan lachte und ließ das Thema fallen.

Auch andere Leute fragten Bhagavan manchmal, warum er auf einem Tigerfell sitze. Sie dachten, er billige damit stillschweigend das Töten von Tigern. Bhagavan erwiderte meist, die Felle seien als nicht angeforderte Geschenke in den Ashram gekommen, und er habe niemanden je gebeten, für ihn Tiger zu schießen.

Bhagavan war entschieden dagegen, irgendeine höhere Form von Lebewesen zu töten. Er gab Anweisung, daß nicht einmal Schlangen und Skorpione im Ashram ums Leben gebracht werden durften. Die Grundregel lautete anscheinend: Insekten durfte man töten, wenn sie Schmerz zufügten oder gefährlich werden konnten, aber alle höheren Lebensformen, auch gefährliche und giftige Tiere, sollten nicht angetastet werden.

Die Moskitos waren für die meisten Devotees ein ständiges Problem. Bhagavan rügte die Devotees nie, wenn sie Moskitos töteten, von denen sie gestochen wurden. In den vierziger Jahren ließ er sogar den Kuhstall mit einem Insektenvernichtungsmittel aussprühen, um die Kühe vor den stechenden Quälgeistern zu schützen. Über die ethischen Aspekte des Tötens von Moskitos befragt, antwortete er jedoch gewöhnlich, man solle sich nicht mit dem Körper, der gestochen wird, identifizieren.

Ein Devotee, der ihm einmal diese Frage stellte, erhielt die Antwort: „Wenn du deine Klage gegen die Moskitos vor ein Gericht brächtest, würden die Moskitos den Fall gewinnen. Ihr Dharma (das Gesetz, nach dem sie leben müssen) ist, zu beißen und zu stechen. Sie lehren dich, daß du nicht der Körper bist. Ihre Stiche stören dich nur deshalb, weil du dich mit dem Körper identifizierst.”

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Bhagavan besteht auf Gehorsam und Pflichterfüllung

Bhagavans Betreuer wurden immer von Chinnaswami ausgewählt und angestellt. Meines Wissens hat Bhagavan niemanden je gebeten, ihm persönlich zu dienen, noch hat er je einen ihm zugeteilten Betreuer wieder weggeschickt. Manchmal bot sich jemand aus eigenem Antrieb für diese Tätigkeit an, aber davon machte man nie Gebrauch. Es wurde zur Tradition im Ashram, daß Bhagavans Betreuer immer junge ledige Männer waren.

Als sich einmal eine berufserfahrene Krankenschwester aus Nordindien erbot, Bhagavan zu betreuen, antwortete er: „Frage die Anwesenden hier in der Halle „Nein, nein, Frauen können Bhagavan keinesfalls persönliche Dienste leisten. Das wäre ungehörig.” Bhagavan wandte sich der Frau zu und sagte: „Die Leute hier denken so. Was kann ich tun?”

Bhagavan war ein strenger Dienstherr. Er bestand immer darauf, daß alle Arbeiten im Ashram sorgfältig und pünktlich ausgeführt wurden. So kam es, daß die unter seiner ständigen Aufsicht stehenden Betreuer oft kritische Bemerkungen von Bhagavan zu hören bekamen. Er war selten erbost, aber wenn es geschah, dann meist wegen des Fehlers eines seiner Betreuer.

Als Krishnaswami erst kurz im Ashram war, zog er sich einmal Bhagavans Zorn zu, weil er die Affen nicht aus der Halle verjagte. Die Affen aus der Umgegend wußten, daß viele Leute mit Gaben von Früchten in die Halle kamen. Daher saßen sie in der Nähe herum und versuchten, arglosen Besuchern die Früchte zu stehlen. Bhagavan bat die Besucher, in der Nähe der Halle keine Affen zu füttern, denn er wollte sie nicht daran gewöhnen, dort auf Futter zu warten. Zwar lachte Bhagavan manchmal, wenn es einem Affen gelang, eine Banane oder eine Mango zu stibitzen, aber er tadelte auch seine Betreuer, wenn den Affen Raubzüge in die Halle gelangen. Oft rügte Bhagavan Krishnaswami, wenn er die Affen nicht verjagte und sie in die Halle eindringen ließ.

Schließlich sagte Bhagavan ihm: „Auf mich willst du anscheinend nicht hören. Du arbeitest nur ordentlich, wenn Chinnaswami kommt und dich schilt.”

Dann ließ Bhagavan Chinnaswami davon wissen, der Krishnaswami prompt eine geharnischte Strafpredigt über die Notwendigkeit hielt, seine Pflichten ordentlich zu erfüllen. Daraufhin wurde Krishnaswami zu einem eifrigen Affenjäger. Er beschaffte sich eine Schleuder und vertrieb damit die Affen, sobald sie sich sehen ließen.

Auch ein anderer Betreuer, Rangaswami, war zeitweilig unaufmerksam. Wenn er eine Weile in der Halle seinen Dienst getan hatte, vergaß er seine Pflichten und begann zu meditieren. Er kümmerte sich nicht einmal mehr um die Affen. Wenn Besucher ihre mitgebrachten Früchte vor Bhagavan niederlegten, konnten die Affen sie unbehelligt stehlen, weil Rangaswami, der die Früchte bewachen sollte, mit geschlossenen Augen auf dem Boden saß.

Bhagavan ließ dies ein paar Tage lang durchgehen, aber schließlich wies er ihn zurecht: „Wenn du meditieren willst, dann suche dir einen anderen Platz. Hier mußt du wie alle anderen einen Dienst tun. Die Meditation ist in deinem Dienst für den Guru enthalten.”

Rangaswami sah seinen Fehler ein und begann wieder, seine Pflichten zu erfüllen.

Ein anderes Mal war ihm Bhagavan sehr böse, weil er gelogen hatte: Als Rangaswami einmal am Radio in der Halle einen Sender einstellen wollte, drehte er den Knopf so weit, daß das Radio nicht mehr funktionierte. Anstatt Bhagavan dies zu gestehen, sagte er zu ihm: „Es scheint, daß jemand das Radio beschädigt hat.” Später am selben Tag vertraute mir Rangaswami an, er habe das Radio kaputtgemacht und Bhagavan darüber belogen. Ich fühlte mich verpflichtet, Bhagavan die Wahrheit wissen zu lassen, und berichtete ihm, was Rangaswami mir mitgeteilt hatte. Verärgert rief Bhagavan aus: „Sogar mich belügt er.”

Bhagavan machte seine Drohung wahr und ignorierte den unglücklichen Rangaswami für den Rest des Tages.

Manchmal war Bhagavan auch verärgert, wenn seine Betreuer fahrlässig handelten. Vaikuntha Vas, einer seiner späteren Betreuer, erzürnte Bhagavan einmal, als er ihm versehentlich das Bein verbrannte. Es war gegen 21 Uhr, und Vaikuntha, schon ein bißchen schläfrig, weil er am Abend zuviel gegessen hatte, legte Bhagavan eine Wärmflasche auf die Beine, ohne vorher deren Temperatur zu prüfen. Das Wasser in der Flasche war siedend heiß; Bhagavan zuckte vor Schmerz zusammen. Er wurde wütend und wies ihn aus der Halle. Vaikuntha Vas schämte sich so über sein Ungeschick, daß er sogleich den Ashram verließ und in sein Dorf bei Pondicherry zurückging.

Bhagavans Strenge, sein Beharren auf absolutem Gehorsam, galten nur den ständigen Mitarbeitern des Ashrams. Wenn Besucher etwas falsch machten, wies er sie kaum jemals zurecht. Ein Arzt aus Madras, Srinivasa Rao, durfte einmal Bhagavans Füße und Beine massieren, eine Aufgabe, die normalerweise den Betreuern vorbehalten war, aber ausnahmsweise auch älteren Devotees übertragen wurde.

Bhagavan erklärte dem Arzt: „Massiere von den Knien zu den Knöcheln hinunter, nicht andersherum.” Der Arzt achtete jedoch nicht auf die Anweisung. Er glaubte, mehr von medizinischen Dingen zu verstehen als Bhagavan, und massierte unbeirrt in entgegengesetzter Richtung. Bhagavan schwieg, aber nach ein paar Minuten sagte er: „Genug”

Als der Arzt die Halle verlassen hatte, bemerkte Bhagavan: „Er ist ein Doktor, deshalb will er nicht auf mich hören. Was er sagte und wie er massierte, das war falsch.”

Weil dieser Mann ein Außenstehender war, ließ Bhagavan ihn mit der Massage fortfahren. Hätte einer der Betreuer gewagt, sich über Bhagavans Wünsche hinwegzusetzen, dann wäre er sofort zurechtgewiesen worden.

Auch andere Ashrammitarbeiter erzürnten Bhagavan manchmal, wenn sie absichtlich ungehorsam waren. So erregte Mauni Srinivasa Rao, ein Mitarbeiter im Büro, einmal Bhagavans Unwillen, als er sich über dessen Anordnungen hinwegzusetzen versuchte. Zu Mauni Srinivasa Raos Aufgaben gehörte es, für alle spirituellen Fragen, die den Ashram brieflich erreichten, Antworten zu entwerfen. Diese Entwürfe wurden Bhagavan vorgelegt, der sie sorgfältig las und korrigierte. Einmal wollte Mauni Srinivasa Rao nicht einsehen, daß Bhagavans Korrekturen endgültig waren. Er korrigierte Bhagavans Änderungen und legte den Brief erneut Bhagavan vor. Dieser las den Brief ein zweites Mal durch und strich alles, was Mauni Srinivasa Rao geändert hatte. Als der Brief ins Büro zurückgebracht wurde, änderte Mauni Srinivasa Rao wiederum einige von Bhagavans Korrekturen. Er brachte den neuen Entwurf in die Halle und bat Bhagavan, ihn zu lesen, aber Bhagavan würdigte den Brief keines Blickes. Vielmehr warf er ihn Mauni Srinivasa Rao zu und sagte verärgert: „Du mußt ja immer deinen Willen durchsetzen”

Manchmal äußerte Bhagavan sein Mißfallen auf subtilere Weise. Eines Abends kam es im Speisesaal nach dem Essen zu einem heftigen Streit, der darin gipfelte, daß Subramaniam Swami Krishnaswami ins Gesicht schlug. Krishnaswami beschwerte sich sofort bei Bhagavan, aber diesen schien die Angelegenheit nicht zu interessieren.

Jemand hatte Geld gespendet für eine große Bhiksha (Essensspende), die am folgenden Tag stattfinden sollte. Das bedeutete viel Arbeit für alle Küchenhelfer. Normalerweise wäre Bhagavan um drei Uhr morgens in die Küche gekommen, um Subramaniam beim Gemüseschneiden zu helfen, aber an jenem Morgen blieb er in der Halle und überließ Subramaniam die ganze Arbeit. Die ersten zwei Stunden fragte Subramaniam sich, warum Bhagavan so spät komme, aber schließlich begriff er, daß dies eine Strafe für seine Handgreiflichkeit gegen Krishnaswami war. Bhagavan bestätigte dies, indem er den ganzen Tag nicht mit ihm sprach und ihn keines Blickes würdigte.

Ramakrishna Swami

Ein Mitarbeiter des Ashrams namens Ramakrishna Swami besorgte die Einkäufe für den Ashram. Bei seinen regelmäßigen Gängen in die Stadt begann er eine heimliche Affäre mit einer Frau, die im Viertel der Bauarbeiter lebte. Die Frau arbeitete ebenfalls im Ashram, daher konnte er sie auch tagsüber sehen. So etwas ließ sich aber nicht lange geheimhalten, und bald entdeckte die Familie der Frau, was vorging. Sie drohte Ramakrishna Swami Prügel an, falls er nicht tausend Rupien zahle. Die Drohung wurde zwar nie verwirklicht, aber Ramakrishna Swami hatte sich einen so üblen Ruf erworben, daß er die Stadt verließ und nach Kumbakonam ging. Nach ein paar Monaten, als er glaubte, die Familie des Mädchens habe sich beruhigt, kam er heimlich nach Tiruvannamalai zurück. Er fürchtete sich aber immer noch vor dieser Familie, deshalb wanderte er, sobald er den Stadtrand erreicht hatte, die Giri Pradakshina entgegen dem Uhrzeigersinn, um nicht durch die Stadt zu kommen. Er schämte sich noch zu sehr, den Ashram gleich zu betreten. Statt dessen ging er zu Kunjuswami und blieb in dessen Hütte in Palakottu.

Die Pilger umwandern den Arunachala immer im Uhrzeigersinn. Ein Teil des 13 km langen Rundwegs führt durch das Stadtgebiet von Tiruvannamalai. Indem er fast 10 km in Gegenrichtung um den Berg wanderte, vermied Ramakrishna Swami das Durchqueren des Stadtgebiets.

Dort blieb er einige Tage, aber er vermochte nicht, sich ein Herz zu fassen und Bhagavan unter die Augen zu treten. Schließlich ging Bhagavan selbst zu der Hütte und forderte Ramakrishna Swami auf, zum Ashram mitzukommen. Zur allgemeinen Überraschung schalt er ihn nicht aus, sondern schlug ihm vor, eine Zeitlang als sein Betreuer in der Halle zu arbeiten.

Einige Devotees, die meinten, Ramakrishna Swami habe den Ashram in Verruf gebracht, hielten diese Ernennung für unangemessen. Sie waren zwar zu höflich, dies auszusprechen, aber Bhagavan spürte ihr Mißfallen. Zu ihrer Besänftigung erläuterte Bhagavan seine Handlungsweise:

„Als er früher hier arbeitete, verbrachte er die meiste Zeit mit Besorgungen außerhalb des Ashrams. Er nahm nie am Parayana (Singen heiliger Texte) teil und hörte auch niemals den Lehrgesprächen in der Halle zu. Sein Gemüt war immer nach außen gerichtet, weil er nicht meditierte. Wenn wir ihn eine Zeitlang in der Halle behalten, wird sein Gemüt sich läutern.”

Bhagavan schwieg eine Weile und bemerkte dann abschließend: „Sein Fall ist ans Licht gekommen, aber was andere getan haben und noch tun, hat sich noch nicht herausgestellt.”

Gandhis Besuch in Tiruvannamalai

In den dreißiger Jahren kam Mahatma Gandhi einmal nach Tiruvannamalai, um eine politische Rede zu halten. Die Organisatoren hatten dafür ein offenes Feld in etwa 400 m Entfernung vom Ashram gewählt. Viele Bewohner des Ashrams hofften daher, der Mahatma werde auch Bhagavan einen Besuch abstatten. Als der Tag der Rede gekommen war, wartete ich mit anderen Devotees am Ashramtor. Wir hofften, einen kurzen Blick auf Gandhi zu werfen, wenn er vorbeifuhr. Als er schließlich kam, war er leicht zu erkennen, weil er in einem offenen Wagen zu der Versammlung gefahren wurde. Rajagopalachari, ein führender Kongreß-Politiker, der diese Vortragstour durch Südindien organisiert hatte, saß neben Gandhi im Auto. Der Wagen fuhr sehr langsam, daher lief ich an seiner Seite mit und grüßte Gandhi mit über dem Kopf zusammengelegten Händen. Zu meiner freudigen Überraschung erwiderte Gandhi meinen Gruß mit derselben Geste. Der Wagen hielt kurz am Ashramtor, fuhr aber wieder an, als Rajagopalachari dem Fahrer bedeutete, die Fahrt fortzusetzen und nicht in den Ashram einzubiegen.

Rajagopalachari wurde später Ministerpräsident der Madras Presidency, die den größten Teil Südindiens umfaßte. Nach Erlangung der Unabhängigkeit war er der erste Inder, der das Amt des Generalgouverneurs bekleidete.

Einer der Ashrambewohner, T. K. Sundaresa Iyer, besuchte die Versammlung und übergab Gandhi zwei Bücher: Aksharamanamalai und Ramana Sannidhi Mural. Beim Überreichen zitierte er einen Vers aus Aksharamanamalai: „0 Arunachala, Juwel der Bewußtheit, das in allen Wesen leuchtet, seien sie niedrig oder erhaben, merze die Niedertracht in meinem Herzen aus” Gandhi ließ die Bücher versteigern und spendete den Erlös einem Wohltätigkeitsfonds für Harijans (Unberührbare).

Aksharamanamalai ist ein langes Gedicht Bhagavans zum Lobpreis des Arunachala, Ramana Sannidhi Murai von Muruganar eine Gedichtsammlung zu Ehren Bhagavans.

Nach der Versammlung ging ich in die Halle und berichtete Bhagavan, wie Gandhi mich auf der Straße gegrüßt hatte. Ich erwähnte auch, daß Rajagopalachari den Fahrer anwies weiterzufahren, womit er Gandhi die Gelegenheit nahm, den Ashram zu besuchen. Bhagavans Antwort war sehr aufschlußreich:

„Gandhi würde gern hierherkommen, aber Rajagopalachari fürchtet die Folgen. Er weiß, daß Gandhi eine hochentwickelte Seele ist; deshalb war er besorgt, Gandhi könne hier in Samadhi eintreten und die ganze Politik vergessen. Darum gab er dem Fahrer das Zeichen zur Weiterfahrt.”

Als Gandhi sich ein paar Tage später in Madras aufhielt, suchte Krishnaswami ihn auf und wurde zu einem persönlichen Gespräch vorgelassen. Er stellte sich Gandhi als Bewohner des Shri Ramanasramam vor. Daraufhin sagte Gandhi: „Ich würde liebend gerne kommen und Bhagavan kennenlernen, aber ich weiß nicht, wann ich dafür Zeit habe.”

Gandhi zeigte zwar weiterhin Interesse an einer Begegnung mit Bhagavan, aber er kam nie wieder nach Tiruvannamalai.

Bedeutungsvolle Verse

Einmal fragte ich Bhagavan: „Welches sind die wichtigsten Stellen im Kaivalya Navanitam?” Ich gab ihm mein Exemplar des Buchs, und er verwies mich auf die Verse 12 und 13 im ersten Kapitel:

Siehe, mein Sohn. Wer sein wahres Wesen vergessen hat, durchläuft in ständigem Wechsel Geburt und Tod. Er wirbelt im rastlosen Rad der Zeit wie eine Feder im Sturmwind, bis er die wahre Natur des Selbst erkennt. Wenn er das persönliche Selbst und dessen innerstes Wesen, das universale Selbst, gewahrt, wird er zu diesem innersten Wesen, dem Brahman, und entrinnt der Wiedergeburt. Erkennst du dich selbst, so bleibst du frei von Leid. Das ist die Antwort auf deine Frage.

Nachdem er dies vorgelesen hatte, sagte Bhagavan: „Alle anderen Verse im Kaivalyam dienen nur der weiteren Erläuterung dieser zwei Verse.”

In der vom Shri Ramanasramam veröffentlichten englischen Übersetzung dieses Werks wurde die Nummerierung der Verse verändert. Die zitierten Verse aus dem ersten Kapitel sind darin als Nr. 19 und 20 zu finden.

Bhagavan hat offenbar auch anderen Schülern ähnliches gesagt. Munagala Venkataramiah, der Herausgeber und Übersetzer der Ashram-Ausgabe, fügte den Versen folgende Fußnote hinzu: „An diesem Punkt ist die Lehre vollständig.”

Als ich Bhagavan ein andermal bat, Lesestoff für mich auszuwählen, gab er mir eine Liste, die sechs Bücher enthielt: Kaivalya Navanitam, Ribhu Gita, Ashtavakra Gita, Ellam Ondre, Swarupa Saram und Yoga Vasishta. Bei anderer Gelegenheit empfahl Bhagavan auch Tripura Rahasya und Vivekachudamani (Kleinod der Unterscheidung) von Shankara.

Besonders nachdrücklich verwies er auf Ellam Ondre (Alles ist eins): „Wenn du Moksha willst, lies Ellam Ondre, schreibe es ab, und befolge die Anweisungen darin.”

Die Ribhu Gita ist Teil eines Sanskritwerks mit dem Titel Shiva Rahasya. Das Buch wurde im Shri Ramanasramam in einer Tamilübersetzung gelesen und studiert. Die Ashtavakra Gita, ein Vedanta-Text, wird dem Weisen Ashtavakra zugeschrieben. Sie stammt aus der Zeit der jüngeren Upanishaden. Swarupa Saram enthält die Lehren des Swarupananda, eines Tamilmeisters aus dem 17. Jahrhundert. Ellam Ondre ist ein Tamiltext unbekannter Herkunft in der Advaita-Tradition des 19. Jahrhunderts, im Stil ähnlich der Ribhu Gita. Kaivalya Navanitam ist ein Tamilwerk über den Advaita, und Yoga Vasishta eine Sanskritschrift, in der der Weise Vasishta Rama in den advaitischen Lehren unterweist.

Im Februar 1938 veranlaßte ich Bhagavan, ein kurzes Gedicht in Tamil über den Advaita zu verfassen. Hintergrund meiner Bitte war folgende Darlegung Bhagavans:

„Advaita (Nicht-Zweiheit) soll nicht bei alltäglichen Betätigungen praktiziert werden. Es reicht aus, wenn das Gemüt von Unterscheidungen frei ist. Wenn man Karrenladungen von unterscheidenden Gedanken in sich trägt, sollte man nicht so tun, als sei außen alles eins.

Im Westen werden über die Standesgrenzen hinweg Ehen geschlossen, und man ißt mit jedem zusammen, ohne Unterschiede zu machen. Was nützt es aber, sich darauf zu beschränken? Es hat nur zu Kriegen und Schlachtfeldern geführt. Wen hat dies alles glücklich gemacht?

Die Welt ist ein gigantisches Theater. Jedermann muß darin die ihm zugewiesene Rolle spielen. Vielfalt liegt im Wesen des Universums, doch sollte man innerlich kein Gefühl der Unterscheidung hegen.”

Diese Worte bewegten mich so tief, daß ich Bhagavan bat, sie in einem Tamilvers schriftlich zusammenzufassen. Er willigte ein, entnahm dem Tattvopadesa einen Sanskritvers (Nr. 87), der eine ähnliche Idee ausdrückt, und übertrug ihn in eine Tamil-venba.

Tattvopadesa ist ein Adi Shankaracharya zugeschriebenes philosophisches Werk. Die tamilische Strophenform Venba besteht aus drei Versen mit je vier Hebungen und einem Vers mit drei Hebungen.

Als er mit seiner Übertragung zufrieden war, konnte ich ihn auch dazu bewegen, die erste Reinschrift in meinem Tagebuch vorzunehmen. Die unten wiedergegebenen Verse wurden schließlich als 39. Strophe von Ulladu Narpadu Anubandhanam veröffentlicht.

Mein Sohn, sei stets der Nicht-Zweiheit (Advaita) im Herzen gewahr, aber praktiziere sie nicht mit deinem Handeln. Nicht-Zweiheit ist für die drei Welten geeignet, nicht aber für den Umgang mit dem Guru.

Die 29. Strophe dieses Werks entstand ebenfalls auf meine Bitte. Eines Tages fragte ich Bhagavan: „Wenn man Jnana erlangt, an welchen Zeichen erkennt man dann, daß das spirituelle Ziel erreicht ist?” Bhagavan schrieb zur Antwort folgende Verse:

Wisse, daß Glanz und Kraft des Intellekts von selbst wachsen, wenn man die Wahrheit erkannt hat, so wie die Bäume auf der Erde in Schönheit und allen Farben leuchten, sobald der Frühling anbricht.

Diese Verse sind keine Neuschöpfung, sondern eine Übertragung aus dem Yoga Vasishta (5. Buch, 76. 20) ins Tamil.

Als ich einige Jahre später einmal gerade auf dem Weg zu Bhagavan war, rief mir Mauni Srinivasa Rao zu: „Ein paar Exemplare des Bhagavad Gita Saram sind gerade von der Druckerei gekommen.”

Chinnaswami schenkte mir ein Exemplar, das ich in die Halle mitnahm und Bhagavan zeigte. Beim Durchblättern des Bändchens stellte er fest, daß die abschließenden Verse versehentlich weggelassen worden waren. Er schrieb sie an die richtige Stelle und gab mir das Büchlein zurück. Als ich in der Halle saß und die Verse las, bemerkte Venamma, Echammals Schwester, daß Bhagavan den fehlenden Schluß in mein Büchlein geschrieben hatte. Sie besorgte sich ebenfalls ein Exemplar, ging damit zu Bhagavan und bat ihn, die fehlenden Verse auch darin zu ergänzen.

Bhagavan setzte eine strenge Miene auf und tat so, als sei er über mich verärgert.

„Ich saß still wie Shiva”, sagte er. „Warum hast du mich gedrängt, etwas für dich zu schreiben? Es ist deine Schuld. Wenn ich dieser Frau etwas in ihr Exemplar schreibe, werden alle anderen Frauen in der Halle verlangen, daß ich für sie das gleiche tue. Und alles nur, weil ich dir unbedingt diese Verse aufzeichnen sollte”

Bhagavans Darstellung, wie ich ihn gezwungen hätte, in mein Büchlein zu schreiben, stand in so krassem Gegensatz zu den Tatsachen, daß ich wußte: er spielte den Ärger nur, um nicht Hunderte von unvollständigen Exemplaren eigenhändig vervollständigen zu müssen. Sein Ausbruch hatte die gewünschte Wirkung: Die anderen Devotees in der Halle wagten nicht, mit ihren Büchern zu ihm zu kommen.

Vom Arunachala

Bhagavan nannte den Arunachala manchmal „Medizinberg”. Er sagte oft: „Für alle Beschwerden von Körper und Gemüt ist Giri Pradakshina eine gute Medizin.”

Um die Leute auf den Geschmack an dieser Medizin zu bringen, empfahl er oft den Sadhus, die ihre meiste Zeit mit Meditation verbrachten, eine tägliche Pradakshina (Umrundung des Arunachala). Er sagte ihnen, dies sei ein gutes Mittel, das Gemüt in einem ruhigen, harmonischen Zustand (Sattva Guna) zu halten.

Einmal erläuterte Bhagavan die überragende Bedeutung des Arunachala, indem er ihn mit einem berühmten Berg im Ramayana verglich:

„Als Rama und Lakshmana mit ihrem Heer in Lanka eindrangen, schoß Indrajit, der Sohn Ravanas, einen, sehr mächtigen Pfeil auf sie ab. Der Pfeil ließ sogar Rama und Lakshmana ohnmächtig hinsinken. Außer Hanuman verlor die ganze Streitmacht das Bewußtsein. Hanuman eilte nach Indien zurück und kam mit einem ganzen Berg wieder, auf dem das Heilkraut Sanjivini wuchs. Sobald die Luft, die mit diesem Kraut in Berührung gekommen war, Rama, Lakshmana und ihr Heer umwehte, wachten sie alle geheilt auf. Dieser Berg Arunachala ist noch mächtiger als jener Berg”, schloß Bhagavan seine Erzählung.

Wenn Bhagavan von Devotees über die Bedeutung des Arunachala befragt wurde, schwieg er gewöhnlich. Dieses Schweigen (Mauna) war seine Antwort auf die Fragen. Manchmal war er auch zu sprechen geneigt. Im März 1938 beantwortete er die Frage eines Besuchers mit einer kurzen Zusammenfassung dessen, was die heiligen Schriften über den Arunachala erzählen:

„Es gibt viele verschiedene Darstellungen von der Bedeutung dieses Berges. In den Puranas (mythologische Erzählungen) heißt es, das Innere des Arunachala sei eine Höhle. Es wird auch berichtet, daß darin viele Siddhas (vollendete Yogis) und Asketen leben. Guru Namashivaya hat die Erhabenheit dieses Berges besungen. In einem seiner Lieder sagt er, der Berg rufe diejenigen zu sich, die nach besten Kräften Jnana-Tapas übten. Als Ambal, Shivas Gefährtin, am Annamalai (ein Tamilname für den Arunachala) Tapas vollzog, kam der büffelköpfige Dämon Mahishasura zu ihr und sprach:

„Warum heiratest du mich nicht? Welches Glück hast du in deinem Tapas gefunden?”

Ambal wies sein Begehren ab, woraufhin er gewalttätig wurde. Sofort nahm Ambal ihre schreckenerregende Gestalt als Durga an; um das zu bewirken, genügte ihr bloßer Wunsch. Diese Verwandlung versetzte Mahishasura in solche Furcht, daß er lieber heimkehrte, um erst seine Streitmacht zu mobilisieren, bevor er sich auf einen Kampf einließ. Ambal, die seine Absichten durchschaute, sandte ihm durch Saruga Muni den Hitopadesa.

Der Hitopadesa (guter Rat) ist eine kleine Abhandlung, die Ratschläge für Mahishasura enthält.

Da der Hitopadesa nur in Sanskrit vorlag, bat ich Bhagavan, ihn ins Tamil zu übersetzen. Bhagavan war so gütig, als Teilübertragung folgende Verse zu verfassen:

Diese heilige Stätte (der Arunachala) ist auf ewig Wohnsitz rechtschaffener Menschen und Verehrer Gottes. Bösewichter, die anderen Übles antun wollen, werden hier untergehen. Zahllose Krankheiten werden sie heimsuchen, und die Macht der Niederträchtigen wird von einem Augenblick zum anderen spurlos verschwunden sein. Falle daher nicht in das grimmige Feuer des Zorns von Arunachala, dessen Gestalt ein Berg aus Feuer ist

Bhagavan beschloß seine Ausführungen mit den Worten: „Wer kennt schon wirklich die Erhabenheit des Arunachala?”

Im Laufe der Jahre übertrug Bhagavan sieben Verse aus dem Shri Arunachala Mahatmyam (Die Majestät des Arunachala), dem Sanskritwerk, das als Hauptquelle von Legenden über den Arunachala dient. Alle sieben sind abgedruckt in den Five Hymns to Arunachala, S. 18f.

Wenige Monate später sprach Bhagavan wieder über die Bedeutung des Arunachala: „Dieser Berg wurde nicht zu einer bestimmten Zeit erschaffen und wird nicht zu einem anderen Zeitpunkt zerstört werden. Er ist ein Swayambhu (spontan manifestierter) Lingam. Das Wort Lingam besteht aus den Komponenten ling (Vereinigung) und gam (das Formgebende). Das Wort hat noch viele weitere Bedeutungen, z. B. Gott, Atman, Gestalt, Shiva.”

Swayambhu Lingams manifestieren sich spontan aufgrund göttlichen Eingreifens. Sie sind weder von Menschen erschaffen noch durch natürliche geologische Umbildungen entstanden. (???)

„Dieser Berg befindet sich nicht wirklich auf der Erde. Alle Himmelskörper sind mit ihm verbunden. Dieser Lingam ist das, woraus alles entsteht und in dem alles vergeht.”

Nach diesen Geschichten über den Arunachala kommentierte Bhagavan Begebenheiten, von denen die Puranas berichten. Unter anderem erzählte er: „In den Puranas heißt es, daß Gott den Staub von den Füßen seiner Verehrer in einem Kästchen sammelt. Dann hüllt er dieses in ein seidenes Tuch und ehrt den Staub, wie es heißt, mit einer Puja. Dies tut er, um zu zeigen, daß er der Verehrer seiner Verehrer ist. Er sagt: Ich preise den, der mich in dieser Welt preist.”

Lakshmana Sharma

In den späten zwanziger Jahren fragte Bhagavan Lakshmana Sharma, einen seiner gelehrten Devotees, ob er das Ulladu Narpadu studiert habe. Lakshmana Sharma antwortete: „Nein, Bhagavan, Tamil ist zu schwierig für mich.”

Ulladu Narpadu ist ein von Bhagavan verfaßtes Lehrgedicht in Tamil, in dem er das Wesen der Wirklichkeit und die Wege, es zu erkennen, in 42 Versen behandelt.

Lakshmana Sharma war, obwohl selbst Tamile, nicht mit allen grammatischen Regeln des literarischen Tamil vertraut. Das umgangssprachliche und das literarische Tamil haben verschiedenartige grammatische Strukturen. Die Unterschiede sind so ausgeprägt, daß selbst gebildete Tamilen literarische Texte nur schwer verstehen können, sofern sie nicht die Regeln der klassischen Literatursprache studiert haben.

Doch Bhagavan fand, daß Lakshmana Sharma sich mit diesem Werk vertraut machen sollte, und bot sich an, es ihm Zeile für Zeile zu erklären. In den folgenden Wochen hatte Lakshmana Sharma das seltene Privileg, täglich Privatunterricht von Bhagavan zu bekommen. Er machte sich Notizen, während Bhagavan die Bedeutung jedes einzelnen Verses erläuterte, und schrieb später aufgrund dieser Aufzeichnungen einen Kommentar zu Ulladu Narpadu in Tamil.

Um sicherzustellen, daß er die Bedeutung richtig verstanden hatte, übertrug Lakshmana Sharma das ganze Werk ins Sanskrit. Bhagavan prüfte diese Übersetzung so gründlich, daß er Lakshmana Sharma manche Verse fünf- oder sechsmal neu schreiben ließ. Diese Sanskritverse und eine englische Übersetzung davon wurden später unter dem Titel Revelation (Offenbarung) veröffentlicht. Lakshmana Sharmas Tamil-Kommentar ist noch erhältlich, aber er wurde nie ins Englische übersetzt.

Dieser Kommentar erschien zunächst abschnittweise in der Wochenzeitung Jana Mittiran. Wenn diese Zeitung im Ashram eintraf, schnitt Bhagavan jedesmal den Kommentar aus und bewahrte ihn bei seinem Sofa auf.

Lakshmana Sharma wollte gern, daß der Ashram seinen Kommentar in Buchform herausbrächte, aber Chinnaswami lehnte das ab, weil es vorher zwischen ihm und Lakshmana Sharma mehrfach Zwistigkeiten wegen anderer Dinge gegeben hatte. Schließlich ließ Lakshmana Sharma das Buch auf eigene Kosten drucken.

Bhagavan mischte sich so gut wie nie in die alltäglichen Geschäfte der Ashramverwaltung ein, aber als er erfuhr, daß Chinnaswami sich geweigert hatte, das Buch zu drucken, machte er eine Ausnahme. Er ging zu Chinnaswamis Büro und schaute ihn durchs Fenster etwa fünfzehn Minuten lang an. Chinnaswami bemerkte ihn nicht, weil er gerade in die Buchführung vertieft war. Schließlich machten ihn Devotees darauf aufmerksam, daß Bhagavan schon lange vor seinem Fenster stand.

Als Chinnaswami schließlich aufstand, um ihn zu grüßen, sagte Bhagavan: „Alle finden, Lakshmana Sharmas Kommentar zu Ulladu Narpadu sei der beste. Niemand hat Ulladu Narpadu so gründlich studiert wie Sharma. Warum druckst du sein Buch nicht?”

Chinnaswami verstand den Wink. Er erklärte sich bereit, das Buch als Publikation des Ashrams herauszugeben, sobald Lakshmana Sharmas private Ausgabe ausverkauft sei. Inzwischen kaufte er fast die ganze Restaurlage auf, klebte den Namen des Shri Ramanasramams über Namen und Adresse des ursprünglichen Herausgebers und verkaufte die Bücher im Buchladen des Ashrams.

Kleine Diebstähle

In den frühen dreißiger Jahren kamen so wenige Leute zum Ashram, daß die alte Halle oft leerstand. Als Bhagavan einmal gerade sein Bad nahm, schlich sich ein Dieb in die leere Halle und stahl Bhagavans Brille. Ein Devotee hatte ihm diese goldgerahmte Brille geschenkt.

Als der Diebstahl entdeckt wurde, rügte Bhagavan seinen Betreuer: „Die Brille wurde gestohlen, weil du die Tür offengelassen hast.”

Von da an wurde die Halle immer abgeschlossen, wenn Bhagavan hinausging, bis dann Mitte der dreißiger Jahre die Besucherzahl stark anwuchs.

Obwohl Bhagavan selbst ganz frei von materiellem Besitzdenken war, oft sagte er, Stock und Wasserkrug seien sein einziger Besitz, ermahnte er uns oft, vor Dieben auf der Hut zu sein. Vor allem riet er, unsere Zimmer zu verschließen, wenn wir uns nicht darin aufhielten. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran, indem er das Hauptportal des Ashrams gegen 21 Uhr eigenhändig schloß. Damals befand sich das Tor nicht an der Straße, sondern bei dem großen Iluppai-Baum. In den dreißiger Jahren hatten die Ashrambewohner eine Zeitlang die Gewohnheit angenommen, abends vor diesem Tor zu sitzen. Gegen 21 Uhr kam Bhagavan und schloß das Tor ab, selbst wenn er uns alle noch draußen sitzen sah. Zuerst verstand ich nicht, warum Bhagavan das tat. Später ging mir auf, daß er uns damit sanft daran erinnerte, daß Tore nachts geschlossen werden mußten.

Bhagavan riet uns zwar zur Vorsicht vor Dieben, aber wenn Diebe im Ashram ertappt wurden, war er meist sehr nachsichtig. Ich erinnere mich an zwei Begebenheiten, bei denen Bhagavan Diebe ungestraft gehen ließ. Das erstemal nahm unser Nachtwächter einen Mann fest, der nachts mit einem großen Netz im Pali Teertham fischte, was damals verboten war. Der Übeltäter erwies sich als unser Nachbar Chinna, dem ein Morgen Land hinter dem Kuhstall des Ashrams gehörte.

Als der Wächter den Mann Bhagavan vorführte und sagte, er wolle ihn zur Polizeiwache bringen, weil er ihn beim Fischen im Wasserreservoir ertappt habe, sagte Bhagavan: „Laß ihn laufen, es ist nur unser Chinna.”

Der andere Diebstahl fand am hellichten Tag statt. Ein Devotee namens Somasundaram Swami stellte einen Mann, der Mangos von einem unserer Bäume stahl. Es kam zu einem kurzen Streit, und schließlich zwang Somasundara Swami den Dieb, mit ihm vor Bhagavan zu treten. Als Bhagavan über den Diebstahl informiert war, wies er Somasundaram Swami an, den Mann freizulassen.

Am nächsten Tag traf ein großes Paket mit Mangos ein. Auf einer der Mangos klebte ein Etikett mit der Aufschrift „Ramana Bhagavan”.

Das Paket enthielt eine Begleitnotiz, in der Bhagavan gebeten wurde, die mit Etikett versehene Mango selbst zu essen. Die anderen Mangos waren für die Devotees im Ashram bestimmt.

Als Bhagavan die Mangos, das Etikett und die Notiz sah, wandte er sich zu Somasundaram Swami und sagte: „Gestern hast du um die Mangos gekämpft, von denen du dachtest, sie gehörten uns. Aber sieh an, unsere Mangos sind in Wirklichkeit an einem anderen Ort gewachsen. Schau”

Ramanatha Brahmachari

Ramanatha Brahmachari kam zu Bhagavan, als dieser noch in der Virupaksha-Höhle lebte. Er bot eine auffallende Erscheinung, weil er sehr klein war, eine dicke Brille trug und seinen Körper immer reichlich mit Vibhuti (heilige Asche) bestrich. Damals ging er um Bhiksha in die Stadt. Er brachte zur Virupaksha-Höhle, was man ihm zum Essen gegeben hatte, bediente Bhagavan damit und aß selbst, was übrigblieb.

Eines Tages, als er Bhagavan gerade das Essen brachte, traf er seinen Vater am Berghang vor dem Tempel des Guhai Namashivaya sitzend, etwa auf halbem Weg zwischen der Stadt und der Virupaksha-Höhle. Sein Vater sagte, er sei sehr hungrig, und bat um ein wenig von dem Essen, das sein Sohn als Bhiksha bekommen hatte.

Ramanatha Brahmachari fand es ungehörig und respektlos, irgend jemandem, selbst seinem Vater, von dem Essen zu geben, solange Bhagavan nicht seinen Anteil bekommen hätte. Daher antwortete er seinem Vater: „Komm mit zu Bhagavan, dort können wir zusammen essen.”

Der Vater war jedoch an Bhagavan uninteressiert und wollte nicht mitkommen. Er bat seinen Sohn noch einmal, ihm etwas zu essen zu geben und dann allein weiterzugehen, aber Ramanatha ließ sich nicht erweichen.

Bhagavan hatte dies alles von der Virupaksha-Höhle aus beobachtet. Als Ramanatha schließlich dort ankam, sagte Bhagavan: „Ich esse nicht, wenn du nicht zuerst deinen Vater bedienst.”

Ramanatha ging wieder zum Tempel des Guhai Namashivaya, aber anstatt Bhagavans Anweisung zu befolgen, forderte er seinen Vater aufs neue auf, mitzukommen und mit Bhagavan in der Virupaksha-Höhle zu essen. Der Vater lehnte dies wiederum ab, und Ramanatha kehrte zur Virupaksha-Höhle zurück, ohne ihm etwas gegeben zu haben.

Bhagavan mahnte ihn abermals, jetzt sehr eindringlich: „Ich esse nur, wenn du deinen Vater zuerst bedienst. Geh und gib ihm zu essen”

Diesmal gehorchte Ramanathan, gab seinem Vater zu essen und kam mit dem Rest zur Virupaksha-Höhle zurück. Ich erwähne diese Begebenheit nur, weil sie zeigt, wie ergeben er Bhagavan war und wie wenig er sich um irgend etwas anderes, selbst um seine Familie, kümmerte.

Ramanatha Brahmachari versorgte Bhagavan mit solcher Liebe und Hingabe, daß Bhagavan sich ihm verpflichtet fühlte. Deshalb sagte er einmal: „Ich furchte mich nur vor zwei Devotees: vor Ramanatha Brahmachari und vor Mudaliar Patti.” Damit war natürlich weniger Furcht als ein Gefühl der Hilflosigkeit gemeint. Wenn ein Devotee seinen Guru glühend liebt, kann der Guru nicht anders, als dem Devotee alles zu gewähren, worum er bittet. Bhagavan war immer ein wenig besorgt, wenn Ramanatha Brahmachari auftauchte, weil er wußte, daß er ihm keine Bitte hätte abschlagen können. Ramakrishna Paramahansa drückte denselben Gedanken einmal folgendermaßen aus: „Wenn du ekstatische Liebe erlangt hast, dann hast du den Strick gefunden, mit dem du Gott binden kannst.”

Einige Jahre, nachdem der Ashram am Fuß des Berges entstanden war, kam es zu einem Zerwürfnis zwischen Chinnaswami und Ramanatha Brahmachari. Ich weiß nicht, worum es eigentlich ging, aber das Ergebnis war, daß Ramanatha Brahmachari nicht mehr im Ashram wohnen und essen durfte. Neelakantha Shastri, ein Rechtsanwalt in Tiruvannamalai, kam ihm zur Hilfe, indem er sich erbot, ihn zu beköstigen.

Er sagte zu Ramanatha Brahmachari: „Sorge dich nicht um dein Essen Du kannst von nun an jeden Tag zu mir kommen. Ich habe Bilder von Bhagavan und Vinayaka (Name für Ganesha). Wenn du vor diesen beiden Bildern täglich eine Puja ausführst, bekommst du Frühstück und Mittagessen. Was vom Mittagessen übrigbleibt, kannst du für dein Abendessen mitnehmen.”

Nach seiner Verbannung aus dem Ashram baute sich Ramanatha Brahmachari eine winzige Hütte in Palakottu. Er hatte sich schon, als Bhagavan noch auf dem Arunachala lebte, zu einigen Idealen Gandhis hingezogen gefühlt. Außer dem Spinnen von Baumwollgarn, damals einem Muß für alle Anhänger Gandhis, sprach ihn die Idee des Dienens sehr an. Als er sich in Palakottu niedergelassen hatte, wählte er sich als Seva (Dienst), die Hütten aller dort lebenden Sadhus zu reinigen und für sie ihre Einkäufe in der Stadt zu erledigen. Bevor er in die Stadt ging, fragte er die Bewohner von Palakottu, ob sie etwas brauchten. Er kam stets mit allem zurück, worum sie gebeten hatten. Deshalb gab ihm Kunjuswami den Spitznamen Palakottu Sarvadhikari (Hauptgeschäftsführer von Palakottu).

Ramanatha Brahmachari war zu jedem Dienst für die Sadhus von Palakottu bereit. Einige nützten das aus, indem sie ihm unangenehme oder unnötige Aufträge gaben, aber er klagte nie. Er führte alles mit Demut und Freude aus; er diente Bhagavan mit großer Liebe und Hingabe und wurde so zum leuchtenden Beispiel dafür, wie ein guter Devotee sein soll.

Verschiedene Sadhanas

Einmal erzählte man mir, wie einige Dorfbewohner Bhagavan um spirituelle Unterweisung baten. Sie fragten ihn nach dem direkten Weg zur Befreiung. Bhagavan erklärte ihnen, wie er es immer tat, Selbsterforschung sei die wirksamste spirituelle Methode. Ein Schüler von Ganapati Muni, der in der Halle dabei war, ging anschließend zu seinem Meister und erzählte ihm davon.

Ganapati Muni muß daraufhin wohl gesagt haben: „Wie können solche einfachen Leute Selbsterforschung verstehen und praktizieren? Wären sie zu mir gekommen, hätte ich ihnen Nama-Japa (Wiederholung eines göttlichen Namens) empfohlen.”

Als Bhagavan von dieser Bemerkung erfuhr, sagte er: „Wenn man mich über Meditation befragt, gebe ich immer den besten Rat: ich empfehle Selbsterforschung. Wenn ich auf eine andere Methode verwiese, würde ich die Fragesteller schlechter beraten. Soll er den Leuten ruhig Japa geben, wenn er mag. Ich werde weiterhin den besten Rat erteilen und jedem Selbsterforschung empfehlen.”

Bhagavan war es ernst mit dieser Feststellung: Er riet den meisten Besuchern, den Weg der Selbsterforschung zu beschreiten, aber in einigen wenigen Fällen empfahl er auch andere Methoden. Einmal gab er einem Harijan-Devotee ein Mantra zur Wiederholung, und gelegentlich forderte er Besucher auf, manche oder alle seiner Gedichte über den Arunachala zu wiederholen.

Als eine Gruppe von Bauern, denen er soeben seine fünf Gedichte über den Arunachala (Arunachala Stuti Panchakam) zu rezitieren aufgetragen hatte, die Halle verließ, fragte ein Devotee: „Wie können so ungebildete Leute das gewählte Tamil in diesen Gedichten verstehen?”

„Sie brauchen die Bedeutung nicht zu verstehen”, erwiderte Bhagavan, „schon das bloße Wiederholen der Verse hat eine segensreiche Wirkung.”

Mir fällt noch ein ähnliches Beispiel ein: Immer wenn Echammals Enkelin Bhagavan besuchte, ließ er sie das Upadesa Undiyar (ein philosophisches Werk Bhagavans in Tamilversen) vorlesen. Wenn sie Fehler machte, korrigierte Bhagavan ihre Aussprache.

Sie schien ein recht weltlich gesinntes Mädchen zu sein; deshalb fragte ich Bhagavan einmal: „Dieses Mädchen macht nicht den Eindruck, als hätte sie großes Verlangen nach Jnana. Warum läßt du sie jedesmal, wenn sie kommt, das Upadesa Undiyar wiederholen?”

Bhagavan erklärte: „Kommen in Zukunft einmal Probleme auf sie zu, wird es ihr helfen, wenn sie sich an diese Verse erinnert.”

Dieses Mädchen ist heute eine alte Frau. Nach vielen Jahren habe ich sie vor ein paar Monaten wiedergetroffen. Ich erinnerte sie an ihre Unterrichtsstunden bei Bhagavan.

Sie erzählte mir: „Diese Verse sind mir mein Leben lang im Gedächtnis geblieben, aber erst seit kurzem beginne ich, durch Bhagavans Gnade ihre Bedeutung zu erfassen.”

Sich ändern statt kritisieren

Bhagavan lehrte, es sei besser, sich selbst zu ändern, als Fehler bei anderen zu suchen. Praktisch bedeutet das, daß wir die Quelle unseres eigenen Denkens suchen sollten, anstatt das Denken und Handeln anderer zu kritisieren. Ich erinnere mich an eine typische Antwort Bhagavans zu diesem Thema.

Ein Devotee, der mit Bhagavan auf recht vertrautem Fuß stand, fragte ihn: „Manche Devotees, die bei Bhagavan leben, benehmen sich sehr merkwürdig. Sie tun mancherlei, womit Bhagavan nicht einverstanden ist. Warum weist Bhagavan sie nicht zurecht?”

Bhagavan entgegnete: „Sich selbst zu bessern bedeutet, die ganze Welt zu bessern. Die Sonne strahlt einfach nur. Sie kritisiert niemanden. Weil sie scheint, ist die Welt voller Licht. Indem man sich selbst wandelt, bringt man Licht in die ganze Welt.”

Als ich einmal in der Halle saß, beklagte sich jemand bei Bhagavan über einen ebenfalls dort sitzenden Devotee: „Er meditiert nicht, er schläft nur.”

„Woher weißt du das?” erwiderte Bhagavan. „Nur weil du selbst deine Meditation unterbrochen hast, um ihn anzusehen. Achte zuerst auf dich selbst und kümmere dich nicht darum, was andere tun”

Manchmal sagte Bhagavan: „Einige Leute, die hierherkommen, haben zwei Ziele: Sie wollen, daß Bhagavan vollkommen ist und daß der Ashram vollkommen ist. Um dies zu erreichen, bringen sie Klagen und Ratschläge aller Art vor. Sie kommen nicht hierher, um sich selbst zu ändern, sondern nur um andere zu bessern. Diese Leute haben anscheinend vergessen, warum sie ursprünglich zu Bhagavan gekommen sind. Wenn sie ein einziges Namaskaram vor uns ausführen, meinen sie schon, sie seien Könige im Ashram. Solche Leute denken, wir müßten uns wie ihre Sklaven benehmen und nur das tun, was sie für richtig halten.”

Arunachala Mudaliar

In der Avarangattu-Straße in Tiruvannamalai gab es um die Jahrhundertwende eine Shiva-Bhajan-Gruppe. Ihr Leiter, Arunachala Mudaliar, besuchte Bhagavan oft in der Virupaksha-Höhle. Viele Jahre später, in den dreißiger Jahren, kam er wieder einmal zu Bhagavan. Er grüßte mit Namaskaram und schaute Bhagavan dann eine Zeitlang prüfend an.

Schließlich sagte er: „Bhagavan, als du auf dem Berg lebtest, leuchtetest du wie die Sonne, aber das ist jetzt vorbei. Jetzt ist dein Bruder hier, diese Kühe sind hier, diese Möbel sind hier. Das hat dich verdorben.”

Bhagavan stimmte bereitwillig zu; er nickte und sagte: „Ja, ja.”

Arunachala Mudaliar sah sehr zufrieden aus, als Bhagavan ihm bestätigte, daß er seine geistige Kraft eingebüßt habe. Er verbeugte sich wieder und ging dann, um sich mit Chinnaswami zu unterhalten.

Als er die Halle verlassen hatte, fragte ich Bhagavan: „Warum hast du diesem Mann recht gegeben, als er sagte, du seiest verdorben?”

Bhagavan antwortete lachend: „Weil es stimmt. Mein „Ich” ist für immer verdorben.”

Ich war zunächst einigermaßen schockiert, daß Bhagavan dem Mann zugestimmt hatte; als ich diese Erklärung hörte, fühlte ich mich sehr erleichtert, denn ich erinnerte mich an einen Vers von Manikkavachagar (Tamilheiliger aus dem 9. Jahrhundert): „Mein Ich verdarb, mein Leib verdarb, mein Jiva (Leben) verdarb, mein Gemüt verdarb.”

Bhagavans „Ich” war schon längst verdorben, bevor er zur Virupaksha-Höhle kam. Er drückte sich nur so aus, weil dieser Mann nicht begriff, daß ein Jnani unmöglich wieder in die Verstrickungen der Welt (Samsara) geraten kann.

Etwas Ähnliches war schon einmal geschehen, als Bhagavan noch auf dem Berg lebte. Arunachala Mudaliar hatte ausführlich eine Philosophie dargelegt, die überhaupt nichts mit der Bhagavans zu tun hatte. Bhagavan nickte während dieses Vortrags etliche Male, um Arunachala Mudaliar den Eindruck zu geben, er stimme ihm zu.

Nachdem Arunachala Mudaliar gegangen war, fragte dessen Sohn Bhagavan: „Warum hast du vorgegeben, mit ihm einer Meinung zu sein? Du weißt doch, daß er im Irrtum ist.”

Bhagavan antwortete: „Die Wahrheit kann mit Worten nicht genau vermittelt werden, deshalb ist es sinnlos, der einen Meinung über die Wahrheit eine andere entgegenzustellen. Ich weiß, daß du seinen Ideen nicht zustimmst, aber du brauchst mit ihm nicht zu streiten. Er ist dein Vater. Es schadet nicht, wenn du ihm nachgibst und ihm in allem beipflichtest, wenn er wieder so redet.”

Etwa 1908 faßte Bhagavan ein umfangreiches Tamil-Werk mit dem Titel Vichara Sagaram (Ozean der spirituellen Forschung) auf wenige Seiten zusammen. Er nannte diese gekürzte Fassung Vichara Sagara Sara Sangraham. Arunachala Mudaliar fragte Bhagavan, ob er den Text unter seinem Namen veröffentlichen dürfe. Bhagavan war so wenig an der eigenen Autorschaft interessiert, daß er es ihm erlaubte. Das Bändchen erschien 1909 als zweites Werk Bhagavans im Druck. Das erste, seine Übersetzung des Vivekachudamani, war 1908 veröffentlicht worden. Viele Jahre später, als Munagala Venkataramiah an der ersten englischen Übersetzung des Vichara Sagara Sara Sangraham arbeitete, bestätigte Bhagavan, daß er das Werk verfaßt habe (siehe The Mountain Path 1984, S. 93). Nachdem Bhagavans Urheberschaft feststand, wurde der Titel in Vichara Mani Malai abgeändert.

Eine unvollkommene Welt

Bhagavan erzählte mir einmal die Legende vom Streit zwischen Brahma und Subramania.

Subramania betrachtete eines Tages die von Brahma erschaffene Welt und sah, daß alle Menschen in ihr von Gefühlen wie Neid, Zorn und Gier beherrscht wurden. Je länger er schaute, desto deutlicher sah er, daß die Menschen fast ständig unglücklich waren und daß sie oft miteinander stritten und kämpften. Da warf er Brahma vor, seine Schöpfung sei sehr mangelhaft.

„Du hättest eine Welt erschaffen sollen, in der Vollkommenheit herrscht und nicht Unvollkommenheit”, sagte er. „Warum hast du die Welt mit solchen Bösewichtern bevölkert?”

Brahma war nicht bereit, irgendwelche Fehler einzugestehen, und so entbrannte ein hitziger Disput zwischen den beiden Göttern. Zuletzt überwältigte Subramania Brahma, setzte ihn gefangen und löschte seine ganze Schöpfung aus. Um zu beweisen, daß er recht hatte, beschloß Subramania sodann, eine neue Welt zu erschaffen, die in jeder Hinsicht vollkommen sein sollte. Er begann mit seiner Schöpfung, stellte aber sehr bald fest, daß es unmöglich war, Leben oder Bewegung in diese Welt zu bringen. Selbst Sonne und Mond, die er geschaffen hatte, weigerten sich, ihre Bahn zu ziehen. Weil die Welt ausschließlich von Jnanis bewohnt wurde, herrschte allenthalben vollkommene Stille.

Einige Zeit später kam Shiva vorbei und fragte: „Warum hast du Brahma eingesperrt?”

Subramania antwortete: „Dieser Mann hat großes Unheil angerichtet. Ständig schuf er Leute, die miteinander stritten und Unruhe stifteten. Schau meine Schöpfung an”

Shiva betrachtete die Welt aufmerksam und bemerkte dann: „Es bewegt sich nichts in dieser Welt, keine Sonne, kein Mond. Du hast eine Welt der Leere (Shunya) erschaffen.”

Subramania musterte seine Schöpfung noch einmal und mußte zugeben, daß Shiva recht hatte. Er ließ Brahma frei und gestattete ihm, wieder eine unvollkommene Welt zu erschaffen.

Bhagavan sagte oft, eine perfekte Welt könne es nicht geben, weil die Welt immer eine Schöpfung des unvollkommenen Gemüts sei. Mit einem unvollkommenen Werkzeug könne kein vollkommenes Werkstück geschaffen werden.

Er sagte auch häufig: „Solange das Gemüt besteht, gibt es gut und böse; für Jnanis jedoch, die kein Gemüt mehr besitzen, gibt es weder gut noch böse und somit auch keine Welt.”

Es gibt eine weitere erzählenswerte Legende über die Schöpfungstätigkeit: Der im 6. Jahrhundert lebende shivaitische Heilige Jnana-Sambandhar kam auf seinen Wanderungen durch Südindien an einen Tempel, den er nie zuvor besucht hatte.

Bevor er ihn betrat, träumte er von Shiva, der zu ihm sagte: „Du wirst eine Sänfte aus Perlen erhalten.”

Am selben Tag erschien Shiva auch einem Treuhänder des Tempels im Traum und sagte: „In deinem Geräteraum steht eine Sänfte aus Perlen. Gib sie Jnanasambandhar zu seinem Gebrauch.”

Der Treuhänder ging in den Vorratsraum, fand die Sänfte und gab sie dem Heiligen. Die Sänfte gehörte nicht zum Schatz des Tempels. Sie hatte sich dort an dem Tag, als Shiva dem Treuhänder im Traum erschienen war, auf geheimnisvolle Weise manifestiert.

Wir saßen in der Halle beisammen, als Bhagavan uns diese Geschichte erzählte. Danach fragte ich ihn: „Wie kam die Sänfte aus dem Nichts in den Vorratsraum?”

Bhagavan antwortete: „Gott hat die Macht, in einem Augenblick das ganze Weltall zu erschaffen. Ist es für solch ein Wesen schwierig, eine kleine Sänfte entstehen zu lassen?”

Samadhi und Parayana

Manchmal trat Bhagavan in tranceartige Samadhi-Zustände ein, während er dem Parayana (tägliche Rezitation aus den Heiligen Schriften in Tamil) zuhörte. Ich erfuhr, daß dies im Skandashram und in den frühen zwanziger Jahren im Shri Ramanasramam häufig vorgekommen sei, aber zu meiner Zeit im Ashram geschah es nur noch selten.

Als ich es zum erstenmal sah, wurde der Ashram noch von Dandapani Swami geleitet. Bhagavan war während des abendlichen Parayana in Samadhi gegangen und kam auch nicht aus seiner Versenkung, als die Glocke zum Abendessen ertönte. Dandapani versuchte Bhagavan zu Bewußtsein zu bringen, indem er ihm mehrmals mit einem Muschelhorn ins Ohr blies, während ein anderer Devotee Bhagavans Beine schüttelte. Das alles hatte nicht die geringste Wirkung. Bhagavan kam etwa fünf Minuten später ohne irgendwelche Hilfe zu seinem normalen Bewußtsein zurück.

Diese Zustände hatten mich neugierig gemacht, und so fragte ich Bhagavan einmal: „Was ist Samadhi?”

Er zeigte mir zur Antwort den 25. Vers in Kapitel 43 der Ribhu Gita, in dem Nidaga seinem Guru Ribhu schildert, wie er Samadhi erlangte.

Das Ich ist auf ewig Brahman, und das Brahman ist wahrhaft das Ich. Diese durch stetige Erfahrung erlangte Gewißheit ist als unerschütterlicher Samadhi bekannt. Im Samadhi ohne Gedanken und Unterscheidungen (Nirvikalpa) verweilend, ist man befreit von jeder scheinbaren Zweiheit. Mein Meister, durch diese beiden Formen des Samadhi habe ich die Glückseligkeit des Jivanmukta (Befreiung während des Erdenlebens) erlangt und bin zum makellosen Höchsten geworden.

Bhagavan hat das Wesen des Nirvikalpa Samadhi einmal folgendermaßen definiert: „Das bloße Nicht-Wahrnehmen der Vielfalt (Vikalpa) im Äußeren macht noch nicht das Wesen des beständigen Nirvikalpa aus. Wisse, daß allein das Nichtentstehen von Unterscheidungen im erstorbenen Gemüt wahrer Nirvikalpa ist.” Guru Vachaka Kovai, Vers 893, zitiert in Be As You Are, 5. 161.

Bei bestimmten Anlässen trat Bhagavan manchmal in Samadhi ein. Einmal flocht ich gerade Blumenkränze im Tempel der Mutter, als Bhagavan hereinkam und sich neben mich setzte. Wir wechselten ein paar Worte, dann ging Bhagavan mit offenen Augen in einen tiefen Samadhi und blieb eine halbe Stunde lang bewegungslos sitzen. Er ähnelte so vollkommen einer Statue, daß sogar sein Atem zum Stillstand kam. Kein Blinzeln oder Wimpernzucken, keine Spur von Atmung waren zu erkennen, was ich prüfte, indem ich meine Hand vor sein Gesicht hielt, und sein Körper zeigte keinerlei Regung.

In den normalen Zustand zurückgekehrt, lachte er und tat, als sei nichts geschehen.

Zwar waren solche tiefen Samadhis selten, doch Bhagavan schien immer in einer Art Samadhi-Zustand zu sein, wenn das Parayana rezitiert wurde. Er saß dann still wie eine Statue, seine Augen blickten ins Leere, und oft erwähnte er nachher, daß er die Rezitation kaum wahrgenommen habe.

Eine komische Begebenheit fällt mir dazu ein, die sich eines frühen Morgens kurz vor dem Parayana zutrug. Seit mehreren Wochen hatte Bhagavan am Abend nur wenig gegessen, deshalb war er oft gegen vier Uhr morgens ein bißchen hungrig. Um seinen Hunger zu stillen, aß Bhagavan Erdnüsse, die er auf seinem kumutti röstete. Wenn die Erdnüsse geröstet waren, bot er seinem Betreuer Krishnaswami und jedem, der gerade in der Halle war, davon an.

An jenem Morgen nahm Bhagavan die Erdnüsse vom Feuer und sagte zu Krishnaswami: „Bevor das Veda-Parayana beginnt, laß uns das Erdnuß-Parayana verrichten.”

Die Sanskritrezitationen des Veda-Parayana finden seit 1935 täglich statt. Davor wurden im Parayana zweimal täglich Tamil-Verse rezitiert.

Außer dem normalen Parayana rezitierten wir auch viel aus der Ribhu Gita. Bhagavan hatte eine so hohe Meinung von diesem Buch, daß er vielen von uns auftrug, es regelmäßig als Teil unseres Sadhana zu lesen. Er sagte sogar, stetiges Lesen dieses Buches führe zum Samadhi. Ich gehörte zu den Devotees, die dieses Buch regelmäßig durchgehen sollten. Das reguläre Parayana fand morgens und abends zu festgesetzter Zeit statt, aber die Lesungen aus der Ribhu Gita folgten keinem festen Rhythmus. Manchmal lasen wir nachmittags gegen 15 Uhr daraus und manchmal abends gegen 20 Uhr.

Nach dem Parayana blieben Bhagavan und die versammelten Devotees oft noch eine halbe Stunde schweigend sitzen. In der Zeit, als ich die Bauarbeiten leitete, kam ich einmal während dieser Schweigeperiode in die Halle und verbeugte mich vor Bhagavan. Bhagavan, der bis dahin mit geschlossenen Augen gesessen hatte, öffnete sie sofort und sprach mit mir über Bauangelegenheiten.

Nach Beendigung unseres Gesprächs sagte ein Devotee zu Bhagavan: „Du hast schweigend dagesessen, aber sobald Annamalai Swami auftauchte, hast du die Augen geöffnet und mit ihm Bauangelegenheiten besprochen.”

Bhagavan beantwortete die unausgesprochene Frage: „Annamalai Swamis Gemüt war ganz von Gedanken an Bauarbeiten erfüllt. Ihr sitzt hier alle in Stille und Frieden. Auch ich war in der Stille. Annamalai Swamis Gedanken aber sind bei seinen Bauten. Als er die Halle betrat, veranlaßten mich diese Gedanken zum Sprechen.”

Die Prostration (Namaskaram)

Es irritierte Bhagavan bisweilen, wenn Devotees ihn in übertriebener Weise oder unaufmerksam und ohne Hingabe mit Namaskaram grüßten. Dafür kann ich etliche Beispiele anführen. Einmal flocht ich gerade Blumenkränze für die Puja der Mutter, als Bhagavan den Tempel betrat und sich im Padmasana (Lotossitz) niederließ.

Als ich ihn mit einer Prostration (Namaskaram) grüßte, tadelte er mich: „Wenn du das tust, werden alle anderen es dir sogleich nachmachen. Warum werft ihr euch alle vor mir nieder? Ich halte mich nicht für bedeutender als euch. Wir sind alle eins.”

Die anderen achteten nicht auf diesen Verweis und fuhren mit ihren Prostrationen fort.

Devotees, die auf dem Boden saßen, standen sofort zum Zeichen ihres Respekts auf, wenn Bhagavan aus der Halle ging. Diese mechanische Geste der Ehrerbietung störte ihn manchmal.

Als es wieder einmal geschah, fragte er die stehenden Devotees: „Warum steht ihr auf? Warum bleibt ihr nicht sitzen? Bin ich ein Tiger oder eine Schlange, daß ihr jedesmal aufspringt, wenn ich mich zeige?”

Ein andermal, als Bhagavan gerade zum Spaziergang am Fuß des Arunachala aufbrach, sah ihn ein Arbeiter des Ashrams. Er ließ seine Arbeit liegen und warf sich in voller Länge vor Bhagavan zu Boden.

Bhagavan belehrte ihn: „Wenn du deine Pflicht ordentlich erfüllst, ist das schon ein großes Namaskaram. Wenn jeder sein Swadharma (ihm übertragene Pflicht) täte, ohne davon abzuirren, wäre es leicht, zum Selbst zu finden.”

Bhagavan erläuterte einmal die dem Namaskaram zugrundeliegende Theorie und erklärte, warum er es nicht mochte, wenn man sich ständig vor ihm niederwarf.

„Ursprünglich haben große Persönlichkeiten den Brauch des Namaskaram als eine Hilfe zur vollen Hingabe von Körper und Gemüt an Gott eingeführt. Dieser ursprüngliche Zweck ist jetzt gänzlich verlorengegangen. Heute denken viele: „Wenn wir Swami einmal mit Namaskaram ehren, können wir ihn dazu bringen, daß er tut, was wir wollen.” Das ist ein großer Irrtum, denn Swami läßt sich nie täuschen. Die selbstsüchtigen Leute, die aus falschen Motiven Namaskaram ausführen, betrügen sich nur selbst. Ich sehe es nicht gern, wenn man kommt und sich vor mir niederwirft. Wozu ist der Namaskaram gut? Darauf zu achten, daß man auf dem rechten spirituellen Weg bleibt, das ist der beste Namaskaram.”

Es schien Bhagavan jedoch nicht zu mißfallen, wenn wir Namaskaram mit Liebe ausführten. Er protestierte nur dann, wenn er fand, daß wir die Prostration nicht aus Hingabe, sondern mechanisch verrichteten.

Ich erinnere mich an eine Begebenheit, die das gut zum Ausdruck bringt. Eines Tages ging ich mit Bhagavan nach dem Mittagessen in Palakottu spazieren. Bhagavan verschwand hinter einem Busch, um sich zu erleichtern, damals gab es keine richtigen Toiletten im Ashram. Während ich auf ihn wartete, sah ich einen Armeekonvoi in Richtung Bangalore fahren. Ein Soldat, offenbar ein Devotee, hielt sein Fahrzeug an, stieg aus und rannte zum Ashram. Er schien in großer Eile zu sein, weil er den Anschluß an den Konvoi nicht verlieren durfte. Später erzählten mir die Devotees, daß er in den Ashram eilte und sofort nach Bhagavan fragte. Er erfuhr, daß Bhagavan nach Palakottu gegangen sei, lief daraufhin weiter und erreichte uns wenig später. Als er ausrief: „Wo ist Bhagavan? Wo ist Bhagavan?” stand Bhagavan auf und kam hinter dem Busch hervor.

Es war zu Mittag in der heißesten Jahreszeit. Sand und Steine waren so heiß, daß man sie kaum berühren konnte — trotzdem warf sich der Soldat in voller Länge Bhagavan zu Füßen.

Im nächsten Moment rief er Bhagavan zu: „Mein Karma ist sehr schwierig. Ich kann nur ein paar Sekunden bleiben. Segnet mich bitte.”

Bhagavan schaute ihn mitfühlend an und „segnete” ihn mit einem liebevollen Lächeln. Sekunden später sprang der Soldat auf und eilte zu seinem Fahrzeug zurück.

Auf unserem Rückweg zum Ashram lobte Bhagavan die Handlungsweise des Soldaten: „Trotz seines schweren Karmas hatte er den starken Impuls, zu mir zu kommen. Sein Handeln beweist, daß er einen hohen Grad von Hingabe erreicht hat.”

Wenn Bhagavan in Palakottu oder auf dem Arunachala spazierenging, begleitete ihn immer nur sein Betreuer. Dieser hatte Anweisung zu verhindern, daß andere Leute sich Bhagavan näherten oder ihm Fragen stellten. Devotees, die ihre Probleme nicht öffentlich in der Halle behandelt haben wollten, fingen Bhagavan bisweilen ab und besprachen sie mit ihm auf dem Spaziergang; aber dieses Privileg genossen nur wenige vertraute Schüler. Hätte ich mich strikt an die Regeln gehalten, dann hätte ich den Soldaten von Bhagavan fernhalten müssen.

Ich erinnere mich an eine weitere Begebenheit, bei der Bhagavan die Prostration gutzuheißen schien. Bhagavan saß vor der Halle auf einem Sofa, viele Devotees kamen, führten Namaskaram aus und gingen wieder. Ein christlicher Priester betrat den Ashram, aber weder näherte er sich Bhagavan, noch machte er Anstalten zu einem Namaskaram. Er blieb einfach in einiger Entfernung stehen und beobachtete Bhagavan etwa eine Dreiviertelstunde lang mit sichtlicher Aufmerksamkeit. Schließlich ging er wie ein gefällter Baum zu Boden; er warf sich der Länge nach hin und verließ dann den Ashram. Offenbar hatte er eine Erfahrung gemacht, die ihn von Bhagavans Größe überzeugte, aber was es war, erfuhren wir nie, denn er verließ den Ashram ohne ein Wort.

Nachdem er gegangen war, lächelte Bhagavan und bemerkte: „Ohne Namaskaram hielt er es nicht länger aus.”

Ein Devotee fragte Bhagavan einmal, ob er Namaskaram ausführen und seine Füße berühren dürfe.

Bhagavan antwortete: „Die wirklichen Füße Bhagavans befinden sich im Herzen des Devotees. Sich an diese Füße zu halten ist wahrhaftes Glück. Wenn du dich an meine leiblichen Füße hältst, wirst du enttäuscht, weil sie eines Tages nicht mehr da sein werden. Doch wenn du die Füße des Gurus im eigenen Herzen verehrst, ist das die höchste Form der Verehrung.”

Bauarbeiten II     Top

Die ganzen dreißiger Jahre hindurch bis 1938 war ich fast ständig mit Bauarbeiten beschäftigt. Meine größte Aufgabe in dieser Zeit: die Bauleitung für die neue Küche und den Speisesaal. Dreißig bis vierzig Leute arbeiteten Tag für Tag an einem Gebäude von etwa 23 mal 23 Meter Grundfläche. Zum Glück interessierte sich Bhagavan sehr für die Bauarbeiten und leitete mich in jeder Arbeitsphase an. Bei meiner allabendlichen Berichterstattung sagte er mir, was am nächsten Tag erledigt werden müsse, und wenn komplizierte Arbeiten anstanden, erklärte er, wie sie auszuführen seien.

Eine meiner ersten Aufgaben war, meine eigene Hütte abzubauen. Auf dem Baugrund für die neue Küche standen ca. zehn Hütten aus Kokospalmzweigen, darunter meine eigene. Sie alle mußten in ihre Bestandteile zerlegt und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Etwa zur selben Zeit wurde ein mit Ziegeln gedeckter Raum vorne an den Vorratsraum angebaut. In dieses Zimmer zog ich ein und wohnte viele Jahre lang darin.

Eines Tages, als die Arbeiten am Speisesaal in vollem Gange waren, erhob sich ein schwerer Sturm, der mich daran hinderte, mit Bhagavan die Pläne für den nächsten Tag zu erörtern. Damals besprach ich die Bauangelegenheiten mit Bhagavan immer, wenn er nach dem Abendessen den Speiseraum verließ. An jenem Abend war er wegen des Regens sofort in die Halle gegangen, ohne mit mir zu reden. Danach hatte ich keine Gelegenheit mehr, mit ihm zu sprechen, weil Bhagavan seine Pläne zu jener Zeit nicht gern in Gegenwart anderer diskutierte.

Am nächsten Morgen ging ich vor Beginn der Arbeit zu Bhagavan und fragte ihn: „Was ist für heute geplant?”

Bhagavan erwiderte: „Swami ist in dir. Geh und tu deine Arbeit”

Das versetzte mir einen richtigen Schock, denn ich war gewöhnt, mich ganz auf Bhagavans Anweisungen zu verlassen. Bhagavan hatte mir sozusagen ein Kompliment gemacht: Seine Weigerung, mir Anweisungen zu geben, zeigte, daß er nun überzeugt war, ich hätte genug gelernt, um die Bauarbeiten selbständig zu leiten. Bevor ich zur Baustelle ging und meine Anordnungen gab, betete ich still zu Bhagavan, er möge mich bei der Arbeit leiten. Gegen 9 Uhr kam Bhagavan aus der Halle, um nachzusehen, was ich tat. Nach der Inspektion erkannte er mit einem Lächeln und dem Wort „Beish” meine Leistung an.

Zwei kleine Begebenheiten im Zusammenhang mit dem Bau des Speisesaals sind erzählenswert. Die erste zeigt beispielhaft, wie unangenehm es Bhagavan war, wenn Devotees ihm übertriebene Höflichkeit erwiesen. Ich stand draußen in der Sonne und überwachte das Abladen von Kalk. Ein Schirm und eine Sonnenbrille sollten mich vor Sonne und Kalkstaub schützen. Als Bhagavan kam, um zu sehen, was ich tat, zog ich meine Sandalen aus und senkte zum Zeichen des Respekts den Schirm. Bhagavan wies mich sogleich zurecht:

„Warum tust du das, wenn du mich siehst? Wozu die Ehrenbezeigungen? Diese Dinge sollen dich vor Staub und Sonne schützen. Ich komme in Zukunft nur noch, wenn du versprichst, deinen Schirm oben zu lassen und die Sandalen anzubehalten.”

Die zweite Begebenheit ist ungewöhnlicher. Während ich die Arbeiten am Speisesaal überwachte, wurde mir bewußt, daß mein Ego mächtig anschwoll. Ich spürte, wie ein ganz unerwünschter Stolz auf meine Leistung in mir wuchs: „Ich trage hier die gesamte Verantwortung.”

Während diese aufdringlichen Gedanken mich heimsuchten, kam Bhagavan, um nach mir zu sehen. Bevor er bei mir war, sah ich eine schwarze Wolke wie einen Schatten aus meinem Körper treten. Zugleich spürte ich, daß mit ihr auch meine wichtigtuerischen Gedanken verflogen. Ich berichtete Bhagavan von diesem seltsamen Geschehnis.

Er bestätigte mit einem Tamilsprichwort, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen war: „Die bösen Geister fliehen, wenn sie den Priester sehen.”

Vor dem Bau des Speisesaals gab mir Bhagavan seine Anweisungen für die Bauarbeiten stets, wenn kein anderer zuhörte. Weil niemand Bhagavan je Bauangelegenheiten mit mir besprechen sah, glaubten einige Devotees, daß ich nicht Bhagavans Pläne ausführte, sondern meine eigenen. Bei dieser Gruppe war ich lange Zeit sehr unbeliebt; sie meinten, ich verschwende das Geld des Ashrams an übertrieben große Bauten. Diese Behauptung konnte ich nicht widerlegen, denn in den ersten Jahren meiner Bauleitertätigkeit gab Bhagavan nie öffentlich zu, daß die Pläne von ihm stammten. Aus irgendeinem Grund wollte Bhagavan seine eigene Rolle beim Bauprogramm geheimhalten.

Mehrmals schärfte er mir ein: „Sage keinem, ich hätte dir den Auftrag gegeben; führe einfach die Arbeit aus. Wenn die Leute herausfinden, was du vorhast, werden sie mit ihren eigenen Vorstellungen kommen und versuchen, sie dir aufzudrängen; das würde dich nur verwirren.”

Bhagavan erklärte mir sogar, wie ich lästigen Fragen aus dem Weg gehen konnte:

„Auch wenn Ingenieure dich ansprechen und nachfragen, wie du das ganze Projekt ausführen willst, so antworte ihnen: „Ich bin momentan sehr beschäftigt und habe keine Zeit, das zu erklären.” Dann geh und mache dich an eine Arbeit. Viele Leute hier interessieren sich für diese Bautätigkeit. Sie alle wollen dir ihre Pläne unterbreiten. Wenn du anfängst, ihnen zuzuhören, wird deine Aufgabe nur schwieriger.”

Die strikte Geheimhaltung wurde bald aufgegeben, nachdem Major Chadwick sich im Ashram niedergelassen hatte. Chadwick sah mir gern bei der Arbeit zu, und wenn Bhagavan seine mittägliche Inspektionsrunde mit mir machte, begleitete er uns oft. Auf diesen Rundgängen gab Bhagavan mir Anweisungen, weil wir zu dieser Tageszeit allein auf der Baustelle waren. Auch nachdem Chadwick sich unseren Mittagsrundgängen angeschlossen hatte, erteilte mir Bhagavan weiterhin Instruktionen. Als Chadwick später erfuhr, daß viele Ashrambewohner glaubten, ich handele auf eigene Faust, versicherte er ihnen, er habe selbst erlebt, wie Bhagavan mich anleitete. Sobald das „Geheimnis” allgemein bekannt war, tat Bhagavan nicht länger so, als sei er an der Planung unbeteiligt. Von da an gab er mir öffentlich in der Halle Anweisungen.

Vor dieser Umstellung hatte ich viele Schwierigkeiten mit dem Büropersonal und anderen Mitarbeitern des Ashrams. Die Leute, die meinten, ich verschwende Geld für meine eigenen phantastischen Projekte, verweigerten mir die Zusammenarbeit, wenn ich Hilfe brauchte. Im Ashramgarten waren z. B. ständig sechs bis acht Personen ganztägig beschäftigt, aber wenn ich einmal einen von ihnen zur Aushilfe haben wollte, wurde das nicht gestattet. Zeitweilig war mein Ansehen im Ashram so gering, daß niemand sich bereit fand, mir zu helfen. Ich blieb ausschließlich auf die Arbeiter im Tagelohn angewiesen.

In dieser Phase sagte mir Bhagavan einmal, als wir zusammen Iddlies aßen: „Ich möchte, daß du heute morgen, bevor die Bauarbeiter kommen, ein paar schwere Steine wegrollst.”

Bhagavan zeigte mir die Steine, und mir war sofort klar, daß dies keine Arbeit für einen Einzelnen war.

„Wie soll ich das machen?” fragte ich Bhagavan. „Einer allein schafft das nicht, und die Leute im Büro werden keinem Ashrammitarbeiter erlauben, mir zu helfen.”

„Wenn das so ist,” sagte Bhagavan, „komme ich selbst und helfe dir.”

Als man im Büro hörte, daß Bhagavan selbst eine schwere körperliche Arbeit tun wollte, weil sich sonst niemand dafür fand, schickte man mir sofort Muni Swami zur Hilfe. Es sprach sich bald herum, daß Bhagavan die Arbeit schnell erledigt haben wollte, und so kam ein gewisser Danupillai als zweiter Helfer. Uns dreien gelang es mit ein wenig Unterstützung von Raghavendra Rao, die Arbeit zu vollbringen, bevor die Bauarbeiter kamen.

Wenig Kooperationsbereitschaft zeigte auch das Küchenpersonal. Für mich gab es keine Probleme mit dem Essen, weil sowohl Bhagavan als auch Chinnaswami in der Küche Bescheid gegeben hatten, daß ich mir nehmen konnte, was ich wollte. Aber das Küchenpersonal war angewiesen, keinem der von mir angestellten Lohnarbeiter zu essen zu geben. Diese besondere Regel galt nur für meine Leute, denn Arbeiter, die andere Aufgaben im Ashram erledigen sollten, durften im Speisesaal essen.

Eines Tages wandte sich einer meiner Arbeiter an mich. Er habe am Morgen nichts gegessen und hoffe, im Ashram ein Frühstück zu bekommen. Der Mann mußte an jenem Tag eine sehr wichtige Arbeit verrichten. Solange sie nicht abgeschlossen war, konnten die anderen Arbeiter nicht weitermachen.

Um diesen Mann bei Laune zu halten, ging ich in die Küche und erklärte den Frauen: „Ich bin wieder hungrig. Gebt mir noch ein paar Iddlies.”

Eine der Frauen erwiderte: „Aber du hast doch eben erst gegessen. Warum willst du mehr?”

In diesem Augenblick hörte ich Bhagavan laut lachen. Er hatte in einem Winkel der Küche gearbeitet, den ich nicht einsehen konnte.

Ich konnte nun nicht weiterlügen, während Bhagavan zuhörte, und sagte der Frau: „Ihr gebt sie mir nur, wenn ich sage, daß ich sie selbst essen will. In Wirklichkeit sind sie für einen meiner Arbeiter.”

Dann trat Bhagavan mit einem herzlichen Lächeln hervor und wies sie an, mir die erbetenen Iddlies zu geben.

Wir alle sahen Bhagavan als einen vollkommen ehrlichen und wahrheitsliebenden Menschen an; daher war es für mich eine große Überraschung, als er mir erzählte, er habe seit dem Tag, als er sein Heim verließ und zum Arunachala aufbrach, dreimal gelogen. Das erstemal, so sagte er, geschah es noch auf dem Weg zum Arunachala bei Muthukrishna Bhagavatar. Ihm hatte er fälschlich gesagt, er habe sein ganzes Geld und sämtlichen Besitz verloren.

Bei Muthukrishna Bhagavatar verpfändete er seine Ohrringe, um Geld für die Weiterfahrt nach Tiruvannamalai zu bekommen. Er hatte jedoch nichts verloren, ihm fehlte nur das Geld für die Fortsetzung der Reise.

Das zweitemal hatte er gelogen, als seine Mutter mit ihm in Pavalakundru lebte.

Pavalakundru ist ein kleiner Tempel auf einem Felsvorsprung in etwa 300 Metern Entfernung vom Arunachaleshwara-Tempel. Bhagavan lebte dort eine Zeitlang in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Diese Begebenheit muß sich bei einem späteren Besuch in Pavalakundru zugetragen haben, denn Bhagavans Mutter zog erst 1915 zu ihm. S. S. Cohen bezieht sich wohl auf diese Begebenheit (Guru Ramana, S. 13-14), aber er verlegt sie in den Skandashram. Als ich Annamalai Swami darauf aufmerksam machte, antwortete er, er sei sicher, daß Bhagavan von Pavalakundru gesprochen habe.

Als Bhagavan dort einmal, scheinbar in einer Art Samadhi, im Tempel saß, ging seine Mutter in die Stadt, um Echammal zu besuchen. Vorher schloß sie Bhagavan in den Tempel ein, damit niemand ihn stören oder ihm etwas antun konnte. Bhagavan befand sich jedoch nicht wirklich in Samadhi, er saß nur mit geschlossenen Augen da. Sobald seine Mutter fort war, streckte er seinen Arm durch ein Loch in der Tür, löste die Verriegelung und ging hinaus. Nachdem er auf diese Art seine Freiheit zurückerlangt hatte, verriegelte er die Tür wieder. Bei ihrer Rückkehr sah seine Mutter ihn zu ihrem Schrecken draußen vor der verriegelten Tür sitzen. Bhagavan konnte ihr ansehen, daß sie dachte, er habe die übernatürliche Fähigkeit (Siddhi) erlangt, feste Materie zu durchdringen. Zum Scherz bestätigte er ihre Vermutung.

Als sie fragte: „Wie bist du herausgekommen?”, sah er sie würdevoll an und sagte: „Durch den Akasha (Äther).”

Der Skandashram war Schauplatz der dritten Lüge. Als seine Mutter einmal an Ohrenschmerzen litt, forderte Bhagavan sie auf, den Kopf zu neigen, so daß er ihr ins Ohr schauen könne. Es gab dort nichts zu sehen, aber Bhagavan behauptete, darin eine Wespe zu erkennen. Er erstattete seiner Mutter über alles, was die Wespe tat, Bericht:

„Da krabbelt die Wespe herum. Sie kommt jetzt heraus. Nun sitzt sie am Rand des Gehörgangs. Jetzt ist sie weggeflogen”

Seine Mutter glaubte so fest, die imaginäre Wespe sei Ursache ihrer Beschwerden gewesen, daß der Schmerz völlig verschwand, als Bhagavan sagte: „Sie ist weggeflogen.”

Ich hatte Männer und Frauen für die Arbeit am Speisesaal angestellt. Einige der Frauen waren sehr hübsch, und ich muß gestehen, daß sich bisweilen sexuelle Wünsche in mir regten. Ich hatte schon früher mit Bhagavan über dieses Problem gesprochen.

„Ich will nicht Moksha (Befreiung)”, hatte ich gesagt, „ich will nur frei sein vom Verlangen nach Frauen.”

Damals hatte Bhagavan gelacht und erwidert: „Genau danach streben alle Mahatmas (großen Seelen).”

Seine Antwort beruhigte mich insoweit, als ich mit diesem Problem nicht allein stand, aber sie gab mir keinen Hinweis, wie ich es überwinden könnte. Ich redete mir ein, es sei viel leichter, sexuelle Gedanken zu vermeiden, wenn ich nicht den ganzen Tag die Frauen bei der Arbeit sehen würde. Damals zahlten wir den Männern vier Annas und den Frauen drei Annas pro Tag (16 Annas waren eine Rupie). Ich dachte, wenn ich alle Arbeiterinnen durch Männer ersetzte, könnte ich mir für ein paar Annas Gemütsfrieden erkaufen. Daher teilte ich den Frauen mit, ich hätte in Zukunft keine Arbeit mehr für sie.

An jenem Abend erkundigte sich Bhagavan wie üblich nach dem Arbeitsplan für den folgenden Tag.

Ich sagte ihm: „Die Grundmauern sind fertig. Morgen will ich eine große Menge Sand aufschütten, um den Boden des Speisesaals auf die gewünschte Höhe zu bringen.”

Dann fragte Bhagavan: „Wie viele Männer und Frauen hast du angestellt?”

Ich antwortete, ich hätte keine Frauen angestellt, und erläuterte ihm meine Beweggründe. Bhagavan war damit jedoch keineswegs einverstanden. Er sah nicht ein, warum die Frauen darunter leiden sollten, daß ich keine Kontrolle über meine Gedanken hatte.

„Wie kannst du sagen, daß Arbeiterinnen nicht mehr benötigt würden?” fragte er. „Stelle Arbeiterinnen an Stelle Arbeiter an.”

Ich hatte schon früher bemerkt, daß Bhagavan einen Gedanken oder einen Satz dreimal wiederholte, wenn er dessen besondere Wichtigkeit hervorheben wollte. Ich hielt mich an seine Anordnung und stellte alle Frauen wieder an.

Ich erinnere mich, wie ein anderes Mal meine erotischen Gelüste beinahe die Oberhand gewannen. Es war im Hochsommer in der Mittagszeit. Ich saß vor dem Vorratsraum, als ich eine sehr schöne Frau sah, die zu Bhagavans Darshan kam. Ein paar Minuten später verließ sie die Halle und ging in Richtung Arunachala davon. Ihre Erscheinung verzückte mich derart, daß ich glaubte, eine Göttin in Menschengestalt zu sehen. Ich spürte, wie ein starkes sexuelles Verlangen in mir aufkam. In diesem Moment erschien plötzlich Bhagavan und sah, in welcher Gemütsverfassung ich mich befand. Er rief mich aus meinem schattigen Platz hervor und ließ mich auf einem großen Stein in der Nähe des Vorratsraums in der Sonne stehen. Ich hatte keine Sandalen an, deshalb schmerzten mir die Füße von der Hitze des Steins.

Bhagavan ignorierte mein Unbehagen vollkommen. Ein paar Minuten lang plauderte er seelenruhig mit mir über Bauangelegenheiten. Der Schmerz in meinen Füßen wurde fast unerträglich, aber ich wagte nicht, mich zu bewegen, weil Bhagavan mir ausdrücklich gesagt hatte, ich solle mich auf diesen Stein stellen. Nach einiger Zeit ging mir auf, daß der Schmerz jedes Verlangen nach dieser Frau völlig verdrängte. Sobald mir dieser Gedanke kam, beendete Bhagavan abrupt unser Gespräch und ging fort. Erleichtert begab ich mich mit meinen brennenden Füßen wieder in den Schatten. Bhagavans Methode erwies sich als perfektes Heilverfahren. Als der Schmerz sich legte, war auch mein Interesse an der Frau verschwunden.

Es ist charakteristisch für Bhagavan, daß er auf gleichartige Situationen oft ganz verschieden einging. Als ich 1938 wieder einmal von sexuellen Gelüsten geplagt wurde, reagierte er ganz anders. Drei Tage lang hatten sich mir erotische Vorstellungen so heftig aufgedrängt, daß ich mich fragte, wie ich je Erlösung finden könne, wenn ständig solche Gedanken kämen.

Die Gedanken verstörten mich so sehr, daß ich während dieser drei Tage weder normal essen noch schlafen konnte. Schließlich sagte ich mir, daß allein Bhagavan helfen könne. An jenem Abend folgte ich Bhagavan, als er seinen Spaziergang machte, und schilderte ihm mein Problem:

„Seit mich vorgestern dieses Verlangen nach Frauen überkam, habe ich weder geschlafen noch gegessen. Diese Gedanken kommen mir ziemlich oft. Wo soll das hinführen?”

Bhagavan schwieg ein paar Minuten und antwortete dann: „Warum beschäftigst du dich immer damit, daß dir irgendwann in der Vergangenheit ein unguter Gedanke gekommen ist? Wenn du statt dessen meditierst: „Wem kommt dieser Gedanke?”, wird er von selbst verfliegen. Du bist weder der Körper noch das Gemüt, du bist das Selbst. Meditiere darüber, und deine Gelüste werden dich verlassen”

Während die Bauarbeiten voranschritten, kam Bhagavan etliche Male, setzte sich auf einen Stein und beobachtete, was wir gerade taten. Mitunter legte er auch selbst Hand an.

Er sagte oft: „Wenn ich draußen bin, fühle ich mich viel wohler. Dieses sechs Fuß lange Sofa, auf dem ihr mich zu sitzen zwingt, ist für mich wie ein Gefängnis.”

Bhagavan verbrachte oft manche Stunde mit uns. Wenn er in der Stimmung war, die Arbeiten zu beobachten, ging er erst in die Halle zurück, wenn man ihm mitteilte, daß neue Besucher eingetroffen seien, die seinen Darshan wünschten. Madhava Swami, in Bhagavans Abwesenheit für die Halle zuständig, meldete uns dann die Neuankömmlinge. Ich erinnere mich, daß Bhagavan einmal Madhava Swami auf uns zukommen sah. Offensichtlich wollte er Bhagavan mitteilen, daß neue Leute eingetroffen seien.

Bhagavan wandte sich zu mir und sagte: „Ein neuer Haftbefehl ist unterwegs. Ich muß wieder ins Gefängnis.”

Bhagavan begrüßte jede Gelegenheit, bei der Arbeit mitzuhelfen. Dazu fällt mir ein gutes Beispiel aus meinen frühen Tagen im Ashram ein. Damals gab es nirgendwo einen Platz, um die Reisvorräte des Ashrams sicher aufzubewahren. Sie hätten für den Fall, daß der Boden feucht werden sollte, auf einer vor Wasser geschützten Erhöhung stehen müssen. Bhagavan trug mir auf, eine solche Plattform aus Ziegeln und Zement in einer kleinen Hütte zu bauen, die an der Stelle des späteren Büros stand. Nach getaner Arbeit begann ich, die Oberfläche mit einem alten Ziegel zu glätten. Bhagavan nahm einen anderen Ziegel und arbeitete mit mir zusammen. Er hielt ihn mit beiden Händen und scheuerte mit voller Kraft.

Ich wollte ihn davor bewahren und sagte: „Warum tut Bhagavan das? Ich schaffe es ohne weiteres allein.”

„Ich tue das, weil ich körperliche Betätigung brauche”, erwiderte Bhagavan. „Das Arbeiten kräftigt meinen Körper. Ich habe zur Zeit keinen Appetit. Ein wenig Arbeit wird mich hungrig machen, und vielleicht verschwinden auch meine Verdauungsbeschwerden, wenn ich mich körperlich mehr betätige.”

Ich versuchte nicht weiter, ihn davon abzubringen, denn die Arbeit machte ihm offensichtlich große Freude.

Da wir es für gewöhnlich zu verhindern wußten, daß Bhagavan anstrengende Arbeiten verrichtete, hielt er sich mit regelmäßigen Spaziergängen auf den Arunachala bei Gesundheit. In den vierziger Jahren verband er die Spaziergänge sogar mit täglichen Übungen zur Verdauungsförderung. Er hob die Arme über den Kopf, hielt die Beine gerade, beugte sich in der Hüfte und versuchte, seine Zehen zu berühren. Das tat er jeden Morgen etwa dreißigmal. Normalerweise absolvierte er diese Übungen an einer Stelle, wo man ihn nicht sehen konnte, aber manchmal beobachteten ihn die Holzsammlerinnen, die auf der Suche nach Brennholz über die Berghänge streiften.

Eine von ihnen sagte, als sie sah, wie Bhagavan sich immer wieder nach vorn beugte: „Bhagavan hat im Ashram zuviel gegessen. Er will das Essen wieder herausbringen.”

Eine andere Frau mit noch blühenderer Phantasie widersprach: „Nein, das sind besondere Übungen. Bhagavan nimmt Steine vom Arunachala und verwandelt sie in Gold. Mit dem Gold bezahlt er den Bau des Tempels für die Mutter. Wie sollte er ihn sonst bezahlen? Der Mann neben ihm (Bhagavans Betreuer) dient ihm als Wächter. Er paßt auf, daß niemand Bhagavan beim Goldmachen stört. Er sieht auch zu, daß nichts gestohlen wird, und hilft, das Gold in den Ashram zu tragen.”

Der wachsende Wohlstand des Ashrams wurde in den vierziger Jahren von den Leuten in der Umgebung ausgiebig diskutiert. Viele von ihnen, die keine Ahnung hatten, wie sich der Ashram tatsächlich finanzierte, kamen zu dem Schluß, er drucke Falschgeld, um sein Wachstum zu bezahlen. Diese Auffassung bekam man öfters zu hören. Als ich einmal in der Nähe des Ashrambüros stand, sah ich, wie ein Mann aus einem Nachbardorf Mauni Srinivasa Rao beim Maschineschreiben beobachtete. Der Dörfler, der noch nie eine Schreibmaschine gesehen hatte, kombinierte, daß das Falschgeld mit dieser Maschine hergestellt werde. Neben dem Büro gab es eine Kammer zur Gepäckaufbewahrung, in der die Devotees ihre Taschen ablegen konnten, bevor sie zum Darshan gingen. Daraus, daß vor diesem Raum immer ein Wächter stand, der auf das Gepäck der Besucher aufpaßte, folgerten viele unserer dörflichen Nachbarn, dies müsse der Raum sein, in dem das Geld gedruckt und aufbewahrt werde.

Bhagavan machte seine regelmäßigen Spaziergänge teils, um seine Verdauung zu fördern, teils um die Steifheit aus seinen Knien zu vertreiben. Schon in der ersten Zeit meines Aufenthalts im Ashram war mir aufgefallen, daß Bhagavan an rheumatischen Schwellungen und Schmerzen in den Knien litt. Mit der Zeit nahmen diese Beschwerden immer mehr zu. Bhagavan scherzte darüber öfters: „Hanuman hielt Ramas Füße fest, und Hanumans Vater hält meine Füße.”

In der Hindu-Mythologie gilt Vayu, der Gott des Windes, als Vater Hanumans. Der Affenkönig Hanuman ist einer der größten Verehrer Ramas. Im Tamil sagen wir, daß Vayu im Bein ist, wenn es anschwillt.

Bhagavans Betreuer massierten ihm die Knie regelmäßig mit Öl, aber viel half das nicht. Er hatte solche Schmerzen, daß die Betreuer ihm ein Kissen unter die Knie legen mußten, weil er nicht mit gestreckten Beinen sitzen konnte. Wenn man das berühmte Bild betrachtet, das jetzt auf dem Sofa in der alten Halle steht, kann man sehen, wie die Kissen seinen angewinkelten Beinen Halt gaben. Bhagavan erlaubte seinen Betreuern, ihn zu massieren, aber zur Schmerzlinderung vertraute er mehr auf körperliche Betätigung. Er sagte oft: „Wenn ich nicht täglich spazierengehe, tun mir die Beine weh.”

Einmal massierte ich Bhagavans Füße mit Öl, als eine alte Dame hereinkam und mich fragte, warum ich das täte.

Ich antwortete: „Ich massiere Bhagavans Füße, weil sie ihn schmerzen.”

Die Frau erwiderte spöttisch: „Bhagavan verspürt keinen Schmerz. Du willst dich damit nur von deinen Sünden befreien.”

Wenn Bhagavan uns bei den täglichen Pflichten helfen wollte, versuchten die Ashrambewohner immer, ihn davon abzubringen. Die meisten fanden es respektlos, ihn untergeordnete Arbeiten tun zu lassen. Während meiner ersten Jahre im Ashram kamen die Devotees täglich zusammen, um alle Arbeiten zu verteilen, die an diesem Tag erledigt werden mußten. Einer übernahm das Kochen, ein anderer das Putzen, und so weiter.

Am Ende des Treffens bemerkte Bhagavan, dem keine Aufgabe zugeteilt worden war: „Eine Arbeit habt ihr vergessen: niemand ist zum Waschen eingeteilt worden. Gebt mir alle eure Kleider, und ich wasche sie im Yama Teertham.”

Niemand wollte, daß Bhagavan dies tat. Wir übertrugen das Waschen einem anderen und ließen Bhagavan ohne Arbeit.

Der Yama Teertham ist ein ca. 1,5 km vom Ashram entferntes Wasserreservoir. Diese Reservoirs sind mit Regenwasser gefüllt. Der Yama Teertham enthält das ganze Jahr hindurch Wasser, wohingegen die näher am Ashram gelegenen Reservoirs im Sommer oft austrocknen. Die geschilderte Begebenheit fand also vermutlich im Sommer statt. Im Winter wäre die Wäsche näher beim Ashram gewaschen worden.

Bisweilen gelang es Bhagavan jedoch, auf eigene Faust Arbeiten zu planen und auszuführen. Einmal beschloß er, in einer Nische der alten Küche ein Regal aus Ziegeln und Lehm zu bauen, auf dem er Gefäße mit eingelegten Gewürzfrüchten unterbringen wollte. Bhagavan lockerte die Erde mit einer 1,80m langen Eisenstange, und die Köchin Bantammal machte daraus einen Lehmbrei zur weiteren Verarbeitung. Bhagavan verrichtete die Arbeit lieber selbst, als sie mir zu übertragen, weil Nicht-Brahmanen die Küche nicht betreten durften. Ich arbeitete zur selben Zeit im Speisesaal, der unmittelbar an die Küche grenzte, aber ich konnte nicht sehen, was Bhagavan tat, weil eine besonders orthodoxe Brahmanin einen Sari vor die Küchentür hielt. Offenbar meinte sie, daß ich als Nicht-Brahmane nicht einmal sehen dürfe, was in der Küche geschah.

Als Bhagavan von seiner Maurerarbeit aufschaute und sah, was sie tat, sagte er: „Warum hältst du den Sari vor die Tür? Es ist doch nur unser Annamalai Swami.”

In diesem Moment tauchte plötzlich Chinnaswami auf. Er lächelte mich an und sagte: „Bhagavan hat dir einen neuen Titel verliehen, „Ishta Brahmin” (wohlgelittener Brahmane).”

Ich sollte zur Erläuterung hinzufügen, daß Bhagavan in der Küche, vor allem seinen Devotees aus der Brahmanenkaste zuliebe, die sonst nicht im Ashram gegessen hätten, die orthodoxen Kastenregeln gelten ließ, aber er mißbilligte Übertreibungen.

Eine andere Betätigung, der Bhagavan sich gern hingab, wenn Zeit und Verpflichtungen es erlaubten, war das Schnitzen von Spazierstöcken. Einmal sah ich ihn mit großem Elan mehrere Stöcke zurechtschneiden. Chinnaswami hatte ein Bündel Brennholz gekauft, und Bhagavan ließ seine Betreuer daraus vier oder fünf gerade Stöcke auswählen. Er schälte zuerst mit einem Messer die Rinde von diesen Stöcken, rieb sie mit Glasscherben ab und gab ihnen dann mit einem Blatt die letzte Politur. Bhagavans ganzer Körper war mit Sägemehl bestäubt. Es blieb entweder liegen, oder es wurde von den Schweißbächlein fortgespült, die Bhagavan über den Körper rannen.

Ich wollte ihm frische Luft zufächeln, aber Bhagavan ließ das nicht zu: „Ich arbeite, damit ich ins Schwitzen komme. Es ist gut für die Gesundheit, wenn der Schweiß ungehindert fließen kann. Wenn du mir Luft zufächelst, schwitze ich nicht mehr.”

Damals hatten wir keine elektrischen Ventilatoren, es gab nur Handfächer. Bhagavan erlaubte normalerweise nicht, daß man ihm Luft zufächelte; einige Devotees, wie z. B. Mudaliar Patti, ließen jedoch nicht so leicht von ihrem Bemühen ab, Bhagavan zu kühlen. Als Bhagavans Leib eines Sommertags vor Schweiß glänzte, sah ich, wie er Mudaliar Patti einen Fächer aus der Hand nahm, mit dem sie ihm verstohlen Luft zufächelte. Er hatte ihr schon ein paar Minuten vorher gesagt: „Nicht fächeln.”

Als er ihr den Fächer abnahm, wiederholte er seinen Verweis: „Das Schwitzen tut dem Körper gut. Warum willst du es verhindern, indem du mir Luft zufächelst?”

Bevor ich im Ashram ansässig wurde, damals ging es dort noch nicht so betriebsam zu, saß Bhagavan die meiste Zeit in der Halle. Er hatte regelmäßig in der Küche gearbeitet und war auf dem Berg spazierengegangen, aber den größten Teil des Tages verbrachte er im Sitzen. Dies änderte sich, als das Bauprogramm anlief. Er kam oft hinaus, um uns bei der Arbeit zuzusehen, gab uns zahllose Ratschläge und Anweisungen, und mitunter legte er selbst Hand an. Manche meinen, der Ashram habe sich ohne Bhagavans Zutun spontan um ihn herum ausgedehnt. Sie würden ihre Ansicht aber schnell ändern, wenn sie Bhagavan in den dreißiger Jahren bei der Arbeit gesehen hätten. Bhagavan allein beschloß, wann und wo, in welcher Größe und mit welchem Material gebaut werden und wer die Bauarbeiten leiten sollte.

Bhagavan sagte oftmals: „Ich habe nichts mit alledem zu tun, was hier geschieht. Ich bin nur ein Beobachter des Geschehens.”

Vom Standpunkt des Selbst mag das zutreffen, aber vom relativen Standpunkt aus kann ich sagen, daß kein Stein im Ashram je ohne sein Wissen und sein Einverständnis bewegt wurde. Wie schon erwähnt, war der finanzielle Bereich der einzige, in den er sich nicht einmischte. Er begann Projekte, wenn kein Geld dafür vorhanden war, und ignorierte unbekümmert alle Voraussagen Chinnaswamis über den unmittelbar bevorstehenden finanziellen Zusammenbruch. Bhagavan bat niemanden je um Geld und verbot Chinnaswami, um Spenden für den Ashram zu bitten. Dennoch kam irgendwie genügend Spendengeld herein, um alle Gebäude fertigzustellen.

Chinnaswami meinte, die letzte Verantwortung für alle finanziellen Angelegenheiten des Ashrams läge bei ihm. Es beunruhigte ihn überaus, wenn Bhagavan sich ohne solide Finanzierung auf Bauprojekte einließ. Ich hörte Bhagavan dann oft sagen: „Ich bin doch hier. Er braucht sich keine Sorgen zu machen.”

Immer wenn Bhagavan sich so äußerte, berichtete ich Chinnaswami davon. Solche Botschaften munterten ihn zeitweise auf, aber seine neugewonnene Zuversicht verflog gewöhnlich, wenn die nächste hohe Rechnung eintraf.

Bhagavan erwartete von den Devotees, daß sie sich keinesfalls um die Ashramfinanzen kümmerten. Zwar durften die Devotees dem Ashram etwas spenden, wenn sie das wünschten, aber Bhagavan wollte nicht, daß die Spender sich in die finanziellen Angelegenheiten des Ashrams einmischten. Als Bhagavan z. B. einmal sehr krank war, gab Maurice Frydman Chinnaswami tausend Rupien und bat ihn, davon Früchte für Bhagavan zu kaufen. Zu jener Zeit war das eine beträchtliche Summe. Chinnaswami wußte, daß Bhagavan keine Früchte essen würde, wenn nicht alle anderen einen gleichen Anteil bekämen, und täglich für alle Ashrambewohner Obst zu kaufen, hielt er für Geldverschwendung. Einige Monate später kam Frydman wieder und fragte Chinnaswami, ob das Geld wie erbeten ausgegeben worden sei. Chinnaswami wurde wütend und erklärte ihm, es gehe ihn nichts an, wie der Ashram das Geld verwende. In dieser Angelegenheit gab Bhagavan Chinnaswami Rückendeckung.

Als Frydman in die Halle kam, um sich zu beschweren, daß seine Spende nicht ordnungsgemäß verwendet worden sei, erwiderte Bhagavan ziemlich verärgert: „Wenn du etwas gibst, solltest du die Sache damit als erledigt betrachten. Willst du dieses Geschenk denn zur Festigung deines Egos benutzen?”

Für Bhagavan waren Handlungen an sich weder gut noch schlecht. Ihn interessierten weit mehr die Motive und Gemütszustände, die ihnen zugrunde lagen.

Während ich die Ashramgebäude errichtete, boten mehrere Ingenieure, die zu Besuch in den Ashram kamen und selbst Devotees waren, ihre Mithilfe in Form von Bauzeichnungen für die verschiedenen geplanten Häuser an. Chinnaswami wollte, daß ich diese Pläne ausführte, aber das erwies sich als unmöglich, denn für jedes Gebäude, das ich errichten sollte, gab es mehrere miteinander unvereinbare Pläne. Unsere Bemühungen, befriedigende Kompromisse zu finden, führten nur zu größerer Verwirrung und zu Verzögerungen beim Bau. Daher schlug ich vor, alle Pläne Bhagavan vorzulegen und die endgültige Entscheidung ihm zu überlassen. Ich brachte sämtliche Bauzeichnungen in die Halle, aber Bhagavan entrollte sie gar nicht erst.

Er legte sie beiseite und erklärte: „Diese Gebäude waren schon von einer höheren Macht geplant, bevor wir hierherkamen. Im vorbestimmten Augenblick wird alles im Einklang mit jenem Plan geschehen. Warum sollten wir uns also mit all diesen papierenen Plänen abgeben?”

Bhagavan entwarf alle Pläne für die Ashramgebäude selbst. Täglich erläuterte er mir vor Arbeitsbeginn, was ich zu tun hatte. Wenn die Arbeit kompliziert war, zeichnete er manchmal einige Linien auf Papier, um zu veranschaulichen, was er meinte. Bis auf diese kleinen Skizzen hatten wir keinerlei Bauzeichnungen. Außer dem Tempel der Mutter, der nach den Plänen eines Sthapati (Tempelbaumeisters) gebaut wurde, und dem Vorratsraum, der zuerst von einem örtlichen Bauunternehmer entworfen worden war, entstanden alle Bauten nach Bhagavans eigenen einfachen Plänen.

Wenn Bhagavan mir Anweisungen gab, sagte er immer, es sei nur ein Vorschlag. Er erhob nie den Anspruch, mir Befehle zu erteilen.

Meist sagte er: „Diese Idee ist mir gerade gekommen. Wenn du magst, kannst du es so machen. Sonst laß es bleiben.”

Ich nahm es natürlich stets als unmißverständlichen Befehl auf, wenn Bhagavan sich so ausdrückte. Nie lehnte ich einen Auftrag ab, und nie schlug ich vor, Bhagavans Pläne irgendwie abzuändern.

Als Speisesaal und Küche beinahe fertiggestellt waren, kam Chinnaswami mit einem eigenen geheimen Plan zu mir. Er wollte, daß ich auf dem Dach einen Wohnraum für Bhagavan baute. Dieses Dachzimmer sollte ich durch einen Aufzug mit dem Erdgeschoß verbinden. Bei einer solchen Anordnung hätten die Devotees Bhagavans Darshan nur über ihn bekommen können: nur mit seiner Genehmigung hätte man den Lift benutzen dürfen.

Chinnaswami bat mich, Bhagavan diesen Plan vorzutragen. Er erläuterte ihn in Umrissen und sagte: „Du gehst jeden Tag mit Bhagavan ins Badezimmer und hilfst ihm bei seinem Bad. Bhagavan gibt dir die Anweisungen für den Bau immer direkt. Besprich diesen Vorschlag mit ihm und versuche, seine Einwilligung zu erlangen Wenn du ihn dazu bringen kannst zuzustimmen, verleihe ich dir einen großartigen Titel wie „Sir Annamalai Swami” oder einen noch bedeutenderen.”

Diese Idee war völlig absurd; ich wußte, daß Bhagavan sie nie billigen würde. Viele Jahre früher hatte der Besitzer der Virupaksha-Höhle Einfluß darauf zu nehmen versucht, wer mit Bhagavan zusammentreffen dürfe. Daraufhin hatte Bhagavan die Höhle verlassen. Ich wußte, daß er nie einer Regelung zustimmen würde, bei der man die Devotees von ihm fernhielt. Trotzdem dachte ich, es könne nicht schaden, ihm von Chinnaswamis Plan zu erzählen. Ich wollte aber ganz deutlich machen, daß die Idee nicht von mir stammte.

Als ich später am selben Tag in der Absicht, Bhagavan den Plan zu unterbreiten, zum Badezimmer kam, rief er mir von innen zu: „Halt, komm heute nicht”

Ich war bestürzt. In all den Jahren, in denen ich Bhagavan beim Baden geholfen hatte, war mir nie der Zutritt zum Badezimmer verwehrt worden. Ich erklärte mir das merkwürdige Verbot so, daß Bhagavan wohl wußte, weshalb ich ihn aufsuchte. Die Weigerung, mich einzulassen, deutete darauf hin, daß er diesen Plan ablehnte und nicht einmal mit mir darüber sprechen wollte. Ich ging zurück zu Chinnaswami, berichtete ihm, was geschehen war, und erklärte ihm, daß ich mit seinem Plan nichts weiter zu tun haben wolle, da ich jetzt sicher sei, daß Bhagavan absolut dagegen sei.

Ich fügte hinzu: „Wenn du Bhagavans Einverständnis willst, mußt du ihn selbst fragen.”

Chinnaswami gab sich geschlagen. Er fürchtete sich viel zu sehr vor Bhagavan, um ihm seinen törichten Vorschlag selbst zu unterbreiten, und so ließ er den ganzen Plan fallen.

Meine Beziehung zu Chinnaswami verbesserte sich nach den anfänglichen Streitereien um den Vorratsraum und den Kuhstall. Auch später versuchte er gelegentlich noch, mir Vorschriften über die Bauarbeiten zu machen, aber da er wußte, daß ich unter Bhagavans direkter Anleitung arbeitete, nahm er es mir nie besonders übel, wenn ich ihm den Gehorsam verweigerte. Er hatte die seltsame Vorstellung, ich könne irgendwie gleichzeitig zwei völlig gegensätzliche Anweisungen befolgen: seine und die Bhagavans.

Er sagte mir oftmals: „Auch wenn du Bhagavans Anordnungen befolgst, mußt du mir gleichfalls gehorchen.”

Chinnaswami versuchte immer, völlige Kontrolle über alles zu gewinnen, was im Ashram geschah. Die Tatsache, daß er praktisch keinerlei Gewalt über mich und die Bauarbeiten hatte, irritierte ihn außerordentlich. Ich glaube, dies war der eigentliche Grund für alle seine Querelen mit mir.

Obwohl er nach außen weiterhin so tat, als sei er mir böse, zeigte er im Lauf der Jahre zunehmend tiefen Respekt vor meiner Arbeit und freundliches Interesse an meinem Wohlbefinden. Oft erkundigte er sich nach meiner Gesundheit und mahnte mich, ordentlich zu essen. Er gab sogar Anweisung, heißes Wasser für mich bereitzustellen, damit ich den Tag mit einem heißen Bad abschließen konnte.

Er sagte mir vielmals: „Wenn du krank wirst, wer soll sich dann um die Arbeit kümmern? Du mußt ordentlich essen und aufpassen, daß du genügend Ruhe bekommst.”

Im Zuge seiner Bemühungen, mich bei Kräften zu halten, wies er die Frauen in der Küche an, mir in regelmäßigen Abständen Buttermilch zur Arbeitsstätte zu bringen.

Bhagavan hatte beschlossen, das Dach des Speisesaals als „Madras-Terrasse” ausführen zu lassen, d. h. als Flachdach mit Schichten von Ziegelsteinen und Kalk, die von Holzbalken getragen wurden. An dem Tag, als wir die Ziegel aufzumauern begannen, stellte ich ca. dreißig Bauarbeiter an. Aus irgendwelchen Gründen hatte keiner von ihnen den Ehrgeiz, gute Arbeit zu leisten.

Als ich zuerst bemerkte, wie nachlässig sie arbeiteten, erklärte ich ihnen: „Wir alle werden über kurz oder lang sterben, aber diese Gebäude sollen noch viele Jahre nach unserem Tod stehen. Deshalb müssen wir uns bemühen, sie so solide wie möglich zu bauen.”

Ich hatte allen Maurern eingeschärft: „Ihr müßt die richtige Menge Mörtel zwischen die Ziegel auftragen, sonst halten sie nicht fest.”

Die Maurer wußten dies wohl, aber viele von ihnen, einschließlich ihres Vorarbeiters, ignorierten meine Anweisungen.

Schließlich schrie ich den Vorarbeiter an: „Du bist hier der Vorarbeiter Wenn du nicht sorgfältig arbeitest, wie sollen deine Leute es dann richtig machen?”

Mein Schimpfen hatte kaum eine Wirkung auf die Qualität ihrer Arbeit, nur war ich schon gegen zehn Uhr völlig heiser.

Ich ging zu Bhagavan und sagte mit krächzender Stimme: „Ich kann diese Leute nicht mehr beaufsichtigen. Mir ist die Stimme vom vielen Schreien abhanden gekommen. Aber wenn ich die Männer nicht anschreie, arbeiten sie nicht ordentlich.”

Bhagavan hatte Verständnis für mein Problem: „Geh und mache eine Pause”, sagte er. „Ich kümmere mich selbst darum.”

Bhagavan holte Chinnaswami und einen gewissen Subramaniam und stieg mit ihnen auf das Dach, um die Arbeit zu beaufsichtigen. Subramaniam, der eine sehr kräftige Stimme hatte, übernahm die Rolle des „Hauptschreiers”, während Bhagavan und Chinnaswami die Maurer im Auge behielten, damit ordentlich gearbeitet wurde. Mit drei Aufsehern ging die Arbeit viel besser vonstatten. Die Leute gaben sich mehr Mühe, und bald war das Werk getan.

Damals litt ich oft an Halsschmerzen, weil ich die Arbeiter häufig anschreien mußte. Sampurnammal, eine der Köchinnen, bereitete für mich ein Getränk aus Reiswasser, Ghee und Palmzucker, das sie mir in einem großen Becher servierte. Sie sagte, das sei gut gegen meine Halsschmerzen. Ich trank diese Mischung täglich, denn wirklich linderte sie meine Beschwerden.

Sie gab mir das Getränk mit solcher Herzlichkeit und Wärme, daß ich sie eines Tages fragte: „Hat Bhagavan dich beauftragt, dieses Getränk für mich zuzubereiten?”

Sie entgegnete ein wenig spöttisch: „Für wen arbeitest du? Muß Bhagavan mir ausdrücklich befehlen, so etwas zu tun?”

Damit die Arbeit getan wurde, mußte ich oft grob mit den Arbeitern werden. Sehr früh in meiner Laufbahn stellte ich fest, daß die Arbeitsleistung erheblich sank, wenn ich nicht häufig laut wurde. Einmal ging ich aber zu weit und schlug einen Arbeiter, weil er absichtlich meine Anweisungen mißachtet hatte. Es geschah bei den Arbeiten am Speisesaal. Am frühen Morgen, bevor die Arbeiter kamen, hatte Bhagavan mir aufgetragen, den Steinmetz einen Stein auf 45 cm Länge zurechthauen zu lassen. Die Maße mußten genau stimmen, weil er an einer bestimmten Stelle in die Wand des Speisesaals eingefügt werden sollte. Da Bhagavan mir sehr präzise Anweisungen gegeben hatte, mahnte ich den Steinmetz, beim Meißeln besonders vorsichtig zu sein. Ich instruierte ihn genau, wie er den Stein zu bearbeiten hatte, damit er nicht brechen konnte. Während ich dann andere Arbeiten beaufsichtigte, kümmerte sich der Steinmetz nicht mehr um meine Anweisungen. Er versuchte den Stein auf andere Weise zu behauen und zerbrach ihn dabei. Als ich zurückkam und sah, was er angerichtet hatte, wurde ich so wütend, daß ich ihm einen Hieb auf den Rücken versetzte.

Dies geschah gegen 9 Uhr morgens. Danach schämte ich mich den ganzen Tag sehr, weil ich meine Beherrschung so völlig verloren hatte. Als ich am Abend meinen täglichen Bericht erstattete, gestand ich Bhagavan meine Entgleisung und entschuldigte mich dafür.

Bhagavan fragte mich: „Wann bist du wütend geworden, und wann hast du ihn geschlagen?”

Ich sagte, es sei gegen 9 Uhr morgens gewesen.

„Der Zorn von 9 Uhr ist schon verflogen”, sagte Bhagavan. „Warum denkst du immer noch, daß du wütend wurdest und jemanden geschlagen hast? Warum trägst du diese Gedanken noch mit dir herum? Anstatt dich schuldig zu fühlen, frage dich lieber: „Wer wurde so zornig?” Erkenne das wahre Wesen dessen, der heute morgen zornig wurde”

Während meiner Jahre im Ramanasramam schlug mir Bhagavan selbst zweimal auf den Rücken, aber beide Male eher zum Scherz als aus Zorn.

Den ersten Schlag erhielt ich, als wir einmal vor der alten Halle standen und über den Bau einiger neuer Stufen sprachen. Es war eine kleinere Arbeit, für die ich etwa drei Padi (ca. 6 kg) Zement benötigte.

Als Bhagavan fragte: „Wie viele Stufen sollen wir hier anlegen?”, dachte ich, er frage nach der benötigten Menge Zement, weil das Tamilwort für Stufe ebenfalls Padi ist. Ich antwortete, drei Padi Zement reichten für die Arbeit aus. Bhagavan fragte dreimal nach der Zahl der Stufen, und ich antwortete ihm dreimal, wieviel Zement wir dafür brauchten.

Schließlich half Bhagavan über den toten Punkt hinweg, indem er mir einen Klaps auf den Rücken gab und sagte: „Ich spreche von Stufen, und du sprichst von Zement.” Da ging mir endlich auf, was er meinte, und wir lachten beide herzlich über mein Mißverständnis.

Meinen anderen Schlag bekam ich ein paar Jahre später. Die Köchinnen hatten ein Gericht aus Kambu, einer Art Hirse, zubereitet. Während man es im Speisesaal verzehrte, fragte Bhagavan Santammal, eine der Köchinnen: „Wo ist Annamalai Swami?”

Santammal ging hinaus, um mich zu suchen, und fand mich gerade vor dem Eingang zum Speisesaal. Sie sagte mir, es gebe Kambu, und Bhagavan habe mich wohl eingeladen, davon zu essen, denn er habe sich nach mir erkundigt. Ich betrat den Saal und ließ mich zum Essen nieder. Weil ich zu spät zu dieser Mahlzeit gekommen war, saß ich noch beim Essen, als alle anderen schon aufstanden und hinausgingen. Während sie den Saal verließen, stellte sich Bhagavan neben mich und sah zu, wie ich meine Portion aß. Er zeigte mit seinem Stock auf meinen Teller und fragte: „Weißt du, woraus das besteht?”

Als ich antwortete: „Aus Kambu”, war Bhagavan ein wenig überrascht. Er hatte gedacht, der Hauptbestandteil sei gut überdeckt gewesen.

„Woher weißt du, daß es aus Kambu besteht?” fragte er.

Ich antwortete, Santammal habe es mir gesagt, als sie mich zum Essen hereinrief.

Bhagavan lachte, schlug mir spielerisch mit seinem Stock auf den Rücken und sagte: „Dies ist auch Kambu.” (Kambu bedeutet in Tamil gleichfalls „Stock”.)

Eine der letzten Arbeiten am Speisesaal bestand darin, den Namen des Gebäudes über der östlichen Mauer anzubringen. Die Buchstaben mußten in einem Feld von 75 cm Länge und 22 cm Breite aus Zement modelliert werden. Bhagavan schrieb selbst das Tamilwort Pakasalai (Speisesaal) in großen Lettern auf Papier. Er wollte mir zeigen, wie ich den vorhandenen Platz mit Schriftzeichen im richtigen Format auszufüllen hatte.

Während er sorgfältig diese Aufschrift zeichnete, sagte er: „Heute konnte ich nicht still sitzen. Ich fühlte, daß ich eine Arbeit zu tun hatte, und nun mache ich für dich diesen Entwurf. Wenn du meinst, du könntest die Lettern in Größe und Form so aus Zement modellieren, wie ich sie hier gezeichnet habe, dann mache dich daran. Sonst kannst du es einem anderen überlassen.”

Ein gewisser Srinivasa Rao, der dies alles verfolgt hatte, kam zu Bhagavan und sagte: „Er ist ein einfacher Junge vom Land und kann nicht einmal richtig schreiben. Ich mache das für ihn.”

Aber Bhagavan erlaubte es ihm nicht: „Mische dich nicht in seine Arbeit ein”, sagte er. „Geh und kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten.”

Somit hatte Bhagavan ganz klargemacht, daß ich diese Arbeit tun sollte, und ich führte sie nach bestem Können aus. Ich setzte die Jahreszahl 1938 oben hin, und darunter das Wort Pakasalai in Tamil. Ich befolgte auch einen anderen Vorschlag Bhagavans und schrieb darunter den Namen Shri Ramanasramam in Devanagari-Zeichen.

Devanagari ist die für Sanskrit und Hindi gebräuchliche Schrift. Der folgende Bericht behandelt den Bau der Veda-Schule des Ashrams. In diesen Pathashala genannten Einrichtungen wird Brahmanenjungen das vedische Wissen vermittelt.

Während der Speisesaal im Bau war, leitete ich auch den Bau der Veda-Schule. Ursprünglich stammte die Idee dazu von Raju Shastri, einem Brahmanen aus Tiruvannamalai und Schüler von Ganapati Muni. Er rezitierte schon seit einigen Jahren regelmäßig vor dem Samadhi-Schrein der Mutter die Veden. Da er fest an die vedische Überlieferung glaubte, schlug er Chinnaswami die Gründung einer solchen Schule im Ashram vor. Sowohl Chinnaswami als auch Bhagavan waren einverstanden, und ich wurde als Bauleiter dafür eingesetzt.

Diese Aufgabe war viel einfacher als der Bau des Speisesaales; ich konnte den Bau ohne Schwierigkeiten vollenden. Der einzige außergewöhnliche Vorfall, an den ich mich erinnere, ereignete sich kurz nach Abschluß der Bauarbeiten. Ich stieg ohne besonderen Grund auf das Flachdach und sah dort Bhagavan, wie er auf dem Boden hin und her rollte. Er gab keine Erklärung für sein seltsames Tun, und ich getraute mich nicht, ihn danach zu fragen; ich vermute, daß er das Gebäude mit einer besonderen Energie aufgeladen hat.

Dies mag recht unwahrscheinlich klingen, aber ich hatte vorher schon einmal gesehen, wie er ein Gebäude des Ashrams mit spiritueller Energie auflud und weihte. Als Bhagavan an der Eröffnungsfeier für das Büro teilnahm, setzte er sich auf Chinnaswamis Platz und blieb dort ganz überraschend etwa eine Viertelstunde sitzen. Dabei zog er sich auf die gleiche Weise wie oft während des Parayana in das Selbst zurück. Wir alle, die dabei waren, spürten die Kraft seiner Stille. Viele von uns erklärten es sich so, daß er damit dem Sarvadhikari (Geschäftsführer) und dem Büro insgesamt die Kraft verleihen wollte, in seinem Sinne zu wirken und den Ashram in seinem Namen zu verwalten. Dies ist natürlich nur eine Vermutung. Bhagavan selbst gab nie eine Erklärung für sein Verhalten an jenem Tag.

Nach Abschluß der Arbeiten am Speisesaal fand eine festliche Einweihungszeremonie statt, an der alle Bewohner des Ashrams teilnahmen, Bhagavan eingeschlossen. Während der Feier holte Chinnaswami einen großen Blumenkranz hervor und versuchte Ragahavendra Rao, den Ingenieur im Ruhestand, der mir geholfen hatte, damit zu bekränzen. Rao ließ das nicht zu, er sagte: „Ich bin nur ein Assistent. Annamalai Swami trug die Verantwortung. Er hat sich große Mühe gegeben, den Bau fertigzustellen. Der Kranz gebührt ihm.”

Chinnaswami wollte meine Rolle nicht öffentlich bestätigen, obwohl er mir unter vier Augen schon gesagt hatte, ich hätte gute Arbeit geleistet. Nach kurzem Zögern hängte er den Blumenkranz um ein Bild von Bhagavan und setzte sich wieder.

Irgendwann in dieser Zeit, ich erinnere mich nicht genau, wann, trug mir Bhagavan auf, einige Stufen an der dem Ashram zugewandten Seite des Pali Teertham anzulegen, damit die Devotees bequem zum Wasser hinuntersteigen könnten. Er ging mit mir zu dem Wasserreservoir, zeigte mir, wo die Stufen gebaut werden sollten und wie breit er sie wünschte.

Der Pali Teertham ist ein großes quadratisches Bassin von ca. 45 Metern Seitenlänge, dessen Ostseite an das Ashramgelände grenzt. Es wird von einer Quelle auf dem Arunachala gespeist. In gefülltem Zustand ist es etwa 5 Meter tief.

Damals gab es dort noch keine Stufen. Devotees, die zum Wasser wollten, mußten über die Felsen an der Ostseite des Bassins steigen. Alle diese Felsen mußten zuerst aus dem Weg geräumt werden. Es war schon zu spät, um an diesem Tag noch Arbeiter zu finden, deshalb machte ich mich selbst ans Werk. Ich versuchte, einige Steine zu bewegen, aber sie waren viel zu schwer für mich. Nach ein paar vergeblichen Versuchen ging ich zu Ramaswami Pillai und fragte ihn, ob er mir einige seiner Mitarbeiter überlassen könne. Damals war er für den Ashramgarten verantwortlich und hatte sieben oder acht Leute unter sich. Ramaswami Pillai zeigte kein Interesse für mein Problem. Er sagte nur, er könne niemanden von seinen Leuten entbehren, weil alle mit wichtigen Arbeiten beschäftigt seien. Ich ging wieder zu Bhagavan, erklärte ihm, daß ich die Steine nicht allein von der Stelle bringen könne, und fügte hinzu, daß Ramaswami Pillai mir keinen seiner Arbeiter ausgeliehen habe.

Bhagavan hörte sich meine Schilderung an und erklärte dann zu meiner Verblüffung: „Wenn du keinen anderen findest, komme ich selbst und helfe dir.”

Bhagavan kam zum Pali Teertham und deutete auf einen großen, aus dem Schlamm ragenden Stein. „Fangen wir mit diesem an”, sagte er.

Als wir uns gemeinsam bemühten, ihn hochzuheben, rutschte Bhagavans Handtuch von seiner Schulter und fiel in den Schlamm. Wir merkten bald, daß dieser Stein zu groß für uns war. Zwar gelang es uns, ihn an einer Seite ein wenig anzuheben, aber wir konnten ihn nicht von der Stelle bewegen. Bhagavan sagte, ich solle den Stein wieder loslassen, er sei zu schwer für uns. Als er fiel, hatte sich Bhagavans Handtuch darunter im Schlamm festgeklemmt. Bhagavan stellte daraufhin die Arbeit ein, ließ sein Handtuch liegen und kehrte in die Halle zurück.

Nun war mir klar, daß niemand als Chinnaswami helfen könnte. Ich ging zu ihm und sagte: „Weißt du, wo Bhagavans Handtuch ist? Es steckt unter einem Stein am Pali Teertham fest.”

Ich brachte ihn zu dem Wassereservoir, zeigte ihm das Handtuch und berichtete ihm kurz, was sich dort zugetragen hatte.

Chinnaswami war schockiert, als er hörte, daß Bhagavan als Kuli hatte arbeiten müssen, weil sonst niemand im Ashram zu finden war, der mir geholfen hätte. Er ging zu Ramaswami Pillai und forderte ihn auf, alle seine Gartenarbeiter zum Pali Teertham zu schicken. Zuerst erhob Ramaswami Pillai Einspruch: „Dies sind Gärtner. Warum sollte ich sie zum Steineschleppen ans Bassin abkommandieren? Wer soll sich um den Garten kümmern, wenn sie alle dort arbeiten?”

Chinnaswami ließ den Einwand nicht gelten und schickte sämtliche Gärtner zum Bassin, wo sie mir helfen mußten. Rückblickend denke ich, daß Bhagavans kurzer Versuch zu helfen nur ein Trick war, um mir zusätzliche Hilfskräfte zu verschaffen. Als er mich anwies, den ersten Stein zu heben, wußte er sehr wohl, daß sich sein Handtuch darunter festklemmen würde. Er wußte auch aus früherer Erfahrung, wie Chinnaswami darauf reagieren würde.

Oft fiel es mir schwer, die verschiedenen Aufgaben zu verrichten, die Bhagavan mir gelegentlich übertrug. Zwei- oder dreimal mußte ich ihm erklären, daß ich eine bestimmte Arbeit unmöglich allein ausführen konnte. Jedesmal bot Bhagavan an, mir zu helfen. Die anderen Devotees sahen es aber nicht gern, wenn Bhagavan körperlich arbeitete, deshalb regten sie Chinnaswami an, mir für alle anfallenden kleineren Arbeiten einen ständigen Mitarbeiter zur Seite zu stellen; aber das geschah erst später. Als ich die Stufen am Pali Teertham baute, mußte ich die kleineren Arbeiten noch allein tun.

Ramaswami Pillai war über Chinnaswamis Eingreifen sehr verärgert. Er dachte bei sich: „Bhagavan und Chinnaswami sind auf Annamalai Swamis Seite. Ich habe hier nichts mehr zu suchen. Ich gehe in mein Dorf zurück und bleibe dort.”

Er verließ den Ashram, aber bald bereute er diesen Entschluß.Nach knapp einem Monat schrieb er Chinnaswami folgende rätselhafte Zeilen: „Ich versuchte, in der Straße der Schmiede Nadeln zu verkaufen. Doch wenn alle in dieser Straße Nadeln herstellen, wer will sie dann kaufen?”

Er sagte nicht direkt, daß er zurückkommen wolle, aber wir alle hielten das für den eigentlichen Grund seines Schreibens. Chinnaswami zeigte Bhagavan den Brief und fragte, was er tun solle. Bhagavan sagte, er solle nicht darauf antworten. Etwa einen Monat später kam Ramaswami Pillai von allein wieder, und Chinnaswami gab ihm seinen alten Posten gern zurück.

Bhagavan hatte mich angewiesen, zwei Treppen zu bauen: eine mit breiten Stufen im mittleren Teil der Ostseite und eine andere mit ein wenig schmaleren Stufen näher an den Ashramgebäuden. Nach vieltägiger Arbeit hatte ich alle breiten und bis auf vier oder fünf auch die schmalen Stufen fertiggestellt — es war am Ende eines normalen Arbeitstages im Hochsommer. Plötzlich verspürte ich den starken Drang, die Arbeit noch am selben Tag zu Ende zu bringen. Ich wußte, daß ich das nicht allein bewältigen konnte; daher schlug ich den Arbeitern vor, gegen eine Lohnzulage länger zu bleiben und mir zu helfen. Damit waren alle einverstanden. Bhagavan schien mein Tun zu billigen. Er beauftragte Krishnaswami, seinen Betreuer, ein paar elektrische Lampen als Arbeitsbeleuchtung für uns aufzustellen:

„Annamalai Swami ist plötzlich eisern entschlossen, die Arbeit heute Nacht zu vollenden. Hilf ihm und stelle ein paar Lampen auf”

Die Arbeit ging reibungslos vonstatten, und gegen 23 Uhr hatten wir die letzte Stufe fertiggestellt. Etwa eine Stunde später brach ein Unwetter mit sintflutartigem Regen aus, der innerhalb einer Stunde den Pali Teertham bis zum Rand auffüllte. Vor dem Sturm war das Bassin fast leer gewesen. Der ausgetrocknete Bach hinter dem Ashram schwoll in Minuten zu 60 cm Tiefe und 1,50 m Weite an. Im Bassin blieb der Wasserspiegel mehrere Wochen unverändert hoch. Wären wir an jenem Abend nicht geblieben, um die Stufen fertigzustellen, dann hätte die Arbeit auf unbestimmte Zeit verschoben werden müssen. Hatte Bhagavan mir diesen Entschluß zu nächtlicher Arbeit eingepflanzt? Ich kann es nicht sagen, aber es würde mich nicht wundern.

Für mich war es nicht ungewöhnlich, nachts zu arbeiten. Für Bhagavan machte ich, wenn nötig, täglich vierundzwanzig Stunden Dienst. Oft mußte ich mitten in der Nacht aufstehen, um das Abladen schwerer Granitblöcke zu überwachen, die ich in Adi-Annamalai bestellt hatte. Diese bis zu drei Meter langen Steine abzuladen, war eine harte Arbeit. Die Fuhrleute entluden ihre Ochsenkarren ungern in der Tageshitze, sie erledigten das lieber zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens. Wenn die Lieferungen eintrafen, kam Bhagavan an mein Zimmer und weckte mich. Ich hielt für den Fall einer überraschenden nächtlichen Lieferung von Steinen immer eine Sturmlaterne bereit.

Bhagavan sagte mir dann: „Nimm deine Sturmlaterne und zeige den Leuten, wo sie abladen sollen. Gib ihnen auch eine Eisenstange, damit sie die Steine leichter anheben können.”

Diese Steine zu bestellen, war eine meiner angenehmeren Pflichten. Das Dorf Adi-Annamalai liegt am Giri Pradakshina-Weg, etwa 5 1/2 km vom Ashram entfernt. Immer wenn wir neue Steine brauchten, verließ ich den Ashram morgens um 6 Uhr und wanderte zu dem Dorf. Ich nahm mir ein Päckchen Iddlies sowie Bananen und Reis mit, weil die Besprechungen sich oft mehrere Stunden hinzogen. Bevor ich ging, teilte ich Bhagavan immer mit, was ich vorhatte. Ich glaube, diese Aufgabe hätte Bhagavan auch gerne übernommen.

Mehrmals sagte er mir: „Wenn ich solches Essen bekäme, würde ich diese Arbeit mit Vergnügen tun.”

Bis zu dem Dorf war es ein Fußmarsch von etwa eineinhalb Stunden. Danach nahm es den größten Teil des Vormittags in Anspruch, den Steinmetzen genaue Anweisungen zu geben. Nach getaner Arbeit ging ich zum Adi-Annamalai-Tempel, wo es gutes Trinkwasser gab, und verzehrte dort mein Mittagessen. Dann vollendete ich die Giri Pradakshina und traf gegen 13 Uhr wieder im Ashram ein.

Obwohl ich reichlich ausgelastet war, bestand Bhagavan einmal darauf, daß ich zehn von ihm ausgewählte Verse des Shivananda Lahari auswendig lernte.

Ein andermal sagte er mir: „Wenn du Moksha willst, schreibe dieses Buch (Ellam Ondre) in dein Notizbuch ab. Dann studiere es gründlich und lebe nach seinen Vorschriften”

Ich erwiderte: „Du hältst mich sehr beschäftigt. Ich habe keine Zeit, das Buch abzuschreiben. Wenn ein anderer das tut, will ich es gern lesen und studieren.”

Ellam Ondre (Alles ist Eins) ist eine Tamil-Schrift aus dem 19. Jahrhundert über die Vedanta-Philosophie. Die einzige auffindbare englische Übersetzung erschien 1950 als Privatdruck in Colombo zur Erinnerung an Bhagavans 71. Geburtstag.

Bhagavan ließ meine Ausflüchte nicht gelten: „Du hast noch genug Zeit, deinen Mekkedu (tägliche Aufstellung für Chinnaswami, die ihm zeigte, wieviel er jedem Arbeiter zu zahlen hatte) zu schreiben. Willst du Moksha erlangen, indem du dafür bezahlst? Ich habe dich aufgefordert, das Buch selbst abzuschreiben, denn so hinterläßt es einen tiefen Eindruck in deinem Gemüt. Es einmal zu schreiben ist so gut, wie es zehnmal zu lesen. Schreibe jeden Tag ein wenig, es eilt nicht. Auch wenn es einen Monat dauert, tu es selbst.”

Von diesem Tag an sparte ich jeden Tag ein bißchen Zeit für das Abschreiben auf. Bhagavan selbst half mir, indem er die Überschriften aller Kapitel in das Inhaltsverzeichnis meines Notizbuchs eintrug. Er legte auch letzte Hand an die Abschrift, indem er die Abschlußzeile selbst schrieb. Als die Abschrift fertig war, sah er mein Notizbuch durch und korrigierte meine Fehler. Ich konnte zwar recht gut lesen, hatte mir aber nie die Mühe gemacht, richtig schreiben zu lernen.

Ein anderes Mal schrieb er während einer Besprechung von Bauvorhaben einen Vers aus dem Tirukkural ab und gab ihn mir: „Der Zustand der Einheit, im Selbst gegründet, ist großartiger als der größte Berg.”

Noch heute habe ich diesen Vers. Er steckt jetzt unter einem Foto von Bhagavan in meinem Zimmer.

Bhagavan ermahnte mich oft, ich solle mir auch bei der Arbeit meines Selbst bewußt bleiben: „Vergiß nicht deine wahre Natur. Es ist nicht nötig, dass du dich zur Meditation hinsetzt. Du solltest immer meditieren, auch bei der Arbeit.”

Als ich zu Bhagavan kam, hatte ich ihn zuerst um ein Mantra gebeten. Er wies mich daraufhin an, ständig „Shiva, Shiva” zu wiederholen. Später riet er mir, bei der Arbeit die Aufmerksamkeit auf das Herz zu richten. Ich wußte, daß Bhagavan das Herzzentrum auf der rechten Brustseite lokalisiert hatte, und nahm daher an, daß ich mich auf diese Stelle sammeln sollte. Als ich aber anfing, dies zu üben, korrigierte er mich:

„Dieses Herzzentrum auf der rechten Seite ist nicht das wahre Herz. Das wirkliche Herz hat keinen Ort. Es ist alldurchdringend.” „Meditiere nicht weiter auf das Herzzentrum”, fuhr er fort. „Finde die Quelle. Wenn das Zentrum des Selbst wirklich im Körper läge, dann würde auch das Selbst beim Tod des Leibes sterben.”

Ich entnahm diesen Darlegungen, daß man durch Sammlung auf das Herzzentrum ebensowenig eine direkte Erfahrung des Selbst erlangen könne, wie man die Natur des elektrischen Stroms verstehen kann, indem man die Zähleruhr in seinem Haus anstarrt. Ich sammelte mich daher nicht weiter auf dieses Herzzentrum und bemühte mich, Bhagavans Anweisung zu befolgen.

Um bei der Arbeit innerlich auf das Selbst gesammelt zu bleiben, bediente ich mich mit Bhagavans Einwilligung der traditionellen Formel „neti-neti” (nicht dies, nicht das) und der Bekräftigung: „Ich bin nicht der Leib, ich bin nicht das Gemüt. Ich bin das Selbst. Ich bin alles.”

In diesem Zusammenhang muß ich erwähnen, daß Bhagavan mir einmal eine Art Initiation durch Berührung (Hasta Diksha) gab, auch wenn er zweifellos bestreiten würde, daß dies seine Absicht gewesen sei.

Es geschah im alten Speisesaal. Dort gab es einen Wasserhahn, der als Hauptwasserquelle für den Ashram diente. Die Devotees füllten an ihm ihre Eimer, und manche nahmen auch in der Nähe dieser Zapfstelle ihr Bad. Der ständige Wasserfluß hatte den Boden sehr schlammig gemacht; deshalb trug mir Bhagavan auf, um den Hahn eine Plattform aus Ziegeln und Zement anzulegen. Während ich daran arbeitete, saß Bhagavan auf einem Sessel in der Nähe. Als ich einmal aufstand, stieß ich mit dem Kopf gegen den Hahn. Sofort bildete sich ein großer blauer Fleck. Bhagavan ließ Madhava Swami etwas Jambak (schmerzlindernde Salbe) für mich bringen. Er rieb mir die Salbe ein und massierte etwa eine Viertelstunde lang die verletzte Stelle, während ich mit der Arbeit fortfuhr.

Ich dachte: „Bhagavan sagt immer, ich sei nicht der Körper, warum nun soviel Aufhebens um diese Kleinigkeit?”

Dann kam mir ein anderer Gedanke: „Das Ärgernis hat sich als Segen erwiesen. Nur wegen dieses Mißgeschicks habe ich das Glück, daß Bhagavan mir beide Hände auf den Kopf legt. Ich habe es zwar zuerst nicht bemerkt, aber Bhagavan segnet mich jetzt mit Hasta Diksha (Berührung der Hand).”

Bhagavan lehnte es stets ab, eine förmliche Hasta Diksha zu geben, obwohl ihn etliche Leute darum baten. Chadwick gehörte zu denen, die auf diese Weise initiiert werden wollten. Irgendwann in den dreißiger Jahren versuchte er, Bhagavan in sein Zimmer zu dirigieren, um dort Hasta Diksha von ihm zu erbitten. Damals kam Bhagavan täglich auf seinem Mittagsspaziergang nach Palakottu an den Banyanbäumen hinter dem heutigen Ashram-Hospital vorbei. Chadwick bat Rangaswami, damals Bhagavans Betreuer, ihn auf dem Rückweg an seinem Zimmer vorbeizubringen. Er hatte sogar schon einen besonderen Fußweg angelegt, damit Bhagavan das Zimmer bequem erreichen konnte. Bhagavan muß den Plan jedoch durchschaut haben, denn an dem Tag, als Rangaswami ihn umzudirigieren versuchte, nahm er nicht den gewohnten Rückweg, sondern machte einen weiten Umweg und kehrte schließlich auf einem Pfad am Hang des Arunachala zurück. Chadwick verstand den Hinweis und ließ seinen Plan fallen.

Ich lernte Major Chadwick an dem Tag kennen, als er erstmals den Shri Ramanasramam betrat. Ich war der erste Ashrambewohner, den er traf, als er 1935 durch das Ashramtor schritt. Ich stand unter dem großen Iluppaibaum, der sich heute noch in der Nähe des Haupteingangs befindet. Chadwick kam zu mir, er hielt mich für Ramana Maharshi, und verneigte sich vor mir.

Ich versuchte ihm zu erklären, daß ich nicht Ramana Maharshi sei: „Ramana Maharshi ist in der Halle. Wenn Sie seinen Darshan wünschen, zeige ich Ihnen, wo er ist.”

Dies alles drückten wir durch Gesten aus, weil keiner von uns des anderen Sprache verstand. Um alles klarer zu machen, führte ich ihn zur Halle und zeigte ihm den echten Bhagavan. Chadwick stellte sich vor, und dann unterhielt sich Bhagavan mehrere Stunden lang mit ihm auf Englisch. Das war sehr ungewöhnlich: Bhagavan führte höchst selten längere Gespräche auf Englisch, obwohl er die Sprache recht gut beherrschte.

Es zeigte sich bald, daß Chadwick vorhatte, für längere Zeit im Ashram zu bleiben. Das Problem war aber, daß wir ihn nicht angemessen unterbringen konnten. Da ich eins der größten Zimmer im Ashram bewohnte, entschied Chinnaswami schließlich, daß ich es für Chadwick räumen sollte. Für mich war das nicht schwierig, ich konnte ohne weiteres in eine der Kokoszweighütten des Ashrams umziehen. Man bot Chadwick eine solche Hütte nicht an, denn wir alle fanden, sie sei viel zu primitiv als Behausung für einen Ausländer. Während ich noch meine Sachen zusammenpackte, zeigte man Chadwick das Zimmer. Als er merkte, daß ich ausweichen mußte, um Platz für ihn zu schaffen, weigerte er sich, das Zimmer zu akzeptieren.

„Dieser Mann ist mir sehr sympathisch”, sagte er. „Er darf nicht meinetwegen aus seinem Zimmer gewiesen werden. Wenn ihr ihn hinauswerft, gehe ich auch und suche mir anderswo eine Unterkunft. Der Raum ist groß genug für uns beide.”

Wir alle waren überrascht, daß sich dieser vornehm wirkende Ausländer bereit fand, mit einem wildfremden Menschen das Zimmer zu teilen, zumal er wußte, daß er es allein hätte haben können. Da es jedoch keine Einwände gab, zog Chadwick zu mir und blieb ca. anderthalb Jahre in dem Zimmer.

Chadwick schrieb in „A Sadhu's Reminiscences”, dem Bericht über seine Jahre bei Bhagavan, daß sie das Zimmer nur für drei Monate teilten. Als ich Annamalai Swami darauf aufmerksam machte, erwiderte er, Chadwick habe die Daten vermutlich vergessen. Er erinnere sich, den Raum weit über ein Jahr mit Chadwick geteilt zu haben.

Obwohl wir anfangs kaum miteinander sprechen konnten - später lernte ich ein paar Worte Englisch, und Chadwick lernte ein wenig Tamil, wurden wir bald gute Freunde.

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Oft wanderten wir zusammen um den Arunachala; wir nahmen meist den inneren Weg statt der äußeren Straße. Bei diesen Gängen unterhielt ich ihn mit Geschichten aus dem Yoga Vasishta und dem Kaivalya Navanitam.

Kaivalya Navanitam ist ein Tamil-Werk über die Advaita-Philosophie. Im Yoga Vasishta, einem Valmiki zugeschriebenen Sanskritwerk, beantwortet der Weise Vasishta die Fragen Ramas.

Natürlich konnte ich die Geschichten nur in gröbsten Umrissen wiedergeben, denn mir standen nur etwa fünfzig englische Worte zur Verfügung, aber Chadwick hörte diesen Erzählungen in komischem Pidgin-Englisch gerne zu, weil sie ihm Gelegenheit gaben, später mit Bhagavan darüber zu sprechen.

Wenn wir von unseren Spaziergängen zurückkamen, berichtete er Bhagavan etwa: „Annamalai Swami wollte mir eine Geschichte aus dem Yoga Vasishta erzählen, aber ich habe nur wenig davon verstanden.”

Bhagavan fragte mich dann, welche Geschichte ich erzählt hätte, und gab hierauf Chadwick eine ausführliche Darstellung auf Englisch.

Auf einer unserer Wanderungen um den Arunachala riß Chadwicks Sandalenriemen. Das war für ihn ein peinliches Mißgeschick, denn er konnte nicht barfuß auf dem steinigen Weg gehen. Er setzte sich hin und rief laut: „Arunachala” Augenblicke später hörten wir die Antwort: „Om Arunachala er flickte den Riemen mit zwei Nägeln, die er aus seinen eigenen Sandalen zog. Kurz darauf verließ er uns, weil er nach seinen Ziegen sehen mußte. Im Ashram angekommen, erzählte Chadwick Bhagavan von dem Erlebnis. Er schloß seinen Bericht mit den Worten: „Ich rief Arunachala, und Arunachala kam mir zur Hilfe.”

Bhagavan bestätigte: „Ja, Arunachala selbst hat dir geholfen.”

In der Zeit unseres Zusammenlebens machte mich Chadwick durch den Respekt, den er mir erwies, oft verlegen. Einmal ließ er sich sogar von seinem Diener dabei fotografieren, wie er vor mir Namaskaram ausführte. Er fotografierte mich auch oft bei der Arbeit am Bau. Was schließlich aus den Fotos geworden ist, weiß ich nicht, weil Chinnaswami sich diese von Chadwick geben ließ.

Ich durchforschte das ganze Fotoarchiv des Shri Ramanasramam in der Hoffnung, einige der Fotos als Illustrationen in dieses Buch aufnehmen zu können. Leider scheint keins von ihnen erhalten zu sein. Die Bilder in diesem Buch stammen aus anderen Quellen.

Nach anderthalb Jahren wollte Chadwick ein Zimmer für sich haben. Chinnaswami erlaubte ihm, auf dem Ashramgelände ein kleines Haus zu bauen, in jenen Tagen ein selten gewährtes Privileg. Bhagavan war damit offensichtlich einverstanden, denn er half mir bei der Aufsicht über die Bauarbeiten. Er kam auch zur Einweihungsfeier (Grihapravesham) und führte den Vorsitz, in einem großen hölzernen Stuhl sitzend, den Chadwick fürsorglich bereitgestellt hatte.

Kurz darauf beschloß Chadwick, sich den lang gehegten Wunsch zu erfüllen, für einen Monat nach Japan zu reisen. In seiner Abwesenheit ließ Bhagavan mich eine Regenrinne an das Dach von Chadwicks Zimmer anbringen, weil er bemerkt hatte, daß Regenwasser zwischen der Vorderwand und dem Strohdach der Veranda herunterfloß. Er erklärte mir, wie ich vorzugehen hätte, und vergewisserte sich später, daß die Arbeit richtig ausgeführt war. Chadwicks aus Kerala stammender Diener durfte während dieses Monats Heimaturlaub machen. Als Chadwick uns das Datum seiner Rückkehr mitteilte, ließ Bhagavan den Diener durch das Büro verständigen, damit er rechtzeitig zurückkommen konnte. Ich erwähne diese Nebensächlichkeiten, weil sie Bhagavans liebevolle Fürsorge verdeutlichen, die er seinen echten Devotees immer erwies.

Chadwick wohnte schon ein paar Monate im Ashram, als ein Devotee namens Seshayer ihn bei Bhagavan anschuldigte, er bekomme per Post Fleischpakete. Die Beschuldigung war absurd, da aber die Ashramverwaltung den Verzehr von Fleisch auf dem Ashramgelände nicht gestattete, ließ Bhagavan mich rufen und fragte, ob das wahr sei. Da ich das Zimmer mit Chadwick teilte und ihn täglich beim Essen sah, konnte ich Bhagavan versichern, daß der Vorwurf völlig aus der Luft gegriffen sei.

Bhagavan schloß das Thema ab, indem er einige Verse von Appar zitierte:

Wenn ein Mensch, der so schlecht ist, daß er das Fleisch von Kühen ißt, zum Verehrer Shivas wird, der den Ganges in seinem Haar trägt, ist er doch mein Gott, und ich muß mich trotz dieser Sünde vor ihm verbeugen.

Bevor ich mit Annamalai Swamis Bericht fortfahre, möchte ich darlegen, wie ich das Material für dieses Buch gesammelt und angeordnet habe. Ich habe Annamalai Swami 1987 über einen Zeitraum von sechs Wochen interviewt. Er ließ dabei zwar ein sehr gutes Gedächtnis für fünfzig bis sechzig Jahre zurückliegende Einzelheiten erkennen, konnte sich aber nicht an die Reihenfolge der Ereignisse oder an genaue Daten erinnern. Um zu einer verläßlichen Chronologie zu kommen, verglich ich seine Erzählungen mit veröffentlichten Berichten anderer Devotees und durchforschte alte Rechnungsbücher des Ashrams, aus denen zu entnehmen war, wann welche Bauprojekte durchgeführt wurden. Ich zog auch sämtliche alten Fotografien des Ashrams hinzu, um daraus die Abfolge der Baumaßnahmen zu ersehen. Soweit wie möglich versuchte ich, die Schilderungen Annamalai Swamis durch Gespräche mit Devotees wie Ramaswami Pillai und Kunjuswami, die ebenfalls in den zwanziger und dreißiger Jahren im Ashram gelebt und gearbeitet hatten, zu bestätigen. Als Ergebnis dieser Nachforschungen kann ich sagen, daß zwar die Erzählungen auf Annamalai Swamis Erinnerung und seinen Tagebuchnotizen beruhen, der Aufbau des Buches und die Anordnung der Erzählungen jedoch von mir stammen. Zur abschließenden Prüfung hat Annamalai Swami mein Manuskript zweimal durchgesehen, einige Details korrigiert und sich davon überzeugt, daß alles korrekt nacherzählt ist.

Ein- oder zweimal konnte ich Annamalai Swami davon überzeugen, daß die von mir aufgespürten Daten verläßlicher waren als seine eigene Erinnerung. Er glaubte z. B. fest, er sei erst 1930 zu Bhagavan gekommen, bis ich ihm nachwies, daß Seshadri Swami, dem er auf seinem Weg zum Ramanasramam begegnete, bereits im Januar 1929 gestorben war. Über einige andere Ereignisse im Zusammenhang mit dem Bau des Tempels für die Mutter konnten wir uns jedoch nie einig werden. Annamalai Swami verließ den Ashram im Jahr 1938 (die Einzelheiten werden später in diesem Kapitel berichtet) und zog nach Palakottu, um sich gründlicher der Meditation zu widmen. Alle Belege, die ich auffinden konnte, bezeugen jedoch, daß die Arbeiten am Tempel der Mutter erst 1939 begannen. Eine Zeremonie zu Beginn der Bauarbeiten fand im September 1939 statt, woran noch heute eine Datumsplakette an der südlichen Außenwand des Tempels erinnert. Aber obwohl ich Annamalai Swami alle diesbezüglichen Aufzeichnungen vorlegte, blieb er nach wie vor überzeugt, daß er an diesem Tempel arbeitete, bevor er Mitte 1938 aus dem Ashram auszog. Aus Respekt vor seinen Wünschen habe ich daher seine Berichte über den Tempelbau diesem Kapitel eingefügt, obwohl ich persönlich der Meinung bin, daß sie in die frühen bis mittleren vierziger Jahre gehören, eine Phase, in der Annamalai Swami wieder Bauarbeiten im Ashram leitete.

Meine letzte größere Arbeit für den Ashram war die Leitung eines Teils der Bauarbeiten am Garbhagriha (innerer Schrein, Cello) des Tempels für die Mutter. Der leitende Sthapati (Tempelbaumeister) führte die Oberaufsicht; ich beaufsichtigte nur einige Arbeiter und setzte ihren Tageslohn fest. Chinnaswami plante schon seit Jahren, einen großen Tempel über den sterblichen Resten seiner Mutter zu errichten. Bhagavan hatte eingewilligt, aber der Bau des Tempels wurde verschoben, bis die meisten anderen großen Gebäude im Ashram fertiggestellt waren. Irgendwann gegen Ende der dreißiger Jahre bat mich Chinnaswami zu erkunden, was Bhagavan in bezug auf den Tempel wirklich vorhätte.

„Bhagavan teilt dir seine Pläne immer direkt mit”, sagte er. „Frage ihn bitte, was aus dem Tempel für die Mutter werden soll, ob wir ihn schlicht oder in großem Format bauen sollen.”

Als ich Bhagavan fragte, antwortete er: „Wenn er groß und solide gebaut wird, bin ich froh.”

Diese Nachricht machte Chinnaswami, der jahrelang über Bhagavans Absichten im Zweifel gewesen war, überglücklich. Er begann sofort mit Vorbereitungen für den Bau.

Da es sich nicht um gewöhnliche Maurerarbeiten handelte, mußte ein Fachmann von außen beauftragt werden. Das gesamte Projekt wurde einem Sthapati übertragen, einem Experten für Tempelbau und -architektur. Er brachte eine Anzahl gelernter Steinmetze mit, die über viel Erfahrung im Tempelbau verfügten. Alle diese Arbeiter wurden täglich entlohnt, und ich mußte einige von ihnen beaufsichtigen, um sicherzustellen, daß sie für ihr Geld auch gute Arbeit leisteten. Vom Tempelbau verstand ich zwar wenig, aber als erfahrener Bauleiter erkannte ich bald, daß die Steinmetze absichtlich sehr langsam vorankamen. Da sie als Facharbeiter eingestuft waren, bekamen sie für die wenige Arbeit einen sehr hohen Tageslohn. Mir schien es, als nähmen sie sich absichtlich drei Tage für das Arbeitspensum eines Tages. Ich hielt ihnen vor, daß sie den Ashram übervorteilten, und bemühte mich, sie zu redlicherer Arbeit anzuhalten, aber sie ließen sich nicht beirren.

Einer von ihnen erklärte mir: „Ihr Leute hier eßt und schlaft umsonst. Warum läßt du uns nicht in Ruhe? Du verlierst doch nichts, wenn wir langsam arbeiten.”

Nach mehreren vergeblichen Versuchen, sie zu ordentlichem Arbeiten zu bewegen, berichtete ich Bhagavan davon:

„Die Tempelbauleute arbeiten sehr langsam. Abends zahlt Chinnaswami ihnen aus, was ich auf die Lohnliste geschrieben habe. Ich möchte das Geld des Ashrams nicht an unredliche Arbeiter verschwenden, bin aber auch nicht befugt, sie zu entlassen. Täglich schreibe ich für sie einen vollen Tageslohn auf die Liste, aber sie nehmen sich drei Tage für ein Tagespensum. Wenn ich ihnen für nicht getane Arbeit Lohn gutschreibe, betrüge ich dann nicht auch den Ashram?”

„Mach dir deswegen keine Sorgen”, antwortete Bhagavan. „Wenn sie uns betrügen und vom Ashram Geld nehmen, das ihnen nicht zusteht, wird ihnen davon nichts bleiben. Letztlich werden sie nur ihre Hämmer und Meißel behalten. Der unredlich erworbene Lohn wird ihnen zwischen den Fingern zerrinnen. Bhagavan können sie nicht betrügen, sondern nur sich selbst. Bhagavan können sie nicht ausbeuten.”

Er schwieg eine Weile und fuhr dann fort: „Sie schröpfen und übervorteilen den Ashram, aber das Geld wird ihnen nicht bleiben. Wir brauchen uns um die finanzielle Seite der Arbeit nicht zu sorgen. Gott wird uns alles Geld, das wir benötigen, zur Verfügung stellen.”

Wie üblich erwies sich Bhagavans Vertrauen als gerechtfertigt. Der Tempelbau belastete die Ashramfinanzen erheblich, aber es gelang uns immer, die Arbeit in Gang zu halten. An manchen Abenden konnte der Ashram nur mit den während des Tages eingegangenen Spenden die Löhne auszahlen. Morgens stellten wir Arbeiter ein, obwohl wir wußten, daß wir kein Geld für ihre Entlohnung hatten. Im Laufe des Tages trafen auf verschiedenen Wegen Spenden ein, und am Abend war immer genug da, um die Löhne auszuzahlen.

Ich fand es schließlich unvereinbar mit meinem Gewissen, die Tempelarbeiter weiterhin zu beaufsichtigen.

„Ich möchte diese Arbeit nicht länger tun”, erklärte ich Chinnaswami. „Jedesmal, wenn ich die Lohnliste schreibe, habe ich das Gefühl, den Ashram zu betrügen.”

Chinnaswami akzeptierte meine Kündigung und bat den verantwortlichen Sthapati, die gesamte Bauleitung zu übernehmen. Ich beaufsichtigte wieder die Arbeiten an den anderen noch unvollendeten Bauprojekten des Ashrams.

Es ist allgemein bekannt, daß Bhagavan nie Geld anrührte, aber während der Arbeiten am Tempel der Mutter sah ich einmal, wie er für ein paar Minuten Geld in die Hand nahm. Einer der Facharbeiter, der sehr gut gearbeitet hatte, war entlassen worden, nur weil der leitende Sthapati eine persönliche Abneigung gegen ihn hegte.

Der Mann kam zu Bhagavan, legte ihm sein Abfindungsgeld in die Hände und sagte: „Ich habe stets redlich gearbeitet, aber dieser Mann hat mir gekündigt. Segnet mich bitte, Bhagavan”

Bhagavan segnete ihn schweigend, indem er ihn etwa zehn Minuten lang anblickte. Dann gab er ihm das Geld zurück.

Als die Mauern des Garbhagriha bis zur Deckenhöhe fertiggestellt waren, bat mich Bhagavan, den Namen des Tempels auf die Vorderwand zu schreiben. Über dem Eingang zum Garbhagriha sieht man zwei aus Stein gemeißelte Elefanten. Zu ihren Füßen befindet sich eine steinerne Schriftrolle, in die der vollständige Name des Tempels Matrubhuteshwaralayam (Tempel Gottes in der Form der Mutter) eingemeißelt ist. Bhagavan schrieb den Namen für mich in Sanskritschriftzeichen. Sein Plan war, daß ich eine Schablone anfertigte und damit die Schriftzeichen auf die Steinrolle übertrug. Später sollte dann einer der Steinmetzen den Namen aus der von mir bemalten Fläche ausmeißeln.

Ich saß bei Bhagavan in der Halle und schnitt den Namen vorsichtig aus. Ich arbeitete mit voller Konzentration, denn ich wußte, daß er mir keinen Fehler durchgehen lassen würde. Bhagavan schaute mir die ganze Zeit bei der Arbeit zu. Gegen fünfzehn Uhr verließ Bhagavan gewöhnlich die Halle, um zur Toilette zu gehen. Auch an jenem Tag stand er um diese Zeit auf und ging zur Tür. Außer mir erhoben sich alle in der Halle Anwesenden. Ich war gerade dabei, einen Buchstaben auszuschneiden, und wollte nicht riskieren, ihn zu verderben, indem ich die Schere vom Papier absetzte.

Hinter mir hörte ich jemanden tuscheln: „Bhagavan ist aufgestanden, aber dieser Mann hat keinen Respekt vor ihm. Er sitzt immer noch auf dem Boden. Er hat nicht einmal seine Arbeit unterbrochen.”

Auch Bhagavan muß das gehört haben, denn er ging nun doch nicht hinaus, sondern kam zurück und setzte sich neben mich auf den Boden. Er legte mir seine Hand auf die Schulter und sah mir aufmerksam zu, wie ich den Buchstaben weiter ausschnitt. Schließlich stand er auf und setzte sich wieder auf die Couch. Danach beschwerte sich niemand mehr über meinen Mangel an Respekt.

Als ich die Schriftzeichen mit der Schablone auf die Rolle unter den Elefantenfüßen übertrug, versuchte der leitende Sthapati, mich daran zu hindern. Er mochte mich nicht besonders, weil ich mit ihm schon über die Faulheit seiner Leute gesprochen hatte.

Er rief mir zu: „Hör damit auf.”

Wieder kam Bhagavan mir zu Hilfe. Er hatte in der Nähe gestanden und mir beim Zeichnen der Buchstaben zugesehen.

Mit den Worten: „Er tut das nicht von sich aus, ich habe ihn beauftragt”, brachte er den Sthapati zum Schweigen.

Der Sthapati wußte, daß er sich Bhagavans Wunsch nicht widersetzen konnte, und so ließ er mich die Arbeit zu Ende bringen.

Kurz vor Beendigung der Bauarbeiten wurde ein Bildhauer beauftragt, für den Tempel eine Statue der Yogambika aus fünf verschiedenen Metallen anzufertigen. Sie sollte nach der Methode des „verlorenen Wachses” hergestellt werden. Bei dieser Technik wird die Figur zuerst aus Wachs modelliert und dann bis auf eine kleine Öffnung vollständig mit Lehm umhüllt. Wenn der Lehm getrocknet ist, wird er durch Brennen gehärtet. Die Hitze läßt alles Wachs durch das schmale Loch hinausfließen; zurückbleibt die Hohlform aus gebranntem Lehm, in die das geschmolzene Metall gegossen werden kann.

Das Metall mußte zu einem glückverheißenden Zeitpunkt in die Form gegossen werden. Dafür wählten die zu Rate gezogenen Astrologen einen bestimmten Tag aus und setzten die Zeit für den Guß auf 8 bis 11.30 Uhr vormittags fest. Die Form wurde vorher angefertigt, weil für ihre Herstellung keine besonders günstige Stunde zu beachten war.

Der Bildhauer entfachte am festgesetzten Tag um 8 Uhr zwischen dem Ashram-Hospital und den Banyanbäumen das Feuer. Er bemühte sich mehrere Stunden lang nach besten Kräften, die Metalle im Tiegelofen zum Schmelzen zu bringen, aber es gelang ihm nicht. Ich kenne mich in diesen Dingen nicht aus, aber selbst ich konnte spüren, daß das Feuer sehr, sehr heiß war. Der Bildhauer mußte seine Kleider oft in kaltes Wasser tauchen, um die Hitze ertragen zu können, und er arbeitete mit einer sehr langen Zange aus einiger Entfernung am Feuer.

Bhagavan hatte sich zur gewohnten Zeit schlafen gelegt, aber kurz vor 11.30 Uhr hielt ich es für angebracht, ihn zu wecken. Ich ging in die Halle, erläuterte ihm den Stand der Dinge und fragte, was wir tun sollten. Statt zu antworten, stand Bhagavan auf und kam selbst, um nach dem Fortgang der Arbeit zu sehen. Er setzte sich auf einen Schemel in etwa drei Meter Entfernung vom Schmelzofen und schaute aufmerksam ins Feuer. Es dauerte nur eine oder zwei Minuten, und ohne weitere Anstrengungen des Bildhauers begannen alle Metalle zu schmelzen. Bhagavan sah zu, wie das flüssige Metall durch die Öffnung an der Unterseite in die Form gegossen wurde. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Arbeit sorgfältig ausgeführt war, ging er in die Halle zurück und legte sich wieder schlafen. Als der Bildhauer am nächsten Tag die Form zerbrach und die Statue untersuchte, verkündete er stolz, die Statue sei ohne Makel.

Irgendwann in den dreißiger Jahren, damals hatte ich schon etliche Ashramgebäude fertiggestellt, besuchte mich einmal unerwartet mein Vater. Ich nahm ihn mit in die Halle, um ihn Bhagavan vorzustellen. Auf dem Weg dahin sagte ich zu ihm: „Weil du mir das Leben geschenkt hast, habe ich dich zu Bhagavan gebracht. Bitte ihn um den Segen, den du brauchst.”

Mein Vater zeigte sich sichtlich zufrieden, daß ich ein glühender Verehrer Bhagavans geworden war.

„Als du jung warst”, sagte er, „wollte ich nicht, daß du ein Sadhu würdest. Aber jetzt bin ich froh, daß ich einen solchen Sohn habe. Wie Markandeyas Vater (Markandeya ist ein hinduistischer Weiser, der in den Puranas erwähnt wird.) bin ich glücklich, einen solchen Tapasvin (Tapas Übender, Asket) gezeugt zu haben.”

Vor Markandeyas Geburt übte sein Vater viele Jahre Tapas, um einen Sohn zu bekommen. Endlich erschien ihm Shiva und stellte ihm folgende Frage:

„Willst du einen rechtschaffenen Sohn haben, der nur sechzehn Jahre alt wird, oder einen dummen, bösartigen Sohn, der ein hohes Alter erreicht?” Markandeyas Vater wählte den kurzlebigen, gottergebenen Sohn.

Bhagavan erzählte meinem Vater von meiner Arbeit im Ashram: „Dein Sohn hat alle diese großen Gebäude errichtet.”

Ich protestierte sogleich: „Nein, nein, Bhagavan Sie wurden durch deine Gnade errichtet. Das ist alles Teil deiner Lila (göttliches Spiel). Wie hätte ich irgend etwas aus eigener Kraft tun können?”

Dann machte mein Vater eine überraschende Bemerkung: „Wohin du auch gehst, der Ort wird blühen. Das habe ich in deinem Horoskop gelesen. Eine besondere Konjunktion darin zeigt, daß Tempel und Gebäude entstehen, wo immer du lebst. Deshalb versuchte ich, dich zu Hause zu halten. Ich wollte diese Gebäude in unserem Dorf haben. Ich wußte, daß du als Sannyasin fortgehen und an einem anderen Ort leben würdest. Ich versuchte, dich daran zu hindern, ein Sannyasin zu werden, indem ich dich nicht zur Schule schickte. Meine Überlegung: „Wenn er nicht lesen lernt, kann er die heiligen Schriften nicht lesen, und er wird sich nie für Gott interessieren.” Mein Plan schlug fehl, weil es deine Bestimmung war, hierherzukommen. Ich bedauere nichts. Ich bin froh, daß die Dinge diesen Lauf genommen haben.”

Mein Vater blieb etwa einen Monat, und in dieser Zeit vollführten wir fast täglich Giri Pradakshina. Am Ende seines Besuchs brachte ich ihn zum Bahnhof. Während wir auf den Zug warteten, begann er zu weinen. Unter Tränen fragte er, ob er mich in diesem Leben noch einmal sehen werde. Ein starkes Gefühl sagte mir, die Antwort sei „Nein”.

Um ihn zu trösten, erwiderte ich jedoch: „Ich glaube nicht, daß wir uns in diesem Leben noch einmal begegnen. Aber vielleicht wirst du wiedergeboren, und wir kommen zusammen. In jenem Leben können wir dann einander lieben. Gott vermag das alles herbeizuführen.”

Mein Gefühl erwies sich als zutreffend: Ich sah meinen Vater nie wieder.

Einige Zeit später kam auch meine Mutter und blieb für einen Monat. Ich stellte sie Bhagavan vor und ging auch mit ihr beinahe täglich um den Berg. Am Ende des Monats erklärte sie, sie wolle im Ashram bleiben und mich auf die gleiche Weise betreuen, wie Bhagavans Mutter ihn im Skandashram betreut hatte. Ich fühlte eindeutig, daß dies nicht ihre Bestimmung sei, und bat sie daher, mit Bhagavan darüber zu sprechen. Bhagavan erlaubte ihr nicht zu bleiben; er wollte die Angelegenheit nicht einmal mit ihr besprechen.

Als sie ihn fragte, ob sie bleiben oder gehen solle, antwortete Bhagavan: „Po Po” (Geh Geh) und entließ sie mit einer Handbewegung.

Einige Jahre später erhielt ich einen Brief, in dem mir der Tod meines Vaters mitgeteilt wurde.

Ich zeigte Bhagavan den Brief und bat ihn: „Segne bitte meinen Vater, denn ihm verdanke ich das Leben. Wie hätte ich ohne diese Geburt zu dir kommen können?”

Bhagavan nickte und antwortete: „Ja.” Als meine Mutter starb, sprach ich die gleiche Bitte aus und erhielt die gleiche Antwort.

Damals wußte ich noch nicht, daß meine Tage als Mitarbeiter des Ashrams ihrem Ende zugingen. Im Rückblick erinnere ich mich an eine kleine Begebenheit, die zeigte, daß Bhagavan schon davon Kenntnis hatte.

Ich war dabei, mit einer Brechstange zu arbeiten, als Bhagavan zu mir kam und fragte: „Tust du diese Arbeit aus eigenem Antrieb, oder hat Chinnaswami sie angeordnet?”

Ich antwortete, Chinnaswami habe mich beauftragt. Bhagavan schien das nicht zu gefallen:

„Er hat dir also diese Arbeit zugeteilt. Er hat sie dir zugeteilt. Warum lädt er dir eine solche Arbeit auf?”

Kurz darauf sagte Yogi Ramaiah zu Bhagavan: „Annamalai Swami arbeitet sehr hart. Sein Körper ist ganz schwach geworden. Du solltest ihn eine Zeitlang ausruhen lassen.”

Bhagavan pflichtete ihm bei: „Ja, er braucht Muße. Wir müssen ihm Ruhe verschaffen.”

Ein paar Tage später half ich Bhagavan in seinem Badezimmer beim morgendlichen Bad. Madhava Swami und ich gaben ihm die übliche Ölmassage.

Nach dem Bad stellte Madhava Swami eine Frage: „Bhagavan, die Leute, die Banja Lehiyam (ayurvedisches Mittel, dessen Hauptbestandteil Cannabis ist) nehmen, erleben eine Art Ananda (Glückseligkeit). Von welcher Art ist diese Glückseligkeit? Ist es dieselbe, von der die heiligen Schriften sprechen?”

„Ganja zu nehmen ist eine sehr üble Gewohnheit”, antwortete Bhagavan. Dann lachte er laut, kam zu mir, umarmte mich und rief: „Ananda, so benehmen sich diese Ganja-Esser.”

Es war keine kurze Umarmung. Madhava Swami sagte mir später, Bhagavan habe mich etwa zwei Minuten lang fest in die Arme genommen. Nach wenigen Sekunden verlor ich jedes Bewußtsein meines Körpers und der Umgebung. Anfangs empfand ich Freude und Glückseligkeit, aber sie wichen bald einem Zustand, in dem ich nichts mehr fühlte und empfand. Ich war nicht bewußtlos, nahm aber einfach nichts mehr von dem wahr, was um mich herum vorging. Dieser Zustand dauerte etwa fünfzehn Minuten an. Als ich mein normales Bewußtsein wiedererlangte, stand ich allein im Badezimmer. Madhava Swami und Bhagavan waren längst zum Frühstück gegangen. Ich hatte weder bemerkt, wie sie den Raum verließen, noch hatte ich die Frühstücksglocke gehört.

Diese Erfahrung veränderte mein Leben vollständig. Sobald ich wieder bei normalem Bewußtsein war, wußte ich, daß mein Arbeitsleben im Shri Ramanasramam sein Ende gefunden hatte. Ich wußte, daß ich in Zukunft außerhalb des Ashrams leben und den größten Teil meiner Zeit mit Meditation verbringen würde. Es gab eine Regel, daß im Ashram auf Dauer nur leben durfte, wer für den Ashram arbeitete. Wer ein meditatives Leben führen wollte, mußte außerhalb wohnen. Daher war mir klar, daß ich den Ashram verlassen und für mich selbst sorgen mußte, aber der Gedanke, mein Zimmer und die regelmäßigen Mahlzeiten zu verlieren, schreckte mich nicht.

Ich erschien verspätet im Speisesaal und verzehrte mein letztes Frühstück. Gleich danach ging ich zum Hang des Arunachala, um Bhagavan zu suchen. Ich fand ihn auf einem Felsen sitzend.

„Ich habe mich entschlossen, den Ashram zu verlassen”, sagte ich. „Ich möchte in Palakottu allein leben und meditieren.”

Palakottu ist ein unmittelbar westlich an den Ashram grenzendes Gebiet. Mehrere Schüler Bhagavans, die nicht ständig im Ashram sein wollten, lebten und meditierten dort.

„Ah, sehr gut, sehr gut” rief Bhagavan aus. Mein Entschluß fand sichtlich seine Zustimmung. Wie konnte es auch anders sein, hatte Bhagavan mir doch selbst die Erfahrung geschenkt, die den plötzlichen Entschluß auslöste.

Nachdem ich Bhagavans Einwilligung erhalten hatte, packte ich meine Sachen zusammen und schloß mein Zimmer ab. Auch verschloß ich alles, wofür ich bislang zuständig gewesen war, brachte Chinnaswami den Schlüsselbund und erklärte ihm: „Ich habe mich entschieden, fortan in Palakottu zu leben. Nimm bitte diese Schlüssel und behalte sie”

Chinnaswami war natürlich sehr verblüfft. „Warum gehst du fort?” fragte er. „Du hast alle diese Gebäude errichtet, du hast hier soviel getan. Wie kannst du gehen, nachdem du soviel geleistet hast? Wo willst du schlafen? Woher willst du zu essen bekommen? Du kannst dich nicht selbst versorgen und wirst viele Schwierigkeiten haben. Geh nicht fort, bleibe hier”

Ich sagte ihm, mein Entschluß stehe fest, und versuchte noch einmal, ihm die Schlüssel zu übergeben, aber er nahm sie nicht an. Weil ich nicht weiter mit ihm diskutieren wollte, gab ich die Schlüssel einfach Subramaniam, der auch im Büro war. Dann verließ ich den Ashram.

Es war eine abrupte Veränderung in meinem Leben. Innerhalb weniger Stunden nach meiner tiefgreifenden Erfahrung befand ich mich auf dem Weg nach Palakottu. Ich wußte genau: mein altes Arbeitsleben lag hinter mir.

Palakottu     Top

Als ich Bhagavan bat, in Palakottu leben zu dürfen, hatte ich noch keine Ahnung, wo ich dort wohnen und wie ich mich ernähren sollte. Ich betrachtete diese Fragen als nebensächlich, zu gegebener Zeit würde sich alles von allein klären. Da Bhagavan meine Entscheidung eindeutig gutgeheißen hatte, war ich voller Vertrauen, daß er weiterhin für mich sorgen werde. Diese Zuversicht trog mich nicht. Auf dem Weg nach Palakottu traf ich Munagala Venkataramiah, der die Aufzeichnungen gemacht hatte, die als „Gespräche mit Ramana Maharshi” veröffentlicht wurden.

„Ich habe soeben den Ashram verlassen”, teilte ich ihm mit. „Jetzt gehe ich nach Palakottu und suche mir einen Platz, an dem ich bleiben kann. Ich habe mich entschlossen, meine Zeit von jetzt an der Meditation zu widmen.”

Munagala Venkataramiah war erstaunt und zugleich froh über diese Nachricht, denn er suchte gerade jemanden, der auf seine Hütte aufpaßte.

Er sagte: „Heute früh erhielt ich ein Telegramm aus Bombay, ich müsse sofort kommen. Jetzt bin ich auf dem Weg zum Bahnhof. Nimm die Schlüssel zu meiner Hütte und bleibe bis zu meiner Rückkehr darin. Du brauchst nichts zu kaufen. Alles, was du benötigst, ist schon da. Ich bin wahrscheinlich in einem Monat zurück.”

Dann gab er mir die Schlüssel und eilte zum Bahnhof. Er hatte nicht einmal Zeit, mir die Hütte zu zeigen.

Ich brauchte nur ein paar Minuten, um meine wenigen Habseligkeiten zur Hütte zu bringen. Nun war noch die Verpflegungsfrage zu lösen. Ich hatte weder Geld noch Aussichten, Geld zu bekommen ,aber ich weigerte mich, dieser Frage Beachtung zu schenken. In meiner Euphorie ging ich einfach davon aus, daß Bhagavan alles richten werde. Und wieder erwies sich mein Vertrauen als berechtigt. Wenige Stunden später kam Major Chadwicks Diener mit einem kleinen Herd, ein paar Kochtöpfen und allem, was man für eine Mahlzeit braucht. Major Chadwick hatte ihm aufgetragen, für mich zu Mittag zu kochen. Daß Chadwick mir seine Hilfe anbot, überraschte mich nicht allzusehr, denn wir waren schon seit Jahren Freunde. Erstaunlich waren aber die Begleitumstände dieses Angebots. Chadwick hatte morgens bei Bhagavan in der alten Halle gesessen und versucht zu meditieren. Er war damit aber nicht weit gekommen, denn jedesmal, wenn er die Augen schloß, sah er innerlich mein Gesicht. Nach mehreren vergeblichen Bemühungen, dieses Bild zu verscheuchen, gab er den Versuch zu meditieren auf und verließ die Halle. Auf dem Weg zu seinem Zimmer, das alles erzählte er mir später, dachte er besorgt über seine Schwierigkeiten mit der Meditation nach. Er kam zu dem Schluß, es sei besser, keine engen Freundschaften mit anderen Devotees einzugehen, da das Gemüt davon unruhig werde.

Als er dann zu seinem Zimmer kam, informierte ihn sein Diener: „Heute morgen hat Annamalai Swami den Ashram verlassen und ist nach Palakottu gekommen.”

Die Neuigkeit überraschte Chadwick ebenso wie alle anderen, aber bald wich die Überraschung einem Gefühl der Erleichterung. Er erkannte nun, daß die aufdringlichen inneren Bilder, die er vor wenigen Minuten gesehen hatte, nicht, wie vorher angenommen, eine unerwünschte Störung der Meditation waren, sondern eine Botschaft von Bhagavan, daß er mich unterstützen solle.

Er gab dem Diener folgende Anweisungen: „Annamalai Swami ist ein guter Devotee, der Bhagavan viele Jahre gedient hat. Ich fühle mich verpflichtet, ihm zu helfen. Bringe ihm ein paar Lebensmittel und koche ihm eine Mahlzeit Jetzt ist es zehn Uhr. Wenn die Ashramglocke um halb zwölf zum Mittagessen läutet, möchte ich, daß auch Annamalai Swami eine gute Mahlzeit zu sich nehmen kann. Nur weil er den Ashram verlassen hat, soll er keine Schwierigkeiten bekommen.”

Später besuchte mich Chadwick selbst, um nachzusehen, wie ich zurechtkäme.

„Jahrelang habe ich dir zugesehen, wie du Bhagavans Bauvorhaben ausgeführt hast”, sagte er. „Wenn der Ashram jetzt nicht mehr für deinen Lebensunterhalt aufkommt, kümmere ich mich um alles, was du brauchst, und sorge dafür, daß du nirgendwo um Essen bitten mußt.”

Zur Bekräftigung seiner Worte überließ er mir gleich einen einfachen Herd, Küchengeräte und Proviant für etliche Tage. In den nächsten Wochen schaute er bei jedem Besuch nach dem Stand meiner Vorräte. Er fragte nie, ob ich etwas brauche, sondern sah selbst danach. Wenn er fand, daß die Lebensmittel knapp wurden, ließ er mir durch seinen Diener frische Vorräte bringen.

Dieses Arrangement war für mich sehr bequem. Bhagavan hatte mir kurz nach meinem Umzug nach Palakottu gesagt: „Bitte um nichts. Bleibe soweit wie möglich in deiner Hütte und verschwende keine Zeit damit, andere Leute zu besuchen”

Einmal hatte Bhagavan mir eine seltsame Geschichte über eine Gemeinschaft von Gottliebenden erzählt, die in alter Zeit als Haushälter lebten. Sie wohnten zwar bei ihren Familien in der Stadt, hielten aber wenig Kontakt mit ihnen. Jeden Morgen kochten und aßen sie, gingen dann in einen nahegelegenen Wald und schliefen den größten Teil des Tages unter den Bäumen. Bei Sonnenuntergang kehrten sie in ihre Häuser in der Stadt zurück und verbrachten dann die ganze Nacht mit Bhajans (Liedern der Gottesverehrung) und anderen spirituellen Übungen. Wohlhabend genug, um nicht arbeiten zu müssen, war ihnen diese Lebensweise möglich. Sie lebten sehr zurückgezogen und widmeten sich ganz der Andacht und der rituellen Verehrung Gottes.

Bhagavan riet nie zu exzentrischen Verhaltensweisen, aber als er mir von diesen Leuten erzählte, war deutlich, daß er ihre Lebensweise befürwortete. Ich glaube, er wollte mir klarmachen, daß Kontakt mit weltlich gesinnten Menschen ein Hindernis für das eigene Sadhana ist. Als ich 1938 nach Palakottu ging, bemühte ich mich, seiner Weisung zu folgen und sehr zurückgezogen zu leben.

Ich blieb zwei Monate in Munagala Venkataramiahs Hütte. Als er von Bombay zurückkam, bezog ich nebenan eine andere leerstehende Hütte, aus der kurz zuvor Tambiram, Mudaliar Pattis Sohn, ausgezogen war. Er überließ mir sein Häuschen gern, weil ich ihm ein wenig geholfen hatte, es zu bauen.

„Alles, was ein Sadhu braucht, ist vorhanden”, sagte er. „Nimm den Schlüssel und benutze die Hütte, solange ich fort bin.”

Als er ein paar Monate später zurückkam, erhob er keinen Anspruch mehr darauf.

„Ich habe dir die Hütte angeboten”, sagte er. „Warum sollte ich sie zurückfordern? Es gibt noch viele Hütten hier. Ich ziehe in eine andere.”

Damals war ich recht gut mit Vaikuntha Vas befreundet, der in den vierziger Jahren Bhagavans Betreuer wurde. Er lebte zu jener Zeit in Pondicherry, besuchte mich aber oft mit einer großen Gruppe von Devotees; alle schliefen dann in meiner Hütte. Bei einem ihrer Besuche regnete es in Strömen. In dem überfüllten Raum hatten wir keinen Platz zum Kochen, und draußen zu kochen war wegen des Regens unmöglich. Schließlich mußte Vaikuntha Vas ein paar seiner Leute in die Stadt schicken, um Essen für uns zu kaufen.

Während sie unterwegs waren, sagte er: „Hier ist es sehr eng, und wir bereiten dir viele Unannehmlichkeiten. Wenn du eine größere Hütte baust, können wir alle bei zukünftigen Besuchen dort logieren, ohne dich zu stören. Sorge dich nicht um die Kosten, wir werden alles bezahlen.”

Jeder Devotee spendete, was er erübrigen konnte. Auch ich gab 50 Rupien, weil ich die Idee für gut hielt. Ich benachrichtigte Arumugam, einen Maurer, der mir bei meiner früheren Tätigkeit viel geholfen hatte, und bat ihn, mir beim Bau der Hütte zur Hand zu gehen. Er kam sofort. Als wir den Bauplatz besichtigten und das Projekt besprachen, sah uns Bhagavan. Er war gemächlich in dem Graben hinter Palakottu spazierengegangen und kam nun zu uns herüber.

„Willst du für Swami ein Haus bauen?” fragte er Arumugam.

Das hatten wir nicht vorgehabt, aber plötzlich hörte Arumugam sich sagen: „Ja, ich werde ein Haus bauen.”

„Wie willst du es bauen”, fragte Bhagavan, „aus Erde oder aus Backsteinen? Mit Ziegeldach oder Dachterrasse?”

„Ich denke, ich baue Backsteinmauern”, sagte Arumugam, „und oben eine Dachterrasse.”

Ich hörte das mit großem Erstaunen. Bevor Bhagavan kam, hatten wir nur über eine regendichte Hütte aus Palmzweigen gesprochen. Nun legte Arumugam sich und möglicherweise mich gegenüber Bhagavan auf den Bau eines teuren Hauses fest.

Bhagavan schien einverstanden. „Wir wollen sehen, was daraus wird”, sagte er und ging dann weiter, als habe er sein Vorhaben mit uns erledigt.

Ich fragte Arumugam, warum er so große Versprechungen gemacht habe, obwohl er doch wußte, daß ich nur eine kleine Hütte bauen wollte.

„Ich weiß es nicht”, antwortete er, „die Worte kamen mir von selbst, als Bhagavan mich fragte. Jetzt habe ich ihm jedenfalls mein Wort gegeben und muß es auch halten. Bhagavan ließ mich so sprechen, also muß es sein Wille sein, daß dieses Haus gebaut wird. Mach dir keine Sorgen um das Geld Ich werde dein Haus bauen, selbst wenn ich mein eigenes dafür verkaufen müßte.”

Das Bauvorhaben nahm bald einen glückverheißenden Anfang. Innerhalb eines Tages nach Arumugams Zusicherung bekam ich eine unverhoffte Spende von hundert Rupien. Dafür kaufte Arumugam viertausend Backsteine und ließ sie an weithin sichtbarer Stelle vor Kunju Swamis Hütte abladen, als Signal an Bhagavan, daß es ihm mit der Erfüllung seines Versprechens ernst war.

Arumugam brauchte sein Haus nicht zu verkaufen. Wie bei allen Bauprojekten Bhagavans traf Geld immer dann ein, wenn es gerade benötigt wurde. Die Anfangsbeiträge von Vaikuntha Vas und seinen Freunden aus Pondicherry ermöglichten uns, sofort mit der Arbeit zu beginnen. Wir hoben 1,80m tiefe Gräben für die Fundamente aus. Wegen des felsigen Bodens war die Arbeit schwer; wir förderten etwa zweihundert große Granitsteine zutage.

Als Bhagavan auf einem seiner täglichen Spaziergänge nach Palakottu diese Steine sah, sagte er lachend: „Ihr habt einen vergrabenen Schatz gefunden.”

Mir erschienen die Steine nicht besonders wertvoll, sie sahen wie ganz normale Gesteinsbrocken aus.

Bhagavan fuhr fort: „Selbst wenn ihr einen vergrabenen Schatz gefunden hättet, was würdet ihr damit tun? Ihr müßtet den Schatz verkaufen und dafür Steine für die Fundamente kaufen. Aber seht hier: Gott hat euch nicht nur die Steine kostenlos zur Verfügung gestellt, er hat sie sogar angeliefert.”

Bhagavan behandelte mein Haus, als sei es ein Gebäude des Ashrams. Er sah sich jeden Tag die Bauarbeiten an, gab uns Ratschläge und fragte oft nach unseren weiteren Plänen. Als Arumugam bemerkte, wie stark sich Bhagavan für unsere Arbeit interessierte, nahm seine Begeisterung immer mehr zu. Weil er fühlte, daß Bhagavan ihn zu dieser Arbeit angeregt hatte, meinte er, er führe nicht seine eigenen, sondern Bhagavans Pläne aus.

Als die Mauern die Höhe der Fensteroberkante erreichten, ging uns das Geld aus. Da wir weder Geld hatten noch weiterarbeiten konnten, begann ich, das Gerüst abzubauen, denn es war nicht abzusehen, wann wir weiterbauen würden. Bhagavan muß mich dabei auf einem Spaziergang nach Palakottu beobachtet haben. Als ich später am selben Tag in die Halle kam, fragte er mich sofort, warum ich das Gerüst abgebaut hätte. Ich erklärte ihm, das Geld sei uns ausgegangen.

Bhagavan sagte sehr betont zu seinem Betreuer Krishnaswami: „Annamalai Swami hat kein Geld. Er sagt, er habe kein Geld.”

Als ich diesen besonderen Klang in Bhagavans Stimme wahrnahm, Krishnaswami hatte ja schon gehört, was ich sagte, wußte ich, daß unser finanzielles Problem sich irgendwie lösen würde. Immer wenn Bhagavan so wie jetzt an den Problemen eines Devotees besonderen Anteil nahm, war es gewiß, daß die göttliche Kraft eine Lösung herbeiführte. Bhagavan selbst tat nichts dazu. Er behauptete nie, er werde eine Schwierigkeit aus dem Weg räumen oder er hätte etwas mit den seltsamen Geschehnissen oder Zufällen zu tun, die den Sorgen der Devotees ein Ende bereiteten. Er wußte einfach aus langer Erfahrung, daß Probleme, die Devotees ihm vortrugen, sich oft durch eine geheimisvolle spontane Einwirkung des Selbst lösten.

Am nächsten Tag erhielt ich zweihundert Rupien als Spende von Ramaswami Mudaliar, mit dem ich mich schon gut verstanden hatte, als ich noch im Ashram arbeitete. Er lebte in Acharapakkam, einem Dorf zwischen Tiruvannamalai und Madras. Als er hörte, daß ich mir ein Haus baute, schickte er das Geld und kam später selbst, um mir bei der Arbeit zu helfen. Auch Vaikuntha Vas besuchte mich und bot mir seine Hilfe an. Der Bau war bereits halb fertig, daher konnten wir ihn zu dritt in weniger als einem Monat vollenden.

Wir wollten gerade mit der Arbeit am Dach beginnen, als Bhagavan einen Vorschlag machte: „Es wäre gut, wenn ihr für die Dachbalken Palmyraholz verwendet. Dieses Holz haben wir in unserem Haus in Tiruchuzhi (Bhagavans Geburtsort, wo er bis zu seinem zwölften Lebensjahr lebte) benutzt.”

Wir beherzigten den Rat. Ramaswami Mudaliar fuhr ein paar Tage später in ein nahegelegenes Dorf und kaufte einige Palmyrabäume.

Ich teilte Bhagavan mit, daß wir seinen Rat befolgt und Palmyrabäume gekauft hätten. Er fragte mich nach der Dicke der Balken: „Wie breit sind sie unten?”

Ich erinnere mich nicht mehr an meine Antwort, aber er sagte: „Beish”.

„Und wie stark sind sie? fragte er weiter.

Ich sagte, daß ich sie auf fünfzehn Zentimeter Stärke zusägen wolle. Bhagavan wirkte ein wenig besorgt.

„Ist das stark genug?” fragte er.

Als ich ihm das versicherte, lächelte er und fragte: „Was brauchst du sonst noch?”

Ich gebe dieses Gespräch nur wieder, um Bhagavans Anteilnahme in allen Phasen des Baus zu zeigen.

Ein paar Wochen später fragte er, ob ich daran gedacht hätte, einen Mahlstein aufzustellen. Als ich bejahte, sagte er: „Was willst du mehr? Was willst du mehr? Was willst du mehr?” Ich faßte solche Äußerungen als Segnungen für mein Haus auf.

Der Bau wurde ohne weitere Schwierigkeiten beendet. Ich hatte nicht den Wunsch nach einer großen Einweihungsfeier, deshalb ging ich einfach in die Halle und sagte zu Bhagavan: „Ich möchte mein Haus zum erstenmal betreten. Bitte, segne mich.”

Bhagavan gab natürlich niemals offen seinen Segen. In diesem Fall bedeutete er mir einfach mit einem Nicken, daß ich mein Vorhaben ausführen könne. Statt eines formellen Grihapravesham (Einweihungszeremonie) spendierte ich den Affen in Palakottu ein zwangloses Festessen. Ich verteilte zwei Liter Reis und Dhal auf den Felsen beim Palakottu-Wasserreservoir, ließ die Affen nach Herzenslust fressen und zog dann in mein Haus ein. Das war meine letzte Adressenänderung. Ich wohne jetzt schon über fünfzig Jahre hier.

Bhagavan wünschte, daß ich hier lebte und nirgendwo sonst. Als ich noch in Tambirams Hütte wohnte, lange bevor wir an das neue Haus dachten, hatte Arumugam mir zwei Morgen Land am Pradakshina-Weg angeboten, etwa einen Kilometer vom Shri Ramanasramam entfernt. Er wollte mir sogar ein Haus darauf bauen. Ich berichtete Bhagavan von dem Angebot, als er auf seinem Spaziergang durch Palakottu kam, aber er wollte nichts davon wissen. Er wandte den Kopf zur Seite und ging einfach weiter, ohne mir zu antworten.

Vor dem Bau meines Hauses hatte ich schon einmal versucht, an einem anderen Platz zu leben. Ich wünschte mir damals, in einer Höhle auf dem Arunachala zu meditieren. Ich fand auch eine geeignete Höhle und richtete sie mir wohnlich her. Zum Schlafen ging ich weiterhin in meine Hütte, die Tage verbrachte ich in der Höhle. Ich wachte um vier Uhr morgens auf, kochte das Essen für den Tag und nahm es zur Höhle mit. So ging es etwa eine Woche, aber großer Erfolg war dem Experiment nicht beschieden, denn meine Meditation wurde häufig durch Besucher gestört. Einige Männer und Frauen kamen sogar dreimal täglich, setzten sich vor die Höhle und führten sehr vulgäre Gespräche. Sie versuchten sogar, mich um Essen anzubetteln. Daß ich allein sein und meditieren wollte, konnten sie nicht verstehen. Ich sehnte mich nach Abgeschiedenheit für mein Tapas, aber diese Leute machten sich ein Vergnügen daraus, mich zu stören. Zuletzt ging ich zu Bhagavan und berichtete ihm davon. Ich beschrieb ihm die verschiedenen Belästigungen, die ich zu ertragen hatte, und erklärte ihm, wie ich in diese Lage geraten war:

„Ich sehne mich danach, an einem Platz zu leben, wo niemand mich besuchen kann. Außerdem möchte ich ohne Mühe mein Essen bekommen. Ich möchte ständig mit geschlossenen Augen meditieren und die Welt nicht sehen. Diese Wünsche kommen mir oft. Sind sie gut oder schlecht?”

„Wenn du solche Wünsche hast”, antwortete Bhagavan, „mußt du noch einmal geboren werden, um sie zu erfüllen. Was macht es aus, wo du wohnst? Halte dein Gemüt immer auf das Selbst gerichtet Außerhalb des Selbst gibt es keinen abgeschiedenen Platz. Wo das Gemüt ist, herrscht ständiges Gedränge.

Es ist nicht nötig, zur Meditation die Augen zu schließen. Es genügt völlig, wenn du das Auge des Gemüts schließt. Es gibt keine Welt außerhalb deines Gemüts.

Wer ein rechtschaffenes Leben führt, macht niemals solche Pläne. Wozu auch? Bevor Gott uns in die Welt sandte, war bei ihm längst beschlossen, was mit uns geschehen wird.”

Ich hätte diese Anwort erwarten können, denn sie ist schon in einem Vers aus dem Shivananda Lahari enthalten (Vers 12), den Bhagavan mich viele Jahre früher hatte auswendig lernen lassen:

Man kann Askese in einer Höhle üben oder in einem Haus, unter freiem Himmel oder auf dem Gipfel eines Berges, im Wasser stehend oder von Feuern umgeben, aber wozu nützt dies alles? O Shambhu (Shiva) Wahrer Yoga ist dauerndes Gesammeltsein des Gemüts auf deine Füße. Wer diesen Zustand erreicht hat, ist ein wahrer Yogi. Nur er erfreut sich der Glückseligkeit.

In den dreißiger Jahren hatte ich oft Paul Brunton, den Autor von Yogis, im Ashram gesehen. Als ich in Palakottu lebte, wurden wir besser miteinander bekannt, und zwar hauptsächlich aufgrund eines Mißverständnisses, von dem ich gleich erzählen werde. Bruntons Buch, die erste Publikation, die Bhagavan im Westen bekannt machte, hatte viele neue Devotees in den Ashram gebracht. 1939, als ich schon in Palakottu wohnte, versuchte Chinnaswami, ihm das Betreten des Ashrams zu verbieten.

Er erklärte ihm: „Kommen Sie nicht mehr zu Bhagavans Darshan.”

Chinnaswami war ihm böse, weil er, ohne seine Erlaubnis einzuholen, über Bhagavan geschrieben und dem Ashram nichts von seinen Einnahmen aus dem Buch abgegeben hatte.

Brunton wandte sich an Bhagavan: „Ich schreibe zum Wohl der ganzen Welt über Bhagavan. Ist es gerechtfertigt, mir Hausverbot zu erteilen?”

Bhagavan gab Chinnaswami Rückendeckung, wie meist bei solchen Anlässen: „Wenn du Chinnaswami fragst, wird auch er sagen: „Ich handle zum Nutzen der Welt.” Du sagst, du handelst zum Wohl der Welt. Was soll ich dazu sagen?”

Dann schwieg Bhagavan und äußerte sich nicht weiter zu diesem Thema. Dies bestärkte Chinnaswami darin, Brunton zum Verlassen des Ashrams aufzufordern: „Gehen Sie, ich sagte es schon. Wenn Sie nicht gehen, hole ich die Polizei.”

Annamalai Swami war Augenzeuge dieses Wortwechsels. Ein anderer interessanter Bericht über Bruntons Ausweisung aus dem Ashram ist im Manuskript der Gespräche mit Ramana Maharshi zu finden. Die folgenden sechs Eintragungen über Paul Bruntons letzten Besuch wurden vor der Drucklegung gestrichen:

1) 2. März 1939: Shri Bhagavan sagte zu einem Besucher: „Eine amerikanische Universität hat Mr. Brunton den Doktortitel verliehen. Jetzt ist er also Dr. Brunton. Er wird bald hier auftauchen.”

2) 7. März 1939: Dr. Paul Brunton traf am frühen Morgen mit dem Zug in Tiruvannamalai ein. Um 8. 30 Uhr kam er in den Ashram. Er sieht gut aus, sagt aber, er fühle sich nicht so wohl. Im Ashram herrschte eine ungewohnte beklommene Stille. Warum? Er wurde diesmal ganz anders empfangen als beim vorigen Besuch. Damals wurde er vergöttert; heute wagt niemand, mit ihm zu sprechen. Damals rissen sich alle darum, ihm behilflich zu sein, heute kann niemand ungezwungen mit ihm reden; dabei ist er der gleiche wie früher.

Er verließ die Halle um 9.45 Uhr.

3) 11. März 39: Dr. Brunton brachte Shri Bhagavan Geschenke von anderen Devotees mit: zwei schöne Spazierstöcke und einen hübschen Füllfederhalter. Bhagavan freute sich darüber.

4) Gespräch endet mit Bhagavans Worten „... das Selbst ist nicht getrennt vom Brahman.” Im Manuskript hatte Munagala Uenkataramiah hinzugefügt: „An dieser Stelle wurde das interessante Gespräch abrupt durch einen Streit zwischen dem Sarvadhikari und Dr. Paul Brunton beendet.”

5) 19. März 39: Gestern abend reiste Dr. Brunton unversehens ab.

6) 21. März 39: Dr. Brunton hat an Mr. V. G. Shastri geschrieben, er werde zukünftig nicht mehr über den Ashram und Shri Maharshi sprechen oder schreiben; es genüge ihm, Shri Maharshi in seinem Herzen zu sehen.

Shri Bhagavan sagte, Dr. Brunton habe den Ashram aufgrund des Spiels der göttlichen Macht verlassen müssen. Er habe hier keinen Moment länger bleiben können, als diese Macht es erlaubte, noch könne er dem Ashram fernbleiben, wenn dieselbe Macht ihn wieder hierherzöge.

Zu Bhagavans Lebzeiten hat Brunton den Ashram nicht wieder besucht.

Brunton verließ den Ashram und blieb in der Stadt als Gast eines Devotees namens Ganapati Shastri. Shastri gab Brunton die unzutreffende Auskunft, auch ich sei aus dem Ashram geworfen worden. Aus Mitleid mit einem vermeintlichen weiteren Opfer von Chinnaswamis Selbstherrlichkeit kaufte er mir einen Dhoti und einen großen Sack Reis.

Als er mir die Geschenke übergab, sagte er: „Es tut mir sehr leid, daß du den Ashram verlassen hast. Ich bin bereit, dich mit allem zu versorgen, was du brauchst. Schicke mir einfach eine kurze Nachricht, wenn du etwas benötigst.”

Ich hatte ihm schon erklärt, daß ich auf eigenen Wunsch aus dem Ashram ausgezogen war, aber dies verringerte seine Hilfsbereitschaft nicht im geringsten.

Auch Ganapati Shastri wurde aus dem Ashram verbannt, weil Chinnaswami erfahren hatte, daß er Brunton half. Wie vor ihm Brunton, kam Ganapati Shastri nun zu Bhagavan und beschwerte sich über diese Entscheidung.

„Chinnaswami hat mir verboten, den Ashram zu betreten”, sagte er. „Bhagavan sitzt unbeteiligt da wie eine Steinfigur des Vinayaka. Ich habe dem Ashram lange gedient. Ich habe auch drei Schränke voller Bücher gespendet. Will Bhagavan Chinnaswami nicht fragen, warum er mir verbietet, in den Ashram zu kommen?”

Diesmal gab Bhagavan nicht einmal eine Antwort.

Chinnaswamis Ausweisungen galten normalerweise nicht auf Dauer. Eine Entschuldigung und das Versprechen, seine Vorschriften in Zukunft zu respektieren, genügten für gewöhnlich, um wieder zum Ashram zugelassen zu werden. Chinnaswami nutzte das Hausverbot oder seine Androhung als Mittel, Devotees und Ashram-Mitarbeiter zu disziplinieren. Bhagavan stärkte ihm dabei gewöhnlich den Rücken, weil er es nicht mochte, wenn Devotees mit der Ashramleitung stritten. Bhagavans übliche Antwort auf Beschwerden über Chinnaswami oder die Ashramverwaltung im allgemeinen war: „Kümmere dich um das, um dessentwillen du hierhergekommen bist.”

Viele Devotees hatten gute Gründe, sich darüber zu beklagen, wie Chinnaswami sie behandelte, aber immer mißbilligte Bhagavan Äußerungen ihrer Unzufriedenheit.

Während Annamalai Swamis Betreuer diesen Bericht für einige Besucher ins Tamil übersetzte, unterbrach ihn Annamalai Swami und gab folgende Erläuterung:

„Denkt nicht, daß Chinnaswami ein schlechter Mensch war. Er tat einfach seine Pflicht. Ohne ihn hätte Bhagavan den Ashram nicht führen können, weil er selber weder Lust noch Neigung dazu hatte. Er brauchte jemanden, der die Verantwortung übernahm. Chinnaswami war dafür der ideale Mann, denn er war treu, verläßlich und fleißig. Bhagavan übertrug Chinnaswami etwas von seiner eigenen Kraft, und diese Kraft ermöglichte es ihm, sich um alle Belange des Ashrams zu kümmern. Er führte mit Bhagavans Gnade dessen Werk aus. Manchmal mußte er autoritär und hart auftreten, weil viele Leute versuchten, sich in die Angelegenheiten des Ashrams einzumischen. Es gab sogar Leute, die Bhagavan ihre Vorstellungen von der Organisation eines Ashrams aufdrängen und ihm Vorschriften machen wollten. So seltsam es klingen mag: Bhagavan und Chinnaswami waren in mancher Hinsicht wie die zwei Seiten einer Medaille. Bhagavan war Shiva, das stille, schweigende Zentrum des Ashrams, und Chinnaswami war Shakti, die von Shiva ausgehende und alles Geschehen um ihn herum lenkende Kraft.”

Bei allen meinen Gesprächen mit Annamalai Swami hatte ich nie den Eindruck, daß er gegen Chinnaswami oder sonst jemanden einen Groll hegte. Er erzählte seine Geschichten immer sehr sachlich und ohne Erbitterung. Wenn er überhaupt Gefühle äußerte, so war es eine Art ironischer Belustigung bei der Erinnerung an die stürmischen Ereignisse seiner Tugend.

Mehrmals sagte er: „Ich erzähle dir alles, aber benutze es nicht, um irgend jemanden zu verunglimpfen. Schreibe so sachlich, wie du kannst.”

Ich habe diese Richtlinien bei der Niederschrift des Buchs stets beherzigt. Nach Durchsicht des fertigen Manuskripts sagte mir Annamalai Swami, er sei sehr zufrieden damit, wie ich seine Erzählungen wiedergegeben hätte und wie es mir gelungen sei, einen Eindruck von der Atmosphäre des Shri Ramanasramam in den zwanziger bis vierziger Jahren zu vermitteln.

Nach wenigen Monaten in Palakottu stellte ich fest, dass mein Gemüt langsam immer stiller wurde. Während meines ganzen Arbeitslebens hatte ich ständig an Bauangelegenheiten gedacht. Selbst nach Beendigung der Tagesarbeit konnte mein Gemüt sich nicht von seiner unaufhörlichen Betriebsamkeit lösen. Pläne, Probleme und deren mögliche Lösungen beschäftigten mich noch lange nach Beendigung der eigentlichen Arbeit. Unter diesen Umständen fiel es mir sehr schwer zu meditieren.

Bhagavan hatte mir gesagt: „Du bist nicht der Körper, du bist nicht das Gemüt. Du bist reines Bewusstsein, du bist das Selbst, du bist das alldurchdringende Sein. Sei dir dessen jederzeit bewußt, auch während der Arbeit.”

Ich bemühte mich sehr, diese Unterweisung bei der Arbeit praktisch anzuwenden, aber ich kann nicht sagen, daß es mir gut gelang.

In Palakottu fiel es mir viel leichter, nach Bhagavans Lehren zu leben. Mein Gemüt fand mehr Ruhe, und sogar in meinem Körper zeigten sich Veränderungen. Als ich im Ramanasramam arbeitete, hatte ich immer starke innere Hitze empfunden. Die Arbeit mit Kalk erhitzt den Leib sehr, was sich dadurch noch verschlimmerte, daß ich einen großen Teil des Tages draußen in der Sonne verbrachte. Nach ein paar Monaten der Meditation in Palakottu wurde mein Gemüt ruhiger und stiller, und eine wunderbare Kühle durchdrang meinen Körper. Beides wurde durch Sadhana im Lauf etlicher Jahre zum dauerhaften Zustand.

Bhagavan besuchte mich oft auf seinem täglichen Gang durch Palakottu. Einmal kam er, als ich gerade mein Mittagessen zubereitete. Er erkundigte sich, was ich koche.

Als ich antwortete: „Nur Reis und Sambar”, war er sehr zufrieden.

„Sehr gut” rief er aus. „Anspruchslos zu leben ist am besten.”

Sambar ist eine scharf gewürzte Sauce, die zu den meisten südindischen Gerichten gereicht wird. Die meisten Südinder würden eine nur aus Reis und Sambar bestehende Mahlzeit als sehr karg ansehen. Normalerweise gehören außerdem mindestens ein gekochtes Gemüsegericht, Buttermilch, Rasam (eine würzige Suppe) und etwas roh eingelegtes gewürztes Gemüse dazu.

Bei einem anderen Besuch empfahl er mir, ein Chutney-Gericht aus grünen Tiruvakshiblättern zuzubereiten. Schon vorher hatte er mir mehrfach gesagt, die Blüten und Blätter dieser Pflanze seien sehr gesund. Als er wieder einmal zu mir kam, bot ich ihm etwas von diesem Chutney an, hauptsächlich um ihm zu zeigen, daß ich es auf seinen Rat hin regelmäßig zubereitete. Er nahm ein bißchen, ließ mich aber wissen, daß ich es ihm in Zukunft nicht mehr anbieten solle.

„Es ist zu deinem Wohlergehen, nicht zu meinem”, sagte er. „Ich bekomme im Ashram genug zu essen. Die Empfehlung galt nur für dich.”

Dreimal konnte ich Bhagavan in meinem neuen Haus bewirten, zweimal mit Reis und einmal mit diesem Chutney.

Einer der in Palakottu lebenden Sadhus sah Bhagavan bei mir essen und scherzte: „Im Ashram hat Bhagavan nicht genug zu essen bekommen. Deshalb ließ er sich von Annamalai Swami Mandapappadi auftischen.”

Eine Statue des Arunachaleshwara, der Hauptgottheit im großen Tempel von Tiruvannamalai, wird zu bestimmten Anlässen in einer Prozession um den Arunachala geführt. Dabei hält die Prozession regelmäßig an, damit die Gläubigen dem Gott Speise anbieten können. Diese Opferspeisen heißen Mandapappadi.

Manchmal bot ich Bhagavan auch wild wachsende Früchte aus Palakottu an, einmal zum Beispiel ein paar Holzäpfel, ein anderes Mal einige Elandaifrüchte, die vor meinem Haus wuchsen. Etwa eine Woche, nachdem ich ihm die Elandaifrüchte gegeben hatte, kam ich zum Darshan in die Halle. Als ich meinen Namaskaram ausgeführt hatte, erwähnte Bhagavan, daß soeben ein Paket sehr süßer Elandaifrüchte aus Nordindien im Ashram angekommen sei.

Bhagavan gab mir eine Frucht und bemerkte scherzhaft: „Letzte Woche hast du mir eine saure Elandai gegeben. Heute gebe ich dir eine süße zurück.”

Bhagavan reichte mir diesen Prasad mit eigenen Händen, während er selbst aß. Das war sehr ungewöhnlich: wenn er in der Halle saß, wurde der Prasad sonst immer von den Betreuern verteilt, nicht von Bhagavan selbst.

Obwohl ich nicht mehr im Ashram essen durfte, außer zu besonderen Anlässen, gab mir Bhagavan manchmal weiterhin Essen aus dem Speisesaal. Als ich einmal abends gegen 20 Uhr durch das rückwärtige Tor in den Ashram kam, sah ich Bhagavan und Subramaniam in der Nähe des Ashram-Hospitals stehen. Bhagavan bat Subramaniam, für mich etwas zu essen zu holen.

„Als Annamalai Swami noch hier wohnte”, sagte er, „aß er sehr gern Aviyal (Currygericht aus Joghurt, Kokosnuß und Gemüsen). Heute wurde eine Menge Aviyal gekocht, viel mehr als wir brauchten. Geh in die Küche und bringe einen Teller davon. Er kann hier essen.”

Subramaniam brachte den Aviyal, und Bhagavan selbst reichte mir den Teller. Während ich aß, stand Bhagavan daneben und leuchtete mir mit seiner Taschenlampe. Ich wollte ihm das nicht zumuten und sagte: „Das Mondlicht reicht mir aus.” Aber Bhagavan nahm davon keine Notiz, er leuchtete auf meinen Teller, bis der letzte Rest verzehrt war.

Als ich im vierten Jahr in Palakottu lebte, riet Bhagavan mir, meine Ernährungsweise umzustellen:

„Iß pro Tag nur eine Kokosnuß, eine Handvoll Erdnüsse, eine Mango und einen kleinen Brocken Rohzucker. Wenn es keine frischen Mangos gibt, kannst du getrocknete nehmen. Diese Diät reinigt den Körper und erleichtert es dem Gemüt, gefestigt im Selbst zu verweilen.”

Er warnte mich auch: „Am Anfang bekommst du Durchfall, aber sei unbesorgt, nach ein paar Tagen hört das auf.”

Zugleich wies er mich an, Mauna (Schweigen) zu bewahren und soviel wie möglich zu meditieren. Das Schweigegebot war sehr unüblich; normalerweise riet Bhagvan jedem davon ab, ein Schweigegelübde abzulegen. Es sei wichtiger, das Gemüt als die Zunge zu beherrschen. Was nütze das Schweigen, wenn man das Gemüt nicht zur Ruhe bringen könne?

Nachdem ich die neue Ernährungsweise aufgenommen hatte, magerte ich innerhalb weniger Wochen so stark ab, daß meine Knochen unter der Haut hervortraten. Die Leute fragten mich: „Ißt du nichts? Hast du Hunger? Brauchst du Geld?”

Um solchen Fragen aus dem Weg zu gehen, verhüllte ich meinen Körper und besuchte Bhagavan nur bei Dunkelheit. Ich hatte nicht einmal mehr die Kraft, einen Eimer Wasser zu tragen. Um meinen Zustand zu verbergen, schloß ich mich tagsüber in meinem Zimmer ein. Es war nicht sehr schwierig, Kontakt zu vermeiden. Sobald die Devotees merkten, daß ich Mauna einhielt, ließen sie mich allein.

Ich verbrachte die meiste Zeit mit Meditation über das Thema „Ich bin das Selbst. Ich bin alles”. In der Meditation spürte ich oft, wie eine Energie in meinen Kopf hochstieg. Ich weiß nicht, ob es die kundalini oder eine andere Energie war. Wie dem auch sei, es geschah spontan. Ich versuchte nie, die Energie hervorzulocken oder sie in irgendeiner Weise zu beherrschen. Diese Meditation hatte in Verbindung mit der Diät und dem Schweigen eine weitere ungewöhnliche Auswirkung: meine Stirn begann zu leuchten, und es heißt, daß mein Gesicht einen strahlenden und lichten Ausdruck annahm. Manche Leute bemerkten das und äußerten sich dazu.

Ich hatte etwa ein Jahr in dieser Weise gelebt, als sich Bhagavan mir eines Tages in der Halle ganz unerwartet zuwandte und sagte: „Du brauchst dich mit dem Essen jetzt nicht mehr einzuschränken. Du kannst normal essen, und du kannst auch wieder sprechen.”

Ich weiß nicht, warum er ausgerechnet mir dieses besondere Sadhana gab, ich weiß auch nicht, warum er seine Anweisungen später wieder aufhob. Das alles war ganz unüblich. Ich kann mich nicht erinnern, daß Bhagavan je einem anderen Devotee solche Weisungen gegeben hätte.

In meinen ersten Jahren in Palakottu kam ich regelmäßig zu Bhagavans Darshan in die Halle, meist einmal morgens und einmal abends. Nach mehreren Jahren in diesem Lebensrhythmus rief Bhagavan mich 1942 aus der Abgeschiedenheit zurück.

Er kam zu mir und sagte: „Man bekommt dich kaum noch zu sehen. Komm mit.”

Als wir durch das rückwärtige Tor den Ashram betraten, sagte Bhagavan: „Sie planen den Bau einer kleinen Klinik, aber du solltest hier ein größeres Hospital bauen.”

Bhagavan selbst nannte das Gebäude Vaidyashala, was gewöhnlich als „Hospita” übersetzt wird. Das ist allerdings irreführend, denn das Gebäude hat nur drei ziemlich kleine Räume. Zwar wurden Bhagavans Krebsoperationen in diesem „Hospital” durchgeführt, aber normalerweise dient es nur zur Abgabe von Medikamenten an ambulante Patienten und als Erste-Hilfe-Station.

Er zeigte auf den Baugrund des heutigen Hospitals und deutete mit dem Arm an, wo der Eingang sein sollte. Ich erwähnte schon, daß Bhagavan mir manchmal keine eigentlichen Pläne gab, sondern nur knappe Hinweise. So war es auch diesmal. Außer der Angabe des Bauplatzes bestand die erste Instruktion nur aus einer ziemlich vagen Armbewegung.

Bevor er ging, gab Bhagavan mir den nur zu vertrauten Hinweis: „Sage keinem, daß ich dir diese Anweisungen gegeben habe”

Als ich das hörte, war mir klar, daß ein neuerlicher großer Kampf mit Chinnaswami mein ruhiges, angenehmes Leben erschüttern würde.

Auf dem von Bhagavan bezeichneten Platz standen zwei Jackfruitbäume und ein Mangobaum. Sie zu fällen war meine erste Aufgabe. Als ich mir das Gelände genau ansah und einen Plan für die Ausschachtung der Fundamente entwarf, kam ein Mann, der mir gelegentlich mit kleinen Arbeiten in Palakottu geholfen hatte, um zu sehen, was ich tat. Ich kannte ihn als verläßlichen Arbeiter und stellte ihn daher sofort als Hilfskraft für das Fällen der Bäume an. Es gelang uns, unbemerkt anzufangen, weil alle Ashrambewohner gerade ihren Mittagsschlaf hielten. Erst als die Bäume schon gefällt waren, kam Chinnaswami vorbei, um nach dem Rechten zu sehen.

Seiner erwarteten Frage, was ich hier tue, kam ich so unbefangen wie möglich mit der Antwort zuvor: „Ich hörte, ihr wolltet hier ein kleines Hospital bauen. Ich dachte, ein größeres wäre besser, und deswegen bin ich gekommen, um es für euch zu bauen.”

Es kam Chinnaswami nicht in den Sinn, daß ich ein solches Bauprojekt ohne Bhagavans ausdrückliche Aufforderung niemals in Angriff genommen hätte.

Er schrie mich an: „Du bist kein Mitarbeiter des Ashrams mehr. Warum bist du wiedergekommen und machst uns Scherereien? Wer hat dir erlaubt, hier Bäume zu fällen? Die Pläne für das Hospital hat längst jemand in der Stadt gezeichnet. Warum mischst du dich ein?”

Um seinen Standpunkt untermauern zu können, schickte er Ramaswami Pillai in die Stadt, von wo er den Zeichner des Bauplans herbeiholen sollte.

Chinnaswamis Geschrei und der Lärm des Baumfällens hatten eine schaulustige Menge von etwa dreißig Leuten angelockt. Viele wollten wissen, weshalb ich die Bäume fällte. Wenn Chinnaswamis Plan ausgeführt worden wäre, hätten sie stehenbleiben können.

Ich erklärte noch einmal: „Ich werde hier ein größeres Hospital bauen. Diese Bäume mußten weichen, um Platz dafür zu schaffen.”

Ich gab mir Mühe, es so plausibel wie möglich klingen zu lassen, aber jeder bemerkte die große Lücke in meiner Argumentation: ohne Auftrag hatte ich kein Recht, diese Bäume zu fällen.

Als Chinnaswami endgültig überzeugt war, ich handele eigenmächtig und sei entschlossen weiterzumachen, brüllte er mich an: „Wie kannst du es wagen, dich mir derart zu widersetzen? Welche Befugnisse hast du hier? Weißt du eigentlich, wer ich bin?”

Ich erwiderte, so gelassen ich konnte: „Du weißt nicht, wer du bist, und ich weiß nicht, wer ich bin. Deshalb streiten wir uns so.”

Die Zuschauermenge war auf Chinnaswamis Seite, weil ich keine befriedigende Erklärung für mein Verhalten abgeben konnte. Einige griffen zu seinen Gunsten in den Streit ein:

„Warum machst du das? Geh wieder nach Palakottu. Warum bist du in den Ashram zurückgekommen? Wieso fällst du hier unsere Bäume?”

Die Situation eskalierte immer mehr zu einer häßlichen Pöbelszene. Ich verließ schließlich den Ort der Konfrontation, stellte mich in eine Ecke und gab vor, meine Niederlage einzusehen. In diesem Augenblick trat Bhagavan auf. Ich hatte bemerkt, daß er uns durch das Fenster der Halle zusah. Er wußte also sehr wohl, daß in kaum dreißig Meter Entfernung von seinem Fenster heftig gestritten wurde, aber erst, als es fast vorüber war, beschloß er einzugreifen.

Bhagavan kam zu mir und flüsterte in mein Ohr: „Was sagen diese Leute?”

Ich flüsterte zurück: „Sie sagen: „Welches Recht hast du hierherzukommen? Warum fällst du die Bäume?””

Bhagavan seufzte und sagte: „Avanga ishtam. Avanga ishtam. Avanga ishtam. („Ganz wie sie wünschen.”) Du kannst nach Palakottu zurückgehen.”

Kurz nachdem ich gegangen war, kam ein neuer Devotee, den der Lärm angelockt hatte, und fragte einen der Zuschauer, was geschehen sei.

Er bekam zur Antwort: „Ein gewisser Annamalai Swami, der früher hier gearbeitet hat, wollte ein großes Hospital bauen. Wir können uns aber kein großes Hospital leisten, dafür fehlt uns das Geld. Wir schickten ihn fort, erstens, weil er überhaupt nicht befugt ist, hier zu bauen, und zweitens, weil wir kein Geld für sein Bauprojekt haben.”

„Wollt ihr ein großes Hospital”, sagte der neue Devotee, „dann gebe ich euch gern das Geld dafür, daran soll es nicht liegen. Wenn ihr ein großes Hospital nach dem Plan dieses Annamalai Swami bauen wollt, trage ich die Kosten.”

Das war eine unerwartete Spende für den Ashram. Der alte Plan wurde fallengelassen, und Chinnaswami persönlich bat mich, die Bauleitung nach dem neuen Plan zu übernehmen. Bhagavans Mittel und Wege sind wirklich geheimnisvoll.

Ich zog nicht wieder in den Ashram. Während die Bauarbeiten im Gang waren, aß ich dort, aber abends ging ich immer nach Palakottu. Anfangs kochte ich mir mein Essen noch selbst, aber Bhagavan setzte dem bald ein Ende:

„Warum kochst du dein Essen in Palakottu, wenn du hier für uns arbeitest? Nimm bei uns an allen Mahlzeiten teil, das ist viel praktischer für dich.”

Bhagavan hatte besonderes Interesse an dem Hospital, vielleicht mehr als an allen anderen Bauten. Er kam sogar, wenn es nichts zu beaufsichtigen gab, und inspizierte sorgfältig alles, was getan worden war. Auch wenn gerade wenig oder nicht gearbeitet wurde und es nichts Besonderes zu überprüfen gab, kam er zur Baustelle und blieb lange dort sitzen. Dabei sah er mich oft an und gab mir einen Darshan, wie er ihn oft den Devotees in der Halle gab: eine direkte Übertragung von Gnade durch die Augen.

Der Bau wurde ohne besondere Zwischenfälle beendet. Wie beim Speisesaal bestand die letzte Aufgabe darin, den Namen des Gebäudes über den Eingang zu setzen. Bhagavan schrieb die Buchstaben wieder auf Papier, und ich sollte sie auf die Wand übertragen. Ich stellte ein Gerüst auf, setzte mich darauf und begann mit meiner Arbeit. Plötzlich kam Chinnaswami und rüttelte an den Pfählen des Gerüsts.

„Jeder Maurer kann das machen”, sagte er. „Im Morvi-Gästehaus sind Bauarbeiten im Gang. Geh dorthin und führe die Aufsicht”

Das Morvi-Gästehaus wurde damals auf der dem Ashram gegenüberliegenden Straßenseite gebaut. Es dient als Unterkunft für Besucher.

Ich lehnte ab, da Bhagavan mir ausdrücklich aufgetragen hatte, den Namen über den Hospitaleingang zu zeichnen.

„Das kann eine Weile warten”, sagte ich. „Das Schicksal hat meine Arbeit im Ashram und dieses Hospital miteinander verknüpft. Wenn ich hiermit fertig bin, gehe ich wieder nach Palakottu und bleibe dort.”

Bhagavan beobachtete dies aus der Entfernung, ohne einzugreifen oder sich zu äußern. Meine Voraussage erwies sich als zutreffend: Die letzte Arbeit am Bau, die ich für den Ashram tat, bestand darin, das Wort Vaidyashala über den Hospitaleingang zu schreiben.

Im vorigen Kapitel erwähnte ich, daß Annamalai Swami in den vierziger Jahren an der Bauleitung des Tempels für die Mutter beteiligt war. Ich nehme an, daß die Arbeit am Tempel etwa zur Zeit des Hospitalbaus stattfand und vor Vollendung des Hospitals zu Ende kam. Das Hospitalprojekt wurde 1942 in Angriff genommen, aber ich konnte nicht feststellen, wann es abgeschlossen wurde. Der Torbogen mit der Aufschrift Vaidyashala wurde möglicherweise erst lange nach Abschluß der eigentlichen Bauarbeiten von Annamalai Swami angebaut. Auf einem Foto von der Einweihungsfeier des Hospitals, das jetzt im Speisesaal des Ashrams hängt, ist der Torbogen noch nicht vorhanden.

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Bild oben: Shri Ramanasramam und Palakottu. Der Tempel über dem Samadhi der Mutter und die neue Halle Bhagavans wurden 1949 fertiggestellt. Nach seinem Tod im April 1950 wurde Bhagavan zwischen dem Tempel der Mutter und der alten Halle beigesetzt. Über seinem Samadhi errichtete man in den sechziger Jahren eine große Halle. Viele der in diesem Buch erwähnten Sadhus lebten in Palakottu in Hütten oder Häusern rund um den Teich.

Während meiner Arbeit am Hospital mußte ich ständig Chinnaswamis kaum verhüllte Feindseligkeit ertragen. Manchmal machte er sich nicht einmal die Mühe, sie zu verbergen.

Als ich einmal auf dem Weg zur Halle an ihm vorbeiging, sagte er übertrieben laut zu seinen Begleitern: „Wenn man Punya (Verdienst aus guten Taten) will, muß man sein wie Annamalai Swami. Bhagavan gibt ihm viel zu tun, deswegen steht er mit ihm auf vertrautem Fuß. Chadwick sorgt für seinen leiblichen Bedarf, warum sollte er sich also noch um unsereinen kümmern?”

Es war wieder die alte Geschichte. Er ärgerte sich, weil ich nicht seiner Kontrolle unterstand. Für mich war der Ashram damals als Arbeitsstätte eine bedrückende Umgebung. Ich war froh, nach Abschluß der Arbeiten am Hospital wieder nach Palakottu zu entkommen.

Ein paar Monate nach Fertigstellung des Hospitals bestätigte Bhagavan, daß meine Zeit als Mitarbeiter des Ashrams beendet sei.

Ich saß während des abendlichen Darshan in der Halle, als sich Bhagavan mir zuwandte und sagte: „Du bist ein freier Mann. Du bist ein freier Mann. Du bist ein freier Mann. Deine Karmas (Handlungen) sind abgeschlossen. Von nun an wird dich niemand, weder König noch Deva (Götter, Halbgötter, Engel oder überirdische Wesen), weder Mensch noch Asura (dämonische himmlische Wesen) herumkommandieren und dir sagen, was du zu tun hast.”

In der Hindumythologie gibt es das Reich der Devas oder guten Geistwesen und der Asuras oder dämonischen Wesen. Sie befinden sich in einem fortwährenden Kampf miteinander.

Diese Worte Bhagavans erfüllten mich mit großer Kraft und tiefem Frieden. Ich war in tiefster Seele erleichtert zu wissen, daß ich nicht mehr zur Arbeit in den Ashram kommen mußte.

Als Bhagavan Mitte der vierziger Jahre nicht mehr so gut laufen konnte, ebneten und säuberten Arumugam und ich den Pfad, auf dem Bhagavan gewöhnlich nachmittags spazierenging. Der Pfad führte durch den Ashram nach Palakottu und dann am Fuß des Arunachala zurück in den Ashram. Um ihn zu glätten, schütteten wir Erde darauf und streuten feinen Sand darüber. Wir stellten auch einen hohen Stein in eine Kluft im Berghang, auf den sich Bhagavan dort stützen konnte. Der Weg mußte ab und zu gesäubert werden, weil die auf den Hängen des Arunachala weidenden Ziegen oft dornige Zweige darauf schleiften. Eines Tages sah ich neue Dornen auf dem Weg. Ich nahm einen Zweig und fegte den Weg damit sauber.

Als ich am Abend zu Bhagavans Darshan ging, fragte er mich: „Wer hat den Weg gefegt?”

Ich antwortete, ich hätte bei einem Spaziergang Dornen auf dem Weg gesehen und ihn deshalb gefegt.

Bhagavan erwiderte darauf ziemlich scharf: „Warum denkst du noch an etwas, was du bereits getan hast?”

Ich verstand sofort, was Bhagavan mir klarmachen wollte. Ich sollte nicht der Vorstellung nachhängen, daß ich ihm, Bhagavan, diesen Dienst geleistet hätte. Mir war nicht bewußt, daß ich mich immer noch damit beschäftigte, aber Bhagavan muß in mein Gemüt geblickt haben.

„Du kannst in meinem Herzen lesen. Ich war mir nicht bewußt, daß ich dachte „Ich habe das getan”. Ich fegte den Weg einfach, weil ich nicht wollte, daß Bhagavan auf Dornen tritt.”

Bhagavan entgegnete: „Wenn du nicht zurückschaust auf das, was du einmal getan hast, erwächst dir daraus großer Segen.”

Bhagavan schien immer noch anzudeuten, daß ich mich bewußt mit diesem Vorgang beschäftigte, daher sagte ich: „Bhagavan weiß, daß ich nicht bewußt dachte „Ich habe das getan.”

Dann zitierte ich einen Vers von Tayumunavar: „O Gott, du kennst mein Herz, du kennst meine Taten; wenn du mich dennoch fortjagst, werde ich viel Leid ertragen müssen.”

Bhagavan lächelte über mein Zitat und verfolgte die Angelegenheit nicht weiter.

Bhagavan warnte mich mehrfach vor der Gefahr, die Vorstellung „Ich bin der Handelnde” zu nähren. Einmal erzählte er mir dazu die Geschichte von Vallalan, einem König von Tiruvannamalai, dessen Hingabe an Shiva in dem Tamilwerk Arunachala Puranam gerühmt wird. Diesem König ist der Bau eines der großen Tortürme (Gopuram) im Haupttempel von Tiruvannamalai zu verdanken. Nach Vollendung des Gopuram lebte er in dem stolzen Gefühl, Erbauer dieses großartigen Turms zu sein. An besonderen Festtagen wird die Statue von Arunachaleshwara, der Tempelgottheit, in einer Prozession durch die Stadt geführt. Nach der örtlichen Legende ließ sich Arunachaleshwara bei einem zehntägigen Fest nicht durch das Tor in König Vallalans neuem Gopuram tragen, weil der König zu stolz auf sein Werk war. An neun Tagen wählte Arunachaleshwara einen anderen Weg aus dem Tempel. Am zehnten und letzten Tag sah der König seine fehlerhafte Haltung ein und wurde demütig. Er brach in Tränen aus und bat den Gott weinend, wenigstens diesmal den Weg durch seinen Gopuram zu wählen. Arunachaleshwara sah, daß der Stolz des Königs gebrochen war, und erfüllte seine Bitte.

In den frühen vierziger Jahren bemerkte ich, daß es Bhagavan immer schwerer fiel, die unteren Stufen des Bergpfads zum Skandashram hinaufzusteigen. Weil er diesen Weg gern für seinen Spaziergang am Berghang wählte, kam mir die Idee, für ihn ein metallenes Geländer zu installieren, an dem er sich beim Hinauf- und Hinabsteigen festhalten konnte. Ich trug Bhagavan diesen Plan vor und ergänzte, daß ich gerne die Kosten tragen und die Arbeit selbst ausführen würde, aber er lehnte ab.

„Das ist nicht nötig”, sagte er. „Wenn du Geld übrig hast, gib es für weitere Bauten in Palakottu aus.”

Bhagavans sich verschlechternder Gesundheitszustand beunruhigte in den vierziger Jahren alle Devotees, nur er selbst blieb gelassen. Wenn man ihm zeigte, daß man sich um seine Gesundheit Sorgen machte, wurde man sanft dafür gerügt, daß man ihn fälschlicherweise mit seinem Körper identifiziere. So auch auf einem seiner Mittagsspaziergänge nach Palakottu. Damals hatte Bhagavan ernste Beschwerden mit seinem Verdauungssystem. Weil er nur wenig essen konnte, war er sehr schwach geworden, das konnte man an seinem stolpernden, wankenden Gang erkennen. Als Bhagavan in Palakottu ankam, sprach ihn Jagadisha Shastri an, ein Devotee und großer Vedanta-Gelehrter. Er brachte seine Besorgnis zum Ausdruck, Bhagavan in einem solchen Schwächezustand zu sehen.

Bhagavan hörte sich diese Äußerungen des Mitgefühls eine Zeitlang an und tadelte ihn dann: „Der Shankaracharya von Kanchipuram hat dir den Titel Vedanta Ratna Bhushanam (Diamantschmuck des Vedanta) verliehen. Wie kannst du bei deinem ganzen Vedanta-Wissen Bhagavan immer noch mit seinem Leib verwechseln? Ist dieser Körper Bhagavan?”

Als ich etwa sechs Jahre in Palakottu lebte, begann Chinnaswami, Chadwick massiv unter Druck zu setzen, er solle seine Unterstützung für mich einstellen. Damals sandte Chadwick mir schon keine Lebensmittel mehr, er gab mir einfach jeden Monat 50 Rupien. Das war ebensogut wie die alte Regelung und deckte meinen Bedarf vollkommen. Chinnaswami sprach nicht selbst mit Chadwick, sondern ließ ihm durch Narayana Iyer folgendes ausrichten:

„Du mußt aufhören, Annamalai Swami zu unterstützen; es wirkt als schlechtes Beispiel für die anderen Devotees hier. Wenn alle, die jetzt im Ashram arbeiten, sich an einen reichen Devotee hängen und weggehen, dann bleibt niemand hier, der Bhagavan hilft und sich um den Ashram kümmert.”

Chadwick ignorierte diese Weisung zunächst und fuhr fort, mich zu unterstützen. Aber als Chinnaswami ihm noch mehrmals ähnliche Aufforderungen zukommen ließ, mußte er irgendwie reagieren. Er befand sich nun in einem Zwiespalt: einerseits wollte er mir weiterhin helfen, andererseits mochte er sich nicht mit Chinnaswami anlegen. Aus langer Erfahrung im Ashram wußte er, daß Chinnaswami häufig Devotees aus dem Ashram wies, die sich ihm widersetzten. Da Bhagavan Chinnaswamis Anordnungen in solchen Dingen nie aufhob, mußte er damit rechnen, aus dem Ashram verjagt zu werden, wenn er mir weiter half. Chadwick sagte sich ganz treffend, daß allein Bhagavan ihn in dieser Angelegenheit richtig beraten könne. Bei einem gemeinsamen Spaziergang am Fuß des Arunachala erklärte Chadwick ihm die Sachlage:

„Ich habe Annamalai Swami jahrelang unterstützt, aber jetzt drängt mich Chinnaswami, die Hilfe einzustellen. Soll ich ihn weiter unterstützen oder damit aufhören?”

Bhagavan erwiderte: „Wer bist du denn, daß du Annamalai Swami hilfst?”

Auch nach diesem deutlichen Hinweis Bhagavans zögerte Chadwick noch, die Unterstützung für mich einzustellen. Er fuhr noch ein paar Wochen damit fort, sah aber schließlich ein, daß es seine erste Pflicht war, Bhagavans Weisungen zu befolgen.

Für mich begann damit natürlich eine sorgenvolle Zeit. Chadwick hatte mir schon von Chinnaswamis Aufforderungen erzählt; mir war also klar, daß die Quelle meines Lebensunterhalts jederzeit versiegen konnte. Wäre mein Vertrauen zu Bhagavan stärker gewesen, dann hätte ich gewußt, daß Bhagavan mich nie fallenlassen würde. Aber tatsächlich wurden meine Befürchtungen erst durch eine merkwürdige Begebenheit zerstreut, die sich am Arunachala zutrug. Ich wanderte in einer Vollmondnacht über die tieferliegenden Hänge des Berges und machte mir Gedanken, was wäre, wenn Chadwick seine Zahlungen an mich einstellte.

Plötzlich hörte ich jemand mit lauter Stimme hinter einem Felsen hervorrufen: „Sei unbesorgt, Kind Sei unbesorgt, Kind”

Ich suchte die ganze Umgebung ab, konnte aber niemanden in Rufweite finden. Am Ende blieb mir nur eine Erklärung: Bhagavan selbst mußte zu mir gesprochen haben. Die Stimme klang zwar nicht wie seine, aber die dreimalige Wiederholung war typisch für ihn.

Schon vor dieser Zusicherung Bhagavans hatte ich beschlossen, um mein Essen zu betteln und Chadwick dadurch die Belastung von der Seele zu nehmen. Ich dachte: „Anstatt von einem anderen abhängig zu sein, gehe ich lieber zur Bhiksha (Bitte um Essen) in die Stadt.”

Weil dies eine große Veränderung in meiner Lebensweise mit sich gebracht hätte, mußte ich zuerst Bhagavans Erlaubnis einholen. Er hatte mich zwar angewiesen, um nichts zu bitten, aber ich dachte, nun würde er es mir erlauben, um Chadwick aus der Verlegenheit zu helfen. Eines Abends in der Halle erläuterte ich Bhagavan die Situation und bat ihn, um Bhiksha gehen zu dürfen. Bhagavan schwieg ganze fünfzehn Minuten lang. Schließlich stand ich auf, um zu gehen. Bhagavans langes Schweigen deutete klar darauf hin, daß er mir die Erlaubnis nicht geben würde. Doch zu meiner Überraschung forderte Bhagavan mich auf, wieder Platz zu nehmen:

„Du hast so lange hier gesessen, warum stehst du jetzt auf?”

Ich setzte mich wieder. Wenige Minuten später betrat Arumugam, der mir beim Bau meines Hauses und beim Ausbessern des Wegs für Bhagavan geholfen hatte, die Halle. Ich sah, daß er einen großen Sack Reis draußen abgestellt hatte.

Als ich ihn fragte, wofür der Reis sei, antwortete er: „Ich brachte ihn für dich. Ich hatte plötzlich den Wunsch, dir etwas zu schenken.”

Arumugams Erscheinen im richtigen Moment war Bhagavans Antwort auf meine Bitte: Ich sollte niemanden um irgend etwas bitten, sondern von dem leben, was Devotees mir von sich aus gäben.

Chinnaswami war sehr verärgert, als er hörte, daß auch Arumugam mir half. Er erklärte ihm, wenn er mich weiterhin mit Nahrungsmitteln versorge, dürfe er den Ashram nicht mehr betreten. Das war eine sehr ernste Drohung, weil Arumugam nicht nur ein großer Verehrer Bhagavans war, sondern auch sein Geld hauptsächlich mit Arbeiten für den Ashram verdiente. Arumugam zeigte sich bestürzt über die Anordnung.

„Was habe ich falsch gemacht?” fragte er Bhagavan. „Ich habe doch nur Annamalai Swami geholfen. Ist es gerecht, mich aus dem Ashram zu werfen, nur weil ich einem anderen Devotee helfe?”

Wie schon erwähnt, griff Bhagavan nie ein, wenn Chinnaswami Arbeiter entließ oder Devotees aus dem Ashram wies.

Er sagte zu Arumugam: „Sprich mit Chinnaswami darüber. Ich mische mich in diese Dinge nicht ein.”

Wie vor ihm Chadwick, beugte sich auch Arumugam nach einigem Zaudern den Weisungen Chinnaswamis.

Die Geldsorgen und Drohungen mit Hinauswurf waren Teil von Bhagavans Lila (göttlichem Spiel). Wohl führt er die Devotees manchmal in Prüfungen und Herausforderungen, aber wer ihm vertraut, wird nie im Stich gelassen. Mir wurde das ganz klar, als Chadwick schließlich nach einigem Zögern die Unterstützung für mich einstellte. Schon am nächsten Tag bekam ich drei Rupien unter Umständen, die nur als wunderbar bezeichnet werden können. Adhiveeraghavan Pillai, ein Devotee Bhagavans aus dem Dorf Telur bei Vandavasi (48 km nordöstlich von Tiruvannamalai), hatte seit einigen Tagen den Impuls verspürt, einem Sadhu im Shri Ramanasramam etwas Geld zu schicken. Der Wunsch war ziemlich vage, er dachte an keine bestimmte Person. Eines Nachts sah er im Traum einen Zettel, auf dem „Annamalai Swami, Palakottu” geschrieben stand. Also schickte er mir am nächsten Tag drei Rupien. Er schickte sie mir nicht direkt, sondern durch einen Mann aus seinem Dorf namens Jayaram Mudaliar. Ich schrieb Mudaliar einen Dankbrief, in dem ich erwähnte, daß das Geld am Tag nach dem Versiegen meiner einzigen Einnahmequelle gekommen sei.

Etwa eine Woche später kamen einige Devotees aus diesem Dorf und kündigten an, daß sie für alle meine Bedürfnisse sorgen wollten. Von da an gaben sie mir viele Jahre lang genug Geld für meinen Lebensunterhalt. Ist das kein schönes Beispiel für Bhagavans Gnade? Als ich zu Bhagavan kam, sorgte zuerst der Ramanasramam für alles, was ich brauchte. Vom ersten Tag in Palakottu an übernahm Chadwick für mehr als sechs Jahre meine Versorgung. Am Tag, nachdem Chadwick seine Unterstützung einstellte, ließ Bhagavan diese Leute aus dem Dorf kommen, die sich um mich kümmerten. Bhagavan sagte mir, ich solle nie um irgend etwas bitten. Da er mich keinesfalls hätte hungern lassen, muß er gewußt haben, daß es mir bestimmt war, mein ganzes Leben hindurch mit allem Nötigen versorgt zu werden.

Mein Leben mit Bhagavan lehrte mich den hohen Wert von Glauben, Gehorsam und Hingabe. Wenn ich Bhagavan gehorchte und vollkommen darauf vertraute, daß er sich um alle meine spirituellen und materiellen Bedürfnisse kümmern würde, war alles gut. Wenn ich dagegen mein Geschick selbst in die Hand zu nehmen versuchte (z. B. als ich in der Höhle leben wollte und als ich nach Polur weglief), ging es mir schlecht. Das Leben hat mich auf diese Weise gelehrt, wie wertvoll, ja unerläßlich vollkommene Hingabe ist. Wenn man sich Bhagavan völlig anvertraut; wenn man ganz nach seinen Worten lebt und sich nicht darum kümmert, was andere meinen; wenn man genug Vertrauen zu Bhagavan hat, um das Planen in die Zukunft aufzugeben; wenn man überzeugt von Bhagavans Allmacht alle Zweifel und Sorgen verbannen kann, dann und nur dann biegt und formt Bhagavan die Lebensumstände des Devotees, nur dann verwandelt er sie auf solche Weise, daß seine spirituellen und physischen Bedürfnisse immer befriedigt werden.

Ich sagte schon, daß ich jeden Abend zu Bhagavan ging. Meist besuchte ich ihn zwischen neun und zehn Uhr abends, hörte seinen Lehren zu und nahm, soviel ich konnte, von seinem gnadenerfüllten Schweigen in mich auf. Ich genoß in dieser Zeit ein kleines Privileg: Bhagavan ließ mich oft die Dornen aus seinen Fußsohlen ziehen, weil er fand, daß ich das besser konnte als seine eigentlichen Betreuer. Bhagavan trat sich oft Dornen in die Füße, weil er sich nie die Mühe machte, Sandalen zu tragen.

Während ich ihm die Dornen herauszog, fragte Bhagavan oft teilnahmsvoll: „Sind deine Augen gut genug, die Dornen zu finden? Kannst du sehen, was du tust?”

Einmal fragte er mich: „Ziehst du neue oder alte Dornen heraus?”

Das war schwer zu beantworten. Bhagavan hatte oft tage- oder wochenlang Dornen in den Füßen, ohne sie zu bemerken.

Die abendlichen Besuche waren für mich jedesmal etwas Besonderes. Bhagavan sprach immer sehr liebevoll und gütig mit mir. Doch leider mußte ich bald erkennen, daß sich diese Phase meines Lebens ihrem Ende näherte.

Als ich ein paar Tage später in die Halle kam, verhüllte Bhagavan Kopf und Gesicht mit einem Dhoti und sah mich nicht an. Das war sehr seltsam, denn sonst grüßte er mich immer mit ein paar freundlichen Worten. Auch an den nächsten zwei Abenden verhielt er sich ebenso merkwürdig.

Am dritten Abend fragte ich ihn: „Warum verhüllt Bhagavan jedesmal sein Gesicht wie eine Mohammedanerin, wenn ich in die Halle komme? Heißt das, daß ich nicht mehr kommen soll?”

Bhagavans Antwort war ziemlich rätselhaft: „Ich verhalte mich wie Shiva. Warum sprichst du mich an?”

„Ich verhalte mich wie Shiva” ist eine Redewendung mit der Bedeutung „Ich sitze hier und kümmere mich nur um meine eigenen Angelegenheiten”.

Ich verstand dies als Hinweis Bhagavans, daß ich nicht mehr kommen solle. Ich verließ die Halle und stellte mich unter einen Baum. Nach einiger Zeit rief mich Bhagavan in die Halle zurück. Ich sah, daß wir allein waren.

„Bist du ein Atheist ohne Glauben an Gott?” fragte Bhagavan. Ich war zu verblüfft, um zu antworten.

„Wenn man nicht an Gott glaubt”, fuhr Bhagavan schließlich fort, „begeht man zahlreiche Sünden und wird unglücklich. Aber du bist ein gefestigter Devotee. Wenn das Gemüt zur Reife gekommen ist und man dennoch meint, von Gott getrennt zu sein, dann fällt man in denselben Zustand zurück wie ein Atheist, der nicht an Gott glaubt.

Du hast es als gefestigter Sadhaka (spirituell Strebender) nicht mehr nötig, hierherzukommen. Bleibe in Palakottu und meditiere dort.

Versuche dich von der Vorstellung zu lösen, du seiest von Gott verschieden”.

Ich verließ den Ashram, um nie zurückzukehren. Obwohl mein Haus kaum 200 Meter vom Tor des Ashrams entfernt ist, habe ich den Ashram seit jenem schicksalhaften Tag in den Vierzigern nie mehr betreten.

Etwa drei Wochen später ging Bhagavan auf seinem Spaziergang durch Palakottu auf mich zu und sagte lächelnd: „Ich bin gekommen, um deinen Darshan zu erhalten.” Obwohl ich verstand, daß er einen Scherz machte, schockierten mich seine Worte.

Auf meine Bitte hin erklärte er: „Du hast auf mich gehört und lebst einfach und bescheiden, wie ich es lehrte. Ist das nicht großartig?”

Bhagavan hatte mich zwar gebeten, nicht mehr in den Ashram zu kommen, aber ich dachte, ich dürfte weiterhin mit ihm sprechen, wenn er nach Palakottu kam. Bhagavan belehrte mich jedoch wenig später eines anderen, als ich ihn am Berg spazieren sah und zu ihm ging.

Er wandte sich mir zu und sagte: „Du bist glücklicher als ich. Was du geben konntest, hast du gegeben. Was ich geben konnte, habe ich gegeben. Warum kommst du noch zu mir?”


<>Vergleiche den folgenden Einschub aus einem Interview mit Annamalai Swami vom November 1989:

Der Schatten namens Bhagavan

Einmal wurden Filme im Ashram gezeigt, darunter auch einer von Bhagavan. Ich wollte diesen Film gern sehen. Als ich ankam und vor Bhagavan prostrierte, sagte er mit strenger Stimme: „Du bist also gekommen, um den Schatten von Bhagavan zu sehen. Dies bedeutet, dass du nicht länger den wahren Bhagavan in dir trägst, und dass du also gekommen bist, um diesen Schatten-Bhagavan zu sehen.” Dies berührte mich zutiefst.

Eines Tages, nach diesem Vorfall, ging ich den Berg hinauf, um Bhagavan nach seinem Spaziergang zu treffen. Er sah mich wiederum streng an und sagte: „Weshalb bist du gekommen? Du bist glücklich, du bist glücklich.” Ich konnte seine Worte erst nicht verstehen, aber nach einigem Nachdenken erkannte ich, dass man seinen Frieden hat, wenn man von der Gesellschaft entfernt lebt, und dass Bhagavan mir raten wollte, die Gesellschaft als Ganzes zu meiden. So habe ich seine Worte interpretiert.

Bhagavan sagte außerdem: „Ananda ist nicht etwas, was du von jemand anderes bekommen kannst. Wenn du dem Pfad irgendeines anderen folgst, dann führt dich dies nur zur Zerstörung. Du musst deinem eigenen Selbst folgen. Nur dies führt dich zu Ananda.” Ich interpretierte dies so, dass ich allein bleiben sollte.


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<>Dies waren die letzten Worte, die er zu mir sprach. Ich hielt mich an seine Weisung und näherte mich ihm nie mehr. Wenn er auf seinem täglichen Spaziergang nach Palakottu kam, hatte ich weiterhin seinen Darshan, aber wir sprachen nie wieder miteinander. Begegneten wir uns zufällig, ging er an mir vorbei, ohne von mir Notiz zu nehmen.

Bhagavan hatte mir einmal gesagt: „Klammere dich nicht an die physische Gestalt des Gurus, denn sie wird vergehen; klammere dich nicht an seine Füße, denn die Betreuer werden es dir verbieten. Der wahre Bhagavan lebt in deinem Herzen als dein eigenes Selbst. Das ist es, was ich in Wirklichkeit bin.”

Indem er das persönliche Band zwischen uns zerschnitt, versuchte Bhagavan, mich erkennen zu lassen, was er in Wahrheit ist. Bhagavan hatte mir oft gesagt, ich solle mit dem Selbst keinen Namen und keine Form verbinden und es nicht als ein persönliches Wesen betrachten.

Als wir einmal die zum Navaratri-Fest (zehntägiges Fest im Oktober) geschmückte Figur der Göttin im Ashram betrachteten, hatte er mich gewarnt: „Glaube nicht, Gott habe eine Form. Das Selbst ist allgegenwärtig. Denke nicht, es sei auf einen Körper beschränkt, auch nicht auf den Körper einer Gottheit.”

Bhagavan schenkte mir seine Gnade und löste dann unsere persönliche Beziehung. Eine tiefe innere Verbindung blieb jedoch bestehen: Liebe und Hingabe behielten ihren Platz im Herzen und im Gemüt.

Als Bhagavan Ende der vierziger Jahre schwer krank wurde, drängte es mich aus tiefstem Herzen, ihn zu besuchen, aber ich widerstand der Versuchung, weil er mich angewiesen hatte, nicht zu ihm zu kommen. Einige Leute, die davon nichts wußten, hielten mein Fernbleiben für Respektlosigkeit. Ein Devotee fragte Bhagavan:

„Annamalai Swami hat Bhagavan lange gedient, aber warum kommt er jetzt nicht, obwohl Bhagavan ernstlich krank ist?”

Bhagavan spürte die Selbstgerechtigkeit des Fragenden und erwiderte: „Er macht als einziger keine Schwierigkeiten. Ihr seid hier, aber eure Gedanken sind anderswo. Er ist an einem anderen Ort, doch sein Herz ist hier.”

Rangaswami, Bhagavans Betreuer, berichtete mir das noch am selben Tag. Bhagavan wußte also, daß ich ständig an ihn dachte und mit ihm fühlte. Es tat mir gut, das zu hören.

In Bhagavans letztem Lebensjahr litt ich ständig an heftigen Magenschmerzen. Einige der Ärzte, die Bhagavan betreuten, behandelten auch mich, aber keiner konnte die Schmerzen lindern. Ich vermochte nichts als dünnen Brei zu essen, und auch davon nur kleine Mengen. Wenn ich mehr Brei oder andere Kost zu essen versuchte, wurden meine Magenschmerzen unerträglich. In Bhagavans letzten Lebenstagen steigerten sich die Schmerzen noch.

Mein Zustand wurde so schlimm, daß ich dachte: „Laß mich diesen Körper aufgeben, bevor Bhagavan seinen aufgibt. Ich halte diese Schmerzen nicht länger aus.”

Zuletzt beschloß ich, zu Bhagavan zu beten, nicht um gesund zu werden, sondern um zu sterben. Damals führten ein paar Stufen auf das Dach meines Hauses. Ich erklomm sie langsam und mühselig und schaute in Bhagavans Richtung.

„Bitte, Bhagavan”, betete ich, „laß mich sterben, bevor du stirbst. Ich sah mitten am Himmel eine große, etwa sieben Meter hohe und einen halben Meter breite Säule aus Licht. Sie blieb etwa zwei Minuten sichtbar; in dieser Zeit senkte sie sich langsam auf den Ashram. Kurz darauf teilte ein Sadhu mir mit, daß Bhagavan seinen Körper verlassen habe. Im selben Augenblick, als ich diese Nachricht hörte, waren auch meine Magenschmerzen verflogen. Sie kehrten nie zurück.

Bhagavans sterbliche Überreste wurden am nächsten Tag begraben. Swami Satyananda, einer meiner Nachbarn aus Palakottu, half beim Begräbnis. Ich sah ihn am Abend um halb neun nach Palakottu zurückkehren. Sein ganzer Körper war mit Vibhuti (heilige Asche) bedeckt. Natürlich fragte ich ihn, woher die viele Asche stamme.

„Ich habe Bhagavans Leichnam in die Samadhi-Grube gelegt”, antwortete er. „Weil die Devotees große Mengen von Vibhuti dorthin eingestreut hatten, habe ich natürlich viel davon abbekommen. Kannst du mir etwas warmes Wasser zum Baden bringen?”

Bevor ich ihm das Wasser gab, umarmte ich ihn fest, um auch mit dieser heiligen Asche in Berührung zu kommen. Da sie Bhagavans Leib berührt hatte, betrachtete ich sie als seinen letzten Prasad.

Ich bekam am selben Abend noch zweimal Prasad in anderer Form. Ein Mädchen, das für mich kleine Arbeiten erledigte, brachte etwas von dem Wasser, mit dem Bhagavans Leib gewaschen worden war. Ich trank es mit großer Freude. Eine andere Frau, die als harmlos verrückt galt, brachte mir einen der Blumenkränze, mit denen Bhagavans Leichnam geschmückt worden war. So viele Menschen wollten ihn mit Blumen bekränzen (was er zu Lebzeiten nie erlaubt hatte), daß jeder Kranz wieder abgenommen werden mußte, um Platz für den nächsten zu schaffen. Ich pflückte ein paar Blüten von dem Kranz und aß sie. Dieses Wasser und die Blüten waren mein letzter Kontakt mit Bhagavans Körper. In all den folgenden Jahren bemühte ich mich, mit dem wirklichen Bhagavan in Verbindung zu bleiben, der ewig im Herzen lebt.

Auszüge aus dem Tagebuch     Top

Während meiner ersten zehn Jahre im Ramanasramam (1928-1938) achtete Bhagavan darauf, dass ich nie müßig war. Wenn er einmal sah, dass ich nichts zu tun hatte, ließ er sich gleich neue Aufgaben für mich einfallen, damit ich weiterhin beschäftigt blieb. Ich hatte deshalb in dieser Phase sehr wenig Freizeit. Als ich nach Palakottu zog, war es genau umgekehrt: Ich hatte keine Arbeit außer meinen häuslichen Pflichten und fast unbegrenzt freie Zeit. Ich nutzte diese Zeit zur Meditation und zum Studium der Bücher, die mir Bhagavan empfohlen hatte. Außerdem legte ich ein Tagebuch an, in das ich aufzeichnete, was Bhagavan gesagt und getan hatte. Ich begann damit in der zweiten Hälfte des Jahres 1938 und machte ein Jahr lang regelmäßig Eintragungen.

Anmerkung: Manche Erzählungen in den vorhergehenden Kapiteln stammen ursprünglich aus diesem Tagebuch der Jahre 1938/39. Andere Tagebucheintragungen wurden später in die Gespräche mit Ramana Maharshi übernommen (Gespräche 531-532 und 534-561).

Weil aber viele interessante Dialoge noch nicht veröffentlicht sind, entschloss ich mich, die meisten übrigen Eintragungen in dieses Kapitel aufzunehmen.

Die unten wiedergegebenen Fragen und Antworten sollen keine systematische Darstellung von Bhagavans Lehren sein, aber sie sind eine repräsentative Auswahl von Gesprächen, wie sie in den späten dreißiger Jahren in der alten Halle geführt wurden.


1

Eine vornehm aussehende Amerikanerin stellte Bhagavan die folgenden Fragen. Bhagavans Antworten sind eine knappe Zusammenfassung seiner praktischen Lehren.

Frage: Zu welcher Wahrheit muss ich vordringen? Bitte zeigt und erklärt sie mir.

Bhagavan: Was wir erreichen müssen und was jedermann ersehnt, ist andauerndes Glücklichsein. Wir versuchen zwar auf verschiedenste Weise, dahin zu kommen, aber es ist nicht etwas wie eine neue Erfahrung, die man zu machen sucht. Unser wahres Wesen ist das „Ich”-Gefühl, das jeder Mensch ständig empfindet. Es liegt in uns und nirgendwo außerhalb. Obwohl wir es immer empfinden, wandert unser Gemüt ständig auf der Suche danach umher. Es meint in seiner Verblendung, das „Ich”-Gefühl sei getrennt von uns. Es ist, als würde man mit der eigenen Zunge sagen, man hätte keine Zunge.

Frage: Wenn das so ist, warum mussten dann so viele Sadhana entwickelt werden?

Antwort: Die Sadhana wurden nur entwickelt, damit wir uns von dem Irrtum befreien, das Selbst sei etwas, was man neu erlangen müsse. An der Wurzel dieser Illusion liegt der Gedanke, der das Selbst unbeachtet lässt und statt dessen behauptet: „Ich bin der Körper”. Sobald dieser Gedanke aufsteigt, vervielfältigt er sich in tausend andere Gedanken und verhüllt das Selbst. Die Wirklichkeit des Selbst kann aber erst aufleuchten, wenn alle diese Gedanken verschwunden sind. Was dann bleibt, ist Brahmananda (Glückseligkeit des Absoluten).

Frage: Ich sitze jetzt von Frieden erfüllt hier und denke nicht, ich sei der Körper. Ist dies der Zustand der Wirklichkeit?

Antwort: Dieser Zustand muss unverändert erhalten bleiben. Wenn er sich nach einiger Zeit verändert, weißt du, dass die anderen Gedanken noch nicht vergangen sind.

Frage: Wie kann man sich von anderen Gedanken befreien?

Antwort: Sie sind nur durch die machtvolle Wirkung der Frage „Wem kommen diese Gedanken?” zu vertreiben.

Frage: Wie kann man Gott zu sehen bekommen?

Antwort: Wo soll Gott zu sehen sein? Kannst du dich selbst sehen? Wenn du dich selbst sehen kannst, wirst du auch Gott sehen. Kann man seine eigenen Augen sehen? Und wenn man das nicht vermag, darf man dann sagen „Ich habe keine Augen”? Auch Gott können wir nicht wahrnehmen, obwohl wir immer sehen. Gott zu sehen bedeutet den Gedanken aufzugeben, wir seien verschieden von Gott. Die größte Kuriosität in der Welt ist der Gedanke „Ich bin von Gott verschieden”. Eine größere Kuriosität gibt es nicht.

In der Chandogya Upanishad findet sich eine Geschichte, die das veranschaulicht. Ein Mann, der in seinem Haus fest schlief, träumte, dass jemand ihm ein Betäubungsmittel in die Nase träufelte, ihm die Augen verband, die Hände fesselte und ihn dann mitten in einem Wald sich selbst überließ. Ohne den Heimweg zu kennen, wanderte er lange durchs Dorngebüsch und über die Felsen dieser Wildnis. Schließlich begann er zu weinen.

Ein Deva (guter Geist) erschien und fragte ihn: „Warum weinst du? Wer bist du? Warum bist du hierher gekommen?”

Der Mann mit den verbundenen Augen nannte seinen Namen, Wohnort und so weiter. Er fuhr fort: „Jemand kam ins Haus und betäubte mich mit einer Droge. Er verband mir die Augen, fesselte meine Hände, brachte mich mitten in den Wald und ließ mich allein.”

Der Deva löste seine Fesseln, zeigte ihm den Weg und sagte: „Auf diesem Weg kommst du zu deinem Dorf.”

Der Mann folgte der Wegbeschreibung, erreichte sein Dorf und betrat sein Haus. In diesem Augenblick erwachte er aus seinem Traum. Er betrachtete die Tür und stellte fest, dass sie von innen verschlossen war. Nun wusste er, dass er die ganze Nacht in seinem Bett gelegen hatte und nie in einem Wald gewesen und von dort zurückgekehrt war. Er erkannte als Ursache aller seiner Leiden seinen Mangel an Unterscheidungskraft (Avichara Buddhi).

Die Vorstellungen, wir seien getrennt von Gott und müssten einen schwierigen Sadhana ausüben, um ihn zu finden, sind genauso falsch wie die Traumvorstellungen dieses Mannes. Während er bequem in seinem Bett lag, gaukelte seine Phantasie ihm vor, er sei einsam und verlassen in einem Wald und müsse sich sehr anstrengen, um wieder nach Hause ins Bett zu kommen. Man gelangt zu Gott und verbleibt im Selbst, wenn man den Wunschgedanken, dies zu erreichen, fallen lässt.


2

Maurice Frydman stellte die folgenden Fragen:

Frydman:: Shri Bhagavan hat geschrieben (Ulladu Narpadu Anubandham 38), man solle Advaita nicht in seinem Handeln demonstrieren. Warum? Wenn doch alle eins sind, wozu dann Unterscheidungen machen?

Antwort: Möchtest du gerne auf meinem Platz sitzen?

Frydman: Ich hätte nichts dagegen. Aber wenn ich mich darauf setzte, würden mich der Sarvadhikari und die anderen Anwesenden schlagen und fortjagen.

Antwort: Richtig, niemand würde dir erlauben, hier zu sitzen. Wenn du siehst, dass jemand eine Frau belästigt, würdest du tatenlos zusehen und denken: „Alles ist eins”? In den heiligen Schriften gibt es eine Geschichte darüber. Mehrere Leute taten sich einmal zusammen, um herauszufinden, ob es stimmt, dass ein Weiser alles als eins betrachtet, wie es in der Bhagavad Gita heißt. Sie brachten einen Brahmanen, einen Unberührbaren, eine Kuh, einen Elefanten und einen Hund zum Hof des weisen Königs Janaka. Als alle versammelt waren, schickte König Janaka den Brahmanen zu den anderen Brahmanen, die Kuh in den Kuhstall, den Elefanten in den Elefantenstall, den Hund in den Hundezwinger und den Unberührbaren dorthin, wo die anderen Unberührbaren lebten. Er befahl seinen Dienern, sich gut um die Gäste zu kümmern und jedem das für ihn angemessene Essen zu servieren.

Die Leute fragten: „Warum trennt Ihr sie? Ist für Euch nicht alles ein und dasselbe?”

„Ja, alles ist eins”, entgegnete Janaka, „aber jeder einzelne ist auf seine eigene Art zufrieden. Isst ein Mensch das Gras, das die Kuh gern frisst? Schmeckt der Kuh das Essen der Menschen? Man soll Mensch und Tier nur das geben, was jeden zufrieden stellt.”

Auch wenn ein einziger Darsteller alle Rollen in einem Schauspiel übernimmt, spielt er so, wie es die jeweilige Rolle gerade erfordert. In der Rolle des Königs sitzt er auf dem Thron und regiert, und wenn er den Diener spielt, trägt er dem Herrn seine Sandalen nach. Sein wahres Selbst wird durch das Spielen der verschiedenen Rollen weder vergrößert noch verringert. So wie der Schauspieler sich stets seiner Identität bewusst bleibt, so vergisst auch der Jnani (Selbstverwirklichter) nie, wer er in Wirklichkeit ist.


3

Frydman: Bhagavan, ich habe viel in den Veden und Shastras (heilige Schriften) gelesen, aber davon habe ich keine Selbsterkenntnis erlangt. Wie kommt das?

Antwort: Die Shastras könnten dir Selbsterkenntnis nur dann vermitteln, wenn sie darin enthalten wäre. Aus den Shastras gewinnst du lediglich Kenntnis der Shastras. Erst wenn du das Selbst siehst, wird die Selbsterkenntnis aufleuchten.

Frydman: Wie kann man das Selbst sehen?

Antwort: Jeder Mensch sagt: „Ich bin.” Woher wissen wir, dass das stimmt? Wissen wir es, wenn wir in den Spiegel schauen, oder wissen wir es erst, wenn wir die Shastras studieren? Sag mir das. Wenn das Selbst etwas wäre, das man sehen könnte, dann müsste es zwei Selbste geben (dasjenige, das sieht, und dasjenige, das gesehen wird). Würdest du sagen, dass du zwei „Ichs” hast?

Frydman: Nein.

Antwort: Es gibt nur eine einzige Wirklichkeit. Wie kann es also ein weiteres Selbst geben, das man zu sehen vermag? Jeder sieht das Selbst überall, ohne dies zu verstehen. Das ist das Unglück Was ist zu tun? Wenn man den Gedanken „Ich bin der Körper” fallen lässt, sieht man nur noch das Selbst.

Frydman: Was soll ich tun? Was ist meine Pflicht?

Antwort: Jetzt hast du nichts zu tun. Frage dich: „Wer bin ich?” Finde heraus, wer du bist, und wenn dann noch eine Pflicht zu tun bleibt, kannst du sie tun


4

<>Eines Abends fragte ein Devotee: Du hast versichert, Atma Vidya (Selbsterkenntnis) sei sehr leicht zu erlangen.* Wieso?

*Der Devotee nimmt Bezug auf einen Refrain des Atma Vidya Kirtanam:

Selbsterkenntnis ist leicht zu erlangen,
nichts ist leichter als das.
Das Selbst ist auch für den einfachsten Mann
das Allerwirklichste:
So wirklich, dass eine Stachelbeere (Nellikai)
dagegen eine Sinnestäuschung ist.

Bhagavan: Als Beispiel für unmittelbare Wahrnehmung führt jeder die Beere auf der offenen Handfläche an.** Das Selbst ist aber noch unmittelbarer wahrzunehmen als die Beere auf der Hand. Um die Beere zu sehen, muss man zunächst eine Beere haben, dann eine Handfläche und schließlich Augen. Ferner muss der Verstand richtig funktionieren. Auch ohne irgendeine dieser vier Voraussetzungen kann man, selbst wenn man sonst fast nichts weiß, aus unmittelbarer Erfahrung sagen: „Ich bin.” Weil das Selbst einfach als das Gefühl „Ich bin” existiert, ist Atma Vidya in Wahrheit sehr leicht zu erlangen. Der einfachste Weg besteht dann zu untersuchen, wer das Selbst erkennen will.

**Wenn etwas ganz offensichtlich ist, sagt man in Tamil oft: „Das liegt so klar auf der Hand wie eine Nellikai (eine der Stachelbeere ähnelnde Frucht).”

Ein anderer Devotee stellte wenig später eine ähnliche Frage, und Bhagavan gab eine ähnliche Antwort.

Devotee: Warum kann man das Selbst nicht direkt wahrnehmen?

Antwort: Es heißt, dass man überhaupt nur das Selbst direkt wahrnehmen kann.*** Wir haben zwar diese direkte Wahrnehmung, aber sie wird von dem Gedanken „Ich bin der Körper” verschleiert. Wenn wir diesen Gedanken aufgeben, leuchtet das Selbst auf, das wir alle immer direkt erfahren.

***Die so genannte direkte Wahrnehmung ist in Wirklichkeit indirekt, wie Bhagavan in der vorigen Antwort erklärte, denn sie benötigt Sinne und Verstand als Vermittler. Wenn in Gesprächen von direkter Wahrnehmung die Rede war, stellte Bhagavan meist richtig, dass allein die subjektive Bewusstheit des „Ich” direkt und unmittelbar ist, während alle anderen Erfahrungen durch die Funktionen von Körper und Gemüt vermittelt sind.

Devotee: Shri Bhagavan hat es so einfach dargestellt, aber der Gedanke „Ich bin der Körper” lässt uns nicht los.

Antwort: Er lässt uns nicht los, weil er sehr stark ist.

Devotee: Wie und warum entstand dieser Gedanke?

Antwort: Er entstand, weil du den Dingen nicht auf den Grund gegangen bist. Das besagt auch ein Vers im Kaivalya Navanitam (2.95):

Weil sie ihrem Wesen nach unbestimmbar ist, gilt Maya als unbeschreiblich. Wer denkt „Dies gehört mir - Ich bin der Leib - Die Welt ist wirklich”, steht unter ihrem Bann. Niemand, mein Sohn, weiß genau, wie diese rätselhafte Täuschung entstand. Sie erstarkt, wenn man nicht untersucht und erforscht, was wirklich und was unwirklich ist.

Wenn wir das Selbst sehen, dann erscheinen uns die äußeren Gegenstände unserer Wahrnehmung nicht als von uns getrennt. Wenn wir einen Text lesen, sehen wir zwar die verschiedenen Buchstaben, beachten aber nicht das Papier, auf dem sie stehen. So entsteht Leiden nur dadurch, dass wir die Überlagerungen sehen, aber nicht das Fundament. Man sollte daher nicht nur die Überlagerungen wahrnehmen, sondern auch das, was ihnen zugrunde liegt.

Wie ist es, wenn wir schlafen? Dann sind die vielfältigen Gedanken wie „dieser Körper”, „diese Welt”, nicht vorhanden. Eigentlich sollte es schwierig sein, sich mit so wechselhaften Zuständen wie Wachen und Träumen zu identifizieren, aber alle tun es.

Jeder hat die Erfahrung „Ich bin immer.” Um sagen zu können: „Ich habe gut geschlafen”, „ich bin aufgewacht”, „ich habe geträumt”, „als ich im Tiefschlaf lag, wusste ich von nichts”, muss man existieren und wissen, dass das in allen diesen Zuständen der Fall ist. Wenn man das Selbst sucht und sagt: „Ich sehe mein Selbst nicht”, wo kann man es dann finden? Damit wir erkennen können, dass alles, was wir sehen, das Selbst ist, muss nur der Gedanke „Ich bin der Körper” aufgegeben werden.


5

Devotee: Was ist Satsang?*

*Satsang (wörtlich „Gemeinschaft mit der Wahrheit”) bedeutet normalerweise Zusammensein mit selbstverwirklichten Menschen.

Antwort: Satsang bedeutet eigentlich Atma Sang (Gemeinschaft mit dem Selbst). Nur derjenige, dem das Zusammensein mit dem Selbst nicht gelingt, muss die Gemeinschaft mit Sadhus oder verwirklichten Seelen suchen.

Devotee: Wie kommt man in Kontakt mit Sadhus?

Antwort: Wer in vergangenen Leben lange Gott verehrt, Japa und Tapas geübt hat und vielleicht auch auf Pilgerschaft gegangen ist, kommt ohne besondere Anstrengung in Kontakt mit einem Sadguru. Es gibt einen Vers von Tayumanuvar, der das verdeutlicht: „O Herr des Anfangs und Endes, wer der Verehrung von Götterbildern, heiligen Stätten und Wassern obliegt, wird dem Sadguru begegnen, der ihm die Wahrheit anvertraut.”

Nur wer in früheren Leben viel Nishkamya Karma (ohne Gedanken an den Lohn ausgeführte Handlungen) verrichtet hat, erwirbt unerschütterlichen Glauben an den Guru. Im Vertrauen auf dessen Worte wird er den Weg beschreiten und das Ziel der Befreiung erreichen.

Devotee: Wo wir leben, gibt es keinen Sadhu. Was sollen wir tun? Wir bekommen nur selten Sadhus zu sehen.

Antwort: Was ihr tun könnt? Dafür sind Bilder, Pujas und göttliche Namen geschaffen worden. Nur wer die Gnade des persönlichen Gottes erlangt hat, erlangt auch die Gnade des Gurus. Nur durch die Gnade des Gurus kann man die Gnade des Selbst im eigenen Inneren erlangen, und nur das ist Moksha oder Befreiung.

Bei anderer Gelegenheit erläuterte Bhagavan Bedeutung und Größe des Satsang mit einem Zitat aus dem Suta Samhita:

Auf wen der Blick eines Jivanmukta (schon zu Lebzeiten Befreiter) fällt, der wird von zahllosen Sünden erlöst. Er wird selbst zum Jivanmukta. Auch seine Angehörigen werden geläutert. Seine Mutter hat schon erreicht, was zu erreichen ist. Er heiligt die ganze Erde.

Bhagavan sagte, dass die Jnanis in vielen weiteren Abschnitten des Suta Samhita gepriesen würden, und fuhr fort: „Wenn ein Jnani in diese Welt hineingeboren wird, so haben alle Nutzen davon: seine Schüler, die Verehrer Gottes, aber auch religiös Gleichgültige und sogar Sünder. Die Lebensgeschichte vieler Menschen belegt das.”

Weil Bhagavan die Bedeutung von Satsang und Gnade so oft würdigte, fragte ich ihn einmal: „Es heißt, dass Moksha nur durch die Gnade eines Gurus leicht zu erlangen ist. Wie kommt das?”

Bhagavan antwortete: „Das Haus der Erlösung steht nicht irgendwo draußen. Es befindet sich im Inneren des Menschen. Wer den starken Wunsch hat, Moksha zu erlangen, wird vom inneren Guru dorthin gezogen. Der äußere Guru hilft von außen nach, indem er ihn nach innen drängt. So wirkt die Gnade des Gurus.”

Bhagavan zitierte dann zwei seiner Lieblingsverse aus dem Kaivalya Navanitam, in denen der Schüler dem Guru für die Gnade dankt, die es ihm ermöglichte, das Selbst zu erkennen.

Mein Meister, du bist die Wirklichkeit meines innersten Selbst, du führtest mich durch meine zahllosen Leben. Gepriesen seiest du (1. 86) Der Meister strahlte bei diesen Worten; er zog ihn an sich und sagte voller Liebe: „Im Selbst zu verharren ohne Trübung deiner Erfahrung durch die dreifachen Hemmnisse (Unwissenheit, Zweifel, Folgerungen, aufgrund falscher Voraussetzungen) ist der höchste Dank, den du mir abstatten kannst.” (1.87)


6

Devotee: Ist die Welt, wie sie uns in ihrer ganzen Vielfalt erscheint, wirklich oder unwirklich?

Antwort: Das kommt darauf an, was wir unter „wirklich” und „unwirklich” verstehen. Wenn wir das Brahman betrachten, gibt es keine Welt.

Devotee: Wieso tritt dann die Welt in Erscheinung?

Antwort: Wem erscheint sie? Die Welt sagt nicht: „Ich bin.” Gibt es irgendeinen Beweis für die Behauptung, die Welt trete in Erscheinung? Wem erscheint diese Welt?

Devotee: Mir.

Antwort: Wer bist du? Finde heraus, wer du bist, und sage mir dann, ob es eine Welt gibt

Devotee: Ich habe den Zustand des Samadhi noch nicht erlangt.

Antwort: Dieser Zustand kommt nicht und geht nicht. Er ist unser eigener ewiger, natürlicher Zustand.

Devotee: Swami, soll ich mir immer sagen: „Ich bin Brahman„?

Antwort: Wenn du dir sagst: „Ich bin Brahman”, wirst du viele Schläge einstecken müssen. Warum? Weil sowieso bereits alles Brahman ist. Warum sollte man es sich also sagen? Muss man sich sagen: „Ich bin ein Mensch”? Wenn der Gedanke „Ich bin der Körper” auftaucht, dann sollte man sich sagen: „Nein, das bin ich nicht.”

Devotee: Ich habe Frau und Kinder, deswegen habe ich viele Sorgen, denen ich nicht ausweichen kann.

Antwort: Die äußeren Tätigkeiten in der Welt (Samsara) können dir nichts anhaben. Du musst nur die weltliche Verstrickung im Inneren aufgeben.

Devotee: Das gelingt mir höchstens für fünf Minuten, dann beginnt die Unruhe wieder.

Bhagavan (nach längerem Schweigen): Solche Gedanken müssen aufhören.


7

Ein Devotee aus Trichy brachte seinen Sohn mit in die Halle. Er grüßte Bhagavan mit Namaskaram und setzte sich. Der Junge war noch klein, aber man sah ihm deutlich an, dass er sehr bekümmert war.

Antwort: Mit welchem Zug seid ihr gekommen? Devotee: Wir sind heute morgen um halb neun gekommen.

Antwort: Wie geht es Dattatreya (dem kummervoll aussehenden Jungen)?

Devotee: (mit bittend gefalteten Händen): Wir haben vergebens alle möglichen Medikamente und Mantras probiert. Jetzt sind wir zu Bhagavan gekommen, auf den wir unsere letzte Hoffnung setzen.

Bhagavan: (zu dem Jungen): Du heißt Dattatreya, warum machst du dir also Sorgen? Du solltest immer glücklich sein. Warum verdirbst du dir statt dessen die innere Glückseligkeit mit deinen Sorgen?

Dann erzählte Bhagavan dem Jungen und allen anderen Devotees die Geschichte des Weisen Dattatreya, der in alten Zeiten lebte:

„Dattatreya wanderte durch die Wälder, ohne auch nur einen Lendenschurz zu tragen. Er lebte ständig in der Glückseligkeit des Brahman. Als König Yadu das gewahrte, dachte er: „Wieso ist Dattatreya immer so glücklich, während ich alles habe und trotzdem leide?” Mit diesem Gedanken im Sinn ging er eines Tages zu Dattatreya und fragte ihn: „Wie kommt es, dass du immer von Glückseligkeit erfüllt bist?”

Dattatreya entgegnete: „Was gibt es anderes als Glückseligkeit?” Der König fragte ihn: „Wie kamst du zu dieser Glückseligkeit?” Dattatreya antwortete: „Ich erwarb die Glückseligkeit durch eine Reihe von Lehrern.”

Als der König sich erkundigte, wer diese Lehrer waren, erzählte Dattatreya ihm ein lange Geschichte:

„O König, ich habe vierundzwanzig Gurus, die ich durch meinen forschenden Verstand erkannte. Nur dank des Wissens, das mir diese Lehrer vermittelten, durchwandere ich die Welt als Mukta (Befreiter). Höre, wer diese Lehrer sind: die Erde, die Luft, der Himmel, das Wasser, das Feuer, die Sonne, der Mond, eine Wildtaube, ein Python, das Meer, ein Grashüpfer, eine Biene, ein Elefant, ein Honigsammler, ein Reh, ein Fisch, das Freudenmädchen Pingala, ein Kind, ein kleines Mädchen, ein Bogenschütze, eine Schlange und ein paar weitere. Einige der vierundzwanzig habe ich verworfen.

Ich habe Geduld von der Erde gelernt, Allgegenwart von der Luft, Ungebundenheit vom Himmel, Makellosigkeit vom Feuer, Reinheit vom Wasser und vom Mond die Wahrheit, dass aller Wandel sich nur auf den Körper bezieht, nicht auf das Selbst.

Die Sonne leuchtet auf alle Dinge gleichermaßen, aber sie bleibt von ihnen unberührt. Daraus lernte ich, dass der Yogi wohl die Dinge sehen kann, dass er aber unbeeinflusst bleiben soll von den Gunas (wirkende Eigenschaften), die die Dinge in Wechselbeziehung zueinander setzen.

Von der Wildtaube lernte ich, dass aus seiner hohen Stellung herabfallen wird, wer seinem Heim verhaftet ist. Ich verstand, dass man wie der Python die Nahrung nehmen muss, die sich von selbst anbietet. Das Meer hat mich gelehrt, ruhig, majestätisch, gelassen und unergründlich zu sein.

Der Grashüpfer, der in die Flamme der offenen Lampe springt, verbrennt darin. Daraus lernte ich, dass ein Mann, der ins Feuer der Begier nach Frauen fällt, darin umkommt. Von der Biene lernte ich, dass man gerade soviel Nahrung nehmen soll, wie man zum Erhalt des Körpers braucht, ohne andere zu zwingen, etwas abzugeben.

Sogar der starke Elefantenbulle leidet, wenn er mit der Elefantin in Kontakt kommt. Das zeigte mir, dass auch der Mann dem Leiden unterworfen ist, wenn er von einer Frau berückt wird oder in weiblicher Gesellschaft verweilt.

Der Honigsammler stiehlt den Honig, den die Bienen viele Tage lang zusammengetragen haben. Er lehrte mich, dass mit großer Mühe erworbene Reichtümer oft von anderen Menschen gestohlen werden.

Verlockt von der Musik des Jägers, verfängt sich das Reh in dessen Netz. So fällt auch der Sannyasin in Fesseln, wenn er der Täuschung durch Begierde (Moha) nachgibt. Ich lernte daher vom Reh, dass ein Sannyasin die Gegenstände sinnlichen Genusses nicht beachten darf.

Unfähig, seine Zunge zu beherrschen, stirbt der Fisch, nachdem er in den Angelhaken gebissen hat. Der Fisch lehrte mich, dass leiden wird, wer seine Zunge (sein Verlangen nach Gaumenfreuden) nicht beherrschen kann. Man muss die Zunge bezwingen.

Das Freudenmädchen Pingala machte sich hübsch zurecht, schlenderte umher und wartete auf einen Liebhaber, der ihr Geld versprochen hatte. Als er nicht kam, war sie enttäuscht und traurig. Ihr Gesicht wurde bleich, und sie war bedrückt. Sie forschte nach dem Grund ihrer Betrübnis und erkannte die schmerzhafte Natur trivialer Freuden. Als sie erfasste, dass die Quelle allen Glücks das höchste Selbst ist, erlangte sie innere Losgelöstheit. Sie huldigte dem höchsten Selbst als ihrem Gatten und erwarb dadurch das wahre Glück erleuchteter Weisheit. Von dem Freudenmädchen Pingala lernte ich, dass es kein Glück in äußeren Dingen gibt und dass allein das Glück des Selbst sich zu erringen lohnt.

Von dem Kind lernte ich, dass man auf Ehre und Unehre nicht achten sollte.

Jetzt will ich dir die Geschichte von dem kleinen Mädchen erzählen. Als ihre Eltern nicht im Dorf waren, kamen etliche Leute, um ihre Heirat zu vermitteln. Sie wollte die Leute beköstigen, aber als sie begann, selbst den Reis zu schälen, um ihn dann zu kochen, wurde sie verlegen, weil ihre Armreifen laut klimperten. Nachdem sie einen Reifen von jedem Arm gestreift hatte, gab es kein Geräusch mehr. Diese Handlung des kleinen Mädchens lehrte mich, dass ein Yogi allein bleiben sollte.

Vom Bogenschützen lernte ich Zielgerichtetheit in meinen Bestrebungen.

Die Schlange lebt zufrieden in dem von einer Ratte gegrabenen Loch. Ich lernte von der Schlange, in anderer Leute Häusern glücklich zu leben.

Ich habe einen fünfundzwanzigsten Guru, meinen Leib. Der Leib ermöglichte es mir, Weisheit und Freiheit zu erlangen. Nachdem ich durch Liebe und Hingabe mit Gott, dem Selbst, verschmolzen bin, gleicht mein Zustand jetzt dem eines völlig Unwissenden.

So lehrte Dattatreya den König Yadu alles Wissen, das er von den fünfundzwanzig Gurus erworben hatte.”

Nachdem Bhagavan dem Jungen alle Unterweisungen Dattatreyas an den König wiedergegeben hatte, sagte er freundlich zu ihm: „Du heißt auch Dattatreya, nicht wahr? Wenigstens um deines Namens willen musst du glücklich sein.”


8

Die erste der beiden folgenden Fragen wurde von Dr. Syed Sahib gestellt, die zweite von einem namentlich nicht bekannten Devotee.

Dr. Syed: Gott ist allgegenwärtig. Warum steigt er in jedem Zeitalter wieder als Avatar (in einem physischen Leib) zur Erde herab? Kann er seine Aufgabe nicht einfach dadurch erfüllen, dass er überall gegenwärtig ist? (Anmerkung: Wie kann ein Doktor so eine Frage stellen? Die Antwort ist ebenso dämlich, wie die Frage.)

Antwort: Auf Geheiß Gottes werden von ihm Beauftragte (Adhikari Purushas) zusammen mit ihren Devotees auf der Erde geboren, damit sie ihre Gnade allen zuteil werden lassen, die Nishkamya Punya (verdienstvolle Taten ohne den Wunsch nach Belohnung) vollbracht haben. Sie kommen auch, um Sünder zu bestrafen. Wenn sie ihren Auftrag erfüllt haben, kehren sie an ihre frühere Stätte zurück. Die Avatars nehmen zwar verschiedene Körper an, aber ihre Erfahrung der Einheit mit dem Selbst bleibt immer dieselbe. Nach der Geburt durchläuft ein Mensch die verschiedenen Stadien, Kindheit, Jugend, Reife und Alter, aber in allen diesen Stadien bleibt ihm unverändert der Gedanke, er sei dieselbe Person. Ebenso wissen die Avatars immer, auch wenn sie zehnmal geboren werden, dass sie das eine Selbst sind. Es ist für sie, als hätten sie in einer Nacht zehn verschiedene Träume.

Derartige Gedanken kommen gar nicht auf, wenn du dich selbst kennst. Wenn man die Wahrheit über das eigene Selbst nicht erfahren hat, ist es Zeitverschwendung, sich darum zu bemühen, die verschiedenen Lehren anderer zu verstehen.

Devotee: Worin besteht der Unterschied zwischen Ishwara (Gott) und Mukta (Befreiter)?

Antwort: Ishwara und Jnani sind ein und derselbe; allerdings hatte der Befreite sein Selbst zunächst vergessen. Durch die Kraft seines Strebens gewann er schließlich die Erkenntnis des Selbst. Ishwara dagegen ist ewig befreit. Er vollführt die fünffache Tätigkeit der Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung und Gewährung von Gnade. Deshalb heißt seine Vritti (Tätigkeit oder Funktion) Brahmakara Vritti (Tätigkeit in der Form des Brahman). Es ist wie beim Fluss, der in den Ozean mündet und dann Samudrakara Nadi (Fluss in der Form des Ozeans) genannt wird. Die Tätigkeiten Ishwaras und der Jnanis sind dieselben. Avatars nehmen jedoch bis zum Ende des Kalpa* immer wieder neue Körper an. Dies ist bei den Jnanis nicht der Fall.

*Ein Kalpa, die längste Zeiteinheit in der Hindukosmologie, umfasst Milliarden von Jahren. Am Ende eines jeden Kalpa lösen sich alle Wesen im Universum in das gestaltlose Brahman auf. Dies wird als Maha Pralaya (große Auflösung) bezeichnet. Nach einiger Zeit beginnt ein neuer Kalpa mit der Erschaffung neuer Wesen.

An diesem Punkt stellte ich eine Zwischenfrage: „Shri Rama muss, sobald er geboren war, auch die Vorstellung gehabt haben, er sei der Körper. Ist das richtig?”*

*Shri Rama, die siebte Inkarnation Vishnus, war sich seines göttlichen Wesens anfangs nicht bewusst. Erst gegen Ende des Ramayana erkannte er, wer er in Wirklichkeit war. Daraus kann man mit gewissem Recht schließen, er habe sich zunächst wie andere Sterbliche mit dem Körper identifiziert.

Antwort: Shri Rama gab zuerst seiner Mutter Kaushalya Darshan in der Form Vishnus; erst dann inkarnierte er sich als Avatar. Später, zur Zeit der Verbannung in den Wald, streifte Rama auf der Suche nach der entführten Sita überall umher. Parvati, die ihn vom Himmel aus beobachtete, fragte Ishwara: „Weiß Rama (der ein Avatar und somit vollkommen ist) nicht, wo Sita ist? Warum muss er umherwandern und sie suchen?”

Darauf antwortete Ishwara: „Geh zu Rama und zeige dich ihm in der Gestalt Sitas, dann wirst du es wissen.”

Parvati tat, wie er vorgeschlagen hatte, aber Rama nahm keinerlei Notiz von ihr. Er suchte weiter nach Sita.**

**Dies trug sich zu, als Rama scheinbar seine göttliche Natur nicht kannte. Bhagavan deutet an, dass die Götter ihn mit Leichtigkeit hätten täuschen können, wenn er sich nicht auch zu dieser Zeit seines wahren Wesens bewusst gewesen wäre.

Bhagavan wandte sich dann noch einmal der vorigen Frage zu und las uns einen Vers aus dem Kaivalya Navanitam vor (2.36), in dem die Gleichheit von Ishwara und dem Weisen verkündet wird.

Schüler: „O Meister, du bist in Wahrheit ohne Gestalt, aber du wirkst als Ishwara und zeigst dich uns in menschlicher Form. Du sprichst vom Weisen und von Ishwara als ein und demselben. Wie kann das sein?”

Meister: „Ja, der Weise und Ishwara sind ein und derselbe. Sie sind vom „Ich” und „Mein” befreit. Der Weise selbst ist Ishwara, die Welt und alle Seelen.”



9

Im August 1939 stellte ich Bhagavan eine Frage über das Karma: „Bhagavan sagt, dass alle drei Arten von Karma* zu existieren aufhören, wenn man Jnana erlangt. Aber im Kaivalya Navanitam (1. 103) heißt es, auch der Jnani stehe noch unter dem Einfluss des Prarabdha Karma. Wie kommt es zu dieser Aussage?”

Antwort: Bevor man Jnana erlangt, unterliegt man dem Gesetz des prarabdha. Aber für den Außenstehenden scheint es auch danach so, als stehe der Jnani unter dem Einfluss des prarabdha. Um dies zu erklären, werden verschiedene Vergleiche herangezogen: ein Ventilator dreht sich z. B. noch eine Zeitlang weiter, wenn er schon ausgeschaltet ist; ein verbranntes Seil hat noch die Form eines Seils, aber es ist nicht mehr verwendbar; ein gefällter Baum sieht noch lebendig aus, ist aber schon tot; geröstete Erbsen sehen wie frische Erbsen aus, doch sie können nicht mehr keimen.

Mit dem Jnani verhält es sich ähnlich. Für andere scheint der Jnani unter dem Einfluss des prarabdha zu stehen, aber für ihn selber gibt es keinerlei prarabdha.”

Zwei Monate zuvor hatte ich Bhagavan eine ähnliche Frage gestellt: „In den Shastras heißt es, dass selbst der Jivanmukta sich noch so verhält, wie sein prarabdha es ihm gebietet. Warum sagt Bhagavan uns, ein Jnani habe kein prarabdha?”

Bhagavan hatte damals erwidert: „Für den Jnani existieren weder Shastra (Wissen, Schrift) noch Prarabdha (früher geschaffenes Karma). Fragen wie diese sind für ihn bedeutungslos. Alle Regeln in den Shastras (heiligen Schriften) wurden nur für Ajnanis (unerleuchtete Menschen) aufgestellt. Ich gebe dir ein Beispiel: Nehmen wir an, ein Mann hat drei Frauen. Wenn er stirbt und wir sagen, nur zwei seiner Frauen seien nun Witwen, wer wird uns zustimmen? Sind nicht alle drei Witwen?** Ebenso existieren für den Jnani alle drei Arten von Karma nicht mehr. Prarabdha gibt es nur für diejenigen, die dieses Problem sehen und danach fragen.”

<>*Sanchita Karma, die karmischen Schulden aus früheren Leben;

**Prarabdha Karma, der Teil des Sanchita Karma, der im gegenwärtigen Leben ausgearbeitet werden muss. Da das Gesetz des Karma einen Determinismus, einer Vorherbestimmung, in sich birgt, wird Prarabdha oft als „Schicksal” übersetzt;

***Agamya Karma, im gegenwärtigen Leben neu erworbenes Karma, das in zukünftige Leben hineingetragen wird.


10

Oft fragte man Bhagavan nach dem inneren Zustand des Jnani. Er antwortete darauf meist ausweichend oder forderte den Fragenden auf herauszufinden, wer es sei, der die Frage stelle, aber ich erinnere mich, dass er einmal ungefragt aus freien Stücken etwas darüber mitteilte. Beim Betrachten eines kleinen Kindes in der Halle sagte er: „Man kann die Seligkeit des Brahman nur erlangen, wenn man so rein und schlicht wird wie dieses Kind.”

Dies veranlasste mich zu der Frage: „Worin besteht der Unterschied zwischen einem Kind und einem Weisen?”

Bhagavan antwortete: „Das Kind ist in seinem Jnana ein unwissendes Kind, der Jnani dagegen ist aufgrund seiner Verwirklichung ein weises Kind.”

Später fragte ihn ein Devotee: „Warum scheint es, als ob ein Jnani einigen Leuten seine Gnade gewährte, während er sich anderen gegenüber erzürnt zeigt? Warum bringt er nicht alle, die zu ihm kommen, auf den rechten Weg?”***

Antwort: Reife und Karma eines jeden Sadhaka sind verschieden.

**Das war Bhagavans bevorzugte Antwort auf diese Frage (vgl. Ulladu Narpadu, Vers 33). Man befragte Bhagavan oft nach dem Prarabdha (früher geschaffenes Karma) der Jnanis, weil bekannt war, dass seine Ansichten darüber von denen vieler anderer Lehrer des Advaita abwichen.

***Der Fragesteller kritisiert Bhagavan zwar nicht direkt, aber er deutet an, dass Bhagavan seine Devotees, die sich nicht richtig verhalten, bestrafen sollte. Aufgrund des folgenden Zitats aus Arunachala Ramana (August 1983, S. 22) lässt sich Bhagavans Einstellung zu Strafe beurteilen: Einmal beschwerte sich jemand bei Bhagavan über Unregelmäßigkeiten und Korruption im Ashram. Bhagavan erwiderte: „Ich bin nicht hierher gekommen, um euch zu bestrafen. Wenn ich anfinge, Strafen auszuteilen, könnte nicht einmal eine Krähe im Ashram leben.”

Deshalb müssen die Weisen mit verschiedenen Menschen verschieden umgehen. Dann zitierte er fünf Verse aus dem Kaivalya Navanitam:

Schüler: O Meister, du Verkörperung der Seligkeit, wie kommt es, dass Gott, obwohl unparteiisch, manche Menschen erhöht und andere erniedrigt?

Meister: Er ist wie der Vater, der seine Söhne, die auf dem rechten Weg sind, ermuntert, und über andere, die falsche Wege eingeschlagen haben, die Stirn runzelt. Wisse, dass es barmherzig ist, die Irrenden zu strafen und sie zur Rechtschaffenheit zurückzuführen. (2. 60)

Mein Sohn, der du den Fußangeln weltlichen Lebens entkommen bist (2. 61)

Meister: Mein Sohn, zahllose Seelen vollbringen zahllose Taten. Die Veden geben in ihren drei Teilen (Karma, Upasana, Jnana) hilfreiche Weisungen gemäß den Fähigkeiten der Strebenden: zuerst einführende Betrachtungen und zuletzt endgültige Folgerungen, ganz so, wie aus Blüten Früchte entstehen. (2. 50)

Die Narren, die in ihrer Unwissenheit sechs Übel (Sinnenlust, Zorn, Gier, Täuschung, Hochmut und Neid), die sie selbst hervorgebracht haben, Gott zuschreiben, sind auf dem Weg zu ihrem Untergang. Den Weisen wird dagegen vollkommene Erlösung zuteil, wenn sie erkennen, dass sie selbst - nicht Gott - Urheber dieser Übel sind. (2. 59)

Mein lieber Sohn, höre weiter: Was der Weise tut, das geschieht allein zum Wohle der Welt. Er hat nichts zu gewinnen oder zu verlieren. Der Allmächtige, einziger Quell alles Segens in der Welt, bleibt unberührt von den Verdiensten und Mängeln der Wesen in der Welt. (2. 35)*

*Die Verse enthalten einen deutlichen Tadel für den Fragenden, der offensichtlich meinte, Bhagavan müsse sein Verhalten ändern.


11

Devotee: Bhagavan, ich strebe nach Mukti (Befreiung). Du allein als mein Guru kannst mich dazu führen. Bitte gewähre mir Deine Gnade.

Antwort: Mukti kann nicht erlangt werden, denn sie ist das Wesen unseres Lebens. Weil wir dies aber vergessen und fälschlich denken „Ich bin der Körper”, entstehen Abertausende von Gedanken in endlosen Wellen und verhüllen unsere wahre Natur. Mukti kann erst in vollem Glanz erstrahlen, wenn dieser Gedanke („Ich bin der Körper”) verworfen wird.

Devotee: Wie kann man sich von dem Gedanken „Ich bin der Körper” frei machen?

Antwort: Du hast zum Guru gebetet, nun vertraue dich ihm vorbehaltlos an.

Devotee: Der Guru ist weit entfernt von dem Dorf, in dem ich lebe. Was kann ich da tun?

Antwort: Der Guru ist in dir. Gib dich ihm dort hin

Devotee: In mir ist nur mein eigenes Selbst.

Antwort: Guru, Selbst und Gott - dies sind nur verschiedene Namen für dieselbe Wirklichkeit. In ihrem Wesen sind sie eins.

Devotee: Wenn ich mich hingebe, kann ich dann noch weiter meine Arbeit tun?

Antwort: Natürlich, aber nicht mehr mit dem Gedanken „Ich tue die Arbeit”.

Devotee: Wie kann ich meine Pflichten erfüllen, wenn der „Ich”-Gedanke nicht mehr da ist?

Antwort: Du kannst eine Arbeit, für die du bezahlt wirst, ohne innere Beteiligung tun. Erfülle deine familiären Pflichten mit demselben Gleichmut, wie du deine Arbeit im Büro verrichtest. Was im Büro geschieht, belastet dich nicht. Führe alle deine Aufgaben und Pflichten mit demselben inneren Abstand aus.

Devotee: Ich erlebe immer neue Schwierigkeiten. Wann wird das aufhören?

Antwort: Wenn du die Vorstellung „Ich bin der Körper” aufgibst, werden alle deine Schwierigkeiten sich in nichts auflösen.


12

Devotee: Ich habe vor, mein Dorf zu verlassen und in einem Wald Tapas zu üben. Dazu erbitte ich Shri Bhagavans Erlaubnis.

Antwort: Man kann sein Dorf verlassen, aber nicht sich selbst. Es kommt nicht darauf an, ob du in deinem Dorf lebst oder im Wald, sondern darauf, dass du im Selbst verweilst. Wenn du vom Selbst ablässt, wirst du dich auch im Wald so fühlen wie im Trubel einer Großstadt.

Wer meint, er sei ein Sannyasin, ist keiner. Aber der Haushälter, der sich nicht als Haushälter betrachtet, ist ein wahrer Sannyasin.

Wer nicht meint, er sei bei seinem Tun der Handelnde, steht über jenem, der denkt er habe allem entsagt.


13

Manchmal sagte Bhagavan: „Mauna (Schweigen) ist endloses Sprechen. Still zu sein ist pausenlose Arbeit.”

Dies war eine von Bhagavans gelegentlich verblüffenden Äußerungen über den Begriff Mauna, den er oft auch im Sinne von „das Selbst” verwendete. Ich hatte einige Aussagen Bhagavans über Mauna verstanden, z. B. „Mauna ist der Weg zu spirituellem Reichtum jeder Art”, aber seine Bemerkung, Schweigen komme endlosem Sprechen und pausenloser Arbeit gleich, hatte mich verwirrt. Als Bhagavan einmal von einem Spaziergang zurückkam, trug ich ihm meine Bedenken vor:

„Bhagavan sagt, still zu sein bedeute, pausenlos tätig zu sein, und zu schweigen bedeute, fortwährend zu sprechen. Ich verstehe das nicht.” „Ist das so?” antwortete Bhagavan. „Kannst du sehen, dass „ich bin”?”

„Ja, das sehe ich”, gab ich zur Antwort. „Wie siehst du das?” fragte Bhagavan. Ich musste zugeben, dass ich das nicht wusste.

Bhagavan erklärte es mir: „Ebenso, wie still zu sein bedeutet, immerfort zu arbeiten. Natürlich ist nicht die Arbeit mit dem Spaten in der Hand gemeint, sondern die Arbeit, immer als das Selbst zu leuchten. Nur Schweigen ist fortwährendes Sprechen. Beides ist ohnehin dasselbe. Das haben die großen Weisen ausgedrückt, als sie sagten: „Ich erinnere mich, ohne zu vergessen. Ich verehre, ohne getrennt zu sein. Ich denke, ohne zu denken. Ich spreche, ohne zu sprechen. Ich höre, ohne zu hören” und so weiter. Wenn du nicht sprichst, kommt Gott und spricht. Die erhabenste heilige Schrift ist die schweigende Darlegung. Nur wenn du diese Schrift liest, vergehen alle Zweifel. Du kannst dagegen Millionen von Büchern unzählige Male lesen, und dennoch bleiben immer Zweifel.”

Einmal gab Bhagavan einem Devotee, der klagte, er könne sein „Ich” nicht finden, eine ähnliche Antwort: „Sei, wo das „Ich” ist.”

Am nächsten Tag sagte der Mann: „Ich weiß nicht, ob ich in mein Dorf gehen und meine Arbeit tun oder einfach still sein soll.” Bhagavan antwortete: „Essen, Baden, zur Toilette gehen, Sprechen, Denken und alle anderen körperlichen Tätigkeiten sind Arbeit. Doch auch still zu sein ist Arbeit, und zwar permanente Arbeit. Schweigen ist stetiges Sprechen.”


14

Eines Tages kam eine engagierte Mitarbeiterin der Congress Party zu Bhagavans Darshan. Nachdem sie einige Zeit bei Bhagavan gesessen hatte, fragte sie:

„Viele große Weise wie du sind umhergereist und haben Vorträge gehalten, um dem Volk den Nutzen ihrer Weisheit weiterzugeben. Du hast für dich selbst Jnana erlangt, aber du sitzt in diesem abgelegenen Winkel und schweigst. Was hat die Welt davon?”

Bhagavan entgegnete: „Das Selbst zu erkennen und im Zustand der Einheit mit dem Selbst zu verweilen, ist schon der größte Segen, den man der Welt geben kann. Alle Vorträge vom Rednerpult aus nützen nur einigen Leuten, und auch das nur solange, wie der Redner vor ihnen steht. Die schweigende Rede ist dagegen jederzeit auf der ganzen Welt zu vernehmen. Sie ist immer von Nutzen.”

Bhagavan legte mehr Wert auf die innere Stille als auf äußeres Schweigen. Er schätzte es, wenn man innere Stille bewahren konnte, aber er gab selten seine Zustimmung, wenn jemand ihn darum bat, auch nach außen schweigen zu dürfen. In meinem Fall schien er jedoch damit einverstanden zu sein. Als ich Bhagavan einmal mitteilte, ich hätte beschlossen, von morgen an Mauna zu bewahren, segnete er mich mit den Worten; „Aha”

Aber dann fragte er mich: „Warum ? Wohin gehst du? Bleibst du nicht hier?”

Ich erwiderte: „Selbst wenn ich hier bin, kommen manche Leute von sich aus zu mir und stehlen mir die Zeit mit Geschwätz. Aus diesem Grund hielt ich es für gut, ein Schweigegelübde abzulegen.” Bhagavan deutete an, dass er mit meiner Antwort zufrieden sei.

Zwei Tage vorher hatte ich Bhagavan zwei Palmyrafrüchte geben wollen. Ich hatte sie auf Mr. Cohens Veranda in Palakottu aufbewahrt, weil das eine gute Stelle war, Bhagavan auf seinem täglichen Spaziergang abzufangen. Als Bhagavan vorbeikam, sah er mich skeptisch an und fragte mehrmals: „Warum bist du hierher gekommen?”

Nach einigem Zögern sagte ich: „Ich kam hierher, um diese Früchte zu zerteilen und sie Bhagavan zu geben.”

Bhagavan nahm die Früchte an; dabei sagte er lachend: „Du hättest sie selbst essen und dabei denken sollen: „Auch ich bin Bhagavan.”

Dann begann Bhagavan sie zu essen; er pflückte die Fruchtstücke mit den Fingern heraus und schlürfte den Saft. Schließlich rief er: „Appadi (Ausdruck der Zufriedenheit). Ich kann meinen Bauch nicht mehr tragen”, und ging seines Weges.


15

Als ich Bhagavan eines Abends auf einem Spaziergang begleitete, fragte ich ihn: „Wenn ich meditiere, ist mir manchmal, als würde mein Atem im Bauch angehalten. Ist das gut?”

„Das ist sehr gut”, antwortete Bhagavan.

Von dieser Bestärkung ermutigt, fragte ich weiter: „Was geschieht, wenn ich danach weitermeditiere?”

„Dann wirst du Samadhi erlangen”, antwortete Bhagavan.

„Bedeutet das, dass ich jedes Bewusstsein meines Körpers und meiner Umgebung verliere?” wollte ich wissen.

„Nein”, erwiderte Bhagavan, „wenn die Meditation mühelos weitergeht, spricht man von Samadhi.”

„Was ist dann Sahaja Samadhi?” fragte ich.

Antwort:Im Sahaja Samadhi befindet man sich in ständiger Meditation. Der Gedanke „ich meditiere” oder „ich meditiere nicht” tritt dann nicht mehr auf.”

Ich fragte Bhagavan auch nach der Bedeutung der totalen Leere, die zeitweise in meiner Meditation vorherrschte:

„Manchmal nehme ich überhaupt nichts wahr, ist das gut?”

Bhagavan schien dies nicht gutzuheißen: „Am Anfang sollte man mit wachem Bewusstsein meditieren”, antwortete er.

Der Zustand des Sahaja Samadhi faszinierte mich weiterhin. Einige Wochen später stellte ich Bhagavan eine andere Frage: „Kann man gleich von Anfang an in Sahaja Samadhi eintreten?”

Bhagavan bestätigte, dass dies möglich sei.

„Aber wie macht man das?” fragte ich. „Und wie erlangt man Nirvikalpa Samadhi? Wie viele verschiedene Formen des Samadhi gibt es?” „Es gibt nur einen Samadhi”, antwortete Bhagavan.

„Vorübergehend ohne jeden Gedanken in der Wirklichkeit zu verweilen, nennt man Nirvikalpa Samadhi. Im Selbst zu verweilen und sich dessen ständig bewusst zu bleiben, nennt man Sahaja Samadhi. Beides bringt dieselbe Glückseligkeit mit sich.”


16

Bhagavan machte einmal folgende Bemerkungen über die Zustände des Wachens und des Träumens:

„Die Sicht der Welt im Wachzustand und im Traumzustand ist dieselbe; sie unterscheiden sich nicht im geringsten. Wir träumen nur, um zu erkennen, dass die Welt, die wir im Wachzustand erleben, ebenfalls unwirklich ist. Auch so wirkt Gottes Gnade.

Die Welt des Wachzustandes ist genauso unbeständig wie die des Traums, beide sind gleich unwirklich.

Viele Menschen bestreiten das. Sie sagen: „Die Welt, die wir gestern sahen, existiert auch heute. Traumwelten sind dagegen in jeder Nacht verschieden. Wie können wir also meinen, die Welt des Wachzustands sei unreal? Die Geschichte lehrt uns doch, dass die Welt seit vielen tausend Jahren besteht.”

Daraus, dass die sich wandelnde Welt schon seit langer Zeit besteht, schließen wir, sie müsse wirklich sein. Diese Folgerung ist jedoch unzulässig.*

*Bhagavan vertrat wie viele andere indische Lehrer die Auffassung, nichts, was einem Wandel unterworfen sei, könne real sein. Für ihn war Unwandelbarkeit das Siegel der Realität. Die Vertreter dieses Standpunkts sagen, das Selbst sei die einzige Wirklichkeit, da es allein keinem Wandel unterliege. Advaita, die Philosophie, die lehrt, allein das gestaltlose Selbst sei real und außer ihm existiere nichts, deutet die Erscheinung einer sich ständig verändernden Welt als vom Gemüt erzeugte Illusion.

Bhagavan, der die Lehren des Advaita nachdrücklich vertrat, erklärte sowohl die Welt als auch das Gemüt für letzten Endes unwirklich: beide seien nichts als illusorische Erscheinungen im unveränderlichen Selbst.

Die Welt verändert sich von Minute zu Minute. Unser Körper ist nicht mehr derselbe, der er in unserer Jugend war. Ein Öllicht, das wir abends anzünden, scheint am Morgen noch dasselbe zu sein, aber alles Öl ist in der Flamme verschwunden. Ist es dann noch dasselbe? Ein Fluss führt Wasser. Wenn wir den Fluss an zwei aufeinanderfolgenden Tagen sehen, sagen wir, es sei derselbe Fluss. Aber es ist nicht derselbe: das Wasser wurde vollständig ausgetauscht.

Die Welt befindet sich in stetigem Wandel; nichts ist von Dauer. Wir aber bleiben unverändert in allen drei Bewusstseinszuständen des Wachens, Träumens und Schlafens. Niemand kann wahrheitsgemäß sagen: „Während dieser drei Zustände existierte ich nicht.” Daraus müssen wir schließen, dass dieses „Ich” das einzig Dauerhafte ist, denn alles andere befindet sich in permanentem Fluss. Sich dessen stets bewusst zu sein ist Befreiung.”

Da diese Sicht der Dinge in so krassem Widerspruch zu unserem gesunden Menschenverstand steht, wurden Bhagavan häufig Fragen dazu gestellt. Sogar langjährige Schüler versuchten manchmal, ihn zu ein paar Abstrichen an seiner Lehre zu veranlassen. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie Major Chadwick eines Abends in der Halle Bhagavan davon zu überzeugen versuchte, dass man der Welt eine gewisse Wirklichkeit und Dauer nicht absprechen könne.

„Wenn die Welt nur existiert, solange mein Gemüt existiert”, begann er, „und meine Gemütstätigkeit in der Meditation oder im Tiefschlaf zum Stillstand kommt, verschwindet dann auch die äußere Welt? Ich denke, nein. Wenn man die Erfahrung anderer einbezieht, deren Bewusstsein von der Welt bestehen blieb, während ich schlief, muss man folgern, dass die Welt auch dann existierte. Wäre es nicht richtiger zu sagen, die Welt wurde in einem gewaltigen kollektiven Gemüt erschaffen und besteht darin weiter? Und wenn dies zutrifft, wie kann man dann sagen, es gebe keine Welt, sie sei nur ein Traum?”

Bhagavan ließ sich nicht von seinem Standpunkt abbringen: „Die Welt behauptet nicht, sie sei in einem kollektiven Gemüt oder in einem individuellen Gemüt erschaffen worden. Sie tritt nur in deinem kleinen Gemüt in Erscheinung. Wenn dein Gemüt sich auflöst, gibt es keine Welt mehr.”

Bhagavan veranschaulichte das mit einer Geschichte:

„Vor langer Zeit lebte ein Mann, dessen Vater bereits seit dreißig Jahren tot war. Eines Tages hatte er einen Traum, in dem sein Vater lebendig war. Der Träumer sah sich als Jungen mit vier jüngeren Brüdern. Sein Traumvater hatte ein großes Vermögen zusammengetragen, das er unter die fünf Brüder aufteilte. Die vier jüngeren Brüder waren mit ihrem Anteil nicht zufrieden. Aus Neid fingen sie mit dem älteren Bruder Streit an und schlugen auf ihn ein. Als er die Schläge bekam, wachte er auf.

Erleichtert erkannte er, dass er weder einen Vater noch Brüder hatte. Er begriff, dass von allen Personen in seinem Traum nur er selbst wirklich existierte.

Wenn wir aus unserem Wachtraum heraustreten und allein unser wirkliches Selbst gewahren, werden wir auch erkennen, dass es weder eine Welt noch „andere Leute” gibt. Wenn wir uns dagegen vom Selbst entfernen und uns der Welt zuwenden, stellen wir fest. dass wir unfrei sind.”

Bhagavan fasste seine Betrachtungen kurz darauf folgendermaßen zusammen: „Jeder einzelne sieht eine eigene, gesonderte Welt, aber der Jnani sieht nichts als sich selbst. Das ist der Zustand der Wahrheit.”


17

Einmal fragte ich Bhagavan: „Ich habe oft Magenschmerzen. Was kann ich dagegen tun?” Ich hoffte, er würde mir eine Medizin empfehlen.

Bhagavan antwortete: „Was da zu tun ist? Der Körper ist selbst eine schwere Krankheit. Um diese Krankheit zu besiegen, müssen wir nichts tun als still sein. Alle anderen Krankheiten werden uns dann noch früher verlassen.”

Scherzhaft ergänzte er: „Du erzählst mir von deinen Beschwerden, aber wem kann ich meine Leiden klagen?”

Bhagavan klagte nie, wenn er krank war. Ich erinnere mich, dass er einmal lange Zeit an Hämorrhoiden litt, ohne es irgend jemandem zu sagen. Als das Leiden entdeckt wurde, bereiteten einige Devotees ein Medikament zu und gaben es Madhava Swami mit der Anweisung, es Bhagavan zweimal täglich zu verabreichen.

Madhava Swami drängte Bhagavan, das Mittel zu nehmen, aber Bhagavan lehnte ab: „Ich will keine Medizin. Medizin verschlimmert die Krankheit nur. So, wie der Esel (die Krankheit) kam, wird er auch wieder gehen. Bis dahin finde ich mich damit ab. Ihr braucht mir keine Ratschläge zu geben.”

Daraufhin würdigte Bhagavan die Medizin keines weiteren Blickes, doch schließlich erklärte er sich bereit, sie zu nehmen, wenn alle Devotees in der Halle die gleiche Dosis bekämen. Da wir alle Bhagavan wohlauf sehen wollten, waren wir damit einverstanden, uns gemeinsam behandeln zu lassen.


18

Bhagavan sagte oft, da das Selbst kein Leiden kenne; müsse alles Leiden dem Gemüt entstammen.

Als ich ihn einmal fragte: „Ist es nicht möglich, dem Leiden in der Welt zu entkommen?” gab er mir die für ihn bezeichnende Antwort: „Das einzige Mittel besteht darin, immer bewusst im Zustand des Selbst zu verweilen.”

Das Problem des Leidens war ein beliebtes Thema für Gespräche mit Bhagavan, weil außer ihm keiner von uns gegen zeitweilige, stürmische Gemütsschwankungen gefeit war. Die folgenden Fragen und Antworten, die ich zu verschiedenen Zeiten notierte, sind eine typische Auswahl der Antworten Bhagavans auf die Fragen der Devotees nach Methoden zur Überwindung des Leidens.

Frage: Bhagavan, mein Lebtag habe ich nichts als Leid erfahren. Liegt das an meinem sündhaften Karma aus früheren Leben? Ich habe einmal meine Mutter gefragt, ob ich in ihrem Leib glücklich gewesen sei. Sie sagte mir, sie habe damals viel gelitten. Wie kann ich so viel gesündigt haben? Warum muss ich so viel leiden?

Antwort: Wir könnten sagen, dass es am Karma aus der Vergangenheit liegt. Aber anstatt darüber nachzudenken, dass dieses Karma zum Beispiel aus der vorletzten Inkarnation stammt, frage dich lieber, wer es ist, der sich gegenwärtig inkarniert hat. Wenn es der Körper ist, der das neue Leben angenommen hat, dann lass ihn die Frage stellen. Du sagst, dass du immer leidest, aber das sind nur deine Gedanken. In Wirklichkeit existiert nur Glück. Leiden ist das, was kommt und geht.

Frage: Woran liegt es, dass rechtschaffene Leute so viel leiden müssen?

Antwort: Wenn Devotees leiden, so ist das gut. Der Wäscher schlägt die Kleider beim Waschen mit ganzer Kraft gegen einen Stein. Das tut er aber nur, um den Schmutz aus den Kleidern zu vertreiben. So dient auch alles Leiden nur dazu, das Gemüt des Devotees zu läutern. Wenn wir geduldig sind, erwächst daraus Glück.

Die nächsten zwei Fragen stellte ich bei verschiedenen Anlässen.

Frage: Freude und Leid treten aufgrund von Karma aus der Vergangenheit ein. Wenn man einen bestimmten Wunsch hat, wird er dann in Erfüllung gehen?

Antwort: Wenn man in der Vergangenheit viele gute Taten vollbracht hat, dann tritt das, woran man denkt, sofort ein, ohne dass dabei die Vorbestimmung außer Kraft gesetzt würde. Was man sich wünscht, steht dann im Einklang mit dem, was sowieso geschehen würde; die Wünsche harmonieren mit dem, was bereits durch Wunsch oder Willen des Höchsten verfügt wurde. Aber auch wenn man viele Sünden begangen hat, manifestieren sich jetzt und hier die Früchte dieser Taten. Im gegenwärtigen Leben offenbaren sich die Folgen zahlloser guter und böser Taten aus früheren Leben. Für Vidyaranya Swami regnete es Gold.*

*Die vollständige Geschichte wird auf Seite 276 erzählt.

Frage: Auch wer gute Taten vollbringt, muss leiden, während mancher andere, der viel Böses tut, überhaupt nicht leidet. Wie ist das zu erklären?

Antwort: Jeder erfährt Freude und Leid als Konsequenz seines aus früheren Leben mitgebrachten Karmas. Die einzig richtige Haltung ist, beides geduldig zu akzeptieren, im Selbst zu verweilen und das zu tun, womit man gerade beschäftigt ist, ohne darin Freude oder Leid zu suchen.

Die Frage „Wer bin ich?” führt zur Beendigung des Leidens - man erlangt höchste Glückseligkeit.


19

Ein Gelehrter aus Kerala fragte: Ich bemühe mich, tugendhaft zu leben, aber es gelingt mir nicht. Meine Purva Samskaras (mitgebrachte Gewohnheiten und Tendenzen) hindern mich daran. Wann werden sie vergehen?

Antwort: Frage dich: „Wer bin ich?” Deine Purva Samskaras werden vergehen, wenn du erkennst, wer sie hat.

Frage: Wenn ich meditiere, überfällt mich der Schlaf, dagegen komme ich nicht an. Was soll ich tun?

Antwort: Wenn ich sage „Ich bin aufgewacht”, folgt daraus, dass ich schlief. Wenn wir aufwachen, sind wir also dasselbe „Ich” wie im Schlaf. Wir müssen im Schlaf wach bleiben. Das ist der Zustand des erwachten Schlafs.**

**Bhagavan sagte oft, Devotees sollten „wachend schlafen”. Während des Tiefschlafs ruht das Gemüt im Selbst, aber es ist sich des Friedens und der Glückseligkeit, die darin herrschen, nicht bewusst. Bhagavan versicherte, man werde die Glückseligkeit bewussten Schlafens erfahren, wenn man das Gemüt gänzlich ins Selbst versinken lassen könne, ohne dabei das Bewusstsein zu verlieren. Diese Erfahrung wird mit zwei verwandten Begriffen bezeichnet: Schlaf bei vollem Bewusstsein heißt „Wachschlaf”; das Verweilen des Gemüts im Selbst während des Wachzustands nennt man „im Wachen Schlafen”. Trotz unterschiedlicher Bezeichnungen handelt es sich in beiden Fällen um dieselbe innere Erfahrung.

Frage: Das ist für mich nicht möglich.

Antwort: Das größte Hindernis ist der Gedanke „Das ist für mich unmöglich”.

Frage: Was sollen wir tun, wenn dieser Gedanke uns überfällt und erschüttert?

Antwort: Der Gedanke überfällt nicht uns und erschüttert nicht uns. Vielmehr erschüttert der Gedanke, der sich uns aufdrängt, sich selbst.

Frage: Wenn das so ist, wie kann ich dann das Gemüt unter Kontrolle bringen?

Antwort: Um das Gemüt unter Kontrolle zu bringen, wäre ein zweites Gemüt erforderlich, das das erste kontrolliert. Dieser Versuch ähnelt dem zum Scheitern verurteilten Bemühen, die Länge des eigenen Schattens zu messen.

Wie war es im Schlaf? Wir sind auch jetzt dasselbe (körper- und gemütslose) „Ich”, das wir im Tiefschlaf waren. Unser großer Fehler ist, diesen Zustand zu verlassen und den Körper als das „Ich” anzusehen.

Frage: Stimmt es, dass die Unwissenheit ausgemerzt werden muss?

Antwort: Es reicht aus, wenn du erforschst, wessen Unwissenheit ausgemerzt werden soll.


20

Antwort: Als ich in der Virupaksha-Höhle lebte, brachten mir viele Besucher etwas zu essen mit, manchmal ganze Mahlzeiten. Nicht wenige drängten mich, reichhaltige Mahlzeiten mit vielerlei Spezialitäten wie Vadai und Payasam zu verzehren. Eines Tages beschloss ich zu fasten, um meinem Magen Ruhe zu gönnen. Ich wusste, dass es gefährlich war, in der Virupaksha-Höhle zu bleiben, weil sich Besucher mit Essen für mich einfinden konnten, deshalb machte ich einen langen Spaziergang durch den Wald am südwestlichen Hang des Arunachala. Auf meiner Wanderung gingen sieben Frauen hinter mir her; jede trug ein Bündel auf dem Kopf. Als sie mich sahen, hörte ich, wie sie über mich sprachen:

„Der Mann, der vor uns her geht, ist doch unser Swami.”

Nachdem sie sich überzeugt hatten, dass ich der „Swami” war, kamen sie zu mir gelaufen.

Eine von ihnen sagte: „Swami, bitte setzt Euch und nehmt etwas von unserem Essen.”

Eine Frau gab mir Iddlies, eine andere Murukku, eine dritte Dosa* und so weiter. Sie wetteiferten miteinander, mich zu beköstigen.

*Murukku ist eine harte, knusprige, in Öl gebratene Vorspeise; Dosas sind Pfannkuchen aus Reis- und Linsenmehl.

Nachdem ich gegessen hatte, dachte ich: „Ah, wie gut habe ich heute gefastet” und wollte meinen Weg fortsetzen.

Ich hatte gehofft, ihnen zu entkommen, aber die Frauen riefen mir nach: „Swami, ihr müsst am Mittag mit uns essen. Wir lassen Euch nicht gehen.” Dann schlugen sie den Weg zum Arunachala ein.

Mit dem Vorsatz, mich nicht noch einmal von ihnen einfangen zu lassen, ging ich langsam ein Stück weiter und setzte mich dann zur Rast in den Schatten eines Baums. Gegen zwölf Uhr kamen die Frauen aus dem Wald und schritten geradewegs auf mich zu. Sie bestanden darauf, dass ich sie zu einer Stelle führe, wo es Trinkwasser gab. Ich brachte sie zum Sona Teertham und dachte bei mir: „Was für ein wunderbarer Fastentag”

Als die Frauen ihren Durst gelöscht hatten, forderten sie mich auf, Platz zu nehmen und zu essen. Sie breiteten vor mir ein Bananenblatt aus und servierten mir darauf Speisen aller sechs Geschmacksrichtungen**, darunter Reis, Gemüse, Sambar, Rasam, Vadai und Payasam.

**Süß, sauer, salzig, bitter, scharf und adstringierend. (Die Adstringenz bezeichnet in der Wein-Fachsprache die Fähigkeit eines Weines, ein raues, pelziges Mundgefühl zu verursachen.)

Ich dachte: „O mein Gott Heute morgen habe ich schon genug für drei Tage gegessen. Wie soll ich das alles bewältigen?” Ich spürte, wie es mir die Kehle zusammenzog.

„Swami”, fragte eine der Frauen, „warum schaut ihr so? Esst, als wären wir alle Unnamulai***, die Euch bedient.” So gaben die Frauen mir eine spirituelle Unterweisung.

***Unnamulai ist der ortsübliche Name für Shivas Gefährtin Parvati.

Sobald ich fertiggegessen hatte, brachen sie auf und sagten: „Swami, solange wir leben, sind wir nie in diesen Wald gekommen, ausgerechnet heute kamen wir hierher, um Blätter zu sammeln.” Dann waren sie plötzlich alle verschwunden.

„Oh, das sind durchtriebene Leute”, dachte ich und setzte meine Pradakshina (Bergumwanderung) fort, indem ich langsam weiterging. Dann verließ ich den Wald, um mich am Vetrilai Mandapam hinzusetzen.

Inzwischen hatte ein Devotee namens Ramaswami Aiyer zwei Mangofrüchte, so groß wie Kürbisse, gekauft. Er hatte die Mangos ausgepresst und den Saft zusammen mit etwas gekochtem Reis zur Virupaksha-Höhle gebracht. Als er mich dort nicht fand, fragte er, wo ich sei.

Man antwortete ihm, ich sei vielleicht auf Pradakshina um den Arunachala, worauf er sich dachte: „Swami geht gewiss rechts herum um den Berg, wenn ich links herum gehe, muss ich ihn treffen, dann gebe ich ihm den Saft und den Reis.”

Ramaswami Aiyer fand mich, als ich gerade aus dem Wald kam. Sobald er mich sah, sagte er: „Swami, ich bin zur Virupaksha-Höhle gegangen und fand dich dort nicht. Deshalb kam ich hierher, um dich auf dem Pradakshina-Weg zu suchen. Bitte, nimm diesen Mangosaft und diesen Reis.”

Ich berichtete ihm von allen Ereignissen des Tages, auch davon, wie viel ich schon gegessen hatte, aber er ließ keine Ausflüchte gelten und bestand darauf, dass ich seine Gaben verzehrte.

Ich aß ein bisschen und sagte dann: „Genug, genug. Heute wurde mir eine gerechte Strafe auferlegt.” Auf dem Heimweg zur Virupaksha-Höhle war ich kaum noch imstande zu laufen.

Bhagavan erzählte dann eine andere Begebenheit, die sich um 1903 zugetragen hatte:

Eines Tages wanderten Palaniswami (Bhagavans damaliger Betreuer), ich selbst und ein weiterer Mann auf der Südseite des Arunachala an einem Bach entlang. Wir sahen eine alte Frau, die in einer Baumkrone Zweige abbrach. Ich schaute hinauf, um zu sehen, wer so hoch oben nach Brennholz suchte. Sogleich wandte sich die Frau um und sah mich an.

Mit weit ausgestreckten Händen gab sie mir eine Unterweisung: „He, du dort unten* Warum läufst du hier herum, anstatt still dort zu sitzen, wo du hingehörst?”

*In Tamil ist dies eine recht grobe, aber gut gemeinte Verwünschung. Doch auch als Scherz war es für eine arme arbeitende Frau absolut ungehörig, einen Swami so anzureden.

„Mutter”, rief ich zurück, „du hast recht, und ich habe wirklich unrecht. Zur Strafe will ich mich selbst ohrfeigen.”

Während ich noch darüber nachdachte, schaute ich wieder zu der alten Frau hoch, aber sie war nirgends mehr zu sehen.

„Aha”, schlossen wir, „noch so eine durchtriebene Dame”** Wir streiften dann noch eine Zeitlang durch den Wald und kehrten schließlich zur Virupaksha-Höhle zurück.

**Bhagavan erzählte diese beiden Geschichten mehrmals. Manchmal hinterließ er bei seinen Zuhörern den Eindruck, die sieben Frauen, die ihn beköstigt hatten, und die Frau, die ihn verwünschte, seien keine normalen Sterblichen, sondern eine Art Geistwesen gewesen. In der vorliegenden Version ist angedeutet, dass sich die „durchtriebene Dame” in der Baumkrone in Nichts auflöste, nachdem sie Bhagavan verwünscht hatte. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie, ohne von Bhagavan und den beiden anderen Männern gesehen zu werden, vom Baum geklettert und weggegangen sein könnte.


21

Als ein Besucher Bhagavan eine Frage über Siddhis (übernatürliche Kräfte) stellte, antwortete er: „Unverändert im Zustand des Selbst zu verweilen ist die größte und die einzig beständige Siddhi. Alle anderen Siddhis sind für den Weisen, der die Wahrheit erkannt hat, nur Beigaben, sie bedeuten ihm nichts.”

Sehr ähnlich hatte Bhagavan mir selbst ein paar Wochen vorher auf eine Frage über Siddhis geantwortet: „Von Siddhis Gebrauch zu machen, bläht das Ego nur noch stärker auf. Die größte Siddhi besteht darin, nichts anderes als das Selbst zu sehen. Dann kommen alle anderen Siddhis und stehen dem vollendeten Weisen zu Diensten.”

In diesem Zusammenhang zitierte er Vers 35 aus Ulladu Narpadu.

Das allezeit gegenwärtige Selbst zu erkennen und darin zu verweilen, ist die einzig wirkliche Siddhi. Alle anderen Siddhis sind gleichsam geträumt. Sind sie beim Erwachen noch wirklich? Wird, wer sich der Täuschung entledigt hat und in seinem wahren Wesen verankert ist, wieder zum Opfer der Täuschung?


22

Als ich im November 1938 von einem Spaziergang mit Bhagavan am Hang des Arunachala zurückkam, fragte ich ihn: „Was muss ich tun, damit ich bei meiner Meditation nicht einschlafe?”

Bhagavan antwortete: „Wer meditieren will, darf nicht übermäßig arbeiten und seinen Magen nicht mit zuviel Essen füllen. Je voller der Magen, desto tiefer sinkt der Bewusstseinszustand. Wenn der Magen größtenteils leer ist, kann man spirituell höher steigen. Man darf die Saiten der Vina* weder zu straff spannen noch zu lose lassen. Ebenso muss man mit dem Körper umgehen.

*Die Vina ist ein großes Saiteninstrument, das in der indischen klassischen Musik verwendet wird.

Mit dem Schlaf verhält es sich ähnlich. Ein Drittel der Nacht ist für den Schlaf bestimmt. Das bedeutet, dass man um zehn Uhr abends zu Bett gehen und um zwei Uhr morgens aufstehen muss. Tagsüber sollte man nicht schlafen. Man kann auch anders verfahren: aufstehen, wenn man aufwacht, und schlafen, wenn man schläfrig wird. Aber man darf nicht denken: „Ich habe geschlafen” oder „ich bin aufgewacht”.

Dann zitierte er Vers 33 aus Devikalottara: Das Gemüt schweift oft in Träumereien ab oder sinkt in Schlaf. Sei wachsam und wende es immer wieder seinem unverfälschten Wesen zu


23

Ein Devotee fragte Bhagavan nach dem gestalthaften und gestaltlosen Bewusstsein.

Bhagavan antwortete: „Das reine Bewusstsein wird auch als leeres oder unbegrenztes Bewusstsein bezeichnet. Im Moment des Erwachens aus dem Schlaf erfahren ausnahmslos alle Menschen eine Klarheit des Bewusstseins. Dies ist das gestaltlose Bewusstsein. Erst danach entstehen Gedanken wie „Ich bin der Körper” oder „Dies ist die Welt”. Sie bilden das gestalthafte Bewusstsein. Bei einer Filmvorführung wird zunächst das Licht eingeschaltet, danach erscheinen die Bilder auf der Leinwand. So kommt auch das Licht des Selbst zuerst und schafft Raum für alles, was folgt.”

Ein anderer Devotee wollte wissen, wie er seinem Gemüt Stetigkeit und Stärke verleihen könne.

Bhagavan unterwies ihn: „Es genügt, immer nur an einen Gegenstand zu denken. Wenn das Gemüt nicht gehorcht, beginne erneut, nur an das eine Thema zu denken. Im Laufe der Zeit wird das Gemüt deinen Weisungen folgen.”

Ein dritter Devotee fragte nach dem Handeln in der Welt: „Manchmal meditieren wir, zu anderen Zeiten widmen wir uns weltlichen Geschäften. Worin besteht der Unterschied zwischen beidem?”

Bhagavan antwortete: „Zu meditieren und aktiv zu sein ist dasselbe. In verschiedenen Sprachen benennen wir denselben Gegenstand mit unterschiedlichen Begriffen; die Krähe hat nur ein Auge, blickt aber in beide Richtungen*; der Elefant benutzt ein und denselben Rüssel zum Atmen wie zum Trinken; die Kobra sieht und hört mit ihren Augen”**.

*In Südindien sagt man, Krähen hätten nur einen großen Augapfel im Kopf, der innen hin und her gerollt wird, so dass sie durch beide Augenöffnungen sehen können.

**Ein anderer verbreiteter Volksglaube.

Dann zitierte er den folgenden Vers (2.173) aus dem Kaivalya Navaneetam:

Wenn du dir immer bewusst bleibst, dass „Ich” reines Bewusstsein bin, was macht es dann aus, wie viel du denkst und was du tust? All dies ist so unwirklich wie Traumbilder nach dem Erwachen. „Ich” bin ganz und gar Glückseligkeit

Der scheinbare Gegensatz zwischen Meditation und Handeln in der Welt veranlasste auch mich zu einer Frage:

„Bhagavan, wie kommt es, dass man in weltlichen Tätigkeiten die gleiche Freude wie in der Meditation erleben kann?”

Bhagavan erklärte, dass alle gegensätzlichen Gefühle nur Schöpfungen des Gemüts seien:

„Freude und Leid hängen vom Gemütszustand ab. Unser natürlicher Zustand ist, glücklich zu sein. Leiden tritt ein, wenn man sich vom Selbst trennt und sich mit Körper oder Gemüt identifiziert. Was ist dagegen zu tun? Der Gedanke „Ich bin der Körper” wurde viele Inkarnationen hindurch gekräftigt. Wenn man ihn aufgibt, bleibt Glückseligkeit.”

Bhagavan hatte meine Frage nach den verschiedenen Arten des Glücks nicht direkt beantwortet, aber sie klärte sich später, als ein anderer Devotee eine ähnliche Frage stellte: „Bhagavan, die Shastras erwähnen viele verschiedene Arten von Ananda (Freude oder Glückseligkeit). Gibt es wirklich so viele Arten?”

„Nein”, antwortete Bhagavan, „es gibt nur eine Ananda. Diese Ananda ist Gott selbst. Ananda ist unser natürlicher Zustand. Weil wir ihn äußerlich durch verschiedenartige sinnliche Freuden erfahren, hat man ihm vielfältige Namen gegeben. Man erlebt Glück auf vielerlei Art, muss aber auch Millionen Arten von Unglück durchleben. Für den Jnani ist es jedoch anders. Er freut sich an der Glückseligkeit jedes Wesens in der Welt als seines eigenen Brahmananda (Glückseligkeit des Absoluten). Brahmananda ist wie der Ozean. Die äußerlichen Arten des Glücks sind wie Wellen, wie Schaum und Blasen darauf.

Ananda ist allen im Schlaf gemein. Alle Lebewesen und alle Menschen, vom Bettler bis zum Kaiser, haben im Schlaf die gleiche Erfahrung des Ananda.”


24

Frage: Swami, sobald ich Euren Namen zum ersten Mal hörte, wünschte ich mir aus tiefstem Herzen, Euch zu sehen. Jetzt bin ich hier. Wie kam ich zu diesem starken Verlangen?

Antwort: Auf die gleiche Weise, wie du zu deinem Körper gekommen bist.

Frage: Worin besteht die Erfüllung des Lebens?

Antwort: Wenn man einsieht, dass man sich nach den wahren Lebensprinzipien richten muss, so ist das schon die Frucht von viel Tapas aus früheren Leben. Wer das nicht erkennt, vergeudet seine Zeit.


25

Eines Abends - wir saßen alle am Hang des Arunachala - erzählte Bhagavan uns zwei Begebenheiten, die sich bei der Virupaksha-Höhle zugetragen hatten:

„In meinen ersten Jahren am Arunachala saß ich einmal auf einem Felsen, als ein Junge von etwa acht Jahren heraufstieg, um mich zu besuchen.

Als er mich sah, sagte er voller Mitleid: „Swami, warum hast du dein Zuhause verlassen und lebst hier ganz allein - und dazu noch ohne Kleider?”*

* Damals trug Bhagavan nichts als einen Lendenschurz.

Ich gab ihm eine für seinen Verstand befriedigende Erklärung: „Meine älteren Verwandten waren böse auf mich, deshalb lief ich weg und kam hierher.”

Der Junge fragte: „Swami, was tust du, um etwas zu essen zu bekommen?”

Ich antwortete ihm: „Wenn man mir etwas gibt, nehme ich es an. Sonst esse ich eben nichts.” Der Junge war schockiert über mein entbehrungsreiches Leben. „Aiyo”, rief er aus. „Komm mit mir. Ich spreche mit meinem Chef und verhelfe dir zu einer Arbeit. Wenn du ein paar Tage nur für dein Essen arbeitest, zahlt er dir später auch einen Lohn.” Ich reagierte auf dieses Angebot mit Schweigen.”**

**Diese und die folgende Begebenheit sind in „Day by Day with Bhagavan”, S. 10-11, berichtet. Dort heißt es, Bhagavan habe den Jungen gebeten, sich bei seinem Chef nach einer möglichen Beschäftigung zu erkundigen. Da der Junge nie wiederkam, blieb Bhagavan weiterhin „arbeitslos”.

An einem anderen Tag saß ich auf der Bank vor der Virupaksha-Höhle, als ein kleiner Junge heraufkam und mich lange anstarrte. Dann begann er heftig zu schluchzen und zu weinen.

Yalaniswami kam aus der Höhle und fragte den jungen: „Warum weinst du?”

„Er tut mir so leid, wenn ich ihn so anschaue”, sagte der Junge und schluchzte weiter.” Wie so oft belebte Bhagavan seine Erzählung, indem er die verschiedenen Rollen nachspielte. In diesem Fall führte er uns anschaulich vor, wie der Junge geweint und gesprochen hatte.


26

Frage: Die Puvanas sagen, Moksha bedeute, auf dem Berg Kailash, in Vaikuntha oder Brahmaloka (Himmelswelten Shivas, Vishnus und Brahmas) in Gottes Gegenwart zu leben. Ist das richtig? Oder tritt Moksha nur ein, wenn man in dem Zustand ohne Bewusstsein von Körper, Gemüt und Welt mit Brahman verschmilzt?

Antwort: In Vaikuntha oder auf dem Kailash zu leben ist nicht Moksha. Wenn jeder zum Kailash oder nach Vaikuntha ginge, gäbe es dort gar nicht genug Platz für alle.

Dann zitierte Bhagavan Vers 31 aus Ulladu Narpadu, in dem der wahre Zustand der Befreiung beschrieben ist:

Wer sich selbst (sein Ego) zunichte gemacht hat und zu seiner glückseligen Natur erwacht ist - was bleibt dem noch zu vollbringen? Er sieht nichts anderes als sein Selbst. Wer kann seinen Zustand erfassen?


27

Einmal kam eine kleine Gruppe von Devotees aus dem Süden zu Bhagavans Darshan. Sie hatten einen kleinen Jungen von etwa fünf Jahren dabei. Er grüßte mit Namaskaram, trat dann vor Bhagavan und schaute ihn liebevoll an. Bhagavan legte dem Jungen seine rechte Hand auf den Kopf und fragte ihn: „Was möchtest du?”

Der Junge antwortete bestimmt: „Ich möchte nichts.”

„Oho”, sagte Bhagavan, „dann gehörst du ja zu uns.” An seine Angehörigen gewandt, fügte Bhagavan dann hinzu: „Wenn er im Zustand des Nicht-Wünschens bleibt, wird er alles bekommen.”

Das erinnerte Bhagavan an eine weit zurückliegende Begebenheit aus seinem eigenen Leben:

„Als ich am Pachaiamman-Tempel lebte, zerriss einmal mein Lendenschurz. Ich bat niemals um irgend etwas, also musste ich ihn selbst flicken. Als Nadel diente mir ein Kaktusdorn, in dessen Ende ich ein Nadelöhr gebohrt hatte. Ich fädelte etwas Garn, das ich aus meinem Schurz gezogen hatte, durch das Öhr. Als ich mit der Reparatur fertig war, konnte ich das Tuch noch zwei Monate tragen.

Wenig später war auch mein Handtuch so löcherig geworden, dass es einem Netz ähnelte. Eines Tages sah ein Hirte mein Handtuch und spottete: „Swami, der Gouverneur ist ganz versessen auf dein Handtuch.”

Nach dem Waschen und Trocknen wickelte ich das Handtuch gewöhnlich um mein Handgelenk, damit niemand sehen konnte, in welch erbärmlichem Zustand es sich befand. Aber irgendwie bemerkten es die Leute, die damals zu mir kamen, doch und brachten mir je drei neue Lendenschurze und Handtücher mit. Sie nahmen mir das alte Handtuch weg und ließen mich den Lendenschurz wechseln.

Wenn ihr im Zustand des Nicht-Wünschens verharrt, kommt alles zu euch. Deshalb sind Zuneigung und Abneigung gleichermaßen unerwünscht.”


28

Maurice Frydman: Manchmal gerate ich bei der Meditation in einen Zustand totaler Leere des Bewusstseins. Handelt es sich dabei um Manolaya oder Manonasa?*

*Bhagavan definierte Manolaya als ein zeitweiliges Aussetzen aller geistigen Fähigkeiten und Manonasa als die vollständige und endgültige Auflösung des Egos.

Antwort: Weder in Manolaya noch in Manonasa kommen irgendwelche Fragen auf.

Frydman: Was ist Manonasa?

Antwort: Manonasa bedeutet, immerfort zu sein, was man ist, ohne dass irgendwelche Zweifel oder Gedanken wie „Mein Bewusstsein ist leer” oder „Mein Bewusstsein hat Inhalte” aufkommen.


29

Frage: Die heiligen Schriften sagen, man solle seine Aufmerksamkeit auf die Stelle zwischen den Augenbrauen richten. Ist das richtig?

Antwort: Das Gefühl „Ich bin” ist jedem Menschen unmittelbar gegenwärtig. Was hat man davon, irgendeine Gottheit zu schauen, solange man dieses Gefühl ignoriert? Es gibt keine größere Dummheit, als zu glauben, Gott existiere nur an bestimmten Stellen, etwa an dem Punkt zwischen den Augenbrauen. Sich auf diese Stellen zu konzentrieren ist eine gewaltsame Form von Sadhana mit dem Ziel, das Gemüt zu sammeln und sein Umherschweifen zu verhindern. Zu ergründen „Wer bin ich?” ist eine viel einfachere Methode, Meisterschaft über sein Gemüt zu erlangen. Alle Methoden sind nur für bestimmte Entwicklungsstadien geeignet. Die vom Gemüt erschaffene Maya muss auch vom Gemüt selbst wieder aufgehoben werden.

Frage: Welche Nahrung soll ein geistig Suchender zu sich nehmen?

Antwort: Die wichtigste Regel ist, sattvische (reine, frische, vegetarische) Nahrung in mäßigen Mengen zu sich zu nehmen.

Frage: In den Schriften werden verschiedene Asanas (Yoga-Stellungen) erwähnt. Welche ist die beste? Welche soll man üben?

Antwort: Nidhidyasana (unentwegte Meditation) ist am besten. Es genügt, wenn man diese praktiziert.


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Gelegentlich zeichnete ich kurze Antworten und Äußerungen Bhagavans auf, die mich zu diesem Zeitpunkt besonders inspirierten. Meist ließ ich die Frage oder den Zusammenhang weg, weil sie mir damals nicht sehr wichtig erschienen. Im folgenden sind zwölf solcher Äußerungen wiedergegeben.

a) Der Fluss hört auf zu fließen, wenn er den Ozean erreicht und mit ihm eins wird. Ebenso wird das Gemüt, wenn es immer über das Selbst meditiert, schließlich Atmamayam (erfüllt vom Selbst; eins mit dem Selbst).

b) Als jemand Bhagavan fragte, wie er seine Neigung zum Zorn überwinden könne, antwortete er: „Werde zornig auf den Zorn. Die Wurzel des Zorns liegt im Begehren. Absolutes Glück ist, nichts zu begehren.”

c) Der eigentliche Name jedes Menschen ist Mukti (Befreiung).

d) Wer sich immer im Zustand des Selbst hält, während er den Aufgaben nachgeht, die von selbst und ohne sein Wollen auf ihn zukommen, ist ein wahrer Mensch.

e) Wer denkt „Ich bin der Körper”, begeht die Sünde des Selbst-Mords. Wer dagegen fühlt „Ich bin der Atman”, ist ein sehr glücklicher Mensch. Wenn man nur einen Augenblick meditiert „Ich bin der Atman”, wird alles Karma aus früheren Leben gelöscht, so wie die Sonne die Finsternis aufhebt. Wie kann Karma bei einem Menschen fortbestehen, der stetig auf diese Weise meditiert?

f) Seid wach, wenn der Schlaf euch überfällt. Das ist das Schlafen, ohne zu schlafen. Von Sorgen frei zu sein bedeutet zu schlafen, ohne zu schlafen.

g) Begehren ist Maya, Wunschlosigkeit ist Gott.

h) Wer den allerhaltenden Gott liebt und wer einsieht, dass er mit seinem eigenen Handeln nichts erreichen kann, wer vielmehr darauf vertraut, dass Gott selbst alle seine Handlungen ausführt, den leitet Gott allzeit auf dem Pfad der Wahrheit.

i) Jeder Mensch sieht überall sich selbst. Man ist im gleichen Zustand, in dem sich Gott und Welt befinden.

j) Natürliche Hingabe heißt, sein Selbst zu kennen und, ohne es je zu vergessen, unveränderlich in diesem Zustand zu bleiben.

k) Gott ist winziger als ein Atom und größer als der Kosmos. Alles ist Erscheinungsform Gottes. Aufgrund unserer Neigungen, Unterscheidungen zu treffen, denken wir, wir seien Individuen. Es gibt keinen größeren Irrtum in der Welt als diesen.

l) Man kann nur dann daran denken, andere zu befreien, wenn man sich selbst bereits befreit hat.



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Fragen (in Form eines schriftlichen Fragenkatalogs vorgelegt):

a) Erschuf Gott die Welt am Anfang in so großer Vielfalt, wie wir sie jetzt erleben, oder hat sich diese Differenziertheit erst später herausgebildet?

b) Wenn Gott in allen Menschen gleicherweise existiert, wieso sind dann manche gut und andere schlecht? Der eine ist lahm, der andere blind; einer ist weise, vielen fehlt Weisheit. Warum schuf Gott alle diese Unterschiede?

c) Existieren die Ashta Dikpalakas (Wächter der acht Haupthimmelsrichtungen), die dreihundertunddreißig Millionen Devas (Gottheiten) und die Maharishis (große Seher) noch heute?

Bhagavan (nach einem Blick auf den Fragebogen): Die Antwort auf alle diese Fragen wird von selbst aufleuchten, wenn du dich fragst: „Wem kamen diese Fragen?”

Wenn wir zuerst uns selbst erkennen und dann die von Gott erschaffene Welt betrachten, dann wird uns die Wahrheit offenbar. Der Versuch, Gott und die Welt zu erkennen, ohne sich zuvor selbst zu erkennen, ist wahrhaftig Unwissenheit. Die Ansichten eines Menschen, der sich selbst nicht kennt, ähneln denen eines Gelbsüchtigen, der anderen erklärt, alles sei gelb. Wer wird ihm beipflichten?

Ein winziger Samen enthält einen riesigen Banyanbaum, aber wie lässt sich beantworten, wer zuerst da war, der Samen oder der Baum? Die wahre Antwort auf solche Fragen lautet: „Wenn man sein Selbst kennt, gibt es keine Welt.”

Bhagavan zitierte dann zur Untermauerung dieser Aussage aus seinen eigenen philosophischen Werken:

Ist es nicht Unwissenheit, alles zu kennen außer dem eigenen Selbst, der Quelle allen Wissens? Verdient solches Wissen seinen Namen?
(Ulladu Narpadu 11, 1. und 2. Zeile)

Wenn man sich selbst mit seiner körperlichen Gestalt identifiziert, erscheinen auch Gott und die Welt als gestalthaft.
(Ulladu Narpadu 4, 1. Zeile)

Was bleibt dem Menschen noch zu erkennen, wenn er sein Selbst erkannt hat?
(Atma Vidya Kirtanam 3, 2. Zeile)

Ein wenig später gab Bhagavan einem anderen Devotee, der über Gott und die Schöpfung Bescheid wissen wollte, eine ähnliche Antwort.

Devotee: Warum erschuf Gott, der doch vermutlich frei von allen Wünschen ist, die Welt?

Bhagavan: Diese Frage wäre nur dann sinnvoll, wenn sie unabhängig von Gott existierte. Wozu überhaupt solche Fragen stellen? Finde zunächst heraus: Wer stellt die Frage? Gibt es die Frage auch, wenn du schläfst?

Wer brachte dich darauf zu denken: „Ich bin einer, Gott ist ein anderer”? Nur wenn wir unsere eigene Natur kennen, können wir die Natur Gottes erkennen. Stelle zuerst fest, wer du bist. Was das Selbst ist und was Gott ist, kannst du später erfahren.


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Frage: Über meiner vielen Arbeit vergesse ich immer wieder zu meditieren. Dies kommt so oft vor, dass ich mich frage, wann ich jemals Fortschritte machen kann.

Antwort: Sei unbesorgt, Jnana kommt nicht von heute auf morgen. Die Samskaras (Tendenzen und alte Gewohnheiten des Gemüts) lösen sich nur allmählich auf. Heute denken wir vielleicht alle vier Stunden: „Oh, ich habe vergessen zu meditieren.” Morgen erinnern wir uns möglicherweise alle dreieinhalb Stunden daran, übermorgen alle drei Stunden. Langsam wächst so die Neigung zur Meditation.

Weshalb denkst du „Warum habe ich nicht meditiert?” oder „Warum habe ich nicht gearbeitet?” Wenn du die Gedanken „Ich habe getan” und „Ich habe nicht getan” fallen lässt, dann verwandelt sich alles Tun in Meditation. In diesem Zustand kann man gar nicht mehr anders als meditieren. Es ist der Zustand des Sahaja Samadhi.

Frage: Habe ich in meinen früheren Leben Punya (Verdienste aus selbstlosem Handeln) erworben?

Antwort: Wie könnten dir sonst solche Gedanken kommen?


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Die folgenden Fragen wurden von Rameshwari Nehru, einer Mitarbeiterin der Congress Parry, gestellt:

Frage: Was denkt Bhagavan darüber, ob Harijans* Zutritt zu Tempeln haben sollten?

*Harijans sind Hindus (Unberührbare), die nicht zu den vier Hauptkasten gehören. Bis in die dreißiger Jahre durften sie die Hindutempel nicht betreten. Heute haben alle Harijans laut Gesetz das Recht, jeden Hindutempel aufzusuchen.

Antwort: Ich habe dazu keine eigene Meinung. Alles geschieht durch Gottes Macht. Alles, was geschehen soll, wird von Gott zur rechten Zeit, am rechten Ort und auf die rechte Weise bewirkt.

Frage: Ist es recht, soziale Arbeit zu leisten? Oder ist es besser, in eine Höhle zu gehen und zu meditieren?

Antwort: Beides ist gut. Aber nur wer sich selbst wahrhaft gedient hat, weiß, wie man der Gesellschaft dienen kann.


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Eine gewisse Lady Bateman war mit ihren Freunden und Dienern für einige Tage im Ashram zu Gast. Beim Darshan fragte sie: „Genau wie wir isst und spricht Bhagavan, nimmt Medizin bei Zahnschmerzen und so weiter. Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen Bhagavan und uns? Ich kann keinerlei Verschiedenheit erkennen.”

Bhagavan erläuterte den Unterschied zwischen einem Jnani und einem Ajnani anhand mehrerer Vergleiche:

„Kurz bevor es Zeit zum Schlafen war, fing ein kleiner Junge an zu weinen und bat seine Mutter: „Ich habe Hunger, gib mir etwas Reis.” Die Mutter antwortete: „Warte ein bisschen, der Reis ist noch nicht gar”, aber der Junge schlief bald darauf ein. Als der Reis fertig war, weckte ihn die Mutter und zeigte ihm die verschiedenen Reisgerichte, die sie gekocht hatte: „Sieh, hier ist Reis mit Dal, Reis mit Rasam und Reis mit Joghurt.” Schlaftrunken aß der Junge ein wenig davon und schlief gleich darauf wieder ein. Als er am nächsten Morgen aufwachte, fragte er seine Mutter sofort: „Warum hast du mir gestern Abend keinen Reis gegeben?” Jeder im Haus wusste, dass er gegessen hatte, aber der Junge selbst erinnerte sich nicht mehr daran; für ihn war es nur eine kurze nächtliche Unterbrechung seines Schlafs gewesen. Das Handeln eines Jnani ähnelt in gewisser Weise dem dieses kleinen Jungen. Andere sehen ihn vielerlei Tätigkeiten ausführen, aber er selbst ist sich keines Tuns bewusst.

Man kann den Zustand des Jnani auch mit einem Mann vergleichen, dessen Gedanken abschweifen, während er einer Geschichte zuhört, oder mit einem Ochsenkarrenfahrer, der schläft, während seine Ochsen den Wagen weiter die Straße entlangziehen.

Ich will ein weiteres Beispiel geben: Zwei Leute schliefen am gleichen Ort. Einer von ihnen hatte einen Traum, in dem sie bei einer gemeinsamen Wanderung durch weite Wälder viele Mühen durchlitten, während der andere tief und traumlos schlief. Derjenige, der geträumt hatte, dachte, auch der andere hätte gelitten. Der Träumer ähnelt dem Ajnani: Er schafft sich eine Traumwelt, leidet in seinem Traum, und weil er nicht erkennt, dass es nur ein Traum ist, glaubt er, auch alle anderen Personen seines Traums würden leiden. Der Jnani dagegen erschafft sich keine Traumwelt. Er verursacht weder für sich selbst noch für andere Leid, weil er alles als Jnana betrachtet, als sein eigenes Selbst, während der Ajnani um sich herum nur Ajnana sieht. Swami Rama Tirtha wiederholte einmal auf dem Dach eines hohen Gebäudes den Namen Shivas. Da kam ein Ajnani zu ihm hoch und sagte: „Spring doch hier herunter. Dann sehen wir, ob dieses Wort, das du wiederholst, dich retten kann.”

Swami Rama Tirtha fragte zurück: „Wo ist oben, und wo ist unten?” Für den Jnani, der nur Jnana gewahrt, existieren solche Unterscheidungen nicht.

Der Ajnani ist wie der Mann, der nur die Namen und Formen auf der Kinoleinwand wahrnimmt. Der Jnani dagegen bleibt sich stets der „Leinwand” bewusst, auf der die Bilder erscheinen.”


35

Im Jahre 1939 besuchten einmal zwei Mitarbeiter des Indian National Congress den Ashram und stellten Bhagavan Fragen.

Besucher: Können wir durch Eure Gnade Weisheit erlangen und sie den Menschen in der Welt weitergeben?

Antwort: Erkennt zuerst euch selbst und lasst die Idee, andere zu belehren, fallen Wenn ihr das tut, werdet ihr die Augen aller anderen Menschen als eure eigenen sehen. Dann werdet ihr ihnen ganz selbstverständlich auch helfen.

Besucher: Wieso kann man unzählige Mal das Mahavakya (den Lehrsatz) „Aham Brahmasmi”* aus den Upanishaden lesen und trotzdem keine Weisheit erlangen?

*Aham Brahmasmi bedeutet „Ich bin Brahman”. Es gibt vier Mahavakyas oder „große Aussprüche” in den Upanishaden [(1. Aham Brahmasmi (Ich bin Brahman) 2. Tat twam asi (Du bist Brahman) 3. Prajnanam Brahma (Bewusstsein ist Brahman) 4. Ayam Atma Brahma (Dieses Selbst ist Brahman)], welche die Wirklichkeit des Selbst oder des Brahman beglaubigen. Wer den advaitischen Sadhana auf traditionelle Weise ausübt, wiederholt eines oder mehrere der Mahavakyas, bis er die felsenfeste Überzeugung bzw. die Erfahrung gewonnen hat, dass allein das Selbst existiert.

Antwort: Das Wissen vom Selbst ist in den Upanishaden nicht enthalten. Wissen vom Selbst kann man nur durch die Erforschung seiner selbst erlangen.

Besucher: Wie soll man sein Selbst erforschen?

Antwort: Man kann es nur erforschen, wenn es zwei Selbste gibt (eins das erforscht und eins, das erforscht wird). Wirkliche Selbsterforschung bedeutet im Selbst zu verweilen. Wenn ihr die Veden und Upanishaden studiert, erwerbt ihr vielleicht hohes Ansehen in der Welt. Man wird euch dann möglicherweise Blumenkränze um den Hals hängen, schmeichelhafte Briefe schreiben, vorzügliche Speisen vorsetzen, einen berühmten Namen verleihen und viel Geld geben. Aber dies alles sind nur große Hindernisse für Jnana und Sadhana.

Besucher: Sosehr wir uns auch bemühen, das Leiden aufgrund weltlicher Verstrickungen vergeht nicht.

Antwort: Wenn wir betrachten, wem die Welt erscheint, wird das Leiden vergehen.

Besucher: Stimmt es, dass man das Selbst durch Patanjalis Yoga verwirklichen kann?

Antwort: Yoga ist die Vereinigung zweier bestehender Dinge. Würdet Ihr zustimmen, dass es zwei „Ichs” gibt?

Besucher: Nein.

Antwort: Von wo aus soll man Kenntnis des Selbst erlangen? Wir sind bereits das Selbst, daher entsteht Leiden nur, wenn wir denken: „Ich bin der Körper” oder „Dort ist das Selbst das ich erlangen muss”. Das Selbst ist nicht weit entfernt. Wir brauchen keineswegs mit der Bahn oder dem Flugzeug zu reisen, um es zu suchen. Wenn wir das täten, verhielten wir uns wie jemand, der im Wasser stehend ruft: „Ich habe Durst.” Wie kann man das Selbst erlangen wollen, wenn man bereits das Selbst ist?

Besucher: Lehrt uns bitte, wie man sich von seinem Gemüt befreit.

Antwort: Findet heraus, wer das Gemüt hat. Wenn euch das gelingt und danach das Gemüt immer noch vorhanden ist, dann könnt ihr nach einer Methode suchen, euch davon zu befreien.

Besucher: Ich habe ein Gemüt.

Antwort: Wer bist du? Bist du dieser Körper? Warum stellst du dir solche Fragen nicht, während du schläfst? Stimmst du mir zu, dass Gemüt und Prana (Lebensenergie) nicht dein Selbst sind?

Besucher: Das ist richtig.

Antwort: Du bist das Selbst. Wenn es irgend etwas von dir Getrenntes gibt, kannst du vielleicht gut oder schlecht damit umgehen. Aber wenn du selbst das einzig Existierende bist, wie kann es dann irgendwelche Zuneigungen oder Abneigungen geben? Keine Wünsche zu haben, ist absolute Glückseligkeit.

Besucher: Weil wir unwissend sind, wiederholen wir unsere Frage. Wir bitten Shri Bhagavan, unsere Aufdringlichkeit zu verzeihen und eine Antwort zu geben. Es heißt, man müsse spirituelle Übungen (Abhyasa) ausführen, um sich des Gemüts zu entledigen. Wie soll man das tun?

Antwort: Sich mit Hilfe des Gemüts zu fragen: „Wer muss sich seines Gemüts entledigen?” ist die Methode, davon freizukommen.

Besucher: Wer ich bin? Ich weiß es nicht.

Antwort: Wir wissen nicht einmal, wer wir sind, und wollen doch etwas anderes erlangen. Was wir erlangen wollen, sind wir aber bereits. Jeder Zustand und jede Himmelswelt, in die wir gelangen können, werden schließlich wieder vergehen. Was kommt und geht, ist nicht das Selbst. Nur was jeder immer erfährt, ist unser wahres Selbst. Das ist Moksha.

Besucher: Was kann der Guru dem Schüler geben?

Antwort: Guru und Gott können nur den Weg weisen und sagen: „Du bist Das.” Mehr ist ihnen nicht möglich. Den Weg zu beschreiten ist Aufgabe des Schülers.

Besucher: Ich will mein Selbst erkennen. Zeigt mir den Weg.

Antwort: Würdest du zugeben, dass du zwei „Ichs” hast?

Besucher: Darüber weiß ich nichts. Was soll ich tun, um mein Gemüt zu beruhigen?

Antwort: Es genügt, stets den Punkt zu beobachten, an dem das Gemüt in Erscheinung tritt.

Bei einem Spaziergang am Arunachala bat ich Bhagavan einmal, mir eine Gnade zu gewähren: „Bhagavan, ich will nichts in der Welt als das Gnadengeschenk, von der Vorstellung befreit zu sein, dass ich der Körper sei.”

Mit einem sanften Kopfnicken antwortete Bhagavan gütig: „Alle großen Menschen haben sich darum bemüht. Auch du bist Das.”



Gespräche (zwischen Anamalai und einigen Devotees)     Top

Frage: Welches ist der einfachste Weg, sich von seinem „kleinen Selbst“ zu befreien?

Annamalai: Höre auf, dich mit ihm zu identifizieren Wenn du dich davon überzeugen kannst, dass du nicht wirklich dieses „kleine Selbst“ bist, wird es sich einfach auflösen.

Frage: Aber wie soll ich das bewerkstelligen?

Annamalai: Das „kleine Selbst“ scheint nur wirklich zu sein. Wenn du einsiehst, dass ihm keine reale Existenz zukommt, wird es verschwinden. Was bleibt, ist die Erfahrung des wahren und alleinigen Selbst. Erkenne, dass das „kleine Selbst“ in Wirklichkeit nicht existiert, und es wird dich nicht länger belästigen

Bewusstsein ist etwas Universales, in dem es die Begrenztheit eines „kleinen Selbst“ nicht gibt. Nur wenn wir uns mit dem Körper identifizieren und uns auf ihn und das Gemüt begrenzen, entsteht dieses falsche „Selbst“. Wenn du durch Selbsterforschung an den Ursprung dieses „kleinen Selbst“ gelangst, wirst du feststellen, dass es sich in nichts auflöst.

Frage: Ich bin aber sehr daran gewöhnt, mich als das „kleine Selbst“ zu empfinden. Ich kann diese Gewohnheit nicht einfach dadurch ablegen, dass ich mir sage, ich sei es nicht.

Annamalai: Das „kleine Selbst“ wird nur dann dem wirklichen Selbst Platz machen, wenn du stetig meditierst. Mit ein paar vereinzelten Gedanken kannst du es nicht hinwegwünschen. Erinnere dich an das Beispiel vom Seil, das in der Dämmerung wie eine Schlange aussieht. Wenn du das Seil für eine Schlange hältst, bleibt dir die wahre Natur des Seils verborgen. Siehst du aber nur das Seil, dann ist keine Schlange mehr da, und darüber hinaus weißt du, dass es nie eine gegeben hatte. Wenn du klar und richtig erkennst, dass nie eine Schlange da war, wird auch die Frage gegenstandslos, wie du die Schlange töten kannst. Wende diesen Vergleich auf das „kleine Selbst“ an, das du loswerden willst. Hast du erst herausgefunden, dass dieses „kleine Selbst“ nie außerhalb deiner Einbildung bestanden hat, wirst du dir keine Gedanken mehr über Mittel und Wege machen, davon freizukommen.

Frage: Das ist mir alles ganz klar, aber ich glaube, dass ich Hilfe brauche. Ich bin nicht sicher, dass ich aus eigener Kraft zu dieser Erkenntnis kommen kann.

Annamalai: Der Wunsch nach Hilfe ist ein Teil deines Problems. Verfalle nicht in die irrige Vorstellung, es müsse ein Ziel erreicht werden Das Beste ist, sie durch andere Ideen zu ersetzen, die den wahren Sachverhalt genauer aufzeigen. Wenn du denkst und meditierst „Ich bin das Selbst“, wird dir das viel mehr nützen, als wenn du denkst „Ich bin das kleine Selbst. Wie kann ich mein kleines Selbst loswerden?“

Das Selbst ist immer schon da, es ist immer verwirklicht; es ist nichts, was man suchen, erreichen oder entdecken müsste. Deine Vasanas (Gewohnheiten und Neigungen des Gemüts) und alle deine falschen Vorstellungen über dich blockieren und verhüllen die Erfahrung des wahren Selbst. Wenn du dich nicht mit den falschen Vorstellungen identifizierst, wird dir dein eigenes wahres Wesen nicht länger verborgen bleiben.

Du sagtest, du hättest Hilfe nötig. Wenn dein Verlangen nach einem wirklichen Verständnis deines eigenen Wesens stark genug ist, wird dir Hilfe von selbst kommen. Willst du deine wahre Natur erkennen, dann wird dir der Kontakt mit einem Jnani unermesslich helfen. Die Kraft und die Gnade, die ein Jnani ausstrahlt, lassen das Gemüt zur Ruhe kommen und beseitigen automatisch deine falschen Vorstellungen von dir selbst. Satsang mit einem verwirklichten Meister und beständiges Sadhana helfen dir weiterzuschreiten. Der Guru kann dir aber nicht alles abnehmen. Wenn du die einengenden Gewohnheiten vieler Leben aufgeben willst, musst du fortwährend daran arbeiten.

Die meisten Menschen sehen nicht das reale Seil, sondern die imaginäre Schlange. Unter dem Einfluss dieses Trugbilds denken sie sich vielfältige Strategien aus, die Schlänge zu töten. Sie können sich aber erst dann von ihr befreien, wenn sie die Vorstellung, dass überhaupt eine Schlange da sei, gänzlich fallenlassen. Dasselbe Problem ergibt sich bei Menschen, die ihr Gemüt ausmerzen oder unter Kontrolle bringen wollen: sie stellen sich vor, es gebe ein Gemüt, das kontrolliert werden müsse, und ergreifen drastische Maßnahmen, es zum Gehorsam zu zwingen. Würden sie nur einsehen, dass ein Gemüt überhaupt nicht existiert, dann wären alle ihre Probleme gelöst. Bilde in dir die Überzeugung aus: „Ich bin das allgegenwärtige Bewusstsein, in dem alle Körper und Gemüter der Welt in Erscheinung treten und wieder vergehen. Ich bin das Bewusstsein, das von allem Erscheinen und Vergehen unberührt und unverändert bleibt.” Festige diese Überzeugung in dir. Das ist alles, was du zu tun hast.

Bhagavan erzählte einmal von einem Mann, der seinen Schatten in einem tiefen Loch begraben wollte. Er grub das Loch und stellte sich so, dass sein Schatten in das Loch fiel. Dann versuchte er, den Schatten zu begraben, indem er Erde darauf schüttete. Jedes Mal, wenn er Erde in die Grube schüttete, erschien sein Schatten oben aufs Neue; so gelang es ihm natürlich nie, diesen zu begraben. Viele Menschen verhalten sich so, wenn sie meditieren. Sie nehmen das Gemüt für etwas Reales und versuchen es zu bekämpfen und abzutöten, aber nie gelingt es ihnen. Alle diese Kämpfe gegen das Gemüt sind selbst Tätigkeiten des Gemüts, die es nicht zum Verschwinden bringen, sondern es nur weiter kräftigen. Wenn du vom Gemüt frei sein willst, musst du nur einsehen, dass es „nicht ich” ist. Nähre das Empfinden „Ich bin das innewohnende Bewusstsein.” Wenn diese Erkenntnis festen Boden gewinnt, kann das nicht existierende Gemüt dir nichts weiter anhaben.

Frage: Ich glaube nicht, dass ich je zu der Überzeugung kommen kann, nicht das Gemüt zu sein, indem ich mir wiederhole: „Ich bin nicht das Gemüt, ich bin Bewusstseins.” Das wäre nur ein weiterer Gedanke im Gemüt. Wenn ich - und sei es nur für einen Augenblick - erfahren könnte, wie es ist, frei vom Gemüt zu sein, wäre ich sofort überzeugt. Ich glaube, eine nur sekundenlange Erfahrung des Bewusstseins, wie es wirklich ist, wäre überzeugender als jahrelange innere Bekräftigungen.

Annamalai: Jedes Mal, wenn du schläfst, machst du die Erfahrung, ohne Gemüt zu sein. Du kannst nicht bestreiten, dass du auch während des Schlafs existierst, und du kannst ebenso wenig bestreiten, dass dein Gemüt im traumlosen Tiefschlaf untätig ist. Diese tagtägliche Erfahrung sollte dich davon überzeugen, dass du auch ohne Gemüt sehr wohl weiterexistieren kannst. Natürlich hast du im Schlaf nicht die volle Erfahrung des Bewusstseins, aber wenn du darüber nachdenkst, was im Schlaf geschieht, wirst du einsehen, dass deine Existenz, die Fortdauer deines Daseins, in keiner Weise von deinem Gemüt oder deiner Identifikation mit ihm abhängt. Wenn das Gemüt jeden Morgen wieder hervorkommt, ziehst du die voreilige Folgerung: „Dies ist das wirkliche Ich.” Aber wenn du einmal gründlich darüber nachdenkst, wirst du erkennen, wie absurd dies ist. Würde das, was du in Wahrheit bist, nur solange existieren, wie das Gemüt vorhanden ist, dann müsstest du akzeptieren, dass du während des Schlafs überhaupt nicht existierst. Eine so absurde Folgerung ist aber unakzeptabel. Wenn du deine abwechselnden Bewusstseinszustände analysierst, wirst du erkennen, dass du nach eigener direkter Erfahrung sowohl im Wachen als auch im Schlafen existierst. Du wirst ferner erkennen, dass das Gemüt nur im Wachzustand und im Traum aktiv wird. Aus diesen einfachen täglichen Erfahrungen kannst du leicht ableiten, dass das Gemüt etwas ist, was kommt und geht. Deine Existenz ist nicht jedes Mal aufgehoben, wenn das Gemüt seine Tätigkeit einstellt. Ich lege dir keine philosophische Theorie vor; ich sage dir etwas, was du alle vierundzwanzig Stunden deines Lebens aus eigener Erfahrung bestätigen kannst.

Untersuche diese Tatsachen, die du selbst direkt erfahren kannst, ein wenig genauer. Wenn das Gemüt am Morgen wieder in Erscheinung tritt, ziehe nicht gleich die übliche Folgerung: „Dies bin ich; dies sind meine Gedanken.” Beobachte stattdessen, wie diese Gedanken kommen und gehen, ohne dich in irgendeiner Weise damit zu identifizieren. Wenn du der Versuchung widerstehen kannst, alle diese Gedanken als deine eigenen zu betrachten, wirst du zu einem verblüffenden Ergebnis kommen: Du wirst entdecken, dass du das Bewusstsein bist, in dem die Gedanken auftauchen und vergehen. Du wirst entdecken, dass das so genannte Gemüt nur dann existiert, wenn man den Gedanken freien Lauf lässt. Du wirst entdecken, dass das Gemüt - genau wie die Schlange im Seil - nur eine aus Unwissenheit und falscher Wahrnehmung geborene Illusion ist.

Du wünschst dir eine Erfahrung, die dich davon überzeugt, dass wahr ist, was ich sage. Diese Erfahrung kannst du haben, wenn du deine langgehegte Gewohnheit ablegst, ein „Ich” zu erfinden, das alle Gedanken als „meine” ansieht. Sei dir bewusst, dass du dieses Bewusstsein bist, und beobachte alle Gedanken, wie sie kommen und gehen. Komme durch eigene Erfahrung zu dem Schluss, dass du in Wahrheit das Bewusstsein selbst bist und nicht dessen flüchtiger Inhalt.

Wolken ziehen am Himmel auf und ziehen vorüber, aber das Aufziehen und Entschwinden der Wolken lässt den Himmel selbst unberührt. Dein wahres Wesen ist wie der Himmel, wie der freie Raum. Bleibe einfach wie der Himmel und lass die Gedankenwolken kommen und gehen. Wenn du diesen Gleichmut gegenüber dem Gemüt entwickelst, wirst du allmählich aufhören, dich mit ihm zu identifizieren.

Frage: Als ich mit meinem Sadhana begann, ging zunächst alles sehr glatt. Ich erlebte Frieden und tiefes Glück, und Jnana schien ganz nahe. Aber heute empfinde ich vor allem die dem Gemüt entstammenden Hindernisse und so gut wie nie Frieden.

Annamalai: Wenn Hindernisse auf dem Weg auftauchen, betrachte sie stets als „nicht ich“. Erziehe dich zur richtigen Betrachtungsweise: Kein Hindernis und keine Schwierigkeit kann dein wirkliches Selbst berühren. Für das Selbst gibt es keine Hindernisse. Wenn du in Erinnerung behalten kannst, dass du immer das Selbst bist, verlieren Hindernisse ihre Bedeutung.

Einer der Alvars (Gruppe vishnuitisher Heiliger) sagte einmal, dass man sich keiner dem Gemüt entstammender Probleme bewusst ist, solange man keine geistigen Praktiken ausübt. Erst wenn man zu meditieren beginnt, bemerkt man die verschiedenen vom Gemüt verursachten Störungen. Dies ist sehr wahr. Aber man darf diese Behinderungen nicht fürchten und darf sich nicht von ihnen beirren lassen. Man sollte sie vielmehr als „nicht ich“ betrachten. Nur wenn du sie als deine Probleme ansiehst, können sie Schaden anrichten. Die hinderlichen Vasanas (Neigungen und Gewohnheiten des Gemüts) mögen dir wie ein hoher Berg erscheinen, der deinen Weg versperrt. Aber lass dir von seiner Größe keine Furcht einjagen; der Berg besteht nicht aus Fels, sondern aus Kampfer. Wenn du den Berg an einem Ende mit der Flamme unterscheidender Achtsamkeit entzündest, wird er zu nichts verbrennen.

Tritt einen Schritt zurück vor der Fülle von Problemen, weigere dich, sie als die deinen anzuerkennen - und sie werden sich vor deinen Augen auflösen

Lass dich nicht von deinen Gedanken und Vasanas beirren. Verweigere all den falschen Vorstellungen, die ständig zu dir kommen, die Annahme. Gründe in dir die feste Überzeugung, dass du das Selbst bist und dass nichts an dir haften bleiben oder dich berühren kann. Sobald du diese Gewissheit gewonnen hast, wirst du feststellen, dass du den Gewohnheiten des Gemüts ganz von allein keine Beachtung mehr schenkst. Wenn du fortwährend und spontan die Vorspiegelungen des Gemüts zurückweist, beginnst du, das Selbst zu erfahren.

Wenn du in einiger Entfernung zwei Unbekannte miteinander streiten siehst, schenkst du dem keine besondere Aufmerksamkeit, weil du weißt, dass ihr Streit dich nichts angeht. Verfahre genauso mit den Inhalten deines Gemüts. Beachte dein Gemüt überhaupt nicht, anstatt es mit Gedanken zu erfüllen und diese dann miteinander streiten zu lassen. Ruhe entspannt im Gefühl des „Ich bin“, dem eigentlichen Bewusstsein, und übe dich in der Haltung, dass alle Gedanken und Wahrnehmungen „nicht ich“ sind. Wenn du gelernt hast, dein Gemüt als einen weit entfernten Fremden zu betrachten, wirst du den vielfältigen Hindernissen, die es sich immer wieder für dich ausheckt, keine Aufmerksamkeit mehr widmen.

Vom Gemüt erzeugte Probleme nähren sich aus der Beachtung, die du ihnen schenkst. Je mehr Sorgen du dir ihretwegen machst, desto stärker werden sie. Wenn du sie ignorierst, verlieren sie ihre Macht, und schließlich verflüchtigen sie sich ganz.

Frage: Ich denke und glaube, dass es nur das Selbst gibt, aber trotzdem fühle ich, dass ich noch etwas anderes will oder brauche.

Annamalai: Wer ist es, der will? Wenn du die Antwort auf diese Frage findest, wird es niemanden mehr geben, der irgendetwas will.

Frage: Kinder werden ohne Ego geboren. Wie entsteht das Ego in ihnen und verhüllt das Selbst immer weiter, während sie aufwachsen?

Annamalai: Es mag so scheinen, als hätte ein kleines Kind kein Ego, aber das Ego mit allen seinen Vasanas ist im Keim schon vorhanden. Während das Kind heranwächst, wächst auch sein Ego. Das Ego wird von Maya (Illusion) erzeugt, die eine der Shaktis (Kräfte) des Selbst ist.

Frage: Wie wirkt Maya? Was ist ihr Ursprung? Wenn nichts als das Selbst besteht, wie kann das Selbst dann sein eigenes Wesen vor sich verbergen?

Annamalai: Das Selbst ist unendlich mächtig, es ist der Quell aller Kraft, und es ist unteilbar. Gleichwohl existieren im unteilbaren Selbst fünf Shaktis oder Kräfte mit verschiedenartigen Funktionen, die gleichzeitig wirksam sind. Die fünf Shaktis sind Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verschleierung (Maya Shakti) und Gnade. Die fünfte Shakti, Gnade, wirkt der vierten Shakti, Maya, entgegen und hebt sie auf.

Wenn Maya völlig unwirksam ist, das heißt, wenn man die Identifikation mit Körper und Gemüt aufgegeben hat, wird man des Bewusstseins, des Seins, gewahr. Und wenn man in diesem Zustand fest gegründet ist, gibt es weder Körper noch Gemüt, noch die Welt. Diese drei Dinge sind nichts als Vorstellungen, die durch das Wirken der Maya zu einer scheinbaren Existenz erwachen.

Bhagavan hat den einzig wirksamen Weg gewiesen, dem Bann der Maya zu entkommen: Man muss sich selbst erforschen und zwischen Wirklichem und Unwirklichem unterscheiden. Maya hat die Macht, uns Dinge als wirklich vorzugaukeln, die in Wahrheit nur in unserer Fantasie existieren. Wenn du fragst: „Was sind diese imaginären Dinge?“, so lautet die Antwort „Alles außer dem gestaltlosen Selbst.“ Nur das Selbst ist real, alles andere ist Produkt unserer Phantasie. Es führt nicht weiter zu untersuchen, was Maya ist und wie sie wirkt. Wenn du in einem leckgeschlagenen Boot sitzt, verschwendest du keine Zeit mit der Frage, ob ein Italiener, ein Franzose oder ein Inder das Leck verursacht hat, du reparierst es einfach. Kümmere dich nicht um den Ursprung von Maya. Wende lieber deine ganze Kraft daran, ihrem Wirken zu entkommen. Wenn du den Ursprung der Maya mit dem Verstand erforschen willst, musst du scheitern, weil jede Antwort darauf wieder nur eine Antwort der Maya sein kann. Wenn du wissen willst, wie Maya wirkt und woher sie stammt, solltest du dich fest auf den Boden des Selbst stellen, dem einzigen Ort, wo du frei von Maya bist, und dann beobachten, wie sie dich jedes Mal übermannt, sobald du deine Achtsamkeit vom Selbst abschweifen lässt.

Frage: Du bezeichnest Maya als eine der Shaktis. Was bedeutet Shakti eigentlich genau?

Annamalai: Shakti bedeutet Energie oder Kraft. Es ist eine Bezeichnung für den dynamischen Aspekt des Selbst. Shakti und Shanti (Friede) sind zwei Aspekte desselben Bewusstseins. Wenn du sie überhaupt auseinander halten willst, kannst du sagen, Shanti sei der unmanifestierte und Shakti der manifestierte Ausdruck des Selbst. Aber in Wirklichkeit sind sie nicht getrennt. Die Flamme hat zwei Eigenschaften: Helligkeit und Hitze. Die beiden sind untrennbar.

Shanti und Shakti sind wie das Meer und seine Wellen. Shanti, der unmanifestierte Aspekt, ist die unermessliche Masse des Wassers. Die sich auf der Oberfläche bewegenden Wellen sind Shakti. Shanti ist unbewegt, unermesslich und allumfassend, die Wellen dagegen sind in ständiger Bewegung.

Bhagavan sagte oft, dass der verwirklichte Mensch in unerschütterlichem Frieden lebe. Er sieht, dass Shakti alle Tätigkeit verursacht, und erkennt, dass es keine Einzelperson gibt, die irgendetwas tut. Er weiß nunmehr, dass alle Tätigkeit der Shakti dem einen Selbst entstammt. Der ganz im Frieden ruhende Jnani ist sich stets bewusst, dass Shakti nicht von ihm getrennt ist. In dieser Bewusstheit ist alles sein Selbst, und alles Handeln ist das seine. Andererseits kann man mit gleichem Recht sagen, dass er nie handelt. Dies ist eins der Paradoxe des Selbst

Das Weltall steht unter der Herrschaft der Shakti, die auch als Parameshwara Shakti (Macht des Herrn) bezeichnet wird. Sie bewegt und ordnet alles. Alle Naturgesetze, wie zum Beispiel jene, die die Planeten auf ihrer Bahn halten, sind Manifestationen dieser Shakti.

Frage: Du sagst, alles, auch Maya, sei das Selbst. Wenn das so ist, warum kann ich dann das Selbst nicht deutlich erkennen? Warum bleibt es mir verborgen?

Annamalai: Weil du in die falsche Richtung schaust. Du stellst dir vor, das Selbst sei etwas, was man sieht oder erfährt. So ist es aber nicht. Das Selbst ist die Bewusstheit, in der das Sehen und Erfahren sich abspielt.

Auch wenn du das Selbst nicht siehst, ist es da. Bhagavan sagte manchmal scherzhaft: „Die Leute schlagen eine Zeitung auf, überfliegen sie und sagen dann: „Ich habe die Zeitung durchgesehen.“ Aber in Wirklichkeit haben sie nicht die Zeitung selbst gesehen, sondern nur die Buchstaben und Fotografien darauf. Ohne das Papier der Zeitung gibt es keine Wörter oder Bilder, aber wenn man die Wörter liest, vergisst man immer das Papier.”

Bhagavan verdeutlichte mit diesem Vergleich, dass man wohl die Namen und Formen auf der Leinwand des Bewusstseins gewahrt, die Leinwand selbst jedoch übersieht. Aufgrund derartig selektiver Wahrnehmung kommt man natürlich leicht zu dem Trugschluss, alle Formen existierten unverbunden nebeneinander und seien getrennt von der Person, die sie sieht. Wäre man sich des Bewusstseins selbst bewusst statt der in ihm erscheinenden Inhalte, dann würde man erkennen, dass alle Inhalte nur Phänomene sind, die sich innerhalb des einen und unteilbaren Bewusstseins bilden.

Dieses Bewusstsein ist das Selbst, das du suchst. Du kannst dieses Bewusstsein sein, aber du kannst es nie sehen, weil es nicht außerhalb deiner existiert.

Frage: Du sprichst oft von Vasanas. Kannst du mir bitte genau sagen, was sie sind und wie sie wirken?

Annamalai: Vasanas sind Gewohnheiten des Gemüts: falsche Identifikationen und immer wieder auftauchende Gedankenmuster. Die Vasanas sind es, die die Erfahrung des Selbst verdecken. Sie treten hervor, fesseln deine Aufmerksamkeit und ziehen dich nach außen in die Welt anstatt nach innen ins Selbst. Das geschieht so häufig und kontinuierlich, dass das Gemüt nie dazu kommt, still zu werden und sein eigenes Wesen zu verstehen.

Hähne scharren gern im Boden, das ist ihre ständige Gewohnheit. Sogar wenn sie auf einem blanken Felsen stehen, versuchen sie, den Boden aufzukratzen.

Genauso wirken auch die Vasanas. Sie sind Gewohnheiten und Gedankenmuster, die immer wieder auftauchen, auch wenn sie unerwünscht sind. Die meisten unserer Vorstellungen und Ideen sind falsch. Wenn sie gewohnheitsmäßig als Vasanas in Erscheinung treten, setzen sie uns einer Gehirnwäsche aus, die uns glauben macht, sie seien wahr. Grundlegende Vasanas wie „Ich bin der Körper“ oder „Ich bin das Gemüt“ sind uns so vertraut geworden, dass wir sie ganz mechanisch für bare Münze nehmen. Selbst der Wunsch, unsere Vasanas zu transzendieren, ist eine Vasana. Wenn wir denken „Ich muss meditieren“ oder „Ich muss mich anstrengen“, lassen wir zwei unterschiedliche Vasanas einen Kampf austragen.

Frage: Bhagavan wies die Devotees oft an, „still zu sein“. Meinte er damit ein Stillwerden des Gemüts?

Annamalai: Bhagavans berühmte Aussage „Summa Iru“ (Sei still) wird oft missverstanden. Sie bedeutet nicht, man solle körperlich still sein, sondern man solle im Selbst verweilen. Wenn man körperlich zu ruhig ist, entsteht und dominiert Tamoguna (Trägheit, Stumpfheit). In diesem Zustand fühlt man sich schläfrig und dumpf. Rajoguna (übermäßige Betriebsamkeit des Gemüts) lässt dagegen heftige Gefühle und innere Unruhe aufkommen. In Sattvaguna (innere Stille und Klarheit) dominieren Frieden und Harmonie. Wenn im Zustand von Sattvaguna geistige Tätigkeit erforderlich wird, so findet sie statt, aber sonst herrscht Stille vor. Wenn dagegen Tamoguna und Rajoguna dominieren, kann man das Selbst nicht erfahren. Gewinnt Sattvaguna die Oberhand, so empfindet man Frieden, Glückseligkeit und Klarheit ohne abschweifende Gedanken. Das ist die Stille, zu der Bhagavan aufforderte.

Frage: In den „Gespräche mit Ramana Maharshi“ spricht Bhagavan von Bhoga Vasanas (Vasanas, die dem Genuss dienen) und Bandha Vasanas (Vasanas, die zur Fesselung führen). Er sagt, für den Jnani gebe es Bhoga Vasanas, aber keine Bandha Vasanas. Würde Swamiji bitte den Unterschied erklären?

Annamalai: Nichts kann den Jnani fesseln, weil sein Gemüt gestorben ist. Da sich ihm keine Gedanken ins Bewusstsein drängen, weiß er, dass er selbst Bewusstsein ist. Weil sein Gemüt tot ist, kann er sich nicht mehr mit dem Körper identifizieren; aber obwohl er weiß, dass er nicht der Körper ist, ist sein Körper objektiv noch lebendig. Der Körper bleibt am Leben, und der Jnani ist sich dessen weiterhin bewusst, bis das Karma des Körpers ausgeschöpft ist. Weil der Jnani noch ein Körperbewusstsein hat, ist er sich auch der in seinem Körper auftretenden Gedanken und Vasanas bewusst. Diese Vasanas haben jedoch keineswegs die Macht, ihn zu binden, weil er sich nie mit ihnen identifiziert, aber sie können dem Körper bestimmte Verhaltensweisen auferlegen. Obwohl sie den Jnani selbst nicht berühren, erfährt und genießt sein Körper diese Vasanas. Deshalb heißt es manchmal, für den Jnani gebe es zwar Bhoga Vasanas, aber keine Bandha Vasanas.

Die Bhoga Vasanas sind bei jedem Jnani verschieden. Manche Jnanis mögen Besitztümer ansammeln, andere leben zurückgezogen in der Stille; manche studieren die Shastras, während andere nie lesen lernen; manche mögen heiraten und Familien gründen, andere leben als Mönche im Zölibat. Die Lebensweise eines Jnani wird von seinen Bhoga Vasanas bestimmt. Der Jnani ist sich der Wirkungen dieser Vasanas bewusst, ohne sich je mit ihnen zu identifizieren. Deshalb fällt er nie wieder in Samsara zurück.

Die Vasanas entstehen aus den Gewohnheiten und dem Verhalten in früheren Leben, deshalb sind sie bei jedem Jnani unterschiedlich. Durchschnittsmenschen, die sich noch mit Körper und Gemüt identifizieren, stehen unter dem Einfluss der Vasanas; das ruft Vorlieben und Abneigungen hervor. Einige Vasanas werden aus vollem Herzen begrüßt, andere als unerwünscht zurückgewiesen. Diese Vorlieben und Abneigungen erzeugen Wünsche und Ängste, die ihrerseits zu neuem Karma führen. Solange du noch Urteile fällst, was gut und was schlecht ist, identifizierst du dich mit dem Gemüt und erzeugst neues Karma für dich, und das bedeutet, dass du wiedergeboren werden musst, um das Karma auszukosten (?).

Der Körper des Jnani führt alle ihm bestimmten Handlungen aus. Aber weil der Jnani nicht über Gut oder Schlecht urteilt und weil er keine Vorlieben und Abneigungen hat, erzeugt er kein neues Karma für sich. Er kann stiller Zeuge aller seiner Handlungen sein, ohne sich im Geringsten in sie zu verwickeln.

Für den Jnani gibt es keine Wiedergeburt, denn wenn das Gemüt einmal ausgelöscht ist, kann kein neues Karma mehr geschaffen werden. (Anmerkung: Vielleicht gibt es für niemanden eine Wiedergeburt. Wer weiß das schon?)

Frage: Ist alles, was uns im Leben geschieht, Folge unserer vergangenen Vorlieben und Abneigungen?

Annamalai: Ja. (Anmerkung: Woher weiß er das so genau?)

Frage: Wie kann man lernen, nicht zu reagieren, wenn Vasanas im Gemüt aufsteigen? Sollte man nach irgendetwas Bestimmtem Ausschau halten?

Annamalai: Du musst lernen, sie zu erkennen, sobald sie sich zeigen, das ist der einzige Weg. Wenn du sie früh und oft genug ertappst, können sie dir wenig anhaben. Willst du einem besonders gefährdeten Bereich Aufmerksamkeit schenken, dann beobachte die Wirkungsweise der fünf Sinne. Es liegt in der Natur des Gemüts, durch die fünf Sinne nach Reizen zu suchen. Das Gemüt greift Sinneseindrücke auf und verarbeitet sie so, dass lange Ketten unkontrollierter Gedanken dabei entstehen. Lerne, das Wirken deiner Sinne zu beobachten. Wenn du das Gemüt daran hindern kannst, auf Sinneseindrücke einzugehen, dann kannst du dich von vielen Vasanas befreien.

Frage: Ohne selbstloses Handeln und viel Tapas in ihren früheren Leben hätten die Jnanis Selbstverwirklichung nicht erlangen können. Wenn sie nun die Früchte aller ihrer verdienstvollen Taten aus früheren Leben ernten, müsste ihr jetziges Leben recht angenehm verlaufen. Aber in Wirklichkeit sieht es ganz anders aus: Viele werden sehr krank, und zahlreiche körperliche Beschwerden machen ihnen zu schaffen.

Annamalai: Das hat verschiedene Gründe. Manchmal schwächt die Selbstverwirklichung den Körper. Bhagavan zitterte oft am ganzen Leib. Nach dem Grund dafür befragt, sagte er manchmal: „Wenn ein Elefant in eine kleine Hütte eindringt, was geschieht dann mit der Hütte?” Der Elefant ist die Selbstverwirklichung, und die Hütte ist der Körper.

Manche Jnanis nehmen das Karma ihrer Schüler auf sich und erdulden es am eigenen Leib als Krankheit. Solche Krankheiten können nicht auf irgendwelche Ereignisse in früheren Leben des Jnanis zurückgeführt werden.

Die meisten Jnanis haben den größten Teil ihres guten und schlechten Karmas schon gelöscht, bevor sie in ihr letztes Erdenleben eintreten. Sie alle haben in früheren Leben Tapas ausgeübt. Wenn ihr letztes Leben beginnt, ist oft kaum noch etwas von ihrem Karma übrig. Nur wenige, wie zum Beispiel Vidyaranya Swami, können noch die Früchte früherer Verdienste ernten.

Vidyaranya Swami lebte vor mehreren hundert Jahren. Als er in einem seiner vorherigen Leben sehr arm und hungrig war, weihte ihn einer seiner Gurus ein und wies ihn an, seine Meditation auf Lakshmi (Göttin des Wohlstands) zu richten. Er tat dies jahrelang und hoffte, reich zu werden, aber in jenem Leben erlangte er keinen Wohlstand.

In einem seiner späteren Leben wurde er von einem Jnani eingeweiht. Er meditierte beharrlich, erlangte schließlich Selbstverwirklichung und lebte danach im Zustand völliger Wunschlosigkeit. Erst nach seiner Verwirklichung trug seine vorherige Meditation über Lakshmi Früchte.

Einige Zeit nach seiner Verwirklichung fiel Gold vom Himmel in die Stadt, wo er lebte. Vidyaranya Swami erkannte, dass dies eine Folge seiner früheren Meditationen war, aber weil er keine Wünsche mehr hatte, lag ihm auch nichts mehr daran, Geld oder Gold an sich zu bringen. Er teilte dem König mit, dass aufgrund seines früheren Tapas goldener Regen falle, und erklärte, dass er nichts von dem Gold für sich haben wolle. Der König gab bekannt, dass die Bewohner der Stadt alles Gold behalten könnten, was auf ihr Grundstück gefallen sei. Das Gold, das auf öffentliches Gelände gefallen war, behielt er für sich. Später verwendete der König seinen Anteil für den Bau neuer Tempel und Wasserreservoire.

Der König ließ das Gold, das auf die Straßen gefallen war, zu Barren umschmelzen. Um zu prüfen, ob Vidyaranya Swami wirklich wunschlos wäre, ließ er einige Goldbarren vor dessen Haus niederlegen. Aus einem Versteck wollte er mit seiner Gemahlin beobachten, was Vidyaranya Swami damit tun würde. Er kam schließlich aus seinem Haus, sah die Barren, hockte sich darauf und verrichtete seine Notdurft. Da er kein Interesse mehr an Geld hatte, war dies das einzige, wozu die Barren ihm noch nütze sein konnten.

Frage: Noch heute benützen manche Leute goldene Toiletten. Die Toilettensitze im Privatflugzeug des Schahs von Persien bestanden aus massivem Gold. Der Schah ließ sein Flugzeug bei der Flucht im Iran zurück. Als Vertreter der neuen Regierung das Flugzeug inspizierten, entdeckten sie den goldenen Sitz.

Annamalai: Immer wieder wollten Besucher Bhagavan dazu bringen, Luxusgüter zu benutzen, aber er hatte keinerlei Verlangen danach. Einmal brachte eine Dame ihm eine Samtdecke, auf der er sitzen sollte, aber er nahm sie nicht an. Die Dame flehte Bhagavan an: „Bitte, Bhagavan, nehmt meine Decke und setzt Euch darauf.”

Niemand konnte sie beschwichtigen. Nachdem sie etwa vier Stunden lang gebettelt und gefleht hatte, nahm Bhagavan ihr Geschenk an, nur um sie endlich zu beruhigen. Er setzte sich eine halbe Stunde lang auf die Decke und schickte sie dann Chinnaswami zur Aufbewahrung. Er benutzte sie nie wieder.

Ein anderer Besucher brachte ihm Sandalen aus reinem Silber und ein silbernes Bananenblatt als Essteller. Bhagavan aß einmal von dem Blatt, um dem Devotee eine Freude zu machen, und dann schenkte er die Sandalen und das Bananenblatt dem Tempel. Die Sandalen probierte er nicht einmal an. Es gab im Ashram eine Kammer, in der alle Geschenke aufbewahrt wurden, die Bhagavan erhielt. Bhagavan benutzte keines von ihnen. Ich hörte, dass Chinnaswami fast alle diese Geschenke kurz nach Bhagavans Tod an Devotees verteilte.

Ein Rechtsanwalt fragte Bhagavan einmal anlässlich der Gerichtssache mit Perumal Swami: „Habt Ihr ein Verlangen nach Geld?” Darauf antwortete Bhagavan: „Weder liebe ich es, noch hasse ich es.”

Bhagavan hatte überhaupt keine Zuneigungen und Abneigungen. Wenn wir jemanden oder etwas lieben oder hassen, entsteht eine Bindung im Gemüt. Jnanis haben keine Zuneigungen oder Abneigungen, deswegen sind sie frei von allen Fesseln.

Frage: Wie kann ich wissen, ob ich in meiner Meditation irgendwelche Fortschritte mache?

Annamalai: Wer viel meditiert, kann eine Art von verfeinertem Ego entwickeln. Er gefällt sich dann in der Vorstellung, Fortschritte zu machen; er gefällt sich in seinen angenehmen Erfahrungen von Frieden und innerem Glück; er gefällt sich darin, dass er gelernt hat, sein unstetes Gemüt bis zu einem gewissen Grad zu beherrschen, oder er findet Genugtuung darüber, dass er an einen guten Guru und an eine gute Meditationstechnik geraten ist. Alle diese Gefühle entstammen dem Ego. Wo aber dem Ego entspringende Gefühle vorherrschen, da kann sich Selbst-Bewusstheit nicht behaupten. Auch der Gedanke „Ich meditiere“ hat seinen Ursprung im Ego. In wirklicher Meditation kann dieser Gedanke nicht aufkommen.

Sorge dich nicht darum, ob du Fortschritte machst oder nicht. Meditation ist nicht auf eine bestimmte Tageszeit beschränkt und hängt nicht von einer besonderen Körperhaltung ab. Meditation ist eine Bewusstheit und eine Haltung, die den ganzen Tag hindurch erhalten bleiben muss. Wenn sie wirksam sein soll, muss die Meditation ständig weitergehen.

Wenn du ein Feld bewässern willst, hebst du einen Graben aus und leitest über längere Zeit ständig Wasser hindurch. Wenn du das Wasser nur zehn Sekunden lang fließen lässt, dann versickert es im Graben, bevor es auch nur das Feld erreicht. So kannst du auch ohne lange, beharrliche Bemühung das Selbst nicht erreichen und darin bleiben. Jedes Mal, wenn du den Versuch aufgibst oder dich ablenken lässt, geht etwas von deinen vorherigen Bemühungen verloren.

Um am Leben zu bleiben, muss man fortwährend ein- und ausatmen. Um im Selbst zu verweilen, muss man fortwährend meditieren.

Du teilst dein Leben in verschiedene Tätigkeiten auf: „Ich esse“, „Ich meditiere“, „Ich arbeite“ und so weiter. Wenn du so denkst, identifizierst du dich noch mit dem Körper. Löse dich von allen diesen Vorstellungen und vertausche sie gegen den alleinigen Gedanken „Ich bin das Selbst“ Schenke der Vorstellung, du seiest der Körper, keine Beachtung mehr

„Ich muss jetzt essen“, „Ich will jetzt schlafen gehen“, „Ich will jetzt ein Bad nehmen“: alle derartigen Gedanken kommen aus dem Gedanken „Ich bin der Körper“. Lerne, sie zu erkennen, sobald sie aufkommen, und lerne, sie zu ignorieren oder zu verneinen

Frage: Wie betreibt man Selbsterforschung richtig?

Annamalai: Bhagavan sagte: „Wenn ein Gedanke kommt, frage dich: „Wem kommt dieser Gedanke?“ Gib ihm dadurch erst gar keine Gelegenheit, sich zu entwickeln. Was macht es aus, wenn viele Gedanken aufsteigen? Ergründe ihren Ursprung, oder erforsche, wer die Gedanken hat, dann wird der Gedankenstrom früher oder später zum Stillstand kommen.”

So sollte Selbsterforschung betrieben werden.

Bhagavan erläuterte dies manchmal mit einem Vergleich: Wenn man alle Zugänge zu einer belagerten Festung planmäßig versperrt und dann die Verteidiger Mann für Mann gefangen nimmt, sobald sie herauszukommen versuchen, ist die Festung früher oder später ohne Besatzung. Bhagavan lehrte, dass wir dieselbe Taktik bei unserem Gemüt anwenden sollten. Wie ist das zu bewerkstelligen? Versiegele alle Tore des Gemüts, indem du nicht auf eindringende Gedanken oder Sinneseindrücke reagierst „Woher kommst du?“ oder „Wer ist es, der diesen Gedanken hat?“ Wenn du das permanent bei voller Aufmerksamkeit fertig bringst, kommen neue Gedanken nur noch momentan auf und vergehen sogleich wieder. Hältst du die Belagerung lange genug aufrecht, dann zeigen sich irgendwann überhaupt keine Gedanken mehr oder nur noch ein paar flüchtige Bilder an der Peripherie des Bewusstseins, die dich nicht ablenken. In diesem gedankenfreien Zustand wirst du beginnen, dich selbst als Bewusstsein zu erfahren, nicht mehr als Körper oder Gemüt.

Wenn du aber in deiner Wachsamkeit auch nur für einige Sekunden nachlässt und neuen Gedanken erlaubst, zu entkommen und sich ungehindert zu entfalten, ist die Belagerung aufgehoben, und das Gemüt gewinnt seine frühere Macht ganz oder teilweise zurück.

In einer wirklichen Festung muss die Besatzung ständig mit Wasser und Lebensmitteln versorgt werden, damit sie eine Belagerung überstehen kann. Wenn der Nachschub ausbleibt, muss die Besatzung sich ergeben oder sterben. In der Festung des Gemüts, braucht die aus Gedanken bestehende Besatzung einen Denkenden, der ihnen Aufmerksamkeit schenkt und sich ihnen überlässt. Wenn der Denkende die aufsteigenden Gedanken nicht beachtet oder sie in ihre Schranken weist, bevor sie sich überhaupt entwickeln können, verhungern sie alle. Fordere sie heraus, indem du dich immer wieder fragst: „Wer bin ich? Wer ist es, dem diese Gedanken kommen?“ Diese Kampfansage ist nur dann wirksam, wenn sie den aufsteigenden Gedanken zuvorkommt, bevor sie zu einem Strom anschwellen können.

Das Gemüt besteht lediglich aus einer Ansammlung von Gedanken sowie dem, der sie denkt. Dieser Denker ist der „Ich“-Gedanke. Er erhebt sich als erster aus dem Selbst, identifiziert sich mit allen anderen Gedanken und stellt dann fest: „Ich bin dieser Körper.“ Hast du dich durch beständige Befragung oder durch die Weigerung, ihnen Beachtung zu schenken, von allen Gedanken außer dem an den Denker befreit, so sinkt der „Ich“-Gedanke ins Herz ab. Nun wird man des Bewusstseins gewahr. Das geschieht jedoch nur, wenn der „Ich“-Gedanke wirklich aufgehört hat, sich mit den aufsteigenden Gedanken zu identifizieren. Solange noch einzelne Gedanken deine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, bleibt der „Ich“-Gedanke mehr nach außen als nach innen gewandt. Die Selbsterforschung bezweckt, den „Ich“-Gedanken ganz nach innen zu wenden. Das geschieht, wenn du aufhörst, dich mit den aufsteigenden Gedanken zu beschäftigen.

Frage: Die Selbsterforschung gilt als sehr schwierig. Sogar die meisten Devotees Bhagavans scheinen den Weg der Bhakti zu bevorzugen. Wenn man mit der Selbsterforschung nicht zurechtkommt, sollte man dann sein Gemüt zuerst durch Japa (Mantrameditation) reinigen?

Annamalai: Nein. Wenn du dich zur Selbsterforschung hingezogen fühlst, solltest du sie betreiben, auch, wenn du meinst, dass du es nicht sehr gut machst. Um dich sorgfältig und wirkungsvoll zu erforschen, musst du ausschließlich bei dieser Methode bleiben. Andere Methoden mögen ihre Vorzüge haben, aber sie taugen nicht als Vorbereitung für die Selbsterforschung. Wenn du ernstlich ein guter Violinist werden willst, nimmst du bei einem guten Lehrer Unterricht und übst, soviel du kannst, und wenn du auf Schwierigkeiten stößt, wechselst du nicht für ein paar Monate zur Klarinette über; du bleibst bei dem Instrument deiner Wahl und übst solange, bis du es ganz beherrschst. Es gibt keine bessere Vorbereitung auf die Selbsterforschung als die Selbsterforschung.

Frage: Ich bin in einige tibetische Methoden eingeführt worden, nach denen ich verschiedene Mantras und Rituals zu praktizieren habe. Soll ich damit weitermachen?

Annamalai: Das beste Mantra ist „Ich bin das Selbst; alles ist mein Selbst; alles ist eins“. Wenn du dies ständig im Bewusstsein hältst, wird sich dir das Selbst schließlich offenbaren.

Gib dich nicht mit Ritualen und anderen Methoden für den Kindergarten zufrieden, geh geradewegs auf das Selbst zu. Halte so zäh wie möglich daran fest, und lass deinen Zugriff von nichts und niemanden lockern.

Frage: Das Gemüt ist wie ein unaufhaltsamer Fluss immer in Bewegung. Meist gelange ich überhaupt nicht zum Selbst. Wie kann ich an etwas festhalten, in dessen Nähe ich nicht einmal komme?

Annamalai: Sobald das Gemüt sich erhebt, wendet es sich nach außen in die Welt. Durch Selbsterforschung kannst du es dazu bringen, sich dem Selbst zuzuwenden. Im Tiefschlaf kommt das Gemüt von allein zum Selbst, aber du bist dir dessen nicht bewusst. Durch beharrliche Selbsterforschung kann das Gemüt dazu gebracht werden, dass es sich auch im Wachzustand und im Traum spontan zum Selbst hinwendet. Zuerst ist das sehr schwierig, aber mit stetiger Übung gelingt es schließlich. Fortwährende Selbsterforschung führt das Gemüt ins Selbst zurück. Auch andere Methoden mögen zu guten Erfahrungen führen, aber diese bringen das Gemüt nicht dazu, ins Selbst zurückzukehren und darin zu verweilen.

Frage: Wie viel Meditation ist angebracht? Wie viele Stunden pro Tag?

Annamalai: Die Meditation muss kontinuierlich werden. Der meditative Bewusstseinsstrom muss dich in allen deinen Tätigkeiten begleiten. Durch Übung wirst du fähig, zugleich zu meditieren und zu arbeiten.

Frage: Ich praktiziere Japa, wie es mich ein heiliger Mann aus Bengalen gelehrt hat. Nach Bhagavans Rat versuche ich, den Ursprung des Klangs aufzuspüren.

Annamalai: Es wäre noch besser, wenn du herauszufinden versuchtest, wer Japa praktiziert.

Frage: Können Wünsche durch Meditation gelöscht werden, oder müssen sie sich zuerst erfüllen, bevor sie vergehen?

Annamalai: Alle Wünsche entstammen dem Ego, und das Ego löst sich auf, wenn man fortwährend im Selbst verweilt. Wenn du deinen Wünschen nachgibst, identifizierst du dich mit deinem Ego. Wenn du das Gemüt aber in das Selbst führst und dort hältst, identifizierst du dich mit dem Selbst. Ist das Gemüt erst einmal fest im Selbst verwurzelt, dann kommen kaum noch Wünsche auf. Die wenigen Wünsche, die sich noch zeigen, werden dir in keiner Weise hinderlich sein, weil sie keinen Impuls zum Handeln auslösen.

Frage: Empfiehlt es sich, etwas Zeit auf die Erhaltung der Gesundheit zu verwenden? Sollten wir zum Beispiel Hatha Yoga üben, um den Körper in gutem Zustand zu halten?

Annamalai: Bei schlechtem Körperzustand fällt es schwer, Sadhana auszuüben. Hatha Yoga ist eine Methode, um gesund zu bleiben. Bhagavan sagte jedoch, das Beste aller Asanas sei Nidhidhyasana, und damit meinte er das Verweilen im Selbst.

Schenke dem Körper nicht zu viel Aufmerksamkeit Man hält ihn in Ordnung, gibt ihm genug Brennstoff und repariert ihn, wenn es eine Panne hat, aber man bindet sich innerlich nicht daran. Wenn du deine Aufmerksamkeit im Selbst verweilen lassen kannst, ohne von unangenehmen Körperempfindungen abgelenkt zu werden, dann bist du gesund genug, um Sadhana auszuüben. Meditiere ernsthaft und beharrlich, dann werden dich gesundheitliche Probleme bald nicht mehr ablenken. Wenn du unerschütterlich im Selbst verweilst, spürst du den Körper und seine Beschwerden nicht mehr.

Annamalai: Bhagavan sagte einmal: „Sich selbst zu verbessern bedeutet, die ganze Welt zu verbessern.” Wenn man sich selbst ganz vervollkommnet hat, stellt man fest, dass es sonst niemand anderen zu verbessern gibt. Man wird zutiefst ruhig und friedlich und strahlt sein inneres Glück spontan auf alle Wesen aus.

Ein starkes Licht braucht der Dunkelheit nicht zu sagen: „Geh weg“ In der Gegenwart des Lichts verschwindet die Dunkelheit sofort von selbst. So verströmt auch der Jnani von innen heraus spirituelles Licht, das von selbst die Dunkelheit spirituellen Unwissens vertreibt.

Frage: Warum hat Gott die Welt so unvollkommen erschaffen? Wozu taugt eine Welt, in der alle fortwährend leiden? Warum gibt es überhaupt Dunkelheit, die der Jnani vertreiben muss?

Annamalai: Der eigentliche Sinn des Lebens liegt darin, das Wesen des Selbst zu erforschen und sich fest in ihm zu gründen.

Von allen Formen des Lebens ist das menschliche am kostbarsten, denn als Menschen besitzen wir die Fähigkeit des Fragens und Forschens, die uns ermöglicht, die wahre Natur des Selbst zu ergründen. Wir haben die kostbare Gabe einer Geburt in menschlicher Gestalt nicht erhalten, um sie mit sinnlichen Genüssen zu vergeuden, sondern damit wir unser wahres Selbst erkennen.

Tayumanuvar sang in einem seiner Lieder:

„Ich kam in diese Welt, um mein Selbst zu erkennen, vergaß aber, warum ich kam. Ich ließ mich verblenden vom Mammon und von Sinnesfreuden. Ich erlag dem Zauber der Maya, suchte die flüchtigen Freuden von Reichtum und Lust. Um dieses Netz zu durchtrennen, gab mein Guru mir Jnana als kostbares Schwert.“

Frage: Wie lange sollten wir beim Guru bleiben?

Annamalai: Bis sich das „Auge der Weisheit“ öffnet, braucht man den Kontakt mit selbstverwirklichten Sadhus, damit man sich des eigenen Selbst bewusst werden kann. Man sollte auch die Lehren des Gurus gründlich studieren und sich an sie halten.

Wenn man sich an schlechte oder weltlich gesinnte Menschen anschließt, stören deren Gedankenströme die eigene Meditation. Deshalb meidet man besser solche Gesellschaft. Man soll sie nicht hassen oder ablehnen, sondern ihnen einfach aus dem Weg gehen.

Frage: Sollte man weltliche Dinge vermeiden, bis man einen gewissen Grad von Herrschaft über das Gemüt gewonnen hat?

Annamalai: Solange der Körper lebt, braucht er Nahrung, Kleidung und Obdach. Für seine Grundbedürfnisse Geld zu verdienen ist kein Hindernis, um Jnana zu erlangen.

Frage: Manchen Menschen steht es frei, weltliche Bindungen aufzugeben, andere können das nicht. Sie müssen ständig mit weltlich gesinnten Leuten zusammenleben und arbeiten.

Annamalai: Schon vor unserer Geburt waren alle Ereignisse unseres Lebens vorherbestimmt: wo wir zu leben haben, was wir zu tun haben und so weiter. Wünsche, die nicht unserem längst vorbestimmten Prarabdha entsprechen, können sich nicht erfüllen.

Frage: Hat es dann also keinen Sinn, Pläne für die Zukunft zu machen? Ist es besser, von dem zu leben, was Tag für Tag kommt?

Annamalai: Gemäß dem eigenen Prarabdha (dem früheren Karma) weiß man, welche Bemühungen man unternehmen muss.

Frage: Dann glauben wir also nur, wir könnten uns frei entscheiden, während wir in Wirklichkeit gar keine Wahl haben.

Annamalai: Richtig Alle unsere Schwierigkeiten im Leben hat Gott uns gegeben, damit wir uns dem Selbst zuwenden.

Jemand fragte Bhagavan einmal: „Warum hat Gott bestimmt, seine Gnade nur durch Leid zu schenken? Warum hat er keinen anderen Weg gewählt?”

Bhagavan entgegnete: „Das ist sein Weg. Wer bist du, Gottes Wege in Frage zu stellen?”

Ein anderes Mal fragte ein Devotee: „Warum zeigt sich Gott mir nicht?”

Bhagavan antwortete: „Wenn er sich dir in eigener Person zeigte, würdest du ihm keine Ruhe lassen. Er zeigt sich nicht, weil er sich vor dir fürchtet. Er hat Angst, sich dir in einer sichtbaren Gestalt zu offenbaren, weil er weiß, dass du ihm dann eine lange Wunschliste überreichen würdest.”

Frage: Soll man sich wünschen, Gott zu sehen?

Annamalai: Manikkavachagar sagte in einem seiner Lieder: „Gott ist weder eine Person noch ein bestimmter Gegenstand. Und doch gibt es ohne Gott überhaupt nichts, denn er allein ist alles.” Gott zu sehen bedeutet, sein Selbst zu erkennen und dieses Selbst in allem Sein zu sehen.

Frage: Ist es also besser, nur nach dem unpersönlichen Selbst zu streben?

Annamalai: Ich hörte Bhagavan einmal zu Paul Brunton sagen: „Wenn du über das allgegenwärtige Selbst meditierst, wirst du unendliche Energie erlangen.” Alle Wesen, alle Dinge, alle Menschen in der Welt sind dein eigenes Selbst. Sie alle sind unabtrennbare Teile von dir. Wenn du alles als dein Selbst wahrnimmst, wie kannst du dann einem anderen Leid zufügen? Aus dieser klaren Sicht der Dinge weißt du, dass du alles, was du anderen zufügst, nur dir selbst zufügst.

Ein Ding einem anderen vorzuziehen ist Samsara; alles zu schätzen und zu lieben ist Weisheit. Wenn man die Erkenntnis gewinnt, dass alle Menschen das eigene Selbst sind, genießt man denselben Frieden wie im Tiefschlaf. Der einzige Unterschied liegt darin, dass man ihn hier und jetzt im Wachen erlebt.

Frage: Gibt es keinerlei Unterbrechungen in der Selbst-Bewusstheit des Jnani? Wenn er zum Beispiel in ein gutes Buch vertieft ist, ruht dann seine ganze Aufmerksamkeit dauernd auf dem Buch? Ist er sich gleichzeitig bewusst, dass er das Selbst ist?

Annamalai: Unterbrechungen in seiner Selbst-Bewusstheit würden bedeuten, dass er noch kein Jnani ist. Bevor man ununterbrochen und unwandelbar in diesem Zustand verweilen kann, muss man seine beglückende Erfahrung vielmals machen. Durch stetige Meditation bleibt er schließlich permanent erhalten.

Es ist sehr schwierig, fest im Selbst Fuß zu fassen, aber wenn es einmal erreicht ist, verweilt man mühelos darin und verliert es nie mehr. Es ist wie beim Abschuss einer Rakete ins Weltall. Es bedarf eines großen Kraftakts, sie aus dem Schwerefeld der Erde herauszubringen. Wenn die Rakete nicht schnell genug fliegt, zieht die Schwerkraft sie zur Erde zurück. Aber sobald sie dem Einfluss der Schwerkraft entkommen ist, bleibt sie schwerelos im Weltraum, ohne auf die Erde zurückzufallen.

Frage: Ich habe in vielen Berichten über Gurus und Heilige gelesen, dass sie ihren Segen geben. Ich verstehe nicht recht, was dieser Segen eigentlich ist. Lässt der Heilige eine Kraft aus sich herausströmen? Veranlasst er im Bewusstsein, dass etwas Bestimmtes geschieht? Wie geht es vor sich?

Annamalai: Einen anderen Menschen zu lieben ist ein Segen, und ihn zu hassen ist ein Fluch.

Frage: Heißt das, dass wir Segen auf uns ziehen, wenn wir einen Guru lieben? Liegt es am Karma, ob man einen Guru trifft und ihn liebt?

Annamalai: Man kommt nur dann in Kontakt mit einem Weisen, wenn das gute Karma Früchte trägt. Nur wer in vielen Leben gutes Karma angesammelt hat, bekommt die Chance, einen Weisen zu treffen und zu lieben.

Frage: Ist der Segen, den man von einem Weisen erhält, Teil des Schicksals? Kann der Weise einen Segen erteilen, der einen Teil des Karmas aufhebt oder abändert?

Annamalai: Der Segen eines Jnani verringert die Kraft des Prarabdha Karma (Karma, das man im gegenwärtigen Leben abtragen muss). Zwar verändert er das Karma nicht, aber er verringert dessen Stärke. Der Schutz eines Gurus ähnelt dem Schatten eines Baums. Wenn man aus der Sonnenhitze kommend unter einen Baum Rast macht, fühlt man sich gleich viel wohler.

Frage: Dies ist heute unsere letzte Gelegenheit, dich zu besuchen. Morgen reisen wir nach Frankreich zurück. Wir möchten dir für deine Hilfe und deinen Rat danken.

Annamalai: Wenn nach eurer Rückkehr nach Frankreich weitere Zweifel auftauchen, dann fragt euch: „Wem kommen diese Zweifel?“ Wenn ihr euch ihnen auf diese Weise entgegenstellt, werden sie bald verschwinden.

Frage: Hier, an diesem Ort, kann man das Selbst sehr klar empfinden. In Frankreich wird es schwieriger sein, damit in Verbindung zu bleiben.

Annamalai: Wenn ihr ständig in meditativer Haltung bleibt, können euch solche Zweifel gar nicht kommen.

Frage: Diese Besuche bei Annamalai Swami waren der Höhepunkt unserer Indienreise.

Annamalai: Wenn ihr daraus Nutzen gezogen habt, so ist das Bhagavans Gnade.

Frage: Wenn man die Veröffentlichungen des Ramanasramam liest, erscheint Bhagavan sehr streng und unnachgiebig. War Bhagavan so gütig zu dir wie du zu uns?

Annamalai: Verschiedene Menschen lösten bei ihm unterschiedliche Reaktionen aus. Mir gegenüber war er immer gütig und rücksichtsvoll. Aber ihr dürft Bhagavan nicht nach seinem Verhalten beurteilen. Wenn er ärgerlich wurde oder jemanden nicht beachtete, war das immer zu dessen Nutzen, Sowohl durch seinen Zorn als auch durch seine Güte übertrug er Gnade.

Frage: Körperlich existiert Bhagavan nicht mehr. Mein Verstand sagt mir wohl, dass er das überall gegenwärtige Selbst ist, aber manchmal wünsche ich mir doch, ich hätte das Glück gehabt, auch in seiner Nähe zu sitzen. Ich weiß, dass der Körper letztlich nicht wichtig ist, aber ich würde mich so glücklich und geborgen fühlen, wenn ich wüsste, dass ich immer, wenn ich ein Problem habe, zu Bhagavan gehen, mit ihm sprechen oder einfach bei ihm sitzen könnte.

Annamalai: Alles, was du siehst, ist Bhagavans Körper. Die unmittelbare Führung, nach der du dich sehnst, leuchtet durch die ganze Schöpfung und gibt ihr erst das Leben. Halte dich nicht an Bhagavans körperliche Gestalt. Der wirkliche Bhagavan ist jenseits aller Form und jenseits des Todes.

Wenn Wasser durch das Maul eines steinernen Tigers fließt, weiß jedermann, dass es nicht aus dem Tiger kommt, sondern aus der Wasserleitung. Genauso spricht Bhagavan jetzt durch jeden, der ihn kennt und der erfährt, wie er wirklich ist.

Annamalai: Wachen, Traum und Tiefschlaf sind wie ein langer Traum, der sich im Bewusstsein abspielt. Solange wir träumen, erscheint uns alles, was wir sehen, als wirklich. Aber wenn wir erwachen, verfliegt der Traum, und wir erkennen, dass alles, was so real erschien, sich nur in unserem Gemüt abspielte. Alles Wachen, Träumen und Schlafen erscheint dir wie ein Traum der vergangenen Nacht, sobald du zum wahren Bewusstsein erwachst. Du erkennst dann sofort, dass es nie wirklich war. Weil wir unser Selbst nicht kennen, träumen wir jetzt diese Welt und stellen uns vor, sie sei wirklich.

Das Leben im Wachzustand ist nichts als ein langer Traum, der unsere Aufmerksamkeit von dem fernhält, was wir wirklich sind. Wenn du nie vergisst, dass alles, was in der Welt geschieht, Traumgeschehnisse sind, bleibt dein Gemüt gelassen. Nur wenn du die geträumte Welt für wirklich nimmst, wird es aufgewühlt.

Frage: Ich empfinde schon lange sehr stark, dass das Leben ein Traum ist, aber ich habe das noch nicht wirklich erfahren.

Annamalai: Wenn du wirklich glaubtest, es sei ein Traum, könnte dir nichts in der Welt Sorgen bereiten. Hast du aber noch Sorgen und Schwierigkeiten, zum Beispiel, weil du das Traumhafte der Welt noch nicht erlebt hast, dann heißt das, dass du noch nicht vollständig aufgehört hast, dich mit deinen flüchtigen Bewusstseinsinhalten zu identifizieren.

Du solltest dich fragen: „Wer hat die Welt als Traumgebilde noch nicht erlebt?“

Das wahre „Ich“ identifiziert sich nicht mit dem Traum. Wenn du dein wahres Selbst nicht vergisst, berühren Wachen, Traum und Schlaf dich keineswegs. Die Dinge in deiner Umgebung verändern sich immerfort, aber was wir wirklich sind, bleibt unwandelbar.

Reines Sein, das „Ich bin“ ohne jede besondere Aussage oder Eigenschaft, ist allen eigen. Niemand kann seine eigene Existenz in Frage stellen. In diesem “Ich bin“ bestehen keine Grenzen, aber wenn wir es fälschlich mit dem Körper oder dem Gemüt identifizieren und uns eine begrenzte Identität erschaffen, dann beginnt das Leiden.

Nur wer als Mensch geboren ist, erlebt Wachen, Traum sowie Schlaf und fühlt, dass es darüber hinaus noch etwas gibt, was erfahren und gelebt werden kann.

Wenn wir aus einem Traum erwachen, verfliegt der Traum, und wir befinden uns im Wachzustand; schlafen wir wieder ein, so löst sich die ganze Welt auf. Die Beobachtung dieser drei Zustände zeigt uns, dass es in ihrem Wesen liegt, zu kommen und zu gehen. Wenn wir weiterforschen und die Natur dessen, was wir Gemüt nennen, sorgfältig untersuchen, kommen wir zu der direkten Erfahrung, dass wir in Wahrheit nichts als Bewusstsein sind. Sobald wir uns nicht mehr mit Körper und Gemüt identifizieren, geht uns auf, dass dieses reine Bewusstsein von .allen Veränderungen und Geschehnissen unberührt bleibt, die in ihm stattzufinden scheinen.

Der einzige Zweck des Lebens ist, in diesem reinen Bewusstsein zu leben. Wir müssen lernen, in Turiya zu verweilen, dem vierten und ursprünglichen Bewusstseinszustand, dem stillen Beobachter der drei anderen Zustände.

Jede Form von Sadhana ohne das klare Verständnis, dass ein individuelles Selbst nicht existiert, ist nur ein Sichgehenlassen, eine Art spirituellen Zeitvertreibs, in dem das illusorische „Ich“ mit sich selbst spielt.

Tayamunavar sagte einmal: „Wozu alle diese Maha Yogas (große Yogas)? Sie alle sind Maya.”

Wenn du zu meditieren versuchst, ohne zu wissen, dass dein wahres Wesen das Selbst und nur das Selbst ist, führt dich dein Meditieren nur tiefer in die Sklaverei des Gemüts.

Bhagavan sagte einmal: „Um das Gemüt im Selbst zu halten, brauchst du nichts weiter zu tun, als still zu sein.”

Um das Selbst zu verwirklichen, ist es nur nötig, still zu sein. Höre einfach auf, dich mit dem Gemüt zu identifizieren, und halte dich an das Selbst, das genügt. Sei still und kultiviere das Bewusstsein „Ich bin das Selbst, das Selbst ist alles“. Was soll an einer so einfachen Übung wie dieser schwierig sein?

Frage: Das Gemüt will Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es will sich immerfort um sich selbst drehen. Ich kam zu dir, weil ich dachte, du könntest mir helfen, meine umherstreunenden Gedanken ein wenig unter Kontrolle zu bringen.

Annamalai: „Wer kam hierher, um Hilfe zu finden?“ Finde heraus, wer diese Person ist. Nimm nicht ungeprüft an, dass sie existiere und Hilfe bei ihren Problemen benötige, denn wenn du so denkst, werden sich deine Probleme nicht verringern, sondern vermehren.

Die Identifikation mit Körper und Gemüt führt zur Unkenntnis des Selbst - und so wird das Ego geboren. Ablösung und Ungebundenheit von Körper und Gemüt dagegen lassen das Ego erlöschen.

Bhagavan sagte mir einmal: „Wer das Selbst begrenzt, indem er sich für einen Körper und ein Gemüt hält, hat sein eigenes Selbst getötet. Für diesen Mord am Selbst verdient er Strafe. Die Strafe besteht in Geburt und Tod und fortdauerndem Leiden.”

Frage: Endet das Leiden erst mit dem Prarabdha Karma, oder können wir sein Ende durch eigene Bemühung beschleunigen?

Annamalai: Das Leiden ist durch kein anderes Mittel als Selbstverwirklichung zu beenden.

Frage: Kann das jederzeit geschehen?

Annamalai: Du bist bereits hier und jetzt das Selbst. Du brauchst keine Zeit, um das Selbst zu verwirklichen. Du brauchst nichts als rechtes Verständnis. Jeder Augenblick, in dem du dich mit Körper und Gemüt identifizierst, führt dich in Richtung Ego und Unglück. Sobald du diese Identifikation aufgibst, gehst du auf dein wirkliches Selbst und auf das Glück zu.

Frage: Wir sind gewohnt, Unterscheidungen zu machen. Du sagst uns: „Meditiere über das Thema „Ich bin das Selbst“.“ Wenn ich aber das Gefühl „Ich bin das Selbst“ hervorzurufen versuche, ist es nicht das echte Selbst, sondern nur wieder eine Vorstellung des Gemüts. Kann es mir wirklich helfen, über diese Vorstellung nachzudenken?

Annamalai: Wenn ich sage: „Meditiere über das Selbst”, so fordere ich dich damit auf, das Selbst zu sein, nicht darüber nachzudenken. Nimm wahr, was bleibt, wenn das Denken zur Ruhe kommt. Sei dieses Bewusstsein. Fühle, dass dies dein wahres Wesen ist. Wenn du das tust, meditierst du über das Selbst. Aber wenn du dich nicht in diesem Bewusstsein halten kannst, weil deine Vasanas zu stark und aktiv sind, ist es hilfreich, an dem Gedanken „Ich bin das Selbst; ich bin alles“ festzuhalten. Bei dieser Meditation arbeitest du nicht mit den Vasanas zusammen, die deiner Selbst-Bewusstheit im Wege stehen, und wenn du mit deinen Vasanas nicht kooperierst, müssen sie dich früher oder später verlassen.

Wenn diese Methode dir nicht zusagt, dann betrachte einfach das Gemüt mit voller Achtsamkeit. Betrachte, wie sich ein Gedanke an den anderen knüpft und wie dieses Gespenst, das sich Gemüt nennt, alle Gedanken an sich reißt und behauptet: „Dies ist mein Gedanke.“ Beobachte das Vorgehen des Gemüts, ohne dich in irgendeiner Weise damit zu identifizieren. Wenn du dem Gemüt deine volle, aber distanzierte Aufmerksamkeit schenkst, wird dir aufgehen, wie unfruchtbar seine ganze Betriebsamkeit ist. Betrachte, wie das Gemüt umherwandert wie es nutzlose Dinge und Ideen aufgreift, die ihm letztlich nur selbst Leid bringen. Die Beobachtung des Gemüts gibt uns Einblick in dessen innere Vorgänge. Sie spornt uns an, Distanz zu allen unseren Gedanken zu wahren, und wenn wir uns ernsthaft genug bemühen, befähigt sie uns, unberührt von flüchtigen Gedanken in reinem Bewusstsein zu verweilen.

Frage: Ist es besser, allein oder gemeinsam mit anderen zu meditieren?

Annamalai: Wenn ein Wahrheitssucher ständig in Gesellschaft weltlich gesinnter Leute ist, die sich mit Körper und Gemüt identifizieren, beeinflussen ihn deren Gedankenströme. Die Unwissenheit über das Selbst kann ansteckend wirken. Schließe dich nicht solchen Leuten an. Meditiere allein oder mit Menschen, die gleichfalls danach streben, sich aus den Bindungen ihres Gemüts zu lösen.

Frage: Dies ist, glaube ich, ein sehr hilfreicher Rat. Aber im Westen ist es schwer, Gleichgesinnte zur gemeinsamen Meditation zu finden. Spirituellen Menschen begegnet man selten.

Annamalai: Vielleicht ist das so, aber wenn du unbeirrt und stetig meditierst, kann niemand dich dabei stören. Wenn es unser Los ist, mit unspirituellen Menschen zusammenzuleben, sollten wir äußerlich handeln wie sie, aber innerlich sollte unsere ganze Aufmerksamkeit zum Selbst fließen.

Frage: Dies ist eine ganz neue Lebensweise.

Annamalai: Dies ist wirkliches Leben, jedes andere Leben ist Maya. Nimm Maya nicht für wirklich „Durch Shivas Gnade messe ich Maya in diesem Leben keine Wirklichkeit bei.”

Frage: Wir sind so sehr an Maya gewöhnt, dass es für uns schwer ist, Fortschritte zu machen.

Annamalai: Frage dich wieder: „Für wen ist es schwer?” Gestehe der Ursache aller deiner Schwierigkeiten keine Wirklichkeit zu.

Frage: Haben wir nichts anderes in der Welt zu leisten als unser eigenes Selbst zu erkennen? Ist es nicht auch unsere Pflicht, den Mitmenschen ein wenig Liebe und Mitgefühl zu schenken?

Annamalai: Wenn du dein Selbst findest, kannst du der ganzen Welt Liebe und Mitgefühl schenken. Sie strömen dann spontan aus deinem Herzen. Die Sonne ist voller Licht, mit dem sie die ganze Welt bestrahlt. Wenn du durch Selbstverwirklichung von spirituellem Licht erfüllt bist, fließt dieses Licht nach allen Seiten über, und dieses Überströmen deines Selbst bedeutet Liebe und Mitgefühl für die ganze Welt. Man kann sich bemühen, für andere Gutes zu tun, aber solange man sich selbst nicht kennt, wird wenig wirklich Gutes dabei herauskommen. Wie kann ein Blinder anderen helfen?

Frage: Ich verstehe, was du sagst: dass wir nicht der Körper oder das Gemüt sind, und dass wir diese Wahrheit immer tiefer erfahren müssen. Aber wir müssen uns um Körper und Gemüt kümmern, und wir müssen etwas in der Welt tun. Wir können nicht immer nur sitzen und meditieren. Wenn wir das täten, fielen wir anderen zur Last.

Annamalai: Wir müssen uns um den Körper kümmern, indem wir ihm Nahrung, Kleidung und Obdach geben. Das ist notwendig, weil die Reise zum Selbst nur mit einem gesunden Körper einfach vonstatten geht. Wenn ein Schiff sich in gutem Zustand befindet, kann man leicht damit auf Reisen gehen. Aber wir sollten nicht vergessen, zu welchem Zweck wir diesen Körper erhalten haben. Wir dürfen uns nicht auf Nebengeleise locken lassen, indem wir zuviel über die Gesundheit nachdenken oder uns über die Probleme anderer Menschen den Kopf zerbrechen. Unser Lebenszweck ist die Selbstverwirklichung. Es ist nicht schwer, ein bisschen Nahrung und eine geeignete Stelle zum Leben und Meditieren zu finden. Sobald wir das erreicht haben, brauchen wir uns nicht weiter für die Welt und ihre Probleme zu interessieren.

Frage: Die Menschen in diesem Land scheinen viele verschiedene Götter anzubeten. Wer sind alle diese verschiedenen Gottheiten, und warum sind so viele nötig?

Annamalai: Es gibt nur einen Gott, aber er hat viele verschiedene Erscheinungsformen. Wenn er die Welt erschafft, nennt man ihn Brahma, wenn er sie erhält und beschützt, heißt er Vishnu, und wenn er sie wieder auflöst, nennt man ihn Shiva. Es verhält sich wie mit den verschiedenen Funktionen der Regierung oder des Körpers. Es gibt etliche Organe, die vielfältige Aufgaben haben, aber der Körper ist ein Ganzes.

Frage: Gestern ging ich zum Skandashram. Als ich dort saß, kamen mir ohne jeden Grund die Tränen. Ich weinte und weinte. Warum, ist mir ein Rätsel.

Annamalai: Mir ist dereinst etwas Ähnliches passiert. Als ich sehr jung war, kam ich einmal in die Stadt und in den Tempel, wo Manikkavachagar seine erste Vision von Shiva hatte. Als ich in dem Tempel saß, strömten mir die Tränen übers Gesicht. Solche Tränen sind oft ein Zeichen der Gnade. Tränen, die du für Gott anstatt um irdischer Dinge willen vergießt, reinigen Herz und Gemüt. Wenn du dich so heftig nach Gott sehnst, dass du weinst, während du zu ihm rufst, wird er sich dir ganz gewiss zeigen. Wenn ein kleines Kind weint, kommt seine Mutter und stillt es. Sobald ein Devotee weint, weil er nach Gnade dürstet, sendet Gott die Gnade, die seinen Durst stillt.

Frage: Ich wiederhole das Mantra Om Namo Bhagavate Shri Ramanaya (Om. Ich verbeuge mich vor Bhagavan Shri Ramana). Außerdem praktiziere ich Zen-Meditation. Sollte ich mit beidem fortfahren?

Annamalai: Ohne Guru Bhakti gibt es auch kein Jnana, aber anstatt nur Bhagavans Namen zu wiederholen, solltest du auch seine Lehren befolgen. Das beste Tapas ist, den vom Guru gewiesenen Weg zu beschreiten. Wenn du Bhagavans Lehren verstehst und anwendest, indem du stets im Selbst verweilst, wirst du eins mit Bhagavan. Das ist echte Guru Bhakti. Im Vivekachudamani heißt es: „Unter den Millionen von Wegen, auf denen Selbstverwirklichung erlangt werden kann, ist Bhakti der beste.“ Shankara fährt dann aber fort und definiert Bhakti folgendermaßen: „Höchste Bhakti ist stetige Hingabe an das Selbst, bei der man immer im Selbst verweilt.“

Frage: Viele Menschen haben den Drang, etwas anzubeten, was außerhalb ihrer selbst liegt. Sie fühlen sich nicht so sehr zum Selbst hingezogen, sondern wollen lieber einen äußeren Guru oder Gott verehren.

Annamalai: Die Verehrung eines persönlichen Gottes oder Gurus ist solange hilfreich, wie man noch nicht reif ist, die überpersönliche Wirklichkeit zu erkennen. Äußere Formen sind nur Wegweiser, die auf die unmanifestierte Wirklichkeit deuten.

Wenn du jemanden auf einen bestimmten Stern aufmerksam machen willst, sagst du zum Beispiel: „Siehst du das Blatt dort auf dem Baum? Der Stern ist gleich links daneben.“

Das Blatt ist nur ein Zeichen, das dir hilft, die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was du wirklich sehen willst. Auch die Person des Gurus dient als ein solcher Wegweiser. Er lebt in physischer Gestalt, um uns ständig daran zu erinnern, dass wir unsere Aufmerksamkeit stets auf die gestaltlose Wirklichkeit richten sollen.

Frage: Ich folge dem Weg der Gottesliebe und Hingabe. Ich führe gern Puja und andere Rituale aus, weil sie mir helfen, mich auf Gott auszurichten. Ist es recht, unsere Vorstellung von Gott auf eine bestimmte Form zu beschränken?

Annamalai: Pujas und die vielfältigen Aspekte Gottes sind für Menschen mit weltlichen Wünschen. Da Gott in allen Formen gegenwärtig ist, verehrt man ihn am besten in ebendiesen Formen. Das ganze Universum ist eine Manifestation Gottes. Wenn du alle Wesen in der Welt gleichermaßen lieben kannst, dann vollführst du die erhabenste und größte Puja.

Frage: Ich versuche, mich dem Guru hinzugeben. Wie kann ich sicher sein, ob es mir gelingt? „Ich gebe mich hin“ ist leicht gesagt, aber das sind nur Worte und kein Beweis für wirkliche Hingabe. Ich glaube, dass ich mit meinen geistigen Bemühungen schon etwas erreicht habe, aber wie kann ich Gewissheit erlangen?

Annamalai: Wenn du dich dem Guru wirklich hingegeben hast, siehst du ihn in allem, was existiert. Wohin du auch schaust, siehst du nichts als den Guru. Wenn dein Gemüt unstet ist, so zeigt dies, dass du dich noch nicht vollkommen hingegeben hast. Dein Guru kann ganz verschiedene Formen annehmen. Wenn es dir bestimmt ist, an verschiedenen Orten zu leben, kann er in Gestalt verschiedener Heiliger erscheinen. Aber auch dann bleibt er ein einziger Guru, denn der Guru ist das unpersönliche Selbst. Du musst lernen, den Guru in allen Dingen zu erkennen, du musst lernen, ihn überall zu sehen.

Kunju Swami besuchte einmal den Quilon Math. Bei seiner Rückkehr berichtete er Bhagavan, dass er vor dem Guru des Math Namaskaram ausgeführt habe.

Bhagavan antwortete ihm: „Warum beschränkst du Bhagavan auf diese Form? Es gibt nur einen Guru, nicht viele.”

Seshadri Swami wurde einmal beobachtet, als er einen Esel mit Namaskaram grüßte. Nach dem Grund befragt, erklärte er: „Dies ist kein Esel, sondern Brahman.”

Bei anderer Gelegenheit fragte ihn jemand, warum er einen Büffel anstarre, und erhielt die Antwort: „Ich sehe keinen Büffel, ich sehe nur Brahman.”

Frage: Manchmal sehen Devotees Gott in körperlicher Gestalt. Ist eine solche Erscheinung Gottes real oder nur Einbildung?

Annamalai: Wenn du Namen und Formen siehst, dann siehst du die Auswüchse deiner Einbildung; wenn du nichts als das Selbst wahrnimmst, siehst du die Wirklichkeit.

Namdev und Tukaram waren große Verehrer Krishnas. Sie dachten so intensiv an ihn, dass er ihnen oft erschien und mit ihnen sprach. Ich fragte Bhagavan einmal: „Wie sahen diese Heiligen Krishna? War die Gestalt, in der sie ihn schauten, real?”

Bhagavan antwortete: „Wie sie ihn sahen? Genauso wie ich dich sehe und du mich. Sie haben einen Körper gesehen, so wie gewöhnliche Menschen gewöhnliche Körper sehen.”

Diese Worte machten einen so starken Eindruck auf mich, dass ich augenblicklich in einen Zustand ekstatischer Glückseligkeit eintrat.

Wenn Devotees Bhagavan mitteilten, dass sie Visionen von Rama oder Krishna hatten, antwortete er manchmal: „Ach, wirklich? Und wo ist Rama jetzt?”

Wenn der Devotee dann zugab, dass er den Rama seiner Vision nicht mehr sehen könne, sagte Bhagavan: „Visionen kommen und gehen, sie sind nicht von Dauer. Finde heraus, wer die Vision hat.”

Das gestaltlose Selbst ist die einzige Wirklichkeit, es ist die wahre Natur Gottes. In seiner wahren Gestalt zeigt und entzieht sich Gott nie; er ist immer gegenwärtig. Wenn du deine Aufmerksamkeit dem Selbst zuwendest und sie dort verweilen lässt, wirst du ihn erleben, wie er wirklich ist.

Frage: Swami, manchmal empfinde ich überwältigende Gnade und bin außerordentlich glücklich, aber dieser Zustand hält immer nur wenige Tage an und vergeht dann wieder. Wie kommt das?

Annamalai: Wenn du dir der Gnade nicht dauerhaft bewusst bist, so zeigt das, dass deine Hingabe noch nicht vollkommen ist. Nimm deine Schwierigkeiten nicht so ernst, mache dir ihretwegen keine Sorgen. Trenne dich von allen deinen Problemen und lege sie in Bhagavans Hände. Übe dich darin, sie nicht als deine, sondern als Gottes Probleme zu betrachten

Wenn du dich Bhagavan hingibst, darfst du dich nicht mehr um deine Probleme und Bedürfnisse sorgen. Vertraue darauf, dass Bhagavan sich um alles kümmern wird Wenn du feststellst, dass du dir weiterhin Sorgen machst, hast du dich noch nicht gänzlich hingegeben.

Tayumanuvar bat Shiva einmal um eine Gnade:

Der du alle Sorgen der Welt auf dich nahmst, nimm auch mir bitte meine Sorgen ab. Befreie mich von dem Gefühl, ich sei der Handelnde. Du allein handelst; hinter allem, was ich tue, stehst du als wahrer Handelnder.

Ergib dich ganz und gar und akzeptiere alles, was dir und der Welt geschieht, als Gottes Willen

Frage: Wie kann man zwischen Handlungen, die dem Willen Gottes entstammen, und Handlungen, die dem Ego entstammen, unterscheiden?

Annamalai: Das ist sehr einfach. Wenn die Hingabe total ist, ist alles Gott. Alles, was geschieht, ist dann sein Handeln. In diesem Zustand herrschen Friede, Harmonie und Gedankenstille vor. Bis diese Stufe erreicht ist, entstammt alles Handeln dem Ego.

Frage: Du sprichst viel von Bemühung, aber wenig von Gnade. Spielt die Gnade für dich eine geringere Rolle?

Annamalai: Gnade ist wichtig, sogar wesentlich. Sie ist noch wichtiger als die eigene Bemühung. Sowohl Bemühung als auch Gnade sind zur Selbstverwirklichung erforderlich. Wenn man sich stetig darum bemüht, im Selbst zu verweilen, dann empfängt man die Gnade des Gurus im Überfluss. Die Gnade strömt nicht nur von der Person des eigenen Gurus aus; wenn du ernsthaft meditierst, reagieren alle Jivanmuktas (alle zu Lebzeiten Befreite) der Gegenwart und Vergangenheit wohlwollend auf deine Bemühungen und senden dir ihren lichtvollen Segen.

Frage: Muss man sich heftig nach Selbstverwirklichung sehnen, wenn man ernsthaft Sadhana ausüben will, oder sollte man auch diesem Verlangen entsagen und einfach bei der Meditation bleiben?

Annamalai: Als Narada einmal nach Vaikuntha unterwegs war, traf er zwei Sadhus, die ein asketisches und meditatives Leben führten. Sie fragten ihn, wohin er gehe, und er antwortete: „Nach Vaikuntha.” Die beiden wollten wissen, welche Fortschritte sie mit ihrem Tapas machten, und so baten sie Narada, Vishnu zu fragen, wann sie Befreiung erlangen würden. Narada ging nach Vaikuntha und kam von dort mit der gewünschten Auskunft zurück.

Dem ersten Sadhu teilte er mit: „Du bist dem Ziel schon sehr nahe. Nach fünf weiteren Inkarnationen erlangst du die Befreiung.”

Der Sadhu war über diese Prophezeiung ziemlich verärgert; er hielt sich für schon beinahe erleuchtet. „Seit meiner Geburt übe ich mich in Tapas”, erwiderte er, „und ich weiß, dass ich schon in früheren Leben Tapas geübt habe. Warum muss ich noch fünf Leben lang warten? Die Voraussage kann nicht stimmen.”

Narada sagte zu dem zweiten Sadhu: „Du hast unter diesem Tamarindenbaum Tapas geübt. Auch du wirst schließlich Befreiung erlangen, aber vorher musst du noch so viele Male geboren werden, wie Blätter an diesem Baum sind.”

Der zweite Sadhu freute sich sehr über diese Auskunft. „Moksha ist mir gewiss”, rief er aus. „Ich werde sie eines Tages erlangen. Vishnu selbst hat es mir versprochen.”

In diesem Moment erhob sich ein kräftiger Wind und fegte alle Blätter vom Baum. Als das letzte Blatt den Boden berührte, erlangte er Verwirklichung.

Der geduldige und zufriedene Sadhu zeigte wahre Hingabe. Der andere erwies sich durch seine Ungeduld und Unzufriedenheit als unreif. Wenn du dich Gott wirklich ergeben hast, bittest du ihn nicht um Verwirklichung. Du bist zufrieden mit dem, was er dir gibt.

Frage: Es scheint sehr lange zu dauern, viele Erdenleben, bis man das Selbst verwirklicht. An Selbstverwirklichung kann ich nur als an ein Ereignis in ferner Zukunft denken.

Annamalai: Du brauchst nicht Hunderte von Leben, um das Selbst zu verwirklichen. Du brauchst in Wahrheit überhaupt keine Zeit dafür. Deine Vorstellung von der Zeit gehört zu den Dingen, die dich in Fesseln schlagen. Zeitvorstellung ist eine Eigenheit des Gemüts. Befreiung kommt nicht nach einer bestimmten Zeit, denn im Selbst gibt es keine Zeit. Die Befreiung tritt ein, wenn du vollkommen verstehst und erfährst, dass es niemanden gibt, der befreit werden müsste. Dieses Verständnis und diese Erfahrung können aber nur eintreten, wenn das Gemüt mit seinen ihm eigenen Zeitvorstellungen still geworden ist. Wenn du an die Zeit denkst und dir darüber Sorgen machst, wie lange es bis zur Selbstverwirklichung noch dauern wird, dann richtest du deine Aufmerksamkeit nicht auf das Selbst, sondern auf das Gemüt. Fortschritte kannst du aber nur machen, solange du dich auf das Selbst ausrichtest.

Frage: Du sagst oft, Satsang sei wichtig. Kann ich Satsang mit Bhagavan haben, auch wenn er jetzt nicht mehr lebt? Ich frage danach, weil ich einmal in der Schweiz eine starke Erfahrung seiner Gegenwart hatte. Damals war Bhagavan schon viele Jahre tot.

Annamalai: Bhagavan ist zu allen Zeiten und an allen Orten gegenwärtig. Weil er kein bestimmter Körper ist, sondern das Selbst, spielt es kaum eine Rolle, dass der Körper, den wir als Bhagavan ansahen, nun nicht mehr lebt. Radiowellen können überall empfangen werden. Wenn du dich auf Bhagavans Wellenlänge einstellst, das heißt, wenn du im Selbst verweilst, kannst du wahrnehmen, wie er seine Gnade überallhin aussendet, wo du bist.

Du bist nie von Bhagavan getrennt. Jedes Atom in der materiellen Welt ist Bhagavan. Jede Handlung wird allein von Bhagavan ausgeführt. Jedes Wesen, jede Form, ist Bhagavans Form. Wenn du dich ganz auf Bhagavan eingestellt hast, erfährst du Klarheit, Frieden und innere Führung, wo immer du bist.

Frage: Ich bin überzeugt, dass ich bin, aber ich weiß nicht, was ich bin. Intellektuell weiß ich, dass ich das Selbst bin, aber die direkte Erfahrung fehlt mir. Ich muss mich noch sehr bemühen.

Annamalai: Um das Selbst zu erfahren, musst du tief in das Bewusstsein des „Ich bin“ eintauchen.

Frage: Du meinst, ich solle das Gemüt dort festhalten?

Annamalai: Richtig. Wenn du das Seil als Seil siehst, ist keine Schlange da, und du weißt, dass nie eine Schlange da war.

Gib die Vorstellung auf, du seiest ein Körper und ein Gemüt, dann leuchtet die Wirklichkeit von selbst auf. Wenn du dich in diesem Zustand festigst, kannst du sehen, dass das Gemüt nirgendwohin verschwunden ist; du erkennst vielmehr, dass es in Wahrheit nie existierte. „Das Gemüt im Selbst festzuhalten“ bedeutet zu verstehen, dass es nie vorhanden war.

Frage: Wie kann man aus dem fortdauernden Körperbewusstsein erwachen? Bedarf es nicht eines Körpers, damit Bewusstsein sich manifestieren kann?

Annamalai: Wenn du beständig darüber meditierst, dass du selbst in Wahrheit das Bewusstsein bist, in dem alle Formen und Erscheinungen auftauchen und vergehen, so ist diese Meditation die Tätigkeit eines sattvigen Gemüts. Dabei lösen sich Tamas (Trägheit) und Rajas (innere Unruhe) auf, von denen die Wirklichkeit verhüllt wird.

Der menschliche Körper ist das einzige Gebilde, in dem sich das unmanifeste Selbst unschwer verwirklichen lässt. Mit Körper und Gemüt können wir die Wirklichkeit erforschen und erkennen, die von Körper und Gemüt unberührt bleibt. Mit einem guten Auto können wir schnell reisen und unser Ziel erreichen. Wir wissen, dass das Auto nicht der Fahrer ist. Der Fahrer sitzt im Wagen. Wir sollten den Körper wie einen Wagen ansehen. Wir dürfen nicht denken: „Ich bin der Körper“, sondern: „Der Körper ist ein nützliches Gefährt. Wenn ich es pflege und ihm den richtigen Treibstoff gebe, wird es mich an mein Ziel bringen.“

Frage: Ganz gleich, wie still ich werde oder wie still mein Gemüt ist, ich kann die Welt nie als unteilbares Ganzes sehen. Auch wenn mein Gemüt völlig still ist, sehe ich eine Welt voneinander getrennter Gegenstände, sobald ich die Augen öffne.

Annamalai: Wenn derjenige, der sieht, verschwindet, vergeht mit ihm auch die Welt der Vielfalt. Wenn der Sehende sich als Person auflöst, sieht er keine Einheit und Unteilbarkeit, er ist diese Einheit. Du kannst das Selbst oder das Brahman nie sehen, du kannst es nur sein.

Sämtliche Perlen einer Halskette sind innen von einer Schnur durchzogen. Ähnlich ist es auch mit dem Bewusstsein, das sich in allen Formen, in allen Körpern offenbart. Aber das sehen wir nicht. Wir denken: „Ich bin diese eine Perle. Alle anderen Perlen sind demnach von mir verschieden.“ Mit dieser Denkweise ignorieren wir absichtlich den gemeinsamen Faden, der alles miteinander verbindet. Wenn wir die einzelnen Perlen genau betrachten, mögen sie sehr verschieden erscheinen, aber sie alle sind von einem einzigen Faden durchzogen. Der „Faden“, der das Universum zusammenhält und zu einer einzigen Wesenheit verbindet, ist dein eigenes Selbst. Die Körper erscheinen äußerlich verschieden, aber das Bewusstsein, das sie belebt, ist in allen ein und dasselbe.

Dieser Vergleich stimmt nicht genau, denn vom Standpunkt des Selbst aus gibt es keinen Unterschied zwischen den Perlen und der Schnur. Sie alle sind die eine Wirklichkeit, und Körper, Gemüt und Welt sind Manifestationen dieser Wirklichkeit.

Wir alle machen einen großen Fehler: Wir halten Körper und Gemüt für das Selbst und bemerken das ihnen innewohnende unbegrenzte Bewusstsein nicht, das wir in Wahrheit sind. Der Jnani weiß, dass alle Körper, Gemüter und die ganze Welt in seinem eigenen Selbst existieren. Aber wer die Wahrheit seines Selbst noch nicht erkannt hat, sieht sich und andere als verschiedene Wesen. In seinem Leben dominiert Verschiedenheit.

Frage: Wir sind so sehr daran gewöhnt, die Verschiedenheit wahrzunehmen, dass es unmöglich ist, damit aufzuhören.

Annamalai: Die Gewohnheit, Verschiedenheit zu sehen und Unterscheidungen zu treffen, können wir nur aufgeben, wenn wir das Selbst verwirklichen. Solange wir auf der Ebene des Körperbewusstseins bleiben, ist es uns unmöglich, sie abzulegen. Geht also an die Quelle aller Erscheinungen. Dort gibt es keine Unterschiede.

Tapas, Samadhi, Dhyana (Meditation), Nishtha (im Selbst als das Selbst zu verweilen): alle diese Begriffe bedeuten, die Identifikation mit Körper und Gemüt aufzugeben.

Spirituell Suchende haben eine seltsame Angewohnheit: Sie halten immer Ausschau nach einem Weg, das Selbst zu erreichen, zu erlangen, zu entdecken, zu erfahren, zu verwirklichen. Sie probieren alles Mögliche aus, weil sie nicht verstehen, dass sie bereits das Selbst sind. Es ist, als liefen sie umher und suchten mit eigenen Augen ihre Augen.

Warum meint ihr, ihr müsstet eine neue Erfahrung machen? Ihr seid bereits das Selbst, und dessen seid ihr euch, auch jetzt schon bewusst. Braucht ihr eine neue Erfahrung, um sicher zu sein, dass ihr existiert? Das Gefühl „Ich bin“ ist das Selbst. Ihr gebt vor, dies nicht zu erfahren, oder ihr verdeckt es mit tausend falschen Vorstellungen, und dann rennt ihr ihm nach und sucht es, als wäre es etwas Äußeres, das man finden und erreichen könnte. Über einen solchen Sucher gibt es eine Geschichte:

Ein König bildete sich einmal ein, er sei ein bettelarmer Bauer. Er dachte: „Wenn ich zum König gehe, kann er mir vielleicht mit etwas Geld helfen.“

Er suchte den König an vielen Orten, konnte ihn aber nirgendwo finden. Schließlich machte die Erfolglosigkeit seiner Suche ihn sehr niedergeschlagen. Eines Tages traf er auf der Straße einen Mann, der ihn fragte, warum er so traurig sei.

Der König antwortete: „Ich suche den König. Ich glaube, er kann mir aus allen Schwierigkeiten helfen und mich glücklich machen, aber ich vermag ihn nirgends zu finden.”

Der Mann, der ihn erkannt hatte, sagte voller Erstaunen: „Aber Ihr selbst seid der König.”

Da kam der König wieder zu Sinnen und besann sich darauf, wer er war. Alle seine Schwierigkeiten waren vergangen, sobald er sich daran erinnerte.

Ihr denkt vielleicht, dieser König sei ziemlich dumm gewesen, aber er hatte zumindest genug Verstand, die Wahrheit einzusehen, als man sie ihm mitteilte.

Der Guru kann seinen Schülern tausendmal erzählen: „Ihr seid das Selbst; ihr seid nicht, was ihr zu sein glaubt”, aber niemand schenkt ihm Glauben. Sie alle fragen den Guru immerfort nach Methoden und Wegen, um an die Stelle zu gelangen, an der sie bereits sind.

Frage: Warum geben wir unsere falschen Vorstellungen nicht auf, sobald man uns erklärt, dass sie falsch sind? 

Annamalai: Wir haben uns so viele Leben lang mit unseren falschen Vorstellungen identifiziert, dass es zu einer festen Gewohnheit geworden ist, aber sie ist nicht so mächtig, dass sie nicht durch stetige Meditation aufgelöst werden könnte.

Frage: Als Sadhaka stellt man sich vor: „Ich bin eine individuelle Seele, ich bin gebunden, ich muss Sadhana üben, ich muss Selbstverwirklichung erlagen.“ Sollen wir alle diese Ideen vergessen? Stehen Sie dem wahren Verständnis nur im Weg?

Annamalai: Ja, vergesst sie allesamt „Ich bin das Selbst, ich bin alles“ - daran müsst ihr euch halten. Alle anderen Wege sind Umwege. (Anmerkung: Ist das etwa kein Sadhana? Ist das etwa nicht der Versuch, Selbstverwirklichung zu erlangen?)

Frage: Bhagavan sagte, gedanklich zu wiederholen „Ich bin das Selbst“ oder „ich bin nicht der Körper“ sei hilfreich für die Selbsterforschung, aber es sei nicht die eigentliche Selbsterforschung.

Annamalai: Die Meditation „Ich bin nicht Körper und Gemüt, sondern das innewohnende Selbst“ ist eine große Hilfe, solange man noch nicht fähig ist, dauerhaft echte Selbsterforschung zu betreiben.

Bhagavan sagte: „Das Gemüt im Herzen zu halten, ist Selbsterforschung.” Wenn euch das nicht gelingt, indem ihr euch fragt „Wer bin ich?” oder indem ihr den „Ich“-Gedanken an seine Quelle zurückverfolgt, dann ist die Meditation über die Erkenntnis „lch bin das alldurchdringende Selbst“ eine große Hilfe.

Bhagavan forderte uns oft auf, regelmäßig die Ribhu Gita zu lesen und zu studieren.

In der Ribhu Gita heißt es: „Die innere Haltung „Ich bin nicht der Körper, ich bin nicht das Gemüt, ich bin Brahman, ich bin alles” muss immer wieder gefestigt werden, bis sie schließlich zum natürlichen Zustand wird.”

Bhagavan saß jeden Tag mit uns zusammen, wenn wir Auszüge aus der Ribhu Gita rezitierten, die die Wirklichkeit des Selbst bekräftigen. Es stimmt, dass er sagte, diese Wiederholungen seien nur Hilfsmittel zur Selbsterforschung, aber sie sind sehr wirkungsvoll.

Indem man dies praktiziert, stimmt man sein Gemüt immer mehr auf die Wirklichkeit ein. Wird das Gemüt auf diese Art gereinigt, lässt es sich viel leichter an seine Quelle zurückführen und dort festhalten. Wenn man unmittelbar im Selbst verweilen kann, braucht man solche Hilfen nicht, aber sonst sind sie auf jeden Fall äußerst hilfreich.

Frage: Meine Schwester glaubt, dass die Welt bald in einer nuklearen Katastrophe untergeht. Viele Menschen haben solche Ängste. Was ist Swamis Ansicht darüber?

Annamalai: Ich glaube nicht an einen nahe bevorstehenden Weltuntergang. Aber selbst wenn die Welt unterginge, müsstest du dir deswegen keine Gedanken oder Sorgen machen. Richte die Aufmerksamkeit auf das Jetzt, auf das Selbst Wenn du dich im Selbst festigst, brauchst du dich um die Zukunft der Welt nicht zu sorgen. Wenn du das Selbst erkennst, kann dich nichts berühren. Du kannst den Körper eines Jnanis töten, du kannst die Welt zerstören, in der er lebt, aber seine Selbst-Bewusstheit kannst du nicht beeinträchtigen.

Der Untergang der ganzen Welt berührt den Jnani nicht, denn Jnana ist unzerstörbar. Bewusstsein, die Substanz des Universums, ist absolut unangreifbar. Wenn die Welt im Bewusstsein in Erscheinung tritt, bleibt das Bewusstsein selbst völlig unverändert, und wenn die Welt verschwindet, bleibt das Bewusstsein davon unberührt.

Alles, was entsteht, muss eines Tages vergehen. In der Welt der Erscheinungen gibt es keine Dauer. Aber das unwandelbare Bewusstsein. in dem alles Gestalthafte seinen Ursprung hat, kann nie vermindert, zerstört oder verändert werden. Wenn du lernst, dieses Bewusstsein zu sein, verstehst du auch, dass nichts dich berühren oder gar vernichten kann. Aber wenn du dich mit irgendetwas Vergänglichem identifizierst, wirst du immer fürchten, dieses Vergängliche könne zerstört werden.

Aus Unwissenheit fürchten wir uns vor der Vernichtung des Körpers. Wenn du dein Wohlergehen vom Wohlbefinden des Körpers abhängig machst, wirst du immer in Sorge sein und leiden. (Anmerkung: Das Wohlergehen hängt immer vom Wohlergehen des Körpers ab.) Wenn du aber aus unmittelbarer Erfahrung weißt, dass du das Selbst bist, erkennst du, dass es weder Geburt noch Tod gibt, dass du todlos und unsterblich bist. (Anmerkung: Niemand ist unsterblich.) Die Selbstverwirklichung wird bisweilen auch als Zustand der Unsterblichkeit bezeichnet, weil sie nie endet und nie zerstört oder auch nur verändert wird. Wenn du deine Aufmerksamkeit auf dem Selbst ruhen lässt, kannst du diese Unsterblichkeit erlangen. In jenem höchsten Zustand des Seins wirst du dann feststellen, dass weder Geburt noch Tod existieren, weder Wünsche noch Ängste, weder Sorgen noch ein Gemüt, noch eine Welt.

Frage: Um das Gemüt im Selbst festzuhalten, darf man keine anderen Wünsche haben als das Selbst. Dies ist sehr schwer zu erreichen. Das Verlangen nach Freuden in der äußeren Welt scheint immer stärker zu sein als der Wunsch, im Selbst glücklich zu sein. Warum ist dies so?

Annamalai: Alles Glück entstammt letztlich dem Selbst. Es kommt nicht aus dem Gemüt, dem Körper oder aus äußeren Gegenständen. Wenn du großes Verlangen nach einer Mango hast und schließlich eine isst, bereitet dir das großen Genuss. Wenn sich ein solcher Wunsch erfüllt, sinkt das Gemüt ein Stück weit ins Selbst, bekommt eine Ahnung von der Glückseligkeit, die dort immer vorhanden ist, und steigt dann wieder auf. Es erinnert sich an das Glück und versucht die Erfahrung mit weiteren Mangos oder mit der Befriedigung anderer Wünsche zu wiederholen.

Die meisten Menschen wissen überhaupt nicht, dass Freude und Glück vom Selbst herkommen und nicht aus dem Körper oder dem Gemüt. Sie erfahren den Frieden des Selbst nur, wenn ihnen ein großer Wunsch erfüllt wird; daraus schließen sie, dass das Streben nach Wunscherfüllung der einzige Weg zu Frieden und Glück sei.

Wenn du diesen üblichen Weg zum Glück beschreitest, erwarten dich schwere Enttäuschung und großes Leid. Manchmal erlebst du vielleicht ein paar glückliche Momente, aber im Übrigen leidest du unter unerfüllten Wünschen. Doch selbst wenn die Wünsche sich erfüllen, scheinen sie letztlich kaum Freude zu bereiten.

Wenn du Genüsse wiederholen willst, geht der Reiz ihrer Neuheit schnell verloren. Eine Mango, auf die du dich tagelang freutest, macht dich, wenn du sie isst, ein paar Sekunden lang glücklich, aber du kannst den Genuss nicht dadurch verlängern, dass du fünf oder sechs weitere Mangos isst. Den Genuss zu verlängern führt eher zu Leid als zu Freude.

Die meisten Menschen verbringen ihr ganzes Leben mit ungezügeltem Streben nach Zielen, von denen sie glauben, sie brächten ihnen Glück. Die wenigsten halten jemals ein, um ihre innere Buchhaltung in Ordnung zu bringen. Wenn sie das täten, würden sie erkennen, dass auf zehn glückliche Sekunden Stunden oder Tage ohne jedes Glücksgefühl kommen. Manche Leute sehen das sogar ein, aber statt ihre Lebensweise zu verändern, geben sie sich ihr noch hemmungsloser hin. Sie glauben, mit größerer Anstrengung und intensiverem Schwelgen in sinnlichen, emotionalen und gedanklichen Genüssen könnten sie die kurzen Glücksperioden ausdehnen und die längeren unglücklichen Zwischenzeiten verkürzen.

Dies ist jedoch immer zum Scheitern verurteilt. Ein Gemüt, von vielen starken Wünschen erfüllt, kann nicht ganz ins Selbst sinken und somit auch den Frieden und das Glück des Selbst nicht in vollem Maß erfahren. Das Gemüt bekommt vielleicht eine Ahnung von diesem Frieden, wenn sich ein großer Wunsch plötzlich erfüllt, aber das bleibt eine kurze, flüchtige Erfahrung. Wenn das Gemüt von Wünschen und von Betriebsamkeit erfüllt ist, kann es nicht im Selbst verweilen. Es wird sich nach wenigen Sekunden wieder erheben und sein nächstes äußeres Ziel verfolgen.

Das von Begehren erfüllte Gemüt kann die Glückseligkeit des Selbst nur in sehr abgeschwächter Form erleben. Wenn du die ganze Glückseligkeit kosten willst, und zwar auf Dauer, musst du deine Wünsche und Bindungen aufgeben - einen anderen Weg gibt es nicht. Das Gemüt kann nicht still in der Tiefe des Selbst ruhen, solange es nicht gelernt hat, alle Impulse zu ignorieren, die es dazu treiben, in der Außenwelt nach Genuss und Befriedigung zu suchen.

Alle Wünsche, auch spirituelle, können dir Probleme bereiten. Sogar der Wunsch zu meditieren kann ein Hindernis werden. Als ich mich einmal zur Meditation in die Abgeschiedenheit einer Höhle auf dem Arunachala zurückziehen wollte, sah Bhagavan, dass dieses Vorhaben nicht meinem Prarabdha entsprach, und riet mir, es fallenzulassen. Er sagte, wenn ich diesen Wunsch verfolgte, würde ich noch einmal wiedergeboren werden.

„Meditiere hier in Palakottu”, sagte er. „Sei hier still und gehe nirgendwohin”

Ich hatte Bhagavan früher, als ich nach Palakottu gezogen war, erklärt, ich wünschte mir nichts, als hier zu leben, mich von Reisbrei zu ernähren und in Abgeschiedenheit zu meditieren.

Bhagavan entgegnete: „Wozu hegst du noch diese Wünsche? Was geschehen soll, ist bereits vorbestimmt. Sei still, sei ohne Wünsche, und lass geschehen, was immer geschehen soll.”

Frage: Die wesentliche Lehre von Bhagavan wie von Swami scheint zu sein: „Ich bin weder Körper noch Gemüt. Ich bin das Selbst.“ Alle Wünsche entstehen anscheinend nur deshalb, weil wir uns mit Körper und Gemüt identifizieren. Die logische Folgerung ist, dass man von selbst wunschlos würde, wenn man diese Identifikation aufgeben könnte. Ist das richtig?

Annamalai: Das ist richtig. Wenn man die Vorstellung ablegt, man sei der Körper, lebt man schon auf einer höheren Ebene.

Frage: Das Thema der höheren Ebenen interessiert mich. Ich las irgendwo, dass Bhagavan einmal gesagt habe, es sei sehr schwer, in diesem Leben Selbstverwirklichung zu erlangen. Er sagte wohl auch, man könne in einer anderen Form auf höherer Ebene wiedergeboren werden, wenn man es in diesem Erdenleben vergebens versucht habe. Stimmt das, und wenn ja, wie geht es vor sich? Wenn es solche Ebenen gibt, stehen dann alle Menschen dort auf demselben Niveau? Erlangen sie alle die Befreiung in der gleichen Zeitspanne? Es ist sehr schwierig, hier auf der Erde wunschlos zu sein, weil es so viele Ablenkungen gibt. Ist das Leben auf diesen höheren Ebenen genauso schwierig oder leichter? Muss man auf diesen höheren Ebenen jemals in menschlicher Gestalt wiedergeboren werden?

Annamalai: Einige reife Seelen, die ihr Selbst noch nicht verwirklichen konnten, werden vielleicht auf einer höheren Ebene wiedergeboren. Um in einer solchen Welt geboren zu werden, muss man sehr rein sein und darf keine weltlichen Wünsche haben. Nur wer sein ganzes Leben dem Streben nach Jnana geweiht hat, darf auf eine solche Wiedergeburt hoffen. Solche Menschen können auf einer höheren Ebene zum letzten Mal wiedergeboren werden und dort Befreiung erlangen. (Anmerkung: Schmunzel)

Devotees, die noch nicht alle ihre Wünsche außer dem Wunsch nach Jnana gelöscht haben, werden auf der Erde wiedergeboren. Die Erde ist der Übungsplatz für Vairagya (innere Losgelöstheit). Deshalb ist das Leben hier so trügerisch. Man muss hier auf der Erde Leidenschaftslosigkeit erreichen, bevor man daran denken kann, Jnana zu erlangen oder auf einer höheren Ebene wiedergeboren zu werden.

Frage: Ich bemühe mich, mir ständig meines „Ich“ bewusst zu bleiben. Es kommt mir vor, als sei das „Ich“ ein Zentrum in mir, von dem aus ich meine Person und mein Gemüt betrachte. Ich spüre, dass das Gemüt diesem Zentrum entstammt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass auch dieses Zentrum sich auflösen sollte. Ist das richtig?

Annamalai: Wenn man im Zentrum ist, im „Ich bin“, gibt es kein Hereinkommen und Hinausgehen. Es ist, wie es ist. Wenn du es nicht erkennst, wie es wirklich ist, mag es dir vorkommen, als ob etwas in dieses Zentrum hineinginge oder aus ihm herauskäme. Wenn du aber dieses Zentrum, das Herz, genau wahrnimmst, dann verstehst du, dass es darin kein Kommen und Gehen, keine Bewegung und keinen Wandel gibt.

Frage: Ist es besser, für lange oder für kurze Zeit zu meditieren?

Annamalai: Außer im Schlaf sollte man immer meditieren. Wie ein Fluss stetig zum Meer fließt, sollte unser Bewusstsein ununterbrochen in einer meditativen Strömung bleiben. Meint nicht, Meditation sei auf ganz bestimmte Zeiten beschränkt. Die Meditation über das Selbst muss andauern, während wir gehen, arbeiten, essen und so weiter. Sie muss jederzeit und an jedem Ort ganz natürlich fließen.

Frage: Worin besteht der Unterschied zwischen Dharana (Konzentration) und Dhyana (Meditation)?

Annamalai: Kontinuierliche Meditation (Dhyana) nennt man Dharana. Im Kaivalya Navanitam wird die Frage gestellt: „Wie kann man diesen Kausalkörper auflösen, in dem sich die Vasanas in Keimform befinden?”

Der Guru antwortet: „Ich bin das absolute, vollkommene Bewusstsein. In diesem vollkommenen Bewusstsein existieren alle Welten als bloße Erscheinungen.” Wenn du dein Gemüt von dieser meditativen Strömung tragen lässt, kann keine Unwissenheit entstehen.

Frage: S. S. Cohen schreibt in einem seiner Bücher, das Herz sei bereit, sich zu offenbaren, wenn man die Erfahrung des Sphurana (das Erstrahlen des „Ich-Ich”). macht. Kommt dieses Sphurana vor oder nach Dharana (Konzentration)?

Annamalai: Sphurana kommt danach. Es ist die Erfahrung des Herzens, die sich dem fortgeschrittenen Devotee offenbart. Es ist eine zeitlich begrenzte Erfahrung des Selbst, die eintritt, wenn die Kräfte des Herzens das Gemüt zu bezwingen beginnen.

Frage: Macht jeder, der dem Weg der Selbsterforschung folgt, irgendwann die Erfahrung des Sphurana?

Annamalai: Jeder, der das Gemüt im Herzen verweilen lassen kann, macht diese Erfahrung.

Frage: Auch wer andere Wege beschreitet, kann die Erfahrung des Samadhi machen. Aber kann er auch Sphurana erfahren?

Annamalai: Wenn man beharrlich Japa oder Yoga übt, geht das Gemüt schließlich im Sphurana auf. Die Erfahrung tritt mit dem Verschmelzen ein.

Sphurana ist das Licht oder die Strahlung des „Ich bin“. Wenn du dem Verschmelzen mit dem wahren „Ich“ nahe bist, spürst du seine Ausstrahlung. Dieses wirkliche „Ich“ ist die wahre Gestalt Gottes und sein erster und wahrer Name. Die Bewusstheit des „Ich bin“ ist das uranfängliche Mantra.

Frage: Ist demnach das „Ich” als Mantra noch bedeutsamer als OM (Pranava)?

Annamalai: Ja, das sagte Bhagavan mehrmals.

Das Bewusstsein „Ich bin“ existiert und leuchtet immer, aber das Ego überschattet deine Bewusstheit des „Ich bin“ wie eine Mondfinsternis den Mond. Der Schatten auf dem Mond ist nur erkennbar, weil dahinter der Mond leuchtet. Ohne dieses Licht ist der Schatten der Finsternis nicht wahrnehmbar. Ebenso sind wir uns aufgrund des Lichts aus dem Selbst des Körpers, des Gemüts und der Welt bewusst, auch wenn diese unsere klare Sicht behindern. Wir sehen alles durch das Licht des Selbst.

Frage: Wie wurden aus diesem einen, undifferenzierten „Ich“ die vielerlei Dinge und Menschen, die wir in der Welt sehen?

Annamalai: Das „Ich“ bleibt immer allein und undifferenziert. Deine fehlerhafte. Wahrnehmung und deine falschen Vorstellungen lassen dich glauben, das Eine hätte sich vervielfältigt, aber außer in deiner Vorstellung hat sich das Selbst niemals verwandelt.

Wenn wir uns mit Körper und Gemüt identifizieren, scheint es, als hätte sich das Eine in die Vielfalt verwandelt, aber wenn man seine Energie aus dem Gemüt und der Außenwelt zurückzieht und sie dem Selbst zuwendet, verfliegt die Illusion der Vielfalt.

Lass dich tief in das Gefühl „Ich bin“ sinken. Sei dir seiner so intensiv bewusst, dass andere Gedanken nicht die Kraft haben, sich auszuformen und dich abzulenken. Wenn du das „Ich“-Gefühl lange genug festhältst, löst sich das falsche „Ich“ auf, und zurückbleibt allein die ungebrochene Bewusstheit des wahren in dir wohnenden „Ich“, des Bewusstseins selbst.

Frage: Das hört sich so logisch und einfach an, aber es ist schwer, sich von seiner fehlerhaften Wahrnehmung zu lösen.

Annamalai: Lass dich von solchen Gedanken nicht niederdrücken. „Wer findet es schwer? Wessen Wahrnehmung ist fehlerhaft?“ Erlaube solchen Gedanken nicht, deine Aufmerksamkeit von der Quelle, dem Selbst, abzulenken

Frage: Ich habe folgende Schwierigkeit: Die angesammelte Energie meines Gemüts mit allen seinen Hoffnungen, Ängsten, Wünschen, Sorgen, Vorlieben und Abneigungen übermannt mich immer wieder. Das bisschen Energie, das ich ab und der Selbsterforschung widme, reicht nie aus, das ständig in Gedanken kreisende Gemüt für mehr als eine oder zwei Sekunden ruhig zu stellen. In meinem Gemüt ist zuviel nach außen drängende Energie. Ich kann seine Quelle überhaupt nicht erreichen.

Annamalai: Sobald du dich im Zustand der Einheit zu festigen beginnst, werden die Vorlieben und Abneigungen, die dir jetzt so viele Schwierigkeiten bereiten, ganz von selbst vergehen. Und wenn es keine Vorlieben und Abneigungen gibt, was bleibt dann noch im Gemüt, das deinen Frieden stören könnte?

Lass dich nicht entmutigen von Hindernissen oder dem Gefühl, du machtest keine Fortschritte. Erwarte keine sofortigen Ergebnisse, und sei unbesorgt, wenn sie zunächst ausbleiben.

Frage: Ich habe das Gefühl, untauglich zum Sadhana zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich je genügend Kraft und inneren Abstand haben werde, meine Probleme zu überwinden.

Annamalai: Ein unwissender Mensch glaubt vielleicht, er habe viele Probleme oder Fehler, aber wenn er einen Jnani aufsucht, sieht dieser nichts dergleichen. Er sieht nur einen Menschen, der sich seines Selbst, der Wahrheit, nicht bewusst ist. Deswegen wird er ihn nicht verdammen; seine Unwissenheit ruft nur das Mitgefühl des Jnani hervor.

Wenn du siehst, dass alles dein eigenes Selbst ist, wen kannst du dann verdammen, wen wirst du rühmen, für wen kannst du Hass empfinden? Wenn du keine Mängel und Fehler erkennst, bleibt dein Frieden immer ungestört; du weißt, dass alles dein Selbst ist.

Es liegt in der Natur des Gemüts, manches als richtig, anderes als falsch anzusehen. Wenn du alle diese Konzepte von gut und schlecht, richtig und falsch aufgibst, bleibst du als das Selbst allein. Kleine Kinder und Jnanis sind darin gleich, dass sie nirgends Richtig oder Falsch sehen.

Frage: Ich habe das Gefühl, bei meinen vielen Problemen kann mir nur die Gnade des Gurus helfen.

Annamalai: Es ist ein wirklicher Segen, wenn du einen Jnani finden und ihm vertrauen kannst. Wenn du Brennholz in die Nähe eines Feuers legst, fängt es irgendwann an zu brennen und wird eins mit dem Feuer. Ohne die Gnade des Gurus und ohne das Zusammensein mit ihm ist es sehr schwer, das Selbst zu erkennen.

Es ist nicht leicht festzustellen, wer ein echter Guru ist, denn selbstverwirklichte Menschen sehen oft genauso aus wie andere Leute und benehmen sich auch so. Wer spirituell unreif ist, kann ihre spirituelle Größe nicht erkennen. Wenn ein Großvater mit seinen kleinen Enkelkindern spielt, denken die Enkel, der Großvater sei ein Kind wie sie. Erst wenn sie älter sind, erkennen sie ihn als das, was er wirklich ist.

Kleinkinder machen diesen Fehler, weil sie noch nicht genügend Urteilsfähigkeit entwickelt haben, um Erwachsene von Säuglingen zu unterscheiden. Es gibt viele spirituelle Kleinkinder in der Welt, die Jnanis und Gurus für gewöhnliche Leute wie sich selbst halten. Erst wenn diese „Kleinkinder“ beginnen, spirituell zu wachsen, entwickeln sie genügend geistige Unterscheidungskraft, um einen echten Guru zu finden und sich ihm unterzuordnen. Einen Guru zu finden ist der größte Segen, der einem Menschen im Leben zuteil werden kann.

Frage: Kürzlich bemerkte ich in der Meditation, dass mein Atem immer feiner wird. Er verlangsamt sich auch dann, wenn ich still stehe. Sollte ich es dabei belassen oder mich bemühen, tiefer zu atmen?

Annamalai: Treibst du Yoga oder Pranayama, oder Selbsterforschung? Hast du einen Guru?

Frage: Ich habe einen Guru, aber sie ist zurzeit in den Vereinigten Staaten. Seit drei Monaten habe ich sie nicht gesehen. Pranayama praktiziere ich nicht.

Annamalai: Betreibst du Selbsterforschung?

Frage: Was ich ausübe, nennt sich „spontane Meditation“.

Annamalai: Wie wird es gemacht?

Frage: Man lehrte mich, die beste Art zu meditieren sei, sich einfach zu setzen und es geschehen zu lassen. Kennst du Swami Muktananda? Ich bin ein Schüler seiner Nachfolgerin Swami Chitvilasananda.

Annamalai: Wenn der Atem zur Ruhe kommt, wird auch das Gemüt still. Man kann als Sadhana entweder den Atem oder das Gemüt beobachten. Wenn man es richtig macht, kommen beide zur Ruhe. Aber noch wirksamer ist es, den zu erkennen zu suchen, der den Atem oder das Gemüt beobachtet. Bleiben wir uns immer dessen bewusst, wer der Beobachtende ist, dann können wir alles geschehen lassen. Wenn wir uns in diesem Wissen sicher sind, brauchen wir die Meditation in keiner Weise zu lenken. Wozu auch? Wir wissen dann, dass nichts, was in Erscheinung tritt, sich wandelt oder bewegt, uns berühren kann.

Es gibt viele Wege zum höchsten Ziel, und manche Wege sind mit großen Risiken verbunden. Bhagavan zeigte uns den risikolosen Weg des Atma Vichara (Selbsterforschung), auf dem wir mit Leichtigkeit zur Erkenntnis unserer selbst gelangen können. Wenn wir lernen, durch Selbsterforschung am wahren Selbst festzuhalten, lernen wir auch, glückselig in dieser erbärmlichen Welt zu leben.

Frage: Ist es nicht egoistisch, glückselig dazusitzen, wenn es soviel Elend in der Welt gibt? Sollten wir nicht dem Menschen helfen, der auf der Straße stirbt? Für mich ist es selbstverständlich: Wir müssen ihm helfen. Wir können nicht einfach so tun, als gäbe es die Welt nicht. Sie ist doch irgendwie sehr real.

Annamalai: Es ist nicht die Aufgabe eines spirituell Strebenden, die Welt zu beobachten und zu verändern. Sie ist nichts als ein großes Spiel der Maya. Wenn du dich in die Tätigkeiten der Welt verstrickst, verfängst du dich im Netz der Maya und wirst unfähig, dich selbst und die Welt so zu sehen, wie sie wirklich sind. Die Welt befindet sich in stetigem Wandel. Manchmal sind die Bedingungen für einige Menschen günstig, zu anderen Zeiten sind sie ungünstig. Es gibt soviel Chaos in der Welt, weil alles fortwährend im Fluss ist. Aber der stille Beobachter all dieser Wandlungen, und das bist du selbst, lebt immer in Frieden und ohne Sorgen. Werde zum stillen Beobachter und finde darin Frieden. Wir können die Welt nicht wirklich verändern. (Anmerkung. Ich finde, dies ist eine gewagte Behauptung. Sie zeigt mir, wie sehr Advaita Vedanta die Realität verzerrt.)

Frage: Warum sollen wir Menschen ignorieren, die ganz offensichtlich Hilfe brauchen?

Annamalai: Wenn man festen Halt im Selbst gewinnt, nutzt das zugleich der ganzen Menschheit. Wer im Selbst gefestigt ist, bleibt den Problemen der Welt gegenüber nicht gleichgültig. Ein solcher Mensch handelt spontan richtig, wenn Schwierigkeiten aufkommen, und findet für alles eine Lösung.

Du klammerst dich an viele Überzeugungen: „Ich bin eine Einzelperson, die Welt ist von mir getrennt; ich bin von anderen Menschen getrennt; ich meditiere, weil ich nach Selbstverwirklichung strebe; andere Menschen in der Welt leiden.“ Alle diese Vorstellungen sind falsch. Es gibt keine Dualität und keine Getrenntheit. Es gibt in Wirklichkeit kein Leiden und kein Unglück in der Welt, außer in deinem eigenen Gemüt, denn die ganze Welt ist nichts als eine Projektion dieses Gemüts. Dein eigenes Leiden und das Leiden, das du um dich herum siehst, können sehr leicht aufgehoben werden, wenn du die falschen Vorstellungen über dich ablegst.

Alles Leiden beginnt mit der Vorstellung der Dualität. Solange dieses Dualitätsbewusstsein fest im Gemüt verankert ist, kann man anderen nicht wirklich helfen. Erst wenn man sich seiner nicht-dualen Natur bewusst wird und inneren Frieden erlangt, wird man zum tauglichen Werkzeug, mit dem anderen geholfen werden kann.

Wer im Selbst gefestigt ist, strahlt den inneren Frieden, in dem er ständig lebt, auf alle Menschen aus. Diese natürliche Ausstrahlung heilt die Menschheit und hilft ihr weit wirksamer als alle physische Hilfeleistung.

Der Jnani ist wie die Sonne. Die Sonne strahlt immer und ohne zu unterscheiden Licht und Wärme aus. So strahlt auch der Jnani spontan sein eigenes Wesen in die ganze Welt, seine Liebe, seinen Frieden, seine Freude.

Obwohl die Sonne immer gegenwärtig ist, müssen wir uns ihr zuwenden, um ihre Strahlen zu empfangen. Und wenn wir spirituelles Licht empfangen wollen, müssen wir uns einem verwirklichten Wesen zuwenden. Bemüht man sich bewusst, im Licht eines Jnani zu verweilen, so vergeht die Dunkelheit spirituellen Unwissens von selbst.

Frage: Warum machen einige Devotees spirituelle Erfahrungen? Dienen sie dazu, uns auf dem Weg weiterzuhelfen oder unser Vertrauen zu stärken? Brauchen wir solche Erfahrungen inneren Lichts, inneren Klangs und so weiter, oder treten sie einfach als natürliche Phänomene auf? Warum haben manche Menschen diese Erfahrungen und andere nicht?

Annamalai: Erfahrungen in der Meditation beruhen auf der Meditationspraxis selbst. Solche Erfahrungen sind nicht nötig.

„Wer ist es, der alle diese Erfahrungen macht?“ Auf diese Frage sollten wir unsere ganze Aufmerksamkeit richten. Erfahrungen kommen und gehen, aber der innere Beobachter aller Erfahrungen bleibt stets unverändert. Darauf muss man seine Aufmerksamkeit konzentrieren.

Wir müssen denjenigen in den Blick fassen, der alle Erfahrungen macht. Denkt daran, dass alles, was wir erleben, nur durch das Gemüt erfahren werden kann „Wer hat die Erfahrung?“, wird die imaginäre Erfahrung ebenso vergehen wie der imaginäre Erfahrende.

Subramania Bharati schrieb einmal: „Wenn du klar erkennst, dass die Welt nur eine Projektion des Gemüts ist, transzendierst du alles Leiden.”

In einem anderen Gedicht machte er sich über Gemüt und Maya lustig:

„Wer die Wahrheit erkannt hat, misst dir (dem Gemüt) keine Wirklichkeit bei. Du kannst niemandem, der fest im Selbst ruht, etwas anhaben. Wenn wir die Nicht-Zweiheit als real erkennen, gibt es keinen Platz mehr für dich; dann musst du fliehen. Wo bleibst du, wenn wir keine Zweiheit mehr sehen? Was kannst du denen anhaben, die so mutig sind, den Körper als unwirklich zu betrachten? Wer bereit ist zu sterben, den kann dein Tod nicht schrecken.”

Frage: War er nicht auch ein Politiker? Ich wusste nicht, dass er soviel Interesse an spirituellen Dingen hatte.

Annamalai: Ja, er war politisch tätig, aber er wirkte auch als Dichter und Philosoph. Einmal besuchte er Bhagavan in der Virupaksha-Höhle.

Frage: Davon habe ich noch nie gehört. Sprachen sie miteinander?

Annamalai: Nein, er begnügte sich mit einem Darshan. In einem anderen Lied, das er in Pondicherry schrieb, heißt es: „Es gibt kein Leid, kein Leid, kein Leid. Sieh: alles ist Gott; kein Leid.”

Frage: Hier am Arunachala kommt es mir relativ leicht vor, spirituelle Unterscheidungsfähigkeit zu bewahren. In Paris ist das bei unseren alltäglichen Aufgaben und den zahllosen äußeren Einflüssen viel schwieriger.

Annamalai: Solche Gedanken wie „Der Arunachala ist verschieden von Paris“ oder „Ich arbeite in Paris“ sind Vorstellungen, die nur entstehen können, wenn wir uns mit dem Körper identifizieren und ihn für das „Ich“ halten. Wenn du solche Vorstellungen nährst, stehst du dir unbewusst selbst im Weg.

Frage: Wir spüren, dass wir der Wirklichkeit durch unser Sadhana näher kommen, aber wir fühlen auch, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben.

Annamalai: Man kann sich der Wirklichkeit nicht nähern oder fern von ihr sein. Das Selbst ist nie fern von dir, weil du bereits das Selbst bist.

Um dich von deinen falschen Vorstellungen zu befreien, musst du die feste Überzeugung in dir ausbilden, dass dies die Wahrheit ist „Ich bin das Selbst; ich bin alles; alles ist das Selbst“, dies ist das wirkungsvollste Mantra (Anmerkung: Also doch (Mantra-)Meditation?) und das stärkste Hilfsmittel, diese Überzeugung zu festigen. Wenn du das immer wieder bekräftigst, wird dir unendliche Energie zufließen, weil du in Wahrheit alldurchdringendes Bewusstsein bist.

Frage: Angenommen, wir gäben einem Kassettenrecorder dieses Mantra. Der kann es endlos wiederholen, aber dadurch wird er trotzdem kein alldurchdringender Kassettenrecorder, Reicht das Wiederholen allein aus?

Annamalai: Wenn du etwas ständig wiederholst und fest genug glaubst, dass es die Wahrheit ist, wird dein Gemüt schließlich ganz davon erfüllt. Indem du deinen eigenen Worten vertraust, wirst du schließlich zu dieser Wahrheit, dem Selbst.

Frage: Ich kann verstehen, dass das Wiederholen dieses Satzes bei einem aktiven und nach außen gerichteten Gemüt hilfreich ist. Aber sollten wir ihn auch wiederholen, wenn wir innerlich still sind?

Annamalai: Wenn man immer in der Stille ruht, ist das die Wirklichkeit. Aber reicht es, wenn man die Stille nur zeitweise erfährt?

Frage: Mantras können uns zu einer inneren Stille führen. Wenn sie diesen Zweck erfüllt haben, sollten wir sie dann weiterhin wiederholen?

Annamalai: Es gibt verschiedene Arten von Stille. Wenn das Gemüt in eine Stille von der Art des Tiefschlafs sinkt, so musst du wissen, dass dies nicht die wahre Stille ist. In diesem Zustand zu verharren, ohne weiterzumeditieren, nützt dir nichts. Es ist dann besser, die Meditation über das Selbst fortzusetzen.

Frage: Wie kann man unterscheiden, ob man Stille von der Art des Tiefschlafs oder wirkliche Stille erfährt?

Annamalai: Wenn man aus der Stille kommt und gleich darauf seinen Körper wieder als „Ich“ ansieht, war man nicht in der wahren Stille. Im Streben nach innerer Stille darf man nicht in Manolaya (zeitweilige Aufhebung aller Gemütskräfte) versinken.

Ich will ein Beispiel geben: Ein Mann ist müde von der Arbeit; er ruht sich aus, und hinterher arbeitet er weiter. Eine Stille dieser Art sollte es nicht sein, denn sie ist nur eine Ruhepause für das Gemüt aber keine wirkliche Stille. Völlige Abwesenheit von Gedanken bedeutet nicht unbedingt, dass man die Stille des Selbst erfährt.

Eine Stille, in der Frische und Klarheit vorherrschen und in der das Bewusstsein so rein ist, dass man Freude und Frieden empfindet, ist schon eher die wirkliche Stille. Wenn diese Wachheit und Bewusstheit fehlen, sollte man lieber mit Japa und Dhyana fortfahren. Lasst mich ein anderes Beispiel geben: Jemand sitzt eine Stunde lang in Bhagavans alter Halle und meditiert. Danach denkt er: „Ich habe eine Stunde lang meditiert.“ Dies ist nicht Nishtha (Gefestigtsein im Selbst), denn das „Ich“ war dabei mit dem Gedanken „Ich sitze, ich meditiere“. Wer denkt, dass er meditiert, erfährt nicht das Selbst, sondern das Ego.

Frage: Wenn wir die Einheit nicht empfinden, bedeutet das, dass wir den höchsten Zustand noch nicht erreicht haben?

Annamalai: In Wirklichkeit gibt es zwischen einzelnen Momenten der Meditation keine Lücke. Wirkliche Meditation setzt sich ununterbrochen fort.

Frage: Besteht die Meditation, von der du sprichst, aus gedanklicher Wiederholung? Werden in ihr Worte formuliert wie zum Beispiel „Ich bin das Selbst, ich bin Bewusstsein“, oder ist sie eine Art Selbst-Bewusstheit ohne Worte und Begriffe?

Annamalai: Wenn du ein Mantra laut wiederholst, spricht man von Japa. Tust du dasselbe in Gedanken, kannst du es Meditation nennen. In der inneren Bewusstheit des Selbst gefestigt zu sein, nennt man Nishtha (Im Selbst als das Selbst zu verweilen).

Frage: Wenn man im Selbst verweilen kann, braucht man also nicht mehr Japa auszuüben oder zu meditieren?

Annamalai: In der Meditation vergisst du das Selbst nie. Sich des Selbst bewusst zu sein, ohne daran zu denken, ist Nishtha. Wozu solltest du dir wiederholen „Ich bin Sundaram, ich bin Sundaram“, wenn du bereits fühlst, dass du Sundaram bist?

In diesem höchsten Zustand denkt man weder an das Selbst, noch vergisst man es, man ist einfach. Wenn du diese Erfahrung hast, werden Zweifel wie die Frage „Soll ich mit der Meditation fortfahren?“ nicht aufkommen. In diesem Zustand können solche Gedanken nicht entstehen.

Wenn du also in deiner Meditation eine Erfahrung von Frieden oder Stille machst und dich fragst, ob du einfach in der Stille ruhen oder mit der Meditation fortfahren sollst, dann meditiere weiter, denn der Gedanke selbst zeigt, dass du noch nicht im Selbst gefestigt bist.

Denke nicht zuviel über dein Meditieren nach. Meditiere einfach und fahre damit fort, bis du fest überzeugt bist, dass die Gedanken und Gefühle nichts mit deinem wahren Selbst zu tun haben. Wenn du in der Meditation auf Gedanken und Gefühle achtest und sie zum Maßstab für gute oder schlechte Meditation machen willst, dann erreichst du nie die tiefste Stille, sondern bleibst in Vorstellungen des Gemüts stecken.

Manche Leute verlieren das Wesentliche aus den Augen: zum Beispiel, indem sie zwischen Turiya (vierter Bewusstseinszustand) und Turiyatita (was jenseits des vierten liegt) zu unterscheiden versuchen. Die Wirklichkeit ist sehr einfach: statt sie erklären oder mit einem Etikett versehen zu wollen, sei einfach die Wirklichkeit, indem du alle Identifikation mit Körper und Gemüt aufgibst Das ist höchste Weisheit. Wenn du diesen Weg beschreitest, brauchst du dich nicht mit intellektuellen oder philosophischen Spitzfindigkeiten abzugeben.

Um Selbstverwirklichung zu erreichen, werden alle möglichen Sadhanas praktiziert. Manche dieser Methoden sind jedoch Hindernisse für Jnana. Meditation kann sogar zu einer weiteren Bindung werden, wenn sie von der Annahme ausgeht, Körper und Gemüt seien real. Wenn man diese Vorstellung nicht aufgibt, wird die Meditation sie noch verstärken.

Das Selbst zu erkennen und nie zu vergessen, das ist wahres Jnana.

Frage: Das ist das Schwierige: gefestigt im Selbst zu verweilen.

Annamalai: Für wen ist es schwierig? Gib dich solchen Gedanken nicht hin. Finde lieber heraus, wer so denkt „Wozu alle diese Maha Yogas?” Du bist bereits das Selbst. Warum bleibst du nicht in deinem natürlichen Zustand, ohne ihn zu vergessen oder dich von ihm ablenken zu lassen? Lass dich nicht auf alle diese Maha Yogas ein

Frage: Strahlt der Jnani eine besondere Kraft aus, von der sich Devotees angezogen fühlen, oder gehört es einfach zu seiner Bestimmung, dass Devotees ihn finden und seine Schüler werden?

Annamalai: Ein Magnet hat die Kraft, Eisen anzuziehen. Der Berg Arunachala zieht spirituell Suchende an wie ein Magnet Eisenfeilspäne und veranlasst sie, ihn zu umwandern. Er sagt nicht: „Kommt und umwandert mich.” Das hat er nicht nötig. Sein Magnetismus zieht ganz von selbst Menschen an, die Pradakshina ausführen wollen.

Wer Selbstverwirklichung erlangt hat und im Selbst gefestigt ist, wird zu einem Magneten, der die Suchenden an sich zieht.

In einem Gedicht von Tayumanuvar heißt es, dass eine blühende Blume einen Duft ausströmt, der die Biene anlockt, ihren Nektar an sich zu bringen. Aber er fügt hinzu, dass es keinen Duft, keinen Nektar und keine Bienen gibt, wenn die Blume nicht blüht.

Bhagavan sagte in Aksharamanamalai über diese Kraft: „Wie ein Magnet Eisen anzieht, oh Arunachala, so zogst du mich zu dir, und wir wurden eins.”

(An einige Neuankömmlinge gewandt) Habt ihr Bhagavans Bücher gelesen? Habt ihr irgendwelche Fragen zu seinen Lehren?

Frage: Wir haben einige Bücher über Bhagavan gelesen, die auf Französisch erschienen sind. Zu der Botschaft, die sie vermitteln, haben wir keine Fragen.

Annamalai: Wenn man fest im Selbst gegründet ist und die endgültige Verwirklichung erlangt, verfliegen alle Fragen und Zweifel. Bis dahin kommen immer wieder Zweifel auf. Wenn wir vom falschen „Ich“, von der Identifikation mit dem Körper, ganz frei sind, können wir daraus folgern, dass wir Selbstverwirklichung erlangt haben.

Frage: Können gewöhnliche Leute wie wir das erkennen, was jenseits aller Dinge liegt?

Annamalai: In dem Maße, wie das Gemüt geläutert wird, erkennt man, was sich jenseits des Gemüts befindet. Wenn man ganz und gar begrenzt ist und sich mit der Vorstellung „Ich bin der Körper“ identifiziert, ist man weit entfernt von der Selbstverwirklichung.

Frage: Welche Beziehung besteht zwischen dem Gemüt, das geläutert werden muss, und dem Bewusstsein, in dem das Gemüt schließlich aufgeht?

Annamalai: Das Gemüt ist nur ein Atom des Unendlichen. Wenn wir uns mit Körper und Gemüt identifizieren, halten wir uns für begrenzt. Die Identifikation mit dem Gemüt verhüllt das Selbst. Wenn wir diese Identifikation fallenlassen und als reines Bewusstsein verbleiben, geht das Gemüt im Bewusstsein auf. Dann weißt du, dass das Gemüt kein gesondertes Wesen ist. Es entsteht aus dem Bewusstsein, dem Selbst, und löst sich wieder in ihm auf, ohne sich jemals von ihm abzutrennen.

Tayumanuvar sagte:

Das Gemüt ist wie ein Atom. Der Mensch, dessen Gemüt in seiner Quelle aufgegangen ist, hat nicht seinesgleichen, denn in diesem Zustand gibt es keinen anderen.

Das Selbst ist nichts Geheimnisvolles, denn niemand kann seine eigene Existenz in Frage stellen. Reines Bewusstsein ist immer gegenwärtig und ständige Erfahrungstatsache. Niemand kann leugnen, dass er in allen Bewusstseinszuständen kontinuierlich existiert. Er kann wach sein, träumen und wieder aufhören zu träumen, und der Körper kann sterben. Dies alles kommt und geht, aber stets bleibt das Gefühl „Ich bin“. Alle diese Zustände, Geburt, Tod, Wachen, Träumen, Tiefschlaf, spielen sich nur im Bewusstsein ab, aber während sie einander folgen, bleibt das reine Bewusstsein immer unverändert und unveränderlich. Haltet euch deshalb allein daran.

„Ich bin, der ich bin“ (2. Mose 3,14): Bhagavan zitierte oft dieses Bibelwort und sagte, es fasse den ganzen Vedanta zusammen. Auf die Frage „Was ist Gott?” kann man wahrheitsgemäß antworten: „Gott ist die Erfahrung des „Ich bin“.” Wir alle fühlen „Ich bin“, es ist das Grundgefühl unserer Existenz. Dieses Bewusstsein ist die höchste und einzige Wirklichkeit.

Frage: Es gibt eine andere Aussage in der Bibel, die den Christen sehr wichtig ist: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich.” Wie versteht Swami diese Äußerung Jesu?

Annamalai: Als Jesus sagte „durch mich“, meinte er nicht seinen Körper, sondern das Selbst, aber die Menschen haben dies missverstanden.

Ein anderes Mal sagte Jesus: „Das Königreich Gottes ist in euch.” Er meinte nicht, dass es im Körper liegt, sondern im Selbst, im unendlichen Bewusstsein.

Auch wenn ein Weiser, der unerschütterlich im Selbst ruht, das Wort „Ich“ verwendet, dürfen wir ihn keinesfalls mit seinem Körper gleichsetzen. Wenn der Jnani, mit dem unendlichen reinen Bewusstsein eins geworden, von sich selbst spricht, meint er nicht seinen Körper, seine äußere Gestalt, sondern das allgegenwärtige Bewusstsein.

Wo ist Jesus oder irgendein anderer Jnani im absoluten, alleinigen, gestaltlosen, uns innewohnenden Bewusstsein? Im Bewusstsein ist alles eins, und in dieser Einheit ist es unmöglich, zwischen verschiedenen Menschen zu unterscheiden.

Wer diesen Zustand jenseits des Gemüts erreicht, drückt die Wahrheit auf seine eigene Weise aus. Die Wahrheitssucher versuchen immer, die Botschaft durch das irreführende Medium der Worte zu erfassen. Sie missinterpretieren die Worte mit ihrem Verstand, und daher missverstehen sie, was der Lehrer eigentlich vermitteln will.

Viele Christen beziehen die Aussage „Niemand kommt zum Vater denn durch mich allein“ auf den historischen Jesus Christus. Deshalb verdammen sie alle anderen Vorstellungen von Gott und alle anderen Religionen.

In ihrem Kern sind alle Religionen nur eine Religion. Bhagavan sagte mir einmal: „Wenn man das Ego durch intensive Selbsterforschung ausgelöscht und das nicht-duale Bewusstsein erlangt hat, dann erst kennt man die Wahrheit. Wo sind dann in diesem nicht-dualen Bewusstsein alle Religionen? Und wo sind die verschiedenen religiösen Lehrer? Alles ist eins in diesem Zustand.”

Frage: Hält Swami Jesus Christus für einen Jnani wie viele andere, oder war er noch mehr als das?

Annamalai: Wenn das Ego aufgehoben ist, bleibt nur das Bewusstsein der Einheit. In diesem Zustand gibt es kein höher und niedriger.

Man kann nicht sagen, Jnanis befänden sich auf verschiedenen Stufen. Man kann auch nicht sagen, Jesus sei besser als Bhagavan oder umgekehrt. Es gibt keinen höheren Zustand als den des Jnanis, und kein Jnani steht über einem anderen Jnani.

Aber wenn auch der Bewusstseinszustand und die Erfahrung bei allen Jnanis gleich sind, unterscheiden sich ihre äußeren Tätigkeiten doch voneinander, denn jeder hat eine andere Bestimmung. Manche werden Lehrer, andere nicht.

Ein Glas voll Wasser reicht aus, den Durst eines Mannes zu löschen; ein großer Krug voll Wasser genügt vielleicht für dreißig oder vierzig Leute; das Wasser in einem Brunnen kann den Durst aller Menschen in einem Dorf oder einer Stadt stillen. Manche Wahrheitssucher betreiben Tapas nur für ihre eigene Selbstverwirklichung. Nach ihrer Verwirklichung können sie vielleicht einigen wenigen Menschen helfen. Andere Jnanis haben nicht nur um ihrer eigenen Verwirklichung willen lange Zeit Tapas ausgeübt, sondern auch, um anderen Menschen zur Befreiung zu verhelfen. Solche Jnanis werden weltberühmte Meister und scharen viele Anhänger um sich.

Annamalai: Durch Bhagavans Gnade hatte ich nur wenig Kontakt mit weltlich gesinnten Menschen. Meine Besucher sitzen hier und hören, was ich zu sagen habe. Wenn sie an Bhagavan und seinen Lehren interessiert sind, bleiben sie vielleicht eine Zeitlang, wenn nicht, dann gehen sie wieder. Nur wenige kommen hierher: einige regelmäßige Besucher und vielleicht ein oder zwei neue Leute in der Woche. Wir sprechen dann über Bhagavan und seine Lehren, keinesfalls über das, was in der Welt geschieht. Seit über vierzig Jahren habe ich mir nicht mehr die Mühe gemacht, auf dem Laufenden zu bleiben über das, was sich draußen ereignet. Ich weiß nicht einmal, was in Tiruvannamalai vor sich geht.

Frage: Hast du in allen diesen Jahren Palakottu nie verlassen?

Annamalai: Als Bhagavan noch lebte, stieg ich hin und wieder auf den Gipfel des Arunachala und besuchte oft den Skandashram. In den dreißiger Jahren umwanderte ich öfters den Berg, aber ich machte den Umweg über Pachiamman Koil und den Skandashram, um nicht durch die Stadt gehen zu müssen. Ich war nicht einmal mehr im großen Tempel in der Stadt. In den letzten Jahren habe ich Palakottu bis auf gelegentliche Spaziergänge am Hang des Arunachala nicht mehr verlassen.

Ich kam 1928 in den Shri Ramanasramam. Seitdem habe ich Tiruvannamalai nur noch zweimal verlassen: einmal als ich im ersten Monat nach Polur davonlief, und einmal, als ich für einen Tag in eine andere Stadt fuhr, um Kalk für den Bau der Speisehalle zu bestellen. Das liegt schon über fünfzig Jahre zurück. Seit damals habe ich Tiruvannnamalai nicht mehr verlassen.

Frage: Du hattest großes Glück. Du konntest deinen Sadhana an einem ruhigen Ort bei einem bedeutenden Guru ausüben. Mein Karma erlaubt das nicht. Ich muss in einer großen Stadt im Westen leben und arbeiten. Kann man in einer Stadt wirklich Sadhana ausüben?

Annamalai: Ich habe nie in einer Großstadt Sadhana betrieben, ich war überhaupt nie in einer Großstadt, deshalb kann ich deine Frage auch nicht sachkundig beantworten. Von meinen Besuchern höre ich, dass die Luft in den Städten stark verschmutzt ist, dass es dort viel Lärm gibt und dass die spirituellen Schwingungen sehr schlecht sind. Wenn du die Wahl hast, ist es besser, bei einem Guru oder an einem heiligen Ort, wo die Schwingungen förderlich sind, Sadhana auszuüben. Wenn das nicht möglich ist, dann dürfte es auf dem Land sicherlich besser sein als in der Stadt.

Ganz gleich, wo du lebst: Meide die Gesellschaft von weltlich gesinnten Leuten, also Leuten, die nicht den spirituellen Weg gehen. Versuche einen Menschen zu finden, der im Selbst gefestigt ist, und verbringe deine freie Zeit bei ihm oder ihr. Das ist das Zweitbeste, wenn Satsang mit dem unpersönlichen Selbst nicht in Betracht kommt. Wenn du es ernst meinst, wird Bhagavan deine Lebensumstände zu deinen Gunsten umgestalten. Er wird dich dahin führen, wo du den größten Fortschritt machen kannst.

Frage: Ich muss bald wieder nach Europa reisen, und das macht mir Sorgen. Ich fürchte, dass ich dort mitten in einer Stadt die Selbst-Bewusstheit nicht aufrechterhalten kann. Hier geht es relativ leicht, aber dort ist es sehr, sehr schwierig.

Annamalai: Mit ein bisschen Übung kannst du mitten in einer Menschenmenge einschlafen, auch wenn die Menge großen Lärm macht. Sobald du schläfst, macht dir ihr Geschrei und ihr Geschwätz nichts mehr aus. Wenn du bald wieder in einer lauten und zerstreuenden Umgebung lebst, musst du lernen, wie man im Wachen schläft. Du musst lernen, ständig bewusst zu bleiben, aber zugleich dem Lärm und den möglichen Störungen um dich herum keine Beachtung zu schenken. Wenn du dies erlernst, kann dich nie wieder etwas stören.

Frage: Hier haben wir Satsang. Das ist sehr schön, sehr beglückend. Wenn wir nicht mehr hier sind, wie können wir dann solchen Satsang bekommen?

Annamalai: Wenn es dir nicht bestimmt ist, bei einem Jnani zu leben, kannst du jederzeit versuchen, Kontakt mit dem gestaltlosen Selbst aufzunehmen. Das ist der wahre Satsang. Du sagst, es sei dein Prarabdha (früheres Karma), in einer Stadt zu leben, aber Prarabdha bezieht sich nur auf das körperliche Handeln. Kein Prarabdha kann dich daran hindern, nach innen zu gehen und deine Aufmerksamkeit auf das Selbst zu richten. Diese Freiheit hat jeder Mensch, ganz unabhängig von seinem Prarabdha. Wenn dein Prarabdha dir Satsang mit einem Jnani nicht erlaubt, dann gehe direkt an die Quelle, indem du dich dem unmanifesten Selbst zuwendest. Dieser Satsang ist viel schwieriger zu erreichen und aufrechtzuerhalten, aber wenn du keine Alternative hast, musst du es versuchen.

Kleine Kinder leben in Städten, ohne dass die Atmosphäre oder die Leute dort sie beeinträchtigen. Wenn du ein reines Leben führst und die rechten Anstrengungen unternimmst, wirst auch du den Zustand erreichen, in dem dir die Welt nichts anhaben kann.

Frage: Es wird sehr schwierig werden. Ich werde oft um Hilfe rufen.

Annamalai: Wenn du den Wunsch nach Satsang hast oder fortwährend meditieren möchtest, wird sich dies erfüllen. Ist dein Wunsch stark genug, wird die Kraft des Selbst alles für dich richten. Es wird dir einen Guru schicken, dir Satsang ermöglichen oder was immer du sonst brauchst. Wenn du ernsthaft über das Selbst meditierst, wird alles, was du nötig hast, von selbst zu dir kommen.

Frage: Ich glaube, in der Zeit, die ich in Indien verlebte, habe ich einige Fortschritte gemacht. Ich merke, dass sich meine innere Einstellung zur Welt langsam ändert und dass ich anfange, mich von ihr zu distanzieren.

Annamalai: Du solltest dir sagen: „Es gibt kein Außen und kein Innen. Alles ist das Selbst. Jm Selbst gibt es keine Unterschiede.”

Bhagavan sagte einmal: „Wenn du alle Vorstellungen über Unterschiede aufgeben kannst, reicht das allein schon aus.”

Frage: Sollten wir also in der Welt leben, ohne uns von ihr beeinflussen zu lassen? Sollten wir andere Leute nicht als getrennt von uns betrachten und sie weder als gut noch als schlecht ansehen?

Annamalai: Richtig. Wenn ein Schiff auf dem Ozean schwimmt, dringt kein oder nur sehr wenig Wasser in seinen Rumpf ein. Strömt viel Wasser ein, muss das Schiff schließlich sinken. Ist es dir bestimmt, unter vielen Menschen in der Welt zu leben, versuche dich ihrer Mitte zu halten, ohne ihre materialistischen Gedanken in dein Gemüt eindringen zu lassen. Auf deinem Weg durchs Leben kannst du die Verunreinigung durch weltliches Denken vermeiden, indem du deine Aufmerksamkeit beharrlich auf das Selbst lenkst. Wenn du dich mit dem Gemüt identifizierst, wird alles in der Welt zu einer Quelle möglicher Beschmutzung, aber wenn du dich mit dem Selbst gleichsetzt, wird alles rein, weil du es nur als Erscheinung innerhalb des Selbst erlebst.

Frage: Manchmal sagst du, wir sollten schlechte Gesellschaft meiden. Das ist nicht immer möglich. Bei der Arbeit trifft man mit den verschiedensten Leuten zusammen. Man kann ihnen nicht jederzeit aus dem Weg gehen.

Annamalai: Dann sollte man sich wie ein Schauspieler auf der Bühne verhalten. Äußerlich tut man alles, was die Rolle verlangt, aber innerlich sollte man sich immer des Zentrums bewusst bleiben, des Bewusstseins, das sich uns durch das Gefühl “Ich bin“ zu erkennen gibt.

Ich sage, meidet „schlechte Gesellschaft“, aber letzten Endes ist schlechte Gesellschaft nur eine Vorstellung des Gemüts. Im Selbst gibt es keine schlechte Gesellschaft. Solange du noch darum ringst, dich von deinem Gemüt zu lösen, ist es hilfreich, schlechte Gesellschaft zu meiden. Ist das nicht möglich, dann unternimm eine besondere Anstrengung, dich ins Selbst zurückzuziehen. Wenn du im Selbst gefestigt bist, können dich die Gedankenströme anderer Menschen nicht berühren. Hast du mit unspirituellen Leuten zu tun, dann urteile nicht über sie „Dies ist ein schlechter Mensch“ oder „Ich mag ihn nicht“. Je weniger du dich in Gegenwart solcher Leute mit dem Gemüt identifizierst, desto besser.

Frage: Ich bin sicher, dass ich zu Hause sofort wieder der Maya unterliege. Ich bin nicht sehr optimistisch in Bezug auf meine spirituelle Zukunft.

Annamalai: Wo kein Gemüt ist, da gibt es keine Welt, keine Maya und nichts anderes als dich selbst. Maya ist das Ego, das Ego ist das Gemüt, und das Gemüt ist alles, woran du denken und was du wahrnehmen kannst. Um dich vom Gemüt, vom Ego, von der Maya zu befreien, darfst du dich nicht mehr in Gedanken verwickeln lassen. Sei wie die Achse eines Wagens Auch wenn die Räder noch so schnell rotieren, bleibt die Achse doch unbewegt. Erst wenn du fest in der absoluten Ruhe des Selbst gegründet bist, wirst du verstehen, dass Maya von der Unruhe des Gemüts hervorgerufen wird. Wenn du in totaler Stille als das Selbst verharrst, entsteht keine Maya.

Ein weiteres Beispiel: sei wie ein starker Baum Wenn der Wind weht, bewegen sich seine Zweige und Blätter, aber der Stamm bleibt unerschüttert. Betrachtest du dich als das Gemüt, dann wirst du durchgeschüttelt wie die Zweige im Sturm. Je weniger du dich mit dem Gemüt identifizierst, desto weniger Bewegung gibt es. Wenn du dir deiner selbst ohne Beteiligung des Gemüts ausschließlich als Bewusstsein bewusst bist, dann gibt es überhaupt keine Bewegung, nur ununterbrochenen Frieden und absolute Stille.

Frage: Swami, du sagst oft, wir sollten schlechte Handlungen vermeiden. Was meinst du genau mit „schlechten Handlungen“?

Annamalai: Ganz allgemein ist alles, was anderen Wesen schadet, eine schlechte Handlung. Aber man kann auch sagen, dass jede Handlung, die unsere Aufmerksamkeit vom Selbst ablenkt, schlecht ist. Die Identifikation mit dem Körper ist die ursprüngliche schlechte Handlung, denn aus ihr folgen alle anderen.

Frage: Bhagavan sagte: „Seid euch immer der Gegenwart des Selbst bewusst.” Meinte er damit das Gefühl „Ich bin“, was sich bei mir mit meinem persönlichen „Ich“ vermischt, oder meinte er das wahre „Ich“?

Annamalai: Bhagavan spricht vom „Ich bin“ als etwas hier und jetzt Gegenwärtigem. Es hat nichts zu tun mit dem persönlichen „Ich“. In diesem „Ich bin“ gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft. Im Kaivalya Navanitam heißt es:

„Der im „Ich bin“ verankerte Jivanmukta sorgt sich weder um die schon verschwundene Vergangenheit noch um die ungewisse Zukunft. Was immer ihm jetzt geschieht, daran erfreut er sich. Selbst wenn die Sonne sich in den Mond verwandelt oder ein Toter vom Verbrennungsplatz ins Leben zurückkehrt, sieht er das nicht als Wunder an.”

Das persönliche „Ich“ fällt Urteile über gut und böse, richtig und falsch. Es verwickelt sich ständig in Dualität. Der Jivanmukta, der sich seiner selbst nur immer als „Ich bin“ bewusst ist, hat alle Dualität transzendiert. Er sieht kein richtig und falsch. Er ist Beobachter allen Geschehens, ohne es zu beurteilen oder sich mit ihm zu identifizieren.

Frage: Muss ich still und entspannt sein, wenn ich mein Gemüt auf das Gefühl „lch bin“ lenke? Sollte ich ohne eigenes Eingreifen wahrnehmen, was geschieht, oder sollte ich beobachten, prüfen, vergleichen und so weiter?

Annamalai: Es genügt, wenn du dich einfach im Gefühl „Ich bin“ entspannen kannst. Sei allem gegenüber neutral, was im Bewusstsein „Ich bin“ geschieht. Du bist das Bewusstsein selbst, nicht die Gedanken und Ideen, die darin in Erscheinung treten. Viel Gutes und Böses geschieht in der Welt. Wir kümmern uns meist nicht darum, weil wir denken: „Dies geschieht anderen, nicht mir.“ Diese Haltung solltest du auch einnehmen gegenüber den Vorgängen in deinem Gemüt. Wenn du dich mit Gedanken identifizierst, sie beurteilst, vergleichst, dir Sorgen über sie machst, sie zu unterdrücken versuchst oder dich sonst wie auf sie einlässt, werden sie dir Schwierigkeiten bereiten. Es ist besser, ihnen gegenüber absolut indifferent zu bleiben. Wenn du sie nicht beachtest, können sie dir nie etwas anhaben.

Frage: Ich habe Swami oft sagen hören, Sattva Guna (Reinheit) sei identisch mit dem Selbst. Aber viele Heilige und heilige Schriften sagen, man müsse auch über Sattva Guna hinausgelangen, weil dies noch nicht der höchste Zustand sei.

Annamalai: Ein Vers im Kaivalya Navanitam sagt: „Reines Sattva ist die Wirklichkeit. Wenn du dich nicht länger mit Rajoguna (innere Unruhe, Begierde) und Tamoguna (Trägheit) identifizierst, werden sich Welt und Gemüt verflüchtigen.”

Man kann den Jnani als reines Sattva bezeichnen. Dies ist nur ein anderer Ausdruck für das Selbst.

Frage: Wenn der Jnani in Sattva gefestigt ist, und Sattva das Selbst ist, was bedeutet dann der Begriff Trigunatita (jenseits der drei Gunas)?

Annamalai: In Wirklichkeit ist nichts getrennt von dir. Selbst die Dinge, die dein Guru dir fallenzulassen rät, wie zum Beispiel die drei Gunas und Maya, sind letztlich Teile deiner selbst. Es hängt alles vom Blickwinkel ab. Wenn du keine Distanz zu den drei Gunas einnehmen und ihr Wechselspiel nicht aus sicherer Entfernung beobachten kannst, werden sie dich überwältigen und dir Kummer bereiten. Wenn du aber tief ins Selbst sinkst und dort Fuß fasst, können sie dir nichts anhaben. Die Tiefen des Ozeans bleiben unberührt von den Wellen auf der Oberfläche, wie hoch sie auch gehen mögen. Das Wasser in den Wellen ist dasselbe wie in der Tiefe, aber wenn du an der Oberfläche bleibst, schleudern dich die Wellen unentwegt hin und her.

Die Wellen sind nur ein winziger Teil des Ozeans; sie bilden seine äußere Form. So sind auch im weiten, unendlichen Meer reinen Bewusstseins Namen, Formen und Gunas nur Wellengekräusel an der Oberfläche. Sie alle sind Manifestationen des einen Bewusstseins. Wenn du den Stürmen an der Oberfläche entkommen willst, lass dich tiefer in das reine Bewusstsein sinken und verweile darin. Von dort kannst du Namen, Formen und Gunas aus großer Distanz betrachten, ohne dass sie dich behelligen oder überhaupt berühren. Aus den stillen Tiefen des Selbst siehst du die Namen und Formen nicht als von dir unabhängige Dinge, sondern als Teile deines eigenen Selbst. Du akzeptierst sie als entferntes „Wellengekräusel“ deines eigenen Seins. Wenn du in den reglosen Tiefen des ungeformten Selbst dauerhaft Fuß fassen kannst, bist du Trigunatita, jenseits der drei Gunas, wenngleich die drei Gunas untrennbare Teile des Bewusstseins sind, das deine wahre Natur ist.

Bewusstsein ist sowohl gestalthaft als auch gestaltlos; dasselbe kann man von Gott und Jnani sagen. Bewusstsein birgt in sich alle Namen, Formen und Gunas, aber der Jnani, wissend, dass sein wahres Wesen nichts als Bewusstsein ist, hat sie alle transzendiert.

Frage: Wir nehmen den Jnani als gestalthaft wahr. Steht dieser Körper unter dem Einfluss der Gunas?

Annamalai: Der Jnani betrachtet sich selbst nicht als gestalthaft, er sieht sich nur als das Selbst. Wenn wir Bhagavan auf eine Form beschränken, so ist das nicht sein Fehler, sondern unserer. Es mag uns scheinen, als stehe der Körper, den wir fälschlich als Bhagavan ansehen, unter dem Einfluss des Wechselspiels der Gunas, aber aus Bhagavans Sicht existiert überhaupt kein Körper, sondern nur das Selbst. Solange wir uns selbst und Bhagavan mit bestimmten Formen identifizieren, können wir ihn nicht wahrnehmen, wie er wirklich ist.

Bhagavan sagte mir einmal: „Alle Formen sind Gott, und alle Aktivität ist Gottes Aktivität.” Das bedeutet nicht, dass jede einzelne Form eine besondere Manifestation Gottes wäre, denn im Selbst gibt es keine Vereinzelung. Alle Menschen, alle Dinge und die Gunas, die ihr scheinbares Wechselspiel hervorrufen, sind nichts als untrennbare Erscheinungen im unteilbaren, unmanifesten Selbst.

Frage: Swami, ist es ratsam, Fastenzeiten einzulegen?

Annamalai: Ich fragte Bhagavan einmal nach der geeigneten Nahrung für Sadhakas.

Er antwortete: „Wenn du deinem Magen zuviel Essen zumutest, verringert sich deine Energie und deine Fähigkeit, im Bewusstsein zu verweilen. Mit wenig Essen im Magen wirst du besser meditieren können.”

Es ist nicht nötig, dem Magen die Nahrung ganz zu entziehen. Sattvisches Essen in bescheidener Menge dient dir am besten, wenn du gut meditieren willst.

In der Wirbelsäule gibt es einen Kanal von der Dicke eines Fadens. Durch diesen Kanal fließt Licht empor. Wenn du zuviel Essen in den Magen stopfst, wird dieses Licht verdeckt. (Anmerkung: Wo soll dieser Kanal denn sein?)

Frage: Swami hat in den vierziger Jahren mindestem ein Jahr lang Mauna (Schweigen) bewahrt. Damals muss es hier sehr friedvoll und still gewesen sein. Heute ist die Gegend vom Lärm der Lautsprecher, Busse, Lastwagen und Radios erfüllt. Ich würde auch gerne eine Zeitlang Mauna einhalten, aber hat es Zweck zu schweigen, wenn ringsumher soviel Lärm ist?

Annamalai: Mauna bedeutet innere, nicht äußere Stille. Äußeren Lärm und Störungen sollten wir als Manifestationen Gottes annehmen. Wenn wir uns darauf versteifen, sie als Störungen zu betrachten, stellen wir uns dem, was ist, entgegen; das führt nur zu innerer Ruhelosigkeit. Wenn wir alles, was ist, als göttlich ansehen, kann nichts unsere innere Ruhe erschüttern.

Fälle keine Urteile über die Welt „Eine ruhige Umgebung ist gut, eine geräuschvolle ist schlecht.“ Diese Denkweise verstrickt dich unausweichlich in das Wirken des Gemüts. Es ist nichts falsch an der Welt oder deiner Umgebung. Die Fehler liegen nur im Gemüt, das die Welt betrachtet. Wenn du die Betrachtungsweise des Gemüts änderst, verwandelt sich die Welt sofort. Du kannst auch dein Gemüt insgesamt Gott ausliefern.

Jnanasambandhar sagte einmal: „Es gibt einen Weg, in dieser leidvollen Welt glücklich zu leben: Du musst dein Gemüt Gott hingeben.”

Auch Bhagavan sagte: „Gib dein Gemüt Gott hin, und sieh alles als Gott an. Nur wer so lebt, kann glücklich sein.”

Frage: Stimmt es, dass ich mich, um Selbstverwirklichung zu erlangen, fortwährend fragen muss: „Wer ist der Strebende?“ Muss ich mir immer dieser Selbstverwirklichung erstrebenden Person bewusst sein?

Annamalai: Du brauchst dich nicht an die Person des Strebenden zu halten. Wenn du erkennst, dass der Strebende derselbe ist, dessen Gemüt umherwandert, und wenn du erkennst, dass beide unwirklich sind, dann bist du schon erwacht. Sobald du eine Lampe anzündest, hört die Dunkelheit auf zu existieren. Wenn du erfährst, dass du das Selbst bist, verschwindet die Dunkelheit des „Nicht-Selbst“.

Frage: Es ist so schwierig, sich nicht in die Betriebsamkeit des Gemüts zu verstricken. Den Gedanken keine Beachtung zu schenken ist wie der Versuch, die hereinströmende Flut zurückzuhalten. Immer neue Gedankenwellen spülen den unbeteiligten Beobachter alle paar Sekunden fort.

Annamalai: Selbsterforschung muss beharrlich wiederholt werden. Das unstete Gemüt verliert allmählich seine Kraft, wenn es fortwährender Beobachtung ausgesetzt ist. Das Gemüt zieht seine ganze Energie aus der Beachtung, die du den Gedanken und Gefühlen schenkst. Wenn du dich weigerst, sie zu beachten, und vielmehr jeden Gedanken gleich bei seinem Erscheinen in die Schranken weist, wirst du früher oder später aufhören, alle deine herumstreunenden Gedanken ernst zu nehmen. Ist die Anziehungskraft der flüchtigen Gedanken einmal soweit verringert, dass du nicht länger glaubst, sie festhalten zu müssen, sobald sie auftreten, kannst du, ohne abgelenkt zu werden, still in der Erfahrung deines wahren Wesens verharren.

Frage: Wir sind gewöhnt, die Welt als aus vielen einzelnen Dingen bestehend anzusehen. Wie können wir unsere Sichtweise so verändern, dass wir überall nur das Selbst wahrnehmen?

Annamalai: Wenn du deine Aufmerksamkeit immer wieder auf das alldurchdringende Bewusstsein in dir selbst lenkst, legt sich allmählich die Gewohnheit, Vielfalt wahrzunehmen. Du siehst nur deshalb Vielheit, weil du dieser Gewohnheit nachgibst. Ziehe deine Energie unverzüglich von dieser Gewohnheit ab und wende dich stattdessen deinem wahren Selbst zu. Durch stetiges Verweilen im Selbst sammelst du genügend Energie, um die Illusion von Vielheit abzuwehren. Indem du immer wieder in reines Bewusstsein eintauchst, verliert die Gewohnheit, das Eine als Vielheit anzusehen, ihre Macht und löst sich allmählich auf.

Frage: Stimmt es, dass das „Nicht-Selbst“ zugleich mit dem Ego verschwindet?

Annamalai: Ja.

Frage: Mir ist aufgefallen, dass die Leute in unserer Umgebung vom Ego dominiert erscheinen, wenn man selbst stark unter dem Einfluss des Egos steht. Sobald wir uns aber von der Identifikation mit Körper und Gemüt zu lösen beginnen, bemerken wir die Ausstrahlungen anderer Leute nicht mehr.

Annamalai: Wer sich seines Egos entledigt hat, sieht die anderen als Teil seiner selbst, genau wie Arme, Beine, Füße zu einem einzigen Körper gehören. Alles ist eins. In einem Lied Manikkavachagars heißt es: „Du allein bist, und niemand ist getrennt von dir.”

Der Jnani sieht keine anderen Menschen, er sieht nur das Selbst. Die spirituelle Kraft und Ausstrahlung solcher Menschen hilft anderen, ihre Wahrnehmung zu vervollkommnen. Deshalb ist Satsang so wichtig und hilfreich.

Bhagavan sagte einmal: „Nur Jnanis sind reine Menschen. Die anderen sind vom Ego verunreinigt. Für alle, die sich geistig weiterentwickeln wollen, ist es sehr wichtig, mit Jnanis in Kontakt zu kommen.”

Frage: Bedeutet Satsang nur „Zusammensein mit Jnanis“, oder kann es auch „Zusammensein mit rechtschaffenen Menschen“ ausdrücken?

Annamalai: Das wahre Sat, das Sein, ist in dir. Du nimmst jedes Mal, wenn du dich nach innen wendest, Verbindung mit ihm auf und hast somit Satsang. Dafür brauchst du keinen Jnani; Kontakt mit dem Sein kannst du überall haben. Dagegen bekommen weltlich gesinnte Leute, die in der Nähe von Jnanis leben, keinen Kontakt zu ihnen, weil sie sich nicht auf das Sat der Jnanis einstimmen.

Manche Leute in der Nähe von Heiligen ähneln den „Unni“ genannten Insekten, die sich auf dem Euter von Kühen einnisten. Statt Milch saugen sie dort Blut. Etliche Personen, die in Bhagavans Nähe lebten, ignorierten seine Lehren und ließen sich von der Gnade, die von ihm ausging, nicht berühren. Sie arbeiteten und aßen im Ashram, aber sie hatten wenig Nutzen davon. Diese Leute hatten keinen Satsang, sie waren menschliche Unni.

Eine mit Bhagavan verbundene Gruppe von Brahmanen pflichtete der advaitischen Sicht der Dinge „Alles ist Brahman, alles ist das Selbst“ nicht bei. Damals lasen wir oft aus der Ribhu Gita, einer Schrift, die wiederholt betont: „Alles ist Brahman.“ Die Brahmanen lehnten es ab, sich an den Lesungen zu beteiligen, weil sie mit dieser Lehre nicht übereinstimmten.

„Wo ist das Brahman, von dem ihr sprecht?” fragten sie. „Wie kann es alles sein? Wie könnt ihr ständig „Alles ist Brahman“ singen, wenn das nicht eurer Erfahrung entspricht? Vielleicht sind solche Lehren gut für Leute wie Bhagavan, aber warum sollten wir diese Aussagen wie Papageien in einem fort nachplappern?” Bhagavan selbst riet uns, diese Schrift regelmäßig zu lesen. Er sagte, dies häufig zu wiederholen führe zu Samadhi. Mit dieser Anweisung gab Bhagavan uns eine Methode an die Hand, etwas von dem Sat (dem Sein) zu erfahren, das seine wahre Natur war. Er bot uns damit eine äußerst wirkungsvolle Form von Satsang. Aber die Brahmanen wollten das nicht. Sie kritisierten lieber den Inhalt des Buches. Wenn jemand bewusst ablehnt, mit Bhagavans Sat in Kontakt zu kommen, kann man nicht davon sprechen, dass er mit ihm Satsang hätte.

Frage: Hatten diese Leute, auch wenn sie Bhagavans Lehren weder verstanden noch beherzigten, nicht doch einen gewissen Nutzen davon, ihm einfach nahe zu sein? Trägt ihre physische Nähe zu Bhagavan vielleicht in einem späteren Leben Frucht? (Anmerkung: An was Menschen alles so glauben?)

Annamalai: Ja, das ist richtig. Im Yoga Vasishtha heißt es, dass man durch Kontakt mit einem Jnani in nur vier oder fünf Inkarnationen Mukti erlangt. (?) Diese Leute lebten in Bhagavans Nähe und lernten seine Lehren kennen, auch wenn sie nicht daran glaubten und sie nicht befolgten. Die Lehren sind wie Keime, die zu sprießen beginnen, wenn Zeit und Umstände dafür reif sind.

Frage: Es heißt, dass Guru Nanak, Kabir und andere Heilige die Verehrung von Kultbildern strikt ablehnten. Bhagavan hat erklärt, solche Rituale seien für manche Leute auf einer gewissen Stufe ihres Sadhana hilfreich. Ich las, dass ein wahrer Jnani niemals etwas kritisiert. Waren diese Heiligen also keine Jnanis? Oder haben ihre Anhänger die Lehren nicht richtig verstanden?

Annamalai: Guru Nanak und Kabir waren unzweifelhaft Jnanis. Wenn Menschen, die intensiv nach Befreiung streben, ausschließlich an einer bestimmten Form Gottes festhalten, geschieht es oft, dass ihr Fortschreiten zur Wahrheit völlig zum Stillstand kommt. Zum Wohle solcher Menschen sprachen sich die Heiligen gegen die Verehrung von Kultbildern aus.

Jnanis kritisieren nichts. Wenn der äußere Eindruck entsteht, als übten sie Kritik, so dient dies nur dem Wohl anderer. Ihre eigene innere Erfahrung kennt kein „gut“ oder „schlecht“.

Solange man sich noch mit dem Körper identifiziert, ist nichts gegen die Verehrung von Kultbildern einzuwenden. Wer den Körper als sein Ich betrachtet und rituellen Gottesdienst verrichtet, denkt dabei intensiv an Gott. Er wird sich einer Kraft bewusst, die größer ist als sein kleines, begrenztes Ich. Man sollte nichts abfällig beurteilen, was im menschlichen Gemüt ein Bewusstsein von Gott hervorruft.

Derselbe Bhagavan, der manchen Menschen zugestand, dass rituelle Gottesverehrung für sie richtig sei, sagte mir: „Du brauchst Gott nicht äußerlich zu verehren.”

Viele Jahre später untersagte er mir sogar, ihn zu besuchen. Er begründete das zwar nicht, aber vermutlich sollte ich meine Anhänglichkeit an seine leibliche Gestalt aufgeben.

Er sagte mir: „Halte dich an das Selbst Wenn dir das gelingt, brauchst du keine anderen Übungen. Dies ist das höchste und endgültige Sadhana.”

Bhagavan schrieb in einer seiner Dichtungen (Ulladu Narpadu): „Wenn du eine Gestalt hast, ist auch Gott gestalthaft; wenn du keine Gestalt hast, ist auch Gott gestaltlos.” Wenn du alles Gestaltete als Erscheinungsform Gottes ansehen kannst, wie kannst du dann sagen, Gott sei gestaltlos? In der Ribhu Gita heißt es: „Alles Geformte ist Brahman.”

Frage: Ich habe irgendwo gelesen: „Alles Geformte ist seine Form, und dennoch besitzt er keine Form.”

Annamalai: Ja. Der Ozean hat viele Wellen auf seiner Oberfläche, die ihm eine äußere Form geben, aber das Wasser selbst ist formlos. Manikkavachagar sang in einem Lied: „Gott ist beides, Dunkelheit und Licht; er ist männlich und weiblich, unwirklich und wirklich; er ist alles.” (oder nichts von alledem?)

Frage: Kürzlich erhielt ich einen Brief von einem Freund. Als ich ihn las, war ich sehr glücklich, und mein Gemüt war erregt. Später dachte ich: „Ich hänge an diesem Menschen. Meine Liebe gilt nicht allen gleicherweise.”

Annamalai: Nur eine bestimmte Person zu lieben oder zu schätzen ist nicht recht. Liebe alle Menschen Das ist Wunschlosigkeit.

Frage: Ich habe einen guten Freund, der seit zehn Jahren im Gefängnis sitzt. Er ist sehr verzweifelt. Kann ich ihm irgendwie helfen?

Annamalai: Gott lenkt die ganze Welt. Wir sollten alle Last zu seinen Füßen niederlegen. Überlasse Gott die Führung der Welt Er hat entschieden, was unsere Körper in dieser Welt zu tun haben. Es ist Gottes Wille, dass dein Freund im Gefängnis sitzt, aber Gott sperrt das Gemüt der Menschen nicht ein. Sie haben jederzeit die Freiheit, sich ihm zuzuwenden. Sie können immer auf das Selbst zugehen und sich von den Tätigkeiten des Körpers distanzieren.

Wenn du deinem Freund helfen willst, schicke ihm ein paar Bücher von Bhagavan. Aus ihnen kann er etwas über sein eigenes Selbst erfahren. Wenn er die Bücher versteht, mag er versuchen, innere Freiheit zu erringen, auch wenn er sich hinter Gittern befindet. Wahrscheinlich leidet er, weil man ihn ins Gefängnis gesperrt hat. Wenn er durch Bhagavans Lehren etwas über sein wahres Wesen erfährt, wird er erkennen, dass nur sein Körper im Gefängnis ist. Niemand kann das Selbst einsperren. Lernt er, sich mit seinem wahren Selbst zu identifizieren, so wird er größere Freiheit erlangen als seine Aufseher.

Unkenntnis des Selbst führt zu Unglück und Leid. Dein Freund ist wahrscheinlich unglücklich, weil man ihn ins Gefängnis gesperrt hat. Aber die Menschen außerhalb des Gefängnisses sind meist ebenso unglücklich, weil sie sich durch Identifikation mit dem Körper begrenzen. Sie sperren sich selbst in den Körper ein, indem sie sich fälschlich mit ihm identifizieren. Wer das Selbst nicht kennt, führt ein unglückliches Leben, ob er im Gefängnis sitzt oder nicht.

Aurobindo und Gandhi haben im Gefängnis intensiv Sadhana ausgeübt. Mit der richtigen Einstellung kann das Gefängnis ein sehr geeigneter Ort zur Meditation sein.

Frage: Es bedarf einer großen Anstrengung, sich im Selbst zu festigen. Ich bin nicht sicher, ob mein Freund dazu fähig ist.

Annamalai: Ja, es erfordert eine große Anstrengung. Feuchtes Holz kann nicht sofort Feuer fangen, es muss zuerst in der Sonne trocknen. Ein durch stetige Meditation vorbereitetes Gemüt kann durch einen einzigen Funken vom Selbst entzündet werden.

Manche Menschen müssen aufgrund ihres schlechten Karmas aus früheren Leben viel leiden. Dieses Leiden läutert das Gemüt bis zu einem gewissen Grad, so wie die Sonnenwärme feuchtes Holz trocknet. Ein geläutertes Gemüt kann Jnana viel besser aufnehmen.

Gott führt uns oft in große Schwierigkeiten, damit wir unsere Aufmerksamkeit von der Welt abziehen und sie ihm zuwenden. Schmerz und Enttäuschung veranlassen uns zu fragen: „Wie können wir uns von diesem Leiden befreien?“

Dann wenden wir uns oft an Gott um Hilfe. Das Leiden in der Welt ist häufig eine Gabe Gottes: Durch das Tor von Unglück und Leid betreten wir sein Königreich.

Nur weil wir uns mit Körper und Gemüt identifizieren, kommt dem Leiden eine scheinbare Existenz zu. In Wahrheit gibt es kein Unglück und kein Leid.

Bhagavan sagte häufig: „In Gottes Schöpfung gibt es keine Fehler. Unglück und Leid existieren nur im Gemüt.”

Wenn wir aufgrund falscher Vorstellungen über uns selbst leiden, können wir diesen Zustand überwinden, indem wir diese Vorstellungen aufgeben oder uns Gott zuwenden. Das Leiden treibt uns an, unserer selbstbegrenzenden Unwissenheit zu entfliehen. Wenn Gott nicht Leid und Unglück schenkte, wären viele Menschen damit zufrieden, ihr ganzes Leben fern von Gott und ohne Einsicht in ihr wahres Wesen zu verbringen.

Frage: Verbrennt Karma in der Gnade des Gurus? Kann der Guru uns einen Teil unseres Karmas abnehmen?

Annamalai: Ich diente Bhagavan viele Jahre lang mit ganzem Herzen und wachem Verstand; dabei wurde mein aus früheren Leben stammendes Karma getilgt. Das alles geschah durch seine Gnade. Als diese Phase beendet war, sagte mir Bhagavan: „Dein Karma ist ausgeschöpft.” Ich hatte einen solchen Segen Bhagavans nicht erwartet.

Es liegt am Karma, ob man einen so großen Guru wie Bhagavan findet. Nur wer in früheren Leben Tapas geübt hat, darf hoffen, auf einen solchen Guru zu stoßen.

Der Weg des Jnana steht denen offen, die nur noch wenig Karma haben. Wer noch viel Karma ausarbeiten muss, kommt auf dem Weg des Jnana nicht zum Ziel, weil er nicht ruhig und still sein kann. Nur wer still zu sein gelernt hat, vermag im Selbst zu verweilen.

Wenn man das Glück hat, einen Guru wie Bhagavan zu finden, sollte man bei ihm bleiben und ihm von ganzem Herzen dienen. Zahlreiche Leute kamen zu Bhagavan, dienten ihm und sagten, sie erstrebten Selbstverwirklichung, aber mit der Zeit vergaßen viele von ihnen, zu welchem Zweck sie Bhagavan aufgesucht hatten. Sie mischten sich in die Geschäfte des Ashrams ein, und die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung kam ihnen bald abhanden. Andere hatten ein paar gute Erfahrungen und verließen dann den Ashram, weil sie meinten, es gäbe für sie nichts mehr zu lernen.

Wenn du bei einem Guru leben kannst, dann verschenke diese großartige Chance nicht, indem du ihn verlässt oder dich in seiner Nähe trivialen Tätigkeiten hingibst.

Frage: Ich habe gelesen, dass die meditative Strömung sich die ganze Nacht hindurch fortsetzt, wenn man intensiv genug meditiert. Bevor ich abends zu Bett gehe, wiederhole ich mir selbst: „Ich bin nicht der Körper, ich bin nicht das Gemüt, ich bin das mir innewohnende Selbst.” Hat das einen Effekt? Wirkt es die Nacht hindurch weiter?

Annamalai: Was du tust, ist sehr gut. Wenn du mit dieser festen Überzeugung einschläfst, wirkt sie während des Schlafs im Gemüt fort, und wenn sie im Schlaf gegenwärtig ist, steigt sie am nächsten Morgen von selbst als erster Gedanke auf.

Frage: Swami sagt oft, wir dürften uns nicht mit dem Körper identifizieren. Wenn ich aber die Vorstellung zurückweise, dass dies mein Körper ist, welche anderen Instrumente kann ich dann zur Selbstverwirklichung benutzen? Muss ich mich nicht irgendwie mit dem Körper identifizieren, um mit seiner Hilfe Sadhana betreiben zu können?

Annamalai: Du trägst ein Hemd. Heißt das, dass du dich selbst für das Hemd halten musst? Du trägst es, um warm zu bleiben, aber du sagst nicht: „Ich bin das Hemd.“ Du kannst den Körper als Instrument zur Selbstverwirklichung benutzen, ohne zu denken: „Ich bin der Körper.“ Betrachte den Körper einfach als nützliches Hilfsmittel.

Frage: Ich finde das etwas verwirrend. Bhagavan war gewiss verwirklicht, aber auch in diesem Zustand blieb er sich seines Körpers bewusst. Wenn er krank war, sagte er nicht: „Es tut mir weh“, sondern: „Es tut ihm weh.“ Wenn er sich der Schmerzen im Körper bewusst war, muss er noch ein wenig damit identifiziert gewesen sein.

Annamalai: Auch wenn sein Körper Schmerzen hatte, stand Bhagavan über den Schmerzen. Nichts, was mit dem Körper geschah, konnte ihn berühren. (Anmerkung: Und wieso stöhnte er dann nachts vor Schmerzen, wenn der Schmerz ihn angeblich nicht berührte?)

Frage: Er stand über den Schmerzen in dem Sinn, dass sie ihm keine Sorge bereiteten, aber dennoch war er sich der körperlichen Schmerzen bewusst.

Annamalai: Er nahm die Schmerzen wahr, aber er dachte nicht: „Dies ist mein Körper, ich habe Schmerzen.“ Du kannst Vögel auf einen Baum fliegen und ihn verlassen sehen, ohne zu denken: „Ich bin der Baum, dies sind meine Vögel.“ Ebenso konnte Bhagavan körperliche Empfindungen haben, ohne zu denken: „Ich bin der Körper, dies ist mein Schmerz.“ Er trug den Körper so wie andere Leute einen Dhoti.

Du misst deinem eigenen und Bhagavans Körper zuviel Bedeutung bei. Man kann leben, ohne sich des Körpers bewusst zu sein, davon sollte dich deine eigene Erfahrung des Schlafs überzeugen. Alle deine Fragen und Zweifel entstammen der Ebene von Körper und Gemüt, der Vorstellung, du seiest ein Körper und eine Person. Um die Beziehung zwischen Körper und Selbst zu erfassen, musst du das Selbst erfahren, wie es wirklich ist. Dazu musst du aber zunächst bereit sein, dich von der Vorstellung zu lösen, du seiest ein Körper und eine Person. Solange du noch an falschen Vorstellungen über den Körper festhältst, wirst du diese Erfahrung nie erlangen. Du kannst deine Zweifel in Bezug auf den Körper nicht ausräumen, indem du darüber diskutierst, sondern nur, indem du sie aufgibst.

Frage: Worin besteht die Beziehung zwischen dem wahren und dem falschen „Ich“? Welche Verbindung gibt es zwischen ihnen?

Annamalai: Wie könnte es zwischen dem, was allein existiert, und dem, was außerhalb deines Gemüts nie eine Existenz besessen hat, irgendeine Beziehung oder Verbindung geben? Allein das Selbst existiert. Es hat keine Verbindung oder Beziehung mit irgendetwas anderem, weil es nichts von ihm Getrenntes gibt. Das falsche „Ich“ ist unwirklich, es ist eine falsche Vorstellung. Wenn du irgendwann zu glauben aufhörst, du seiest eine Person, die in einem Körper wohnt, dann geht dir auf, was du wirklich bist.

Wenn ein Schielender auf die Spitze des Arunachala schaut, sieht er nicht einen Gipfel, sondern zwei. Wenn er nichts von seinem Sehfehler wüsste, könnte er fragen: „Welche Beziehung besteht zwischen den beiden Gipfeln? Wie kann ich eine Brücke zwischen ihnen bauen?“ Es gibt nur eine richtige Antwort auf solche Fragen:

„Du siehst falsch. Lass deine Augenstellung korrigieren, und du wirst sehen, dass da nur ein Gipfel ist. Dann wirst du erkennen, dass der zweite Gipfel nur in deiner Vorstellung vorhanden war.“

Deine spirituelle Sicht ist fehlerhaft. Sie lässt dich viele Gegenstände statt des einen Selbst sehen. Diesen Sehfehler kannst du beheben, indem du dich im Selbst festigst. Wer im Selbst ruht, nimmt keine Vielheit wahr, sondern immer nur das eine Selbst.

Frage: Ich beobachte, wie die Lehre innerlich weiterwirkt. Als ich heute morgen aufwachte, war mein erster Gedanke „Ich nehme Zuflucht zu den Füßen Bhagavans“. Aber dann kam gleich der nächste Gedanke: „Wer ergreift Zuflucht?“ Ist diese neue Haltung dadurch entstanden, dass ich Swamis Lehren zugehört habe?

Annamalai: Ganz richtig.

Frage: Ich empfinde jetzt eine innere Wachheit.

Annamalai: Wenn du dich, sobald ein Gedanke auftaucht, fragst, woher er kam, wird deine Aufmerksamkeit zum Selbst umgeleitet. Das Selbst ist immer wach, das ist seine Natur.

Frage: Ich bin daran gewöhnt, mich an etwas Konkretes zu halten, wie z. B. an Bhagavans physische Gestalt. Das hängt mit meiner Suche nach Sicherheit zusammen. Ich merke jetzt, dass mein Sicherheitsbedürfnis geringer wird.

Annamalai: Nur wenn du alle Krücken ablegst, kannst du den wirklichen Bhagavan begreifen. Indem du auf die Stützen verzichtest, gibst du deine Sicherheit nicht auf; du findest größere Sicherheit im wahren Bhagavan.

Auch Bhagavans Bild und Gestalt sind Maya. Er wohnt in uns als das Selbst - das ist der wirkliche Bhagavan. Nachdem Manikkavachagar Shivas Segen erhalten hatte, dichtete er ein Lied, in dem er Shiva mit der Bezeichnung Mayavadin (Lehrer der Maya-Philosophie) ehrte. Wir müssen von einem Guru die Wahrheit über Maya erfahren, um dann mit seiner Gnade über sie hinauszugelangen.

Chinnaswami versuchte einmal, mich zu erschrecken, indem er erklärte: „Glaube nicht, was Bhagavan dir sagt; er ist ein Mayavadin (jemand, für den die Welt unwirklich ist). Er wird dich täuschen und betrügen.”

Ich entgegnete: „Er betrügt vielleicht den Körper und das Gemüt, aber dadurch zeigt er mir das Selbst.”

In meiner frühen Zeit in Palakottu stieg ich einmal auf den Arunachala, um mir die Mangobaum-Höhle anzusehen, in der Bhagavan gelebt hatte. Neben der Höhle saß ein Sadhu mit langem verfilzten Haar im Lotossitz. Ich hielt ihn für einen Schwindler, deshalb betrat ich die Höhle, ohne ihn zu beachten.

Als ich herauskam und an ihm vorbeiging, rief er zornig aus: „Du bist ohne Namaskaram an mir vorbeigegangen. Dafür verfluche ich dich.”

Ich lachte ihn an und sagte: „Ich bin zum Arunachala gekommen, weil ich zugrunde gehen wollte. Möge sich dein Fluch erfüllen. Ich will, dass mein Ego zugrunde geht.”

Der Sadhu war sehr verärgert, als er sah, dass ich mich keineswegs vor ihm fürchtete.

Frage: Neulich sagte Swami, wenn man hier am Fuß des Arunachala lebe, aber mit seinen Gedanken nicht hier sei, habe man keinen Nutzen davon. Sowohl Bhagavan als auch das Arunachala Puranam erklären, dass schon der Gedanke an den Arunachala Moksha bringen könne. Wie stimmt das mit Swamis Aussagen überein?

Annamalai: Die heiligen Schriften sagen: „Wer an Arunachala denkt, erlangt Mukti.” Aber auch wenn man am Arunachala lebt, muss man diesen Berg nicht unbedingt verehren. Man muss ihn nicht als Gott ansehen. Viele Menschen leben hier, die kaum einen Gedanken an ihn verschwenden. Solche Leute leben im Sinne der Schriften nicht wirklich am Arunachala. Man ist in Wahrheit dort, wo man seine Gedanken hat.

Wenn man hier lebt, aber in Gedanken ständig an einem anderen Ort weilt, befindet man sich in Wirklichkeit dort. Darüber erzählte Ramakrishna Paramahansa eine Geschichte:

Einmal wollten zwei Freunde zu einem Vortrag über das Bhagavatam gehen. Unterwegs dachte einer der beiden: „Was liegt mir schon am Bhagavatam? Ich gehe lieber zu einem Freudenmädchen und amüsiere mich ein bisschen.“

Er ging ins Freudenhaus, während sein Freund sich den Vortrag anhörte. Als er bei dem Freudenmädchen lag, begann er zu bereuen, was er getan hatte. Er dachte bei sich: „Wie gut wäre es, dieses Leben als Mensch zu nutzen, um Erzählungen über Gott zu hören und über Gott zu meditieren.“ Er dachte voller Sehnsucht an einige Geschichten aus dem Bhagavatam, die er von früher kannte. So kam es, dass er in Gedanken beim Bhagavatam war, obwohl sein Körper bei dem Freudenmädchen lag.

Der andere Mann, der zu dem Vortrag gegangen war, malte sich aus, was sein Freund wohl gerade mit dem Mädchen tat. Er dachte: „Mein Freund hat bestimmt viel mehr Spaß als ich.“

Er war körperlich bei dem Vortrag, aber seine Gedanken weilten nicht beim Bhagavatam, sondern bei dem Mädchen. Der Mann, der ins Freudenhaus gegangen war, erhielt das Punya (den Verdienst), dem Bhagavatam zuzuhören. Der andere lud - obwohl er bei dem Vortrag körperlich anwesend war - die Sünde auf sich, eine Prostituierte besucht zu haben.

Frage: Wenn Bhagavan also sagte: „Der Gedanke an Amnachala führt zur Befreiung.” Meinte er damit keinen vereinzelten Gedanken, sondern dass man den Amnachala ständig im Gemüt haben solle?

Annamalai: Ein Vers im Akshammanamalai lautet: „O Arunachala Als ich an dich dachte und mich dadurch im Netz deiner Gnade verfing, hieltest du mich fest wie eine Spinne und verschlangst mich.”

Wenn du nur einmal an Arunachala denkst, reagiert er darauf, indem er dich in sich zu ziehen versucht. Er tut das, indem er dich immer mehr an ihn denken lässt. Wenn diese Gedanken stark und stetig werden, bringt er dich zu völliger Hingabe. Wie eine Spinne zieht er dich dann in sein Netz und verschlingt dich zuletzt. Für einen reifen Devotee trifft es also durchaus zu, dass ein einziger Gedanke an Arunachala schrittweise zur Befreiung führt.

Frage: Ist man im Gemüt oder nur im Herzen mit Arunachala verbunden?

Annamalai: Der erste Vers des Akshammanamalai hat eine doppelte Bedeutung:

1. O Arunachala Wer im Herzen an dich denkt, dessen Ego löschst du aus.

2. O Arunachala Du löschst das Ego derer aus, die denken „Ich bin Arunachala“.

Man kann also sowohl im Gemüt als auch im Herzen mit Arunachala verbunden sein. Die Verbindung im Herzen ist natürlich von höherem Rang, denn hier ist der wahre Arunachala.

Frage: Manche Leute verehren Arunachala nicht. Sie leben und arbeiten hier nur. Nützt ihnen die vom Arunachala ausstrahlende Kraft doch irgendwie?

Annamalai: Du kannst soviel Wasser aus dem Ozean schöpfen, wie du tragen kannst, aber wenn du dir nicht die Mühe machst, mit einem Krug an den Strand zu gehen, bekommst du gar nichts. Arunachala gewährt seine Gnade nur denen, die irgendein Gefäß haben, um sie aufzunehmen. Wenn das Gemüt liebevoll an Arunachala denkt, erschafft es damit in sich einen Raum, der ein wenig von der Gnade des Berges aufnehmen kann.

Viele Leute führen Pradakshina um den Arunachala aus. Sie haben zahlreiche Wünsche, sie wollen vieles erreichen. Zur gegebenen Zeit bekommen sie vielleicht, was sie wollen. Aber wenn du Giri Pradakshina (Verneigen vor dem Berg.) als Sadhana ausführst um der Erkenntnis des Selbst willen, dann wirst du diese erlangen.

Die meisten Leute sind auf die Erfüllung ihrer vielen Wünsche aus, aber einige wenige beten zu Gott: „Ich will nichts. Mein einziger Wunsch ist, wunschlos zu werden.“ Ein solcher Mensch ist ein geeignetes Gefäß, Gnade zu empfangen.

Im Kaivalya Navanitam heißt es:

„Wenn du unter einen Baum gehst, kannst du in seinem Schatten ruhen; wenn du an ein Feuer gehst, wärmt es dich; wenn du zum Fluss gehst und trinkst, wird dein Durst gelöscht; wenn du dich Gott näherst, empfängst du seine Gnade. Wenn du nicht auf ihn zugehst und deshalb seine Gnade nicht erhältst, ist es dann seine Schuld?”

Wer völlig wunschlos ist, empfängt am meisten Gnade. Solch ein Mensch wünscht sich nicht einmal Moksha.

Frage: Wie wirksam ist Pradakshina um den Arunachala? Ist sie genauso gut wie die Meditation über das Selbst?

Annamalai: Arunachala strahlt die Gnade des Selbst aus. Wenn du ihn ehrfürchtig umwanderst und in deinem Gemüt Stille bewahrst oder an das Selbst denkst, dann hast du Satsang mit dem Selbst. Vom Arunachala geht eine große spirituelle Kraft aus. Du kannst sie spüren, wenn du dich dem Berg in Demut und Respekt und mit einem ruhigen Gemüt näherst. In der rechten Haltung ausgeführt, reinigt Pradakshina Körper und Gemüt. Wenn du Pradakshina ausführen möchtest, dann geh und meditiere beim Wandern. Beides ist dasselbe, wenn es richtig und mit voller Aufmerksamkeit geschieht. Man sollte sich jederzeit des Selbst bewusst bleiben, ganz gleich, womit der Körper gerade beschäftigt ist. Bei Pradakshina wie bei der Meditation kommt es vor allem darauf an, die Identifikation mit dem Körper aufzugeben, die Idee „Ich bin der Körper“ fallenzulassen.

Frage: Ich empfinde Arunachala wie eine Mutter, die mit mir kommen wird, wohin ich auch gehe, selbst in ein anderes Land.

Annamalai: Arunachala geht nirgendwo hin. Arunachala ist das Selbst, und für das Selbst gibt es kein Kommen und Gehen. Das Sanskritwort achala bedeutet „unbewegt“.

Frage: Ein Vers im Arunachala Mahatmyam besagt, dass jeder, der im Umkreis von dreißig Meilen um den Arunachala lebt, ohne Anstrengung oder Initiation Befreiung erlangt. Was meint Swami dazu?

Annamalai: Um Befreiung zu erlangen, muss man stets an Arunachala denken. Man muss an ihn glauben und sich ihm hingeben. Arunachala ist keine träge Masse von felsigem Gestein, sondern reines Bewusstsein. Wenn du daran glaubst, dass Arunachala ein Guru ist, der dich führen wird, dann lässt er dir die richtige Führung zuteil werden. Aber um diese Führung zu erlangen, muss man sich dem Berg hingeben und fest auf ihn vertrauen.

Arunachala ist wie ein Feuer: Wenn du ihm nahe kommst, wird es dir warm - du kannst dich sogar verbrennen. Aber wenn du feuerfeste Kleidung trägst, kannst du ihm körperlich nahe sein und spürst doch das Feuer nicht.

Frage: Ich fühle mich stark mit Arunachala verbunden, und ich sehne mich nach Abgeschiedenheit und Stille. Ich weiß nicht, wie ich je wieder fern von hier in der Welt leben soll.

Annamalai: Anhänglichkeit und Wünsche führen normalerweise in die Unfreiheit. Aber der Wunsch, hier am Arunachala zu bleiben, ist gut und verdient Ermutigung. Es ist sehr wertvoll, sich mit Arunachala verbunden zu fühlen, denn Arunachala ist das Selbst. Wenn du an Arunachala denkst, wendest du dein Gemüt dem Selbst zu.

Frage: In meinem Sadhana stelle ich mir meist die Frage „Wer bin ich?“ und versuche, die innere Gegenwart des „Ich bin“ wahrzunehmen. Aber bisweilen erfreue ich mich einfach an dem Gefühl, in Bhagavans Gegenwart zu sitzen. Wenn ich sein Bild betrachte, füllt es sich manchmal mit Licht; dabei fühle ich mich immer sehr friedvoll und froh. Ich bitte Bhagavan dann um nichts. Ich genieße es einfach, mich an seiner Gegenwart zu wärmen.

Manchmal habe ich das Bedürfnis, zu lieben und geliebt zu werden. Dann kommt mir die Selbsterforschung ein wenig trocken und gefühllos vor. Trotzdem betreibe ich meist Selbsterforschung. Nur manchmal überkommt mich eine Bhakti-Stimmung. Wenn sie verklungen ist, wende ich mich mit frischer Kraft und, wie es mir scheint, mit besserem Erfolg wieder der Selbsterforschung zu. Deshalb unterbreche ich oft die Selbsterforschung und schaue Bhagavans Bild an. Es macht mir dann große Freude zu denken, ich säße vor dem wirklichen Bhagavan. Was meint Swami dazu?

Annamalai: Man muss sich auf das Selbst sammeln, wenn man auf dem Weg der Spiritualität fortschreiten will. Aber da Bhagavan das Selbst ist, kannst du auch vorankommen, indem du an ihn denkst. Es ist gut, Liebe und Hingabe für Bhagavan zu empfinden. Je mehr wir ihn lieben, desto mehr fließt seine Gnade uns zu.

Frage: Ich fragte, weil mir manchmal so ist, als betrachte ich Bhagavans wirklichen Körper. Dann empfinde ich tiefen Frieden, aber ich bin nicht sicher, ob ich mich diesen Gefühlen überlassen darf.

Annamalai: Wenn ich früher Bhagavans Bild anschaute, schien er mir zu sagen: „Ich bin über diesen Körper hinausgegangen und habe mich als Bewusstsein erkannt. Nun versuche du, es mir nachzutun.”

Bhagavan ist das Selbst. Wenn du dich auf sein Bild sammelst, wird er dich zu sich rufen. Er wird versuchen, dich zum wahren Selbst zu ziehen.

Frage: Manchmal fühle ich mich wie ein Kind. Ich spüre dann, dass ich Bhagavans Hand halte, dass er mir Zuflucht gewährt und mich beschützt. Es ist ein seltsames kindliches Gefühl, vor allen Dingen und Menschen Angst zu haben außer vor Bhagavan.

Annamalai: Bhagavan zu lieben bedeutet, sein eigenes Selbst zu lieben. Wenn wir Bhagavans äußere Erscheinungsform lieben und uns ihm hingeben, wird er uns zur Wirklichkeit führen.

Man kann das Selbst, das Bewusstsein, nicht sehen, weil es kein wahrnehmbarer äußerer Gegenstand ist. Aber indem wir Bhagavans physische Gestalt betrachten, können wir unsere Aufmerksamkeit indirekt auf dem Selbst verweilen lassen.

Frage: Ich empfinde den Weg der Bhakti als müheloser. Wenn ich mich frage: „Wer bin ich?“, muss ich mich sehr anstrengen, das Gemüt still werden zu lassen. Dagegen erscheint mir der Weg der Bhakti reizvoller, freudvoller und müheloser.

Annamalai: Es ist immer gut, den Guru zu verehren, aber es ist noch viel besser, sich an seine Lehren zu halten. Du kannst, wenn du willst, den Weg der Bhakti beschreiten, aber bedenke, dass der Devotee kaum beurteilen kann, ob er Fortschritte macht oder nicht. Daraus, dass dir die Selbsterforschung schwer fällt, darfst du nicht voreilig schließen, du machtest damit keine Fortschritte. Und denke nicht, als Bhakta kämest du schon deswegen schneller voran, weil du leichter in einen freudigen Gemütszustand gerätst.

Dasselbe Bewusstsein, das in dir und in Bhagavans physischer Form existiert, durchdringt auch jede andere Form. Wir müssen lernen, mit diesem Bewusstsein in Verbindung zu treten und uns seiner stets bewusst zu bleiben.

Frage: Ich weiß, dass Bhagavan in allen Formen gegenwärtig ist, aber manchmal fällt es mir leichter, seine Gnade zu empfinden, wenn ich mich auf sein Bild sammle. Die Selbsterforschung ist eine harte Arbeit, bei der man selten Frieden oder Glück spürt. Manchmal gönne ich mir gern ein bisschen Glückseligkeit, indem ich Bhagavans Bild eine Weile anschaue.

Annamalai: Bhagavans Bild anzuschauen ist kein Fehler; es ist sehr gut. Aber du solltest nicht von deinem Hauptziel abkommen, dich selbst dauerhaft als Bewusstsein zu erfahren. Mache dich nicht von Glückszuständen abhängig, und gib ihnen keinen Vorrang vor deiner Suche nach dem Selbst Wenn du von den Friedens- oder Glückserfahrungen zu sehr eingenommen bist, verlierst du vielleicht das Interesse an deinem eigentlichen Streben. Frieden und Glückseligkeit sind gut, aber fröne ihnen nicht auf Kosten der Selbsterforschung. Wenn du dein inneres Selbst erkennst, wenn du gewahrst, dass kein Atom in der Welt vom Selbst getrennt ist, dann wirst du den wahren Frieden und die Seligkeit des Selbst erleben, ja du wirst selbst Frieden und Glückseligkeit sein. Wenn du aber in kurzlebigen Zuständen von Frieden und Seligkeit des Gemüts schwelgst, wirst du dich nicht mehr danach sehnen, im Selbst aufzugehen.

Mache dich nicht vom Gemütsfrieden abhängig „Ich bin das Selbst.“

Frage: Ich glaube, dass ich mich gern diesen Phasen von Bhakti hingebe, weil ich ein großes Verlangen nach Liebe habe. Vielleicht liebe ich nur, weil ich noch mehr geliebt werden will.

Annamalai: Die Erfahrung des Selbst ist immer von wahrer Liebe erfüllt. Aber wenn sich die Liebe auf eine Person bezieht und ausschließlich auf sie richtet, dann wird sie zum Verlangen. Diese Art von Liebe führt zu Leid, nicht zu Glück. Weisheit liegt darin, das Selbst zu erkennen und alle gleichermaßen zu lieben.

Frage: Aber ist es erlaubt, seine Liebe einem verwirklichten Menschen zuzuwenden?

Annamalai: Ja. Wenn du einen verwirklichten Menschen liebst, wirst du schließlich feststellen, dass du alle Menschen gleichermaßen lieben kannst.

Während des Dipam-Fests, des alljährlichen zehntägigen Fests, das hier gefeiert wird, kommen Devotees aus ganz Südindien, um eine Statue von Arunachala Shiva zu verehren, die in einer Prozession auf einem Wagen durch die Straßen gezogen wird. Die Menschen, die dieses Kultbild anbeten, haben eine sehr begrenzte Vorstellung von Gott. Der Gott im Tempel, der Wagen und die Zuschauer der Prozession - sie alle sind Erscheinungsformen Gottes. Du musst die inneren Augen dazu bringen, alles als das Selbst zu erkennen. Das kann schwer sein, wenn du Gott auf eine ganz bestimmte Form beschränkst.

Bhagavan sagte, er sei sich nur an drei Tagen im Jahr des Ablaufs der Zeit bewusst: am letzten Tag des Dipam-Fests, am Mahapuja-Tag (Todestag seiner Mutter) und an seinem eigenen Geburtstag. Zu diesen drei Feierlichkeiten strömten viele Besucher zu Bhagavan, es waren die turbulentesten Tage des Jahres im Ashram. Sonst kamen keine großen Menschenmengen zusammen. Der Jnani ist sich des Ablaufs der Zeit kaum bewusst, weil der Zeitbegriff dem Gemüt angehört, nicht dem Selbst.

Frage: Wenn ich hier sitze, fühle ich mich manchmal wie ein Kind in den Ferien. Ich bin sehr glücklich, weil man Selbst-Bewusstheit an einem Ort wie diesem leicht aufrechterhalten kann. Ich bin hier immer in freudiger Stimmung. Sollte ich, während ich hier sitze, irgendeine Anstrengung unternehmen, oder mich einfach entspannen und am Satsang erfreuen?

Annamalai: Ein Tamil-Vers sagt:

„Der Sucher, der die Wahrheit zu erkennen strebt, muss dem Weg der Shastras und der Weisen folgen. Wenn er den Weisen nachfolgt, entlässt Maya ihn aus ihrem Bann. Befreie dich von der Verblendung, indem du Unterscheidungskraft erwirbst. Wenn du Maya fallen lässt, bist du für immer frei von Tod und Geburt.”

Durch Satsang können wir Maya leicht entkommen. Während wir jetzt diesem Gespräch zuhören, sind wir auf das Selbst eingestimmt; das ist der Grund für deine Freude. Solange das Gemüt ausschließlich auf das Selbst gerichtet bleibt, ist es unmöglich, an das Nicht-Selbst zu denken.

Frage (gestellt von einem jungen Paar aus Australien): Ist Brahmacharya (sexuelle Enthaltsamkeit) unerlässlich, wenn man Selbstverwirklichung erstrebt?

Annamalai: Helft einander als Freunde auf dem Weg. Sexuelles Begehren schwächt die spirituelle Kraft. Schon wenn man einen anderen anschaut und ein Verlangen nach ihm verspürt, geht ein wenig spirituelle Energie verloren. Das Familienleben ist immer von starken Bindungen geprägt: Der Ehemann gibt seiner Frau viel Liebe und sie ihm. Beide lieben ihre Kinder sehr. Wenn ihr ernsthaft Sadhana ausüben wollt, bleibt am besten unverheiratet und widmet euere ganze Energie der Selbsterforschung. Man kann nicht am Selbst festhalten, solange man noch stark an anderen Menschen hängt.

Frage: Vor einiger Zeit glaubten wir beide, unser Ego sei gestorben. Eine Weile blieb es so, aber dann kehrte das Ego zurück. Warum kam es wieder, nachdem es schon ganz verschwunden war?

Annamalai: Wenn das Ego wiederkam, habt ihr nicht den Tod des Egos erlebt. Es wird ein zeitweiliges Versinken des Gemüts im Selbst gewesen sein. Wenn das Ego stirbt, kann es nie mehr zurückkommen. Wenn der Fluss ins Meer mündet, bleibt er darin und fließt nicht in sein altes Bett zurück.

Frage: Ich habe viel über Bhagavans Methode gelesen, durch Schweigen zu lehren. Du hast das sicherlich vielmals erlebt. Kannst du erklären, wie es vor sich ging?

Annamalai: Wenn du mit einer Lampe an einen finsteren Ort gehst, fällt das Licht auf alle Leute in deiner Nähe. Du brauchst nicht zu verkünden: „Ich habe ein Licht”, denn das bemerken sie ohnehin. In Gegenwart eines Verwirklichten wie Bhagavan wird das geistige Dunkel der Devotees vom strahlenden Licht des Jnana überwältigt. Bhagavans Licht läuterte und beruhigte die Gemüter aller Menschen, die bei ihm waren. Wenn gefestigte Devotees sich an diesem Licht wärmten, hatten sie manchmal eine Erfahrung des Selbst. Die Ausstrahlung dieser spirituellen Kraft beruhte auf Bhagavans Mauna Diksha (Initiation durch Schweigen). Dies geschah nicht als willentlicher Akt, sondern spontan, als natürliche Folge seiner Verwirklichung. Bhagavan brauchte nicht über das Selbst zu sprechen. Er war das Selbst und strahlte dessen Kraft jederzeit aus. Wer dafür empfänglich war, brauchte von ihm keine Belehrung in Worten. Die mündlichen Lehren galten nur für jene, die sich nicht auf seine schweigende Ausstrahlung einstimmen konnten.

Frage: Das Streben nach Selbstverwirklichung kommt mir manchmal eigensüchtig vor, denn um sie zu erlangen, muss man sich völlig von der Gesellschaft und den Mitmenschen absondern. Ich muss doch, wie es scheint, mein Sadhana allein ausüben und gegenüber den leidenden Menschen in meiner Umgebung gleichgültig sein.

Wenn ich diese leidenden Menschen frage: „Leidet ihr wirklich, oder bilde ich mir das nur ein?”, werden sie bestimmt antworten, sie litten wirklich. Wie kann ich wissentlich alles Leiden ignorieren, das ich um mich herum sehe, ohne Schuldgefühle zu bekommen?

Annamalai: Es gibt keine Gesellschaft, kein Leiden und keine Welt. Das Leiden, die Welt und die Gesellschaft, die du siehst, gehören deinem Traum an. Sie existieren nicht, außer in deinem Gemüt.

Wenn du im Traum einen Hungernden siehst, kannst du ihm eine Traummahlzeit kochen und servieren. Das wird ihn eine Zeitlang sättigen. Wenn du hingegen aufwachst, löst du das Problem auf Dauer: du erkennst, dass es den Hungernden nur in deiner Traumwelt gab.

Die Welt ist wie ein Spiegelbild. Was wir sehen, ist nichts als eine Spiegelung unserer Gunas, unseres eigenen Gemütszustands. Wir sehen das Spiegelbild, vergessen den Spiegel und glauben, wir sähen eine wirkliche, von uns getrennte Welt.

Du strahlst fortwährend gedankliche Energie aus, die alle Menschen und Dinge um dich herum beeinflusst. Wenn du in einem Zustand von Rajas (Unruhe) oder Tamas (Trägheit) bist, steckst du die Welt unwillkürlich mit deinem unguten Gemütszustand an. Der im Sein jenseits der Gunas gefestigte Jnani erlebt nichts als dauernden Frieden und Glückseligkeit. Er allein kann anderen helfen, indem er seinen Frieden und sein Glück auf sie ausstrahlt. Wenn du dieser Welt mit physischer Tätigkeit zu helfen versuchst, kannst du das Gute, was du tust, leicht durch die negativen Gemütsschwingungen, die du der Welt ungewollt zukommen lässt, wieder zunichte machen. Läuterst du aber dein Gemüt, so hilfst du damit allen Menschen in der Welt, weil jeder einen heilenden und reinigenden Anteil deiner eigenen Reinheit empfängt.

Eine Ameise läuft mit einem Körnchen Zucker auf ihrem Rücken über den Boden. Plötzlich tritt jemand sie tot. Das ist das Ende: sofortiger Tod. Wir sind in der gleichen Lage wie die Ameise: Der Tod kann uns jederzeit ereilen. Du kannst nichts mit dir nehmen, wenn du stirbst, nicht einmal dein Gemüt. Warum also nicht jetzt gleich für die Welt sterben?

Die Welt, an der du hängst, ist nichts weiter als ein langer Traum. Im Traum bist du vielleicht hungrig, doch beim Aufwachen stellst du fest, dass du an schmerzhaften Verdauungsbeschwerden leidest, weil du am Vorabend zuviel gegessen hast. Wie viel Wirklichkeit misst du dann dem Hunger bei, an dem du im Traum gelitten hast? (Anmerkung: Wie viel Wirklichkeit misst Annamalai eigentlich den Zahnschmerzen bei, falls er welche haben sollte? Ich hoffe, er geht nicht zum Zahnarzt, denn seine Zahnschmerzen sind ohnehin nur ein Traum.)

Wenn du überall um dich herum Leiden siehst, so ist das ein Spiegelbild deines eigenen inneren Leidens. Wenn du das Leiden mildern möchtest, dann gehe an seine eigentliche Wurzel, dein eigenes inneres Leiden. (Anmerkung: Auch wenn mein eigenes inneres Leiden beseitigt ist, besteht das Leiden in der Welt weiter. Es verschwindet nicht, nur weil mein Leiden aufgehört hat.) Erwache aus dem Traum der Maya in die wahre Welt des Jnana. Alle deine Vorstellungen über die Welt sind falsch, weil du die Welt nicht richtig wahrnimmst. Dein Gemüt verarbeitet deine Wahrnehmungen so, dass du an eine leidende Welt außerhalb und unabhängig von dir glaubst. Um dich von dieser leidenden Welt zu befreien, musst du den inneren Prozess beenden, der dich die Welt so falsch wahrnehmen lässt.(Anmerkung: Vielleicht ist auch nur die Theorie des Advaita Vedanta falsch.) Wenn du Jnana erlangst, hören die falschen Wahrnehmungen auf. Dann wirst du ganz klar sehen. Du wirst erkennen, dass es kein Leiden und keine Welt gibt und dass allein das Selbst existiert. (per Definition?)

Frage: Ich meditiere viel, aber meist ohne irgendein greifbares Ergebnis. Wenn ich mein Gemüt nicht zur Ruhe bringen kann, ist dann alle Bemühung vergebens, oder wird sie irgendwann in Zukunft einmal Früchte tragen?

Annamalai: Bei den meisten Menschen gleicht das Gemüt feuchtem Holz. Es muss lange trocknen, bevor es Feuer fangen kann. Solange dein Gemüt auf das Selbst gerichtet ist, trocknet es. Wenn es sich der Welt zuwendet, wird es wieder feucht. Die Mühe, die du aufwendest, um das Gemüt nach innen auf das Selbst zu lenken, ist nur dann vergebens, wenn du das Interesse daran verlierst und in deine alten Gedanken- und Gefühlsgewohnheiten zurückfällst.

Sei unbesorgt, wenn deine Bemühungen nicht sofort Ergebnisse hervorbringen Zwei befreundete Sadhus beschlossen, gemeinsam intensiv Tapas zu betreiben, womit sie die Göttin Kali dazu bewegen wollten, sich ihnen zu zeigen. Sie waren sich einig, dass sie sich töten würden, wenn Kali ihnen nicht erschiene.

Ihr Tapas war so glühend, dass Kali eines Nachts vor sie trat. Einer der Sadhus war glückselig über diesen Darshan, der andere aber fiel in tiefe Ohnmacht.

Der Mann, der wach geblieben war, machte sich ernste Sorgen um seinen bewusstlosen Freund und fragte Kali: „Wir haben beide dasselbe Sadhana ausgeübt, aber als du dich uns zeigtest, fiel mein Freund in tiefe Ohnmacht. Warum behandelst du uns so ungleich? Mir scheint das ungerecht, denn wir haben beide gleich viel Tapas ausgeübt.”

Kali antwortete: „Du hast dieses Tapas mehrere Leben lang ausgeübt. Im letzten Leben verlorst du das Bewusstsein, so wie jetzt dieser Mann. Aufgrund deiner früheren Bemühungen und weil dein Karma abgetragen ist, kannst du jetzt bei Bewusstsein bleiben. Dein Freund dagegen muss noch viel Karma durchleben. Wenn er das eines Tages abgeschlossen hat, erfährt er bei vollem Bewusstsein dasselbe, was du jetzt erlebst.”

Frage: Als ich zu meditieren begann, hatte ich ein heftiges Verlangen nach Befreiung, das drei bis vier Jahre anhielt. Aber im letzten Jahr hat dieser Wunsch nachgelassen. Ich werde jetzt immer zufriedener mit meinem weltlichen Leben.

Annamalai: Jede von außen stammende Befriedigung ist vergänglich, im Tod geht alles verloren. Du bist nur zu einem Zweck als Mensch zur Welt gekommen: um Selbstverwirklichung zu erlangen. Wenn du stirbst, ohne dies erreicht zu haben, war dein Leben vergeudet. Der Tod kann dich jederzeit ereilen. Wenn du dir dessen stets bewusst bist, wird dein Verlangen nach Befreiung wieder zunehmen. Bemühe dich, diese Bewusstheit zu festigen, und beobachte, ob sie sich auf dein Sadhana auswirkt

Frage: Manchmal sagst du, wir sollten alle Menschen gleich lieben, wir sollten unsere Liebe der ganzen Welt schenken. Für mich ist Liebe etwas, was spontan entsteht. Ich kann Liebe nicht selbst erwecken und dann weggeben. Wenn ich jemanden liebe, fließt ihm meine Liebe zu. Wenn nicht, dann geschieht dies nicht, und ich kann es unmöglich erzwingen. Wie lerne ich, Menschen zu lieben, die ich kaum kenne? Und wenn mir das gelungen ist, wie lerne ich, die Millionen von Fremden zu lieben, denen ich nie begegnet bin und nie begegnen werde?

Annamalai: Du kannst mit deinen Bekannten beginnen.

Bhagavan lehrte durch sein Vorbild, in anderen nur das Gute zu sehen. Tatsächlich sind alle Menschen aus gut und schlecht zusammengesetzt. Einem ganz guten oder ganz bösen Menschen begegnet man sehr selten. Wenn du mit vielen Leuten in Kontakt kommst, richte deine Aufmerksamkeit auf ihre guten Seiten, und ignoriere ihre Schwächen Wenn du das Gute in den Menschen siehst, strahlst du eine harmonische, liebevolle Energie aus, die alle Menschen in deiner Umgebung emporhebt. Machst du das zu deiner Gewohnheit, so wird sich diese Energie bald in einen stetigen Strom von Liebe verwandeln.

Versuche nie zu vergessen, dass alles, was du siehst und wahrnimmst, das Selbst ist. Wenn du es in anderen erkennst, fließt ihnen unwillkürlich deine Liebe zu.

Es nutzt dir nichts, andere für schlecht zu halten. Wenn du negativ an eine bestimmte Person denkst, sobald du sie siehst oder dich an sie erinnerst, ziehen diese Gedanken dich vom Selbst ab. Bemühe dich, deine Liebe gleicherweise auf alle Menschen auszustrahlen, nicht nur auf einige wenige Lass deine Liebe sich als Akt der Verehrung und Hingabe in alle Richtungen ausbreiten, denn alles in der Welt ist Erscheinungsform Gottes.

Frage: Es ist klar, dass die Vasanas im Schlaf nicht gelöscht werden. Werden sie durch Nirvikalpa Samadhi getilgt, oder hat dieser Zustand keinen Einfluss auf sie?

Annamalai: Bhagavan lehrte uns, Sahaja Samadhi, nicht Nirvikalpa Samadhi, anzustreben. Er sagte, es sei unnötig, Nirvikalpa Samadhi zu erfahren, bevor man in die Seligkeit des Sahaja Samadhi eintrete.

Eine Form des Nirvikalpa Samadhi gleicht Laya oder dem Tiefschlaf. Solange dieser Samadhi anhält, herrscht Frieden, aber danach tritt das Gemüt mit seinen Vasanas wieder in alter Stärke hervor.

Laya, die zeitweilige Aufhebung aller Gemütskräfte in einer Art Trance, ist praktisch dasselbe wie Schlaf. Dies nützt deinem Sadhana nicht. Laya ist keine Meditation, sondern Bewusstlosigkeit. Es ist Tamoguna (Trägheit, Stumpfheit) in ganz ausgeprägter Form. Meditation erfordert jedoch kein ohnmächtiges, sondern ein waches Gemüt. Schlaf und Laya verstärken die Identifikation mit dem Gemüt Du empfindest in Laya vielleicht ein bisschen Frieden, aber wenn du daraus erwachst, wird das Gemüt wieder sehr aktiv, und aller Friede ist verloren.

Im Selbst herrscht Frieden ohne Vasanas. Wenn du im Selbst verbleiben kannst, werden alle Vasanas gelöscht. Nimm sie wahr, wenn sie sich zeigen, aber identifiziere dich nicht mit ihnen und erlaube ihnen nicht, dein Handeln zu lenken. Wenn du dich von deinen Vasanas befreien willst, musst du lernen, dich von ihnen nicht überwältigen zu lassen.

Bemerkst du, dass eine Vasana (ein Wunsch) von dir Besitz ergreifen will, so erinnere dich: „Diese Vasana bin nicht ich“, und ziehe dich ins Selbst zurück. Wenn du auf diese Art lernst, deine Vasanas abzuweisen, werden sie irgendwann nicht mehr in Erscheinung treten.

Frage: Ich meditiere seit vielen Jahren. Manchmal spüre ich in der Meditation eine große Energie, die meinen Oberkörper abwechselnd aufrichtet und beugt. Ich nehme diese Kraft bewusst wahr. Sie hält meine Aufmerksamkeit im Körper fest und macht es mir sehr schwer, mich dem Selbst zuzuwenden.

Annamalai: Körper und Gemüt sind ihrer Natur nach träge. Aller Friede und alle Energie, die du spürst, können nur vom Selbst herkommen. Gib die Identifikation mit dem Körper auf. Das Selbst ist reine Energie, reine Kraft. Halte dich ans Selbst

Frage: Erhält man die Energie vom Selbst kontinuierlich oder phasenweise? Wird sie irgendwie in Körper oder Gemüt gespeichert?

Annamalai: Im Tiefschlaf erneuern sich Körper und Gemüt. Beim Aufwachen verspürt man für einen Moment Energie und Glückseligkeit, aber dann werden die Sinnesorgane gleich wieder aktiv und die Wünsche kehren zurück. Dabei geht die im Schlaf gespeicherte Energie verloren. Wenn du Gemüt und Sinne kontrollieren kannst, so dass sie äußeren Reizen nicht erliegen, sammelst du Energie im Körper an.

Bhagavan erzählte gern die Geschichte vom lahmen Affenkönig, der Macht und Rang verloren hatte. Er zog sich allein für ein paar Tage in den Wald zurück, um seine Energie wiederzugewinnen. Als er zurückkam, hatte er genug Kraft angesammelt, um die Herrschaft über sein Affenvolk wieder an sich zu ziehen.

Energie vermehrt sich in der Abgeschiedenheit. Wer allein ist, wendet sich weniger durch die Indriyas (fünf Sinne) und das Gemüt nach außen.

Der berühmte Heilige Arunagirinatha aus Tiruvannamalai komponierte einmal ein Lied, in dem es heißt: „Die Sinne sind Diebe, die die Energie des Selbst stehlen.”

Frage: Kann man diese Energie nicht irgendwie nutzen? Was kann man mit ihr machen?

Annamalai: Shakti ist das Selbst, und das Selbst ist Shakti. Wenn du weißt, dass du nicht der Körper oder das Gemüt bist, wie kannst du dann irgendetwas tun? In diesem Zustand gibt es kein „Ich“, das irgendein Tun veranlassen könnte. Alles geschieht dann spontan.

Das Wasser in einem See ermöglicht viele Formen des Lebens: Fische und Wasserpflanzen im See, Bäume, Sträucher und Tiere an seinem Ufer. Wenn du von der Energie des Selbst erfüllt bist, geht diese Energie von dir aus und stärkt alle Menschen in deiner Nähe. Du brauchst sie nicht willentlich nach außen zu lenken. Wenn du genügend Tapas geübt hast, fließt sie ganz von selbst.

Shakti ist der Friede des Selbst. Wenn du Tapas ausübst und deine Energie nicht in sinnlichen Genüssen verausgabst, wirst du die Kraft des Selbst in dir wachsen fühlen. Du spürst dann auch, wie sie nach außen auf die Menschen in deiner Umgebung ausstrahlt. Wenn du deine Kraft von innen nach außen lenkst, verlierst du sie nicht, denn die Kraft des Selbst ist unendlich. Du verlierst sie nur, wenn du deine Aufmerksamkeit vom Selbst abwendest und unfruchtbaren gedanklichen und sinnlichen Ausschweifungen frönst.

Frage: Ist es Swami lieber, wenn wir schweigen?

Annamalai: Es ist gut, wenn ihr still seid. Aber wenn ihr Fragen oder Zweifel habt, ist es besser, sie zu besprechen und zu bereinigen.

Frage: Ich glaube, ich fange jetzt an zu verstehen, was das „ich bin“ ist. Es liegt anscheinend jenseits von Körper, Gemüt und Körperbewusstsein. Ich glaube, wir treten ganz von selbst mit diesem „ich bin“ in Beziehung, weil wir einen Mangel an bewusstem Kontakt mit ihm verspüren. Wir sind gewohnt, unsere Aufmerksamkeit nach außen statt nach innen zu richten. Wir denken nur deshalb an Dinge und Menschen, weil wir an ihnen hängen. Langsam geht mir auf, wie schwer es ist, diese Gewohnheit aufzugeben.

Annamalai: Lass das Gemüt wandern, wohin es will Wenn du diese Haltung einnimmst, wird es ruhiger werden und immer weniger umherschweifen.

Das Gemüt wandert nur deshalb fortwährend umher, weil du dich mit ihm identifizierst und allen seinen Tätigkeiten Aufmerksamkeit schenkst. Wenn du dich fest im reinen Bewusstsein gründen könntest, hätten Gedanken nicht mehr die Macht, dich abzulenken. Wenn man den Gedanken kein Interesse zuwendet, vergehen sie so schnell, wie sie gekommen sind. Anstatt sich an andere Gedanken anzuhängen, die ihrerseits weitere endlose Gedankenketten ausspinnen, tauchen sie dann nur noch für eine oder zwei Sekunden auf und verflüchtigen sich gleich wieder. Sie entstehen aufgrund der Vasanas. Einmal aufgetaucht, wiederholen sie sich in immer gleichen Ketten und Mustern. Wenn du Wünsche oder Anhänglichkeiten nährst, drängen sich dir immer wieder Gedanken an die Wunschobjekte auf.

Du kannst nicht gegen diese Gedanken ankämpfen, weil sie von der Aufmerksamkeit, die du ihnen schenkst, erst recht gedeihen Um sie zu unterdrücken, musst du ihnen Aufmerksamkeit zukommen lassen, und das bedeutet, sich mit dem Gemüt zu identifizieren. Auf diese Weise kommst du nicht weiter. Du kannst den Gedankenfluss nur unterbrechen, indem du ihm die Beachtung verweigerst.

Wenn du an der Quelle, im Selbst, verweilst, kannst du jeden Gedanken leicht abfangen, sobald er entsteht. Tust du das nicht, dann treibt er Sprossen und wächst sich, wenn du es ihm weiterhin erlaubst, zu einem ganzen Baum aus. Der unaufmerksame Sadhaka bekommt die Gedanken gewöhnlich erst im Stadium des Baums zu fassen.

Wenn du dir ununterbrochen der aufkommenden Gedanken bewusst bist und ihnen so wenig Interesse schenkst, dass sie sich nicht entwickeln können, dann bist du auf dem besten Weg, dich aus den Verstrickungen des Gemüts zu lösen.

Frage: Eine Zeitlang geht das ziemlich leicht, aber dann wird man unaufmerksam, und die Bäume beginnen wieder zu wachsen.

Annamalai: Fortdauernde Achtsamkeit entwickelt sich nur durch langes Üben. Wenn du wirklich wachsam bist, löst sich jeder Gedanke schon im Moment seines Entstehens wieder auf. Aber um diese Stufe der Losgelöstheit zu erreichen, darfst du innerlich an nichts hängen. Wenn du irgendeinem Gedanken auch nur das geringste Interesse entgegenbringst, entschlüpft er deiner Aufmerksamkeit, verbindet sich mit anderen Gedanken und beherrscht für einige Sekunden dein Gemüt. Dies geschieht am leichtesten, wenn du gewohnt bist, auf einen bestimmten Gedanken emotional zu reagieren. Wenn ein Gedanke in dir Gefühle von Sorge, Zorn, Liebe, Hass oder Eifersucht auslöst, verbinden sich diese Reaktionen mit den aufkommenden Gedanken und verstärken sie. Das führt oft dazu, dass deine Aufmerksamkeit für ein oder zwei Sekunden aussetzt. Diese Zeitspanne genügt, dass sich der Gedanke entfaltet.

Sei ganz gleichmütig und distanziert, wenn Gedanken dieser Art aufkommen. Deine Wünsche und Anhänglichkeiten sind Reaktionen auf Gedanken, die im Bewusstsein auftauchen. Du überwindest beide, indem du auf neu aufsteigende Gedanken nicht reagierst.

Du kannst das Gemüt vollständig transzendieren, indem du seinen Inhalten keine Beachtung schenkst. Wenn du erst einmal über das Gemüt hinausgelangt bist, kann es dir keine Schwierigkeiten mehr bereiten.

Nach seiner Verwirklichung sagte König Janaka: „Jetzt habe ich den Dieb gefunden, der mein Glück gestohlen hat. Von nun an erlaube ich ihm dies nicht mehr.” Der Dieb seines Glücks war sein Gemüt.

Wenn du immer die Augen aufhältst, können keine Diebe ins Haus eindringen. Sie können nur einbrechen, während du fest schläfst. Und wenn du immer achtsam bist, vermag das Gemüt dich nicht irrezuführen. Es kann sich nur in den Vordergrund schieben, wenn du unaufmerksam bist und gerade aufkommende Gedanken gedeihen lässt.

Frage: Es ist relativ leicht, einen Dieb am Einbruch in ein Haus zu hindern: man verriegelt einfach die Tür. Aber in unserem Fall ist der Dieb bereits im Haus. Wir müssen ihn zuerst fangen und ihn dann hinauswerfen. Erst dann können wir die Tür fest versperren.

Annamalai: Diesen Dieb für etwas Reales zu halten, das bekämpft und gefangen werden muss, ist so, als hielte man seinen Schatten für einen fremden Eindringling, der gestellt und hinausgeworfen werden müsste. Wenn du deine Hand hebst, um deinen Schatten zu schlagen, hebt auch dein Schatten seine Hand, um dich zu schlagen. Ein Kampf mit deinem Gemüt kann nicht gewonnen werden, denn er ist wie ein Schattenboxen. Du kannst deinen Schatten nicht zu Boden schlagen, weil nichts da ist, was dein Hieb treffen könnte. Der Schatten wird so lange herumtanzen, wie du herumtanzt, um ihn zu schlagen. Ein solcher Kampf kennt keine Sieger, sondern nur frustrierte Verlierer. Die Annahme, das Gemüt sei real und du müsstest es bekämpfen und beherrschen, indem du deine Gedanken irgendwie kontrollierst, würde das Gemüt nicht schwächen, sondern stärken. Wenn ein Sadhana auf der Annahme beruht, das Gemüt sei etwas Reales, dann wird dieses Sadhana das Gemüt eher fortbestehen lassen als ausschalten.

Das Ego gleicht einem Gespenst, es hat keine eigene Form. Wenn du das Ego mit Hilfe der Frage „Wer bin ich?“ als das erkennst, was es wirklich ist, verschwindet es einfach. Das Gemüt besitzt weder Substanz noch Form, es existiert nur in der Vorstellung. Um dich von etwas Imaginärem zu befreien, brauchst, du nur aufzuhören, es für wirklich zu halten. Du musst dir fortwährend bewusst machen, dass das Gemüt und alle seine Schöpfungen nur in deiner Vorstellung existieren. Dann werden sie aufhören, dich zu täuschen und dir zur Last zu fallen. Wenn zum Beispiel ein Zauberkünstler einen Tiger erschafft, hast du keine Angst; du weißt ja, dass es nur ein Trick ist, mit dem er dir einen echten, gefährlichen Tiger vorgaukelt.

Als hier zum ersten Mal Filme vorgeführt wurden, bekamen manche Leute Angst, als sie zum Beispiel auf der Leinwand eine Feuersbrunst sahen. Sie liefen fort, weil sie glaubten, das Feuer würde auch auf den Kinosaal übergreifen. Wenn du weißt, dass alles, was geschieht, sich nur auf der Leinwand des Bewusstseins abspielt und dass du selbst die Leinwand bist, auf der die Handlung stattfindet, dann kann dich nichts berühren, verletzen oder ängstigen.

Wer an die Wirklichkeit der Welt glaubt, gleicht einem Mann, der Dämme baut, um das Wasser aufzustauen, dass er in einer Luftspiegelung sieht.

Frage: Manchmal ist alles so klar und friedvoll. Dann ist es leicht, das Wirken des Gemüts zu beobachten und zu erkennen, dass Swami die Wahrheit sagt. Aber oft bemüht man sich nach Kräften, ohne dass sich das rastlose Gemüt davon beeindrucken ließe.

Annamalai: Solange wir in einem meditativen Zustand sind, ist alles klar. Aber dann kommen die bislang im Gemüt verborgenen Vasanas wieder zum Vorschein und überdecken diese Klarheit. Es gibt keine einfache Lösung für dieses Problem. Du musst immer weiter fragen: „Wem geschieht dies?“ Wenn du in Schwierigkeiten bist, denke daran: „Das spielt sich nur auf der Oberfläche meines Gemüts ab. Ich bin nicht das Gemüt mit seinen umherwandernden Gedanken.“ Dann wende dich wieder der Frage „Wer bin, ich?“ zu. So dringst du immer weiter in die Tiefe und löst dich allmählich vom Gemüt ab. Dies gelingt jedoch nur nach langer, intensiver Bemühung.

Wenn du schon ein wenig Klarheit und Frieden verspürst und dir dann die Frage „Wer bin ich?“ stellst, sinkt das Gemüt ins Selbst und löst sich schließlich auf. Zurück bleibt nur die subjektive Bewusstheit des „Ich-Ich“. Bhagavan erklärte mir dies alles ganz genau, als ich von 1938 bis 1942 zu seinem Darshan ging.

Frage: Es muss wunderbar gewesen sein, von einem so großen Guru geführt zu werden. Wo kann man einen solchen Menschen heute finden?

Annamalai: Für die meisten Menschen ist es schwer, einen kompetenten Guru zu finden, weil sie nicht erkennen können, wer Selbstverwirklichung erlangt hat. Bhagavan erzählte mir einmal eine lange Geschichte, die das sehr gut veranschaulicht.

Vor vielen Jahrhunderten lebte in Srirangam ein Jnani, der jeden Tag zum Fluss Cauvery ging, um darin zu baden. Wenn er sich auf den Weg machte, legte er seine Hände auf die Schultern zweier Devotees, die ihn stützten. Um den direkten körperlichen Kontakt zu vermeiden, bedeckte er die Schultern der Devotees mit Seidentüchern. Jeden Tag ging er auf diese Weise eine Meile weit zu seinem Badeplatz am Fluss. Auf dem Rückweg stützte er sich wieder auf die Devotees.

Eines Tages, als der Jnani mit seinen Schülern wie üblich zum Fluss ging, sahen sie in einiger Entfernung einen Shudra (Angehöriger der niedrigsten Kaste) mit seiner überaus schönen Frau. Die beiden schienen zu einem Fest unterwegs zu sein, das auf der anderen Flussseite im Gange war. Die Sonne brannte heiß, daher konnte die Frau auf dem glühenden Sand nicht laufen. Ihr Mann half ihr, indem er einen Dhoti vor ihr auf den Sand legte, damit sie darauf treten konnte. Wenn sie an das Ende des Dhotis kam, breitete er einen anderen Dhoti vor ihr aus und hob den ersten auf. Auf diese Weise konnte sie gehen, ohne sich die Füße zu verbrennen. Die Schüler des Jnanis beobachteten dies und gaben ihre Kommentare dazu.

„Seht, wie verliebt der Mann in seine Frau ist. Er legt seine Dhotis auf die Erde, um ihr den Weg leicht zu machen.”

Auf dem Gang zum Fluss traf das Paar mit dem Jnani zusammen.

Interessiert fragte der Guru den Mann: „Ich habe nie einen Ehemann gesehen, der seine Frau so umsorgt. Warum tust du das?”

Der Mann erwiderte: „Sie ist mein Gott. Es macht mich selig, in ihre Augen zu schauen. Immer wenn ich ihre Wangen, ihr Gesicht oder ihren Leib anschaue, bin ich überglücklich. Sie trägt auch viel Goldschmuck, der sie noch weiter verschönt. Sogar ihr Name ist Ponni (das Tamilwort pon bedeutet „Gold“). Wenn ich ihre Schönheit und das viele Gold betrachte, bin ich selig. Sie ist für mich wie eine Göttin.”

Der Guru belehrte ihn: „Ihre körperliche Erscheinung hat dich betört. Was ist schon in den Augen? Nur Wasser und Haut. Was ist im Körper? Nur Blut, Muskeln und Knochen. Du bist völlig verblendet von ihrer körperlichen Erscheinung. Ich habe nie einen Menschen gesehen, der so vollkommen ins Netz der Maya verstrickt ist.”

Der Guru fuhr fort: „Nur Hunde lieben Muskeln und Knochen. Wie diese Tiere gierst du nach Fleisch. Wenn sie irgendwann ernsthaft erkrankt, vergeht ihre Schönheit, und wenn sie stirbt, gibt es keinen Körper und keine Schönheit mehr. Warum hängst du also so sehr an diesem vergänglichen Leib? Darin liegt nicht der Sinn des menschlichen Lebens. Statt deine Zeit mit der Anbetung dieses Körpers zu vergeuden, versuche lieber, das Unvergängliche zu erkennen, das Selbst. Das ist der einzige Zweck menschlichen Daseins.”

Das Gemüt des Mannes war reif für Unterweisungen über das Selbst. Er beschloss sogleich, den Rat des Gurus zu befolgen.

Er sagte zu seiner Frau: „Du gehst von nun an deine eigenen Wege Ich bleibe bei diesem Guru.”

Die Frau ging nach Haus, wo sie fortan allein lebte, und der Mann folgte dem Guru in seinen Ashram, der aus vielen Gebäuden bestand. Der Guru brauchte gerade jemanden, der nachts wach blieb, um den Ashram zu bewachen. So wurde der neue Devotee Nachtwächter. Er hieß übrigens Villi.

Bald wurde er ein vorzüglicher Devotee. Was immer der Guru ihm auftrug, führte er sofort in Bescheidenheit und Liebe aus. Deshalb schloss der Guru ihn bald sehr in sein Herz. Die anderen Schüler, ausschließlich Brahmanen, wurden eifersüchtig auf Villi.

„Dieser Mann kam nach uns”, tuschelten sie miteinander. „Er ist kein Brahmane, sondern ein Shudra, ein Unberührbarer, aber unser Guru scheint ihn zu bevorzugen.”

Die Eifersucht der Schüler steigerte sich täglich. Zuletzt beschlossen sie, Villi eine Straftat in die Schuhe zu schieben, damit der Guru ihn fortschicken müsse.

Der Guru wusste, was in den Köpfen seiner Schüler vorging, und so entschloss er sich, ihnen mit einer List zuvorzukommen. Eines Tages wuschen die brahmanischen Schüler ihre Kleider, hängten sie zum Trocknen auf und legten sich dann schlafen. Während sie schliefen, sammelte der Guru alle Kleider ein und versteckte sie.

Als die Schüler aufwachten und sahen, dass ihre Kleider nicht mehr da waren, gingen sie zum Guru und sagten: „Dieser Villi hat unsere sämtlichen Kleider gestohlen. Er muss den Ashram verlassen.”

Der Guru rief Villi und sagte zu ihm: „Sie alle sind gegen dich. Ich muss mich ihnen fügen. Geh wieder heim und meditiere dort über das Selbst Das Selbst ist grenzenlos, es ist überall. Du kannst diese Meditation zu Hause ausüben. Du brauchst dazu nicht hier zu bleiben.”

Villi ging ohne Klage nach Hause zurück. Er gehorchte dem Guru und verbrachte seine Zeit mit Meditation über das Selbst. Er hatte kein Verlangen mehr nach der Welt oder nach seiner Frau und saß den größten Teil des Tages in stiller Betrachtung des Selbst.

Eines Tages war Villi gerade auf dem Weg zum Fluss, als der Guru zu seinem üblichen Bad kam. Er konnte seine Liebe für den Schüler nicht verbergen, ging auf Villi zu, nahm ihn in die Arme und fragte ihn, wie er weiterkomme.

Als sie das sahen, erwachte in den brahmanischen Schülern wieder die Eifersucht.

„Was für ein Guru ist das?” fragten sie. „Er ist so voreingenommen. Unsere Körper fasst er nicht an, zwischen seine Hände und unsere Schultern legt er Seidentücher, aber zu diesem Mann geht er hin und umarmt ihn, einen Shudra, der wahrscheinlich sogar Fleisch isst und der mit seiner Frau zusammenlebt. Wie kann der Guru einen so üblen Kerl derartig ehren?”

Als der Guru zurückkam, fragten sie ihn nach dem Grund für sein Betragen. Sie warfen ihm sogar parteiisches Verhalten vor.

Um Villis Lauterkeit zu beweisen, schlug der Guru daraufhin vor, dass die Schüler ihm einen Streich spielten:

„Geht heute Nacht zu Villis Haus und stehlt allen Goldschmuck, den seine Frau trägt.”

Die Schüler erhoben zunächst Einwände: „Nein, nein Das können wir nicht. Diebstahl ist eine Sünde.”

Aber der Guru blieb fest: „Ich befehle es, ihr müsst es tun.”

Widerwillig erklärten die Schüler sich bereit, den Befehl auszuführen. Mitten in der Nacht brachen sie in Villis Haus ein. Villi schlief, und seine Frau lag schlafend auf dem Bett daneben. Vorsichtig streiften sie ihr die goldenen Armreifen von einer Hand. Als sie versuchten, die Reifen von der anderen Hand zu stehlen, wachte sie auf und schrie: „Diebe” Die Schüler flohen mit allem Schmuck, den sie erbeutet hatten, überreichten ihn dem Guru und berichteten ihm, was geschehen war.

Inzwischen war Villi vom Weinen und Schreien seiner Frau aufgewacht. Statt sie zu bemitleiden, sagte er: „Du bist eine schlechte Frau. Du hängst zu sehr an deinem Gold. Von heute an esse ich nicht mehr, was du kochst. Wenn ich esse, was eine Frau kocht, die so sehr am Gold hängt, kann ich nicht gut meditieren. Was macht es aus, dass dein Schmuck gestohlen wurde? Du solltest nicht so sehr daran hängen Koche du jetzt dein Essen hier, ich koche woanders. Von morgen an leben wir getrennt.”

Von diesem Tag an lebten sie getrennt im selben Haus. Natürlich war die Frau tief beleidigt über diese Behandlung. Sie klagte den Nachbarn und den Frauen, die sich am Brunnen beim Wasserschöpfen trafen, ihr Leid. Sie ging sogar zum Guru und beschwerte sich:

„Ich habe niemandem etwas zuleide getan”, sagte sie. „Ich habe nichts falsch gemacht. Ich rief nur „Diebe“, als Einbrecher meinen Schmuck stahlen. Dafür bestraft mich mein Mann. Er kocht sich jetzt sein Essen selbst und isst es allein. Er spricht nicht einmal mit mir. Solch einen miserablen Ehemann gibt es in der Welt nicht noch einmal.”

Der Guru trug seinen Schülern auf, zu Villis Haus zu gehen und nachzusehen, wie es dort zuging. Im Dorf hörten sie, wie die Frauen über Villi und seine Frau klatschten. Dann kehrten sie zum Guru zurück und berichteten ihm, was sie gehört hatten.

Der Guru sagte: „Villi lebt scheinbar im Samsara, aber er hängt nicht an Gold oder Geld. Er hängt nicht einmal an seiner Frau. Darum empfand ich solche Liebe zu ihm, als ich ihn am Fluss sah. Jetzt seht ihr, wie er lebt, und versteht vielleicht. Ihr lebt als Brahmanen, als Brahmacharis, aber ihr habt diesen Grad innerer Freiheit noch nicht erreicht. Villi befindet sich jetzt in Sahaja (natürlicher Zustand der Verwirklichung).”

Nachdem Villi Jnana erlangt hatte, kamen viele Besucher zu ihm. Er lebte in einer einfachen Hütte und lehrte den Weg des Jnana. Im Lauf der Zeit entstand um seine Hütte herum ein kleines Dorf zur Beherbergung der Besucher und Devotees. Das Dorf erhielt den Namen Villiputtur; es besteht noch heute. Villi wurde schließlich als Villiputtur Alvar bekannt. Heute wird er als einer der großen vishnuitischen Heiligen verehrt.

Wer kann also einen Jnani von einem gewöhnlichen Menschen unterscheiden? Die Brahmachari-Schüler, die jahrelang bei einem Jnani meditiert und ihm gedient hatten, konnten Villis Größe erst erfassen, als der Guru sie darauf aufmerksam machte. Man muss ein reines Gemüt und gutes Karma haben, um einen Guru zu finden und zu erkennen.

Bhagavan erzählte diese Geschichte einmal in der alten Halle. Als er seine Erzählung beendet hatte, schaltete der Betreuer das Radio ein. Der Sprecher kündigte gerade an: „Wir hören nun die Lebensbeschreibung von Villiputtur Alvar”, und der Erzähler im Radio trug die Geschichte genauso vor, wie Bhagavan sie erzählt hatte.

Danach sagte der Sprecher: „Namaskaram an alle.”

Bhagavan bemerkte: „Wenn er „Namaskaram an alle“ sagt, ist er selbst mit eingeschlossen.”xxxx

Ich hörte die Geschichte bei einer anderen Gelegenheit noch einmal von Bhagavan. Als ich gerade aus der Halle gehen wollte, rief er mich zurück und forderte mich zum Bleiben auf. Dann erzählte er die Geschichte in allen Einzelheiten. Weil er mich zum Bleiben aufgefordert hatte, vermutete ich, dass Bhagavan hauptsächlich meinetwegen erzählte. Ich glaube, er wollte mir klarmachen, dass man auf dem geistigen Weg nur dann Fortschritte machen kann, wenn man bereit ist, sich von allen Bindungen zu lösen.

Frage: Ich habe Swami verschiedentlich von seinem Leben bei Bhagavan erzählen hören, wobei mich sein absolutes Vertrauen zu Bhagavan immer besonders beeindruckte. Wenn ich diesen Erzählungen zuhöre, scheint es mir, dass Swami vor allem aufgrund seines Vertrauens zu so völliger Hingabe fähig war.

Annamalai: Die Gnade des Guru und seine Nähe gaben mir das zur Hingabe nötige Vertrauen.

Frage: Dein Glaube war so stark, dass ich bei einigen Erzählungen weinen musste. Sie haben mich zutiefst bewegt.

Annamalai: Da du gerade von Hingabe sprichst, fällt mir eine Begebenheit im Ashram ein, die mir Gelegenheit bot, mich Bhagavan ganz zu überantworten. Eines frühen Morgens schnitt Bhagavan in der Küche Bananenblüten. Diese Blüten sondern, wenn sie zerschnitten werden, einen schwarzen, gummiartigen Saft ab, der an den Fingern kleben bleibt. Um diesen Saft zu entfernen, hatte Bhagavan seine Hände mit Tamarinde abgerieben. Danach brach er zu einem Spaziergang am Fuß des Arunachala auf. Ich traf ihn gegen sieben Uhr am rückwärtigen Tor. Bhagavan sah, dass ich ein kamandalu (Wassergefäß) bei mir trug, und bat mich, ihm ein wenig Wasser in die Hände zu gießen, damit er den Rest Tamarinde abwaschen könne.

Ich dachte, dies sei eine gute Gelegenheit, meine Hingabe an Bhagavan zu besiegeln, und sagte mir innerlich, während ich ihm Wasser über die Hände goss: „Ich überantworte mich dem Guru mit Körper, Seele und Gemüt.”

Bhagavan lächelte und deutete an, dass er noch etwas Wasser wünsche.

Ich goss noch ein bisschen nach und wiederholte mein inneres Versprechen: „Ich überantworte mich dem Guru mit Körper, Seele und Gemüt.”

Bhagavan reichte das immer noch nicht. „Mehr” sagte er.

Zum dritten Mal goss ich ihm Wasser auf die Hände und wiederholte denselben Satz. Nach dem dritten Gus und dem dritten Akt der Unterwerfung sah Bhagavan mich an und sagte: „Genug” Ich fühlte, dass mein Opfer angenommen worden war.

Eine Geschichte hatte mich zu dieser Handlung angeregt. Vishnu als Vamana Avatar forderte einmal den König Mahabali auf, sich ihm zu unterwerfen. Zum Zeichen dafür sollte König Mahabali ihm dreimal Wasser in die Hände gießen.

Sukhacharya, Mahabalis Guru, hatte ihn vorher gewarnt: „Wenn Ihr Euch unterwerft, wird Vishnu Euch alles abnehmen, das Königreich und allen Besitz.” Aber Mahabali, zur Unterwerfung fest entschlossen, hörte nicht auf ihn. Er begann, das Wasser aus seinem kamandalu zu gießen.

Sukhacharya, der Guru, besaß viele siddhis. Er nahm die Gestalt einer großen Biene an, flog in den Schnabel des kamandalu und verstopfte ihn mit seinem eigenen Leib. Vamana durchschaute seinen Plan und steckte einen Holzstab in den Schnabel des kamandalu. Der Stab traf Sukhacharya so, dass er auf einem Auge erblindete.

Mahabali goss dann dreimal Wasser aus dem kamandalu und übergab Vamana sein Gemüt, seine Seele, sein Reich und alle Besitztümer.

Als Bhagavan mich aufforderte, Wasser auf seine Hände zu gießen, fiel mir diese Geschichte wieder ein. Bhagavan muss gewusst haben, woran ich dachte, denn indem er mich dreimal um einen Guss Wasser bat, ermöglichte er mir, die Szene nachzuspielen.

In der ursprünglichen Erzählung war Mahabalis Hingabe so vollkommen, dass er augenblicklich Jnana erlangte. Wie König Janaka37 war er willens und fähig, alles, was er hatte, in einem einzigen Akt der Unterwerfung hinzugeben. Wer diesen Grad geistiger Reife erreicht hat, kann Jnana in einem einmaligen Akt der Hingabe erlangen.

Frage: Hingabe ist eine innere Haltung. Wenn wir dem Guru gegenübersitzen, kann man sie relativ leicht bewahren, weil man den Guru ständig sieht. Aber wie ist Hingabe möglich, wenn man weit von ihm entfernt ist?

Annamalai: Bhagavan lehrte, dass wir mit ihm in Kontakt treten können, wo immer wir sind, wenn wir an ihn denken und seine Lehren befolgen. Wenn man sich dem Guru überantwortet hat, spielt die räumliche Entfernung keine Rolle. Wer ihm fest vertraut und beharrlich sein Sadhana ausübt, kann sogar manchmal leichter aus der Ferne Kontakt aufnehmen.

Frage: Ist das ein physischer Vorgang? Ist die Verbindung zwischen dem Guru und uns selbst nur ein Gefühl im Herzen, oder existiert sie auch im Gemüt?

In einer ähnlichen Erzählung im Yoga Vasishtha gibt König Janaka alles, was er hat, dem Weisen Ashtavakra hin und erlangt Selbstverwirklichung. Er bringt sein Opfer der Hingabe, während er ein Pferd besteigt, und erlangt Selbstverwirklichung, noch bevor er seinen anderen Fuß in den Steigbügel schieben kann.

Annamalai: Der Kontakt im Herzen ist am wichtigsten. Aber durch stetiges Sadhana spürst du ihn auch im Gemüt.

Frage: Ich stelle diese Fragen, weil ich mich zur Zeit bemühe, in meinem Gemüt Liebe und Hingabe für das “lch bin“ zu fühlen, das ich als wahre Gestalt Bhagavans empfinde. Aber das ist eine schwere Arbeit, die kein Vergnügen bereitet. Ich muss mich unentwegt anstrengen. Mache ich etwas falsch?

Annamalai: Wenn du dein Gemüt auf das “Ich bin“ sammeln kannst, hast du weiter nichts zu tun. Du brauchst keine besondere Haltung dazu einzunehmen. Bleibst du mit .deiner Aufmerksamkeit dabei, so wird es dir schließlich alle seine Geheimnisse offenbaren.

Wenn du dein Gemüt auf das “Ich bin“, das in dir lebende Bewusstsein, sammelst und eine Zeitlang darin verweilst, empfindest du einen gewissen Frieden. Schon durch eine kurze Unterbrechung der Gedankenprozesse gewinnt man viel spirituelle Energie. Diese Energie und die Empfindung von Frieden, wiederum spornen an und befeuern. Wenn du ein wenig vom Frieden und der Glückseligkeit des Selbst erfahren hast, wirst du alles daransetzen, mehr davon zu bekommen. Diese Entschlossenheit und Begeisterung lässt das Gefühl fruchtloser Mühe allmählich abklingen.

Frage: Ich weiß, dass sich der Friede schließlich einstellen wird, aber gerade jetzt muss ich mich noch sehr bemühen, um auch nur einen kleinen Vorgeschmack davon zu bekommen.

Annamalai:

Anmerkung von Clemens Vargas Ramos: Hier ist die Originalgeschichte bei Ramakrishna.

Ramakrishna Paramahamsa erzählte einmal die Geschichte von einem Jnani, der als Asket im Wald lebte. Als er eines Tages aus dem Wald kam, traf er einen armen Mann, der ein Bündel Brennholz trug. Der Holzsammler bemerkte den Frieden und die Glückseligkeit, die von dem Jnani ausgingen.

„Swami”, fragte er, „ihr scheint vollkommen glücklich zu sein. Euer Gesicht lässt keine Spur von Sorge erkennen. Man sieht, dass Ihr eine bedeutende Persönlichkeit seid. Zeigt mir bitte, wie ich reich werden kann Ich bin sehr arm. Ich schneide dieses Holz und verkaufe es in der Stadt, doch kann ich kaum davon existieren. Weil ich bitter um mein bloßes Überleben kämpfen muss, bin ich oft sehr unzufrieden mit dem Leben.”

Der Jnani fragte ihn: „Wo schneidest du das Holz?” Der Mann antwortete: „Hier am Waldrand.” Der Jnani sagte: „Geh morgen tiefer in den Wald und sieh, was du dort findest”

Am nächsten Tag ging der Holzsammler tiefer als sonst in den Wald und stieß dort auf einige Sandelholzbäume. Er fällte die Bäume, verkaufte ihr Holz auf dem Markt und bekam dafür viel Geld. Damit noch nicht zufrieden, suchte er den Jnani wieder auf und fragte ihn, wie er noch mehr bekommen könne.

Der Jnani wiederholte seinen früheren Rat: „Geh tiefer in den Wald”

Am nächsten Tag ging der Mann noch weiter in den Wald hinein und fand etliches Messinggeschirr, das dort liegen geblieben war.

Er dachte bei sich: “Es scheint, je tiefer ich in den Wald eindringe, desto größere Schätze finde ich. Ich lasse das Messing liegen und gehe noch ein bisschen weiter.′

Tief im Wald fand er Gold und wurde ein reicher Mann.

Ich erzähle dir diese Geschichte, um zu zeigen, dass wir nach innen, zum Selbst, gehen können, wenn wir aller Sorgen ledig sein wollen, die aus der Identifikation mit dem Körper erwachsen. Statt sich im Gemüt, an der Außengrenze des Bewusstseins, zu mühen und zu plagen, sollten wir uns zum Selbst begeben, in die Mitte unseres Seins.

Wenn wir uns nach innen wenden, erleben wir den Frieden und die Seligkeit des Selbst zunächst in sehr abgeschwächter Form. Je tiefer wir gehen, desto stärker wird die Erfahrung. Schließlich kommt der Zeitpunkt, an dem wir dieses Erleben überhaupt nicht mehr missen wollen. Es drängt uns mehr und mehr, uns noch intensiver dem Selbst zuzuwenden. Wenn du alle Wünsche und Anhänglichkeiten ablegst, offenbart sich dir das reine Gold des Selbst. In diesem höchsten Zustand erfährst du keinen Frieden und keine Glückseligkeit mehr - du bist Friede und Glückseligkeit, du bist identisch mit Shiva.

Du sagst, du müsstest dich sehr bemühen, auch nur ein wenig Frieden zu erlangen. Sei deswegen unbesorgt Deine Mühe zahlt sich früher oder später aus. Wenn du beharrlich bleibst, werden Frieden und Glückseligkeit sich ungefragt einstellen. Löse dich von allen Gedanken außer von dem Gedanken an das Selbst, dann wirst du ganz von selbst in den Frieden des Selbst hineingezogen. Wenn du intensiv und korrekt Sadhana betreibst wirst du feststellen, dass du von dem Frieden, den du erfährst, nicht mehr lassen kannst. Dann verlierst du das Interesse an allem außer dem Selbst.

Frage: Ist die Beziehung zwischen Guru und Schüler etwas Reales, oder gehört auch sie dem Reich der Maya an? Wenn sie selbst Teil der Maya ist, wie kann sie uns dann helfen, Maya zu überwinden?

Annamalai: Bhagavan antwortete darauf mit dem Gleichnis vom Elefanten, der träumte, er werde von einem Löwen angegriffen. Der Anblick des Löwen erschreckte ihn so sehr, dass er aufwachte. Der Guru ist, wie Bhagavan erklärte, der brüllende Löwe, der in unserem Maya-Traum auftritt und uns so heftig erschreckt, dass wir zur Wirklichkeit erwachen. Solange wir noch träumen, erscheint uns der Löwe sehr real, aber wenn wir aufwachen, gibt es keinen Löwen und keinen Traum. So wird uns im Zustand der Verwirklichung bewusst, dass es weder Guru noch Schüler gab, sondern allein das Selbst.

Aber so dürfen wir nicht denken, bevor wir tatsächlich Selbstverwirklichung erlangen. Solange wir im Netz der Maya verfangen sind, müssen wir die Beziehung zwischen Guru und Schüler als real ansehen, denn sie allein weist uns den Weg, alle falschen Vorstellungen über uns selbst zu überwinden. Auch wenn wir theoretisch wissen, dass es nur eine einzige Wirklichkeit gibt, müssen wir die Person des Guru ehren, denn nur durch seine Gnade kann unsere Unwissenheit sich auflösen. Wir sollten den Guru und seine Lehren immer hoch achten. Das ist nicht möglich, wenn wir ihn als gewöhnlichen Menschen betrachten, der sich nicht von anderen Manifestationen des Selbst unterscheidet. Hochachtung vor dem Guru und Vertrauen zu seinen Lehren sind für alle, die geistig fortschreiten wollen, absolut erforderlich.

Der äußere Guru tritt auf, um uns auf die Wirklichkeit des Selbst, des inneren Gurus, hinzuweisen. Aus unserer fehlerhaften Sicht können wir selbst diese Wirklichkeit noch nicht sehen und erfahren. Der innere Guru zieht uns ins Selbst und lässt uns dort dauerhaft Fuß fassen. Er wartet immer darauf, sein Werk zu tun, aber er kann damit nicht beginnen, solange wir uns ihm nicht zuwenden.

Der äußere Guru fordert uns auf: “Wende dich nach innen′

Darüber hinaus lässt uns der äußere Guru seine Gnade zuströmen, läutert unsere Gemüter und drängt sie hin zum inneren Guru, zum Selbst.

Alle Gurus sind das Selbst, alle Gurus sind gestaltlos, und alle Gurus sind letzten Endes ein und derselbe Guru. Die äußere Erscheinung des Gurus ist verschieden, aber in Wahrheit gibt es nur einen Guru: das Selbst. Wenn wir spirituell dafür reif sind, offenbart sich uns das Selbst in Form eines Gurus, der uns zu weiterem Fortschritt bei unserem Sadhana verhilft.

Die Beziehung zum äußeren Guru dauert an, solange sie notwendig ist. Sie löst sich erst dann, wenn der Schüler aus direkter Erfahrung weiß, dass allein das Selbst existiert. In meinem Leben kam eine Zeit, in der es mir nicht länger möglich war, mit der Person des Guru zusammenzusein. Bhagavan zerschnitt die äußere Beziehung, weil ich ihn sehen sollte, wie er wirklich ist. Wenn du in der Schule deine Prüfung bestehst, steigst du in die nächste Klasse auf. Wir können nicht noch einmal in dieselbe Klasse gehen. Ich hatte das Stadium der Entwicklung hinter mir, in dem man Bhagavan als begrenzte Person ansieht, und betrachtete ihn fortan als das unpersönliche Selbst. Danach bekam ich nie mehr Gelegenheit, mit Bhagavans äußerer Persönlichkeit in Verbindung zu treten.

Andere Schüler wurden anders behandelt. Der Guru verfährt nicht mit allen auf die gleiche Weise. Er sieht die Reife und die Neigungen seiner Schüler und gibt jedem ein für ihn geeignetes Sadhana. Bhagavan wies zum Beispiel einige Devotees an, Lieder der Gottesliebe zu singen, weil das für sie der rechte Weg war. Mich ermutigte er, mir des unpersönlichen Selbst bewusst zu sein.

Einem jungen Kälbchen gibt seine Mutter Milch, wann immer es hungrig ist. Aber wenn es gelernt hat, Gras zu fressen, versetzt die Mutter ihm einen Tritt, sobald es wieder Milch trinken will. Als ich gelernt hatte, mit dem unpersönlichen Selbst in Kontakt zu treten, aber weiterhin versuchte, von seiner persönlichen Form Gnade zu erlangen, stieß mich Bhagavan zurück. Er wollte mich seiner Person entwöhnen. Ich sollte alle spirituelle Nahrung vom unpersönlichen Selbst erhalten.

Man darf den Guru nicht verlassen und meinen, man habe alles von ihm gelernt. Dies wäre eine sehr arrogante Haltung. Man soll den Guru nur verlassen, wenn er selbst uns fortschickt. Bis dahin müssen wir bei ihm bleiben und unsere Lektionen von ihm lernen. Wir alle begegnen dem Guru in verschiedener Form. Das hängt von unserer Reife und unserem geistigen Entwicklungsstand ab. Jeder Guru erteilt verschiedene Lehren, und oft gibt ein und derselbe Guru verschiedenen Schülern verschiedene Unterweisungen; das hängt von ihrer Reife und ihrem Temperament ab. Die Kinder im Kindergarten bekommen Kindergartenunterricht, die Studenten erhalten Lektionen auf Hochschulniveau, und auf jeder Stufe wird jeder individuell geführt.

<>Manchen wird der Weg der bhakti empfohlen, während andere über das Selbst meditieren sollen.
Die verschiedenen Wege, die aufgezeigt werden, münden am Ende alle auf dem Weg Bhagavans. Letztlich muss man lernen, durch Meditation über das Selbst oder durch Selbsterforschung oder durch vollkommene Hingabe im Selbst zu verweilen. Leider sind nur wenige Menschen reif genug, Bhagavans höchste Lehren zu befolgen. Die meisten müssen andere Wege beschreiten, bis sie für den endgültigen Weg bereit sind.

Deine ursprüngliche Frage war: „Ist die Beziehung zwischen Guru und Schüler real?” Vom Standpunkt des Selbst aus müsste man sagen, auch sie sei Maya, aber man kann hinzufügen, sie sei die beste Art von Maya. Ein Dorn lässt sich dazu benutzen, einen anderen Dorn zu entfernen. So kann auch die von Maya geprägte Beziehung zwischen Guru und Schüler dabei helfen, Maya in allen ihren Formen außer Kraft zu setzen. Maya ist so tief in uns verwurzelt, dass es des Schocks durch den imaginären Guru-Löwen unseres Wachtraums bedarf, um uns aufzuwecken.